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Versoix

Politische Gemeinde des Kantons Genf, an der Grenze zum Kanton Waadt. Sie liegt am Nordufer des Genfersees an der Einmündung der Versoix und umfasst Ecogia, Richelien, Saint-Loup sowie Sauverny. 1022 Versoi. 1481 ca. 250 Einwohner; 1601 ca. 100; 1791 1165; 1800 750; 1850 937; 1900 1531; 1950 2471; 2000 10'309; 2010 12'947.

Versoix: Situationskarte 2018 (Geodaten: Bundesamt für Statistik, Swisstopo, OpenStreetMap) © 2019 HLS.
Versoix: Situationskarte 2018 (Geodaten: Bundesamt für Statistik, Swisstopo, OpenStreetMap) © 2019 HLS.

Die ausgedehnte bronzezeitliche Fundstelle Versoix-Bourg, die etwa 170 m weit im See liegt, gehört zu den 56 Ufersiedlungen der Schweiz, die in der Unesco-Welterbeliste verzeichnet sind. Ein Tumulus und ein bogenförmiger Graben einer Befestigungsanlage (vallum) aus der älteren Eisenzeit (800–480 v.Chr.) bezeugen eine frühe Besiedlung. Auch in römischer Zeit war das Gebiet von Versoix genutzt, wie eine römische villa und zwei Wasserleitungen zeigen. Es lag an der Strasse von Genf nach Aventicum und gehörte zur Colonia Iulia Equestris.

Die Eroberung der Festung durch Genfer Truppen am 8. November 1589. Kupferstich von Michel Bénard aus einer Serie von sechs Tafeln, welche die Kämpfe zwischen Genf und Savoyen illustrieren, 1590 (Bibliothèque de Genève).
Die Eroberung der Festung durch Genfer Truppen am 8. November 1589. Kupferstich von Michel Bénard aus einer Serie von sechs Tafeln, welche die Kämpfe zwischen Genf und Savoyen illustrieren, 1590 (Bibliothèque de Genève). […]

1022 sind eine am Hang von Saint-Loup gelegene Burg sowie das Gut von Ecogia (Adesgogia) erwähnt. 1177 bestätigte Papst Alexander III. dem Hospiz auf dem Grossen St. Bernhard den Besitz der Pfarrkirche Saint-Loup. 1257 überliess die Abtei Saint-Maurice ihre Güter in Commugny mit den dazugehörigen Anwesen in Saint-Loup und Versoix Peter II. von Savoyen, der 1258-1268 eine neue Burg mit einem umliegenden Städtchen errichten liess. 1265 erhielt Peter von Savoyen auch das Patronatsrecht über die Kirche. 1268 von seiner Witwe Agnès de Faucigny an den Herrn von Gex, Simon de Joinville, vererbt, wurde Versoix erst bei der Eroberung des Pays de Gex durch Graf Amadeus VI. 1353 wieder savoyisch. 1536 besetzte Bern das Pays de Gex, musste es aber 1567 gemäss dem Vertrag von Lausanne von 1564 wieder zurückgeben. Während des Kriegs zwischen Genf und Savoyen liess Herzog Karl Emmanuel Versoix befestigen, um die Verbindungen zwischen den Verbündeten Genf und Bern zu unterbrechen. Im November 1589 wurden die Burg und der Marktflecken von Genfer Truppen verwüstet. Als mit dem Vertrag von Lyon von 1601 das Pays de Gex dem König von Frankreich zugeteilt wurde, zählte Versoix kaum 100 Einwohner.

Die Kapelle Saint-Théodule in Versoix (1268, 1948 ganz abgerissen) gehörte zur Kirche Saint-Loup. Als Bern 1536 die Reformation einführte, wurde sie Pfarrkirche. Der nach 1601 wieder eingeführte Katholizismus wurde 1662 durchgesetzt und die Kirche daraufhin zerstört. Ein zweites, 1839 erstelltes Gotteshaus in Saint-Loup diente 1876-1908 den Christkatholiken. 1908 wurde dieses der katholischen Pfarrei zurückgegeben, die bereits 1879 die Chapelle de la Persécution erbaut hatte. Ein neues reformiertes Gotteshaus wurde 1858 erstellt.

