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Italien

Bis zur Errichtung des italienischen Staates 1861 bezeichnete der Begriff Italien eine geografische, nicht aber eine politische Wirklichkeit. Noch in der Neuzeit war die Halbinsel politisch stark zergliedert und machte die allgemeine europäische Entwicklung hin zur Bildung nationaler Monarchien nicht mit. Zu den damals grössten Staatswesen auf italienischem Territorium gehörten das Herzogtum Savoyen (ab 1720 Königreich Sardinien), das Herzogtum Mailand, die Republiken Venedig und Genua, das Grossherzogtum Toscana, der Kirchenstaat sowie das Königreich Neapel. Nach den ersten Unruhen in der napoleonischen Ära bildete sich ab den 1820er und 1830er Jahren im für Neuerungen aufgeschlosseneren städtischen Bürgertum ein italienisches Nationalgefühl heraus, das allerdings die breiten Bevölkerungsschichten, vor allem jene auf dem Lande, nicht erfasste.

Die Beziehungen zwischen schweizerischen und italienischen Gebieten (etwa der Lombardei und dem Piemont) fussen auf einer langen und gefestigten Tradition. Die Alpen stellten dabei keine unüberwindliche Barriere dar, sondern waren vielmehr ein Bindeglied zwischen Italien und Nordeuropa, über das Waren und Reisende verkehrten. Im 14. und 15. Jahrhundert trugen beispielsweise italienische Bankkaufleute entscheidend zur Entwicklung der Genfer Messen bei. Ab dem 15. bis zum Beginn des 16. Jahrhunderts fand eine entgegengesetzte Bewegung statt, und zwar militärischer Art: Die eidgenössischen Orte drangen Richtung Süden und unternahmen ihre ennetbirgischen Feldzüge, die schliesslich in die Mailänderkriege und die Eroberung der Tessiner Gebiete mündeten. Sie trachteten vor allem danach, die Kontrolle über die Pässe und damit den Zugang zu den lombardischen Märkten zu sichern. In der Folge standen zahlreiche Schweizer Soldaten im Dienst italienischer Staaten (Fremde Dienste, Reisläufer, Päpstliche Schweizergarde). Die Auswanderung nach Italien hatte aber nicht ausschliesslich militärischen Charakter und erfolgte manchmal nur zeitweilig (Saisonarbeit). In der Neuzeit übten insbesondere Tessiner und Bündner eine breite Palette von Aktivitäten in Italien aus, und zwar von einfachen Arbeiten bis zu Tätigkeiten, die hohe technische und künstlerische Fertigkeiten erforderten (Maestranze). Auch auf religiöser Ebene ergaben sich intensive Beziehungen. So unterstanden die Tessiner Pfarreien der Diözese Como und der Erzdiözese Mailand. Für die theologische Ausbildung des katholischen Klerus der Schweiz spielte das in der zweiten Hälfte des 16. Jahrhunderts im Zug der katholischen Gegenreformation in Mailand gegründete Collegium Helveticum eine wichtige Rolle.

Risorgimento (1797-1870)

Für die Epoche des Risorgimento, in der das Königreich Italien entstand und sich konsolidierte, lassen sich in den schweizerisch-italienischen Beziehungen verschiedene Phasen unterscheiden: die napoleonischen Jahre (1797-1814), die Zwischenzeit bis 1848, die eigentliche Einigung von der 1848er Revolution über "das Jahrzehnt der Vorbereitung" (decennio di preparazione) bis zu den Ereignissen von 1859-1860 sowie die Anfänge des Einheitsstaats ab 1861. Die Festlegung eines Enddatums erweist sich als schwierig, weil in der Historiografie Italiens der Erste Weltkrieg oft als letzter Krieg des Risorgimento bezeichnet wurde. Die Einnahme Roms 1870 durch italienische Truppen markiert aber einen natürlicheren Abschluss.

Unter Napoleons Einfluss (1797-1814)

1797 verfügte Napoleon Bonaparte den Anschluss der Untertanenlande der Drei Bünde (Veltlin, Chiavenna, Bormio) an die Cisalpinische Republik, dem die Confisca der bündnerischen Vermögenswerte folgte. Das Tessin hingegen blieb gemäss dem Willen Frankreichs bei der Schweiz und wurde 1803 ein eigener Kanton.

"Ponte Alto (Gondoschlucht)". Lithografie von Godefroy Engelmann nach einer Zeichnung von Edouard Holstein aus dem Jahr 1831, angefertigt für den Band Souvenirs des travaux du Simplon, Genf 1837 (Privatsammlung; Fotografie Bibliothèque de Genève, Archives A. & G. Zimmermann).
"Ponte Alto (Gondoschlucht)". Lithografie von Godefroy Engelmann nach einer Zeichnung von Edouard Holstein aus dem Jahr 1831, angefertigt für den Band Souvenirs des travaux du Simplon, Genf 1837 (Privatsammlung; Fotografie Bibliothèque de Genève, Archives A. & G. Zimmermann). […]

Das Königreich Italien (ab 1805) umfasste unter Napoleons Stiefsohn und Vizekönig Eugène de Beauharnais den Norden und Teile Mittelitaliens, während das restliche Festland auf unterschiedliche Weise in den französischen Herrschaftsbereich einbezogen wurde. Nach der Einführung der Kontinentalsperre 1806 verschlechterten sich die Beziehungen zur Schweiz, da das Tessin als Umgehungsweg für Schmuggelgut angesehen wurde. Ende Oktober 1810 erfolgte die Besetzung des Kantons Tessin durch die Truppen des Königreichs Italien. Diese Besetzung diente Napoleon bis zum Herbst 1813 vor allem zur Unterbindung des Schmuggels und der Desertionen, aber auch als Druckmittel im Spiel um mehr Schweizer Soldaten. Von den vier Regimentern, welche die Schweiz gemäss der Militärkapitulation von 1803 zu stellen hatte, war das erste bis vor dem Russlandfeldzug in Kalabrien und auf den Inseln des Golfs von Neapel stationiert.

Die Zwischenzeit 1815-1848

Der Wiener Kongress nahm die ehemals bündnerischen Untertanenlande von der gegenüber der Schweiz praktizierten Restitutionspolitik aus und vereinigte sie mit dem neu gebildeten Lombardo-Venezianischen Königreich. Während der Restaurationszeit übte das Gedankengut der Aufklärungsbewegung in der Lombardei auf das kulturelle Leben der italienischen Schweiz einen grossen Einfluss aus. Wie viele Tessiner der Restaurationszeit verbrachte Stefano Franscini entscheidende Bildungsjahre in Mailand, zunächst 1815-1818 im erzbischöflichen Seminar, dann bis 1824 als Lehrer. Hier lernte er den später bedeutenden Ökonomen und politischen Philosophen Carlo Cattaneo kennen, mit dem er 1821 eine Reise über die Alpen nach Zürich unternahm und Heinrich Zschokkes Abhandlung zur Schweizer Geschichte ins Italienische übersetzte. Nachdem die Aufklärung unter anderen Cesare Beccaria grosses Interesse entgegengebracht hatte, verstärkten sich während der Restauration und Regeneration die Kulturbeziehungen und kam Italien auch wissenschaftlich Bedeutung zu.

In den 1820er und 1830er Jahren wurde die Gotthardstrasse ausgebaut, während sich die Bündner um den Splügen und San Bernardino kümmerten. Dies verbesserte die Nord-Süd-Verbindungen über die Zentralalpen, verschärfte aber Mailands Rivalität zu Genua und Turin, welche die Westalpenpässe bevorzugten.

1834 lancierte Giuseppe Mazzini von der Schweiz aus einen Freischarenzug unter Girolamo Ramorino nach Savoyen, der scheiterte. Daraufhin verstärkte sich der ausländische Druck auf die Schweiz. Mazzini, der in Savoyen im Abwesenheitsverfahren zum Tod verurteilt wurde, blieb weiter konspirativ tätig und gründete in Bern 1834 den Geheimbund Junges Europa und in der Folge die Junge Schweiz.

Von der 1848er Revolution zur politischen Einigung

Die Schweiz und vor allem das Tessin wurden in mehrfacher Hinsicht in die politischen Kämpfe Italiens von 1848-1861 verwickelt, die schliesslich zur Errichtung des Einheitsstaats Italien führten. Im Vorfeld des Sonderbundskriegs unterstützte der starke Mann in Mailand, der österreichische Feldmarschall Joseph Wenzel Radetzky, die katholisch-konservative Seite und erwies sich als deren möglicher Bündnispartner. Deswegen wandte sich Konstantin Siegwart-Müller, der Anführer der Katholisch-Konservativen, während und nach Ende des Krieges an ihn. Im Gefolge der Mailänder Revolution vom 18. bis 22. März 1848, den sogenannten Cinque Giornate, unterstützten viele Freiwillige aus der Schweiz den lombardischen Aufstand gegen Österreich. Zu ihnen gehörten Tessiner wie der Republikaner Antonio Arcioni und seine Kolonne, aber auch der Berner Johann Christian Ott an der Spitze einer mehrheitlich von Waadtländern und Genfern gebildeten Kompanie, die im Trentino und Veltlin operierte, oder der Thurgauer Johannes Debrunner, der mit gegen 100 Mann nach Venedig zog. Mit dem eidgenössischen Obersten Michael Napoleon Allemandi, einem Anhänger Mazzinis, stellte die Schweiz für kurze Zeit den Chef der lombardischen Freiwilligentruppen.

Gleichzeitig mit den Freiwilligenaktionen zugunsten der Lombardei gab es auf piemontesischer Seite Bestrebungen, sich mit der Schweiz zu verbünden. In diesem Zusammenhang erfolgte am 6. April 1848 eine möglicherweise eigenmächtige Demarche des Gesandten und Generalmajors Paolo Racchia bei der Tagsatzung, die auf den Abschluss einer Allianz gegen Österreich zielte. Die Mehrheit der Tagsatzung wollte sich aber angesichts des ungefestigten Zustands des eben dem Bürgerkrieg entronnenen Landes und aus neutralitätspolitischen Überlegungen nicht auf ein solches Ansinnen einlassen. Mitte April und Anfang Juli 1848 wurde General Guillaume-Henri Dufour über andere piemontesische Kanäle angefragt, ob er den Oberbefehl gegen die Österreicher übernähme. Er liess sich jedoch nur zur Abfassung zweier Mémoires (25. Juli und 2. August 1848) zu Handen des piemontesischen Kriegsministers Giacinto Provana di Collegno bewegen.

