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Portugal

Das spätere portugiesische Staatsgebiet wurde im 8. Jahrhundert von den Arabern erobert. 1143 erlangte es als Königreich Portugal die Unabhängigkeit. Die ersten Könige widmeten sich der sogenannten Reconquista und erreichten die christliche Rückeroberung ihres Territoriums zweihundert Jahre vor den Spaniern. Im 15. Jahrhundert begann vor allem mit Heinrich dem Seefahrer das Zeitalter der Entdeckungsfahrten und der kolonialen Expansion, begleitet von einer künstlerischen und intellektuellen Blüte. 1580-1640 war Portugal von Spanien besetzt. Anfang des 19. Jahrhunderts verstärkte das Königreich die Beziehungen zu Grossbritannien, unter anderem wegen Napoleons Kriegszügen, welche die portugiesische Königsfamilie 1807 ins brasilianische Exil zwangen. Trotz des Abzugs der französischen Truppen 1809 beschloss Königin Maria I., in Rio de Janeiro zu bleiben. Ihr Sohn Johann VI. kehrte erst 1821 nach Portugal zurück. 1910 wurde die Republik ausgerufen. Wirtschaftliche Schwierigkeiten und soziale Unruhen führten zu einer konservativen Reaktion, die im Militärputsch von 1926 kulminierte und sich 1932 mit der Ernennung von António de Oliveira Salazar zum Ministerpräsidenten durchsetzte. Mit der Verfassung von 1933 begründete Salazar den Estado Novo, ein reaktionär-autoritäres Regime auf korporativer Basis. Erst die Nelkenrevolution vom 25. April 1974 etablierte wieder demokratische Strukturen und leitete die Dekolonialisierung ein. Seit 1949 ist Portugal Mitglied der Nato, seit 1986 der Europäischen Gemeinschaft bzw. Union.

Erste Kontakte

Allegorisches Bildnis, das die Geburt von Emilie-Catherine de Croll, Tochter der portugiesischen Prinzessin Maria Belgia, in Prangins darstellt. Öl auf Leinwand von Claude de Villarzel, 1631 (Musée historique de Vevey; Fotografie Jérémie Voïta).
Allegorisches Bildnis, das die Geburt von Emilie-Catherine de Croll, Tochter der portugiesischen Prinzessin Maria Belgia, in Prangins darstellt. Öl auf Leinwand von Claude de Villarzel, 1631 (Musée historique de Vevey; Fotografie Jérémie Voïta). […]

Vor 1815 waren Kontakte zwischen der Schweiz und Portugal selten. Zu den wenigen portugiesischen Reisenden, welche die Eidgenossenschaft besuchten, gehörten 1436/1437 Afonso de Bragança, Graf von Ourém, Prinzessin Béatrice, Tochter König Manuels I. und Gattin Herzog Karls II. von Savoyen, die 1522 in Genf empfangen wurde, sowie der Philosoph Damião de Góis, der Basel besuchte und 1534 in Genf Guillaume Farel traf. Die von ihrem Gatten Emanuel von Portugal getrennt lebende Emilia von Nassau zog sich 1625 mit ihren sechs Töchtern, darunter Maria Belgia, nach Genf zurück. Sie ist in der Kathedrale Saint-Pierre bestattet.

Paracelsus hielt sich 1515 in Portugal auf und erwähnte es als erster Schweizer. Der Basler Naturforscher Leonhard Thurneysen bereiste das Königreich 1555-1556. Philipp Holbein (1521-1602), Sohn von Hans Holbein dem Jüngeren, liess sich in Lissabon nieder und arbeitete dort in der zweiten Hälfte des 16. Jahrhunderts als Goldschmied. Ab Anfang des 18. Jahrhunderts gab es in Lissabon eine Schweizer Kolonie, deren markanteste Persönlichkeit wohl David de Pury war, der sich 1736 dort niederliess und Hofbankier wurde. Der Bündner Fortunat Frizzon verfasste eine rätoromanische Beschreibung des Lissabonner Erdbebens von 1755. Der portugiesische Premierminister Marquis von Pombal rekrutierte 1762 zwei Schweizer Regimenter, die im folgenden Jahr wieder aufgelöst wurden. Unter den Offizieren im Dienste Portugals befand sich der Freiburger Jacques Philippe de Landerset, der in der portugiesischen Armee, Diplomatie und Verwaltung eine steile Karriere machte und 1763 geadelt wurde, sowie der Appenzeller Johann Jakob Baumann, der die königliche Familie 1807 ins brasilianische Exil begleitete.

