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Derendingen

Politische Gemeinde des Kantons Solothurn, Bezirk Wasseramt. Am Unterlauf der Emme, an den Ausfallstrassen von Solothurn in den Oberaargau und Richtung Burgdorf-Emmental-Luzern gelegenes Strassendorf. 1291 in Therendingen, 1294 de Teradingen. 1798 388 Einwohner; 1850 627; 1900 3116; 1950 4010; 2000 5810.

Frühe archäologische Zeugnisse sind Streufunde aus der Bronzezeit, ein römischer Gutshof auf der Heidenegg und eine frühmittelalterliche Siedlung. 1347 erwarb das St. Ursenstift Twing und Bann von den Grafen von Buchegg. Im Hofgericht Derendingen wurden die Güter, die Eigenleute und deren Abgaben an das Stift zusammengefasst. Das Niedergericht gelangte im 15. Jahrhundert an die Stadt Solothurn. Im Zuge der städtischen Territorialpolitik wurde die Gerichtsherrschaft von Derendingen mit jener von Kriegstetten vereinigt. Die Ausübung der hohen Gerichtsbarkeit oblag hingegen noch bis 1665 der Stadt Bern. 1513 und 1525 erhoben Bauern Beschwerden gegen Beschneidungen des «alten Rechts». Die Allerheiligenkapelle war vom Mittelalter bis Ende des 19. Jahrhunderts das einzige kirchliche Gebäude in Derendingen; sie erhielt 1724 ihre heutige Gestalt. Nach den Wirren der Reformationszeit musste die katholische Dorfbevölkerung 1532-1577 den Gottesdienst in Hüniken besuchen. 1932 wurde im Dorfzentrum die katholische Kirche gebaut und eine eigene Pfarrei gegründet (vorher Pfarrei Kriegstetten). Noch vor dem Kirchenbau (1899) war 1897 die reformierte Kirchgemeinde entstanden, die das kirchliche Zentrum der Reformierten des Wasseramts darstellte.

Im Ancien Régime war Derendingen die grösste Landgemeinde im Gericht Kriegstetten, mit vorherrschendem Ackerbau. Erste Versuche zur Industrialisierung am Dorfbach im Oberdorf scheiterten wegen ungenügender Wasserkraft. Dank dem Emmekanal, der Erschliessung mit der Bahn (1857 Anschluss an die Linie Solothurn-Herzogenbuchsee der Centralbahn, 1863 Pferdebahn, 1872 Industriegeleise entlang der Emme nach Biberist) und einer genügenden Zahl an Arbeitskräften siedelten sich Industrie- und Gewerbebetriebe an.

Kleines Plakat für das bedeutendste Textilunternehmen von Derendingen, um 1900 (Museum für Gestaltung Zürich, Plakatsammlung, Zürcher Hochschule der Künste).
Kleines Plakat für das bedeutendste Textilunternehmen von Derendingen, um 1900 (Museum für Gestaltung Zürich, Plakatsammlung, Zürcher Hochschule der Künste).

Derendingen zählt zusammen mit Biberist und Gerlafingen zum Industriegürtel am unteren Emmelauf, der in der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts entstand. Hauptindustrie wurde die Textilbranche: 1850 Wollfabrik, 1861 Baumwollspinnerei Emmenhof, die bis zu 300 Personen beschäftigte, 1933 aber einging. 1872 entstand die Kammgarnfabrik Schoeller & Lang auf dem Gebiet der ehemaligen Hammerschmiede auf der Grenze zu Luterbach. Nach anfänglichen Finanzierungsschwierigkeiten führten ab 1880 neue Eigentumsverhältnisse und technologische Neuerungen zu einer Produktionssteigerung, welche die Nachfrage nach Kammgarn auf dem inländischen Markt übertraf. Deshalb wurde eine Kammgarnweberei zur eigenen Weiterverarbeitung angegliedert. Nach der 1907 vollzogenen Fusion mit der Kammgarnspinnerei in Schaffhausen entwickelte sie sich zum grössten Arbeitgeber in Derendingen. Mit der rasanten Industrialisierung entstand 1880-1890 die Arbeitersiedlung Elsässli mit Kosthaus (benannt nach den Verbindungen mit der elsässischen Maschinengesellschaft Mülhausen), die grösste derartige Siedlung im Kanton Solothurn, die als bedeutsames Ensemble der schweizerischen Baukultur für die Zeit der beginnenden Industrialisierung gilt. Die Beschäftigungsstruktur hatte sich schon 1860 markant vom 1. zum 2. Sektor verschoben (53% im 1., 43% im 2. Sektor). Bis 1960 baute der Industriesektor seine Dominanz auf 84% der in Derendingen Erwerbstätigen aus, und auch Ende des 20. Jahrhunderts hat die Gemeinde ihre Standortgunst dank der Nähe zur Verzweigung A1/A5 erhalten können (seit 1992 Fabrikationsbetrieb der Scintilla, 2000 48% im 2., 43% im 3. Sektor). Eine Folge dieser Entwicklung war eine konfessionelle Verschiebung, indem der protestantische Bevölkerungsanteil im Zeitraum 1860-1960 von 10% auf 59% stieg (2000 37%). Seit 1976 wird in Derendingen das Oberstufenzentrum Derendingen-Luterbach geführt. 1992 wurde die Bahnlinie durch einen Busbetrieb ersetzt.

Quellen und Literatur

  • L. Jäggi, A. Ingold, Solothurn. Wasseramt, 1966, 72 f.
  • R.M. Kully, Solothurn. Ortsnamen, 2003, 249-252
Weblinks
Normdateien
GND

Zitiervorschlag

Urs Zurschmiede: "Derendingen", in: Historisches Lexikon der Schweiz (HLS), Version vom 26.01.2005. Online: https://hls-dhs-dss.ch/de/articles/001125/2005-01-26/, konsultiert am 27.05.2022.