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MurtenGemeinde

Politische Gemeinde des Kantons Freiburg, Hauptort des Seebezirks, am Südufer des Murtensees, zwischen Broyetal und Grossem Moos, umfasst seit 1975 Burg bei Murten, seit 1990 Altavilla, seit 2013 Büchslen und seit 2016 Courlevon, Jeuss, Lurtigen und Salvenach. Die Kleinstadt Murten liegt auf einem Plateau rund 20 m über dem Seeufer. Bis 1533 gehörte Muntelier, bis 1536 Merlach zur Gemeinde Murten. 515 Muratum; französisch Morat. 1428 ca. 840 Einwohner; 1558/1559 ca. 790; 1657 ca. 750; 1811 1011; 1850 2137; 1900 2645; 1950 3106; 2000 5578; 2010 7700.

Murten: Situationskarte 2018 (Geodaten: Bundesamt für Statistik, Swisstopo, OpenStreetMap) © 2019 HLS.
Murten: Situationskarte 2018 (Geodaten: Bundesamt für Statistik, Swisstopo, OpenStreetMap) © 2019 HLS.

Ur- und Frühgeschichte

Die ältesten archäologischen Zeugnisse in Murten reichen bis ins Mesolithikum (8200-5500 v.Chr.) zurück. Dabei handelt es sich um sogenannte Mikrolithen, kleinste Feuersteinabschläge für den Einsatz in Geräten und Waffen, die mehrheitlich in den sumpfigen Niederungen östlich der Stadt entdeckt wurden (Murten-Combette, Murten-Ober Prehl). Zwar verzeichnen die Sammlungen mehrerer schweizerischer Museen neolithische Fundkomplexe aus Ufersiedlungen; diese schon vor langer Zeit gemachten Funde wurden aber meist nicht dokumentiert. Die genaue Lage der entsprechenden Pfahlbauten, die teils zerstört und teils bei späteren Erdarbeiten im Uferbereich zugedeckt wurden, ist daher nicht immer zu eruieren. Zu den Fundstellen aus dem Neolithikum zählen die Areale Pantschau (2009 entdeckt) und insbesondere Murten-Segelboothafen, das zu den 56 Ufersiedlungen der Schweiz gehört, die im Unesco-Welterbe Aufnahme fanden. Die archäologischen Grabungen, die anlässlich des Baus der Autobahn A1 1976-1995 vorgenommen wurden, ermöglichten die Lokalisierung weiterer Siedlungen aus dem Neolithikum (4000-2200 v.Chr.) wie aus der Bronzezeit (2200-800 v.Chr.): Murten-Pré de la Blancherie wurde im Neolithikum und in der mittleren Bronzezeit genutzt, Murten-Löwenberg, Murten-Ober Prehl und Chantemerle 1 in der Spätbronzezeit. Diese systematischen Untersuchungen, die durch einzelne Rettungsgrabungen ergänzt wurden, beantworteten auch chronologische Fragen. Das Gräberfeld Murten-Löwenberg, das bedeutendste in der Gemeinde, wurde mehr als ein Jahrtausend lang genutzt; die untersuchten Körper- und Brandbestattungen reichen von der mittleren Bronze- bis in die Latènezeit, wobei die Nekropole sich bis heute für die Hallstattzeit als besonders ergiebig erweist. Zu den wenigen archäologischen Zeugnissen aus der Eisenzeit - neben denen aus den Grabhügeln in Murten-Löwenberg und im Murtenwald - zählen einige hallstattzeitliche Einzelfunde sowie ein Leichenbrand aus der Spätlatènezeit von Murten-Combette. Dort traten auch Spuren einer grossen römischen villa (Ende des 1. bzw. Anfang des 2. Jahrhunderts) zutage. Bei Murten-Löwenberg wurde zudem ein Stück einer römischen Strasse nachgewiesen.

