de fr it

Polen

Der polnische Staat bildete sich in der zweiten Hälfte des 10. Jahrhunderts heraus. 966 nahm Herzog Mieszko I. das Christentum an. Sein Sohn Bolesław der Tapfere erlangte 1000 (eventuell erst 1025) die Königswürde. Von da an war Polen mit Unterbrechungen ein Königreich. Durch die Union mit dem Grossfürstentum Litauen 1386 wurde es eine europäische Grossmacht, die vom 15. bis zur Mitte des 16. Jahrhunderts ihre grösste Ausdehnung erreichte, von der Ostsee bis ans Schwarze Meer. Im 17. und 18. Jahrhundert führten die innere Schwäche Polens und der Expansionsdrang der Nachbarn zu seinem Niedergang. In drei Schritten – 1772, 1793 und 1795 – teilten Russland, Österreich und Preussen den polnischen Staat unter sich auf. Erst mit der Neuordnung Europas nach dem Ersten Weltkrieg wurde die Republik neu gegründet (sogenannte Zweite Polnische Republik). Nach dem Zweiten Weltkrieg wurde Polen nach Westen verschoben und um einen Fünftel seines vorherigen Territoriums verkleinert. Es geriet als kommunistische Volksrepublik Polen unter sowjetischen Einfluss, vermochte sich aber trotzdem eine relative Unabhängigkeit zu bewahren. Die im Sommer 1980 durch Streiks in der Lenin-Werft von Danzig entstandene Gewerkschaftsbewegung Solidarność, die im Oktober 1982 verboten wurde, trug wesentlich zur Auflösung des sowjetischen Imperiums und zur Befreiung der ehemaligen Ostblockstaaten bei. 1989 kam es zu einem Machtwechsel, Polen wurde eine Demokratie (sogenannte Dritte Polnische Republik). Seit 1999 ist das Land Mitglied der Nato, seit 2004 gehört es zur Europäischen Union (EU).

Diplomatische Beziehungen und Missionen

Sowohl politisch als auch geistig-kulturell ergaben sich immer wieder enge Kontakte zwischen der Schweiz und Polen. Der polnische König Jan III. Sobieski bestimmte 1678 Giovanni Antonio Marcacci aus Locarno zu seinem Gesandten bei der Eidgenossenschaft. Der Beginn der regulären diplomatischen Beziehungen fällt in die Zeit des geteilten Polens. 1875 errichtete die Schweiz in Warschau ein Konsulat, das bis 1919 von Polen mit Schweizer Wurzeln geführt wurde. 1919 anerkannte die Schweiz die 1918 geschaffene Republik Polen. Seit 1921 war sie durch einen Gesandten in Warschau vertreten, während die polnische Gesandtschaft in Bern schon 1919 eröffnet worden war. In der Zwischenkriegszeit wirkten Schweizer im Auftrag des Völkerbunds als Vermittler in den Konfliktregionen zwischen Polen und Deutschland: Alt Bundesrat Felix Calonder hatte den Vorsitz bei der Ausarbeitung der Genfer Oberschlesienkonvention 1922 inne und überwachte deren Einhaltung während ihrer ganzen Geltungsdauer 1922-1937 am Sitz der Gemischten deutsch-polnischen Kommission in Katowice. In der Freien Stadt Danzig präsidierten 1921-1934 drei Schweizer den deutsch-polnischen Hafenrat. 1937-1939 war Carl Jacob Burckhardt Hochkommissar des Völkerbunds für Danzig. Seit der Wende 1989 wird ein reger diplomatischer Austausch gepflegt. Bundesräte besuchten ihre Amtskollegen in Polen oder empfingen sie in der Schweiz. Der Übergangspräsident Wojciech Jaruzelski war 1990 in Bern, sein Nachfolger Lech Wałęsa weilte 1994 zu einem Staatsbesuch in der Schweiz, Aleksander Kwaśniewski 2004. 2007 besuchte Bundespräsidentin Micheline Calmy-Rey in Warschau Staatspräsident Lech Kaczynski.

