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Finnland

Finnland wurde im 13. Jahrhundert von Schweden eingenommen, von diesem im 16. Jahrhundert als Grossherzogtum angegliedert und 1808 von Russland erobert. 1917 proklamierte der finnische Landtag die Unabhängigkeit. Die Schweiz anerkannte Finnland am 18. Februar 1918 als einer der ersten europäischen Staaten. Kurz nach der Staatsgründung verweigerten dessen Behörden dem Sozialisten und Nationalrat Fritz Platten 1919 an der sowjetisch-finnischen Grenze die Durchreise und hielten ihn sechs Wochen in Quarantäne, Haft und Gefängnis fest. Die Schweizer Regierung verhielt sich äusserst zurückhaltend; seine Ausreise verdankte Platten schliesslich dem finnischen Sozialdemokraten und späteren Minister Väinö Tanner. 1914 war in Åbo (Turku) ein Schweizer Konsulat eröffnet worden; das erste finnische Konsulat in der Schweiz wurde 1920 in Zürich errichtet. Der Jurist Max Huber wirkte im gleichen Jahr im Auftrag des Völkerbunds an der Prüfung des juristischen Status der Ålandinseln mit. 1937 wurde in Bern eine finnische Gesandtschaft, 1939 in Helsinki eine schweizerische Gesandtschaft eröffnet.

Diplomatisch-zwischenstaatliche Beziehungen

Enge diplomatische Beziehungen unterhalten die beiden Nationen seit dem Zweiten Weltkrieg, der einen Kristallisationspunkt schweizerisch-finnischer Beziehungen darstellt. 1942 sorgte eine von privater Seite lancierte humanitäre Aktion zur Verbesserung der Lebensbedingungen sowjetischer Kriegsgefangener in Finnland kurze Zeit für Irritationen im Verhältnis zwischen Finnland und der Schweiz. Der Bundesrat beschäftigte sich eingehend mit dem als Freiheitskampf interpretierten Winter- und Fortsetzungskrieg (1939-1944). Die idealisierte Wehrhaftigkeit der Finnen gegen die sowjetischen Truppen sollte den schweizerischen Widerstandswillen stärken. Zum positiven Finnlandbild der Schweizer Bevölkerung trug auch die intensive NZZ-Berichterstattung über den Kriegsverlauf bei. 1940 machte sich Nationalrat Henry Vallotton vor Ort ein Bild: In einem viel beachteten Reisebericht schrieb er seine Eindrücke vom ungebrochenen Widerstand der Finnen gegen die sowjetische Übermacht nieder und leitete daraus Lehren für die Schweiz ab.

In der Folge übernahmen Schweizer Bürger Patenschaften des Schweizerischen Roten Kreuzes für finnische Kriegswaisen, fanden tuberkulosekranke Finnen in der Schweiz Aufnahme und wurde das Schweizer Hilfswerk für Finnland gegründet. Mit einer privaten Hilfsaktion setzte sich Robert Crottet nach 1945 für den Erhalt der Lebensgrundlage der Skolt-Sami im nordostfinnischen Grenzgebiet zur Sowjetunion ein. Der finnische Feldmarschall und Staatspräsident Carl Gustav Mannerheim, der die Wahrnehmung Finnlands in der Schweiz massgeblich prägte, hielt sich aus gesundheitlichen Gründen mehrmals und ab 1948 dauerhaft in der Schweiz auf. 1951 starb er in Lausanne. 1961-1995 war die Schweiz mit Finnland (und fünf weiteren westeuropäischen Ländern), das seither der EU angehört, Mitglied der Efta. 1986 weilte mit Mauno H. Koivisto erstmals ein finnischer Präsident auf Staatsbesuch in der Schweiz.

Wanderungsbewegungen und Handelsbeziehungen

Bis zum Zweiten Weltkrieg beschränkten sich die wenigen Kontakte zwischen den beiden Staaten weitgehend auf die Schweizer Auswanderung nach Finnland, wie sie auch nach anderen Regionen des Zarenreiches stattfand. Im 19. Jahrhundert liessen sich häufig Käser, Gouvernanten und Konditoren in Finnland nieder. Bekannt wurde etwa die Familie Fazer, die 1891 in Helsinki eine heute noch bestehende Schokoladefabrik gründete. Henry Biaudet, Sohn von Schweizer Einwanderern, war in der Opposition gegen die Russifizierungspolitik des Zarenreiches aktiv. Er machte in der europäischen Presse Propaganda für Finnland und wurde Anfang des 20. Jahrhunderts Leiter der sogenannten Aktivisten im Exil, der finnischen Bündnispartner der russischen Sozialrevolutionäre.

Gesamthaft wanderten bis 1917 ungefähr 500 Schweizer nach Finnland aus. Die Zahl der finnischen Auswanderer in die Schweiz war stets gering. Sie erfuhr in den 1960er Jahren eine Steigerung und kulminierte Anfang der 1970er Jahre (1972 wanderten 836 Finnen in die Schweiz), als sich grossenteils Frauen mit überdurchschnittlich guter Ausbildung in der Schweiz niederliessen. Viele von ihnen arbeiteten im Gesundheitswesen. 2003 lebten ca. 1300 Schweizer und Schweizerinnen in Finnland und ca. 2500 finnische Staatsangehörige in der Schweiz.