Nachdem bereits früher Flüchtlinge aus Italien in die Schweiz gelangt waren, vor allem nach Genf und ins Tessin – unter anderen Filippo Buonarroti (1806), Pellegrino Rossi (1815), Santorre di Santarosa (1821) und mehrfach Mazzini –, setzten sich nach der Einnahme Mailands durch österreichische Truppen im August 1848 erneut Scharen von Revolutionären ins Tessin ab. Sie verwickelten den erst im November 1848 konstituierten Bundesrat in bisweilen dramatische Auseinandersetzungen mit Mailand und Wien, weil zum Beispiel Mazzini seine Aktionen weiterhin auf Schweizer Boden vorbereitete. Dies galt auch für den blutigen Aufstandsversuch vom 6. Februar 1853 in Mailand, der eine Grenzsperre und die Ausweisung von Tausenden von Tessinern aus der Lombardei nach sich zog. Der Bundesrat verhandelte mit Österreich auf diplomatischem Weg und entsandte eidgenössische Kommissäre ins Tessin. Er liess die Druckerei und den Verlag Tipografia elvetica in Capolago schliessen, wodurch Cattaneo und die italienischen Föderalisten ihrer wichtigsten Publikationsmöglichkeit beraubt wurden.

Die Lage blieb während der 1850er Jahre angespannt, weil sie zusätzlich auch durch religiöse Fragen belastet wurde, die im Zusammenhang mit der Ausweisung meist lombardischer Kapuziner aus dem Tessin 1852 und mit der Tessiner Bistumsfrage standen. Im Fall der Bistumsfrage dekretierte die Bundesversammlung 1859 die Trennung des Kantons Tessin von der Diözese Como und der Erzdiözese Mailand.

An den italienischen Feldzügen 1859-1860 nahmen auch Schweizer teil. Im französisch-piemontesischen Krieg gegen Österreich, der am 10. November 1859 durch den Frieden von Zürich beendet wurde, besichtigte Henry Dunant das Schlachtfeld von Solferino, worüber er 1862 eine Schrift verfasste, die zur Gründung des Roten Kreuzes führte. Trotz Verbot der Fremden Dienste ohne Erlaubnis des Bundesrats durch die Bundesversammlung als Folge der sogenannten Fatti di Perugia – päpstliche Schweizer Truppen waren 1859 gegen die aufständische Stadt brutal vorgegangen – beteiligten sich vor allem 1860 unter Giuseppe Garibaldi etliche Freiwillige aus der Schweiz an den Kämpfen, unter ihnen Wilhelm Rüstow, der als Stabschef einer Division den süditalienischen Feldzug mitmachte und in der Schlacht am Volturno vom 1. Oktober 1860 die Reserve befehligte.

An der Person des Revolutionärs Garibaldi erregte sich die öffentliche Meinung der Schweiz, die sich bis anhin mit Ausnahme des Tessins für Italien nicht sonderlich interessiert hatte. Der Bewunderung, wie sie der Zürcher Kreis um Emma und Georg Herwegh entgegenbrachte, stand nicht zuletzt wegen Garibaldis Plänen gegen den Kirchenstaat eine deutliche Ablehnung von katholisch-konservativer Seite gegenüber.

Die Zeit unmittelbar nach der Einigung

Karikatur auf das Werben Italiens um das Tessin in der liberalen satirischen Tessiner Wochenzeitung Il buon umore, 5. April 1861 (Archivio di Stato del Cantone Ticino, Bellinzona; Fotografie Studio Job, Giubiasco).
Karikatur auf das Werben Italiens um das Tessin in der liberalen satirischen Tessiner Wochenzeitung Il buon umore, 5. April 1861 (Archivio di Stato del Cantone Ticino, Bellinzona; Fotografie Studio Job, Giubiasco). […]

Der neue italienische Staat war wegen seines zunehmend aggressiven Nationalismus ein potenziell gefährlicherer Nachbar als Österreich (Irredentismus). Von Anfang an erhob er Anspruch auf italienischsprachige Gebiete der Schweiz. Selbst Camillo Cavour äusserte gegenüber dem Schweizer Gesandten Abraham Louis Tourte 1861 die Meinung, dass man – falls die Schweiz um Vorarlberg und Tirol erweitert würde – zur Vereinigung des Tessins mit Italien nicht Nein sagen werde. Noch weiter ging der Garibaldiner Nino Bixio 1862 in einer Kammerrede, als er behauptete, die Italiener seien immer die Herren des Mittelmeers gewesen und das Tessin werde wie die Adria, Korsika und Malta in wenigen Jahren ihnen gehören. Diese Äusserung nahm spätere, schrillere irredentistische Argumente vorweg.

Über den Kreis der politischen Flüchtlinge hinaus pflegten auch massgebliche Politiker Italiens persönliche Kontakte zur Schweiz. Cavours familiäre Beziehungen zu Genf standen in einer gewissen Kontinuität mit den Genfer Verbindungen des toskanischen Reformkreises um Raffaello Lambruschini, Gino Capponi und Jean Pierre Vieusseux. Die Kontakte setzten sich mit Cavours Nachfolger Bettino Ricasoli, der Conrad Ferdinand Meyers Familie freundschaftlich verbunden war, sowie mit dem Literaturkritiker und späteren Unterrichtsminister Francesco De Sanctis fort, der 1856-1860 am Eidgenössischen Polytechnikum italienische Literatur unterrichtete.

Von 1870 bis heute

Bis zum Ausbruch des Ersten Weltkrieges

Politische Beziehungen

Nachdem Rom im September 1870 durch das italienische Heer erobert worden war, trat es 1871 die Nachfolge von Turin und Florenz als neue Hauptstadt des Königreichs Italien an. Letzteres umfasste ab 1866 auch die Region Venetien.

Mit Edelweiss und Lorbeer verzierte Karte des Menüs, das der Bundesrat dem König von Italien am 20. Mai 1889 offerierte (Mémoires d'Ici, Saint-Imier, Fonds Albert et Marguerite Gobat).
Mit Edelweiss und Lorbeer verzierte Karte des Menüs, das der Bundesrat dem König von Italien am 20. Mai 1889 offerierte (Mémoires d'Ici, Saint-Imier, Fonds Albert et Marguerite Gobat). […]

Wie schon in der Vergangenheit prägten die politischen Flüchtlinge aus Italien, die sich in der Schweiz, hauptsächlich im Tessin, aufhielten, die Beziehungen beider Länder, wobei sie für die unterschiedlichsten Gesinnungen (Republikaner, Radikale, Sozialisten, Anarchisten) einstanden. Unter ihnen ragten Persönlichkeiten wie der Anarchist Andrea Costa, der später als erster Sozialist in die italienische Abgeordnetenkammer gewählt wurde, Anna Kulischowa und Errico Malatesta heraus. Besonders spannungsreich war die Zeit um die Wende vom 19. zum 20. Jahrhundert. Im Mai 1898 flüchteten nach den in Italien ausgebrochenen "Brotunruhen" (moti del pane), die in Mailand ihren Höhepunkt fanden, viele militante Republikaner, Sozialisten und Anarchisten ins Tessin, während sich in der Schweiz über 1500 italienische Einwanderer in den bande svizzere zusammenschlossen. Diese Arbeitergruppen setzten sich von Lausanne und anderen Zentren aus Richtung Italien in Bewegung. Sie wollten dort gegen die Repression des Generals Fiorenzo Bava Beccaris protestieren, aber die revolutionäre Bewegung wurde schon im Keim erstickt. Die meisten italienischen Arbeiter wurden bereits im Tessin von den Schweizer Behörden gestoppt, die rund 200 Personen an Italien auslieferten. Wenige Monate später, nachdem der italienische Anarchist Luigi Luccheni am 10. September 1898 in Genf Kaiserin Elisabeth von Österreich ermordet hatte, versuchte die italienische Regierung vorerst vergeblich, die anderen Mächte für ein gemeinsames Protestschreiben an den Bundesrat zu gewinnen. Daraufhin organisierte sie in Rom eine internationale Konferenz zur Verteidigung des sozialen Friedens gegen die Anarchisten, an der auch die Schweiz teilnahm und deren Beschlüsse sie fast alle unterzeichnete, auch jenen zum internationalen Informationsaustausch über die Bewegungen der militanten Anarchisten. Das Anarchistenproblem und die italienischen Klagen über die angebliche Laxheit der Schweizer Behörden standen auch am Beginn der Silvestrelli-Affäre – der Name der Affäre geht auf den italienischen Minister in Bern zurück –, die gar zum zwischenzeitlichen Abbruch der diplomatischen Beziehungen zwischen den beiden Ländern führte.

Die Frage der politischen Flüchtlinge stellte nicht den einzigen Störfaktor in den gegenseitigen Beziehungen dar. Während man in der Schweiz die irredentistischen Ansprüche aus Italien auf die italienische Schweiz mit Besorgnis verfolgte – aus diesem Grund erzwang der Bundesrat 1884 die Entfernung des italienischen Konsuls in Lugano, Francesco Grecchi –, verfolgte die italienische Öffentlichkeit argwöhnisch den Bau neuer militärischer Befestigungen südlich des Gotthards und die angebliche Germanisierung der italienischen Schweiz. 1907 führte der Generalstabschef Theophil Sprecher von Bernegg, dem der italienische Irredentismus grosse Sorgen bereitete, ohne Wissen des Bundesrates vertrauliche Gespräche mit der deutschen und österreichischen Heeresleitung, in denen für den Fall einer Verletzung der territorialen Integrität der Schweiz eine gemeinsame Aktion gegen Italien erwogen wurde. In der Folge zirkulierten wilde Gerüchte über diese Geheimgespräche. Italienische Zeitungen zögerten 1911 nicht, von einem österreichisch-schweizerischen Geheimbund gegen Italien zu sprechen. Im August desselben Jahres zeigte sich auch Luigi Luzzatti, von März 1910 bis März 1911 italienischer Aussenminister, anlässlich eines Treffens in Bern mit Bundesrat Ludwig Forrer davon überzeugt, dass eine solche Allianz existiere, obwohl sein Gesprächspartner dies klar dementiert hatte.

Der im September 1911 von Italien begonnene Krieg in Libyen gegen das Osmanische Reich schürte in der schweizerischen Öffentlichkeit angesichts des sich zuspitzenden Nationalismus in Italien neue Ängste. Die Wahl des Tessiners und Italienkenners Giuseppe Motta in den Bundesrat im Dezember 1911 trug zur Beruhigung der Gemüter in der italienischen Schweiz und der Behörden in Rom bei. Auch die Rede von Bundespräsident Forrer im Dezember 1912 wirkte sich positiv auf die Stimmung innerhalb der italienischen Regierung, aber auch in der italienischen Öffentlichkeit aus und half, die Spannungen zwischen den beiden Ländern abzubauen.

