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Biberist

Politische Gemeinde des Kantons Solothurn, Bezirk Wasseramt. Industriedorf zwischen Emme und Aare südlich von Solothurn. Die beiden Siedlungskerne Ober- und Unterbiberist (762 als Biberussa, 1300 als ze beiden Biberschon erwähnt) wurden 1857 durch Gemeindebeschluss zu einer Gemeinde vereinigt. In der Helvetik war Biberist Hauptort des gleichnamigen Distrikts. Um 1700 ca. 450 Einwohner; 1798 693; 1850 1071; 1900 2871; 1950 5283; 1970 7769; 2000 7603.

Neolithische Funde im Altisberg, Streufunde aus der Bronzezeit. Südlich der Stadt Solothurn auf Schotterterrasse über der Aare (nahe bei der römischen Strasse von Aventicum nach Salodurum) bestand eine grosse römische Ansiedlung. Archäologische Grabungen (vor dem Bau der A5) im Wirtschaftsteil des Gutshofes förderten Werkstätten, eine Getreidelagerhalle, eine Umfassungsmauer mit Portal sowie Kleinfunde aus dem 1. bis 3. Jahrhundert zutage. Die römischen Ruinen dienten im Frühmittelalter vereinzelt als Bestattungsplätze. Unweit davon befand sich ein kleines Gräberfeld des 7. Jahrhunderts mit reichen Beigaben; im gleichen Gebiet lag die 1300 erstmals erwähnte Siedlung Gutzwil (Gutzel), die vermutlich im 14. Jahrhundert aufgegeben oder zerstört worden ist; als Bezeichnung eines Zehntbezirks lebte der Name bis ins 18. Jahrhundert weiter. Um 1500 war am Hunnenberg ein Richtplatz der Stadt Solothurn.

Udalricus de Bibirusa, ein Vertreter der seit dem 11. Jahrhundert belegten lokalen Adelsfamilie, schenkte 1004 (?) dem Kloster Einsiedeln ein Gut in Walliswil. Die Burgstelle Burghubel im Altisberg (um 1100) steht vielleicht im Zusammenhang mit dieser Familie, von der weitere Angehörige erst ab 1251 erwähnt sind. Ihr grosser Güterbesitz in der weiteren Umgebung von Solothurn gelangte nach ihrem Aussterben in der Mitte des 14. Jahrhunderts an Solothurner Familien (u.a. Durrach und Stein). Reich begütert waren in Biberist auch die Spiegelberg, aus deren Besitz der Bleichenberg (frühe Siedlung, im 14. Jahrhundert als Dorf erwähnt, später Herrschaftshof) um 1500 an die von Roll gelangte, die dort im 17. und 18. Jahrhundert zwei Landsitze errichteten. Im Mittelalter ist Biberist als Gerichtsort der Grafschaft Burgund erwähnt. Niedergericht und Eigenleute besass in Biberist das Solothurner St.-Ursen-Stift, in dessen Namen die Grafen von Buchegg die Kastvogtei ausübten. Um 1370 kam die niedere Gerichtsbarkeit an die Stadt Solothurn, der Kirchensatz 1377 an Heinrich Bumann von Olten und von dessen Erben 1400 an das Stift St. Ursen. 1516 erhielt Solothurn von Bern das hohe Gericht im Abtausch gegen Eigenleute.

Die Marienkirche, eine der am frühesten erwähnten Landkirchen der Schweiz, wurde 762 samt Zehnt vom Bischof von Strassburg dem oberrheinischen Kloster Ettenheimmünster gegeben. Vermutlich wegen einer Hochwasserkatastrophe wurde sie um 1470 an einen neuen Standort verlegt (Neubauten im 18. Jh. und 1845). Der Pfarrer wurde (bis zu dessen Aufhebung 1874) vom St.-Ursen-Stift gestellt und wohnte erst seit 1683 im Pfarrhaus in Biberist. Zur Pfarrei gehörten auch die Dörfer Lohn und Ammannsegg. Infolge der starken Zuwanderung aus reformierten Gebieten zu den Industriestandorten an der Emme wurde 1898 die reformierte Kirchgemeinde Biberist-Gerlafingen gegründet.

