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Rumänien

Situationskarte Rumänien © 2008 HLS und Kohli Kartografie, Bern.
Situationskarte Rumänien © 2008 HLS und Kohli Kartografie, Bern.

Das Königreich R. entstand 1861 aus den im 14. Jh. gegr. Fürstentümern Walachei und Moldau und wurde 1878 am Berliner Kongress international anerkannt. Auf alliierter Seite nahm R. am 1. Weltkrieg teil. In der Folge wurden dem Land Bessarabien, Siebenbürgen, das Banat sowie die Dobrudscha angegliedert. 1940 erzwang die UdSSR die Abtretung Bessarabiens und der Nordbukowina. Kurz darauf dekretierte Adolf Hitler die Rückgabe von Nordsiebenbürgen an Ungarn; Bulgarien erhielt die Süddobrudscha. 1941 beteiligte sich R. am Überfall auf die UdSSR. Bessarabien und die Bukowina wurden zurückerobert, dazu wurde R. ein Teil der Ukraine, das sog. Transnistrien, angegliedert. 1944 besetzte die Sowjetunion R. Die Kommunisten schafften 1947 die Monarchie ab und riefen die Volksrepublik aus. Im Dez. 1989 wurde der Diktator Nicolae Ceauşescu gestürzt und hingerichtet. Seit 1991 ist R. eine rechtsstaatl. Demokratie, seit 2004 gehört es der Nato an, seit 2007 der EU.

Die Schweiz anerkannte R. am 10.6.1880 offiziell und eröffnete ein Generalkonsulat in der Hauptstadt Bukarest. Ab 1891 verfügte R. in Basel, Zürich und Genf über konsular. Vertretungen. 1905 folgte das Konsulat in Bern, welches 1911 in eine Gesandtschaft umgewandelt wurde. 1916 eröffnete die Schweiz eine Gesandtschaft in Bukarest, die - für die Schweizer und zahlreiche andere Regierungen - zu einem wichtigen Beobachtungsposten im Balkan wurde. So vertrat die Schweizer Gesandtschaft während des 1. Weltkriegs die Interessen Bulgariens, Dänemarks, Deutschlands, Italiens, Österreich-Ungarns und der Türkei. Die Tradition der Vertretung fremder Interessen wurde im 2. Weltkrieg noch ausgebaut. Namentlich die USA, aber auch Ägypten, Belgien, Chile, China, Griechenland, Grossbritannien, Jugoslawien, Luxemburg und Polen liessen sich zwischen 1939 und 1945 von der Schweiz in R. vertreten. In den 1970er Jahren spielte R. eine wichtige Rolle in der Konferenz für Sicherheit und Zusammenarbeit in Europa, indem es sich der Gruppe der Neutralen und Blockfreien, zu denen auch die Schweiz gehört, annäherte. Nach dem Sturz Ceauşescus haben sich die offiziellen Beziehungen zwischen der Schweiz und R. belebt. Die Schweiz engagierte sich 1990-2007 mit versch. Projekten zuerst im Bereich der humanitären Hilfe, ab 1996 v.a. in der techn. und finanziellen Zusammenarbeit in R. Nach dem EU-Beitritt R.s 2007 beschloss der Bundesrat, den Beitrag zur Verringerung der wirtschaftl. und sozialen Ungleichheiten in der EU, die sog. Kohäsionsmilliarde, um gut einen Viertel aufzustocken, damit auch R. und Bulgarien unterstützt werden können. Am 8.2.2009 stimmte das Schweizer Stimmvolk für die Ausdehnung des Personenfreizügigkeitsabkommen mit der EU auf R. und Bulgarien.

Reportage über Schweizer in Rumänien. Doppelseite aus der Wochenzeitschrift Zürcher Illustrierte vom  19. Februar 1937 (Schweizerische Nationalbibliothek).
Reportage über Schweizer in Rumänien. Doppelseite aus der Wochenzeitschrift Zürcher Illustrierte vom  19. Februar 1937 (Schweizerische Nationalbibliothek). […]

Das Grössenverhältnis der rumän. bzw. der Schweizer Kolonien hat sich gegen Ende des 20. Jh. zunehmend ins Gegenteil verkehrt. War die Schweizer Kolonie in R. in den 1920er Jahren mit 1'500 Personen noch knapp 40% grösser als ihr Gegenpart in der Schweiz, so lebten 2009 373 Schweizer in R. und 4'925 Rumänen in der Schweiz. Traditionell pflegten Vertreter des rumän. Königshauses enge Beziehungen zur Schweiz: Der 1881 gekrönte Karl I. verbrachte hier Teile seiner Jugend. Auch Kg. Michael lebte nach seiner erzwungenen Abdankung 1947-89 im Exil in der Schweiz. 1955 überfielen Exilrumänen die rumän. Botschaft in Bern. Ihr Ziel war es, das Botschaftsarchiv einem westl. Geheimdienst zu übergeben und das Botschaftspersonal gefangen zu nehmen, um es gegen polit. Gefangene in R. auszutauschen. Der misslungene Überfall rief den Protest R.s hervor, worauf es zu einer Pressekampagne gegen die Schweiz kam. Diese reagierte mit verschärften Einreisebedingungen für Rumänen. Erst im Zuge der verbesserten Beziehungen und des wachsenden Tourismus nach dem Ende des Kalten Krieges schafften die beiden Staaten 2004 die Visumspflicht gegenseitig ab. Als Diktator Ceauşescu gegen Ende der 1980er Jahre im Rahmen eines Rationalisierungsplanes Tausende von Dörfern zerstören wollte, solidarisierten sich über 200 vorwiegend Westschweizer Gem. in der 1988 in Brüssel gegr. Opération Villages roumains mit R. Sie adoptierten symbolisch rumän. Dörfer und sandten humanitäre Hilfe.