Wirtschaftliche Beziehungen

Die Schweiz und Polen schlossen 1922 einen Handelsvertrag ab. Das Efta-Freihandelsabkommen von 1960 wurde nach dem EU-Beitritt Polens durch das Freihandelsabkommen Schweiz-Europäische Gemeinschaft (EG) von 1972 ersetzt; Letzteres 1999 durch die bilateralen Abkommen I und 2004 durch die bilateralen Abkommen II. Die Exporte nach Polen sind zwischen 1989 und 2007 um mehr als das Fünffache gestiegen. 2007 wurden Waren im Wert von 2166 Mio. Franken exportiert, vor allem pharmazeutische und chemische Produkte sowie Maschinen. Die Importe – hauptsächlich Möbel, Fahrzeuge und Maschinen, aber auch landwirtschaftliche Produkte – verzeichneten eine Zunahme um fast das Achtfache. Sie beliefen sich auf 1062 Mio. Franken. Bis 2002 war Polen der wichtigste Handelspartner der Schweiz in Ost- und Mitteleuropa. Obwohl nun die Tschechische Republik bei der Einfuhr diese Rolle übernommen hat, bleibt Polen mit Direktinvestitionen von 3975 Mio. Franken per Ende 2006 der grösste Empfänger von Schweizer Kapital in Ostmitteleuropa. Nach der politischen Wende 1989 war es Hauptempfänger der schweizerischen Osthilfe: Im Rahmen der technischen Hilfe bis 1999 und der Finanzhilfe bis 2001 zahlte die Schweiz gesamthaft 264 Mio. Franken. Trotz des Rückzugs aus Unterstützungsprojekten engagierte sich die Schweiz zu Beginn des 21. Jahrhunderts weiterhin im Bereich der Handels- und Investitionsförderung (2003 Eröffnung des Swiss Business Hub in Warschau, Engagement der Swiss Organisation for Facilitating Investments) sowie in der Umweltkooperation. Aus dem Kohäsionsbeitrag an die neuen EU-Staaten, den die Stimmbevölkerung Ende 2006 gutgeheissen hat, fliessen bis 2012 489 Mio. Franken nach Polen, die vor allem zur Verminderung sozialer und wirtschaftlicher Ungleichheiten eingesetzt werden.

Schweizer in Polen

Der Platz vor dem Schloss Warschau, Fotografie von 1938 (Süddeutsche Zeitung Photo) © KEYSTONE.
Der Platz vor dem Schloss Warschau, Fotografie von 1938 (Süddeutsche Zeitung Photo) © KEYSTONE. […]

Beziehungen zwischen Gebieten der Schweiz und dem Königreich Polen sind vereinzelt schon aus dem Mittelalter bekannt. Mit dem Seiden- und Leinenhandel, der für das 14. Jahrhundert dokumentiert ist und im 15. Jahrhundert regulären Charakter gewann, intensivierten sich die Kontakte. Es waren vor allem St. Galler Kaufleute, die sich zu Gesellschaften zusammenschlossen und Niederlassungen in Krakau und Posen gründeten, teilweise auch eingebürgert wurden und in die polnische Oberschicht einheirateten. In der ersten Hälfte des 15. Jahrhunderts war die Diesbach-Watt-Gesellschaft bedeutend, in der zweiten Hälfte des 15. Jahrhunderts unterhielt fast jede St. Galler Handelsfamilie geschäftliche Verbindungen nach Polen. Im 15. und 16. Jahrhundert studierten rund 70 Schweizer an der für neue Strömungen offenen Krakauer Universität. Während mit dem Durchbruch der Gegenreformation in Polen diese direkten und persönlichen Kontakte stark zurückgingen – der Handel lief über andere Kanäle weiter –, setzte im späten 16. Jahrhundert die Wanderungsbewegung von Tessiner und Bündner Baumeistern, Architekten, Stuckateuren und Steinmetzen nach Polen ein (Maestranze). Diese blieben zum Teil für immer in Polen, einige erlangten einflussreiche Stellungen als Hofarchitekten. Insgesamt vermittelten sie der polnischen Baukultur wichtige Impulse und schufen in verschiedenen Städten bedeutende Bauwerke. So prägte der Luganeser Baumeister Giovan Battista Quadro im dritten Viertel des 16. Jahrhunderts mit seinem berühmten Rathaus das Stadtbild von Posen, Giovanni Trevani baute am Anfang des 17. Jahrhunderts die erste Barockkirche Krakaus und Costante Tencalla entwarf 1644 das Denkmal für König Zygmunt III. Waza, das zum Wahrzeichen Warschaus wurde. Auf dem Höhepunkt ihrer Tätigkeit, d.h. im 17. Jahrhundert, stellten die Tessiner und Südbündner die grösste Gruppe ausländischer Baufachleute in Polen.