Konsularische und diplomatische Beziehungen

Karikatur von Johann Friedrich Boscovits zum Sturz des portugiesischen Königshauses am 5. Oktober 1910, erschienen im Nebelspalter, 1910, Nr. 42 (Schweizerische Nationalbibliothek, Bern; e-periodica).
Karikatur von Johann Friedrich Boscovits zum Sturz des portugiesischen Königshauses am 5. Oktober 1910, erschienen im Nebelspalter, 1910, Nr. 42 (Schweizerische Nationalbibliothek, Bern; e-periodica). […]

Die portugiesische Regierung anerkannte 1815 die Neutralität der Schweiz. Aus dieser Zeit stammen die konsularischen Beziehungen zwischen den beiden Ländern, auch wenn das erste entsprechende Abkommen erst 1883 unterzeichnet wurde. 1817 eröffnete die Schweiz in Lissabon ein Konsulat, das 1874 in ein Generalkonsulat umgewandelt wurde. 1896 kam ein zweites Konsulat in Porto hinzu. Der Schweizer Gesandte in Madrid war ab 1919 auch in Lissabon akkreditiert. 1936 wurde in der portugiesischen Hauptstadt eine diplomatische Kanzlei eröffnet, die 1945 zur Legation und 1959 zur Botschaft wurde. Das erste Konsulat Portugals in der Schweiz wurde 1855 in Genf eingerichtet, dem 1861 in Bern, 1883 in Zürich, 1904 in Davos, 1907 in Basel und 1910 in Lausanne weitere folgten. Anfang des 21. Jahrhunderts existierten je ein portugiesisches Generalkonsulat in Genf und Zürich sowie Konsularagenturen in Lugano und in Sitten. Die 1892 in Bern eröffnete portugiesische Legation wurde 1959 zur Botschaft.

Bis in die 1940er Jahre waren die zwischenstaatlichen Beziehungen herzlich, aber sehr lose: Schweizer Juristen waren an den Schlichtungsprozessen zwischen Portugal und den Vereinigten Staaten sowie England 1890-1900 und Portugal und Deutschland 1928 beteiligt. Der Sturz der Monarchie 1910 durch die republikanische Revolution, welche die Trennung von Staat und Kirche samt Landesverweis der Jesuiten – darunter der Walliser Alphonse Luisier und der Bündner Paul Balzer – durchsetzte, fand grosse Beachtung in der Schweizer Presse. Als erstes europäisches Land anerkannte die Schweiz am 27. Dezember 1910 offiziell die republikanische Regierung. Während des Ersten Weltkriegs wurde in Lausanne und Bern ein Hilfskomitee zur Unterstützung der zivilen und militärischen portugiesischen Kriegsgefangenen in Deutschland gegründet. Während des Zweiten Weltkriegs standen für die beiden neutralen Staaten vor allem die Wirtschaftsbeziehungen im Vordergrund. Die Zugehörigkeit beider Länder zur Efta förderte 1960-1985 die zwischenstaatlichen Beziehungen. Auch für seinen teuren, blutigen Kolonialkrieg fand Portugal in der Schweiz beschränkte politische Unterstützung. 1963-1975 vertrat der Bund die portugiesischen Interessen in Senegal und ab 1977 häuften sich die gegenseitigen offiziellen Besuche.

Zu den wichtigen bilateralen Abkommen zählen ein Auslieferungsvertrag (1873), der Vertrag zur Erledigung von Streitigkeiten im Vergleichs-, Gerichts- und Schiedsverfahren (1928), die Luftverkehrsabkommen von 1946 und 1956 (Änderungen 1962 und 1975), ein Doppelbesteuerungsabkommen (1974), ein Abkommen zur gegenseitigen Aufhebung der Visumspflicht (1975), ein Abkommen über Soziale Sicherheit (1975, 1976 ergänzt durch eine Verwaltungsvereinbarung, 1994 durch einen Nachtrag) sowie ein Abkommen zur gegenseitigen Gewährung von Aufenthaltsgenehmigungen (1990).

