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Giubiasco

Ehemalige politische Gemeinde des Kantons Tessin, Bezirk Bellinzona, seit 2017 mit Camorino, Claro, Gnosca, Gorduno, Gudo, Moleno, Monte Carasso, Pianezzo, Preonzo, Sant'Antonio und Sementina Teil der Gemeinde Bellinzona. Giubiasco, dem 1867 die Gemeinde Vallemorobbia in Piano (1850 794 Einwohner) angeschlossen wurde, umfasste die Ortsteile Lôro, Motti, Palasio, Pedevilla, Sasso Piatto. 1186 apud Cibiascum, 1195 Zibiassco. 1591 ca. 1000 Einwohner; 1698 944; 1801 950; 1850 1417; 1900 1722; 1930 2607; 1950 3311; 1970 5796; 1990 6897; 2000 7418. Giubiasco war vor der Fusion nach Lugano, Bellinzona und Locarno eine der einwohnerstärksten Gemeinden des Kantons.

Vorgeschichte und römische Zeit

Die Bedeutung Giubiascos in früheren Zeiten hängt mit seiner besonderen geografischen Lage als Verkehrsknotenpunkt zusammen: Hier trafen sich die Wege über den Monte Ceneri von Süden, über den Passo San Jorio von Osten, über den San Bernardino und den Gotthardpass von Norden und die Route entlang des Lago Maggiore vom Westen.

Die Entdeckung des grossen Gräberfeldes von Giubiasco im Jahr 1900 und die unkontrollierte Schatzgräberei in vielen Teilen der Nekropole führte zum Verlust zahlreicher Funde und zur Zerstörung oder Vermischung vieler Grabbeigaben, die heute für die archäologische und historische Forschung nicht mehr auswertbar sind. 1905 organisierte das Schweizerische Landesmuseum eine Ausgrabung, die es erlaubte, eine gewisse Anzahl von Gräbern zu retten und wissenschaftlich zu dokumentieren. Weitere, auf kleine Grabgruppen beschränkte archäologische Untersuchungen wurden 1958 und 1971 vom kantonalen Amt für Denkmalpflege durchgeführt. Ein grosser Teil der Funde wird im Landesmuseum in Zürich aufbewahrt, während andere über verschiedene schweizerische und ausländische Museen verstreut sind; die neuesten Funde befinden sich im Amt für Denkmalpflege in Bellinzona.

Gesamtplan der Nekropole mit den Ausgrabungsergebnissen von 1900, 1901 und 1905, aufgezeichnet vom Archäologen Ferdinand Corradi und ergänzt von seinem Kollegen David Viollier. Norden befindet sich links (Schweizerisches Nationalmuseum, Zürich).
Gesamtplan der Nekropole mit den Ausgrabungsergebnissen von 1900, 1901 und 1905, aufgezeichnet vom Archäologen Ferdinand Corradi und ergänzt von seinem Kollegen David Viollier. Norden befindet sich links (Schweizerisches Nationalmuseum, Zürich). […]

Die ausgedehnte Nekropole, die nicht weit entfernt vom heutigen Bahnhof lag, zählte 565 Gräber; sie ist eines der seltenen Tessiner Beispiele für eine durchgehende Benutzung eines Fundortes über einen besonders langen Zeitraum, von der Spätbronzezeit (11. Jh. v.Chr.) bis zur Römerzeit (bis 2. Jh. n.Chr.). Dabei konnten ausschliesslich Grabfunde dokumentiert, aber bis heute keine dazugehörige Siedlung lokalisiert werden. Das Gräberfeld weist verschiedene Bestattungsarten auf: Bei den wenigen Gräbern der Spätbronzezeit liegt Brandbestattung vor. Die Asche der Verstorbenen wurde in tönernen Urnen in einfachen Gräben in der blossen Erde bestattet; die gefundenen Beigaben sind bescheiden und bestehen fast ausschliesslich aus bruchstückhaft überlieferten Keramikgegenständen. In der älteren Eisenzeit zeigt sich auch in Giubiasco der vor allem für das Sopraceneri belegte Wandel des Bestattungsritus: der allmähliche Übergang von der Brand- zur Erdbestattung. Die Gräber waren rechteckige, durch Trockenmauerwerk begrenzte Gräben. Ab der Mitte des 6. Jahrhunderts v.Chr. widerspiegeln die Grabbeigaben die Verbreitung der Golasecca-Kultur: Reichhaltiger als vorher enthielten sie gewöhnlich einige Tongefässe (die Standardbeigabe umfasste eine Urne, eine Schüssel und einen Becher) oder – allerdings seltener – Bronzebehältnisse. Dazu kamen Trachtbestandteile und Schmuckstücke wie Fibeln verschiedener Art in Bronze oder Eisen, Anhänger, Ohrringe, Ringe, verzierte Gürtelbleche und Bernsteinketten.

