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Niederlande

Der geografische Begriff Niederlande für die Gebiete um Schelde, Maas und Niederrhein (die heutigen Niederlande und Belgien) kam im 11. Jahrhundert auf. Im 14. und 15. Jahrhundert vereinigten die burgundischen Herzöge die niederländischen Territorien zwischen Somme und Ems. Nach den Burgunderkriegen fielen die Niederlande an die Habsburger und bei der Reichsteilung nach dem Tod Karls V. 1558 an die spanische Linie. Der Streit um ständische Mitspracherechte und Bekenntnisfreiheit für die Protestanten führte ab 1568 zum niederländischen Unabhängigkeitskampf (auch "Achtzigjährigen Krieg") gegen Spanien. In der Union von Utrecht (1579) trennten sich die sieben Provinzen der nördlichen Niederlande von den katholischen oder rekatholisierten südlichen Niederlanden, dem späteren Belgien. Die vorwiegend reformierten Generalstaaten ("Vereinigte Provinzen") erhielten 1648 im Westfälischen Frieden ihre Unabhängigkeit und verteidigten sie auch gegen Frankreich unter Ludwig XIV. und England (vier Handelskriege). Die republikanische Verfassung kannte eine weitreichende Autonomie der Provinzen, den Gesandtenkongress der Generalstaaten als zentrale Institution in Den Haag und die Fürsten aus der Dynastie der Oranier als weitgehend erbliche stathouder. Im 17. Jahrhundert stiegen die Generalstaaten dank des weltweiten Handelsnetzes, vor allem der Niederländischen Ostindien-Kompanie, aber auch der Niederländischen Westindien-Kompanie, zur Kolonialmacht auf. Nach dem "goldenen Zeitalter" sanken sie im 18. Jahrhundert politisch und wirtschaftlich zu einer europäischen Mittelmacht herab, während die südlichen Niederlande 1713 vom spanischen auf den österreichischen Zweig der Habsburger übergingen.

Die 1795 mit der Eroberung der Vereinigten Niederlande durch Frankreich errichtete Batavische Republik wurde 1806 in das Königreich Holland unter Napoleons Bruder Louis umgewandelt und 1810 Frankreich einverleibt. Auf dem Wiener Kongress wurden die nördlichen und südlichen Niederlande zum Königreich der Vereinigten Niederlande unter Wilhelm I. aus dem Haus Oranien-Nassau zusammengeschlossen, doch führten die Sprachenpolitik, der Konfessionsgegensatz sowie das stark verankerte belgische Nationalbewusstsein im Süden 1830 zur Abspaltung Belgiens. 1866-1868 kam es unter Wilhelm III. zu liberalen Verfassungsreformen, wodurch die Niederlande zu einer konstitutionellen Monarchie wurden. 1917-1919 folgte die Einführung des allgemeinen Wahlrechts, des Verhältniswahlrechts und des Frauenwahlrechts. Aussenpolitisch blieben die Niederlande im Ersten Weltkrieg neutral und traten 1920 dem Völkerbund bei. Trotz strikter Neutralitätspolitik wurden sie 1940 von deutschen Truppen überfallen und besetzt, ab 1944 von allierten Truppen wieder befreit. In der Nachkriegszeit traten die Westintegration (Gründungsmitglied der Nato) und die Bemühung um die europäische Einigung an die Stelle der Neutralitätspolitik. Im Zuge der Entkolonialisierung verloren die Niederlande grosse Teile des ehemaligen Kolonialreichs (1949 Unabhängigkeit Indonesiens, 1975 Surinames) und behielten nur ein kleines Überseegebiet, die Inselgruppe der niederländischen Antillen (Kleine Antillen), die 2010 aufgelöst wurden.