Mittelalter und Neuzeit

Herrschaft und Verwaltung

1013 hielt König Rudolf III. von Burgund in Murten Hof. Im Kampf um Rudolfs Erbe besetzte Odo II. von Blois-Champagne 1032 die befestigten Orte Murten und Neuenburg, musste sie aber nach einer Belagerung Kaiser Konrad II. übergeben, worauf Murten zerstört wurde. 1079 schenkte König Heinrich IV. dem Bischof von Lausanne neben anderen Gütern auch Murten. Die von Berchtold IV., Herzog von Zähringen, oder von Landri de Durnes, Bischof von Lausanne, in den 1170er oder 1180er Jahren gegründete Stadt wird erstmals 1238 als solche bezeichnet. 1245 verbündete sich Murten mit Freiburg und 1335 mit Bern. 1255 stellte sich die Stadt unter den Schutz von Graf Peter II. von Savoyen. Als Philipp I. von Savoyen sich weigerte, Murten herauszugeben, riss König Rudolf von Habsburg die Stadt, die er als Königsgut betrachtete, an sich. Nach Rudolfs Tod brachte Amadeus V. von Savoyen die Stadt 1291 erneut in seine Hand, gab sie aber König Albrecht wieder heraus. Nachdem Savoyen die Stadt und Herrschaft 1310 für 4000 Mark Silber als Pfand übernommen hatte, blieb Murten savoyisch. 1471 huldigte es dem Grafen Jakob von Romont, dem Herzogin Jolanda von Savoyen die Stadt und Herrschaft abgetreten hatte. Jakob von Romont war ein Parteigänger Karls des Kühnen, was Bern und Freiburg den Vorwand bot, Murten am 14. Oktober 1475 zu besetzen (Burgunderkriege).

Ölgemälde von Gabriel Gruner, 1747 (Museum Murten; Fotografie Gerhard Howald, Kirchlindach).
Ölgemälde von Gabriel Gruner, 1747 (Museum Murten; Fotografie Gerhard Howald, Kirchlindach). […]

Nach der Belagerung durch Karl den Kühnen und der Schlacht bei Murten vom 22. Juni 1476 wurden Murten und Lugnorre bis zum Ende des Ancien Régime eine gemeinsame Vogtei der Städte Bern und Freiburg. Die Stadt Murten behielt aber ihre alten Rechte. Abwechslungsweise stellten Bern und Freiburg für jeweils fünf Jahre einen Schultheissen, der Rat, Gericht und Chorgericht vorsass. Nach dem Vorbild des bernischen Äusseren Stands bildete sich in Murten in der 2. Hälfte des 16. Jahrhunderts das Äussere Regiment.

Nach dem Einmarsch der Franzosen am 3. März 1798 gehörte Murten zum Kanton Freiburg. Die Stadt verlor ihre Privilegien gegenüber der Landschaft. Die reformierte Bürgerschaft war nach 1798 mehrheitlich liberal bis radikal und stand oft im Gegensatz zur katholisch-konservativen Mehrheit im Kanton Freiburg.

Kirche

Die Kirchgemeinde Murten umfasst bis heute weite Teile der ehemaligen Herrschaft. 1530 nahm Murten auf Druck Berns die Reformation an, nachdem der Prediger Guillaume Farel für den neuen Glauben geworben hatte. Im Spätmittelalter wurde die ab 1381 erwähnte und in der Stadt liegende Marienkapelle der Pfarreikirche Mauritius in Muntelier vorgezogen. Ihr Neubau (Turm 1681-1682, Schiff 1710) bereitete die definitive Ablösung der Mauritius-Kirche vor. Die Marienkapelle dient seit 1762 dem deutschsprachigen Gottesdienst und wird deshalb Deutsche Kirche genannt. Die Katharinenkapelle des 1239 am Südrand der Stadt für die Bedürftigen gegründeten Spitals wurde bei den Kriegsvorbereitungen 1475-1476 abgebrochen und nachher innerhalb der Stadtmauern errichtet. Sie dient der französischsprachigen Bevölkerung als Predigtraum und wird als Französische Kirche bezeichnet. 1885 wurde am Ostrand der Stadt die neugotische Mauritius-Kirche als Pfarrkirche der neuen katholischen Pfarrei gebaut.