Unter den sächsischen Königen Polens (1697-1763) hatten Schweizer hohe Stellungen in der Armee, als Diplomaten und Berater inne. Georges Hubert de Diesbach befehligte unter anderem das königliche Schweizer Garderegiment, Emer de Vattel war 1758-1763 persönlicher Berater Augusts III. am Hof von Dresden bzw. Warschau. Nach der Mitte des 18. Jahrhunderts fanden immer mehr Angehörige intellektueller Berufe, besonders aus der Westschweiz, in Polen ein Betätigungsfeld. Sie wirkten vor allem am Hof des letzten polnischen Königs Stanisław August Poniatowski und in den Residenzen polnischer Magnaten. Der Bekannteste war Pierre-Maurice Glayre, der über 20 Jahre als Berater und Diplomat Poniatowskis wirkte. Neben ihm erhielten acht weitere Schweizer für ihre Verdienste um Polen von Poniatowski einen Adelsbrief, unter ihnen der Leibarzt Johann Friedrich von Herrenschwand und Marc-Olivier Reverdil, der Vorleser und Bibliothekar des Königs. Insgesamt waren die Schweizer im polnischen Freimaurertum des 18. Jahrhunderts stark vertreten.

Im späteren 18. Jahrhundert setzte auch die gewerblich-kommerzielle, sich nach der Teilung des Landes noch intensivierende Wanderung der Bündner Zuckerbäcker und Kaffeehausbetreiber ein. Die Bündner, die in ihrer neuen Heimat Pionierarbeit leisteten, dominierten ihr Gewerbe über Generationen und hielten ihre Stellung zum Teil bis in die Zwischenkriegszeit. Gegen Ende des 19. Jahrhunderts begann auch die Schweizer Industrie in polnische Gebiete zu expandieren. Firmen wie Brown Boveri oder Hoffmann-La Roche gründeten Niederlassungen in Russisch-Polen. Besonders erfolgreich war das Chemiewerk der Ciba in Pabianice, einem Vorort der boomenden Industriestadt Lodz, um den sich eine kleine Schweizer Kolonie bildete. Die Berufstätigkeit von Schweizern in Polen wurden in der Zeit der Wirtschaftskrise erschwert. Die Zahl der Schweizer stagnierte in der Zwischenkriegszeit bei etwa 1400 Personen (einschliesslich Danzig). Unter dem kommunistischen Regime kühlten sich die Beziehungen noch stärker ab und ein Grossteil der im Land verbliebenen Schweizer war ab 1945 gezwungen, das Land zu verlassen. Die wirtschaftlichen Möglichkeiten und die wachsenden Investitionen zogen nach der Wende einige vor allem jüngere Schweizer ins Land. Die Schweizer Kolonie ist aber immer noch kleiner als im 19. und 20. Jahrhundert. Ende 2008 waren 614 Schweizer in Polen angemeldet, 441 von ihnen waren Doppelbürger.

