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Balerna

Politische Gemeinde des Kantons Tessin, Bezirk Mendrisio. Das von Transitachsen der Gotthardlinie durchzogene Gemeindegebiet umfasst auch die Siedlungen Caslaccio, Mercole, Sant'Antonio, Bisio, Pontegana, Passeggiata. 1115 Barerna. 1652 341 Einwohner; 1696 367; 1723 422; 1801 518; 1850 889; 1900 1612; 1950 2625; 1970 3885; 2000 3415.

Als das Mailänder Kloster Sant'Ambrogio 844 und 865 in Balerna Güter erwarb, bildete Balerna zusammen mit dem benachbarten Castel San Pietro ein concilium (Nachbarschaft). Im 12. Jahrhundert besassen geistliche Zehntherren (decimani) sowie das Kloster Sant'Abbondio in Como Grundrechte in Balerna.

Spätestens ab dem 12. Jahrhundert wurde Balerna Zentrum einer Pieve, die im kirchlichen Bereich den heutigen Bezirk Mendrisio ohne Chiasso (Pieve Zezio) sowie einige Gebiete der Pieve Riva San Vitale umfasste. Mit Riva und Uggiate bildete Balerna im 12. Jahrhundert ein consorzio (Gütergemeinschaft). Politisch waren auch Chiasso, Boffalora, Pedrinate, Seseglio, Novazzano, Coldrerio, Villa, Castel San Pietro, Vacallo und das Valle di Muggio Teil der Pieve Balerna. Vom 9. Jahrhundert an gehörte Balerna den Grafen von Seprio. Im 13. Jahrhundert stand Balerna zunächst in Abhängigkeit der Stadt Como (Quartier Porta Sala), später in jener des Bischofs. Mit Como geriet Balerna 1335 unter die Herrschaft der Mailänder Visconti, auf die Franchino Rusca folgte. 1412 kam Balerna wieder an die Herzöge von Mailand, die es 1416 endgültig von Como trennten. Balerna wurde nun von einem Podestà regiert, der zwar in Mendrisio residierte, aber in Balerna seinen Gerichtshof hatte. In der Folgezeit gehörte Balerna einer Vielzahl von Herren: den Rusca (1416-1432), den Sanseverino, der Ambrosianischen Republik, schliesslich den Sforza, die es 1475 verwaltungsmässig von Mendrisio trennten. 1499 ging Balerna in den Besitz des Grafen Bartolomeo Crivelli über, wurde aber noch im gleichen Jahr von den Franzosen besetzt. 1512 folgten ihnen die Eidgenossen, die es mit Mendrisio zu einer Vogtei vereinigten, in welcher Balerna seine wiederholt bestätigten Privilegien behaupten konnte. Bis 1573 hatte der Vogt in Balerna einen Gerichtshof, in den Balerna zwei plebani und Mendrisio zwei reggenti abordnete. 1798 sollte Balerna der Cisalpinischen Republik zugeschlagen werden, doch sprach sich Balerna in einer Abstimmung für die Schweiz aus. Im Dekret von Aarau vom 30. Mai 1798 wurde Balerna daraufhin zusammen mit Mendrisio der Helvetischen Republik angeschlossen.

Das 1148 erwähnte Chorherrenstift San Vittore besass auf dem Gebiet der Pieve neben einigen Gütern das Zehnt- und das Gastungsrecht. Die ersten erhaltenen Statuten stammen von 1491. Die Zahl der Kanoniker schwankte stets: 1209 9; 1362 7; 1491 2; 1566 5; 1652 8; 1846 8. Die Leitung des Stifts bot zu zahlreichen Kontroversen Anlass, so 1500 zwischen dem Erzpriester und den Chorherren, im 17. Jahrhundert zwischen den Chorherren und den abgabepflichtigen Dörfern. Die kirchliche Bedeutung von Balerna belegen Gebäude wie die Anfang des 18. Jahrhunderts von Bischof Bonesana erbaute Villa vescovile, die ehemalige Nuntiatur (um 1750 durch Erzpriester Torriani erbaut) und vor allem die Stiftskirche San Vittore, die trotz starken Veränderungen Ende des 16. Jahrhunderts und im 19. Jahrhundert ihre romanische Apsis bewahrte (1927 und 1953 restauriert).

Im Ancien Régime wurde Balerna wirtschaftlich von hauptsächlich in der Lombardei ansässigen geistlichen (Mensa des Bischofs, Domkapitel) und weltlichen Herren dominiert, denen ein Grossteil des Landes gehörte. Das in Halbpacht ausgegebene Land, auf dem Wein, Weizen, Roggen und Mais angebaut wurde, ernährte eine Bevölkerung mit geringer Lebenserwartung; Mitte des 16. Jahrhunderts war ein Drittel der Bevölkerung unter zehn Jahre alt. In den folgenden Jahrhunderten stieg die Bevölkerungszahl leicht an, wobei ein bestimmter Prozentsatz von Abwesenden und Emigranten stets abgezogen werden muss (7-8% um 1650). Erst im Laufe des 19. Jahrhunderts, durch den Aufschwung des Verkehrs (1880 Bau des Bahnhofs) gefördert, entstanden neben den bereits früher wichtigen Kalkbrennereien eine Zementfabrik, Tabakmanufakturen und Weinhandlungen. Dennoch dominierte Anfang des 20. Jahrhunderts noch immer die Landwirtschaft. Heute besteht die bäuerliche Tradition in der 1913 eröffneten Kantonalen Landwirtschaftsschule in Mezzana weiter. Mit dem Aufschwung von Industrie und Dienstleistungssektor nach 1945 stieg auch die Bevölkerungszahl rasch an. Die Zahl der Landwirtschaftsbetriebe verringerte sich von 75 (1929) über 41 (1955) auf 6 (1990). 78% der in Balerna aktiven Bevölkerung arbeiteten 1990 im 3. Sektor, 20% in der Industrie. Hauptarbeitgeber waren der internationale Frachthof von Chiasso (zum Teil auf Gemeindegebiet), grosse Speditionsfirmen, metallverarbeitende Betriebe und Kaffeeröstereien.

Quellen und Literatur

  • StiA und GemA
  • O. Camponovo, Sulle strade regine del Mendrisiotto, 1958 (21976)
  • HS II/1, 51-65
  • M. Quadri, Balerna, 1989 (21997)
  • Balerna, hg. von R. Turrin, 1996
Weblinks
Normdateien
GND

Zitiervorschlag

Stefania Bianchi: "Balerna", in: Historisches Lexikon der Schweiz (HLS), Version vom 08.09.2009, übersetzt aus dem Italienischen. Online: https://hls-dhs-dss.ch/de/articles/002222/2009-09-08/, konsultiert am 30.11.2022.