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Kanada

Die Insel Sainte-Croix. 1613 veröffentlichter Stich, nach einer Zeichnung von Samuel de Champlain aus dem Jahr 1604 (New York Public Library).
Die Insel Sainte-Croix. 1613 veröffentlichter Stich, nach einer Zeichnung von Samuel de Champlain aus dem Jahr 1604 (New York Public Library). […]

Als die Kolonisation Neufrankreichs einsetzte, waren auch Schweizer daran beteiligt. 1604 sorgten Schweizer Soldaten in französischen Diensten für den Schutz einer Expedition nach Akadien (französische Bezeichnung für ehemaliges Koloniegebiet, welches in etwa die heutigen Provinzen Nova Scotia, New Brunswick sowie Teile der Provinz Quebec und des amerikanischen Bundesstaats Maine umfasste), an welcher der Forschungsreisende Samuel de Champlain teilnahm. Um 1649 gründete der vermutlich aus Freiburg stammende Pierre Miville in der Nähe der Stadt Quebec eine kleine Kolonie. Die Gegend wird heute Canton des Suisses fribourgeois genannt. Jacques Bizard aus Bevaix, der 1672 nach Neufrankreich gekommen war, wurde 1677 Major der Gouverneursgarde und 1691 Vizegouverneur von Montreal. Zwei Abteilungen des Marineinfanterieregiments Karrer in französischen Diensten verstärkten 1721-1745 die Garnison Louisbourg. Einige dieser Soldaten liessen sich später in der Region nieder. In jenem Teil Kanadas, der schon 1713 britisch geworden war, siedelten sich 1749-1755 dreihundert von England in der Schweiz rekrutierte Protestanten an. Sie lebten in Neuschottland, hauptsächlich in Halifax und Lunenburg.

Neufrankreich wurde nach dem Siebenjährigen Krieg 1763 englische Kolonie. Zwei Schweizer wirkten als Generalgouverneure des Landes und als Oberbefehlshaber der britischen Truppen, nämlich 1777-1785 Frédéric Haldimand aus Yverdon und 1811-1816 Georges Jacques Marc Prevost aus Genf. Letzterer verteidigte die Kolonie erfolgreich gegen die amerikanische Invasion im anglo-amerikanischen Krieg (1812-1814), der mit dem Frieden von Gent endete. Ab 1813 verstärkten die in britischen Diensten stehenden Regimenter von Wattenwyl und de Meuron die Truppen von Prevost und beteiligten sich an den Kämpfen. Wie schon die Männer des Regiments Karrer liessen sich einige Offiziere und Soldaten der beiden Regimenter in Kanada nieder, vor allem in der Kolonie Rivière Rouge, wohin ihnen 1821 zweihundert Schweizer Einwanderer folgten. Gegen Ende des 18. Jahrhunderts hatten sich Schweizer Täufer, die aus Pennsylvania gekommen waren, im Westen Ontarios angesiedelt. Sebastian Freyvogel aus Gelterkinden machte ab 1828 als Pionier ein grosses Gebiet am Ufer des Huronsees urbar. Zweihundert vorwiegend aus Saanen stammende Schweizer gründeten um 1880 eine Kolonie in Nipissing im Norden Ontarios.

Die Schweizer in Kanada waren Soldaten in fremden Diensten, aber auch Pelzhandel treibende Kaufleute (Laurenz Ermatinger), Bauern, und Missionare (Henriette Feller-Odin, Père Louis Babel). Bergführer aus Interlaken führten Ende des 19. Jahrhunderts den Alpinismus in den Selkirks und Rocky Mountains ein. Wie die Generalgouverneure der Kolonialzeit machten einige dieser Einwanderer steile politische Karrieren, nachdem Kanada mit dem British North America Act 1867 britische Dominion geworden war. Samuel Mürner oder Merner aus Reichenbach etwa zog 1887 in den Senat ein.