Polen und polnische Einrichtungen in der Schweiz

Quellenmässig erstmals erfasst ist die Anwesenheit einer grösseren Zahl von Polen auf Schweizer Gebiet während des Konzils von Basel 1431-1449. Es dürften über 100 Personen gewesen sein, die sich für eine bestimmte Zeit bzw. wiederholt in Basel aufhielten und Kontakte mit geistlichen und weltlichen Repräsentanten der anderen christlichen Länder pflegten. Auch im ersten Drittel des 16. Jahrhunderts bildete Basel mit Erasmus von Rotterdam, der mit seinen Werken und Ideen in Polen einen starken Einfluss ausübte, einen besonderen Anziehungspunkt. Einige hochgestellte Persönlichkeiten aus Polen besuchten den Gelehrten in Basel und wohnten teilweise auch als zahlende Gäste bei ihm, womit sie ihn materiell unterstützten. Der polnische Magnat und Reformator Jan Łaski etwa war zugleich Schüler und Mäzen von Erasmus. Mit Personen aus dem Umkreis von Erasmus, von Gelehrten und Buchdruckern wurde ein intensiver geistiger Austausch gepflegt, der sich in Korrespondenzen und Widmungsbriefen niederschlug. Um die Mitte des 16. Jahrhunderts kamen vermehrt Menschen aus Polen in die Schweiz. Neben Basel besuchten sie zunehmend die Reformationszentren Genf und Zürich, um sich aus erster Hand über die neue Bewegung zu informieren. Der Calvinismus erwies sich besonders für die Oberschicht im südlichen Teil des polnischen Staates (Kleinpolen) als attraktiv. Junge Polen schrieben sich an den Höheren Schulen der reformierten Städte und an der Universität Basel ein. In Basel immatrikulierten sich von der Mitte des 16. bis zur Mitte des 17. Jahrhunderts etwa 290 Studierende aus Polen, wobei die Vertreter Schlesiens und Pommerns nicht mitgerechnet sind.

Mit den polnischen Teilungen und verstärkt nach der Liquidierung des polnischen Staates setzte die polnische Emigration nach Westeuropa ein. Schon nach der Ersten Teilung hielten sich vom Frühling 1773 bis Ende 1774 einige Anführer der Barer Konföderation, einem national gesinnten Freiheitsbund polnischer Adliger, mit ihrem Gefolge in der Schweiz auf. Nach dem Scheitern des Kościuszko-Aufstandes 1794 und der Dritten Teilung 1795 versuchten einflussreiche polnische Emigranten, von der Schweiz aus eine politische Repräsentation Polens zu formieren. Die Behörden der Helvetischen Republik lehnten die Schaffung einer polnischen Legion ab. Die stattdessen in Strassburg gebildete polnische Donaulegion durchquerte im März 1803 auf ihrem Weg von Süddeutschland nach Oberitalien mit mehreren Tausend Mann die Schweiz. Nachdem der Wiener Kongress die polnischen Teilungen sanktioniert hatte, entschloss sich der polnische Freiheitskämpfer Tadeusz Kościuszko, in Solothurn zu bleiben. An seinen dortigen Aufenthalt erinnern die Kościuszko-Anlage in Zuchwil sowie das 1936 in Solothurn eingerichtete Kościuszko-Museum – in den Räumen, die Kościuszko bewohnt hatte –, aber auch die 1967 von Schang Hutter geschaffene Plastik auf dem Amthausplatz (früher Kościuszko-Platz).

Die Aufstände zur Wiedererlangung von Polens Eigenstaatlichkeit im 19. Jahrhundert wirkten sich auch auf die Schweiz aus. Das Scheitern der Erhebung, die im November 1830 in Warschau ausbrach und in der Schweiz eine grosse Anteilnahme auslöste, zog die "grosse Emigration" (hauptsächlich Militärpersonen, aber auch Politiker und Kulturschaffende) nach sich. Ab Januar 1832 durchquerten polnische Militärangehörige auf ihrem Weg nach Frankreich gruppenweise die Schweiz. Von den in Ostfrankreich in sogenannten Dépots internierten polnischen Verbänden überschritten im April 1833 etwa 500 Soldaten und vor allem Offiziere die Grenze in den Jura, um zur Unterstützung deutscher Revolutionäre über Basel nach Frankfurt am Main zu gelangen. Als sie vom Misslingen des Sturms auf die Frankfurter Hauptwache erfuhren, ersuchten sie im Kanton Bern um Asyl. Die Anwesenheit der zu revolutionären Taten bereiten Polen führte sowohl zu Spannungen unter den Kantonen – die Tagsatzung deklarierte die "polnische Flüchtlingsangelegenheit" zu einer Sache des Kantons Bern – als auch zu Interventionen europäischer Staaten beim Vorort bzw. bei den Regierungen der Grenzkantone. Erst im November 1834 erklärte sich Frankreich bereit, die Polen in Drittländer ausreisen zu lassen. Etwa ein Drittel von ihnen blieb in der Schweiz und beteiligte sich mehrheitlich an dem von Giuseppe Mazzini initiierten und gescheiterten Savoyerzug. Danach wurde der diplomatische Druck auf die Schweiz so gross, dass der Kanton Bern alle am Unternehmen beteiligten Personen auswies. Eine Gruppe tauchte unter und gründete in Biel als Sektion von Mazzinis politischem Geheimbund Junges Europa die Bewegung Junges Polen. Vertreter der grossen Emigration, die sich in der Schweiz niederliessen, sind unter anderen Karl Kloss, Jan Paweł Lelewel, Henryk Mirosław Nakwaski, Antoni Norbert Patek, Władysław Plater und Aleksandr Udalryk Sobański. 1848 durchzogen wiederum polnische Legionäre die Schweiz und wurden vor allem in Bern und Neuenburg interniert.

