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Tobel

Ansicht der kantonalen Strafanstalt von Nordosten. Fotografie, um 1950 (Staatsarchiv Thurgau, Frauenfeld).
Ansicht der kantonalen Strafanstalt von Nordosten. Fotografie, um 1950 (Staatsarchiv Thurgau, Frauenfeld). […]

Ehemalige Munizipal- und Ortsgemeinde des Kantons Thurgau, ehemalige Komturei und Herrschaft, Bezirk Münchwilen, seit 1999 mit Tägerschen Teil der politischen Gemeinde Tobel-Tägerschen. Tobel liegt leicht erhöht am Rand des Lauchetals an der Hauptstrasse Märstetten-Wil. 1228 Tobel. Ehemalige Ortsgemeinde 1850 385 Einwohner; 1900 412; 1950 558; 1990 739.

Zwischen 1226 und 1228 gründeten die Toggenburger Grafen Diethelm II. und Diethelm III. die am Jakobsweg gelegene und mit Gütern reichlich dotierte Johanniterkomturei Tobel, die als Bollwerk gegen das politisch expandierende Kloster St. Gallen entstand. An der neuen Begräbnisstätte der Toggenburger sind für 1263 ein Magister, ein Priester und zwei Brüder, für 1266 ein Konvent und für 1270 ein Komtur belegt; das früheste Kapitelsiegel stammt von 1279. Bis zum Ende des 15. Jahrhunderts baute die Komturei durch systematischen Erwerb von Gütern, Zehnt- und Gerichtsrechten die Herrschaft Tobel auf. Diese umfasste die niederen Gerichte Tobel (Affeltrangen, Braunau, Buch, Märwil, Tägerschen, Tobel und Zezikon) sowie Herten bei Frauenfeld. 1228 erwarb die Komturei die Vogtei über Tobel, 1258 Güter in Tägerschen, 1275-1286 Rechte an den Pfarrkirchen Affeltrangen und Märwil, 1348 Twing und Bann über halb Zezikon, 1380 Besitz in Herten. Hinzu kam die Expansion ins untere Lauchetal und ins Gebiet der Herren von Bussnang: 1396 erlangte sie den Kirchensatz von Wuppenau, 1401 jenen von Wängi (1402 Inkorporation), 1464 den Kirchensatz und Zehntrechte zu Bussnang sowie Zehntrechte in Ober- und Niederbussnang und Pfründe von Schönholzerswilen. Die Herrschaft Tobel bestand bis 1798. Nach dem Zusammenbruch des Malteserordens deutsche Zunge übernahm der Kanton Thurgau 1807 die Komturei und richtete 1811 im landwirtschaftlichen Gutsbetrieb eine Zucht- und Arbeitsanstalt für Männer und Frauen ein. 1973 wurde die kantonale Strafanstalt in der ehemaligen Komturei Tobel aufgelöst und 1992 der landwirtschaftl. Gutsbetrieb ausgesiedelt. 2006 gingen die leerstehenden Gebäude der Komturei an die neu gegründete Stiftung Komturei Tobel über.

Kirchlich gehörte Tobel im Mittelalter zur Pfarrei Affeltrangen. Mit der Gründung der Komturei entstand in den Grenzen des Niedergerichts Tobel die neue Pfarrei Tobel, die Affeltrangen, Braunau, einen Teil von Buch bei Märwil sowie Märwil, Tägerschen, Tobel und Zezikon umfasste. Die Kirche St. Johann Baptista stand im Spätmittelalter neben der Komturei im Tal und wurde 1706-1707 auf der Höhe neu errichtet. Die ganze Pfarrei Tobel trat 1529 zum neuen Glauben über. 1532 leitete die Komturei die Rekatholisierung ein. Nach der Errichtung eines Hochaltars in der Kirche St. Johann 1535 hörte der reformierte Gottesdienst in Tobel noch vor 1560 auf. In Wuppenau wurde 1560, in Bussnang 1596 die Messe wieder eingeführt. Die reformierte Bevölkerung von Tobel war ab 1569 faktisch nach Affeltrangen kirchgenössig, obwohl dort ab 1664 auch die Messe wieder zugelassen war. 1569 wurde Märwil eine Filiale der reformierten Kirche Affeltrangen, das mehrheitlich reformierte Wängi 1602 eine Filiale von Aadorf. Auch wenn die Gegenreformation mit der Weihe der Pfarrkirche Tobel 1642 ihren Abschluss fand, gab es bis ins 18. Jahrhundert zahlreiche Spannungen zwischen den reformierten Kirchgemeinden und dem katholischen Kollator der Pfarrei Tobel.

Die Gemeinde erhielt 1441 und 1486 eine Offnung. Im 19. Jahrhundert gingen die Tobler Bauern vom Ackerbau zur Vieh- und Milchwirtschaft und zum Obstbau über; 1885 entstand eine Käserei. Im 18. Jahrhundert fasste die Kattun- und Leinwandweberei in Tobel Fuss; sie wurde nach der Mitte des 19. Jahrhunderts durch die Handstickerei abgelöst. Um 1900 kam die Schifflistickerei auf, die bis in die 1920er Jahre mit der kleinbäuerlichen Landwirtschaft die dörfliche Erwerbsstruktur prägte. 1911 erhielt Tobel Anschluss an die Mittel-Thurgau-Bahn. Grösster Arbeitgeber im Ort ist die 1982 gegründete Santex-Group, die Relaxiertrockner zur Textilveredelung herstellt. Mit dem nach 1960 einsetzenden Bevölkerungswachstum und dem Bau zahlreicher Einfamilienhäuser wurde Tobel zur ländlichen Wohngemeinde.

Quellen und Literatur

  • H. Bühler, Die Stickerei in Tobel, 1963
  • B. Meyer, «Wie das Kloster St. Gallen Wil erwarb», in ThBeitr. 114, 1977, 5-29
  • H. Bühler, Gesch. der Johanniterkomturei Tobel, 1986
  • HS IV/7, 474-513
Von der Redaktion ergänzt
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GND

Zitiervorschlag

Rothenbühler, Verena: "Tobel", in: Historisches Lexikon der Schweiz (HLS), Version vom 24.10.2012. Online: https://hls-dhs-dss.ch/de/articles/001969/2012-10-24/, konsultiert am 16.01.2022.