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MorgesGemeinde

Die Stadt vom See aus gesehen. Aquarell von Albrecht Kauw, 1676 (Bernisches Historisches Museum) © Fotografie Stefan Rebsamen.
Die Stadt vom See aus gesehen. Aquarell von Albrecht Kauw, 1676 (Bernisches Historisches Museum) © Fotografie Stefan Rebsamen. […]

Politische Gemeinde des Kantons Waadt, Hauptort des Bezirks Morges, 10 km südwestlich von Lausanne. Der Ort liegt an der grossen historischen Handelsroute am Nordufer des Genfersees, in einer Bucht, die eine natürliche Anlegestelle bildet. Morges ist eines der städtischen Zentren der La Côte. 1288 Morgia. 1459 130 Haushalte; 1721 1942 Einwohner; 1764 2385; 1850 3241; 1900 4421; 1950 6456; 2000 14'154; 2010 14'744.

Morges: Situationskarte 2018 (Geodaten: Bundesamt für Statistik, Swisstopo, OpenStreetMap) © 2019 HLS.
Morges: Situationskarte 2018 (Geodaten: Bundesamt für Statistik, Swisstopo, OpenStreetMap) © 2019 HLS.

Ur- und Frühgeschichte

Die auf der Höhe von Morges gelegenen, heute überfluteten urgeschichtlichen Dörfer wurden ab 1854 von den Archäologen Adolf von Morlot, François Forel, François-Alphonse Forel und Frédéric Troyon untersucht. Grande-Cité, die grösste und berühmteste Seeufersiedlung, war in der Spätbronzezeit belegt. Pfahlwerk und Gebäudestrukturen haben sich zum Teil in situ erhalten. Etwa 100 m weiter nördlich liegt die Siedlung Vers-l’Eglise, die ebenfalls in der Spätbronzezeit bewohnt war. Ihre erste Belegung reicht jedoch ins Endneolithikum zurück, in die Zeit zwischen ca. 2900 und 2700 v.Chr. Nordöstlich der Grande-Cité liegt die dritte Seeufersiedlung, Les Roseaux, deren erste Besiedlungsphase in die Frühbronzezeit fällt. Zahlreiche Gegenstände wurden hier gefunden, so Randleistenbeile aus Bronze und Tassen aus Feinkeramik (sogenannter Typ Roseaux). Die Areale Grande-Cité und Vers-l’Eglise, die unter der Bezeichnung Morges-Stations de Morges zusammengefasst werden, sowie Morges-Les Roseaux zählen zu den 56 Ufersiedlungen der Schweiz, die im Unesco-Welterbe Aufnahme fanden.

Die Bucht von Morges, deren frühgeschichtliche Siedlungen bemerkenswert gut erhalten sind, scheint später verlassen worden zu sein. Möglicherweise wurde sie von mehreren gallorömischen villae der Region landwirtschaftlich genutzt. Ein Gräberfeld aus unbestimmter Zeit wurde im Gebiet En Saint-Jean entdeckt.

Mittelalter

1286 gründete Ludwig I. von Savoyen in dem Weidegebiet, in dem schon vorher ein Galgen stand, eine Stadt. Eine Burg sorgte für deren Schutz. Städtische Freiheiten sind 1293 belegt. Die Stadtgründung erfolgte auf Kosten der Herrschaft Vufflens, des Bistums Lausanne und des Klosters Romainmôtier, die dort über Rechte verfügten. Die Stadt entwickelte sich rasch zu einem Verwaltungs- und Marktzentrum und zu einem Umschlagplatz für den Gütertransport zu Wasser und zu Lande.

