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Hauptwil

Ehemalige Orts- und Munizipalgemeinde des Kantons Thurgau, Bezirk Bischofszell. Die südöstlich von Bischofszell gelegene Ortsgemeinde Hauptwil bildete 1812-1995 mit der Ortsgemeinde Gottshaus die Munizipalgemeinde Hauptwil und ist seit 1996 Teil der politischen Gemeinde Hauptwil-Gottshaus. 1413 Hoptwill. Ehemalige Munizipalgemeinde Hauptwil: 1850 1379 Einwohner; 1900 1417; 1950 1617; 1990 1721. Ehemalige Ortsgemeinde Hauptwil: 1649 ca. 50 Einwohner; 1850 598; 1900 741; 1950 819; 1990 910.

"Die Herrschaft Hauptweil im obern Thurgäu". Kolorierte Umrissradierung von Johann Jakob Aschmann, um 1792 (Zentralbibliothek Zürich, Graphische Sammlung und Fotoarchiv).
"Die Herrschaft Hauptweil im obern Thurgäu". Kolorierte Umrissradierung von Johann Jakob Aschmann, um 1792 (Zentralbibliothek Zürich, Graphische Sammlung und Fotoarchiv). […]

Spätestens ab 1377 gehörte Hauptwil als Lehen der Bischöfe von Konstanz und der Abtei St. Gallen den adeligen Ryff, genannt Welter von Blidegg, und ab 1561 den Freiherren von Hallwyl. 1664-1798 hatte die Textilhändlerfamilie Gonzenbach, die schon vor 1600 mehrere Liegenschaften in Hauptwil besessen hatte, das Niedergericht Hauptwil inne. Der katholische Teil der Bevölkerung gehörte seit jeher zur Kirchgemeinde Bischofszell. Ab 1667 fanden in der Schlosskapelle der Gonzenbach Gottesdienste für die reformierte Bevölkerung statt, 1861 wurde die reformierte Kirchgemeinde eine Filiale von Bischofszell. 1886 erfolgte der Bau einer reformierten Kirche. Ausgehend von der Industriellenfamilie Brunschweiler formierte sich in Hauptwil im frühen 19. Jahrhundert eine Gemeinschaft evangelischer Taufgesinnter (1880 10% der Einwohner). Bis heute ist die Freie Evangelische Gemeinde in Hauptwil vertreten.

Nach dem Zuzug der Gonzenbach entwickelte sich das Bauerndorf zu einer von der Leinwandproduktion geprägten Manufaktursiedlung. Der Industrialisierung förderlich waren neben dem tieferen Lohnniveau die Wasserkraft (fünf künstlich angelegte Weiher) und wirtschaftliche Freiheiten. 1664 erhielt Hauptwil das Marktrecht. 1664-1665 entstand das Schloss (seit 1952 Altersheim), 1661-1671 wurden im Stampflehmverfahren (Piseebau) rund vierzig neue Fabrikations- und Arbeiterwohnbauten errichtet. Ende des 18. Jahrhunderts liess sich die Familie Brunschweiler aus Erlen in Hauptwil nieder. Nach der Stagnation in der Leinwandproduktion bauten sie im Dorf die Färbereiindustrie auf. Im Zuge der Industrialisierung fassten auch Stickereien und Webereien Fuss, ausserdem 1923 im nahe gelegenen Sorntal (Gemeinde Waldkirch SG) die Baumwollspinnerei Staub & Honegger. Die Eröffnung der Eisenbahnlinie Sulgen-Gossau (SG) 1876 sicherte die weitere wirtschaftliche Prosperität. Neben der Textilindustrie blieb in Hauptwil stets auch die Landwirtschaft ein bedeutender Wirtschaftszweig; gegen Ende des 19. Jahrhunderts erfolgte der Übergang von Reb- und Ackerbau zu Vieh- und Milchwirtschaft. Die Käserei entstand 1909. Seit die Färberei der Familie Brunschweiler 1984 den Betrieb einstellte, zeugt nur noch die Zetag AG mit der ehemaligen Spinnerei im Sorntal von der einstigen Textilproduktion. Mit dem Bau von Einfamilienhäusern konnte die in den 1970er Jahren erfolgte Abwanderung nach 1980 gestoppt werden. Bis heute prägen die gut erhaltenen alten Bauten und die nunmehr umgenutzte industrielle Kulturlandschaft des 17. bis 19. Jahrhunderts das Ortsbild. Hauptwil erhielt 1999 den Wakkerpreis zugesprochen.

Quellen und Literatur

  • L. Kempter, Hölderlin in Hauptwil, 21975
  • A. Brack, Hundert Jahre Evang. Kirche in Hauptwil 1886-1986, 1986
  • M. Badilatti, «Industrielle Kulturlandschaft erhalten», in Thurgauer Jb. 75, 2000, 69-80
Von der Redaktion ergänzt
Weblinks
Normdateien
GND

Zitiervorschlag

Verena Rothenbühler: "Hauptwil", in: Historisches Lexikon der Schweiz (HLS), Version vom 29.11.2007. Online: https://hls-dhs-dss.ch/de/articles/001872/2007-11-29/, konsultiert am 29.11.2023.