Frühe Neuzeit

Kulturelle Beziehungen

Seit dem 15. Jahrhundert entwickelten sich entlang der Rheinroute rege Kontakte zwischen den Niederlanden und den eidgenössischen Städten, zunächst vor allem mit Basel. So war Otto Klingen aus Utrecht 1472 Rektor der Universität Basel, Andreas Oudorp aus Alkmaar 1484 und 1491. Von 1532 bis 1676 wurden rund 400 niederländische Studenten in Basel immatrikuliert, vor allem für Promotionen in Jura und Medizin. Einige dieser Studenten wirkten später wie Johannes Acronius auch als Professoren an der Universität Basel. Erasmus von Rotterdam kam dagegen wegen des Buchdrucks nach Basel, wo er 1516 Huldrych Zwingli begegnete. Andreas Vesalius aus Brüssel druckte während des Studiums 1543 bei Johannes Oporinus in Basel das epochale "De humani corporis fabrica", Bonaventura Vulcanius aus Brügge eine Ausgabe der Isidor-Enzyklopädie.

Der Haager Advokat Cornelis Hoen beeinflusste Zwinglis Lehre, die Hinne Rode in den Niederlanden vermittelte. Sie inspirierte ihrerseits die Bekenntnisschrift der ostfriesischen Prädikanten von 1528, die erste zwinglianische Schrift ausserhalb der Schweiz. In Basel fanden prominente Glaubensflüchtlinge Aufnahme, so – unerkannt – der Täufer David Joris. Heinrich Bullingers "Decades" (auch "Hausbuch", Sammlung von Predigten) wurden 1560 übersetzt und erlebten 1563-1622 zehn Auflagen in den Niederlanden. Das "Zürcher Bekenntnis" von 1545 wurde mit Zwinglis "Fidei expositio" 1644 ins Niederländische übertragen und gedruckt, die "Confessio helvetica posterior" noch 1724 und 1736.

Bei den niederländischen Reformierten gingen um 1570 die Zürcher gegenüber den Genfer Einflüssen zurück, vor allem durch die Konfrontation des Zürcher staatskirchlichen Modells mit der calvinistischen Presbyterialverfassung, welche die kirchliche Autonomie betonte (Leidener Kontroverse zwischen Caspar Coolhaes und Lambert Daneau aus Genf, 1581-1582). Der Begründer der staatskirchlichen Remonstranten, Jacobus Arminius, der die calvinistische Prädestinationslehre ablehnte, hatte 1582-1584 ebenso in Genf und Basel studiert wie etwa der Kontraremonstrant Caspar Heidanus. An der Genfer Akademie waren im 16. Jahrhundert unter Theodor Beza rund 300 Niederländer immatrikuliert, unter anderen Philips van Marnix van St. Aldegonde, Ubbo Emmius und Guido de Brès, der Verfasser der "Confessio Belgica" von 1561. Johannes Calvins "Institutio christianae religionis" erschien 1560 auf Niederländisch. Sammlungen in den Niederlanden brachten in den 1590er Jahren beträchtliche Summen für Genf und seine Akademie zusammen, im 17. Jahrhundert auch für die Stadtbefestigung.

Auf der Dordrechter Synode von 1618-1619, an der die Kontraremonstranten in der Frage der doppelten Prädestination obsiegten, waren die reformierten Orte gut vertreten, unter anderen durch die Antistites von Schaffhausen und Zürich, Hans Conrad Koch und Johann Jakob Breitinger, der darauf angeblich den Buss- und Bettag nach niederländischem Vorbild einführte. Die Eidgenossen bestätigten die orthodoxe Entscheidung für die doppelte Prädestination noch 1675 in der "Formula consensus". In den südlichen Niederlanden wirkten vereinzelt katholische Kleriker aus der Schweiz wie zum Beispiel Nicolas Dufour, während der aus Flandern stammende Thomas Henrici Domherr und Weihbischof im Fürstbistum Basel war.

Der junge Prinz Wilhelm Friedrich von Oranien-Nassau. Kolorierte Aquatinta aus dem Cahier vert von Benjamin Bolomey, um 1790 (Musée historique de Lausanne).
Der junge Prinz Wilhelm Friedrich von Oranien-Nassau. Kolorierte Aquatinta aus dem Cahier vert von Benjamin Bolomey, um 1790 (Musée historique de Lausanne). […]

