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Haldenstein

Radierung nach einer Zeichnung von Johann Melchior Füssli, veröffentlicht in Augsburg 1731 (Schweizerische Nationalbibliothek, Bern, Sammlung Gugelmann).
Radierung nach einer Zeichnung von Johann Melchior Füssli, veröffentlicht in Augsburg 1731 (Schweizerische Nationalbibliothek, Bern, Sammlung Gugelmann). […]

Politische Gemeinde des Kantons Graubünden, Region Plessur, sowie ehemalige Herrschaft (bis 1803) und Schloss. Das nördlich von Chur und links des Rheins gelegene Haufendorf verfügt über ein Ortsbild von nationaler Bedeutung. Am Calandahang auf 1400 m liegt der bis 1868 bewohnte Weiler Batänja (ehemals Sewils), der früher über ein eigenes Schulhaus verfügte und heute eine Korporation bildet. 1149 Lanze, 1370 Lentz inferior; ab Ende des 14. Jahrhunderts bürgerte sich der deutsche Name Haldenstein ein. 1803 349 Einwohner; 1850 492; 1900 464; 1950 521; 1990 677; 2000 808; 2010 1003.

Funde aus der Jungsteinzeit, der mittleren Bronze- und der späten Eisenzeit auf dem sogenannten Hexabödeli nördlich der Burg Lichtenstein und beim Schloss Haldenstein sowie ein frühmittelalterliches Gräberfeld auf dem Stein zeugen von früher Besiedlung. Auf dem Schlossareal wurden auch römische Siedlungsspuren vom späten 1. bis zum 4. Jahrhundert n.Chr. gefunden.

Herrschaft

Das Gebiet der Herrschaft Haldenstein gehörte im Hochmittelalter zum Königshof Chur. Kaiser Otto I. schenkte 960 die Herrschaft sowie den Oldiswald bei Haldenstein Bischof Hartpert von Chur, und 1050 übertrug Heinrich III. auch das gesamte Forstgebiet von Haldenstein, das damit zum bischöflichen Immunitätsbereich gehörte. 1180-1282 besassen die Freiherren von Lichtenstein Haldenstein wohl als bischöfliches Lehen. Nach deren Aussterben ging Haldenstein an die 1260 erstmals genannten Ritter von Haldenstein. Anfänglich bischöfliche, später vazische Ministeriale, gerieten sie Ende des 13. Jahrhunderts in den bischöflich-vazischen Machtkampf. Ende des 14. Jahrhunderts starb die männliche Linie aus und nach dem Tod der kinderlosen Anna von Haldenstein um 1400 ging die Herrschaft nach Erbstreitigkeiten an ihre Cousine Ursula von Hohenems und deren Ehemann Peter von Grifensee über, der 1424 alle Rechte und Ansprüche über Haldenstein erwarb und den Weiler Sewils den Brüdern Batänjer verlieh. Nach 1460 gelangte Haldenstein an dessen Schwiegersohn Heinrich Ammann von Grüningen, nach dessen Tod an die Herren von Marmels. Durch Heirat mit Hilaria von Marmels kam der französische Gesandte bei den Drei Bünden, Jean Jacques de Castion, in den Besitz der Herrschaft. 1567 erwarb Gregor Carl von Hohenbalken Haldenstein, später Heinrich von Tägerstein und 1608, gegen den Widerstand der Untertanen, Thomas von Schauenstein. 1611 in den Freiherrenstand erhoben, erlangte dieser 1612 vom Kaiser das Münz-, Markt- und Asylrecht sowie das Recht zur Wappenvermehrung. Vom Münzrecht machten die Freiherren von Schauenstein bis ins 18. Jahrhundert regen Gebrauch, wobei die Prägungen zeitweise einen schlechten Ruf hatten. Durch Erbschaft ging Haldenstein 1701 an die Salis-Maienfeld (Salis) über, welche die Herrschaft bis 1803 innehatten. Ebenfalls 1701 hob Johann Luzius von Salis die Leibeigenschaft auf. Die Freiherrschaft Haldenstein gehörte nie zum Bündnissystem der Drei Bünde, schloss aber 1558 mit diesen einen Schutzvertrag ab, der erst nach langen Streitigkeiten mit den Sargans regierenden eidgenössischen Orten zustande kam.

