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Kanada

Als die Kolonisation Neufrankreichs einsetzte, waren auch Schweizer daran beteiligt. 1604 sorgten Schweizer Soldaten in franz. Diensten für den Schutz einer Expedition nach Akadien (franz. Bezeichnung für ehem. Koloniegebiet, welches in etwa die heutigen Provinzen Nova Scotia, New Brunswick sowie Teile der Provinz Quebec und des amerikan. Bundesstaats Maine umfasste), an welcher der Forschungsreisende Samuel de Champlain teilnahm. Um 1649 gründete der vermutlich aus Freiburg stammende Pierre Miville in der Nähe der Stadt Quebec eine kleine Kolonie. Die Gegend wird heute Canton des Suisses fribourgeois genannt. Jacques Bizard von Bevaix, der 1672 nach Neufrankreich gekommen war, wurde 1677 Major der Gouverneursgarde und 1691 Vizegouverneur von Montreal. Zwei Abteilungen des Marineinfanterieregiments Karrer in franz. Diensten verstärkten 1721-45 die Garnison Louisbourg. Einige dieser Soldaten liessen sich später in der Region nieder. In jenem Teil K.s, der schon 1713 britisch geworden war, siedelten sich 1749-55 dreihundert von England in der Schweiz rekrutierte Protestanten an. Sie lebten in Neuschottland, hauptsächlich in Halifax und Lunenburg.

Neufrankreich wurde nach dem Siebenjährigen Krieg 1763 engl. Kolonie. Zwei Schweizer wirkten als Generalgouverneure des Landes und als Oberbefehlshaber der brit. Truppen, nämlich 1777-85 Frédéric Haldimand aus Yverdon und 1811-16 Georges Jacques Marc Prevost aus Genf. Letzterer verteidigte die Kolonie erfolgreich gegen die amerikan. Invasion im anglo-amerikan. Krieg (1812-14), der mit dem Frieden von Gent endete. Ab 1813 verstärkten die in brit. Diensten stehenden Regimenter von Wattenwyl und de Meuron die Truppen von Prevost und beteiligten sich an den Kämpfen. Wie schon die Männer des Regiments Karrer liessen sich einige Offiziere und Soldaten der beiden Regimenter in K. nieder, v.a. in der Kolonie Rivière Rouge, wohin ihnen 1821 zweihundert Schweizer Einwanderer folgten. Gegen Ende des 18. Jh. hatten sich Schweizer Täufer, die aus Pennsylvania gekommen waren, im Westen Ontarios angesiedelt. Sebastian Freyvogel aus Gelterkinden machte ab 1828 als Pionier ein grosses Gebiete am Ufer des Huronsees urbar. Zweihundert vorwiegend aus Saanen stammende Schweizer gründeten um 1880 eine Kolonie in Nipissing im Norden Ontarios.

Die Schweizer in K. waren Soldaten in fremden Diensten, aber auch Pelzhandel treibende Kaufleute (Laurenz Ermatinger), Bauern, und Missionare (Henriette Feller-Odin, Père Louis Babel). Bergführer aus Interlaken führten Ende des 19. Jh. den Alpinismus in den Selkirks und Rocky Mountains ein. Wie die Generalgouverneure der Kolonialzeit machten einige dieser Einwanderer steile polit. Karrieren, nachdem K. mit dem British North America Act 1867 brit. Dominion geworden war. Samuel Mürner oder Merner aus Reichenbach etwa zog 1887 in den Senat ein.

Die Schweiz eröffnete 1875 ein Generalkonsulat in Montreal, 1906 eines in Toronto und 1913 zwei weitere in Vancouver und Winnipeg. Heute verfügt sie über drei Karrieregeneralkonsulate in Montreal, Toronto und Vancouver. Nachdem K. die 1931 im Statut von Westminster verankerte polit. Unabhängigkeit erlangt hatte, nahm die Schweiz 1945 diplomat. Beziehungen zu K. auf. In Ottawa ersetzte 1957 eine Botschaft die seit 1945 bestehende Gesandtschaft. Die 1947 eröffnete kanad. Gesandtschaft in Bern erhielt 1953 den Status einer Botschaft. Ausserdem unterhält K. in Genf eine ständige Mission bei den Internat. Organisationen. Dreimal wurde die Schweiz beauftragt, die Interessen K.s zu vertreten: Während des 2. Weltkriegs in Frankreich (de facto) gegenüber der Vichy-Regierung, 1952-53 im Iran und 1956-58 in Syrien. Die Unabhängigkeitsbestrebungen von Quebec fanden auch in der Schweiz Widerhall, v.a. bei den jurass. Separatisten nach der Rede, die General de Gaulle 1967 an der Weltausstellung in K. gehalten hatte.

