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Tablat

Ehemalige politische Gemeinde sowie ehemaliger Bezirk des Kantons St. Gallen. Tablat umfasste die östlichen sowie nördlichen und südlichen Gebiete der heutigen Stadt St. Gallen, namentlich die Quartiere St. Fiden, Krontal, Neudorf, Stephanshorn, Achslen, Wilen, Rotmonten, Langgass, Heiligkreuz, St. Georgen und Notkersegg, dazu als Exklave den sogenannten Stiftseinfang, das Areal des ehemaligen Klosters St. Gallen. 1918 vereinigten sich die Gemeinden St. Gallen, Straubenzell und Tablat zur neuen politischen Gemeinde St. Gallen; der Bezirk Tablat wurde aufgehoben, dessen weiterhin selbstständige Gemeinden Wittenbach, Häggenschwil und Muolen dem neuen Bezirk St. Gallen (seit 2003 Region St. Gallen) zugeteilt. Um 1470 ca. 900-1000 Einwohner; um 1800 ca. 2700; 1850 4424; 1910 22'308; 1918 19'137.

Tablat bestand ab dem Mittelalter aus verstreuten Einzelhofsiedlungen, darunter der für die Gemeinde namengebende Hof Tablat (1255 Tablat). Ein Dorf Tablat existierte nie; Zentrumsfunktionen in der Gemeinde hatte St. Fiden (1166 sancte Fidis). In der Goldachschlucht standen die Burgen Falkenstein, im 13. Jahrhundert Sitz der gleichnamigen St. Galler Ministerialen, sowie Rappenstein, unklaren Ursprungs und im 15. Jahrhundert im Besitz des Rudolf Mötteli (aus Ravensburg).

Das Kloster St. Gallen dürfte im Frühmittelalter seine Besitzungen im späteren Tablat durch Urbarisierung an sich gebracht und direkt verwaltet haben, gab sie aber später als Lehen aus und hatte nur noch die niedere Gerichtsbarkeit inne. Die Höfe Tablats, die gesamthaft auch Oberwittenbach genannt wurden, gehörten zum Meieramt Wittenbach, während Rotmonten ein eigenes Meieramt bildete. Nach Einlösung der Reichsvogteien über Wittenbach und Rotmonten von den Grafen von Werdenberg 1345 und Rückkauf der hohen Gerichtsbarkeit über Rotmonten von Hans von Andwil 1452 erlangte das Kloster St. Gallen die Landesherrschaft über das Gebiet der nachmaligen politischen Gemeinde Tablat. Wohl 1458 wurde Tablat von Wittenbach getrennt und zu einem eigenen Gericht erhoben, während Rotmonten bis 1798 eine Hauptmannschaft des Hofgerichts war. Pfarrkirche für Tablat und Rotmonten war die St. Laurenzenkirche, nach der Reformation das Münster (heute Kathedrale), beide in der Stadt St. Gallen gelegen. Die Kirche St. Fiden, wohl um 1080 erbaut (1776-1778 Neubau), war Filialkirche, der dortige Kaplan als Koadjutor zuständig für Tablat und Rotmonten. Eine vor 912 erbaute Kapelle mit Georg-Patrozinium bildete den Kern des Weilers St. Georgen und wurde 1451 mit einer Kaplaneipfründe versehen. Im Heiligkreuz entstand 1776 anstelle eines Wegkreuzes eine Wallfahrtskirche. Von den zwei Tablater Frauenklöstern wurde das Kloster St. Wiborada in St. Georgen (Benediktinerinnen) 1834 aufgehoben, das Kloster Notkersegg bestand noch zu Beginn des 21. Jahrhunderts.

Wichtige Schritte in der Gemeindeentwicklung Tablats waren die Erhebung zu einem eigenen Gericht um 1458, die Festlegung der Gemeindegrenzen in der Offnung von 1471, die Einzugsordnung von 1567 mit der eindeutigen Unterscheidung zwischen Gemeindegenossen und Fremden sowie die Gemeindeordnung von 1681. In Rotmonten bildeten sich eigene Gemeindestrukturen. Die alte äbtische Lehenhof-Einteilung auf Tablater Gebiet wurde infolge Erbteilungen aufgesplittert, weswegen im Ancien Régime kleinbäuerliche Verhältnisse vorherrschten. Auch die Güter in Rotmonten waren Lehen des Klosters St. Gallen. Gemeinsame Nutzungsrechte hatten die Hofleute von Tablat, Rotmonten und Wittenbach am Weideplatz auf dem Espen. Gegen Ende des 17. Jahrhunderts überwog die Graswirtschaft, doch wurde auch Ackerbau betrieben. Die sankt-gallische Textilindustrie (Leinwand, ab dem 18. Jh. auch Baumwolle und Stickerei) beschäftigte die bäuerliche Bevölkerung mit Heimarbeit. St. Fiden und St. Georgen waren handwerklich-gewerbliche Zentren Tablats, St. Fiden auch Wohnort fürstäbtischer Hofbeamter und zeitweilig Sitz des Lehenvogts. Die Hintersassen machten 1633 ca. einen Fünftel, im 18. Jahrhundert rund einen Viertel der Bevölkerung aus.