Kultureller Austausch und politische Beziehungen

Auch wenn gewisse Schweizer Gelehrte wie die Geologen Léon Paul Choffat und Ernest Fleury oder der Jesuit Alphonse Luisier in Portugal lebten, kann vor dem 20. Jahrhundert nicht von einem eigentlichen kulturellen Austausch gesprochen werden. Dann aber beeinflusste das Denken der Schweizer Pädagogen Johann Heinrich Pestalozzi, Edouard Claparède, Adolphe Ferrière und Jean Piaget das portugiesische Erziehungswesen nachhaltig. In Lissabon, Coimbra und Porto feierte man 1927 Pestalozzis hundertsten Todestag und 1946 seinen zweihundertsten Geburtstag. Einige portugiesische Pädagogen belegten Kurse am Institut Jean-Jacques Rousseau in Genf, so 1913-1915 António Sérgio oder 1930 Irene Lisboa. In der portugiesischen Erziehungswissenschaft ist Piagets kognitive Entwicklungspsychologie stark verankert. Zu deren Erforschung wurde 1980 die Fakultät für Psychologie und Erziehungswissenschaften in Lissabon gegründet.

Zur Schweizer Kolonie in Portugal, zu der an der Wende zum 20. Jahrhundert auch einige Au-pair-Mädchen stiessen, gehörte José Fontana, 1875 Gründungsmitglied der sozialistischen Partei Portugals. Ab Ende des 19. Jahrhunderts immatrikulierten sich vor allem in Genf, Zürich, St. Gallen und Lausanne die ersten portugiesischen Studenten, deren Anzahl allerdings nie den zweistelligen Bereich erreichte. Die portugiesischen Studenten in Lausanne publizierten 1912-1913 die Monatsschrift "O Patriota". In den Davoser Sanatorien liess sich unter anderen der Dichter António Nobre 1895 gegen Tuberkulose behandeln. Auch der Journalist França Borges suchte in Davos Linderung von seiner Lungenkrankheit, an der er 1915 dort starb.

Zu den Schweizer Anhängern des Salazarregimes gehörte Gonzague de Reynold, dem der Diktator 1938 den Camões-Preis für sein Buch "Portugal" (1936) überreichte. António Ferro, Intimus Salazars und Verantwortlicher für die Staatspropaganda des Estado Novo, organisierte 1935 in Genf eine Ausstellung über portugiesische Volkskunst und veranstaltete lusitanische Festwochen. Er war 1950-1954 Gesandter in Bern, hielt Vorträge und eröffnete eine Ausstellung im Musée d'art et d'histoire in Genf, wo er 1951 auch ein portugiesisches Informationszentrum einrichten liess. Regimegegner, darunter Mário Soares, gründeten 1964 in Genf die Acção Socialista Portuguesa, aus der 1973 die sozialistische Partei hervorging. Als Aufenthaltsort von rund zwanzig Salazargegnern wurde Genf zum Treffpunkt der nicht-kommunistischen Oppositionellen. Im Genfer Exil lebten etwa der spätere Aussenminister José Medeiros Ferreira oder der Soziologe António Barreto. Die meisten portugiesischen Flüchtlinge kehrten nach der Nelkenrevolution – die in der Schweizer Presse grosse Beachtung fand – nach Portugal zurück.

Ende des 20. Jahrhunderts wurde der kulturelle Austausch intensiviert, so 1986 mit der portugiesischen Woche in Neuenburg, 1988 der Schweizer Woche in Lissabon oder der Gründung der Genfer Association Suisse-Portugal im selben Jahr. 1995 fand ebenfalls in Genf ein Kolloquium über die portugiesisch-schweizerischen Beziehungen im Verlauf der Jahrhunderte statt. 2001 war Portugal Ehrengast am Genfer Salon du livre et de la presse.