Wirtschaftliche Beziehungen

Die wirtschaftlichen Beziehungen zwischen der Schweiz und Italien, beide Mitglieder der Lateinischen Münzunion, wurden nebst der geografischen Nähe von der Eröffnung des Eisenbahntunnels durch den Gotthard 1882 und der Bedeutung des Hafens von Genua für die schweizerische Landesversorgung geprägt. Als hinderlich für die weitere Entwicklung erwies sich jedoch die handelspolitische Kehrtwende Italiens zum Protektionismus, die in den 1870er Jahren einsetzte und im Zolltarif von 1887 gipfelte. Das Handelsabkommen von 1892 bewirkte einzig einen Anstieg der italienischen Ausfuhren in die Schweiz, und zwar von 140 Mio. Franken (1892) auf 181 Mio. Franken (1903), was den Bundesrat bewog, 1903 das Abkommen zu kündigen. Nach langen Verhandlungen kam 1904 ein neuer Vertrag zustande, welcher der Eidgenossenschaft bedeutende Konzessionen wie die Herabsetzung der Zölle auf die wichtigsten nach Italien ausgeführten Produkte (u.a. Käse, Maschinen, Seidenstoffe) und eine markante Erhöhung der Schweizer Zölle auf italienische Weine einräumte. Trotz dieser Verbesserungen fiel der Saldo der Handelsbilanz deutlich zugunsten Italiens aus. Bis 1914 stand Italien an zweiter oder dritter Stelle der Zulieferer des Schweizer Marktes und an fünfter oder sechster Stelle der Abnehmer von Schweizer Waren.

Die Schweizer Kolonie und Schweizer Firmen gaben der wirtschaftlichen Entwicklung auf der Halbinsel schon vor der Einigung Italiens Impulse, die in den letzten Jahrzehnten des 19. Jahrhunderts noch stärker wurden. Gegen Ende des 19. Jahrhunderts befanden sich rund 65 Baumwollspinnereien, vorwiegend in der Lombardei und im Piemont, in den Händen von Schweizern. Auch in der italienischen Hotellerie spielten Schweizer bis 1914 eine führende Rolle. Sie leiteten ca. 50 grosse Hotels, die oft mit Hilfe von Schweizer Banken gebaut worden waren. Ebenfalls aktiv in Italien waren zahlreiche schweizerische Kreditinstitute wie das 1819 in Mailand gegründete Institut Vonwiller oder die in Florenz entstandene Bank Steinhäuslin. Schweizer Kapital war ferner an der Gründung der Banca commerciale italiana und des Credito italiano beteiligt, die später zu den bedeutendsten italienischen Banken gehören sollten. Schweizer Finanzgesellschaften hielten erhebliche Anteile an der italienischen Elektroindustrie; die Société financière italo-suisse besass als Mehrheitsaktionärin der Società meridionale di elettricità bis zur Nationalisierung der italienischen Elektroindustrie 1962 faktisch das Monopol für die elektrische Energieversorgung in Süditalien (ohne Sizilien). Im Maschinenindustriesektor erwarb Brown Boveri 1903 die Kontrolle über ein Unternehmen, das sich in der Folge Tecnomasio Italiano Brown Boveri nannte und zu einem der grössten Konzerne seiner Art auf der Halbinsel aufstieg.

Migrationsbewegungen

Das Restaurant der Società Cooperativa an der Marktgasse 47 in Winterthur. Fotografie, 1920er Jahre (Archiv der Società Cooperativa, Winterthur).
Das Restaurant der Società Cooperativa an der Marktgasse 47 in Winterthur. Fotografie, 1920er Jahre (Archiv der Società Cooperativa, Winterthur). […]

In den Jahren zwischen 1870 und 1914 stieg die Zahl der italienischen Immigranten in die Schweiz (Einwanderung) erheblich an. Zählte man 1880 41'000 italienische Einwanderer, waren es 1910 203'000 Personen, wobei letzterer Wert ca. 60'000 italienische Saisonniers nicht berücksichtigt. Diese Entwicklung wurde unter anderem vom 1868 abgeschlossenen Niederlassungs- und Konsularvertrag begünstigt, der Italienern und Schweizern gegenseitig das Recht auf freien Zuzug und freie Niederlassung in den jeweiligen Ländern zusicherte. Am Vorabend des Ersten Weltkrieges machten die Italiener – überwiegend unqualifizierte Arbeitskräfte, die im Baugewerbe und beim Eisenbahnbau beschäftigt waren, – mehr als einen Drittel aller Ausländer in der Schweiz aus und bildeten nach den Deutschen die zweitgrösste ausländische Kolonie. Die Befürchtung, der Einsatz der italienischen Arbeitskräfte könne sich negativ auf die Löhne der Schweizer Arbeiterschaft auswirken, und weit verbreitete fremdenfeindliche Gefühle (Fremdenfeindlichkeit) führten 1893 in Bern (Käfigturmkrawall) und 1896 in Zürich (Italienerkrawall) zu Übergriffen. Die italienischen Sozialisten versuchten, die Immigranten in die 1895 gegründete Unione socialista italiana in Svizzera (später in Unione socialista di lingua italiana umbenannt) einzubinden. Deren treibende Kraft war Antonio Vergnanini, der sich um die Zusammenarbeit der Bewegung mit den Schweizer Gewerkschaften bemühte. Ab 1899 verfügte die schweizerische Sektion der sozialistischen Partei Italiens in Zürich über das Restaurant Cooperativo und die Zeitung "L'Avvenire del Lavoratore".

Die Zahl der Schweizer in Italien belief sich durchschnittlich auf rund 10'000 Personen, die vor allem in Norditalien lebten und vor 1914 auf der Halbinsel die zweitgrösste Ausländerkolonie bildeten. Diese bestand hauptsächlich aus Unternehmern, Geschäftsleuten, Technikern und Führungskräften, die ein intensives Vereinsleben pflegten und Hilfsgesellschaften, Schulen und Spitäler sowie reformierte Milieus mit Kirchen und Friedhöfen gründeten.

Eisenbahntunnel

Die Frage der Eisenbahntunnel gewann nach der Einigung Italiens rasch erstrangige Bedeutung. Nach langen Diskussionen zwischen den Verfechtern der verschiedenen Linienführungen (Splügen, Lukmanier oder Gotthard) entschied sich die italienische Regierung zwischen 1865 und 1866 für die Unterstützung der Gotthardvariante, die dann 1869 auf einer internationalen Konferenz in Bern gutgeheissen wurde. Der aus dieser hervorgehende Staatsvertrag wurde 1870-1871 von der Schweiz, Italien und Deutschland ratifiziert. Der finanzielle Anteil Italiens am Bau der 1882 eröffneten Linie betrug insgesamt 55 Mio. Franken. Einen wichtigen Beitrag zur Realisierung des Tunnels und der Strecke leisteten die italienischen Arbeiter, von denen allein im Haupttunnel 180 ihr Leben verloren. Nachdem sich das Schweizer Volk 1898 für die Verstaatlichung der Eisenbahnen ausgesprochen hatte, beschloss der Bundesrat 1904, die Gotthardbahn zu erwerben, ohne Italien und Deutschland die à fonds perdu einbezahlten Beiträge zurückzuerstatten. Hingegen bot er ihnen Tarifvergünstigungen (Rabatt von 20% auf den Bergzuschlag). Diese und andere Konzessionen wurden im Gotthardvertrag von 1909 festgelegt, mit dem die Schweiz ihr Recht bekräftigte, beliebige Massnahmen zur Verteidigung ihrer Neutralität und territorialen Integrität zu ergreifen. Gleichzeitig verpflichtete sie sich, den reibungslosen Betrieb der Strecke zu garantieren.

Ein weiteres Projekt einer Alpentransversale, die Italien und die Schweiz zur Zusammenarbeit zwang, war der Simplontunnel. Ein erstes bilaterales Abkommen von 1895 (Simplonverträge) übergab den Bau und die Nutzung der Linie einer privaten Gesellschaft, nämlich der Jura-Simplon-Bahn. Die Arbeiten begannen 1898 und wurden 1906 von den SBB zu Ende geführt, welche die Jura-Simplon-Bahn im Zug der Verstaatlichung der Eisenbahnen 1903 übernommen hatten. Italien behielt jedoch das Recht, die Strecke von Domodossola bis zur Landesgrenze für militärische Zwecke zu nutzen. Im Mai 1906 bot die Eröffnung der Simplonlinie in Brig Gelegenheit für eine Begegnung des Bundesrates mit König Vittorio Emanuele III.

Kulturelle Beziehungen

Während des gesamten 19. Jahrhunderts übte Italien auf kultureller und wissenschaftlicher Ebene eine starke Anziehungskraft auf viele Schweizer aus, vom Genfer Jean Charles Léonard Simonde de Sismondi bis zum Basler Jacob Burckhardt, einem intimen Kenner der italienischen Kultur und Kunstgeschichte. Die engen kulturellen Bindungen zwischen den beiden Ländern bezeugen Künstler wie der Tessiner Bildhauer Vincenzo Vela, der in Italien studierte und dort einen Teil seines Werkes schuf, oder der im Trentino geborene Maler Giovanni Segantini, der den letzten Teil seines Lebens im Bergell und im Engadin verbrachte und dort seine berühmten Landschaftsbilder schuf. Der aus der Schweiz stammende Buchhändler und Verleger Ulrico Hoepli spielte eine entscheidende Rolle bei der Herausgabe wissenschaftlicher und technischer Texte in Italien. Nach der Gründung des Eidgenössischen Polytechnikums in Zürich 1855 und der Universität Freiburg 1889 nahm der Zustrom von Tessiner Studenten an die Universität Pavia ab, die lange Zeit deren bevorzugtes Ziel gewesen war. Zahlreiche Künstler aus der italienischen Schweiz studierten an der Akademie von Brera in Mailand.

Vom Ersten Weltkrieg zur faschistischen Machtergreifung

Italiener am Bahnhof Basel, überwacht von Schweizer Soldaten. Fotografie von Carl Hoffmann, 4. August 1914 © Felix Hoffmann, Basel.
Italiener am Bahnhof Basel, überwacht von Schweizer Soldaten. Fotografie von Carl Hoffmann, 4. August 1914 © Felix Hoffmann, Basel. […]

Im September 1914 verpflichtete sich die italienische Regierung, auch in Zukunft die immerwährende Neutralität der Schweiz zu respektieren (Erster Weltkrieg). Gegen Ende desselben Monats beriefen schweizerische und italienische Sozialisten in Lugano eine Konferenz ein, auf der sie ihre internationalistische und pazifistische Haltung bekräftigten. Über den symbolischen Wert des Treffens hinaus wollte die helvetische Linke die Bemühungen der italienischen Genossen unterstützen, Italien vor der Verwicklung in den bewaffneten Konflikt zu bewahren. Als Italien im Mai 1915 an der Seite der Entente-Mächte in den Krieg eintrat, äusserte sich Generalstabschef Sprecher von Bernegg mit harschen Worten. An General Ulrich Wille schrieb er, die italienische Regierung, die das Bündnis mit den Mittelmächten gebrochen habe, verdiene kein Vertrauen. Zur Sicherung der Südgrenze wurde umgehend eine deutschschweizerische Division südlich des Gotthards stationiert, was die Gemüter im Tessin – dort vertrat die Mehrheit der Bevölkerung die Sache Italiens und der Entente – erhitzte. Nach dem Abbruch der Beziehungen zwischen Rom und Berlin, übernahm die Schweiz die Wahrung der italienischen Interessen in Deutschland (und der deutschen Interessen in Italien), später auch jene in Österreich-Ungarn.