Der grösste Teil der Gräber geht auf die jüngere Eisenzeit zurück (4.-1. Jh. v.Chr.), in welcher in Giubiasco die Erdbestattung praktiziert wurde. Vom beginnenden 3. Jahrhundert an zeigen die Fundgegenstände keltische Einflüsse als Folge von Wanderungen (v.a. Fibeln des keltischen Typs, Gürtelbeschläge, Anhänger und Bronze-Armspangen), welche die Golasecca-Kultur überlagern. Besonders interessant ist das Vorhandensein von Waffen (Lanzen und Schwertern) und von Helmen; einige Exemplare gehen auf die Endphase der jüngeren Eisenzeit zurück, einem Zeitraum, für den in anderen Gräberfeldern (z.B. in Solduno) Waffenfunde fehlen. Auch mit dem Übergang zur römischen Herrschaft spielte Giubiasco weiterhin eine wichtige Rolle, wahrscheinlich im Zusammenhang mit dem Militärposten des Castel Grande in Bellinzona. Zeugen dafür sind unter anderem die raffinierten Gefässe aus importierter Bronze und eine silberne Schale mit zwei Henkeln vom italischen Typ. Die Benutzung des Gräberfelds in römischer Zeit ist belegt durch Bestattungen, die Gefässe aus Ton, Metall oder Glas enthalten, wie sie typisch für die Grabbeigaben jener Zeit im Tessin sind; es fanden sich auch Münzen und Gegenstände des täglichen Gebrauchs aus Eisen.

Das Ende der Belegung des Gräberfeldes kann aufgrund des archäologischen Materials wohl auf das 2. Jahrhundert n.Chr. datiert werden. Aber es ist wahrscheinlich, dass die Nekropole noch über diese Zeit hinaus benutzt wurde; dafür spricht die Nähe des Militärpostens Bellinzona und die Rolle, die dieser in spätrömischer Zeit gespielt haben dürfte.

Vom Mittelalter bis ins 20. Jahrhundert

Im Frühmittelalter war Giubiasco wahrscheinlich das Zentrum der Besitzungen, welche die Abtei San Pietro in Ciel d'Oro in Pavia im Locarnese und am Oberlauf des Tessins innehatte. Vermutlich stand dort die Kirche Santa Maria von Primasca, die in einer Urkunde des Königs Hugo von Italien aus dem Jahr 929 als Eigentum des Klosters erwähnt wird. Um 1200 wurden die klösterlichen Besitzrechte an den Comasker Adligen Adam von Contone veräussert. Danach haben die Nachbarschaften (vicinanze) der Täler sie zum Teil mit Geldbezahlungen abgelöst. 1186 erliess Friedrich Barbarossa in Giubiasco das Freiheitsprivileg für die Landschaft Locarno. Was die Herrschaftsgeschichte betrifft, so teilte das in der Grafschaft Bellinzona gelegene Giubiasco deren Schicksal: Wie das ganze Sopraceneri im Frühmittelalter Mailand zugeteilt, gelangte es wohl nach 1000 zusammen mit Bellinzona in den Besitz des Bischofs von Como. Nach der Schlacht von Arbedo 1422 fiel es an die Herrschaft von Mailand, die zuerst von den Visconti, dann von den Sforza ausgeübt wurde. Schliesslich wurde Giubiasco nach den Italienfeldzügen der Eidgenossen zu Beginn des 16. Jahrhunderts Teil der Vogtei Bellinzona, einer gemeinen Herrschaft von Uri, Schwyz und Nidwalden. Die 1387 erwähnte Kirche Santa Maria Assunta stammt wohl aus dem 13. Jahrhundert. 1622 wurde sie von Bellinzona abgetrennt und zur Vize-Pfarrkirche, 1804 zur Pfarrkirche erhoben. Der Bau erfuhr vom 15. bis ins 17. Jahrhundert mehrere Umgestaltungen und Vergrösserungen. Einst bildeten Giubiasco und das Valle Morobbia eine einzige Vicinanza, die sich vermutlich in der ersten Hälfte des 16. Jahrhunderts aufspaltete. 1831 teilte sich die Gemeinde Vallemorobbia in Vallemorobbia in Piano, Pianezzo und Sant'Antonio auf. 1867 verschmolzen Vallemorobbia in Piano und Giubiasco zu einer einzigen Gemeinde.

