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Disentis/Mustér

Politische Gemeinde des Kantons Graubünden, Kreis Disentis, Bezirk Surselva (bis Ende 2000 Bezirk Vorderrhein). Das Klosterdorf Disentis/Mustér ist die grösste des heute sieben Gemeinden umfassenden gleichnamigen Kreises und dessen Hauptort. Die Gemeinde besteht aus dem Kerndorf Mustér-Vitg (Zentrum) und den Nachbarschaften Mompé-Tujetsch, Segnes, Acletta, Funs/Clavaniev, Disla, Cavardiras und Mompé-Medel. Mit Ausnahme der beiden Mompé umfassen die Nachbarschaften jeweils mehrere Siedlungen. 765 Desertina, 1127 monasterium Disertinensis, romanisch Mustér. Die Siedlung Brulf se von Disentis-Dorf wurde 1689 von einer Rüfe verschüttet. Disentis/Mustér ist Zentrum der Sursassiala (oberhalb des Russeiner Tobels). Das Dorf liegt an der Gabelung der Verkehrswege zum Lukmanier- und zum Oberalppass und ist Nahtstelle der Rhätischen Bahn (RhB) und der Furka-Oberalp-Bahn (FO). Ab dem Spätmittelalter war Disentis/Mustér Landsgemeindeort. 1850 1260 Einwohner; 1900 1359; 1950 2330; 2000 2172.

Werbeplakat eines unbekannten Künstlers, 1906 (Museum für Gestaltung Zürich, Plakatsammlung, Zürcher Hochschule der Künste).
Werbeplakat eines unbekannten Künstlers, 1906 (Museum für Gestaltung Zürich, Plakatsammlung, Zürcher Hochschule der Künste).

An der Peripherie der Gemeinde wurden bronzezeitliche und römische Einzelfunde gehoben. Obwohl angenommen wird, dass es in prähistorischer Zeit einzelne Wohnstätten gegeben hat, wurde die ehemalige Wildnis (Desertina) zwischen Churrätien und dem langobardischen Italien erst ab dem 7./8. Jahrhundert besiedelt. Die Geschichte von Disentis ist eng mit der Abtei St. Martin und ihrem Herrschaftsgebiet, der Cadi, verbunden. Ab 1285 waren die Gotteshausleute von Disentis nebst dem Konvent und den Ministerialen im Besitz eines eigenen Siegels. Während die Höfe und Weiler politisch bedeutungslos blieben, übernahmen die Bewohner des Dorfes eine Führungsrolle im Grauen Bund. Sie stellten infolge der Reformation ab 1522 einen Hofmeister zur Aufsicht über das Klostervermögen und die Nachbarschaft wählte 1538-1614 gar den Abt. Ab dem 14. Jahrhundert liessen sich Walser auf dem Gemeindegebiet nieder, vor allem in den beiden Mompé. Die Einwanderer wurden rätoromanisch assimiliert. Rund 20 ihrer Weiler und Höfe sind abgegangen. Die Feudalburgen aus dem Hochmittelalter, unter anderem Hohenbalken, Wurzenstein und Chischliun, sind verfallen. Der Ursprung der 1261 erstmals erwähnten Hauptkirche St. Johann der Täufer liegt im Dunkeln. Die Kollatur besass das Kloster, dem die Pfarrei 1491 inkorporiert wurde. Ursprünglich gehörte auch die Gemeinde Tujetsch zur Kirchgemeinde, zudem bis 1500 die Nachbarschaft Medel. 1648-1818 oblag die Seelsorge der Pfarrei den Kapuzinern, dann den Benediktinern, seit 1879 Weltgeistlichen. Cavardiras war ab 1713 Kaplanei-Benefizium; Segnes ab 1773. Von den insgesamt 14 Kirchen und Kapellen in der Gemeinde ist die um 1100 entstandene St.-Agatha-Kapelle an der alten Strasse ins Val Medel die bedeutendste.

1251 trat die Landschaft Disentis erstmals als Rechtsperson auf. Nach 1643 besass die Gemeinde die volle Gerichtshoheit. Eine erste Gemeindeverfassung trat 1848 in Kraft; mit der Einführung der Kantonsverfassung von 1854 wurde Disentis eine politische Gemeinde. Die 1740 erwähnte St.-Placidus-Quelle ist die gehaltreichste Radiumquelle der Schweiz und wurde nach 1870 für die Bäder des nahen Kurhotels Disentiserhof genutzt. 1857 erhielt Disentis einen Anschluss an die neue Kantonsstrasse zum Oberalppass. Im gleichen Jahr wurden die Druckerei und der Zeitungsverlag Stampa Romontscha gegründet, der die Gasetta Romontscha herausgab. Das Kerndorf erlebte bis Ende des 19. Jahrhunderts einen bescheidenen Aufschwung. Erst nach dem Anschluss an die RhB 1912 und an die FO 1926 blühten Sommertourismus und Gewerbe auf. 1952 gründete Pius Condrau den Desertina-Verlag, dessen Schwerpunkt zuerst bei der rätoromanischen Literatur, dann in den Bereichen Kultur und Geschichte lag. Das Unternehmen wurde 1994 an die Gasser AG verkauft und gelangte 1997 als erneut eigenständiger Verlag an die Casanova Druck und Verlag AG. Seit 1960 ist Mustér-Vitg Schulzentrum der Talgemeinden, nur Segnes führt weiterhin eine Unterstufe. Das 1927 vom Kloster eingerichtete Lyzeum entwickelte sich mit der eidgenössischen Anerkennung als Gymnasium (1944) zu einem regionalen Bildungszentrum. Nach 1965 siedelte Industrie (Landis & Gyr bis 1988, danach Distec/Formen- und Apparatebau) in Disentis an. Mit der Eröffnung der Bergbahnen Péz Ault 1971 setzte die rasante Entwicklung zum Tourismuszentrum ein. Disentis ist eine Pioniergemeinde der Telekommunikation und der Solarenergie (Solarkraftwerk Desertasol). Der seit 1973 aus 21 Mitgliedern bestehende Gemeinderat wird frei gewählt, es ist aber Usus, alle Nachbarschaften zu berücksichtigen; diese geniessen teilweise ökonomische Selbstverwaltung.

Quellen und Literatur

  • Kdm GR 5, 1943 (19612), 2-4, 81-118
  • G. Gadola, «Nies vitg, ses ucleuns e sias uclivas», in Fegl parochial de S. Gions, 1959-62
  • I. Müller, Gesch. der Abtei Disentis. Von den Anfängen bis zur Gegenwart, 1971
  • Gem. GR, 1983
  • Disentis/Mustér: Gesch. und Gegenwart, hg. von G. Condrau, 1996
Weblinks
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Zitiervorschlag

Adolf Collenberg: "Disentis/Mustér", in: Historisches Lexikon der Schweiz (HLS), Version vom 08.06.2009. Online: https://hls-dhs-dss.ch/de/articles/001614/2009-06-08/, konsultiert am 28.01.2023.