Im Mittelalter war Morges saisonale Residenz des savoyischen Hofs und Sitz einer Kastlanei. Das städtische Territorium bildete ein einziges Lehen, das dem sogenannten Klafterzins (droit de toisé) unterstellt war, einer Abgabe, die nach der zur Strasse hin gerichteten Stirnseite der jeweiligen Parzelle bemessen wurde. Der Plan der seit ihrer Gründung durch Befestigungen begrenzten Stadt entsprach denjenigen der Zähringerstädte; die Anlage war durch zwei 13-18 m breite Längsstrassen - angelegt für die grossen Jahrmärkte - sowie eine dritte, parallel geführte Strasse geprägt, die von der raschen Erweiterung des ursprünglichen Stadtplans zeugt (Couvaloup, 1318 erwähnt). Hinzuweisen ist ferner auf den rechtwinklig angelegten Platz für den Wochenmarkt, die Gässchen mit Abwasserkanälen sowie die streifenförmigen Parzellen. Die meisten Häuser waren mit Innenhöfen für Licht und Belüftung, manche zudem mit Wendeltreppen und Lauben ausgestattet. Die religiösen Einrichtungen sowie die mit ihnen verbundenen Fürsorge- und Bildungsanstalten mit Pfarrhäusern, dem Spital und dem Kollegium befanden sich in der Nordhälfte des Orts in der Nähe der Kirche. Der Handel entfaltete sich dagegen vor allem in der südlichen Stadthälfte, rund um den Hafen und den Marktplatz. Dort lagen auch die Markthallen, das Kornhaus, das Schlachthaus und die wichtigen Gasthöfe, deren bedeutendste die Auberge de la Croix Blanche war (Grande-Rue 70-72, Fassade in spätgotischem Stil, um 1550).

Das Schloss im Süden der Stadt gleicht mit seinem annähernd quadratischen Grundriss und den vier runden Ecktürmen demjenigen von Yverdon, das vielleicht als Vorbild diente. Einer der Rundtürme, mächtiger und etwas stärker abgesetzt als die anderen, diente als Hauptturm. Der erhöhte Innenhof bedeckt die mittelalterlichen Kasematten, die bereits um 1340 bezeugt sind. An der Seeseite war aussen - einzigartig in der Schweiz - eine befestigte Küche an die Festung angegliedert, die 1363 repariert und in Berner Zeit in eine Plattform für Schützen, später in eine Aussichtsterrasse umgewandelt wurde.

Die ersten Syndics sind um 1375 bezeugt. Das Rathaus, gegen 1515-1520 errichtet, ist das älteste öffentliche Gebäude dieser Art im Kanton Waadt (vorstehender Treppenturm, monumentales Portal von 1682, Fassaden im spätgotischen Stil). Vor seiner Errichtung waren die öffentlichen Versammlungen in der Kirche, im Spital oder in einer Herberge abgehalten worden. Bis ins 16. Jahrhundert führte ein Kleiner Rat mit sechs oder sieben Mitgliedern sowie ein Generalrat (Conseil général) die laufenden Geschäfte. 1514 wurde stattdessen je ein zwölf- und ein vierundzwanzigköpfiger Rat eingerichtet, die beide bis zum Ende des Ancien Régime bestanden. Die Gemeinde, deren erste Statuten von 1511 datieren, besass ihre eigenen Masseinheiten, ihr Schützenfest au papegay (1518 bezeugt; die Schützenkönige erhielten Kronen, die zu den ältesten erhaltenen des Kantons Waadt gehören), zwei Gemeindebacköfen, ein 1328 erwähntes Pfrundhaus, ein Siechenhaus (1340-1564) und ein dem heiligen Rochus geweihtes Spital (1518). Der Pranger befand sich auf dem Marktplatz, das Gefängnis auf der Burg, der herrschaftliche Galgen in Tolochenaz.

Kirchlich gehörte Morges im Mittelalter zur ehemaligen Pfarrkirche Notre-Dame in Joulens (Gemeinde Echichens). Die Stadtkapelle, die 1306 erstmals ohne Hinweis auf das Patrozinium erwähnt ist (1490 Notre-Dame), war auf der Lausanner Seite an die Befestigungsmauer angelehnt; ihr vorspringender Turm, der an das Stadttor grenzte, diente auch der Verteidigung. Ab 1537 bildete Morges mit Tolochenaz eine Kirchgemeinde; die Kapelle wurde für den reformierten Gottesdienst umgewandelt. 1769 wurde sie abgerissen. Ausserhalb der Stadtmauern, aber auf dem Gebiet von Morges lag in Richtung Genf zudem das 1497-1500 gegründete Kloster der Colettaner, das auch als Franziskanerabtei bezeichnet wurde. Eidgenössische Truppen verwüsteten es 1530 und 1536. An seiner Stelle befand sich danach lange der Friedhof.