Die italienische Regierung erklärte im August 1914, sie garantiere auch in Zukunft den Transit der für die Schweiz bestimmten Waren über den Hafen von Genua. Deren Volumen verdoppelte sich 1913-1915 auf 330'000 t. Die Entente-Mächte, vor allem Grossbritannien, überwachten diese Handelsströme sehr genau, weil sie argwöhnten, Rohstoffe und Lebensmittel aus ihrem Einflussbereich könnten in der Schweiz verarbeitet und dann in die Mittelmächte ausgeführt werden. Um solche Befürchtungen zu zerstreuen, stimmte der Bundesrat 1915 der Schaffung der Société suisse de surveillance économique zu. Die Aufgabe der italienischen Neutralität zog eine drastische Verminderung des Verkehrs auf der Gotthardlinie nach sich. Während des Krieges gelangte mehr als ein Drittel der Einfuhren über den Hafen von Genua in die Schweiz, obwohl das Warenvolumen ab 1917 wegen des erbitterten U-Bootkrieges der Deutschen in absoluten Zahlen zurückging.

Wegen des Kriegsausbruches reisten viele der in der Schweiz lebenden italienischen Immigranten bis zum Herbst 1914 in ihr Heimatland zurück, obwohl Italien damals noch neutral war. Bis 1920 sank die Zahl der Italiener in der Schweiz auf 134'000 Personen, sie lag damit rund ein Drittel tiefer als zehn Jahre zuvor. Der Krieg bewog ferner 3000 Schweizer, Italien zu verlassen, sodass 1918 die Schweizer Kolonie in Italien nur noch 8000 Personen zählte. Der durch den Konflikt geschürte, wachsende Nationalismus in Italien traf vor allem die schweizerische Textilindustrie in Süditalien, die unter italienische Kontrolle geriet, sowie die deutschsprachigen Mitglieder der Schweizer Kolonie, die auf Grund ihrer Sprache mit Deutschen und Österreichern gleichgesetzt wurden.

Da die Schweiz den Aufenthalt vieler Deserteure und Wehrdienstverweigerer – darunter etliche Italiener – und ab 1918 eine sowjetische Mission in ihrem Territorium duldete, setzten die Entente-Mächte sie diplomatisch unter Druck. Am 7. November 1918 erklärte der italienische Aussenminister Sidney Sonnino dem Schweizer Minister in Rom, Georges Wagnière, die Alliierten liessen es nicht zu, dass die Schweiz ein Herd revolutionärer Umtriebe werde. Diese Erklärung trug zweifellos zum Entscheid des Bundesrates bei, die bolschewistische Mission am ersten Tag des Landesstreiks auszuweisen. In der Folge radikalisierte der Bundesrat seine Ausländerpolitik, indem er unter anderem italienische Militante abschob. An der Versailler Friedenskonferenz, an der Italien als Siegermacht teilnahm, wurde die Schaffung des Völkerbundes beschlossen. Die italienische Regierung unterstützte nach dem Beitritt der Schweiz zur internationalen Organisation die Wahl von Genf als Sitz der neuen Institution.

Von der faschistischen Machtergreifung zum Zweiten Weltkrieg

Politische Beziehungen

Nachdem Benito Mussolini im Oktober 1922 an die Macht gelangt war, versuchte er auf diplomatischer Ebene, den Vorsteher des Eidgenössischen Politischen Departements, Giuseppe Motta, zu beruhigen. Dieser bewunderte zwar Italien, hegte aber starke Befürchtungen gegenüber der irredentistischen Gefahr. Denn die Anspielung auf den Gotthard als Grenze, die Mussolini noch als Mitglied der italienischen Abgeordnetenkammer im Juni 1921 in einer Rede gemacht hatte, trug nicht zur Entspannung bei. Besonders in der Deutschschweiz wurde der Faschismus schon früh mit dem Irredentismus gleichgesetzt. Die Ängste verstärkten sich 1924, als die kaum fassbare Gruppe Giovani Ticinesi in Mailand das Pamphlet "La questione ticinese" mit unzweifelhaft irredentistischer Stossrichtung drucken liess. Auf offizieller Ebene hingegen wurden die bilateralen Beziehungen durch die Machtübernahme der Faschisten dank dem Abschluss eines neuen Handelsabkommens 1923 und eines Schiedsvertrags 1924 nicht beeinträchtigt.

Erste-Mai-Kundgebung von 1930 auf dem Helvetiaplatz in Zürich. Fotografie Zollinger, Zürich (Schweizerisches Nationalmuseum, Zürich).
Erste-Mai-Kundgebung von 1930 auf dem Helvetiaplatz in Zürich. Fotografie Zollinger, Zürich (Schweizerisches Nationalmuseum, Zürich). […]

Noch vor dem Marsch auf Rom begannen die Faschisten, unter den italienischen Immigranten in der Schweiz Anhänger zu werben. Im Mai 1921 entstand in Lugano der erste faschistische Verband im Ausland. Nach Mussolinis Machtübernahme verbreitete sich die Bewegung mit Hilfe der italienischen Konsuln im übrigen Tessin und in der Schweiz mit dem Ziel, die Immigranten einzugliedern. Es gelang ihren Exponenten, einen Grossteil der italienischen Organisationen in der Schweiz unter ihre Kontrolle zu bringen, darunter das 1902 gegründete italienische Spital in Lugano. Als Organ der Faschisten in der Schweiz diente die Wochenzeitschrift "Squilla italica", die 1923 in Lugano ins Leben gerufen und von Rom subventioniert wurde.

Ein Gegengewicht zur faschistischen Präsenz in der Schweiz bildeten die politischen Flüchtlinge aus Italien. Obwohl sich ihre Zahl auf ein paar Dutzend beschränkte, fand der Antifaschismus in der Schweiz ein starkes Echo, nicht zuletzt dank der Unterstützung italienischer Immigranten, die schon vor dem Krieg in der Schweiz gelebt und sich zum Teil eingebürgert hatten. Auch viele Schweizerbürger aus allen Gesellschaftsschichten bekämpften den Faschismus, so etwa Guglielmo Canevascini, Führer der Tessiner Sozialisten, ab 1922 Mitglied der Kantonsregierung und Gründer der "Libera Stampa", der einzigen antifaschistischen Tageszeitung Europas in italienischer Sprache während des Regimes von Mussolini (in Italien bereits 1923 verboten). Canevascini half profilierten politischen Flüchtlingen wie etwa dem Republikaner Randolfo Pacciardi (1933 von den Bundesbehörden des Landes verwiesen), der in Zusammenarbeit mit der Bewegung Giustizia e Libertà eine rege Untergrundtätigkeit entwickelte. Aber auch Giovanni Bassanesi konnte seinen legendären Propagandaflug über Mailand im Juli 1930 dank der diskreten Hilfe des sozialistischen Staatsrats durchführen. Das Auslandzentrum der künftigen kommunistischen Partei Italiens hatte seinen heimlichen Sitz ab 1927 ebenfalls in der Schweiz, bis 1929 die Verantwortlichen, unter ihnen Palmiro Togliatti, vom Bund ausgewiesen wurden. Rom reagierte auf den antifaschistischen Aktivismus in der Schweiz mit der Einschleusung von Informanten der politischen Polizei. Letztere zögerte 1928 nicht, nahe der Enklave Campione d'Italia Cesare Rossi, den ehemaligen Chef des Pressebüros des Duce, der sich zum Regimegegner gewandelt hatte, zu entführen. Diese Episode stand am Anfang einer der schwersten Krisen zwischen Rom und Bern, doch verzichtete der Bundesrat darauf, den Schiedsvertrag zu bemühen, der das Weitertragen des Streitfalls in zweiter Instanz an den ständigen Internationalen Gerichtshof in Den Haag vorsah. Im Allgemeinen verfolgten die Schweizer Behörden die Politik, die politischen Flüchtlinge einer strengen Überwachung zu unterwerfen, gleichzeitig aber auf jede Zusammenarbeit mit den italienischen Stellen zu verzichten. Sie wollten möglichst alle Zwischenfälle vermeiden, die den Beziehungen zu Italien hätten schaden können.

Mussolini versuchte, auf die Innenpolitik der Schweiz Einfluss zu nehmen, indem er ihm genehme Persönlichkeiten aus der Politik finanziell unterstützte. 1930 beispielsweise liess er Angiolo Martignoni, einem konservativen Mitglied der Tessiner Regierung, 80'000 Fr. zukommen in der Hoffnung, damit zur Wahlniederlage Canevascinis beizutragen. Ebenfalls mit Hilfe Mussolinis gründete der Waadtländer Oberst Arthur Fonjallaz 1933 die Schweizerische Faschistische Bewegung, die jedoch eine karikaturistische Nachahmung des italienischen Vorbilds blieb und nur im Tessin auf eine gewisse Gefolgschaft (rund 500 Personen) zählen konnte. Die Zuwendungen des Duce für Fonjallaz (insgesamt 600'000 Fr.) dienten auch zur Finanzierung der Volksinitiative gegen die Freimaurerei, die das Volk 1937 verwarf. Massive Hilfe erhielt ferner Georges Oltramare, Führer der Genfer Union nationale, der 1937 zusammen mit zahlreichen Anhängern von Mussolini empfangen wurde.

Im Oktober 1935 sahen sich die Schweizer Behörden angesichts des italienischen Überfalls auf Äthiopien, das dem Völkerbund angehörte, gezwungen, einen Kompromiss zwischen der Aufrechterhaltung der guten Beziehungen mit dem faschistischen Regime, der Wahrung der Neutralität und der Einhaltung der Verpflichtungen gegenüber dem Völkerbund zu suchen. Motta räumte in Genf zwar eine Verletzung des Völkerbundsvertrags durch Italien ein, bestritt aber die Pflicht der Schweiz zur Anwendung von Sanktionen, da diese die Neutralität zu beeinträchtigen drohten. Die Schweiz beteiligte sich deshalb nur symbolisch an den Sanktionen. Das Exportembargo für Waffen dehnte der Bundesrat auf das angegriffene Äthiopien aus. Vor allem im Monat vor dem Inkrafttreten der Sanktionen stieg der Transit deutscher Kohle durch die Schweiz, die für Italien bestimmt war, rasch an. Unter den italienischen Immigranten verstärkten die Sanktionen patriotische Gefühle und förderten die Zustimmung zum faschistischen Regime. Dies manifestierte sich in der Schweiz auch im grossen Erfolg der Aktion "Gold für das Vaterland" vom Dezember 1935, welche die Italiener dazu aufrief, ihre Eheringe dem Vaterland zu schenken. Auf Vorschlag von Motta anerkannte der Bundesrat im Dezember 1936 de jure das italienische Imperium und somit die neu geschaffene Situation in Äthiopien nach dem Sieg Mussolinis. Diese Anerkennung – die erste eines neutralen Staates – wurde in Rom mit Genugtuung aufgenommen, löste aber im Schweizer Parlament nicht nur bei der Linken Kritik aus, denn sie schuf ein eindeutiges Ungleichgewicht der schweizerischen Position zugunsten des faschistischen Regimes. Nach dem endgültigen Austritt Italiens aus dem Völkerbund im Dezember 1937 kündigte Motta die unverzügliche Rückkehr der Schweiz zur integralen Neutralität an. Der Völkerbundsrat bestätigte diese im Mai 1938. Damit entband er die Schweiz von der Verpflichtung, sich an irgendeiner Form von Sanktionen zu beteiligen. Daraufhin äusserten Italien wie Deutschland ihre Zufriedenheit darüber, dass die Schweiz nun von allen Hindernissen befreit sei, die ihre Neutralität gefährden könnten. Zuvor hatte Mussolini in einem Gespräch mit seinem Schwiegersohn und italienischen Aussenminister, Galeazzo Ciano, jedoch nicht gezögert, die Schweiz am Tag nach dem Anschluss Österreichs an Deutschland als einen "Irrtum auf der Karte Europas" zu bezeichnen, und ihr ein ähnliches Schicksal wie Österreich prophezeit.