Wirtschaftsbeziehungen und portugiesische Immigration

Bis zum Zweiten Weltkrieg unterhielten die beiden Länder kaum Wirtschaftsbeziehungen. 1930 beliefen sich die schweizerischen Exporte auf 7,6 Mio. Franken, die Importe auf 2,1 Mio. Franken. 1941-1943 spielte Portugal eine wichtige Rolle für die Versorgung der Schweiz, die in diesem Zeitraum für 272,8 Mio. Franken Kokos- und Palmöl, Glukose, Stärke sowie Kopra einführte. Die Notenbanken beider Länder pflegten vor allem im Goldgeschäft eine enge Zusammenarbeit: 129 t Gold wurden von Bern nach Lissabon verschoben, 43,6 t davon stammten als Teil eines Dreiecksgeschäfts mit Deutschland aus dem Goldbestand der Reichsbank. Die gegen das Gold eingetauschten Devisen dienten der Schweiz und Deutschland zur Begleichung ihrer Importe aus Portugal. In den 1930er und 1940er Jahren liessen sich erste Schweizer Firmen in Portugal nieder: 1931 Geigy, 1933 Nestlé, 1938 Ciba, 1945 Wander, 1947 Sandoz. 1957 nahm Portugal zum ersten Mal am Comptoir Suisse in Lausanne teil. Die gegenseitigen Wirtschaftsbeziehungen verstärkten sich Anfang der 1990er Jahre, nachdem 1988 die portugiesisch-schweizerische Handelskammer gegründet worden war. 2009 beliefen sich die Schweizer Exporte auf 1 Mrd. Franken (Chemie, Pharmazie, Maschinen) und die Importe auf 466 Mio. Franken (Metalle, Maschinen, Textilien, Landwirtschaftsprodukte). In der gleichen Zeit stiegen die schweizerischen Investitionen in Portugal an und erreichten 2008 mit 3,5 Mrd. Franken das sechstgrösste Volumen aller Auslandinvestitionen.

Portugiesische Wohnbevölkerung in der Schweiz 1930-2010
Portugiesische Wohnbevölkerung in der Schweiz 1930-2010 […]

Bis Mitte der 1960er Jahre war die portugiesische Immigration in die Schweiz sehr gering. Mit dem Rückgang der Anzahl spanischer und italienischer Arbeitskräfte wurden portugiesische Staatsangehörige vor allem im Gast- und Baugewerbe sowie in der Landwirtschaft eingesetzt, wobei für sie bis 2002 häufig das Saisonnierstatut galt. Portugiesen eröffneten Restaurants und Geschäfte und gründeten Kultur- und Sportvereine oder Zeitschriften wie 1992 "Luso Helvético". Anfang des 21. Jahrhunderts zählte die Schweiz etwa 150 portugiesische Vereine, davon 70 in der Westschweiz, wo knapp zwei Drittel der Auslandportugiesen lebten. Mit 205'255 Niedergelassenen bildeten sie 2009 hinter jenen aus Italien und Deutschland die drittgrösste Emigrantengemeinschaft in der Schweiz. Nach dem Ersten Weltkrieg lebten etwa 300 Schweizer in Portugal, in den 1940er Jahre waren es an die 500, Mitte der 1980er Jahre über 1000 und 2009 2993, davon mit 1888 mehr als die Hälfte mit doppelter Staatsangehörigkeit.

Quellen und Literatur

  • B. de Fischer, Dialogue luso-suisse: essai d'une histoire des relations entre la Suisse et le Portugal du 15e siècle à la Convention de Stockholm de 1960, 1960
  • Suisse-Portugal: de l'Europe à l'Afrique, 1973
  • Veröff. UEK 16, 129-148
  • R. Monico, Suisse-Portugal: regards croisés (1890-1930), 2005
  • J.C. Laranjo Marques, Os Portugueses na Suíça, 2008

Zitiervorschlag

Monico, Reto: "Portugal", in: Historisches Lexikon der Schweiz (HLS), Version vom 30.03.2012, übersetzt aus dem Französischen. Online: https://hls-dhs-dss.ch/de/articles/003368/2012-03-30/, konsultiert am 18.10.2021.