Die Einwohner von Giubiasco betrieben Ackerbau, Viehzucht, Handwerk und Gewerbe (Mühlen und Hammerschmieden), zum Teil fanden sie Arbeit in der Emigration, besonders in Spanien. Dank der italienischen und deutschschweizerischen Händler konnten sich die Viehmärkte ab den ersten Jahrzehnten des 16. Jahrhunderts behaupten. Giubiascos Privileg für den Jahrmarkt im Herbst gab Anlass zu langwierigem Streit mit Lugano, der 1513 ausbrach und erst am Ende des 19. Jahrhunderts beigelegt wurde.

Am 25. August 1814 trafen die Führer der revolutionären liberalen Volksbewegung des Tessins in Giubiasco zusammen, um sich – allerdings vergeblich – der als oligarchisch betrachteten Kantonsverfassung vom 29. Juli zu widersetzen (sogenannter Aufstand von Giubiasco). Die von den Aufständischen eingesetzte provisorische Regierung wurde von den eidgenössischen Truppen abgesetzt; die Anführer erhielten schwere Strafen. 1853 wurden auf der Strecke Camorino-Giubiasco-Sementina Befestigungen errichtet. Weil dazu Tessiner eingesetzt wurden, die im Februar 1853 aus der Lombardei vertrieben worden waren, gingen sie als fortini della fame (Hungerfestungen) in die Geschichte ein. Die Wende vom 19. zum 20. Jahrhundert brachte tiefgreifende Veränderungen im wirtschaftlichen und gesellschaftlichen Leben von Giubiasco, das dank seiner geografischen Lage in unmittelbarer Nähe Bellinzonas zum Knotenpunkt entlang der Gotthard-Eisenbahnlinie aufstieg: 1874 wurde die Verbindung nach Locarno fertiggestellt, 1882 diejenigen nach Lugano und Luino. 1905-1906 entstanden neben der Eisenbahnlinie zwei Industriebetriebe: die Linoleumwerke (später Forbo) und die Maschinenfabrik Lenz (später Fischer e Acciaierie Elettriche del San Gottardo, geschlossen 1925). Seit 1932 bestehen die Eisenwerke Cattaneo AG, die noch heute eine Bedeutung in der regionalen Wirtschaft haben. Landwirtschaft wird noch immer betrieben: Getreide-, Obst- und Gemüsebau in der Ebene, Weinbau in Hanglage.

In Giubiasco entstanden 1928 eine Weinbaugenossenschaft, 1937 eine Markthalle und ausserdem Lagerhäuser, Mühlen und Silos für landwirtschaftliche Erzeugnisse (Società cooperativa agricola ticinese, 1941), an denen sich auch andere Orte der Region beteiligten. Das starke Bevölkerungswachstum der 1970er und 1980er Jahre, eine Folge der Entstehung mittelgrosser Industrie- und kleiner Gewerbebetriebe südlich der Hauptsiedlung, hat sich in jüngster Zeit verlangsamt. Die bebaute Fläche für den Wohnraum und für die gewerbliche Nutzung dehnte sich von den Siedlungskernen am Fusse des Berges zur Ebene aus. 2000 waren zwei Drittel der Arbeitsplätze von Giubiasco im 3. Sektor, etwa ein Fünftel im 2. Sektor angesiedelt; zwei Drittel der Erwerbstätigen arbeiteten auswärts und die Zupendlerquote betrug die Hälfte.

Quellen und Literatur

Vorgeschichte und römische Zeit
  • M. Primas, Die südschweiz. Grabfunde der älteren Eisenzeit und ihre Chronologie, 1970
  • W.E. Stöckli, Chronologie der jüngeren Eisenzeit im Tessin, 1975
  • E. Carlevaro, L. Tori, La necropoli di Giubiasco, 2004
Vom Mittelalter bis ins 20. Jahrhundert
  • Gilardoni, Inventario, 187-203
  • A. Caldelari, Stradario del borgo di Giubiasco, 1978
Weblinks
Normdateien
GND

Zitiervorschlag

Biaggio-Simona, Simonetta; Tarilli, Graziano: "Giubiasco", in: Historisches Lexikon der Schweiz (HLS), Version vom 05.04.2017, übersetzt aus dem Italienischen. Online: https://hls-dhs-dss.ch/de/articles/002034/2017-04-05/, konsultiert am 21.01.2022.