Wirtschaftliche Beziehungen

Aussenhandel der Schweiz mit Italien 1890-2015
Aussenhandel der Schweiz mit Italien 1890-2015 […]

Die Gründung der schweizerischen Handelskammer in Italien 1919 spiegelte den regen Austausch zwischen den beiden Ländern, dessen Bedeutung durch Italiens Teilnahme am Ersten Weltkrieg nicht beeinträchtigt worden war. Das neue Handelsabkommen von 1923 trug zum Teil den Forderungen der Schweizer Maschinenindustrie Rechnung, die unter dem neuen italienischen Zolltarif von 1921 gelitten hatte. Im Vergleich zur Periode vor 1914 ging der relative Umfang der Schweizer Einfuhren aus Italien in der Zwischenkriegszeit zurück, während das Volumen der Exporte in die Halbinsel im Wesentlichen konstant blieb. Dies führte folglich zu einer Verringerung des Saldos der Handelsbilanz zugunsten Italiens, eine Tendenz, die sich mit dem Abschluss des Clearingabkommens von 1935 noch verstärkte.

Wie aus einer 1918 von der Schweizer Gesandtschaft in Rom durchgeführten Umfrage hervorgeht, konzentrierten sich die schweizerischen Investitionen in Italien hauptsächlich auf die nördlichen, stärker industrialisierten Regionen (Lombardei, Piemont, Ligurien). In diesen lagen 348, also mehr als die Hälfte der 639 Niederlassungen der bedeutenderen Schweizer Firmen. Mit der Etablierung zahlreicher Tochtergesellschaften von schweizerischen Grossunternehmen aus der Nahrungsmittel- sowie der chemischen und pharmazeutischen Branche (Wander, Suchard, Sandoz, Nestlé, Geigy, Hoffmann-La Roche) stieg diese Zahl in den 1920er Jahren weiter an. Zudem gründete die Aluminium Industrie Aktien Gesellschaft, die spätere Alusuisse, 1926 in der Nähe von Venedig die Società anonima veneta alluminio, die zu einer der grössten italienischen Produzenten dieser Branche wurde. Die Weltwirtschaftskrise setzte der neuen Investitionswelle ein Ende. Laut einer Umfrage der Schweizerischen Bankiervereinigung von 1936 beliefen sich die Finanzkredite zugunsten Italiens von in der Schweiz ansässigen natürlichen und juristischen Personen auf insgesamt 601 Mio. Franken, eine beachtliche Summe, die in Wirklichkeit bestimmt noch höher war, da bei den Wertpapieren der Nennwert und nicht die Börsenkotierung berechnet wurde. Ferner blieb in der Gesamtrechnung der Wert der Industrieanlagen und anderer Güter, die solche Unternehmen in Italien besassen, unberücksichtigt. Dennoch belegt die Umfrage die intensiven Beziehungen zwischen den beiden Ländern im Industrie- und Finanzbereich, die sich auch in der 1937 in Zürich erfolgten Gründung der Associazione svizzera per i rapporti culturali ed economici con l'Italia niederschlugen. Ein profiliertes Vorstandsmitglied der Vereinigung war Carl Julius Abegg, der in Italien bedeutende Textilunternehmen kontrollierte und im Verwaltungsrat der 1937 in Basel gegründeten Pirelli Holding sass. Nach dem Abessinienkrieg gewann der Finanzplatz Schweiz für Italien zusätzlich an Bedeutung, da die Schweizer Banken bei der Gewährung von Krediten an Italien den Platz der englischen, französischen und nordamerikanischen Geldinstitute übernahmen. Im Rahmen der Clearingverträge konnten die Schweizer Gläubiger bis Juni 1942 ihre Erträge aus den Investitionen in Italien vollumfänglich in die Schweiz transferieren, obwohl das faschistische Regime 1934-1935 die Devisenbewirtschaftung eingeführt hatte.

Migrationsbewegungen

Für die Zwischenkriegszeit verzeichnen die Schweizer Volkszählungen einen leichten Rückgang der dauernd im Land ansässigen Italiener, was unter anderem mit der restriktiveren Migrationspolitik der Schweiz zu tun hat. Lebten 1920 noch 134'000 Italiener in der Schweiz, sank deren Zahl 1930 auf 127'000 Personen. Noch deutlicher fiel der Rückgang 1941 (96'000 Italiener) aus, weil viele Einberufene in ihre Heimat zurückkehren mussten. Die Italiener stellten aber nach wie vor mehr als einen Drittel aller Ausländer in der Schweiz und bildeten die grösste Ausländerkolonie, wenn man die Saisonniers einbezieht, die in den jeweils im Dezember durchgeführten eidgenössischen Volkszählungen nicht auftauchen. Deren Zahl stieg bis zum Beginn der Wirtschaftskrise ständig an (1931 35'920 Personen), bevor sie dann deutlich sank (1933 noch 15'043 Personen). Zudem erlangten in der Zwischenkriegszeit über 20'000 italienische Immigranten die Schweizer Staatsbürgerschaft. Im Mai 1934 wurde der seit 1868 bestehende Niederlassungs- und Konsularvertrag revidiert: Von nun an erhielten nur mehr die Italiener eine Niederlassungsbewilligung, die mindestens fünf Jahre ununterbrochen in der Schweiz gelebt hatten.

Nachdem im Ersten Weltkrieg zahlreiche Schweizer Italien verlassen hatten, kehrten viele von ihnen auf die Halbinsel zurück. Um 1930 waren es rund 17'000, von denen fast die Hälfte in der Lombardei wohnte. Die in Mailand durch den Industriellen und ehemaligen Präsidenten der Schweizerischen Handelskammer in Italien, Otto Bühler, ins Leben gerufene Gründung eines eigenen faschistischen Verbands führte zu einer tiefen Spaltung der Schweizer Kolonie, die erst 1939 überwunden wurde.

Kulturelle Beziehungen

Das faschistische Regime weckte Interesse und Bewunderung unter den konservativeren Schweizer Intellektuellen, vor allem unter den Westschweizern (z.B. Gonzague de Reynold), die sich von den korporatistischen Vorstellungen angezogen fühlten. Aber auch innerhalb des katholischen Milieus stand man ihm positiv gegenüber, vor allem nach dem Abschluss der Lateranverträge 1929. Die Associazione svizzera per i rapporti culturali ed economici con l'Italia organisierte Vorträge von Persönlichkeiten wie dem Geschäftsmann Giuseppe Volpi oder dem Historiker Gioacchino Volpe, die dem Faschismus nahestanden. 1937 verlieh die Universität Lausanne Mussolini die Ehrendoktorwürde. Im Tessin lebte angesichts der Ängste vor dem Irredentismus die schon am Vorabend des Ersten Weltkrieges geführte Debatte über die Identität der italienischen Schweiz wieder auf, die vom Dualismus zwischen Italianità und Schweizertum geprägt war (Svizzera italiana).

In der Zwischenkriegszeit besuchten nur wenige Schweizer Studenten die italienischen Universitäten. In den akademischen Jahren 1926-1927 und 1931-1932 belief sich deren Zahl auf knapp hundert Personen, die vorwiegend an den norditalienischen Hochschulen studierten.

Der Zweite Weltkrieg und der Fall des Faschismus

Die Zeit des Zweiten Weltkrieges in Italien gliedert sich in drei Phasen: den Nicht-Kriegszustand bis Juni 1940, die Beteiligung am Krieg an der Seite des Naziregimes bis zur Ausrufung des Waffenstillstands mit den Alliierten am 8. September 1943 sowie den Bürgerkrieg zwischen der von den Deutschen unterstützten Republik von Salò im Norden und der von den Engländern und Amerikanern abhängigen Regierung des Marschalls Pietro Badoglio im Süden, der mit der Befreiung und der deutschen Kapitulation im April 1945 endete.

Der Nicht-Kriegszustand

Im September 1939 trat das faschistische Regime ungeachtet der Unterzeichnung des Stahlpaktes mit Deutschland im Mai desselben Jahres nicht in den Krieg ein. Darüber hinaus bekräftigte Italien, es werde die Neutralität der Schweiz respektieren. Diese Anerkennung wurde von den Schweizer Behörden mit grosser Genugtuung aufgenommen, vor allem von Motta, der nach dem Münchner Abkommen vom September 1938 ein Loblied auf Mussolini als Friedensstifter gesungen hatte. Das im folgenden November abgeschlossene Transitabkommen fiel für die Schweiz sehr vorteilhaft aus. Das faschistische Regime sicherte den freien Warenverkehr aus und nach der Schweiz durch italienisches Territorium zu (einschliesslich einer jährlichen Quote von 200'000 t Kohlenwasserstoff) und stellte die Häfen von Genua, in das ein Schweizer Vertreter gesandt wurde, Vado Ligure und Savona (beide Ligurien) sowie Venedig und Triest zur Verfügung.

Im Krieg

Mussolini sagte in der Rede vom 10. Juni 1940 über den bevorstehenden Kriegseintritt Italiens, er wolle die nicht kriegführenden Nachbarländer, darunter die Schweiz, nicht in den bewaffneten Konflikt hineinziehen. Gleichzeitig erhielt der italienische Generalstab jedoch den Befehl, eine eventuelle militärische Aktion gegen die Schweiz vorzubereiten. In den Plänen, die mehr oder weniger radikale Lösungen des "Problems Schweiz" vorsahen, ging es in Wirklichkeit darum, Strategien für den Fall eines deutschen Einfalls in die Schweiz zu entwerfen. Im Fall eines solchen Szenarios wollte Italien möglichst grosse Gebietsgewinne aus der Aufteilung des schweizerischen Territoriums herausschlagen – gemäss den alten irredentistischen Zielen sollte die Staatsgrenze auf die Hauptalpenkette verlegt und das Wallis, das Tessin und Graubünden italienisch werden, und zwar in Inkaufnahme von Spannungen mit dem deutschen Verbündeten. Das Schicksal der Schweiz blieb einige Monate lang ungewiss, wie der Tagebucheintrag vom 10. September 1940 des Industriellen Alberto Pirelli zu bestätigen scheint: "Was die Schweiz betrifft, scheint Ciano von deren Aufteilung nicht begeistert zu sein, aber Ribbentrop ist offenbar klar dafür." Am 26. September befahl Mussolini der Armeeführung, die Pläne bezüglich der Schweiz nicht weiterzuverfolgen. Doch im Oktober äusserte er sich in einem Brief an Adolf Hitler erneut in bedrohlichen Worten über die Schweiz; wahrscheinlich wollte er die Absichten des Führers in dieser Frage sondieren. Der katastrophale Ausgang des Griechenlandfeldzugs 1941 zwang dann aber den Duce, seine Ambitionen zurückzuschrauben. Er musste auf einen "Parallelkrieg" – den er ohne Verbündete zu führen beabsichtigt hatte – verzichten und sich mit einem bescheideneren "subalternen Krieg" begnügen.