Frühe Neuzeit

Stadt und Schloss wurden 1475 und 1530 geplündert. Nach der Eroberung der Waadt durch die Berner 1536 wurde Morges 1539 das Zentrum einer Vogtei. Das Schloss war in einem bedauernswerten Zustand. Die neuen Herren liessen die obere Hälfte der Befestigungen in den 1540er Jahren neu errichten, um sie den Erfordernissen der Artillerie anzupassen. Da sich Morges nicht rasch genug den Bernern angeschlossen hatte, musste es die beiden Stadttore schleifen. 1769 und 1803 wurden diese endgültig zerstört. Aus der frühen Neuzeit, einer Epoche des Wohlstands, stammt ein reiches Erbe an Bauten, so zum Beispiel das Berner Kornhaus (1690-1692, mit Salzmagazin) am Ort eines vormals befestigten Privathauses, von dem noch einige Bauspuren zeugen, das um 1560 umgebaute Museum Forel an der Grande-Rue 54 mit dem Arkadeninnenhof von 1670 sowie das Gebäude an der Grande-Rue 94 mit seiner bemerkenswerten Fassade von 1682. Eine Lateinschule (scola grammaticalis) bestand in Morges bereits in der 2. Hälfte des 15. Jahrhunderts. Das um 1574 erbaute Collège de Couvaloup war auch von den grossen Vorbildern der Akadamien von Genf, Lausanne und Bern inspiriert. Das neue, 1769-1776 erstellte Gotteshaus ist vom französischen Klassizismus beeinflusst und zählt zu den Meisterwerken der reformierten Architektur in der Schweiz. Ein deutschsprachiger Gottesdienst ist mit Unterbrechungen ab 1710 belegt. Ab dem ausgehenden 18. Jahrhundert wurden auch die Gebiete ausserhalb der Stadtmauern überbaut. In verschiedenen Bauwellen entstanden Landhäuser (La Gottaz, La Prairie, La Gracieuse) sowie die Vorstädte an den Ausfallstrassen Richtung Lausanne und Genf.

Eine kleine Hafenanlage ist 1536 bezeugt, von der aus bald ein Kursschiff nach Genf verkehrte. 1664 wurde ein einfacher Hafendamm aus Pfählen gebaut, der allerdings den zeitgenössischen Galeeren keinen Schutz bot. Die Berner Regierung beschloss deshalb, in Morges und nicht in Lausanne-Ouchy einen Handels- und Militärhafen anzulegen, der ihre kleine Flotte aufnehmen konnte. 1691-1696 entstand der heutige Hafen mit zwei kurvenförmigen Molen, 1702 dann das Zollgebäude. Da in Morges mehrere Verkehrswege aufeinandertrafen, zum Beispiel der Chemin des Mulets von Payerne her und der hier gewissermassen in den Genfersee mündende Entreroches-Kanal (1638-1829), war der Handelsverkehr von Gütern wie Salz, Wein und Getreide bedeutend. Die wirtschaftlichen Aktivitäten von Morges, seit dem Mittelalter ein Markt- und Umschlagplatz, waren stärker auf den Transitverkehr als auf die Güterproduktion ausgerichtet. Die Schuhmacher, die ihre eigene Bruderschaft und Schützengesellschaft hatten, waren im 16. und 17. Jahrhundert sehr einflussreich. Sie wurden im 18. und 19. Jahrhundert durch die Gerber abgelöst, denen nun im lokalen Gewerbe grösseres Gewicht zukam. Zu den grössten sozioprofessionellen Gruppen gehörten am Ende des Ancien Régime 1798 - in der Reihenfolge ihrer Bedeutung - die Rentiers, Kaufleute, Weinbauern, Landwirte, Schuhmacher, Schneider, Zimmerleute und Schreiner.

