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Ascona

Politische Gemeinde des Kantons Tessin, Bezirk Locarno, am rechten Ufer des Maggiadeltas an einer Bucht des Langensees gelegen (199 m), mit den Ortsteilen Gerbi, Monescie, Monte Verità, Moscia und Saleggi. 1224 burgus de Scona, deutsch früher Aschgunen. 1591 ca. 1000 Einwohner; 1801 772; 1850 902; 1900 942; 1920 1118; 1950 2923; 1980 4722; 2000 4984 (davon 66% italienischsprachig).

Ur- und Frühgeschichte

Die ältesten archäologischen Funde in Ascona (San Materno, San Michele) gehen auf die beginnende Spätbronzezeit zurück. Bei der Erweiterung des Friedhofs wurde 1952 die 21 Brandgräber umfassende Nekropole von San Materno erforscht. Die Urnen – entweder direkt oder durch eine Steinplattenkiste geschützt in der Erde begraben – enthielten kremierte Knochen und in einigen Fällen bronzene Grabbeigaben. Von besonderem Interesse sind die Bronzefibeln, die zu den ältesten zählen, die bisher auf dem Gebiet der Schweiz gefunden worden sind. Gleichzeitig stellen sie ein wichtiges Zeugnis für die Beziehungen dieses Raumes zu den italischen Kulturen dar. Typologisch weisen die Grabausstattungen Ähnlichkeiten mit denjenigen aus der Endphase der sogenannten Canegrate-Kultur (benannt nach einer grossen Nekropole bei Mailand) auf. Die benutzten Materialien entsprechen denjenigen der ausgehenden Bronzezeit nördlich der Alpen. Dies erlaubt eine Datierung der Nekropole auf die Zeit zwischen dem 12. und dem 10. Jahrhundert v.Chr. und weist darauf hin, dass Ascona am Handelsaustausch teilnahm, der schon zu vorgeschichtlicher Zeit die Alpennordseite über die Pässe des Misox und über den Langensee mit der Poebene verband.

Ähnliche Materialien förderten Sondierungsgrabungen Ende der 1960er Jahre auf dem Burghügel San Michele zutage. Neben Feinkeramik fand man auch gröbere Keramik, was den Schluss zulässt, dass dieses Gebiet zur Spätbronzezeit besiedelt war, selbst wenn zu den Siedlungsstrukturen keine Hinweise vorliegen. Überreste von Mauern sowie Ton- oder Lehmwerk vom Hügel Balladrum, deren Zuschreibung offen ist, sind die einzigen eisenzeitlichen Funde auf Gemeindegebiet. Einen Einzelfund stellt eine Schnabelkanne aus dem 6. bis 5. Jahrhundert dar.

Aus der römischen Kaiserzeit stammen eine Nekropole mit 38 Gräbern (fast ausschliesslich Körperbestattungen), die am Fuss des Kastells San Materno gefunden wurden und deren Ausstattung auf den Zeitraum Mitte 1.-2. Jahrhundert n.Chr. hinweist, sowie wahrscheinlich Reste eines Gutshofs. 1979-1980 kamen bei einer Ausgrabung bei der Kirche San Sebastiano 60 Gräber aus dem Frühmittelalter zum Vorschein.

Mittelalter und Neuzeit

Die Geschichte Asconas im Mittelalter ist eng mit derjenigen Locarnos verknüpft. Die wichtige Rolle Asconas am gemeinsamen Schicksal kommt auch in der Bezeichnung plebis Locarni Asconaeque (1369) zum Ausdruck. Man nimmt an, dass vom 6. Jahrhundert an die Burg San Michele eine curia (Gerichtshof) und Sitz eines sculdascio (langobardische Amtsperson) der Grafschaft Stazzona war, der die Herrschaft über die ganze Pieve Locarno ausübte. 1004 ging die Gerichtsbarkeit über das Locarnese vom Erzbischof von Mailand an den Bischof von Como über. Dieser verlieh 1189 das Kastell San Michele an die Duni, eine der Familien der Capitanei di Locarno. Auch andere Adelsfamilien von Locarno (Da Carcano, Castelletto, Muralto) siedelten sich in Ascona an; zu ihnen gesellten sich die Griglioni, die zur Zeit der Kriege zwischen den Guelfen und Ghibellinen aus Mailand geflüchtet waren. Im 12. und 13. Jahrhundert vergrösserten die Duni ihre Festung, die im 17. Jahrhundert abgerissen wurde und der Kirche San Sebastiano sowie einem Wohnbau Platz machte; die Überreste des Turms wurden 1912 zerstört. Die älteste Befestigungsanlage Asconas ist wahrscheinlich das Kastell San Materno. An seinem Standort nördlich des Fleckens scheint schon ein römischer Turm gestanden zu haben. Die bereits im Frühmittelalter belegte Festung gehörte im 13. Jahrhundert den Familien Orelli und Castelletto; im 17. Jahrhundert war nur noch ein Teil des Mauerwerks erhalten. Im Lauf des 13. Jahrhunderts wurden zwei neue Festungsbauten errichtet: Das Kastell der Carcani lag am Ufer östlich der Kirche Santi Pietro e Paolo und wurde schon in der zweiten Hälfte des 13. Jahrhunderts abgerissen. Noch weiter östlich, ausserhalb des damals bewohnten Gebiets, errichteten die Griglioni eine mit einem kleinen Hafen ausgestattete Burg, von der Teile bis heute bestehen und in moderne Bauten integriert worden sind.