In der zweiten Hälfte des 17. Jahrhunderts verlor Basel rasch an Attraktivität für Studenten aus den Niederlanden (1676 letzte Immatrikulation), während die neu gegründeten Universitäten der Niederlande insgesamt rund 700 reformierte Schweizer anlockten, vor allem aus Bern, Zürich, Genf und Lausanne. An erster Stelle stand Leiden (u.a. François Turrettini, Lukas Gernler, Anton Klingler, 1682 Jacob Bernoulli und Samuel Frisching, Laurenz Zellweger). Johann Heinrich Hottinger (1620-1667) wurde nach Studien in Leiden 1667 dorthin berufen, ebenso schon 1642 Friedrich Spanheim. Albrecht von Haller studierte ab 1725 in Leiden unter anderem bei Herman Boerhaave Medizin. Die erwähnten Delegierten in Dordrecht, Breitinger und Koch, studierten in Franeker, andere Schweizer in Utrecht, so Hans Caspar Escher (1678-1762) und der Naturforscher Johann Jakob Scheuchzer (1672-1733). Johann Bernoulli hatte 1695-1705 den Mathematiklehrstuhl in Groningen inne. Manche Studenten lernten in den Niederlanden Werke umstrittener Autoren wie Hugo Grotius, René Descartes, Thomas Hobbes und Baruch Spinoza kennen. Die frühaufklärerische Geselligkeit folgte neben französischen auch niederländischen Vorbildern (Salonkultur, Zeitungslektüre des "Mercure politique"). Künstlerische Importe aus Flandern, etwa Bildteppiche, gab es bereits im 15. Jahrhundert. Der Maler Jan Hackaert arbeitete für die Zürcher Werdmüller und beeinflusste seinen Zürcher Kollegen Conrad Meyer (1618-1689) stark. Manche Künstler verbrachten wie David Herrliberger Lehrjahre in den Niederlanden oder liessen sich, wie einige Goldschmiede oder die Genfer Medailleure Dassier, von niederländischen Motiven inspirieren. Benjamin Bolomey wirkte 1763-1791 als Porträtist für die Familie von Statthalter Wilhelm V. und als Direktor der Haager Malergilde.

Politische und diplomatische Beziehungen

Der Urner Ritter Walter von Roll an der Spitze katholischer Truppen aus der Innerschweiz auf dem Weg in die Niederlande 1574. Aquarellierte Federzeichnung aus der 24-bändigen handschriftlichen Chronik des Zürcher Chorherrn Johann Jakob Wick (Zentralbibliothek Zürich, Handschriftenabteilung, Wickiana, Ms. F 23, Fol. 40r).
Der Urner Ritter Walter von Roll an der Spitze katholischer Truppen aus der Innerschweiz auf dem Weg in die Niederlande 1574. Aquarellierte Federzeichnung aus der 24-bändigen handschriftlichen Chronik des Zürcher Chorherrn Johann Jakob Wick (Zentralbibliothek Zürich, Handschriftenabteilung, Wickiana, Ms. F 23, Fol. 40r). […]

Adam Petri druckte 1575 in Basel seine Geschichte des niederländischen Aufstands gegen Spanien. In diesen Kriegen dienten einzelne Schweizer Fähnlein ohne obrigkeitliche Erlaubnis im Heer Wilhelms von Oranien, während etwa Walter von Roll katholische Söldnertruppen auf spanischer Seite befehligte. Der anonyme Dialog "Emanuel-Erneste" lehnte 1580 das Modell der freiheitsliebenden und kriegerischen Schweizer Verfassung für die verweichlichten und höfischen Niederländer ab. Dagegen empfahl der "Discours über die beste forme ende maniere van regieringhe" von 1583 das schweizerische imperium mixtum für die Niederlande. Umgekehrt inspirierte die oranische Heeresreform die neuen Dienstreglemente nicht nur in den reformierten Städten Bern (Exerzierreglement 1615, Heeresreform 1628), Zürich (Reformen von Oberst Georg Peblis 1629; Johann Konrad Lavaters "Kriegs-Büchlein" 1644) und Genf, sondern auch im katholischen Freiburg. Der um 1630 fassbare Zuchthausgedanke in Bern und Zürich dürfte auf das Vorbild des neuartigen Amsterdamer Tuchthuis zurückgehen. Die "Politica" des Neostoikers Justus Lipsius war zum Teil wörtliche Vorlage für Hans Conrad Heideggers "Regentten Kräntzli" (1632).