Wohnhäuser in der St. Galler Vororts- und Industriegemeinde, um 1900 (Stadtarchiv St. Gallen).
Wohnhäuser in der St. Galler Vororts- und Industriegemeinde, um 1900 (Stadtarchiv St. Gallen). […]

1803 wurde durch Vereinigung von Tablat und Rotmonten die neue politische Gemeinde Tablat gebildet und dem Bezirk Rorschach zugeteilt, 1831 dem neu geschaffenen Bezirk Tablat. Der ehemalige St. Galler Klosterbezirk (Stiftseinfang) war seit 1831 verfassungsrechtlich (vorher nur administrativ) ein Teil Tablats. Die Ortsgemeinde Tablat überdauerte die Aufhebung von politischer Gemeinde und Bezirk und bestand noch Anfang des 21. Jahrhunderts; die Ortsgemeinde Rotmonten ging 2009 in der Ortsbürgergemeinde St. Gallen auf. Obwohl Tablat bis in die zweite Hälfte des 19. Jahrhunderts seinen bäuerlichen Charakter behielt, entstanden der Steinach entlang schon ab 1811 Industriebetriebe: Spinnereien, die Maschinenfabrik Weniger (um die Mitte des 19. Jh. die drittgrösste in der Schweiz), die Schokoladefabrik Maestrani und andere. Zum eigentlichen Industriegebiet wurde Tablat im letzten Drittel des 19. Jahrhunderts und vor allem um die Jahrhundertwende im Gefolge der St. Galler Stickereiindustrie; 1910 gab es rund ein Dutzend Betriebe für Fabrikation und Export von Stickereien, dazu noch mehrere für Stickereiveredlung. Nachdem die wichtigen Strassenverbindungen von St. Gallen nach Rorschach, Steinach und Konstanz schon seit je über Tablater und Rotmonter Gebiet geführt hatten, wurde Tablat 1856 an die nachmalige SBB-Linie Winterthur-St. Gallen-Rorschach, 1910 an jene der Bodensee-Toggenburg-Bahn angeschlossen; zudem war die Gemeinde durch das Tram (1897) und die Mühleggbahn (1893) mit der Stadt St. Gallen verbunden. Die Bevölkerung wuchs vor dem Ersten Weltkrieg stark an (1900-1910 fast 8% pro Jahr), unter anderem durch die Zuwanderung vieler ausländischer Arbeitskräfte. Diese machten 1910 40% der Bevölkerung aus, die Hälfte davon waren Italiener. Durch die enorme Bautätigkeit wuchs Tablat mit St. Gallen zusammen. Die schlechten Wohnverhältnisse vor allem der Immigranten führten 1909 zur Gründung des ersten Wohnungsinspektorats der Schweiz. Auf Tablater Gebiet existierten drei selbstständige Schulgemeinden, die 1918 mit der politischen Gemeinde aufgehoben wurden: Katholisch-Tablat (1834, hervorgegangen aus der seit etwa 1600 in St. Fiden bestehenden Schule; diese Schulgemeinde betrieb zudem seit 1906 eine eigene Schule für italienische Kinder), Evangelisch-Tablat (1852/1862) und Rotmonten (1862). Nach der Aufhebung des Klosters St. Wiborada wurde dort das katholische Lehrerseminar, 1839 das Anfang des 21. Jahrhunderts noch bestehende Priesterseminar eingerichtet.

Quellen und Literatur

  • Tablat und Rotmonten, hg. von E. Ziegler, 1991

Zitiervorschlag

Marcel Mayer: "Tablat", in: Historisches Lexikon der Schweiz (HLS), Version vom 13.10.2017. Online: https://hls-dhs-dss.ch/de/articles/003345/2017-10-13/, konsultiert am 06.07.2022.