Die Casa Serodine, um 1620 gebaut von Cristoforo Serodine und seinem Sohn Giovanni Battista (Bibliothèque de Genève, Archives A. & G. Zimmermann).
Die Casa Serodine, um 1620 gebaut von Cristoforo Serodine und seinem Sohn Giovanni Battista (Bibliothèque de Genève, Archives A. & G. Zimmermann).

Eine Kirche von Ascona wird 1264 erstmals erwähnt. Vom ursprünglichen, nur Petrus geweihten Gotteshaus sind keine archäologischen Belege vorhanden. Die Kirche Santi Pietro e Paolo wird 1330 als Pfarrkirche, 1332 als Stiftskirche erwähnt. Jedoch sind keine Urkunden vorhanden, welche die Trennung von der Mutterkirche San Vittore in Muralto und damit die Existenz einer frühmittelalterlichen Pfarrei belegen. 1703 wurde die Kirche zur Propstei, 1800 zum Erzpriesteramt erhoben. Das im 16. Jahrhundert vergrösserte Kirchengebäude erfuhr in der zweiten Hälfte des 18. Jahrhunderts tiefgreifende Veränderungen. 1859 wurden die Fassade und die Südseite im neugotischen Stil erneuert. Eine neuerliche Renovation begann 1948, wurde aber abgebrochen, nachdem das aus dem 18. Jahrhundert stammende Mittelgewölbe eingestürzt war. Die zwischen 1399 und 1442 erbaute (und 1584 dem Collegio Papio eingegliederte) Kirche Santa Maria della Misericordia enthält einen der umfangreichsten spätgotischen Freskenzyklen der Schweiz. Weitere bedeutende Kirchenbauten sind die romanische Kirche San Materno und die 1617-1637 erbaute Kirche Madonna della Fontana am Nordhang des Monte Verità, die zum Pilgerziel wurde. Bemerkenswertestes profanes Gebäude ist die Casa Serodine, ein Bau des 17. Jahrhunderts mit reich dekorierter Fassade.

1580 stiftete Bartolomeo Papio aus Ascona, der in Rom zu Reichtum gekommen war, der Gemeinde Ascona 25'000 Scudi für den Bau eines Seminars, verbunden mit der Auflage, das Werk innert drei Jahren zu vollenden. Nach Verhandlungen mit Karl Borromäus, dem Erzbischof von Mailand und Beauftragten von Papst Gregor XIII., wurde beschlossen, die ursprünglich dafür vorgesehene Casa Papio zu verkaufen und das Collegio Papio genannte Kollegium neben der Marienkirche zu errichten (1585-1592). Im Oktober 1584 wurde die Schule gegründet. 1616 übertrug Kardinal Federico Borromeo die Schule der Oblatenkongregation von Mailand, die sie bis 1798 führte. Nach verschiedenen Wechseln wurde sie 1852 säkularisiert und zuerst in ein Gymnasium, dann in eine Mädchenschule und schliesslich ins Istituto Elvetico umgewandelt. 1879 wurde es seiner ursprünglichen Bestimmung zurückgegeben und zuerst dem Bischof von Como, und dann 1885 der apostolischen Verwaltung Luganos unterstellt. In der Leitung lösten sich Salesianer (1894-1910), Assumptionisten (1910-1914) und schliesslich Benediktiner (seit 1924) ab. Im 20. Jahrhundert wurde das Gebäude mehrmals um- und ausgebaut (1924-1927, nach einem Brand 1960, 1975-1976, 1992).