Wie das Dritte Reich beharrte das faschistische Regime im Juli 1940 beim Bundesrat auf der Gewährung eines Kredits. Aus politischem Opportunismus und mit Blick auf die italienischen Konzessionen im Transitbereich bewilligten die Schweizer Behörden im folgenden Monat einen Clearingvorschuss von 75 Mio. Franken, mit welchem Italien in der Schweiz Kriegsmaterial kaufte. Ebenfalls im August räumte ein Schweizer Bankenkonsortium Italien einen Kredit von 125 Mio. Franken ein, den die Banca d'Italia in Rom mit Goldreserven garantierte. Später wurden noch zweimal Clearingkredite gesprochen, und zwar 75 Mio. Franken im Juni 1941 und 65 Mio. Franken im November 1942, insgesamt eine Summe von 215 Mio. Franken. Zwischen 1940 und 1943 stiegen die Schweizer Ausfuhren nach Italien sowohl relativ als auch absolut, wobei mindestens um die 40% davon auf Kriegsmaterial (Waffen, aber auch Präzisionsapparate, Erzeugnisse der Uhrenindustrie, Maschinen und Aluminium) entfielen.

Nach dem Kriegseintritt Italiens wahrte die Schweizer Diplomatie die italienischen Interessen in rund zehn gegnerischen Ländern, unter ihnen die USA (ab Dezember 1941) und Grossbritannien (einschliesslich des Commonwealth). Als Schutzmacht organisierte die Schweiz zum Beispiel die Repatriierung von ca. 27'000 italienischen Kolonisten nach der Besetzung Ostafrikas durch britische Truppen 1941. Auf diplomatischer Ebene kam es im Januar 1942 zu Spannungen, weil das faschistische Regime die Rückberufung des Schweizer Ministers in Rom, Paul Ruegger, erzwingen wollte, den es in der Sache der italienischen Kreditforderungen als zu kompromisslos betrachtete. Der Bundesrat gab angesichts der italienischen Hartnäckigkeit bald nach, beliess aber den Posten des Schweizer Ministers in Rom vakant und besetzte ihn erst im November 1942 wieder mit Peter Vieli, einem führenden Vertreter der Schweizer Bankenwelt.

Den Schweizer Eisenbahnlinien, an erster Stelle der Gotthardstrecke, kam vor allem bis zum September 1943 eine entscheidende Bedeutung für den Warenverkehr zwischen Deutschland und Italien zu. Durch die Schweiz gelangten bis zu 50% der italienischen Kohlenimporte aus dem Dritten Reich, die für das Funktionieren der Industrie auf der Halbinsel unentbehrlich waren. Der Bundesrat stellte den Gotthardtunnel auch für Züge zur Verfügung, welche die von der deutschen Industrie rekrutierten italienischen Arbeiter nach Deutschland brachten. Auf diese Weise wurden vom April 1941 bis Juli 1943 181'000 Italiener durch die Schweiz nach Deutschland transportiert, während 131'000 durch den Gotthard nach Hause fuhren. Nachdem Deutschland Norditalien besetzt hatte, weigerten sich die Schweizer Behörden, diesen Personenverkehr wieder aufzunehmen. Solche Leistungen – zu denen die Schweiz aufgrund des Gotthardvertrags verpflichtet gewesen wäre – unterstützten die Kriegsanstrengungen der Achsenmächte, gaben der Schweiz aber auch eine wichtige Verhandlungswaffe in die Hand. Sie dienten ferner der Dissuasion, um die Nachbarländer von allfälligen Angriffen abzuhalten. Was die bilateralen Beziehungen betraf, stellte Italien im Gegenzug für den italienischen Warenverkehr durch die Schweiz seine Häfen für die Schweizer Versorgung zur Verfügung. Der Hafen von Genua, der für die Schweiz in der Zwischenkriegszeit zweitrangig geworden war, erlangte eine noch höhere Bedeutung als während des Ersten Weltkrieges. 1940-1942 passierten fast 85% der Schweizer Einfuhren aus Übersee, hauptsächlich für den Grundbedarf der schweizerischen Bevölkerung unentbehrliche Nahrungsmittel (v.a. Getreide), die italienischen Häfen (davon 70% in Genua).

Vom Sturz Mussolinis zum Kriegsende

Nach der Landung der Alliierten in Sizilien setzte der Grosse Faschistische Rat Mussolini am 25. Juli 1943 ab. Anfang August beauftragten die neuen Machthaber Pirelli mit einer heiklen Mission. Dieser hatte über Charles Albert Nussbaumer, Direktor des Schweizerischen Bankvereins und Präsidenten der Pirelli Holding, zu sondieren, ob der Bundesrat allenfalls bereit wäre, die Alliierten zu einem Aufschub ihrer Landung auf dem italienischen Festland zu bewegen und damit eine Reaktion des Dritten Reiches abzuwenden. Wie zu erwarten war, lehnte die Schweizer Regierung unter Berufung auf ihre Neutralität ab. Nach dem Waffenstillstand zwischen der Regierung Badoglio und den Alliierten vom 8. September besetzten die Deutschen einen Grossteil Italiens, worauf der König und die Regierung Badoglio nach Brindisi in die bereits von den Alliierten kontrollierte Zone Süditaliens flohen. Der Bundesrat berief Minister Vieli endgültig in die Heimat zurück und in Rom wurde die Schweizer Gesandtschaft einem Geschäftsträger anvertraut. Als Mussolini am 23. September mit Unterstützung der Deutschen die Republik von Salò schuf, die Mittel- und Norditalien umfasste, sah sich die Schweiz zwei italienischen Regierungen gegenüber, die beide für sich die exklusive Legitimität beanspruchten. In dieser Situation beschlossen die Schweizer Behörden, nur mit der Regierung des Südens offizielle Beziehungen zu unterhalten. Angesichts der beachtlichen Schweizer Interessen in Norditalien duldete der Bundesrat jedoch einen Vertreter der Republik von Salò in der Schweiz, der über konsularische Kompetenzen verfügte. Befürchtungen, die ein Projekt zur Verstaatlichung von Unternehmen auslöste (das dann aber ohne nennenswerte praktische Folgen blieb), und die Blockierung von Schweizer Geldern bewogen die Schweizer Behörden, im Februar 1944 Max Troendle als Handelsdelegierten in die Republik von Salò zu entsenden. Auf Initiative einiger einflussreicher Mitglieder der Schweizer Kolonie in Mailand war schon Ende 1942 eine Hilfsgesellschaft zur Versicherung gegen Kriegsschäden, die Società mutua d'assicurazione danni di guerra, gegründet worden, um Verluste zu ersetzen, die bei den Bombardierungen norditalienischer Städte durch die Alliierten entstanden waren. Die Gesellschaft erhielt eine Garantie der Eidgenossenschaft und erreichte bei Kriegsende einen Höchststand von 2000 versicherten Mitgliedern, was es ihr ermöglichte, ungefähr 400 Schadensfälle zu erledigen.

Am italienisch-schweizerischen Grenzposten von Ponte Chiasso, Anfang Mai 1945. Fotografie von Christian Schiefer (Archivio di Stato del Cantone Ticino, Bellinzona, Fondo Christian Schiefer).
Am italienisch-schweizerischen Grenzposten von Ponte Chiasso, Anfang Mai 1945. Fotografie von Christian Schiefer (Archivio di Stato del Cantone Ticino, Bellinzona, Fondo Christian Schiefer). […]

Der Waffenstillstand und die deutsche Besetzung führten zum Zusammenbruch des führungslosen italienischen Heeres. Einem Teil der versprengten Soldaten (mehr als 20'000, v.a. Lombarden) gelang es, meistens über die Tessiner Grenze, in die Schweiz zu flüchten. Als Militärflüchtlinge wurden sie jenseits des Gotthards in Lagern untergebracht, die das eidgenössische Kommissariat für Internierung und Hospitalisierung bereitstellte. Ab Januar 1944 belegten rund 500 von ihnen in den sogenannten Universitätslagern nahe der Westschweizer Hochschulen Kurse, die Schweizer Professoren und italienische Internierte abhielten. Aus politischen Gründen oder aus Angst vor rassistischer Verfolgung flohen in geringerer Zahl auch Zivilpersonen aus Italien. Mindestens 3600 italienische Juden retteten sich in die Schweiz, während einige Hundert zurückgewiesen wurden. Aufnahme fanden auch ehemalige faschistische Parteigrössen wie Dino Alfieri und Giuseppe Bastianini, Grossindustrielle wie Giuseppe Volpi, aber auch Mussolinis Tochter Edda Ciano. Im Oktober 1944 löste der Fall der Partisanenrepublik im Val d'Ossola, die etwas mehr als einen Monat bestanden hatte, eine weitere Flüchtlingswelle durch den Simplon ins Tessin und ins Wallis aus (neben Zivilpersonen rund 1500 Partisanen). Unter den zivilen Flüchtlingen, die während des Zweiten Weltkrieges in die Schweiz gelangten, bildeten die fast 15'000 Italiener die grösste nationale Gruppe; unter Einbezug der 30'000 internierten Soldaten nahm die Schweiz insgesamt rund 45'000 italienische Flüchtlinge auf.

Die ersten Gespräche zwischen Vertretern der Alliierten und führenden Mitgliedern der Partisanenbewegung fanden im November 1943 in der Schweiz, und zwar in Lugano, statt, wo das Nationale Befreiungskomitee Oberitalien, das oberste Organ des italienischen Widerstands, ab März 1944 eine eigene Vertretung unterhielt. Der deutschen Teilkapitulation, die den Krieg auf italienischem Territorium am 2. Mai 1945 beendete, gingen auf Vermittlung des Schweizer Majors Max Waibel Geheimgespräche in der Schweiz zwischen Allen W. Dulles und General Karl Wolff, dem Kommandanten der SS in Italien, voraus. Diese als Operation Sunrise in die Geschichte eingegangenen Verhandlungen trugen dazu bei, dass die von den Deutschen vorgesehene Zerstörung der Infrastruktur und Industrie in Norditalien verhindert und eine potenziell explosive Lage an der Grenze entschärft werden konnte.

