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Giornico

Politische Gemeinde des Kantons Tessin, Bezirk Leventina. Giornico liegt am Fuss der Biaschina-Schlucht und am oberen Rand der Schwemmebene des Tessintals. Die Lage an der Gotthardroute brachte seinen Bewohnern jahrhundertelang zusätzliche Verdienstmöglichkeiten aus dem Transitverkehr über die Alpen und hat den Ort zu einem wichtigen politischen und religiösen Zentrum der unteren Leventina gemacht. 935-940 (?) de Iudicibus Giornicensis, 1202 Iornico; ca. 1210-1258 Zurnigo; alter deutscher Name: Yrnis, Girnis. 1567 115 Feuerstellen; 1745 510 Einwohner; 1850 707; 1880 2147; 1900 768; 1950 820; 1970 1389; 2000 885; 2010 848.

Giornico: Situationskarte 2020 (Geodaten: Bundesamt für Statistik, Swisstopo, OpenStreetMap) © 2020 HLS.
Giornico: Situationskarte 2020 (Geodaten: Bundesamt für Statistik, Swisstopo, OpenStreetMap) © 2020 HLS.

Die grosse Vicinanza Giornico umfasste im Mittelalter 15-20 Siedlungen oder Dörfer, die auf mehrere Degagne verteilt waren, deren Grenzen zum Teil noch nicht geklärt sind; diese Organisationsstruktur hielt sich bis zur Bildung des Kantons Tessin 1803. Während der Herrschaft des Mailänder Domkapitels über die drei Ambrosianischen Täler wurde in Giornico jeweils ein Gerichtstag für die Leventina zur Ergänzung der Haupttagungen in Bodio, den placita, abgehalten. Die Pest suchte Giornico 1484, 1566 und 1629 (265 Opfer) heim. 1567 ist die Pfarrei als selbstständig bezeugt, allerdings ist das Datum der Loslösung von der Mutterkirche in Biasca nicht bekannt.

Die Kirche San Nicolao, im zweiten Jahrzehnt des 12. Jahrhunderts erbaut, ist mit ihren bemerkenswerten Kapitellen die bedeutendste romanische Kirche des Kantons; ursprünglich war sie Teil eines im 15. Jahrhundert eingegangenen Benediktinerklosters. Die Pfarrkirche San Michele, bezeugt ab 1210, wurde im Spätmittelalter in eine dreischiffige Anlage umgebaut. Diese ersetzte 1787 eine einschiffige Kirche; der Chor stammt von 1644, der Glockenturm von 1861. Die Kirche Santa Maria del Castello, mit Fresken eines Seregneser Meisters aus dem Jahr 1448, wurde in verschiedenen Bauphasen auf dem Gelände einer Burg errichtet, die wahrscheinlich im 12. Jahrhundert von der Familie der da Giornico erbaut und 1518 von den Urnern zerstört wurde (Mauerreste des Palas haben sich erhalten). Zu den sieben Gotteshäusern von Giornico gehört schliesslich die Kirche San Pellegrino an der alten Strasse nach Chironico, die 1345 geweiht und im 16. Jahrhundert erweitert wurde. Sie beherbergt den grössten Bestand an Spätrenaissance-Wandmalereien im Tessin (Giovanni Battista Tarilli und Domenico Caresana, 1589).

Sicht talaufwärts auf das Dorf in der Leventina, um 1830. Kolorierte Aquatinta von Rudolf Bodmer, nach Wilhelm Rudolf Scheuchzer (Schweizerische Nationalbibliothek, Bern, Sammlung Gugelmann).
Sicht talaufwärts auf das Dorf in der Leventina, um 1830. Kolorierte Aquatinta von Rudolf Bodmer, nach Wilhelm Rudolf Scheuchzer (Schweizerische Nationalbibliothek, Bern, Sammlung Gugelmann). […]

Die Casa Stanga, ein altes Wirtshaus aus dem 16. Jahrhundert, ist bekannt für die Fassade, die mit den um 1589 vielleicht von Tarilli oder Caresana gemalten Wappen berühmter Gäste verziert ist; seit 1972 ist das Gebäude Sitz des Museums der Leventina. Im Ortszentrum befindet sich ein mittelalterlicher Turm, dessen Bau nach der Überlieferung dem Bischof Atto von Vercelli zugeschrieben wird. Charakteristisch für den Ortskern ist eine Häuserzeile aus dem 18.-19. Jahrhundert. Die Ortschaft war 1868 von einer Überschwemmung und 1978, 1993 und 2000 von Bergrutschen betroffen; neu erstellte Verbauungen sollen diesen Bedrohungen vorbeugen. Die alte Strasse überwand den Tessin mit zwei Steinbogenbrücken und führte auf der rechten Talseite unter Umgehung der Biaschina in Richtung der Kirche San Pellegrino. Heute wird die Schlucht von Strassenkehren, den Kehrtunneln der Bahn und dem längsten und höchsten Autobahnviadukt der A2 überwunden.

Der Bau der Eisenbahnlinie im 19. Jahrhundert brachte für Giornico einen Bedeutungsverlust mit sich, da wegen des starken Gefälles der Bahnlinie (27‰) der Bau einer für Handel und Verkehr geeigneten Bahnstation nicht möglich war. Die günstigen klimatischen Bedingungen haben vor allem den Anbau von Reben und Kastanien ermöglicht. Vom Bauern- und Säumerdorf, das vom Gotthardverkehr lebte, hat sich die Gemeinde allmählich zum Industrie- und Wohnort gewandelt, wobei sich die Entwicklung nach dem Zweiten Weltkrieg beschleunigte. Die Stahlwerke der Firma Monteforno, die 1946 eröffnet worden waren, schlossen am 31. Januar 1995 definitiv. Die Diskussion um die Zukunft dieses aufgegebenen Areals (Parkzone für den Schwerverkehr) ist noch immer offen. Einen Wiederaufschwung erfuhr der industrielle Sektor in Giornico 2004 durch den Zuzug der im Bereich des Eisenbahnzubehörs tätigen Tensol Rail AG aus Piotta (2002 mit einem Umsatz von 22,3 Mio. Franken). Um 2000 bot der 3. Sektor etwas weniger als die Hälfte der Arbeitsplätze an, der 2. Sektor ca. ein Drittel; etwa zwei Drittel der aktiven Bevölkerung waren Wegpendler.

Quellen und Literatur

  • MDT, Ser. 1
  • Bianconi, Inventario, 1948
  • V. Gilardoni, Il Romanico, 1967
  • Giornico 1478-1978, 1979
Weblinks
Normdateien
GND

Zitiervorschlag

Fransioli, Mario: "Giornico", in: Historisches Lexikon der Schweiz (HLS), Version vom 18.01.2021, übersetzt aus dem Italienischen. Online: https://hls-dhs-dss.ch/de/articles/002077/2021-01-18/, konsultiert am 20.09.2021.