Im Mittelalter bildeten Ascona, Ronco und Castelletto gemeinsam eine Dorfgenossenschaft, die 1321 erstmals bezeugt ist und ab 1369 über eigene Statuten verfügte. 1640/1641 trennte sich Ascona von den beiden anderen Gemeinwesen. Gemäss den Statuten des 14. Jahrhunderts war Ascona mit drei Personen im Rat der Pieve Locarno vertreten, unter eidgenössischer Herrschaft mit zwei Mitgliedern, die im zweijährigen Turnus mit denjenigen von Ronco abwechselten. 1428 verlieh Filippo Maria Visconti dem Ort das Marktrecht, das die Eidgenossen nach der Eroberung des Locarnese 1513 erneuerten. 1798 sprach sich Ascona für den Anschluss an die helvetische Republik aus, wurde jedoch zuerst von französischen Truppen, die dem Städtchen eine gewisse lokale Selbstverwaltung zugestanden, dann von österreichischen Einheiten besetzt. 1803 wurde Ascona politische Gemeinde des neu gegründeten Kantons Tessin.

Bis Anfang des 20. Jahrhunderts basierte die Wirtschaft Asconas hauptsächlich auf Ackerbau, Viehzucht und Fischerei. Von besonderer Bedeutung war die Auswanderung insbesondere von Bauleuten, Architekten und Dekorateuren nach Rom und in die Toskana. Die berühmtesten Künstlerfamilien aus Ascona sind die Serodine, die Abbondio, die Pancaldi und die Pisoni. Weitere Beschäftigungsmöglichkeiten boten die einheimische Leinwandproduktion sowie einige Mühlen. In der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts siedelte sich eine Dynamitfabrik an, die aber nach wiederholten Explosionen schon 1874 geschlossen wurde.

Weltweite Bekanntheit erlangte Ascona durch die 1900 von Ida Hofmann und Henri Oedenkoven gegründete Vegetarier- und Freikörperkolonie auf dem Monte Verità. In den 1920er Jahren entwickelte sich Ascona zu einem beliebten Aufenthaltsort von Künstlern, Intellektuellen und Antifaschisten und über die folgenden Jahrzehnte hinweg, wie andere Orte am Ufer des Langensees, zu einem Tourismusort. 1928 liess Paul Bachrach, Vater der Tänzerin Charlotte Bara, das Theater San Materno erbauen. Auf Initiative von Olga Froebe-Kapteyn fanden ab 1933 die Eranos-Tagungen statt, die seit 1963 von einer Stiftung verwaltet werden und an deren Veranstaltungen unter anderen Carl Gustav Jung und Karl Kerényi teilnahmen. Verschiedene Bauten aus den 1920er Jahren legen Zeugnis ab vom frühen Interesse an der avantgardistischen Architektur.

Im 20. Jahrhundert flossen in Ascona die Einkünfte immer ausgeprägter aus dem Hotel- und Ferienwohnungs-Tourismus. Seit 1970 hat die Zahl der Zweitwohnungen stark zugenommen, und Ende des 20. Jahrhunderts beherbergte Ascona in der Sommersaison ca. 20'000-25'000 Feriengäste. Eng mit dem aufkommenden Fremdenverkehr verbunden war das in den 1920er Jahren einsetzende demografische Wachstum, das ab 1925 mit einer bemerkenswerten Umverteilung des Grundbesitzes einherging: Bereits 1934 zählten neben 299 Tessinern 88 andere Schweizer, 41 Deutsche, 35 Italiener und 31 Angehörige anderer Nationalitäten zu den Grundbesitzern in Ascona. Die Siedlungsfläche hat sich seit 1960 immer mehr gegen Norden ausgedehnt, sodass Locarno und Ascona heute eine einzige Agglomeration bilden. Zwei Brücken verbinden Ascona mit dem linken Ufer der Maggia, diejenige bei Solduno, die 1815-1816 erbaut, 1887 nach der Überschwemmung von 1868 neu errichtet und 1996 erneuert wurde, und eine 1974-1980 weiter taleinwärts erbaute. Seit 1947 besitzt Ascona einen dem Fremdenverkehr dienenden Flugplatz, dessen Schliessung jedoch in den nächsten Jahren vorgesehen ist.

Quellen und Literatur

Ur- und Frühgeschichte
  • A. Crivelli, Atlante preistorico e storico della Svizzera Italiana, 1943 (Nachdr. 1990)
  • R. Janke, «Il Ticino dalla media età del bronzo all'età del ferro», in ArS 17, 1994, 52-57
Mittelalter und Neuzeit
  • G. Wielich, Das Locarnese im Altertum und MA, 1970
  • Monte Verità, Ausstellungskat. Ascona, 1978
  • Kdm TI 2, 1979, 24-185
  • V. Gilardoni, «Fonti per la storia di un borgo del Verbano, Ascona», in AST 81-82, 1980, 1-392
Weblinks
Normdateien
GND

Zitiervorschlag

Rosanna Janke; Rodolfo Huber: "Ascona", in: Historisches Lexikon der Schweiz (HLS), Version vom 25.08.2009, übersetzt aus dem Italienischen. Online: https://hls-dhs-dss.ch/de/articles/002086/2009-08-25/, konsultiert am 07.12.2022.