Die Schweiz eröffnete 1875 ein Generalkonsulat in Montreal, 1906 eines in Toronto und 1913 zwei weitere in Vancouver und Winnipeg. Heute verfügt sie über drei Karrieregeneralkonsulate in Montreal, Toronto und Vancouver. Nachdem Kanada die 1931 im Statut von Westminster verankerte politische Unabhängigkeit erlangt hatte, nahm die Schweiz 1945 diplomatische Beziehungen zu Kanada auf. In Ottawa ersetzte 1957 eine Botschaft die seit 1945 bestehende Gesandtschaft. Die 1947 eröffnete kanadische Gesandtschaft in Bern erhielt 1953 den Status einer Botschaft. Ausserdem unterhält Kanada in Genf eine ständige Mission bei den Internationalen Organisationen. Dreimal wurde die Schweiz beauftragt, die Interessen Kanadas zu vertreten: Während des Zweiten Weltkriegs in Frankreich (de facto) gegenüber der Vichy-Regierung, 1952-1953 im Iran und 1956-1958 in Syrien. Die Unabhängigkeitsbestrebungen von Quebec fanden auch in der Schweiz Widerhall, vor allem bei den jurassischen Separatisten nach der Rede, die General de Gaulle 1967 an der Weltausstellung in Kanada gehalten hatte.

2000 waren 34'192 Personen bei den schweizerischen konsularischen Vertretungen in Kanada gemeldet, davon 23'626 Doppelbürger. 1887-2000 wanderten etwa 50'000 Schweizer nach Kanada aus, davon über 40'000 in der zweiten Hälfte des 20. Jahrhunderts (1950-1979 30'000). 1871 lebten 60% der Nachkommen der Einwanderer der ersten Generation in Neuschottland, 1911 waren es nur noch 11,2%. Ontario hatte Neuschottland den Rang abgelaufen (1881 51%, 1901 44,2%, 1911 29,1%), auf dem zweiten Platz folgte Alberta (1911 18,1%). 1887-1938 übersiedelten 8548 Schweizer nach Kanada, das mit 3,7% der Auswanderer an dritter Stelle der Destinationen der Überseeauswanderer, jedoch weit hinter den Vereinigten Staaten (73%) und Argentinien (10,2%) rangierte.

Bis zum Zweiten Weltkrieg waren die meisten Auswanderer Bauern. Nach dem Krieg passte sich die Immigration der technologischen Entwicklung an und diversifizierte sich: Während drei Jahrzehnten wanderten sehr viele Professoren, Ingenieure, Techniker, Unternehmer, Geschäfts- und Kaufleute, Facharbeiter und Angestellte des Gastgewerbes ein. Die Anzahl der Bauern, die nach 1968 stark rückläufig war, stieg ab Ende der 1970er Jahre wieder an. Zahlreiche Bauern, viele von ihnen aus der Westschweiz, erwarben Bauernhöfe in Quebec oder Ontario. Clubs und Vereine erleichtern den Neuankömmlingen die Integration und bieten ihnen die Gelegenheit, die Schweizer Traditionen zu pflegen. Die kanadische Kolonie in der Schweiz hat sich zwischen 1964 (1210 Personen, ohne Doppelbürger) und 2002 (4809 Personen) praktisch vervierfacht. Im Schnitt besitzen 50-60% der Eingewanderten eine Jahresaufenthaltsgenehmigung, ein grosser Teil von ihnen sind Frauen (Spitalpersonal). Die Zahl der Niederlassungsbewilligungen stieg explosionsartig an, nämlich von 66 (1964) auf 1021 (1997).

Zwischen der Schweiz und Kanada wurden im 20. Jahrhundert mehrere Abkommen unterzeichnet. Die meisten von ihnen kamen nach der Verfassung von 1982 zustande, welche den British North America Act von 1867 ersetzte und die gesetzliche Abhängigkeit von England beseitigte. Der britische König bzw. die Königin blieb als einzige Verbindung zwischen Kanada und dem ehemaligen Mutterland bestehen. Die Schweiz und Kanada schlossen unter anderem einen Freundschafts-, einen Handels- und einen Niederlassungsvertrag (1914) ab, ferner ein Luftverkehrsabkommen (1976), eine Vereinbarung über die Beziehungen auf dem Gebiet des Films und der Audiovision (1988), ein Abkommen über die Zusammenarbeit bei der friedlichen Nutzung der Kernenergie (1989), einen Rechtshilfevertrag in Strafsachen (1995), ein Abkommen über soziale Sicherheit einschliesslich einer Vereinbarung mit Quebec (1995), einen Auslieferungsvertrag (1996) und ein Doppelbesteuerungsabkommen (1998).

Bisonjagd. In den 1820er Jahren entstandenes Aquarell von Peter Rindisbacher (West Point Museum, New York).
Bisonjagd. In den 1820er Jahren entstandenes Aquarell von Peter Rindisbacher (West Point Museum, New York).