Wirtschaft und Verkehr

Ihren Reichtum, der seit der 2. Hälfte des 17. Jahrhunderts zum Neubau fast aller Bürgerhäuser geführt hat, verdankt die Stadt ihrer Funktion als regionales Gewerbe-, Handels- und Verwaltungszentrum (ab 1685 vier Jahrmärkte) sowie als bernische Station am Weg ins Waadtland. Hierbei spielten sowohl die Strasse durch das Broyetal wie der Wasserweg über die Broye nach Yverdon eine Rolle, besonders für den Wein- und Korntransport.

Obwohl Bern und Freiburg Murten bereits 1584 die Erlaubnis erteilt hatten, Zünfte zu bilden, schlossen sich erst 1731 die Küfer, Schreiner, Schlosser und Zimmerleute zur einzigen städtischen Zunft zusammen. Spezialhandwerke wie Büchsenmacher, Goldschmied oder Kannengiesser waren in Murten oft nur mit einem Meister vertreten. Die im späten 17. Jahrhundert entstandene Gewerbesiedlung an der Ryf beherbergte zu Beginn des 19. Jahrhunderts unter anderem eine Ziegelei und eine Bierbrauerei.

Die Industrialisierung Murtens begann in den frühen 1850er Jahren, als Etienne-Ovide Domon in der Stadt eine Uhrenfabrik gründete, die später nach Muntelier verlegt wurde. An der Ryf betrieb die Familie Petitpierre 1831-1901 eine Absinthdestillerie und Oskar Roggen stellte 1888-1913 aus Weintrauben einen sogenannten Kunstwein mit geringem Alkoholgehalt her. Seit 1855 besitzt Murten eine eigene Zeitung, den Murtenbieter. Im 20. Jahrhundert siedelten sich weitere Industrien in Murten an, vor allem im Bereich Feinmechanik, Elektronik und Lebensmittel: 1938 Roland Murten AG (Dauerbackwaren und Apérogebäcke), 1945 Rastawerk AG (Heizkörper, Trennscheiben, 2003 aufgelöst), 1949 Saia (Zeitschalter, heute Saia Burgess), 1954 Derac SA (Jukeboxes, 1961 eingestellt), 1957 Selecta (Automatenverpflegung) und 1970 Fribosa (Werkzeugbau). 1973 kauften die SBB von der Familie de Rougemont Schloss und Park Löwenberg für die Errichtung eines Ausbildungszentrums. Der Weinbau, der beidseits des Murtensees betrieben wurde, ist seit dem 2. Weltkrieg im Vully konzentriert.

Murten lag an der seit der Römerzeit benutzten Ost-West-Transversale von Brugg bzw. Windisch nach Genf. Auch die zwischen 1740 und 1790 von Bern gebaute Strassenverbindung von Zürich bzw. Zurzach nach Genf führte über Murten. Ab 1814 liess Freiburg die Strasse Freiburg-Murten über La Sonnaz-Courtepin-Gurwolf, 1859-1868 eine zweite über Salvenach-Gurmels-Düdingen errichten. Durch den 1856 gefällten, von Freiburg beeinflussten Entscheid, die Eisenbahnstrecke Bern-Lausanne über Freiburg statt über Murten zu führen, geriet Murten verkehrsmässig vorerst ins Abseits. Der Anschluss des Orts an das Eisenbahnnetz erfolgte 1875-1876 mit dem Bau der Linie Palézieux-Murten-Lyss, 1898 mit der Linie Freiburg-Murten und 1903 mit der Linie Murten-Ins. Ein Dampfschiff verband ab 1835 Murten mit Neuenburg. Aus dem Spital Bon-Vouloir, das als Nachfolger des Katharinenspitals 1867 in Merlach eröffnet wurde, ging in den 1920er Jahren das Bezirksspital hervor. Der Frühtourismus, einsetzend mit den Feierlichkeiten zum 400-Jahr-Jubiläum der Murtenschlacht 1876, war patriotisch geprägt. Zu Beginn des 21. Jahrhunderts sprachen den Besucher vor allem die malerische Kleinstadt sowie der See an. Hotellerie und Gastgewerbe waren bedeutend.