Wegen des Januaraufstands von 1863 kamen in den folgenden Jahren insgesamt etwa 2500 polnische Flüchtlinge in die Schweiz. Während der Bundesrat sich nicht an den internationalen Protesten gegenüber Russland beteiligte, löste der Aufstand in den liberalen Kreisen der Schweiz eine Welle der Begeisterung und Hilfsbereitschaft für Polen aus. Kantonale und lokale Polenkomitees wurden vom Zürcher Zentralkomitee koordiniert. Von der Gründung des Komitees bis zu dessen Auflösung im Dezember 1865 war Gottfried Keller dessen Sekretär. Die Komitees bemühten sich anfänglich darum, kampfwilligen polnischen Emigranten die Reise an die Front zu ermöglichen und die polnische Bevölkerung mit Hilfslieferungen zu unterstützen. Es wurden auch Waffen geliefert, wobei das Zentralkomitee in dieser Frage uneinig war und die Entscheidung deshalb den lokalen Komitees überliess. So lehnte zum Beispiel Schaffhausen Waffenlieferungen strikt ab, während St. Gallen federführend für die Ostschweiz Waffen ins Kriegsgebiet schickte. Nach dem Misslingen des Aufstandes wurden die Komitees für die in der Schweiz eintreffenden Flüchtlinge tätig.

Während immer weniger Polen im Gefolge der militärischen Ereignisse der Jahre 1863-1864 in der Schweiz Zuflucht suchten, begann nun der Zustrom der Vertreter der jüngeren Generation. Eine klare Trennung zwischen jenen, die sich politisch betätigen wollten und den Studierenden ist nicht immer möglich. In den polnischen Teilungsgebieten unterlagen Studienwillige verschiedenen Einschränkungen. Der zunehmende Druck der Russifizierung auf Schulen und Universitäten führte zu einer Massenbewegung Studierender: 1880-1918 studierten mehrere Tausend Polen in der Schweiz. Mehr als die Hälfte von ihnen bevorzugte die Hochschulen von Genf und Zürich. Besonders oft wurden Medizin oder naturwissenschaftliche Fächer gewählt. Aus der grossen Zahl von Studienabgängern rekrutierte sich auch ein Teil des wissenschaftlichen und technischen Nachwuchses in der Schweiz. Viele akademische Lehrer und Führungskräfte im unabhängigen Polen der Zwischenkriegszeit hatten ihre Ausbildung in der Schweiz absolviert. Zu ihnen gehörten auch die beiden Staatspräsidenten Gabriel Narutowicz, der das Zürcher Bürgerrecht erwarb, und Ignacy Mościcki, der 1908 das Bürgerrecht von Chandon (heute Gemeinde Belmont-Broye) bekam. Neben den Studierenden hielt sich eine immer grösser werdende Zahl von Vertretern der sozialistischen Bewegung in der Schweiz auf. Die bis 1889 liberale Praxis der Schweizer Behörden ermöglichte es polnischen Gruppierungen, Kontakte zu knüpfen und vor allem in Genf und Zürich mit ihren Zirkeln und Schriften aus eigenen Druckereien ihre Anliegen zu propagieren. Diese Möglichkeiten wurden nach der Zürcher Bombenaffäre 1889, bei der ein Russe und ein Pole beim Hantieren mit einer selbst gebauten Bombe umkamen, stark eingeschränkt. 1914-1917 ebneten zahlreiche Polen, die bereits in der Schweiz lebten oder wegen des Kriegsausbruchs die Rückkehr nicht antraten, das Terrain für die polnische Unabhängigkeit. Sie verbreiteten allgemeine Informationen über Polen, verfassten Bulletins für die Presse und gaben eigene Zeitschriften heraus. Im Schweizer Domizil von Ignacy Jan Paderewski in Morges wurde die weltweite Hilfe für die polnischen Kriegsopfer koordiniert.