Diplomatische Beziehungen begannen mit Pieter van Brederode, der nach Studien in Basel 1618 Gesandter der Niederlande in der Eidgenossenschaft wurde. Während des Westfälischen Kongresses verfolgte der Basler Bürgermeister Johann Rudolf Wettstein als Gesandter der reformierten Orte aufmerksam den Auftritt der Niederlande, die sich 1648 ebenfalls vom Reich lösten. Der Schaffhauser Johann Jakob Stokar versuchte 1653 im Auftrag der reformierten Orte erfolglos, einen Frieden zwischen den verfeindeten protestantischen Seemächten England und Niederlande zu vermitteln. Rudolf van Ommeren führte 1655-1656 Verhandlungen über eine Unterstützung der savoyischen Waldenser und – erfolglos – der reformierten Orte im Ersten Villmergerkrieg. Im Vorfeld des Devolutionskriegs zwischen Frankreich und Spanien erbat er 1665-1666 vergeblich Soldtruppen gegen den Bischof von Münster.

Im Holländischen Krieg (1672-1678) protestierten Abraham Malapert als Resident in Basel sowie Graf Friedrich von Dohna mit wenig Erfolg gegen den kapitulationswidrigen Einsatz von Schweizer Söldnern in französischen Diensten, die offensiv gegen die Niederlande eingesetzt wurden. Bemühungen um eigene Werbungen von Soldaten scheiterten, obwohl individuelle Dienstleistungen immer wieder vorkamen und Traktate wie "L'affermissement des republiques de Hollande & de Suisse" (1675) die Nachkommen von Wilhelm Tell und Wilhelm von Oranien als Alliierte darstellten. Die Expansionspolitik Ludwigs XIV., vor allem aber die Aufhebung des Edikts von Nantes und 1686 die Vertreibung der savoyischen Waldenser weckten zumindest unter den Reformierten ein Gefühl gemeinsamer Bedrohung. Die Niederlande entsandten den Hugenotten Gabriel Convenant und den in Schaffhausen geborenen Heidelberger Professor Johann Ludwig Fabricius 1689-1690 in die Schweiz, um Savoyen zur Remigration der Waldenser zu veranlassen; Convenant war auch an der militärischen glorieuse rentrée der Waldenser beteiligt.

Sein Nachfolger Petrus Valkenier erlangte im März 1693 aufgrund einer Privatkapitulation mit dem Flimser Hercules Capol (1665 Dr. med. in Leiden) die offizielle Werbung eines neuen Regiments von 1600 Bündnern. 1693 sagte ihm Zürich die Aushebung von 800 Mann zu, 1696 folgte Bern; auch Schaffhausen, Neuenburg und Genf bewilligten Truppen. 1700 kämpften 11'200 eidgenössische Söldner für die Niederlande im Spanischen Erbfolgekrieg und standen etwa in der Schlacht bei Malplaquet von 1709 gegen Schweizer in französischen Diensten im Feld. Valkenier setzte sich ebenfalls für die Waldenser ein, ebenso für die Täufer, die aus Bern und Zürich vertrieben wurden und die Hilfe der niederländischen Mennoniten erfuhren, so 1711 für eine Gruppe von 340 Flüchtlingen aus Bern.

1712 schlossen Bern und die Niederlande ein Ewiges Bündnis, 1714 folgte eine durch François-Louis de Pesmes de Saint-Saphorin vereinbarte Truppenaushebung, während die Niederlande für den Fall eines Angriffs auf den Vertragspartner Geldzahlungen zusagten. Auch die Drei Bünde schlossen trotz Widerstands von katholischer Seite 1713 mit den Niederlanden eine Defensivallianz. 1748 folgte eine Kapitulation mit allen reformierten Orten (ohne Basel, mit Glarus, Appenzell Ausserrhoden, St. Gallen und Neuenburg) über ein Regiment Schweizergarde und vier Linienregimenter, sodass insgesamt 20'400 Mann für die nördlichen Niederlande dienten. In geringem Umfang kämpften eidgenössische Truppen auch für die südlichen österreichischen Niederlande. Nachdem Neuenburg noch 1781 der Niederländischen Ostindien-Kompanie ein Kolonialregiment zugesagt hatte, dankten die Schweizer Regimenter nach der Gründung der Batavischen Republik 1795 ab.