Siedlungsentwicklung

Stadtplan des Feldmessers Johann David Vissaula, 1734 (Stadtarchiv Murten; Fotografie Gerhard Howald, Kirchlindach).
Stadtplan des Feldmessers Johann David Vissaula, 1734 (Stadtarchiv Murten; Fotografie Gerhard Howald, Kirchlindach). […]

Von der 1238 in Auftrag gegebenen Stadtbefestigung sind die Gesamtanlage und aufgehendes Mauerwerk erhalten. Das Avenches- und das Ryftor wurden kurz nach 1798 abgebrochen. Weitere Abbrüche unterblieben aus Geldmangel. 1912 wurde die Ringmauer unter Bundesschutz gestellt. Die Stadtstruktur, entwickelt nach dem zähringischen System der Hofstätten, überstand den schweren Brand von 1416. Beim Wiederaufbau der Hauptgasse wurden die Häuserfassaden auf die Höhe der Lauben vorgezogen. Das Schloss Murten, eine Gründung des Grafen Peter II. von Savoyen, hat sein Aussehen zwischen 1255 und 1300 erhalten. Es ist heute Sitz des Oberamts des Seebezirks.

Das öffentliche Seebad von 1829 wurde 1974 um ein Freibad und 1977 um ein Hallenbad erweitert. Die ab 1836 nach Plänen des jungen einheimischen Architekten Johann Jakob Weibel vor dem Untertor (heute Berntor) gebaute neue Schule gilt als das erste öffentliche Gebäude der Schweiz im Münchner Rundbogenstil. Ebenso einmalig war Weibels Gestaltung des Berntorplatzes ausserhalb der Stadtmauern. Die Sanierung der Ehgräben, d.h. die Schaffung gedeckter Abwasserkanäle, erfolgte 1893. Gleichzeitig wurde das Trinkwasser in die Privathäuser geleitet. Die Strassenbeleuchtung wechselte 1865 von Öl zu Petrol, 1876 zu Gas und 1900 zu Elektrizität. Die erste Juragewässerkorrektion bewirkte ein Absinken des Seespiegels, weshalb Murten 1893 einen neuen Hafen baute. In der 1976-1978 renovierten Stadtmühle an der Ryf ist das Historische Museum eingerichtet. Die Bevölkerungszunahme führte am Stadtrand zu Neubauten, die zunächst sorgfältig geplant (1853, 1893, 1908 Neuquartier, 1906 Längmatt, 1929, 1948 ganzes Gemeindegebiet) und teils umgesetzt wurden. Seit den 1950er Jahren jedoch wurde auf städtebauliche Grundsätze kaum mehr Rücksicht genommen. Im Vorfeld der Expo 64 in Lausanne entstand, als Teil der Planung von 1929, die Umfahrungsstrasse. Der Bau des Teilstücks Löwenberg-Greng der Autobahn A1 erfolgte auf die Expo.02 hin, an der Murten als Arteplage mit dem Monolithen von Jean Nouvel beteiligt war.

Quellen und Literatur

  • SSRQ FR IX/1
  • J.F.L. Engelhard, Der Stadt M. Chronik und Bürgerbuch, 1828
  • J.F.L. Engelhard, Statist.-hist.-topograph. Darstellung des Bez. M., 1840, (Nachdr. 1979)
  • J.-L. Boisaubert et al., «Quinze années de fouilles sur le tracé de la RN1 et ses abords», in ArS 15, 1992, 41-51
  • A. Duvauchelle, C. Agustoni, «Les objets en fer de la villa de Morat/Comette», in Freiburger Archäologie 1995, 97-103
  • Kdm FR 5, 2000
  • M.F. Rubli, M., 2002
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