Seit 1945

Politische Beziehungen und Migrationsbewegungen

Die Ernennung von Egidio Reale zum ersten Gesandten der neuen Republik Italien in Bern im Januar 1947 wies eine hohe symbolische Bedeutung auf, da Reale als antifaschistischer Flüchtling 1927-1945 in der Schweiz gelebt hatte. Als Italien 1953 seine Gesandtschaft in den Rang einer Botschaft erhob, wurde Reale der erste Botschafter Italiens in der Schweiz. Der Bundesrat wandelte die Gesandtschaft in Rom hingegen erst 1957 in eine Botschaft um.

Italienische Wohnbevölkerung in der Schweiz 1880-2010
Italienische Wohnbevölkerung in der Schweiz 1880-2010 […]

Schon in den ersten Nachkriegsjahren wurde die Einwanderung wieder zu einem zentralen Thema der bilateralen Beziehungen, weil die Schweizer Wirtschaft einen grossen Bedarf an ausländischen Arbeitskräften hatte, den sie nicht mehr im gleichen Ausmass wie früher in Deutschland und Österreich decken konnte. Ab 1946 wurde das Bundesamt für Industrie, Gewerbe und Arbeit (Biga) damit beauftragt, die Zuwanderung italienischer Arbeiter auch mit Werbekampagnen zu fördern und zu koordinieren. Die Arbeitskräfte wurden in verschiedenen Sektoren der Schweizer Wirtschaft (Landwirtschaft, Hotellerie, Textilindustrie, Baugewerbe, Metall- und Maschinenindustrie) eingesetzt. Auf Initiative Italiens kam 1948 ein bilaterales Abkommen über die Einwanderung italienischer Arbeiter in die Schweiz zustande, die erste derartige Vereinbarung, die der Bund unterzeichnete. Um zu vermeiden, dass die neuen Einwanderer sich endgültig im Land niederliessen, erhöhten die Bundesbehörden die Mindestaufenthaltsdauer zur Erlangung einer Niederlassungsbewilligung von fünf auf zehn Jahre. Zudem setzten sie auf eine Politik, die vor allem im Baugewerbe und in der Hotellerie systematisch Saisonniers bevorzugte (noch 1956 entfielen 46,5% der Arbeitsbewilligungen für Italiener auf diese Gruppe), weil sich diese im Falle einer Konjunkturverschlechterung leicht nach Hause zurückschicken liessen. Für die Saisonniers, wie auch für die Jahresaufenthalter stellte sich das schwerwiegende Problem des Familiennachzugs. In dieser Frage nahm die Schweiz lange eine unnachgiebige Haltung ein, indem sie gegen die Empfehlungen der OEEC verstiess, die ihre Mitgliedstaaten ab 1953 aufforderte, die Aufnahme von Familienangehörigen der eingewanderten Arbeiter grosszügiger zu handhaben. Die nur langsam vorangehende Erholung der italienischen Wirtschaft in den Jahren des Wiederaufbaus und die andauernde Arbeitslosigkeit in den südlichen Regionen Italiens garantierten jedenfalls ein reichliches Angebot an Arbeitskräften. Bis zu Beginn der 1970er Jahre stellte die Schweiz das Hauptziel der italienischen Auswanderung dar. Die jeweils im Dezember durchgeführten eidgenössischen Volkszählungen belegen, dass die Italiener 1950-1970 rund die Hälfte der in der Schweiz wohnhaften Ausländer ausmachten. Waren es 1950 140'000 Personen (49% aller Ausländer in der Schweiz), stieg ihre Zahl 1960 auf 346'000 (59%) und 1970 auf 584'000 Personen (54%) an. Auf der Grundlage der im August erstellten Statistiken des Biga (ab 1955), die auch Saisonniers und Grenzgänger, nicht aber die ausländischen Arbeiter mit Niederlassungsbewilligung erfassten, fiel der italienische Anteil noch höher aus. Die Spitze wurde 1961 erreicht, als die Italiener über 70% der nicht niedergelassenen ausländischen Arbeitskräfte stellten.

Abfahrt italienischer Arbeiter vom Bahnhof Basel, Weihnachten 1964. Fotografie von Siegfried Kuhn (Ringier Bildarchiv, RBA1-1-6475) © Staatsarchiv Aargau / Ringier Bildarchiv.
Abfahrt italienischer Arbeiter vom Bahnhof Basel, Weihnachten 1964. Fotografie von Siegfried Kuhn (Ringier Bildarchiv, RBA1-1-6475) © Staatsarchiv Aargau / Ringier Bildarchiv. […]

Ab 1953 beauftragte der Bundesrat die SBB, Spezialzüge bereitzustellen, damit die italienischen Immigranten für die Parlamentswahlen nach Hause zurückkehren konnten. Rund 90'000 Personen (36% der Berechtigten) nutzten die Gelegenheit anlässlich der Wahlen von 1958, 180'000 für jene von 1963. Diese Erleichterungen hatten einen politischen Hintergedanken, denn die Regierung hoffte, die italienischen Arbeiter in der Schweiz, die besser bezahlt wurden als jene in Italien, würden für die Regierungsparteien und nicht für die Kommunistische Partei Italiens, eine der grössten in Westeuropa, stimmen. Im Klima des Kalten Krieges war ferner die Angst weit verbreitet, in den Organisationen, die für die Rechte der Arbeiter kämpften, käme es zu einer kommunistischen Infiltration. Zu diesen Organisationen gehörte die von antifaschistischen Flüchtlingen im November 1943 in der Schweiz gegründeten Federazione delle Colonie libere italiane, die von der Bundespolizei überwacht wurde. Die Angst vor der "roten Gefahr" äusserte sich auch in Verhaftungen und Landesverweisen. 1955 beschloss der Bundesrat beispielsweise, rund zwanzig italienische Kommunisten abzuschieben, weil sie dem italienischsprachigen Verband der Partei der Arbeit angehörten.

Italienische Erwerbstätige nach Bewilligungskategorien 1955-2001
Italienische Erwerbstätige nach Bewilligungskategorien 1955-2001 […]

Auf Drängen der italienischen Regierung willigten die Schweizer Behörden 1961 ein, parallele Verhandlungen zur Revision des Einwanderungsabkommens von 1948 und des Sozialversicherungsabkommens von 1951 aufzunehmen. Gespräche bezüglich Letzterem führten im Dezember 1962 zum Abschluss eines bilateralen Vertrags über soziale Sicherheit, der auf dem Prinzip der Gegenseitigkeit beruhte und die Leistungen der AHV/IV auf die italienischen Arbeiter ausdehnte. In der Frage des Einwanderungsabkommens wurden die Gespräche schon im November 1961 unterbrochen, nachdem der italienische Arbeitsminister Fiorentino Sullo die Migrationspolitik und das Sozialsystem der Schweiz anlässlich eines Besuchs kritisiert und damit eine Polemik heraufbeschworen hatte. Auch nach der Wiederaufnahme der Verhandlungen erwiesen sich die Diskussionen als schwierig, sodass das neue Einwanderungsabkommen erst 1964 unterzeichnet wurde. Obwohl es in der Sache des Familiennachzugs nur geringfügige Konzessionen zugestand, erschien das Abkommen als Bruch mit der ein Jahr zuvor vom Bundesrat eingeschlagenen Politik, die auf eine Eindämmung der Zuwanderung abzielte. Das Abkommen löste in der Öffentlichkeit und im Parlament eine heftige Kontroverse aus und provozierte in Arbeiter- und Gewerkschaftskreisen grosse Bedenken. Dieses Unbehagen mündete 1965 in die Lancierung der ersten fremdenfeindlichen Volksinitiative, ausgerechnet in jenem Jahr, als 57 italienische Arbeiter beim Bau des Staudamms Mattmark im Wallis ihr Leben verloren. Die erste Überfremdungsinitiative wurde zurückgezogen, die zweite, die nach ihrem Urheber auch Schwarzenbach-Initiative genannt wurde, 1970 von 54% der Stimmbürger und der Mehrheit der Kantone verworfen. Der hohe Prozentsatz der Befürworter zwang den Bundesrat jedoch, die Massnahmen zur Stabilisierung und Senkung der ausländischen Arbeitskräfte voranzutreiben und damit eine Wende in der schweizerischen Migrationspolitik herbeizuführen.

Italienische Fans feiern den Finalsieg ihrer Mannschaft an der Fussballweltmeisterschaft 2006. Fotografie, aufgenommen in der Zürcher Langstrasse, 9. Juli 2006 © KEYSTONE / Walter Bieri.
Italienische Fans feiern den Finalsieg ihrer Mannschaft an der Fussballweltmeisterschaft 2006. Fotografie, aufgenommen in der Zürcher Langstrasse, 9. Juli 2006 © KEYSTONE / Walter Bieri.

Im Zug der 1973 einsetzenden Ölkrise kehrten fast 200'000 Fremdarbeiter in ihre Länder zurück, darunter viele Italiener. Ab diesem Zeitpunkt verringerte sich die Präsenz der Italiener in der Schweiz stetig, sowohl in absoluten als auch in relativen Zahlen. Sie sank von 419'000 Personen 1980 (44,3% aller Ausländer) auf 383'200 1990 (31%) und auf 322'200 Personen 2000 (knapp 22%). Der markante Rückgang in den 1990er Jahren wurde jedoch zu über zwei Dritteln durch Einbürgerungen (über 42'000) kompensiert. 1889-2000 nahmen mehr als 150'000 Italiener die Schweizer Staatsbürgerschaft an, wobei über die Hälfte der Einbürgerungen in den letzten 30 Jahren erfolgte.

Die Schweizer Kolonie in Italien hingegen wächst seit dem Ende des Zweiten Weltkrieges kontinuierlich. Waren es 1945 noch 13'500 Personen, stieg deren Zahl bis 1986 auf 24'500 und bis 2005 auf 46'327 (davon 35'508 Doppelbürger).

Im Bereich der grenzüberschreitenden Zusammenarbeit gründete der Kanton Tessin zusammen mit den italienischen Provinzen Como, Varese und Verbano-Cusio-Ossola 1995 die Regio Insubrica, um die Kontakte und gegenseitige Integration zu fördern. 1998 schlossen die Schweiz und Italien überdies Verträge über die Rechtshilfe in Strafsachen (in Kraft seit 2003) und über die Kooperation der Polizei- und Zollbehörden (in Kraft seit 2000) ab.