Wirtschaftliche Beziehungen

Die Eidgenossenschaft lag auf der Achse, welche die Wirtschaftszentren in Flandern und den nördlichen Niederlanden über den Rhein mit Norditalien verband, und war auch ein – sekundäres – Absatzgebiet der niederländischen Exporteure, vor allem im Bereich Textilien und Kolonialwaren. Holländische Kaufleute waren 1625 am gescheiterten Projekt der Idealstadt Henripolis in Neuenburg beteiligt, die dem durch den Dreissigjährigen Krieg geschädigten Fernhandel dienen sollte. In Basel verdankte die Seidenbandfabrikation ihren Aufschwung immigrierten holländischen Passementern, vor allem aber Emanuel Hoffmann, der 1667 den ersten Kunststuhl aus Holland importierte, der mehrere Seidenbändel gleichzeitig wob. Im 18. Jahrhundert begannen Schweizer Textilexporte (Baumwolle, Leinen) in die Niederlande.

Mit der frühen Textilindustrie verbunden waren Handels- und Finanzgeschäfte, etwa durch die Genfer Banque protestante und die St. Galler Familie Högger, die in Amsterdam wirkte und in Paul Ivan (1760-1816) einen Präsidenten der Holländischen Bank stellte. Bern investierte im 18. Jahrhundert in Schuldbriefe von Holland und Friesland, nicht nur zugunsten der eigenen Staatskasse, sondern auch mit aussenpolitischer Stossrichtung gegen Frankreich.

19. und 20. Jahrhundert

Zwischenstaatliche Beziehungen

Nach dem Erlangen der Unabhängigkeit errichteten die Niederlande 1814 eine diplomatische Vertretung in Bern (Umwandlung in ein Generalkonsulat 1832). Ein Jahr darauf beschloss die Tagsatzung, aus wirtschaftlich-politischen Gründen in Amsterdam ein Konsulat zu eröffnen. 1847 folgte eine weitere konsularische Vertretung in Rotterdam. 1894 eröffneten die Niederlande eine Gesandtschaft in Bern. 1904 beschloss der Bundesrat die Akkreditierung des Gesandten in London bei der niederländischen Regierung, 1917 folgte die Errichtung einer schweizerischen Gesandtschaft in Den Haag. Entscheidend war der Wunsch des Bundesrats, einen Sitz im Verwaltungsrat des 1899 gegründeten internationalen Schiedsgerichts einzunehmen. Ab 1874 unterhielt die Schweiz ein Konsulat in Batavia (heute Jakarta, Indonesien) und ab 1917 in Medan (Sumatra, heute Indonesien). Während des Ersten Weltkriegs vertrat die Schweiz die Interessen der Niederlande in Russland. 1940 folgte der Bundesrat der Aufforderung des deutschen Auswärtigen Amts zur Schliessung der Gesandtschaft in Den Haag. Es folgten 1941 bzw. 1942 die Konsulate in Rotterdam bzw. Amsterdam. Auf Anordnung der japanischen Besatzungsmacht wurden 1942 auch die Konsulate in Batavia und Medan geschlossen. Sowohl die Gesandtschaft als auch die Konsulate wurden nach 1945 wiedereröffnet. Die Schweiz übernahm während des Kriegs für die Niederlande Schutzmachtsmandate in China (offiziell), in Bulgarien und Frankreich (de facto). 1957 erhoben die Niederlande und die Schweiz ihre jeweiligen Gesandtschaften in den Rang von Botschaften. Zu Beginn des 21. Jahrhunderts unterhielten die Niederlande neben der Botschaft in Bern Konsulate in Basel, Genf, Lugano und Zürich. Die Schweiz ist in den Niederlanden durch die Botschaft in Den Haag, die Generalkonsulate in Amsterdam und Rotterdam und die Konsulate in Oranjestad (Aruba) und Willemstad (niederländische Antillen) vertreten. Daneben unterhält sie eine Mission in Den Haag bei der Organisation für das Verbot chemischer Waffen.