2000 waren 34'192 Personen bei den schweiz. konsularischen Vertretungen in K. gemeldet, davon 23'626 Doppelbürger. 1887-2000 wanderten etwa 50'000 Schweizer nach K. aus, davon über 40'000 in der 2. Hälfte des 20. Jh. (1950-79 30'000). 1871 lebten 60% der Nachkommen der Einwanderer der ersten Generation in Neuschottland, 1911 waren es nur noch 11,2%. Ontario hatte Neuschottland den Rang abgelaufen (1881 51%, 1901 44,2%, 1911 29,1%), auf dem zweiten Platz folgte Alberta (1911 18,1%). 1887-1938 übersiedelten 8'548 Schweizer nach K., das mit 3,7% der Auswanderer an dritter Stelle der Destinationen der Überseeauswanderer, jedoch weit hinter den Vereinigten Staaten (73%) und Argentinien (10,2%) rangierte.

Bis zum 2. Weltkrieg waren die meisten Auswanderer Bauern. Nach dem Krieg passte sich die Immigration der technolog. Entwicklung an und diversifizierte sich: Während drei Jahrzehnten wanderten sehr viele Professoren, Ingenieure, Techniker, Unternehmer, Geschäfts- und Kaufleute, Facharbeiter und Angestellte des Gastgewerbes ein. Die Anzahl der Bauern, die nach 1968 stark rückläufig war, stieg ab Ende der 1970er Jahre wieder an. Zahlreiche Bauern, viele von ihnen aus der Westschweiz, erwarben Bauernhöfe in Quebec oder Ontario. Clubs und Vereine erleichtern den Neuankömmlingen die Integration und bieten ihnen die Gelegenheit, die Schweizer Traditionen zu pflegen. Die kanad. Kolonie in der Schweiz hat sich zwischen 1964 (1'210 Personen, ohne Doppelbürger) und 2002 (4'809 Personen) praktisch vervierfacht. Im Schnitt besitzen 50-60% der Eingewanderten eine Jahresaufenthaltsgenehmigung, ein grosser Teil von ihnen sind Frauen (Spitalpersonal). Die Zahl der Niederlassungsbewilligungen stieg explosionsartig an, nämlich von 66 (1964) auf 1'021 (1997).

Zwischen der Schweiz und K. wurden im 20. Jh. mehrere Abkommen unterzeichnet. Die meisten von ihnen kamen nach der Verfassung von 1982 zustande, welche den British North America Act von 1867 ersetzte und die gesetzl. Abhängigkeit von England beseitigte. Der brit. König bzw. die Königin blieb als einzige Verbindung zwischen K. und dem ehem. Mutterland bestehen. Die Schweiz und K. schlossen u.a. einen Freundschafts-, einen Handels- und einen Niederlassungsvertrag (1914) ab, ferner ein Luftverkehrsabkommen (1976), eine Vereinbarung über die Beziehungen auf dem Gebiet des Films und der Audiovision (1988), ein Abkommen über die Zusammenarbeit bei der friedl. Nutzung der Kernenergie (1989), einen Rechtshilfevertrag in Strafsachen (1995), ein Abkommen über soziale Sicherheit einschliesslich einer Vereinbarung mit Quebec (1995), einen Auslieferungsvertrag (1996) und ein Doppelbesteuerungsabkommen (1998).

