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Chiasso

Politische Gemeinde des Kantons Tessin, Bezirk Mendrisio. Grenzort zu Italien, der seit 1976 mit Pedrinate auch den südlichsten Ort der Schweiz umfasst. 1140 Claso. 1591 160 Einwohner; 1685 315; 1769 455; 1801 479; 1850 1265; 1900 3700; 1910 5722; 1920 5439; 1950 5744; 1970 8868; 1980 8583 (mit Pedrinate); 2000 7720. Pedrinate: 1685 160 Einwohner; 1801 197; 1850 276; 1900 436; 1950 493; 1970 458.

Chiasso: Situationskarte 2022 (Geodaten: Bundesamt für Statistik, Swisstopo, OpenStreetMap) © 2022 HLS.
Chiasso: Situationskarte 2022 (Geodaten: Bundesamt für Statistik, Swisstopo, OpenStreetMap) © 2022 HLS.

Geschichte und Entwicklung des Orts wurden stark von seiner besonderen Lage geprägt. In Chiasso stand vermutlich eine Burg als Teil der Befestigungsanlagen Comos. Chiasso gehörte als Vorstadt zu Como, bis es 1416 bei der Zuteilung der Pieve Balerna an die Rusca in deren Verwaltung integriert wurde. Die Höfe im Ortskern, im Besitz der Familie Albrici, behielten jedoch ihre kaiserlichen Privilegien, wie auch die Dorfgenossen von Boffalora, dessen masserie (Halbpachtbetriebe) und Mühlen im Besitz der Interlenghi waren. Pedrinate (1291 Pedrenate), auf dessen Alter römische Funde bei der Kirche Santo Stefano (1545 erwähnt, kirchlich noch im 17. Jh. zu Balerna gehörend) hinweisen, ist wie seine Fraktion Seseglio 1335 als Dorfgenossenschaft erwähnt (Pedernate e Sicylio). Chiasso dagegen wurde vor 1552 Gemeinde; in den zeitgenössischen Dokumenten wird es als Clasio tabernarum («Chiasso der Tavernen») bezeichnet, was auf seine Funktion als Durchgangsort hinweist. Boffalora ist 1536 als Gemeinde erwähnt und blieb bis in die zweite Hälfte des 17. Jahrhunderts selbstständig. Erst nach 1657 bzw. 1677 wurden beide Gemeinden einem einzigen Gemeindevorsteher in Chiasso unterstellt. Kirchlich gehörte Chiasso zur Pieve Zezio (Como), von der es sich im Verlauf des 16. Jahrhunderts löste. 1888 wurde die Pfarrei Chiasso definitiv abgetrennt, 1928 zur Erzpriesterei erhoben. Die Kirche San Vitale, 1227 erstmals erwähnt, wurde 1934 neu erbaut.

Plakat für Toscani-Zigarren, 1959 (Museum für Gestaltung Zürich, Plakatsammlung, Zürcher Hochschule der Künste).
Plakat für Toscani-Zigarren, 1959 (Museum für Gestaltung Zürich, Plakatsammlung, Zürcher Hochschule der Künste).

Im 15. Jahrhundert war Chiasso für seinen Pferdemarkt bekannt, der nach der Angliederung an die Eidgenossenschaft und den Mailänderkriegen (Chiasserzug 1510) nicht mehr stattfand. Noch im ausgehenden 16. Jahrhundert hatte Chiasso im Vergleich zu anderen Gemeinde des Mendrisiotto sehr wenige Einwohner. Das Dorf lebte von seiner Funktion als Grenzort (Wirts- und Gasthäuser), den Erträgen aus der Landwirtschaft (welche die zumeist aus Como stammenden Besitzer – Adelsfamilien und Körperschaften – den Bauern im Teilbau verpachteten) sowie von den Walk- und Papiermühlen. Zu diesen ersten gewerblichen Betrieben kamen im 19. Jahrhundert Tabak- und Seidenmanufakturen hinzu. Das Aufkommen der Eisenbahn (Grenzbahnhof, Speditionshäuser, Grenzhandel) bewirkte einen wirtschaftlichen und demografischen Aufschwung Chiassos: 1874 wurde die Linie Chiasso-Lugano, 1876 diejenige nach Como eingeweiht. In der Folge wurden der internationale Bahnhof, 1925 das Zollfreilager eröffnet. Da das Gemeindegebiet begrenzt war, dehnte sich der Ballungsraum Chiasso auf benachbarte Gemeinden aus; neues Bauland konnte durch die Kanalisierung der Flüsse Breggia und Faloppia gewonnen werden. Mit dem Wachstum des 3. Sektors nach 1950 wurde Chiasso auch wichtiger Finanzplatz und wirtschaftliches Zentrum des Mendrisiotto, was eine starke Bevölkerungszunahme zur Folge hatte. Seit den 1980er Jahren ist jedoch eine Dezentralisierung im Gange: Bevölkerung und Arbeitsplätze, vor allem jene des 3. Sektors, verlagerten sich in Nachbargemeinden, die als Wirtschaftsstandorte wettbewerbsfähig geworden sind und zudem eine höhere Lebensqualität bieten. Dies gilt auch für Pedrinate; trotz seines nach wie vor ländlichen Charakters ist es zum Wohnvorort geworden. Seit einigen Jahren verfügt Chiasso über ein reichhaltiges kulturelles Angebot: seit 1989 Chiassodanza (Tanzfestival), seit 1991 Festate (Festival der Weltmusik), seit 1997 Jazzfestival, 2001 Wiedereröffnung des 1935 errichteten Cinema Teatro (Filmvorführungen, Theater, Musik, Tanz). Für 2005 ist die Eröffnung des maxMuseo (Werke des Schweizer Grafikers Max Huber) vorgesehen.

Das italienisch-schweizerische Strassenzollamt in den 1950er Jahren. Fotografie von Christian Schiefer (Archivio di Stato del Cantone Ticino, Bellinzona, Fondo Christian Schiefer).
Das italienisch-schweizerische Strassenzollamt in den 1950er Jahren. Fotografie von Christian Schiefer (Archivio di Stato del Cantone Ticino, Bellinzona, Fondo Christian Schiefer).

Quellen und Literatur

  • I. Antognini, Pagine di storia chiassese, 3 Bde., 1958-59, (Nachdr. 1988)
  • O. Camponovo, Sulle strade regine del Mendrisiotto, 1958 (21976)
  • O. Camponovo, Sui sentieri del passato, 1966
  • A. Bächtold, Toponomastica chiassese tra cronaca e storia, 1985
  • C. 2001: situazione, prospettive e proposte, 1990
  • N. Ossanna Cavadini, Chiasso fra Ottocento e Novecento, 1997
Weblinks
Normdateien
GND

Zitiervorschlag

Stefania Bianchi: "Chiasso", in: Historisches Lexikon der Schweiz (HLS), Version vom 30.06.2022, übersetzt aus dem Italienischen. Online: https://hls-dhs-dss.ch/de/articles/002230/2022-06-30/, konsultiert am 07.12.2022.