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Kerzers

Politische Gemeinde des Kantons Freiburg, Seebezirk, Marktdorf am Ostrand des Grossen Mooses. 926 Cartris, 1153 Kercers, 1228 Chiet(r)i, französisch Chiètres. 1835 1057 Einwohner; 1850 1158; 1900 1294; 1950 1944; 2000 3892; 2010 4598.

Kerzers: Situationskarte 2018 (Geodaten: Bundesamt für Statistik, Swisstopo, OpenStreetMap) © 2019 HLS.
Kerzers: Situationskarte 2018 (Geodaten: Bundesamt für Statistik, Swisstopo, OpenStreetMap) © 2019 HLS.

Kerzers liegt an der für die römische Zeit nachgewiesenen, vielleicht aber noch älteren Transitroute durch das Mittelland. Streufunde stammen aus dem Mesolithikum; in der Bronze- und der Römerzeit (Mauern, Ausstattungsteile aus dem 1.-4. Jh.) war der Ort besiedelt. Im Kirchenbezirk ist ab dem 6. oder 7. Jahrhundert ein Friedhof nachweisbar, der bis 1876 benutzt wurde. Die Schenkungsurkunde, wonach Kirche, Hof und Zehnt 962 an das Cluniazenserpriorat Payerne kamen, erwies sich als spätere Fälschung; da der Besitz 1148 aber bestätigt wurde, handelt es sich dabei vielleicht trotzdem um Stiftungsgut aus dem 10. Jahrhundert. Das Kloster errichtete in Kerzers im 12. Jahrhundert vermutlich ein Priorat als Pilgerstation, das 1228 als aufgehoben bezeichnet wurde. Kerzers blieb bis zur Reformation beim Kloster. Der Kirchensatz ging nach der Säkularisation von Payerne 1536 an Bern über.

Payernes Vogtei über den Hof Kerzers, im 12. Jahrhundert als Lehen in der Hand zähringischer, im 13. Jahrhundert kyburgischer Dienstleute, kam im 14. Jahrhundert an das Bistum Lausanne und als bischöfliches Lehen an die Herzöge von Savoyen, die Kerzers gerichtlich Murten unterstellten. Während der Burgunderkriege besetzten Bern und Freiburg 1475 Murten und verwalteten das Städtchen und mit ihm auch Kerzers von da an als gemeine Herrschaft. Mit dieser kam es 1798 an Freiburg und gehörte ab 1803 zum Bezirk Murten bzw. ab 1848 zum Seebezirk. 1831 konstituierte sich Kerzers als politische Gemeinde in den Grenzen der Dorfgemeinde.

Die Kirche (erwähnt 1153) mit Martinspatrozinium dürfte in merowingischer Zeit entstanden sein; Fundamente einer karolingischen Apsis sind erhalten. Infolge von Brandschatzungen im Laupenkrieg (1339) und in den Burgunderkriegen (1476) sind nur mehr Reste der romanischen Kirche überliefert. Der Wiederaufbau ab 1477 schloss den gotischen Chor (1512-1513), die Glas- (1513-1515) und Wandmalereien (1519-1520) ein. 1530 nahm die Bevölkerung unter dem Druck Berns die Reformation an. Zu der nun reformierten Kirchgemeinde Kerzers – seit dem 19. Jahrhundert heisst sie Bernisch-Kerzers – gehören auch Fräschels und die bernischen Orte Golaten, Gurbrü und Wileroltigen. Kallnach und Niederried waren bereits 1528 als selbstständige Kirchgemeinden ausgeschieden.

Ausschnitt aus der Siegfriedkarte 1:25'000 von 1879 (Bundesamt für Landestopografie).
Ausschnitt aus der Siegfriedkarte 1:25'000 von 1879 (Bundesamt für Landestopografie).

Das Dorf verfügte schon unter den Savoyern über eine fleckenähnliche Infrastruktur – 1479 bestätigte Bern die entsprechenden Rechte – mit Badestube und Metzgerei im Dorfkern, der sogenannten Burgstatt, kommunalen Backöfen, Tavernen, Schmieden und einer Gerberei. Ab dem ausgehenden Mittelalter fanden in Kerzers zwei Jahrmärkte statt. Der Gemeinde mit zwei Dorfmeistern (Dorfbeamten) stand die Flurgerichtsbarkeit und Weibelwahl zu. In Ackerzelgen, erhöht über dem Moos, betrieb Kerzers Getreide- und etwas Rebbau und hatte mit den Nachbargemeinden Anteil an Weide, Wies- und Pflanzland im Moos, was zu Streit um Extranutzungen führte (Mooskrieg von 1793).

Ausschnitt aus der Landeskarte 1:25'000, Stand Karteninhalt: 2000 (Bundesamt für Landestopografie, BA035720).
Ausschnitt aus der Landeskarte 1:25'000, Stand Karteninhalt: 2000 (Bundesamt für Landestopografie, BA035720). […]

Nach dem Abschluss der ersten Juragewässerkorrektion 1891 und der damit verbundenen Melioration und Urbarisierung des Mooses wurde nach 1900 ein intensiver Gemüsebau möglich. Im 20. Jahrhundert folgte der Aufschwung zur grössten Gemeinde am Grossen Moos und zum regionalen Zentrum, unter anderem mit Sekundarschule (1927), Orientierungsschule (1987) und Altersheim (1991). Verbesserte Verkehrswege, vor allem die Eisenbahnlinien Murten-Lyss (1876) und Bern-Neuenburg (1901) waren dem Absatz der Feld- und Saisongemüse förderlich und zogen Investoren an: 1918 übernahm die Schweizerische Genossenschaft für Gemüsebau (SGG) die Cultures maraîchères S.A. Chiètres. Die SGG errichtete in Kerzers einen Gemüsebaubetrieb von über 100 ha, wodurch der Ort zu einem der wichtigsten Gemüselieferanten der Coop wurde. Mit dem Anschluss an die Autobahn siedelten sich ab den 1970er Jahren Industrie- und Gewerbebetriebe verschiedener Branchen an (u.a. Reise- und Transport- sowie Baufirmen), ausserdem entstand eine Rüst- und Gemüseverteilzentrale. Neubauquartiere erstrecken sich vor allem vom Dorf hangaufwärts Richtung Arnen(wald). Seit 2003 betreibt die Stiftung Papiliorama in Kerzers als touristische Attraktion mehrere Tropenhäuser (u.a. Nocturama).

Quellen und Literatur

  • F. Vollenweider, Kerzers, 1951
  • Helvetia Sacra III/2, 1991, 353-356
  • H. Schöpfer, Kerzers, 1992
  • Kerzers: Architektur und Siedlung, 1995
  • Schweizerische Genossenschaft für Gemüsebau, 1999
  • H. Schöpfer, Der Seebezirk II, 2000, 377-399 (Die Kunstdenkmäler des Kantons Freiburg, Bd. 5)
Weblinks
Normdateien
GND
Kurzinformationen
Ersterwähnung(en)
926: Cartris
1153: Kercers
1228: Chiet(r)i
Endonyme/Exonyme
Chiètres (französisch)
Kerzers (deutsch)

Zitiervorschlag

Dubler, Anne-Marie: "Kerzers", in: Historisches Lexikon der Schweiz (HLS), Version vom 09.01.2020. Online: https://hls-dhs-dss.ch/de/articles/001007/2020-01-09/, konsultiert am 25.10.2020.