Wegen seiner strategisch bedeutsamen Lage wurde wiederholt in Erwägung gezogen, in Versoix einen Hafen oder eine Festung zu errichten. Das ernsthafteste Projekt, dessen Spuren bis heute sichtbar sind, nahm seinen Anfang mit dem Embargo von 1766, das Frankreich gegen Genf verhängte, nachdem die von politischen Wirren erschütterte Stadt das französische Vermittlungsangebot abgelehnt hatte. Da - wie sich bald erwies - das Pays de Gex unter diesen Massnahmen stärker litt als Genf, keimte in der militärischen Entourage des Staatssekretärs Etienne François de Choiseul die Idee, zur Kontrolle des Land- wie des Seewegs zwischen Bern und Genf in Versoix eine befestigte Handelsstadt mit Hafen zu bauen. Neben Choiseul liess sich insbesondere auch Voltaire von dem Projekt überzeugen, weil dessen Realisierung bessere Absatzmöglichkeiten für die Uhrenmanufakturen von Ferney zu versprechen schien. Trotz der Versuche von Genf, Bern und Turin, den Bau zu behindern, führte ab Sommer 1768 eine neue Strasse von Versoix nach Lyon. Die Briefpost und das Salzlager von Genf wurden nach Versoix verlegt. Choiseul hoffte auf den Zuzug von Natifs aus Genf, welche die für 30'000 Einwohner konzipierte Stadt hätten bevölkern sollen. Um die Natifs für Versoix-la-Ville zu gewinnen, versprach er sogar, deren in Frankreich verbotenes reformiertes Bekenntnis zu tolerieren. Im Februar 1770 liessen sich nach erneuten politischen Unruhen in Genf über 1200 Personen im Bereich der grossen Hafen- (dem zukünftigen Port-Choiseul) und Kanalbaustelle - vorgesehen war eine Verbindung zwischen Rhone und Rhein - nieder. Das Projekt blieb aber unvollendet; schon im Dezember 1770 verlor die entstehende Stadt infolge des Sturzes von Choiseul ihren grössten Förderer und die versprochene religiöse Toleranz fiel fortan weg. Bis 1777 scheiterten verschiedene Versuche, dem Projekt neuen Schwung zu verleihen. Versoix-la-Ville und sein Hafen überlebten nur dank einiger privater Investoren; so gründete Ami Argan zum Beispiel 1787 eine königliche Manufaktur für von ihm erfundene Lampen, 1793 eine bis 1795 bestehende Salpeterfabrik und 1799 eine Distillerie. Während der Französischen Revolution wurde Versoix 1790 in das Departement Ain eingegliedert; Bourg, das nach 1589 wieder aufgebaut worden war, und Ville schlossen sich 1794 zur Gemeinde Versoix-la-Raison zusammen. Bei der Annexion von Genf durch Frankreich 1798 wurde Versoix dem Departement Léman zugeschlagen. Gemäss den Bedingungen des Vertrags von Paris vom 20. November 1815 wurde der Ort 1816 definitiv Teil von Genf und eine der Communes réunies. Der Flecken war damals ausgeblutet; seine wirtschaftliche Erholung sollte mehrere Jahrzehnte dauern.

Die Wirtschaft konzentrierte sich lange auf die Möglichkeiten, die ihr der Fluss bot. Entlang der Versoix entwickelten sich ab dem 14. Jahrhundert Mühlen, Gerbereien, Webereien und Sägereien. 1892 ersetzte eine hydroelektrische Fabrik die Mühle von Richelien. Die 1457 aufgenommene Papierfabrikation war über Jahrhunderte die wichtigste Industrie von Versoix; erst 2000 wurde die letzte Papierfabrik geschlossen. Ebenfalls am Fluss liess sich 1875 die 1826 in Genf gegründete Schokoladenfabrik Favarger nieder, welche zu Beginn des 21. Jahrhunderts noch bestand. Kieswerke, Torfabbau und Ziegeleien nutzten natürliche Vorkommen am Seeufer. Die Steine von Port-Choiseul wurden beim Bau der Quais von Versoix (1886-1888) und Cologny wiederverwendet. Der 1962-1963 neu angelegte Hafen dient der Freizeit- und Sportschifffahrt. Die 1856 eröffnete Bahnlinie Lausanne-Genf verbesserte die Anbindung an Genf, wohin viele Bewohner der im 20. Jahrhundert errichteten Quartiere (u.a. ab den 1990er Jahren das Quartier La Pelotière) pendeln. Versoix ist seit 1980 Sitz des Universitätsinstituts François-Alphonse Forel für Limnologie und Umweltwissenschaften, Ecogia seit 2001 Sitz des IKRK-Ausbildungszentrums.

Quellen und Literatur

  • J.-P. Ferrier, Histoire de la commune de V. des origines à nos jours, 1962
  • J.-E. Genequand, La prise du fort de V., novembre 1589, 1989
  • F. Walter, «Voltaire et V.», in Voltaire chez lui, 1994, 207-228
  • A la recherche de la cité idéale, Ausstellungskat. Arc-et-Senans, 2000, 70-79