Internierte bei Meliorationsarbeiten in der Rhoneebene bei Saxon. Fotografie von Theo Frey, 1941 (Fotostiftung Schweiz, Winterthur) © Fotostiftung Schweiz.
Internierte bei Meliorationsarbeiten in der Rhoneebene bei Saxon. Fotografie von Theo Frey, 1941 (Fotostiftung Schweiz, Winterthur) © Fotostiftung Schweiz. […]

Die während des deutschen Westfeldzugs Anfang Juni 1940 zur Unterstützung der 8. französischen Armee in die Region Belfort geschickte 2. polnische Infanterieschützen-Division unter dem Kommando von Bronisław Prugar-Ketling überschritt am 19. und 20. Juni 1940, als sie vom Nachschub abgeschnitten war, mit über 12'000 Mann die Schweizer Grenze südlich der Ajoie, um der Gefangennahme zu entgehen. Die Unterbringung der Internierten stellte die Schweizer Armeeführung vor Probleme. Nach dem gescheiterten Versuch, den grössten Teil der Polen in dem für sie errichteten Lager Büren an der Aare zu konzentrieren, wurden diese im ganzen Land verteilt. Sie leisteten vorwiegend gruppenweise Arbeitseinsätze für Landesverteidigung, Infrastruktur (Strassen- und Brückenbau) sowie Landwirtschaft. Für jene Internierten, die ein Studium angefangen hatten oder ergreifen wollten, wurden ein Gymnasiallager in Wetzikon (ZH, zuerst im bernischen Oberburg) sowie Hochschullager in Freiburg, Winterthur und Herisau (zuerst in Sirnach und Gossau SG) organisiert, in denen Dozenten der benachbarten Universitäten unterrichteten. Es wurden aber auch handwerkliche und andere Ausbildungen angeboten. Von diesen Möglichkeiten machten viele Internierte Gebrauch, denn im Gegensatz zu den im Frühling 1941 repatriierten Franzosen blieben sie bis Kriegsende interniert. Im ganzen Land erinnern Denkmäler und Gedenktafeln an den unfreiwilligen Aufenthalt der Internierten. Nach Kriegsende gelang es schätzungsweise 500 Polen, sich in der Schweiz niederzulassen und später das Bürgerrecht zu erhalten.

Zeitgleich mit der Internierung ihrer Landsleute, aber unbemerkt von der Öffentlichkeit, wirkte die polnische Exilgesandtschaft in Bern als nachrichtendienstliche Drehscheibe. Sie informierte nicht nur britische und amerikanische Stellen über das Kriegsgeschehen im Osten, sondern leitete auch Nachrichten über den beginnenden Holocaust an jüdische Organisationen in Amerika weiter. Von der polnischen Sendeanlage profitierte auch die Schweiz, da sie dem militärischen Nachrichtendienst als Informationsquelle zur Verfügung stand.

Zur Zeit der Solidarność-Bewegung wurden die Aktionen der schweizerischen Hilfswerke zugunsten der polnischen Bevölkerung lebhaft unterstützt. Eine Gruppe von Solidarność-Delegierten, die sich bei der Ausrufung des Kriegsrechts im Dezember 1981 gerade in der Schweiz aufhielt, vertrat auf politischen Versammlungen die Anliegen der Gewerkschaft.

Eine lange Tradition hat die saisonale Wanderungsbewegung von polnischen Arbeitskräften in der Landwirtschaft. Diese kamen bis zum Ersten Weltkrieg in grosser Zahl zu Einsätzen in die Schweiz und sind seit der Wende wieder als Erntehelfer anzutreffen. Ende 2008 lebten offiziell 8944 Polen in der Schweiz, weitere reisten als Touristen ein und wurden als Schwarzarbeiter beschäftigt.