Der schweizerische Aussenhandel mit Finnland, der seit 1920 separat verzeichnet wird, hat erst nach dem Zweiten Weltkrieg einen nennenswerten Umfang erreicht. Mit wenigen Ausnahmen überwogen die schweizerischen Exporte den Import aus Finnland stets. Seit 1949 findet sich Finnland immer unter den ersten drei Lieferanten von Zellulose zur Papierherstellung.

Kulturelle Beziehungen

Der erste namentlich bekannte Finne in der Schweiz dürfte der spätere Bischof von Turku, Olavus Magni, gewesen sein, der vielleicht am Basler Konzil von 1437 teilnahm. In Sebastian Münsters "Cosmographia" (1544) wird Finnland erstmals in einem eigenen Kapitel beschrieben; zusammen mit den anderen Skandinavien-Kapiteln stellt es einen wichtigen Schritt zur Kenntnisnahme des Nordens überhaupt dar.

Deckblatt der vierten Ausgabe (1898) von Kultala, einer finnischen Übertragung des Romans Das Goldmacherdorf (1820) von Heinrich Zschokke durch Carl N. Keckmann (Universitätsbibliothek Helsinki).
Deckblatt der vierten Ausgabe (1898) von Kultala, einer finnischen Übertragung des Romans Das Goldmacherdorf (1820) von Heinrich Zschokke durch Carl N. Keckmann (Universitätsbibliothek Helsinki). […]

Besonders im 19. Jahrhundert nahmen sich die beiden Länder verstärkt gegenseitig wahr. In der ersten Jahrhunderthälfte verwob der finnische Nationaldichter Johan Ludvig Runeberg griechisches Ideal, Gebirgsleben und "Schweizertum" zu einer finnischen Identität. Diese war geprägt durch klassizistische und antirevolutionäre Ideen, wie sie Runeberg in der Schweiz verwirklicht sah. Als erste Publikation – und damit als ersten Roman in finnischer Sprache überhaupt – gab die 1831 gegründete Finnische Literaturgesellschaft 1834 eine Übersetzung von Heinrich Zschokkes Erziehungsroman "Goldmacherdorf" heraus; sie fand Eingang in die finnischen Lesebücher der Zeit. Ein Jahr später erschien in Helsinki die Übersetzung eines Werkes von Salomon Gessner. Mit grossem Interesse wurde in Finnland der Sonderbundskrieg von 1847 verfolgt; er bot der im Entstehen begriffenen und durch die Zensur stark eingeschränkten finnischen Presse die Möglichkeit, über die Auslandberichterstattung die Themen Liberalismus und Konservatismus aufzunehmen und sich zu positionieren.

Im 19. und 20. Jahrhundert weilten einflussreiche Personen des öffentlichen finnischen Lebens wie der spätere Fabrikant und Reeder Frederic Rettig oder der Architekt Hugo Neumann, welcher nach seiner Rückkehr Häuser im sogenannten Schweizer Stil entwarf, zu Reise- und Studienzwecken in der Schweiz. Auch der bedeutende Philosoph, Journalist und Politiker Johan Vilhelm Snellman bereiste 1841 zwei Wochen die Schweiz. In seinen staatspolitischen und pädagogischen Werken verwies Snellman immer wieder auf das Alpenland. Der Architekt Alvar Aalto hielt sich ab 1945 häufig in der Schweiz auf. Von 1946 bis 1963 lehrte der bedeutende Mathematiker Rolf Nevanlinna an der ETH Zürich; ab 1964 wurden in Zürich regelmässig Nevanlinna-Kolloquien zur Förderung der Beziehungen zwischen der Schweiz und Finnland auf dem Gebiet der Mathematik durchgeführt.

Bericht der Schweizerischen Akademie der Technischen Wissenschaften, Nr. 37, 2004 (Schweizerische Nationalbibliothek, Bern).
Bericht der Schweizerischen Akademie der Technischen Wissenschaften, Nr. 37, 2004 (Schweizerische Nationalbibliothek, Bern). […]

1946 wurde auf Initiative des nachmaligen langjährigen Präsidenten Gubert von Salis die Schweizerische Vereinigung der Freunde Finnlands (SVFF) gegründet, der heute über 4000 Mitglieder angehören. Die Finnische Vereinigung der Freunde der Schweiz (Sveitsin Ystävät Suomessa, SYS), in Analogie zur SVFF 1948 in Helsinki gegründet, zählt heute ca. 3500 Mitglieder. Beide bemühen sich um kulturellen und wissenschaftlichen Austausch zwischen der Schweiz und Finnland. 1989 wurde die Finnisch-Schweizerische Offiziersvereinigung gegründet.

Quellen und Literatur

  • H. Vallotton, Finlande 1940, 1940
  • Bausteine, hg. von I. Schellbach-Kopra, M. von Grüningen, 1991
  • A. Leitzinger, Schweizer in Finnland, 1991
  • K. Björklund, Suomalaiset Sveitsissä 1944-1996, 1998
Weblinks
Normdateien
GND

Zitiervorschlag

Locher, Anna: "Finnland", in: Historisches Lexikon der Schweiz (HLS), Version vom 23.10.2006. Online: https://hls-dhs-dss.ch/de/articles/003353/2006-10-23/, konsultiert am 08.12.2021.