Wanderungsbewegungen

Obwohl der König der Niederlande das 1814-1815 abgeschlossene letzte Soldbündnis mit reformierten und katholischen Orten 1829 gekündigt und 1859 die Schweiz den Kriegsdienst im Ausland verboten hatte, dienten im 19. und 20. Jahrhundert zahlreiche Schweizer bei den niederländisch-indischen Kolonialtruppen. Die Hafenstädte Amsterdam und Rotterdam galten im 19. Jahrhundert als ein Ausgangspunkt der schweizerischen Emigration nach Übersee und in die niederländischen Kolonien.

Schon Anfang des 20. Jahrhunderts bereisten viele Niederländer die Schweiz, unter ihnen auch die königliche Familie. Bei einer dieser Reisen (1926) übergab der Staat Genf Prinzessin Juliana einen Registerauszug, welcher ihr Genfer Bürgerrecht bestätigte. Die Schweizerkolonie in den Niederlanden stieg im 20. Jahrhundert bis 2008 auf rund 7076 Personen an, während zur gleichen Zeit rund 17'788 Niederländer in der Schweiz lebten.

Wirtschaftliche Beziehungen

Im 19. Jahrhundert erstarkte der Handelsverkehr zwischen den Niederlanden und der Schweiz. Die Schweiz importierte vor allem Lebensmittel und Rohstoffe (u.a. Kohle), welche überwiegend aus den niederländischen Kolonien kamen, und exportierte Industrieprodukte. Die Häfen Amsterdam und vor allem Rotterdam dienten als Umschlagplätze für die Transitgüter aus Übersee. Der Ausbau der Rheinschifffahrt bis nach Basel förderte die niederländisch-schweizerischen Handelsbeziehungen. Ein erstes Handelsabkommen scheiterte 1862 daran, dass einige Kantone den Juden das Recht auf freie Niederlassung verweigerten. Einzig die Konsularkonvention zur Errichtung schweizerischer Konsulate in den niederländischen Kolonien wurde ratifiziert. 1875 schlossen die Niederlande und die Schweiz einen Freundschafts-, Handels- und Niederlassungsvertrag ab (letzte Ergänzung 1996), nachdem die Schweiz 1866 alle Beschränkungen hinsichtlich der Niederlassungsfreiheit von Nichtchristen aufgehoben hatte.

Um die niederländischen Konsulate zu entlasten und die Handelsbeziehungen zu stärken, entstanden 1917 die beiden niederländischen Handelskammern mit Sitz in Zürich und Genf. 1933 wurde in Amsterdam eine schweizerische Handelskammer errichtet. Die Weltwirtschaftskrise veranlasste die Niederlande, dirigistische Massnahmen zu ergreifen, welche auch die Handelsbeziehungen zur Schweiz erschwerten. Nach dem Zweiten Weltkrieg konnte die Wirtschaft der Niederlande mit Hilfe des Marshallplans wiederaufgebaut werden, und die Niederlande beteiligte sich aktiv an der wirtschaftlichen Integration Europas (1952 Montanunion, 1957 Europäische Wirtschaftsgemeinschaft und Euratom). In der Nachkriegszeit litten die Beziehungen zwischen den Niederlanden und der Schweiz unter dem Raubgoldkonflikt. Gold der niederländischen Zentralbank, das während des Kriegs von den Nationalsozialisten beschlagnahmt worden war, war im Umfang von 562 Mio. Franken an die Schweizerische Nationalbank gelangt. Die Rückzahlung von Raubgold regelte 1946 das Washingtoner Abkommen. Dennoch erhoben die Niederlande Rückzahlungsforderungen, von denen sie aus völkerrechtlichen Gründen und weil sie die guten niederländisch-schweizerischen Beziehungen nicht belasten wollten, später wieder abrückten.

