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Vallorbe

Ausschnitt aus der südorientierten Karte des Kantons Bern. Kolorierte Kupferplatte von Thomas Schöpf, 1578 (Zentralbibliothek Zürich, Abteilung Karten und Panoramen).
Ausschnitt aus der südorientierten Karte des Kantons Bern. Kolorierte Kupferplatte von Thomas Schöpf, 1578 (Zentralbibliothek Zürich, Abteilung Karten und Panoramen). […]

Politische Gemeinde des Kantons Waadt, Bezirk Jura-Nord vaudois. Das an der schweizerisch-französischen Grenze gelegene Vallorbe umfasst 2310 ha, davon 1542 ha Wald, und wird auf drei Seiten von Bergen begrenzt. Nur gegen Osten öffnet es sich dank der Jougnenaz und Orbe in Richtung Freigrafschaft Burgund bzw. Schweizer Mittelland. Das Gemeindegebiet erstreckt sich von 610 m auf 1480 m, wobei sich bis auf die Weiler Le Day, Le Creux und Bellevue die Siedlungen am Ufer der Orbe auf einer Höhe von 750-800 m befinden. 1139 de valle urbanensi, 1148 de valle urbe. 1550 22 Haushalte; 1703 925 Einwohner; 1764 900; 1850 1491; 1870 1982; 1900 3279; 1920 4621; 1950 3896; 1970 4028; 2000 3247 (davon über ein Viertel Ausländer, ohne Grenzgänger).

Bis ins Mittelalter blieb das Tal abseits der Passstrasse über den Col de Jougne unbewohnt. Es gehörte zum Cluniazenserkloster Romainmôtier, von wo auch die ersten Siedler kamen. 1148 erhielt Romainmôtier vom Bischof von Lausanne die Kirche St. Pankraz. 1139 wird ein kleines unabhängiges Priorat erwähnt. Wegen dessen Ärmlichkeit verzichtete der Prior darauf, dort zu wohnen. Nachdem das Amt des Priors und jenes des Kämmerers von Romainmôtier in Personalunion ausgeübt worden waren, wurde das Priorat 1322 ins Mutterhaus integriert. Ein Meier hatte die Gerichtsbarkeit inne. 1403 wurden die Bewohner von Vallorbe von der Leibeigensteuer befreit.

Nach der Eroberung der Waadt durch Bern wurde Vallorbe 1543 der Vogtei Romainmôtier unterstellt und zum Sitz der Kastlanei. 1713 ersetzte ein Zwölfer- und ein Vierundzwanzigerrat die Vorgängerversammlung. 1798 schlossen sich mehrere Einwohner von Vallorbe der probernischen Légion fidèle an. 1798-2006 gehörte Vallorbe zum Bezirk Orbe und wurde 1803 Kreishauptort. Obschon eine Mehrheit der Bewohner in der Industrie arbeitete, dominierten in der Gemeinde lange Zeit die Radikalen und Liberalen. Nur zwischen 1950 und 1957 wurde Vallorbe von den Sozialdemokraten regiert. In den 1990er Jahren besassen die Freisinnigen und Sozialdemokraten im Gemeinderat (Legislative) gut 80% der Sitze. Die Radikalen und die Liberalen stellten nach ihrer Fusion zur liberalradikalen Partei 2010 wieder die Mehrheit. Als Grenzgemeinde wurde Vallorbe ab Mitte des 17. Jahrhunderts in die Verteidigungsdispositive einbezogen (Bannwald und bernische Hochwachten, in den 1930er Jahren Befestigungsbauten). Auch bekam es die Folgen militärischer Konflikte zu spüren: 1636-1638 Flüchtlinge aus der Freigrafschaft Burgund, 1815 Schweizer Grenztruppen, 1871 Internierung der Bourbakiarmee, 1940-1945 Schliessung des Tunnels Mont-d'Or, 1945 Kapitulation von Marschall Philippe Pétain.

Die Kirchgemeinde Vallorbe blieb auch nach der Reformation bestehen. Die heutige Pfarrkirche datiert von 1712. Die freikirchliche Gemeinde existierte 1847-1966. Eine 1890 in Vallorbe erstellte katholische Kapelle (1976 Neubau) zeugt von der Bedeutung der Italiener und Franzosen für das Dorf.