19. und 20. Jahrhundert

Plakat für den Concours hippique vom Mai 1954, gestaltet von Fred Stauffer (Museum für Gestaltung Zürich, Plakatsammlung, Zürcher Hochschule der Künste).
Plakat für den Concours hippique vom Mai 1954, gestaltet von Fred Stauffer (Museum für Gestaltung Zürich, Plakatsammlung, Zürcher Hochschule der Künste). […]

Morges hatte im Ancien Régime eine bedeutende wirtschaftliche und kulturelle Entwicklung erlebt und verfügte seit 1767 über eine öffentliche Bibliothek. Der Ort wurde zum Nährboden für Patrioten (Jean-Jacques Cart, Henri Monod, Jules Muret) und zu einem Zentrum der Waadtländer Revolution. 1798 wurde Morges Bezirkshauptort. Mit dem Anschluss an die Eisenbahnlinie und dem Bau des Bahnhofs entstand an der westlichen Peripherie der Stadt ein neuer Entwicklungsschwerpunkt. Die erste Eisenbahnlinie des Kantons verband 1855 Morges mit Yverdon. Dann folgten 1856 die Strecke Morges-Lausanne, 1858 die Strecke Morges-Genf und schliesslich 1895 die Strecke Morges-Bière-Apples, die das Hinterland erschloss. Während der 2. Hälfte des 19. Jahrhunderts erfuhr die Stadt dank der Dampfschifffahrt sowie des zeitweiligen Anschlusses des Hafens an die Eisenbahn (1855-1862) eine Belebung der Geschäftstätigkeit. In unmittelbarer Hafennähe befand sich die Schiffswerft der Schifffahrtsgesellschaft Compagnie générale de navigation sur le lac Léman (1858-1889). Das Schloss, das ab 1803 als kantonales Zeughaus diente, wurde um 1836-1839 durch einige Nutzbauten ergänzt und 1871 durch eine Explosion beschädigt. Von 1925 an beherbergte es das Waadtländer Militärmuseum. In Morges besteht seit 1844 eine katholische Kirche, seit 1862 eine Kapelle der Eglise libre und seit 1891 eine reformierte Kapelle für Gottesdienste in deutscher Sprache. 1922 wurde die kantonale Landwirtschafts- und Weinbauschule Marcelin gegründet (heute Agrilogie Marcelin). Verschiedene Unternehmen prägten das Wirtschaftsleben der Gemeinde im 19. und 20. Jahrhundert: eine Gasfabrik (1867-1932), das Transportunternehmen Friderici AG (1890, dann in Tolochenaz), die Biscuitfabrik Oulevay AG (1899-1992), die Metallkonstruktionswerkstätte der Société industrielle de Morges (1907-1979), die Giesserei Neeser AG (1947) und die Teigwarenfabrik Gala (1988-2005). Zwischen 1900 und 1940 dehnte sich die Stadt weiter aus; neue Villen- und Einfamilienhausquartiere entstanden. Auf den ersten Zonenplan von 1934 folgten 1957 und 1970 Richtpläne. Letzterer trägt auch der 1961-1964 erbauten Autobahn A1, die das Gemeindegebiet in zwei Teile spaltet, sowie der Bevölkerungsexplosion ab den 1950er Jahren Rechnung. Seit 2007 ist die Gemeinde in das Agglomerationsprojekt Lausanne-Morges eingebunden (Palm), das auf die Schaffung von 30’000 Arbeitsplätzen bis 2020 abzielt.

Quellen und Literatur

  • HS V/1, 400-403
  • P. Corboud, C. Pugin, «Les stations littorales de M. Vers-l'Eglise et des Roseaux: nouvelles données sur le Néolithique récent et le Bronze ancien lémaniques», in JbSGUF 75, 1992, 7-36
  • P. Corboud, Les sites préhistoriques littoraux du Léman, Diss. Genf, 1996
  • Kdm VD 5, 1998
  • S. Gervasi, J. Longchamp, M., traces d'un passé récent, 2007
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