de fr it

Heiden

Ansicht des Dorfes vor dem Grossbrand vom 7. September 1838. Kolorierte Radierung von Johann Ulrich Fitzi (Schweizerische Nationalbibliothek).
Ansicht des Dorfes vor dem Grossbrand vom 7. September 1838. Kolorierte Radierung von Johann Ulrich Fitzi (Schweizerische Nationalbibliothek). […]

Politische Gemeinde des Kantons Appenzell Ausserrhoden, ehemaliger Bezirk Vorderland. Klimakurort am Kurzenberg, der neben dem Dorf verschiedene Weiler und Einzelhöfe umfasst. 1461 guot genant Haiden. 1667 1248 Einwohner; 1813 1776; 1818 1630; 1850 2466; 1900 3745; 1941 2904; 1950 3094; 2000 4063.

Das Gebiet von Heiden gehörte bis ins 15. Jahrhundert zum Hinterland des einst bischöflich-konstanzischen Hofes Thal, der ein Teil der Vogtei Rheineck war. Die in der Gemeinde Heiden vorkommenden Ortsnamen Bissau (1404 Bischofouv) und Bischofsberg (1411 Bischoffberg) erinnern an die bischöfliche Grundherrschaft. Nach den Appenzeller Kriegen (1401-1429) bildete das Gebiet des späteren Heiden innerhalb der Gemeinde und Hauptmannschaft Kurzenberg den Hinteren Strich. Kirchlich waren die seit 1529 reformierten Leute am Berg bis 1652 Teil der Pfarrei Thal. Den Bau der reformierten Kirche beim Hof Heiden 1651-1652 begleiteten heftige Streitigkeiten zwischen Heiden und Wolfhalden um den Standort des Gotteshauses. Als Folge konstituierte sich Heiden 1658 als selbstständige Gemeinde. Die Grenzbereinigung mit den neuen Nachbargemeinden Lutzenberg und Wolfhalden dauerte bis 1667. Die Trennung der Kurzenberger Allmend erfolgte 1771-1772; die Anteilhaber des Heidler Gemeinwerks verkauften den Boden 1800 an Private und legten den Erlös in einem Fonds an, der heute gemeinnützigen Zwecken dient. 1798-1803 war Heiden der Hauptort des Distrikts Wald im Kanton Säntis und 1834-1877 Sitzungsort des Kleinen Rats vor der Sitter. Um die auf einer Hügelkuppe errichtete Kirche bildete sich allmählich ein Dorfkern, der vor dem katastrophalen Dorfbrand von 1838 46 Wohnhäuser umfasste. Das im Stil des Klassizismus und des Biedermeier wieder aufgebaute Heiden weist ein Ortsbild von nationaler Bedeutung auf.