Um 1285 wurden nahe der Quelle der Orbe auf Betreiben des Abts von Romainmôtier eine Sägerei und eine erste Eisenhütte (Hochofen) eingerichtet. Die Bevölkerung zählte ca. 500 Personen, als sie in der ersten Hälfte des 14. Jahrhunderts durch die Pest dezimiert wurde. Nach den Plünderungen durch eidgenössische Truppen 1475 im Zuge der Burgunderkriege lebten im Dorf nur noch 20 Familien. 1499 standen sieben Wasserwerke in Betrieb und der Aufschwung setzte ein. 1528 wurde der erste von drei neuen Hochöfen gebaut, um 1697 der letzte eingestellt. Von nun an bezogen die Raffinerien das Eisen aus der Freigrafschaft Burgund. Zwischen 1600 und 1800 siedelten sich mehr als 50 kleine Schmieden um die grossen Eisenhütten an. Es wurden vor allem Werkzeuge, später Nägel (1710 108 Nagelschmiede), dann Feilen hergestellt. Die kleine lokale Oberschicht aus Schmiedemeistern und Notablen arbeitete mit oft selbstständigen Handwerkern der Eisenverarbeitung zusammen. 1798 war Vallorbe ein Industrieort, in dem 76% der Erwerbstätigen von der Industrie und dem Handwerk, 20% von der Landwirtschaft und 4% vom Dienstleistungssektor lebten. Die Landwirtschaft wandte sich vom 16. Jahrhundert an der Viehzucht und der Käseproduktion zu, doch bis ins 19. Jahrhundert wurde auch Getreide angebaut. Mit einer Ausnahme dienten Ende des 20. Jahrhunderts alle Alpen der Sömmerung von Rindern.

Mit der Inbetriebnahme der Eisenbahnstrecke Vallorbe-Lausanne 1870 und der Linie Vallorbe-Pontarlier 1875 änderte sich der Charakter des Dorfs, das zudem 1883 von einer Feuersbrunst zerstört wurde. Der Durchstich des Tunnels Mont-d'Or 1915 (Linie Vallorbe-Frasne) festigte die Bedeutung Vallorbes auf der Strecke der Jura-Simplon-Bahn und beschleunigte den Wandel in der Bevölkerungszusammensetzung, denn zahlreiche Gastarbeiter (gut 1000 von ihnen waren im Tunnelbau beschäftigt) liessen sich in Vallorbe nieder, die meisten waren Italiener. Die Arbeitsmöglichkeiten vervielfältigten sich. Es entstanden Elektrizitätswerke, eine Kalkfabrik zur Herstellung von Zement (1870-1933) sowie eine Chlor- (1972 Schliessung) und eine Bakelit- bzw. Kunststofffabrik (ab 1904). Auch das Transportwesen und der Tourismus (1905 acht Hotels) schufen neue Arbeitsplätze. Die Feilenherstellung konzentrierte sich auf die 1899 gegründete Usines métallurgiques de Vallorbe (1902-1918 Niederlassung in St. Petersburg). Der 1869 gebaute Viadukt von Le Day, die Staumauer, das 1908 eröffnete und 2012 renovierte Kasino mit Musik- und Theatersaal sowie der Bahnhof (der erste stammte von 1870, der zweite von 1915) gaben Vallorbe ein städtisches Gepräge. 1900 erhielt der Weiler Le Day eine Schule. 1915 wurde anstelle des alten Gebäudes aus dem Jahr 1827 in Vallorbe ein neues Schulhaus errichtet. Die Krise der 1930er Jahre bremste ein erstes Mal den Aufschwung. Auch die Rezession von 1975 führte zur Schliessung mehrerer Unternehmen. Die Anzahl Stellen im Transport- und Zollwesen ging zurück. 1988 gehörte Vallorbe zu den armen Gemeinden des Kantons. Dennoch wurde 1984 ein Schul- und Sportzentrum und 1987 eine Festhalle eingeweiht. Dank Sehenswürdigkeiten wie der Grotten (seit 1974), des Eisen- (seit 1980) und des Eisenbahnmuseums (seit 1990) sowie der Festung 39-45 Pré-Giroud (seit 1988) und des Juraparks (seit 2002) entwickelte sich der Tagestourismus, dem auch der Anschluss Vallorbes 1989 an die A9b zugute kam. Ferner hält der TGV der Linie Paris-Dijon-Lausanne seit 1984 in Vallorbe. 2005 stellte der 2. Sektor 47% der Arbeitsplätze. Die Zahl der Grenzgänger betrug 1955 55, 1991 731 und 2012 530. Die Schulen von Vallorbe und neun weiteren Gemeinden sind seit 2001 zusammengefasst (Primar- und Sekundarschulanlagen von Vallorbe, Ballaigues und Vallon du Nozon).

Quellen und Literatur

  • A. Radeff, «Naissance d'une communauté agro-industrielle du Jura suisse», in Etudes rurales, 1977, Nr. 68, 107-140
  • P.-L. Pelet, Fer, charbon, acier dans le Pays de Vaud 2, 1978; 3, 1983
  • L. Hubler, La population de Vallorbe du XVIe au début du XIXe siècle, 1984
  • Vallorbe, hg. von J. Combe, 1989
  • HS III/2, 514-516, 601-604
Weblinks
Normdateien
GND

Zitiervorschlag

Jean-Philippe Dépraz: "Vallorbe", in: Historisches Lexikon der Schweiz (HLS), Version vom 27.12.2014, übersetzt aus dem Französischen. Online: https://hls-dhs-dss.ch/de/articles/002547/2014-12-27/, konsultiert am 08.12.2022.