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Claro

Gesamtansicht. Postkarte, gezeichnet um 1900 (Archivio di Stato del Cantone Ticino, Bellinzona).
Gesamtansicht. Postkarte, gezeichnet um 1900 (Archivio di Stato del Cantone Ticino, Bellinzona). […]

Ehemalige politische Gemeinde des Kantons Tessin, Bezirk Bellinzona, seit 2017 mit Camorino, Giubiasco, Gnosca, Gorduno, Gudo, Moleno, Monte Carasso, Pianezzo, Preonzo, Sant'Antonio und Sementina Teil der Gemeinde Bellinzona. Zum Gemeindegebiet gehörte das gleichnamige Dorf mit mehreren verstreuten Ortsteilen auf einem weiten Schuttkegel an der linken Talseite. Vor der Fusion war es dem Bezirk Riviera angeschlossen. 1120 locus Clari. 1567 800 Einwohner; 1801 829; 1850 962; 1900 920; 1950 934; 2000 2159. Der schon in prähistorischer Zeit besiedelte Ort liegt in der Riviera, einem Durchgangsgebiet, in welches mehrere Alpentäler münden; die Anwesenheit von Familien aus dem Locarneser Adel und die hohe Anzahl herrschaftlicher und kirchlicher Gebäude belegen die strategische Bedeutung des Dorfes insbesondere im Mittelalter.

Während der langobardischen Epoche war Claro wahrscheinlich ein Militär- und Verwaltungszentrum von mittlerer Bedeutung; zu Beginn des 12. Jahrhunderts gehörte der Ort zum Besitz einer Valvassorenfamilie (Vasallen niederen Ranges) des Erzbischofs von Mailand. 1120 wurden diese Güter ans Domkapitel abgetreten. Wahrscheinlich verstärkte darauf der Locarneser Adel, der sich schon im nahen Schloss von Gnosca niedergelassen hatte, seine Präsenz im Dorf. Gegen 1200 wurde das Gebäude von Cortauro erbaut, vermutlich als Sitz eines Steuerbezirks des Mailänder Kapitels, der sogenannten Castaldia, der Zehnten, Zinsen und Abgaben aus Ortschaften des Bellinzonese und der oberen Täler zuflossen. Im 14. Jahrhundert ging die Castaldia an Private über, im 15. Jahrhundert an die Vicinanza von Claro. Das sogenannte Schloss der Magoria, das die Capitanei aus Locarno in Scubiago erbauen liessen (auch sie hatten in der Region Zehntrechte), geht vermutlich auf das Ende des 13. Jahrhunderts zurück. In der Mitte des 15. Jahrhunderts erbten die Magoria in Bellinzona den Besitz von Claro. Mit dem Anbruch der Mailänder Herrschaft bekam Claro wohl ein Autonomiestatut, das demjenigen der anderen Gemeinden der Riviera entsprach; zudem wurde es, zusammen mit Cresciano und Osogna, einem Statthalter des Herzogs unterstellt. 1466 wurden die Dorfrechte bestätigt. 1499-1798 gehörte Claro zur Landvogtei Riviera, einer gemeinen Herrschaft von Uri, Schwyz und Nidwalden.

Auf dem Gebiet von Claro gibt es viele Kirchen: die beiden Pfarrkirchen Santi Nazaro e Celso im Ortsteil Scubiago (im 13. Jh. erwähnt) und Santi Sebastiano e Rocco (1567), die Kirchen San Lorenzo in Cassero (im 13. Jh. erwähnt), Sant'Ambrogio in Brogo (1404 erwähnt) und Santi Maria e Satiro (1504 erwähnt). Über dem Dorf erhob sich eine Marienkirche (ab dem 13. Jh. belegt), der das 1490 gegründete, Santa Maria Assunta geweihte Benediktinerinnenkloster angegliedert wurde (heute 15-20 Ordensschwestern). Gründerin war die aus dem Mailänder Kloster San Quirico (genannt Bocchetto) stammende Nonne Scolastica de Vincemalis. Das Kloster wurde bald zu einer Abtei erhoben und widmete sich dann der Erziehung junger Mädchen (die älteste Liste der weiblichen Zöglinge datiert aus den Jahren 1560/1561). Im Lauf des 17. Jahrhunderts wurde das Gebäude erweitert; in der Seitenkapelle der Kirche befindet sich eine holzgeschnitzte Pietà aus dem 15. Jahrhundert. 1559 wurden durch ein päpstliches Dekret einige der Ordensschwestern damit beauftragt, das heruntergekommene Kloster in Seedorf (UR) neu zu organisieren.

Seit dem 14. Jahrhundert war der Ortsteil Torrazza Lagerort und Umladestation für den Warentransport (Sust). Während Jahrhunderten lebte Claro vorwiegend von der Landwirtschaft; als Ergänzung dienten die Einkünfte aus der saisonalen Auswanderung. Ab dem Ende des 19. Jahrhunderts gab es Granitsteinbrüche im Dorf; ein bescheidenes Volkshaus (Casa del popolo) zeugt von der beständigen Anwesenheit von Arbeitern. Die Eisenbahnstation wurde 1874 erbaut. In den letzten Jahrzehnten des 20. Jahrhunderts erlebte das Gebiet enorme Veränderungen; auf dem immer weniger genutzten Landwirtschaftsland entstanden zahlreiche Wohnhäuser. Diese Entwicklung war unter anderem auf die günstige geografische Lage von Claro (in der Nähe der städtischen Agglomeration Bellinzona) zurückzuführen. In der Ebene entstanden kleine Industrieansiedlungen. Vor dem Bau der Autobahn A2 wurde das Dorf vom Nord-Süd-Verkehr durchfahren; deshalb gab es bis in die frühen 1980er Jahre einen bescheidenen Durchgangstourismus mit entsprechender Infrastruktur (zwei Motels).

Quellen und Literatur

  • ASTI, Sammlung Pometta
  • MDT, Serie 2
  • V. Gilardoni, Il Romanico, 1967, 301 f.
  • W. Meyer, Burgen der Schweiz 2, 1982, 27 f.
  • HS III/1, 1679-1712
Weblinks
Normdateien
GND

Zitiervorschlag

Giuseppe Chiesi: "Claro", in: Historisches Lexikon der Schweiz (HLS), Version vom 05.04.2017, übersetzt aus dem Italienischen. Online: https://hls-dhs-dss.ch/de/articles/002249/2017-04-05/, konsultiert am 03.12.2022.