Wirtschaftliche Beziehungen und Verkehr

Bereits im August 1945 unterzeichneten die beiden Länder ein Handelsabkommen, das seitens der Schweiz die Gewährung eines Kredits von 80 Mio. Franken vorsah. Im Gegenzug verpflichtete sich Italien, die Verkehrsverbindungen zwischen dem Hafen von Genua und der Schweizer Grenze wiederherzustellen und die vom faschistischen Regime eingegangenen Schulden anzuerkennen und schrittweise zurückzuzahlen. Dieser letzte Punkt stiess auf den Widerstand der Alliierten, weshalb das Abkommen nie in Kraft trat. Der Handel begann sich folglich auf der Grundlage von Kompensationsgeschäften zu entwickeln, ein System, das bis 1950 ohne wesentliche Veränderungen Bestand hatte. Als im Juli 1946 das Veto durch die Alliierten wegfiel, trat die Frage der Schuldentilgung – allein der Schweiz schuldete Italien 310 Mio. Franken (davon rund 70 Mio. Franken für die Kosten der Internierung italienischer Soldaten) – wieder in den Vordergrund. Im Mai 1949 fanden die beiden Länder endlich eine Lösung und einigten sich auf eine summarische Abgeltung von 145 Mio. Franken, von denen die italienische Regierung bis 1952 125 Mio. Franken in freien Devisen zu bezahlen hatte. Die restlichen 20 Mio. Franken wurden als Investitionen in Italien betrachtet und für den Bau von Schiffen, für die Verwirklichung des neuen Schweizer Zentrums in Mailand sowie für die Schweizer Schulen auf der Halbinsel verwendet.

Der Abschluss neuer bilateraler Handels- und Zahlungsabkommen und der Beitritt beider Länder zur Europäischen Zahlungsunion 1950 bezeichneten eine entscheidende Etappe auf dem Weg zur stufenweisen Liberalisierung der wirtschaftlichen Beziehungen zwischen der Schweiz und Italien, nachdem das Clearing und die Kompensationsgeschäfte deren natürlichen Entwicklung rund fünfzehn Jahre lang zahlreiche bürokratische Hindernisse in den Weg gelegt hatten. In der Folge nahmen die wirtschaftlichen Beziehungen einen positiven Verlauf, der weder vom Inkrafttreten des Gemeinsamen Markts 1958 noch vom Beitritt der Schweiz zur Efta 1960 beeinträchtigt wurde. In der zweiten Hälfte des 20. Jahrhunderts rangierte Italien immer als dritt- oder viertgrösster Handelspartner der Schweiz, der stets ausserordentlich stabile Prozentsätze sowohl bei den Einfuhren (rund 10%) als auch bei den Ausfuhren (rund 8%) aufwies. Wie schon früher fiel der Saldo der Handelsbilanz mit wenigen Ausnahmen zugunsten Italiens aus. In den 1950er Jahren, vor allem aber im darauffolgenden Jahrzehnt, stellte der von den Schweizer Zollbehörden geduldete Schmuggel von Uhren, Kaffee und vor allem von Zigaretten einen beträchtlichen Teil der Ausfuhren nach Italien (bis zu 25%) dar. Als Nutzniesserin der Tabaksteuer profitierte auch die AHV gewaltig vom Zigarettenschmuggel (100 Mio. Franken jährlich Ende der 1960er Jahre). Der Schmuggel, der zusätzlich vom System der festen Wechselkurse profitierte, ging erst nach der Aufwertung des Frankens gegenüber der italienischen Lira in der ersten Hälfte der 1970er Jahre drastisch zurück.

Nachdem die schwierige Phase der ersten Nachkriegsjahre überwunden war, nahmen die Schweizer Investitionen in Italien wieder zu. Ferner nutzten führende öffentliche und private Unternehmen aus Italien den Finanzplatz Schweiz, um Kredite zu erhalten und Obligationenanleihen aufzulegen. Ein erster Kredit von 100 Mio. Franken 1954 löste ein starkes Echo aus, weil er als Akt des Vertrauens der Schweizer Banken in die wirtschaftliche und politische Stabilität Italiens interpretiert wurde. 1955 gewährte die Eidgenossenschaft über die SBB den italienischen Staatsbahnen eine Anleihe von 200 Mio. Franken zur Verstärkung und Elektrifizierung der Verbindungslinien zwischen Norditalien und der Schweiz. Nicht einmal die Verstaatlichung der italienischen Elektroindustrie 1962 trübte das günstige Klima, obschon sie die Interessen der Schweizer Finanzgesellschaften tangierte, die in diesem Sektor Beteiligungen hielten. Vielmehr klassierte sich die Schweiz 1956-1970 mit 15,7% der Gesamtinvestitionen hinter den USA und Grossbritannien auf dem dritten Rang der Direktanleger in Italien. Andere Statistiken, die auch die Wertschriften einbezogen, wiesen der Eidgenossenschaft gar den ersten Platz unter den ausländischen Anlegern in Italien zu. Allerdings muss man dazu sagen, dass es sich hierbei oft um Kapital handelte, das illegal in die Schweiz gebracht und dann in Italien aus Steuergründen unter einem Schweizer Deckmantel reinvestiert wurde. Insbesondere zwischen Ende 1963 und Anfang 1964 sowie 1968-1969 erreichte die Kapitalflucht aus Italien ein beachtliches Ausmass, weil sich die Wirtschaftsakteure wegen der Mitte-Links-Regierungen, an denen die sozialistische Partei mitbeteiligt war, und den Aktionen der Gewerkschaften besorgt zeigten. Da das Geld vor allem ins Tessin gelangte, stieg Lugano – wo viele italienische Banken Filialen besassen – nach Zürich und Genf zum drittgrössten Finanzplatz der Schweiz auf. Der Zustrom italienischen Kapitals stand auch am Anfang verschiedener Skandale. Am meisten Aufsehen erregte jener der Filiale der Schweizerischen Kreditanstalt in Chiasso von 1977, welcher der Bank einen Verlust von 1,4 Mrd. Franken eintrug. Mit dem Abschluss der Bilateralen I und II zwischen der Schweiz und der EU wurden die wirtschaftlichen Beziehungen zu Italien noch enger.

Die Schweizer Eisenbahntunnel – in erster Linie der Gotthard – profitierten nicht nur von der Entwicklung der bilateralen Handelsbeziehungen, sondern waren bis in die 1960er Jahre auch für den Transitverkehr zwischen Italien sowie Nord- und Mitteleuropa wichtig. Der Konjunktureinbruch im Gefolge der Ölkrise und die zunehmende Umlagerung des Güterverkehrs von der Schiene auf die Strasse, die durch die Erstellung des Autotunnels durch den Gotthard 1980 beschleunigt wurde, führten dann aber zu einem Bedeutungsverlust der Eisenbahn im Bereich des Warentransports. Vor dem Baubeginn des Autotunnels durch den Grossen St. Bernhard 1958, der schliesslich 1964 eröffnet wurde, schlossen die Schweiz und Italien einen Vertrag ab, gemäss dem die Finanzierung je zur Hälfte von einer schweizerischen und einer italienischen Gesellschaft (mit Beteiligung der Fiat) gewährleistet wurde. Gleichzeitig mit dem Bau des Tunnels wurde eine Pipeline von Genua nach Collombey-Muraz verlegt, wo eine Ölraffinerie entstand. Auch diese ging auf eine gemeinsame Initiative der beiden Länder zurück, hinter welcher der staatliche italienische Ölkonzern ENI und die Société financière italo-suisse standen. Mit den beiden Neat-Basistunnels am Lötschberg (seit Juni 2007) und am Gotthard (Eröffnung 2016 geplant) verkürzt sich die Reisezeit zwischen Italien und dem Schweizer Mittelland.

Kulturelle Beziehungen

Der Sitz des Schweizerischen Instituts in Rom (ISR) an der Via Ludovisi. Fotografie, 2005 © Schweizerisches Institut in Rom.
Der Sitz des Schweizerischen Instituts in Rom (ISR) an der Via Ludovisi. Fotografie, 2005 © Schweizerisches Institut in Rom. […]

Nach dem Zweiten Weltkrieg spielten in den kulturellen Beziehungen Institutionen wie das Schweizer Institut in Rom (1947 gegründet), das Centro culturale svizzero in Mailand (1997), der Spazio culturale svizzero in Venedig (2002) und das Centro di studi italiani in Zürich (1950) eine tragende Rolle. In der Schweiz entstanden zudem zahlreiche Sektionen der Società Dante Alighieri. 1986 wurde die schweizerisch-italienische beratende Kulturkommission geschaffen, um die kulturelle Zusammenarbeit beider Länder zu intensivieren. Auf akademischer Ebene erleichterte das Abkommen über die gegenseitige Anerkennung der Studienabschlüsse von 2000 die Mobilität der Studierenden. Seit der Gründung der Università della Svizzera italiana 1996 lässt sich neben der traditionellen Präsenz von Tessiner Studenten an den italienischen Hochschulen auch ein wachsender Studentenstrom in die Gegenrichtung beobachten.

Die Werke deutschschweizerischer Schriftsteller wie Friedrich Dürrenmatt, Max Frisch und Peter Bichsel wurden auf Italienisch übersetzt. Unter den Architekten machte sich vor allem der Tessiner Mario Botta einen Namen in Italien, wo er studierte und unter anderem 2002 in Rovereto (Provinz Trento) das neue Gebäude des Museo d'arte moderna e contemporanea di Trento e Rovereto und 2004 den Wiederaufbau der Mailänder Scala gestaltete.

"Neue Formen in Italien". Plakat für eine Ausstellung über italienisches Design im Kunstgewerbemuseum Zürich 1954, gestaltet von Carlo Vivarelli (Museum für Gestaltung Zürich, Plakatsammlung, Zürcher Hochschule der Künste).
"Neue Formen in Italien". Plakat für eine Ausstellung über italienisches Design im Kunstgewerbemuseum Zürich 1954, gestaltet von Carlo Vivarelli (Museum für Gestaltung Zürich, Plakatsammlung, Zürcher Hochschule der Künste). […]
Werbeplakat für eine italienische Woche in einem Basler Einkaufszentrum, 1973, entworfen von der Grafikerin Irène Hiltpold (Plakatsammlung der Schule für Gestaltung Basel, Münchenstein).
Werbeplakat für eine italienische Woche in einem Basler Einkaufszentrum, 1973, entworfen von der Grafikerin Irène Hiltpold (Plakatsammlung der Schule für Gestaltung Basel, Münchenstein). […]

Ganz allgemein ist festzustellen, dass sich in der Schweiz die Haltung gegenüber den italienischen Immigranten und ihren Gewohnheiten, die noch in den 1960er Jahren zum Teil als Bedrohung empfunden worden waren, wandelte. In den letzten Jahrzehnten kehrte sich die Perspektive um und es kam, vor allem in Städten mit reformierter Tradition, zu einer eigentlichen Italianisierung des Schweizer Lebensstils (etwa in der Mode und Gastronomie). Zu diesem Wandel trug bei, dass Italien in der Nachkriegszeit für viele Schweizer zu einem wichtigen Ferienort wurde.

Quellen und Literatur

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  • Die Volkswirtschaft, 1955-80
  • DDS 1-20
Risorgimento
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Zitiervorschlag

Moos, Carlo; Cerutti, Mauro: "Italien", in: Historisches Lexikon der Schweiz (HLS), Version vom 27.06.2016. Online: https://hls-dhs-dss.ch/de/articles/003359/2016-06-27/, konsultiert am 05.12.2021.