Direktinvestitionen zwischen der Schweiz und den Niederlanden 1985-2007
Direktinvestitionen zwischen der Schweiz und den Niederlanden 1985-2007 […]

Der Ausbau der Handelsschifffahrt auf dem Rhein führte nach 1950 zu einer Intensivierung der Handelsbeziehungen zwischen den Niederlanden und der Schweiz. Über Rotterdam erreichen auch Erdöl und Erdölfertigprodukte die Schweiz. 2005 stammten 25% der Einfuhrmenge von Erdölprodukten und 39% der Gasölimporte aus den Niederlanden. Ausdruck für den Ausbau der Handelsbeziehungen sind auch das Doppelbesteuerungsabkommen (1951, Ergänzung 1966), das Handelsabkommen (1957), das Freihandelsabkommen zwischen der Efta und der Europäischen Wirtschaftsgemeinschaft (1972) sowie die bilateralen Verträge zwischen der Schweiz und der Europäischen Union (1999). 2008 exportierte die Schweiz für 6,3 Mrd. Franken nach den Niederlanden und importierte für 9 Mrd. Franken aus den Niederlanden. Die schweizerischen Direktinvestitionen in den Niederlanden (hauptsächlich im Sektor Banken und Versicherungen sowie in der chemischen Industrie) beliefen sich 2007 auf rund 34 Mrd. Franken, jene der Niederlande in der Schweiz auf rund 84 Mrd. Franken. Unter den EU-Mitgliedstaaten sind die Niederlande der wichtigste Investor in der Schweiz.

Kulturelle Beziehungen

Die kulturellen Beziehungen erreichten nach 1800 nicht mehr die Intensität der frühen Neuzeit. Dennoch waren an den Universitäten jeweils Studenten des anderen Landes eingeschrieben, und die niederländischen Studenten in der Schweiz gründeten 1888 die Studentenverbindung Hollandia. Kulturelle Kontakte pflegten zu Beginn des 21. Jahrhunderts die 1947 in den Niederlanden errichtete Stiftung Nederland-Zwitserland und die 1948 gegründete Gesellschaft Schweiz-Holland. Ferner bestehen in beiden Ländern aktive Freundschaftsvereine, unter anderem die Nederlandse Vereniging (Zürich, Luzern, Ostschweiz, Genf, Wallis, Freiburg), die Vereniging Nederland (Basel) und die Vereniging De Nederlandse Club in Ticino.

Im 19. Jahrhundert erreichten Impulse aus der Genfer Erweckungsbewegung auch die protestantischen Kirchen der Niederlande. Die engen kirchlichen Kontakte zwischen den Niederlanden und der Schweiz bezeugen die niederländischen Kirchgemeinden Nederlandse Evangelische Vereniging in Basel und Nederlandse Protestantse Gemeente in Genf und Lausanne. Die holländische Landschafts- und Genremalerei des 17. Jahrhunderts diente für viele Schweizer Maler des 19. Jahrhunderts, unter anderen Alexandre Calame, Otto Frölicher und Albert Anker, als Anregung und Vorbild; sie war auch Sammelobjekt vieler bürgerlicher Kunstsammlungen. Nach dem Zweiten Weltkrieg übten niederländische Tanz- und Performancekünstler auch Einfluss auf Schweizer Künstler aus. Viele Schweizer Kulturschaffende lebten und arbeiteten in den Niederlanden, angezogen von der Weltoffenheit, der anregenden Kulturlandschaft und den gut eingerichteten Institutionen. 2003 fand in Amsterdam die thematisch breitgefächerte Kulturveranstaltung Surprising Switzerland statt.

Quellen und Literatur

  • BAR
  • EDA, Dok.
  • C.J. Benziger, Die Schweiz in ihren Beziehungen zu Holland, [1921]
  • E. Dieterich, Die Bedeutung der Niederlande für die Schweiz im gegenseitigen Handelsverkehr, 1924
  • E. Bonjour, Die Schweiz und Holland in ihren geschichtl. Beziehungen, 1936
  • Hist. Übersicht der niederländ.-schweiz. Beziehungen, 1969
  • The Republican Alternative: the Netherlands and Switzerland Compared, hg. von A. Holenstein et al., 2008, (mit Bibl. zu den bilateralen Beziehungen)

Zitiervorschlag

Maissen, Thomas; Marthaler, Kathrin: "Niederlande", in: Historisches Lexikon der Schweiz (HLS), Version vom 12.10.2011. Online: https://hls-dhs-dss.ch/de/articles/003364/2011-10-12/, konsultiert am 17.09.2021.