Polenmuseum

Titelblatt des Kurzführers des polnischen Nationalmuseums in Rapperswil (SG). Lithografie von Paul Brugier in Zürich, nach einer Vorlage von W. von Czarnomski, 1872 (Zentralbibliothek Zürich).
Titelblatt des Kurzführers des polnischen Nationalmuseums in Rapperswil (SG). Lithografie von Paul Brugier in Zürich, nach einer Vorlage von W. von Czarnomski, 1872 (Zentralbibliothek Zürich). […]

Als nach dem Scheitern der militärischen Erhebung 1863-1864 die sogenannte polnische Frage erneut vertagt wurde, eröffnete Graf Władysław Plater 1870 im Schloss Rapperswil (SG) ein Polenmuseum. Es wurde von Platers Landsleuten und Polenfreunden reich beschenkt und erfüllte für die auf dem Gebiet der drei Teilungsmächte lebenden und in der Emigration zerstreuten Polen als Gedächtnis der polnischen Nation und Treffpunkt in der Diaspora eine wichtige Aufgabe. Es beherbergte auch den polnischen Nationalschatz, der zur Finanzierung der Unabhängigkeitsbestrebungen gegründet worden war. 1927 wurden sämtliche Sammlungen gemäss Testament Platers nach Polen überführt, wo sie 1944 bei Bombenangriffen vom Feuer zerstört wurden. 1936 wurde im leer stehenden Schloss Rapperswil ein neues Museum des zeitgenössischen Polen eröffnet. Es fiel 1951 dem Kalten Krieg zum Opfer, die Sammlungen wurden 1952 wiederum nach Polen transportiert. Das dritte und heutige Polenmuseum öffnete 1975 seine Tore wiederum im Schloss Rapperswil. Es zeigt unter anderem auch die vielfältigen schweizerisch-polnischen Beziehungen. Trägerorganisationen sind der 1954 gegründete Verein der Freunde des Polenmuseums Rapperswil und die 1978 gegründete polnische Kulturstiftung Libertas. 2008 stand die weitere Nutzung des Schlosses, als Polenmuseum oder anderweitig, zur Diskussion.

Quellen und Literatur

  • Pologne-Suisse: recueil d'études historiques, 1938
  • A. Gieysztor et al., Echanges entre la Pologne et la Suisse du 14e au 19e siècle, 1964
  • M. Karpowicz, Artisti ticinesi in Polonia nel '600, 1983
  • M. Karpowicz, Artisti ticinesi in Polonia nel '500, 1987
  • Fakten und Fabeln, hg. von M. Bankowski et al., 1991
  • Asyl und Aufenthalt, hg. von M. Bankowski et al., 1994
  • K. Dabrowski, Polacy nad Lemanem w XIX wieku, 1995
  • J. Rucki, Die Schweiz im Licht, die Schweiz im Schatten, 1997
  • G.J. Lerski, Historical Dictionary of Poland, 966-1945, 1998
  • P. Wróbel, Historical Dictionary of Poland, 1945-1996, 1998
  • M. Karpowicz, Artisti ticinesi in Polonia nella prima metà del '700, 1999
  • "Der letzte Ritter und erste Bürger im Osten Europas", hg. von H. Haumann, J. Skowronek, 22000
  • Dt.-poln. Beziehungen in Gesch. und Gegenwart: Bibliogr., hg. von A. Lawaty et al., 4 Bde., 2000
  • M. Włodarski, Dwa wieki kulturalnych i literackich powiązań polsko-bazylejskich 1433-1632, 2001
  • M. Andrzejewski, Schweizer in Polen, 2002
  • P. Stauffer, Polen - Juden - Schweizer, 2004
  • M. Matyja, «Stiftung Archivum Helveto-Polonicum», in Libernensis, 2008, Nr. 2, 11 f.

Zitiervorschlag

Riggenbach, Heinrich: "Polen", in: Historisches Lexikon der Schweiz (HLS), Version vom 11.11.2016. Online: https://hls-dhs-dss.ch/de/articles/003367/2016-11-11/, konsultiert am 18.09.2021.