Bis zum Loskauf der Zehnten im 19. Jahrhundert dominierte Ackerbau mit kompliziertem Dreifelderturnus und stark gegliederten Zelgfluren. Zehntherr war das St.-Ursen-Stift, das auch vielfältige Bodenzinse einzog. Im Emmeschachen bestand eine Taunersiedlung. Seit dem 15. Jahrhundert stand die Mühle am Biberntalbach in Betrieb (1902 abgestellt); ein aus der Emme abgeleiteter Kanal trieb ab 1747 die Öle, ab 1757 die Säge und ab 1776 die obrigkeitliche Pulvermühle, die 1805 explodierte und nach dem Wiederaufbau bis 1845 betrieben wurde. Als erster Industriebetrieb entstand in Biberist um 1852 im alten Gewerbequartier am Sägebach eine Parketteriefabrik. Schon etwas früher gründeten Solothurner Unternehmer vor den Toren ihrer Stadt, aber auf Gemeindegebiet von Biberist, frühe Fabriken (Bierbrauerei; um 1830 Tabak- und Zigarrenfabrik Kottmann). Mit einer staatlichen Konzession (1858) baute die Zürcher Firma Locher & Cie. ab 1861 den Gewerbekanal rechts der Emme mit einem grossen Sperrbauwerk bei Biberist. Neben anderen Fabriken in Derendingen und Luterbach errichtete die Baufirma im Auftrag einer neu gegründeten AG die Papierfabrik Biberist (Biber). Das Kapital stammte vorwiegend von Zürcher Familien. Mit Maschinen von Escher Wyss & Cie. ausgestattet, nahm die Fabrik 1865 den Betrieb auf. Ab Ende des 19. Jahrhunderts stieg die Zahl der Gewerbe- und Dienstleistungsbetriebe wegen des raschen Bevölkerungswachstums und günstiger Verkehrslage schnell an. Rund ein Dutzend Gasthöfe, Handelsfirmen, Handwerksateliers entstand an den verzweigten Durchgangsstrassen. Mit Zulieferbetrieben für die Uhrenindustrie (seit 1890), Bauunternehmen, der Konsumgenossenschaft, mehreren Arztpraxen entwickelte sich Biberist zum regionalen Nebenzentrum im Umfeld von Solothurn. Bis zum Bau der ersten Brücke um 1750 überquerte die Strasse von Solothurn nach Burgdorf die Emme in Biberist bei einer Furt. Bei der Brücke (Zollstelle) wurden auch die Abgaben für die Flösse aus dem Emmental entrichtet. 1858 übernahm der Staat die Brücke (1862 und 1956 neu errichtet). Seit 1891 besteht zudem ein Fussgängersteg über die Emme für Fabrikarbeiter von Biberist im Eisenwerk der Von Roll AG in Gerlafingen. Die Landstrasse von Solothurn nach Bern wurde um 1730 zur Chaussee ausgebaut; davon besteht ein wichtiger Rest am Buchrain (Pflästerung ist Schutzobjekt von nationaler Bedeutung). Die erste Eisenbahnverbindung erhielt Biberist 1864 mit einer Pferdebahn nach Derendingen, 1872 entstand der Bahnhof der Emmentalbahn (ab 1942 EBT, ab 1997 Regionalverkehr Mittelland, 2006 Fusion mit der BLS), 1916 folgte der Anschluss an die elektrische Solothurn-Bern-Bahn (heute RBS).

Das vor allem ab 1860 einsetzende Bevölkerungswachstum verstärkte sich ab 1890 als Folge der Vergrösserung der Industrie. In der ersten Hälfte des 20. Jahrhunderts erweiterte und diversifizierte sich das Arbeitsplatzangebot von Biberist durch Unternehmen neuer Branchen (Buchdruckerei, Fahrradhandel, Elektrische Installationen, Schraubenfabrik). Seit der Mitte des 20. Jahrhunderts wurden in besonderen Industrie- und Gewerbezonen weitere Sparten eingeführt: Automobilhandel und Automobilservice, Elektronikindustrie, Metallbau, mechanische Ateliers. Um 1990 bestanden in Biberist rund 250 im Handelsregister eingetragene Firmen. Die Landwirtschaft zählte 1988 30 Betriebe, die 290 ha Ackerland und 205 ha Wiesland bearbeiteten. 1940 (Umgebung Dorf) und 1991 (Bereich A5) erfolgten Güterzusammenlegungen. Der grösste Gutsbetrieb gehört zur kantonalen Strafanstalt Oberschöngrün, die 1924 in der Gemeinde Biberist errichtet wurde. 1990 standen 2298 Wegpendlern 2058 Zupendler gegenüber. Von den in Biberist arbeitenden 3495 Erwerbstätigen waren 56% im 2. Sektor (1980 71%), 40% im 3. Sektor (1980 26%) beschäftigt. 1900 erhielt Biberist den Anschluss an das Elektrizitätsnetz, 1923 ein umfassendes System der Wasserversorgung, seit 1929 Gas vom Gaswerk Solothurn. Im 20. Jahrhundert entstanden isolierte Wohn- und Gewerbequartiere zwischen dem Dorfkern und der Stadt Solothurn, mit neuen Vorstadtquartieren und Einzelhofsiedlungen.

Quellen und Literatur

  • P. Kaiser et al., Biberist ― Dorf an der Emme, 1993
  • R.M. Kully, Solothurn. Ortsnamen, 2003, 200-205
Weblinks
Normdateien
GND

Zitiervorschlag

Kaiser, Peter: "Biberist", in: Historisches Lexikon der Schweiz (HLS), Version vom 06.07.2004. Online: https://hls-dhs-dss.ch/de/articles/001121/2004-07-06/, konsultiert am 07.12.2021.