Heiden entwickelte sich nach der Gründung zum regionalen Zentrum des Vorderlandes. Eine Marktordnung und ein Wochenmarkt bestanden ab 1685 (zu Beginn v.a. Garnhandel), ein Rat-, Schul- und Kaufhaus wurde 1686 erstellt, das Vorderländische Bezirkskrankenhaus 1874 (1967 durch einen Neubau ersetzt, heute Henry-Dunant-Museum), die Eröffnung des regionalen Pflegeheims erfolgte 1967. Ausserdem war Heiden 1706-1865 der militärische Sammelplatz des Vorderlandes. Im 18. Jahrhundert schwand Heidens Bedeutung als Marktort, der Wochenmarkt wurde 1838 aufgehoben. Die wichtigsten Erwerbszweige bildeten die Viehwirtschaft, Acker- und Weinbau (bis 1850), die Textilindustrie sowie der Fremdenverkehr, der sich ab dem 19. Jahrhundert entwickelte. Neben der dominanten Heimindustrie entstanden im 19. Jahrhundert verschiedene Textilfabriken. Besondere Bedeutung erlangten ab 1860 die Maschinenstickerei und Seidentuchbeutelweberei (Herstellung von Gaze); Letztere war nach 1914 der wichtigste Erwerbszweig. Auch nach 1945 blieb die Textilindustrie die grösste Arbeitgeberin in Heiden, ihr Anteil verringerte sich aber stetig. 1975 stellte sie noch über ein Viertel der Arbeitsplätze, gefolgt von Gastgewerbe, Handel und Baugewerbe. 1993 wurde die 1930 gegründete Strumpfherstellerin Media AG, die 1980 noch über 300 Mitarbeiter beschäftigt hatte, geschlossen. Grösste Firmen waren Anfang des 21. Jahrhunderts eine Weberei der Sefar AG (Präzisionsgewebe für Siebdruck und Filtration), die zu Beginn der 1970er Jahre gegründete Varioprint AG (Herstellung von Leiterplatten) und das Elektrohandelsunternehmen Grossauer AG. Seine Blütezeit erlebte Heiden 1847-1914 als Molken- und Luftkurort. Dank dem Berliner Augenarzt Albrecht von Graefe, der in den 1860er Jahren jeweils im Sommer im Kurhaus Freihof praktizierte, kam Heiden zu internationaler Bekanntheit. 1869 wurde eine Kurgesellschaft gegründet, 1874 der Kursaal (Neubau 1956-1957) errichtet. 1914 brach der Fremdenverkehr massiv ein: Die Bettenzahl reduzierte sich sukzessive von rund 1500 (24 Hotels und Pensionen) auf knapp 500 im Jahr 1924. Auf diesem Niveau hielt sich der Kurtourismus bis etwa 1990. Neue Impulse gaben die Eröffnung eines modernen Kurhotels (1974) und der Privatklinik Rosenberg (1982). 2003 umfasste das Angebot noch rund 330 Gästebetten. Ab Mitte des 19. Jahrhunderts erfolgte der Ausbau der Verkehrswege: 1844 wurde die Strassenverbindung nach St. Gallen, 1860-1867 die Verbindungsstrassen zu den Nachbargemeinden gebaut. Seit 1875 befindet sich in Heiden die Endstation der Rorschach-Heiden-Bergbahn. Seit 1901 verfügt Heiden über ein Elektrizitätswerk, seit 1932 über ein Schwimmbad. Die Wasserversorgung wird seit 1966 mit Bodenseewasser ergänzt. Die katholische Kirchgemeinde Heiden-Grub mit einer eigenen Kirche in Heiden besteht seit 1901 (Neubau 1962-1963). Zu Beginn des 21. Jahrhunderts war Heiden Standort verschiedener regionaler Zweckverbände sowie ein wichtiger Knotenpunkt des öffentlichen Verkehrs. Heiden verzeichnete 2000 als einzige Vorderländer Gemeinde eine positive Pendlerbilanz (bei starker Zunahme der Zu- wie der Wegpendler ab 1980) und mehr Arbeitsplätze als 1950.

Quellen und Literatur

  • M. Rohner, Die Gem. Heiden im Kt. Appenzell A. Rh., 1867, (Neudr. 1988)
  • Fs. zum 300-jährigen Bestehen der Gem. Heiden, 1652-1952, 1952
  • E. Züst, Gesch. der Gem. Kurzenberg, 1991
  • J. Huber, Heiden, 1998
  • A. Oehler, 100 Jahre EW Heiden, 2001
Von der Redaktion ergänzt
  • Steinmann, Eugen: Der Bezirk Vorderland, 1981, S. 151-218 (Die Kunstdenkmäler des Kantons Appenzell Ausserrhoden, 3). 
Weblinks
Normdateien
GND

Zitiervorschlag

Thomas Fuchs: "Heiden", in: Historisches Lexikon der Schweiz (HLS), Version vom 04.12.2007. Online: https://hls-dhs-dss.ch/de/articles/001306/2007-12-04/, konsultiert am 06.12.2022.