Bereits in der 1. Hälfte des 19. Jh. wurden Schweizer Unternehmen in R. aktiv. So bauten die Gebr. Leyvraz aus der Waadt ab 1839 in Bukarest eine Handelsgärtnerei auf, die Firma Escher, Wyss & Cie. lieferte Schiffsmaschinen, die ab 1840 in Donauschiffe eingebaut wurden. 1845 begann der Genfer L. Keller mit der Installation von Bohrbrunnen für Trinkwasser. Ebenfalls einer Gruppe von Schweizern erteilte der junge rumän. Staat 1869 den Auftrag, das Postwesen zu organisieren. In der Zwischenkriegszeit versuchten Schweizer Investoren mit unterschiedl. Erfolg, in R. und anderen mittel- und osteurop. Ländern die Auswirkungen der Weltwirtschaftskrise zu dämpfen bzw. in diesen Ländern neue Märkte zu erschliessen. Grosse Unternehmen wie die Schweiz. Bankgesellschaft, Brown Boveri & Cie., Suchard, Wander und Hoffmann-La Roche etablierten sich in R. Nach der Einführung des Clearingverkehrs in den 1930er Jahren begann die Schweiz, u.a. Weizen, Mais und Erdölprodukte aus R. zu importieren. Wegen des Einbruchs des Überseehandels 1940 wurde R. für den Schweizer Export sowie für die Einfuhr von Getreide und v.a. von Erdölprodukten interessant. So lieferte es zwischen 1941 und 1944 über 80% des von der Schweiz eingeführten Petroleums und drei Viertel des Benzins. Die Getreide- und Mineralöllieferungen aus R. wurden auch für Deutschland mit zunehmender Kriegsdauer immer wichtiger. R. wie auch andere Verbündete Deutschlands verlangten als Bezahlung Gold und freie Devisen. Dabei forderte R. v.a. Schweizer Franken, da diese auf Drittmärkten für Warenkäufe - im Falle R.s von Schweizer Waffen - verwendet werden konnten.

Plakat des Musée d'ethnographie in Neuenburg, das eine Ausstellung über Kunstschätze aus Rumänien ankündigt, 1968 (Schweizerische Nationalbibliothek).
Plakat des Musée d'ethnographie in Neuenburg, das eine Ausstellung über Kunstschätze aus Rumänien ankündigt, 1968 (Schweizerische Nationalbibliothek).

Nach der Machtübernahme durch die Kommunisten verstaatlichte R. 1948 alle industriellen Betriebe, Banken, Transportunternehmen und Versicherungsgesellschaften. Als Entschädigung für die betroffenen Schweizer Firmen einigten sich die Schweiz und R. 1951 auf eine Summe von 42,5 Mio. Fr., die R. durch Abzweigung aus dem Clearing bis Ende 1959 beglich. Der Handel zwischen der Schweiz und R. erfuhr in der Nachkriegszeit zuerst einen beträchtl. Aufschwung. Mit dem Wiedererstarken der westl. Wirtschaftspartner der Schweiz und den gleichzeitig zunehmenden Autarkiebestrebungen R.s stagnierte er jedoch in den 1950er Jahren und legte erst in den 60er Jahren wieder zu. Die Schweiz führte v.a. Rohstoffe ein, während sie Maschinen sowie chem. und pharmazeut. Produkte ausführte. Am 13.12.1972 unterzeichneten die beiden Staaten ein Handelsabkommen. Die Handelsbilanz war in der 2. Hälfte des 20. Jh. mit Ausnahme weniger Jahre stark positiv für die Schweiz. Obwohl die wirtschaftl. Verhältnisse in den 1990er Jahren schwierig waren, gelang es hauptsächlich kleinen und mittleren Unternehmen aus der Schweiz, in R. erfolgreich Fuss zu fassen.

In der Stiftsbibliothek St. Gallen befindet sich eine Handschrift über die Greueltaten des Prinzen Vlad Tepes, besser bekannt unter dem Namen Dracula. Es handelt sich um das älteste bekannte Dokument, das Zeugnis vom Schweizer Interesse an R. ablegt. Dabei handelt es sich um Handschriften zweier Mönche, die Mitte des 15. Jh. wegen ihres Glaubens ins Kloster St. Gallen geflohen waren. Die kath. Kirchen der Schweiz und R.s standen um 1900 in regem Kontakt, v.a. da der Papst in dieser Zeit gleich mehrere Schweizer als Bischöfe in rumän. Diözesen berief. In der Zwischenkriegszeit besetzten versch. Schweizer wichtige Positionen in der rumän. Verwaltung, so z.B. Julien Peter, der 1938 von Febr. bis Sept. als Bürgermeister von Bukarest amtierte. 2008 versammelte das Rumän. Nationalmuseum sämtliche bedeutenden jungsteinzeitl. Objekte des Landes in einer von der Genfer Vereinigung Hellas et Roma initiierten Ausstellung. Die Schweiz war das erste Land, in dem diese gezeigt wurde (Hist. Museum Olten).

Quellen und Literatur

  • C. Chinezu, Roumanie-Suisse, 2001
  • R. de Weck, Journal de guerre (1939-1945), 2001
  • Veröff. UEK 10