In der Herrschaft Haldenstein befinden sich drei Burgen: Die auf einem Felskopf oberhalb des Dorfes gelegene, Mitte des 12. Jahrhunderts errichtete Burg Haldenstein war Stammburg der Ritter von Haldenstein und Zentrum des herrschaftlichen Güterkomplexes. 1299 kam es zu Streitigkeiten zwischen dem Bistum und Johann von Vaz wegen unerlaubten Ausbaus der Burg. 1695 sicher noch bewohnt, wurde sie 1769 sowie 1787 durch Erdbeben teilweise zerstört. Die Burg Lichtenstein, erbaut im 12. Jahrhundert auf einem Felsrücken nördlich des Dorfes, war Sitz der Herren von Lichtenstein und ging nach deren Aussterben Ende des 13. Jahrhunderts an die Herren von Haldenstein. Um 1400 noch bewohnt, wurde sie wohl im 15. Jahrhundert aufgegeben. Die Höhlenburg Grottenstein, deren Entstehungszeit unbekannt ist, befindet sich am Fuss einer Felswand des Calanda.

Gemeinde

Kirchlich gehörte Haldenstein ab 1436 zum Kloster St. Luzi in Chur. Die Mitte des 12. Jahrhunderts erwähnte Kirche wurde 1732 durch einen Neubau ersetzt; sie ist die einzige St. Gereonskirche der Diözese Chur. Um 1616 führte Thomas von Schauenstein die Reformation ein. Die Germanisierung der ursprünglich rätoromanischen Siedlung erfolgte im 14. Jahrhundert. Mit der Mediationsverfassung 1803 wurde Haldenstein als selbstständige politische Gemeinde dem Hochgericht Vier Dörfer zugeteilt. 1851-2015 gehörte Haldenstein zum Kreis Fünf Dörfer, der bis 2000 zum Bezirk Unterlandquart und dann bis 2015 zum Bezirk Landquart zählte.

1825 brannte das Dorf Haldenstein fast vollständig ab, 1943 wäre es beinahe von einem verheerenden Waldbrand am Calanda erneut zerstört worden. Nach der Überschwemmung von 1868 erfolgte die Rheinkorrektion, wodurch Kulturland gewonnen wurde. 1971 ging eine Rüfe bis ins Dorf nieder. 1896 wurde die Station Haldenstein der Rhätischen Bahn auf Churer Gemeindegebiet erbaut. Eine Betonbrücke ersetzte 1972 die gedeckte Holzbrücke über den Rhein. Ein in den 1980er Jahren geplanter Ölkavernenspeicher konnte aus geologischen und politischen Gründen nicht realisiert werden. 2000 verfügte die Gemeinde über sieben landwirtschaftliche Betriebe und mehrere Gewerbebetriebe sowie ein Kieswerk. Trotz der Nähe zu Chur (2000 mehr als zwei Drittel Wegpendler) erfuhr Haldenstein eine massvolle bauliche Entwicklung.

Am Südrand des Dorfes Haldenstein wurde zu Beginn des 16. Jahrhunderts an der Stelle, wo sich vorher ein Steinhaus befunden hatte, eine grosse Schlossanlage errichtet. 1544-1548 wurde diese durch Jean Jacques de Castion erweitert sowie prunkvoll ausgestattet, unter anderem mit reichem Täfer, das sich heute im Schloss Köpenick in Berlin befindet. 1731 von Gubert von Salis um ein Stockwerk erhöht, wurde sie 1732 durch einen Grossbrand weitgehend zerstört, aber sogleich wieder instand gestellt. 1763-1771 war im Nordtrakt des Schlosses das Philanthropinum untergebracht, das später ins Schloss Marschlins verlegt wurde. 1832 ging Schloss Haldenstein an die Salis-Soglio über und wurde um 1900 erneut umgebaut. 1922 im Besitz der Familie Batänjer, gelangte es 1966 an eine Stiftung. 1986 bis 2005 wurde es zum grössten Teil restauriert.

Quellen und Literatur

  • E. Poeschel, Chur und der Kreis Fünf Dörfer, 1948, 362-373 (Die Kunstdenkmäler des Kantons Graubünden, Bd. 7)
  • M. Berger, Rechtsgeschichte der Herrschaft Haldenstein, 1952
  • G. Lütscher, Geschichte der Freiherrschaft und Gemeinde Haldenstein, bearbeitet und ergänzt von S. Margadant, 1964 (21995)
  • O.P. Clavadetscher, W. Meyer, Das Burgenbuch von Graubünden, 1984, 297-302
  • U. Clavadetscher, A. Gredig, Schloss Haldenstein, 1992
  • M. Janosa, «Ein frühmittelalterliches Gräberfeld in Haldenstein», in Jahresberichte des Archäologischen Dienstes Graubünden und der Kantonalen Denkmalpflege Graubünden, 2000, 28-42
Weblinks
Weitere Links
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Kurzinformationen
Ersterwähnung(en)
1149: Lanze
1370: Lentz inferior

Zitiervorschlag

Margadant, Silvio: "Haldenstein", in: Historisches Lexikon der Schweiz (HLS), Version vom 16.12.2019. Online: https://hls-dhs-dss.ch/de/articles/001597/2019-12-16/, konsultiert am 28.10.2020.