Die Schweizer Ausfuhren nach K. beliefen sich 1995 auf fast 760 Mio. Fr., 2005 auf 2'269 Mio. Fr., davon 1'574 Mio. Fr. für Chemikalien und verwandte Erzeugnisse sowie 217 Mio. Fr. für Maschinen. Die Einfuhren betrugen 1995 383 Mio. Fr., 2005 822 Mio. Fr., davon 345 Mio. Fr. für Chemikalien und verwandte Erzeugnisse, 127 Mio. Fr. für Maschinen, 99 Mio. Fr. für Autos und Flugzeuge, 81 Mio. Fr. für Papier und Papierprodukte sowie 72 Mio. Fr. für landwirtschaftl. Produkte. Der Saldo der Handelsbilanz, der Anfang des 21. Jh. für die Schweiz positiv ist, fiel bis Ende der 1950er Jahre zugunsten K.s aus. Am Vorabend des 2. Weltkriegs importierte die Schweiz Güter für 24,1 Mio. Fr. und exportierte für 14,7 Mio. Franken. 1945 beliefen sich diese Zahlen bereits auf 103,5 Mio. Fr. (massive Weizeneinkäufe) bzw. 35,1 Mio. Franken. Die Schweiz rangierte 2000 an sechster Stelle der Investorenländer (5,275 Mrd. Fr.), während K. der siebtgrösste ausländ. Anleger in der Schweiz war (2,265 Mrd. Fr.). Zudem fliessen indirekte Finanzmittel nach K., v.a. Anleihen auf dem helvet. Markt für öffentl. Körperschaften und Industriegesellschaften K.s. Die meisten grossen Industrieunternehmen der Schweiz besitzen in K. entweder Produktions- und/oder Verkaufszentren, Tochtergesellschaften oder breite Beteiligungen an lokalen Unternehmen. 2001 beschäftigten die in K. niedergelassenen Schweizer Firmen rund 34'700 Personen. Die grossen Schweizer Banken, mehrere Privatbanken sowie Versicherungs- und Transportgesellschaften sind ebenfalls in K. vertreten. Kanad.-schweiz. Handelskammern bestehen in Montreal, Toronto und Vancouver, eine Swiss Canadian Business Association in Calgary. Die Association canado-suisse mit Sitz in Zürich vereint in der Schweiz Geschäftsleute, die an wirtschaftlichen, finanziellen und kulturellen Beziehungen zwischen den beiden Ländern interessiert sind.

Die seit langem bestehenden kulturellen Beziehungen sind breit gefächert. Einer ihrer Wegbereiter war Peter Rindisbacher, der in den 1820er Jahren als Erster den kanad. Westen malte. Vom Ende des 1. Weltkriegs an lehrten zahlreiche Schweizer Professoren an den kanad. Universitäten und höheren Schulen, darunter François Jeanneret, Pionier der Forschungen über die frankokanad. Kultur, der Germanist Hermann Böschenstein, Laure Eva Rièse, Prof. für franz. Sprache und Literatur, der Geologe Carl Faessler und der Ingenieur Joseph Risi. Ende 1995 übten um die 200 Schweizer in K. eine Lehrtätigkeit aus.

1969 wurde in Toronto die erste kulturelle Vereinigung K.-Schweiz (Association culturelle Canada-Suisse) gegründet, 1970 in Montreal eine weitere. Pro Helvetia übernahm 1985 das Patronat über die Kanada-Tournee des Orchestre de la Suisse romande und über die Ausstellung Rindisbacher, die 1984-86 im Rahmen des internat. Programms der Nationalmuseen gezeigt wurde. Ebenfalls Pro Helvetia schuf zusammen mit dem kanad. Conseil des Arts einen Literaturpreis Kanada-Schweiz, der mit 2'500 kanad. Dollar dotiert ist und jährlich abwechslungsweise einem Kanadier bzw. einem Schweizer verliehen wird. 1977-2004 war zweifellos der Dirigent Charles Dutoit die kulturelle Gallionsfigur unter den Schweizern. Er leitete das Symphonieorchester von Montreal. Die kulturelle Präsenz K.s in der Schweiz ist ebenfalls vielfältig und umfasst auch die Sparten Theater und natürlich das Chanson (Pauline Julien, Félix Leclerc, Gilles Vigneault, Céline Dion). Austausch pflegen auch die Salons du livre von Genf und Montreal, während die Institutionen der frankophonen Länder (Frankofonie) Kontakte zwischen Quebec und der Westschweiz schaffen. Das 1956 gegr. Neuchâtel Junior College bietet jungen Kanadiern die Möglichkeit, in der Schweiz ihr letztes Jahr auf der Sekundarstufe I zu absolvieren. Im Sport tragen Kanadier seit drei Jahrzehnten als Trainer oder Spieler erheblich dazu bei, das Niveau des Eishockeys in der Schweiz zu heben.

Quellen und Literatur

  • C. de Bonnault, «Les Suisses au Canada», in Bull. des recherches hist., 61, 1955, Nr. 2, 51-70
  • Dictionnaire biographique du Canada, 1-, 1966
  • H.E. Bovay, Le Canada et les Suisses, 1604-1974, 1976
  • L. Schelbert, Einführung in die schweiz. Auswanderungsgesch. der Neuzeit, 1976
  • E. Bürkler, Der Aussenhandel Schweiz - K., 1990
  • J. Magee, The Swiss in Ontario, 1991
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