Die Schweizer Ausfuhren nach Kanada beliefen sich 1995 auf fast 760 Mio. Franken, 2005 auf 2269 Mio. Franken, davon 1574 Mio. Franken für Chemikalien und verwandte Erzeugnisse sowie 217 Mio. Franken für Maschinen. Die Einfuhren betrugen 1995 383 Mio. Franken, 2005 822 Mio. Franken, davon 345 Mio. Franken für Chemikalien und verwandte Erzeugnisse, 127 Mio. Franken für Maschinen, 99 Mio. Franken für Autos und Flugzeuge, 81 Mio. Franken für Papier und Papierprodukte sowie 72 Mio. Franken für landwirtschaftliche Produkte. Der Saldo der Handelsbilanz, der Anfang des 21. Jahrhunderts für die Schweiz positiv ist, fiel bis Ende der 1950er Jahre zugunsten Kanadas aus. Am Vorabend des Zweiten Weltkriegs importierte die Schweiz Güter für 24,1 Mio. Franken und exportierte für 14,7 Mio. Franken. 1945 beliefen sich diese Zahlen bereits auf 103,5 Mio. Franken (massive Weizeneinkäufe) bzw. 35,1 Mio. Franken. Die Schweiz rangierte 2000 an sechster Stelle der Investorenländer (5,275 Mrd. Franken), während Kanada der siebtgrösste ausländische Anleger in der Schweiz war (2,265 Mrd. Franken). Zudem fliessen indirekte Finanzmittel nach Kanada, vor allem Anleihen auf dem helvetischen Markt für öffentliche Körperschaften und Industriegesellschaften Kanadas. Die meisten grossen Industrieunternehmen der Schweiz besitzen in Kanada entweder Produktions- und/oder Verkaufszentren, Tochtergesellschaften oder breite Beteiligungen an lokalen Unternehmen. 2001 beschäftigten die in Kanada niedergelassenen Schweizer Firmen rund 34'700 Personen. Die grossen Schweizer Banken, mehrere Privatbanken sowie Versicherungs- und Transportgesellschaften sind ebenfalls in Kanada vertreten. Kanadisch-schweizerische Handelskammern bestehen in Montreal, Toronto und Vancouver, eine Swiss Canadian Business Association in Calgary. Die Association canado-suisse mit Sitz in Zürich vereint in der Schweiz Geschäftsleute, die an wirtschaftlichen, finanziellen und kulturellen Beziehungen zwischen den beiden Ländern interessiert sind.

Die seit Langem bestehenden kulturellen Beziehungen sind breit gefächert. Einer ihrer Wegbereiter war Peter Rindisbacher, der in den 1820er Jahren als Erster den kanadischen Westen malte. Vom Ende des Ersten Weltkriegs an lehrten zahlreiche Schweizer Professoren an den kanadischen Universitäten und höheren Schulen, darunter François Jeanneret, Pionier der Forschungen über die frankokanadische Kultur, der Germanist Hermann Böschenstein, Laure Eva Rièse, Professorin für französische Sprache und Literatur, der Geologe Carl Faessler und der Ingenieur Joseph Risi. Ende 1995 übten um die 200 Schweizer in Kanada eine Lehrtätigkeit aus.

1969 wurde in Toronto die erste kulturelle Vereinigung Kanada-Schweiz (Association culturelle Canada-Suisse) gegründet, 1970 in Montreal eine weitere. Pro Helvetia übernahm 1985 das Patronat über die Kanada-Tournee des Orchestre de la Suisse romande und über die Ausstellung Rindisbacher, die 1984-1986 im Rahmen des internationalen Programms der Nationalmuseen gezeigt wurde. Ebenfalls Pro Helvetia schuf zusammen mit dem kanadischen Conseil des Arts einen Literaturpreis Kanada-Schweiz, der mit 2500 kanadischen Dollar dotiert ist und jährlich abwechslungsweise einem Kanadier bzw. einem Schweizer verliehen wird. 1977-2004 war zweifellos der Dirigent Charles Dutoit die kulturelle Gallionsfigur unter den Schweizern. Er leitete das Symphonieorchester von Montreal. Die kulturelle Präsenz Kanadas in der Schweiz ist ebenfalls vielfältig und umfasst auch die Sparten Theater und natürlich das Chanson (Pauline Julien, Félix Leclerc, Gilles Vigneault, Céline Dion). Austausch pflegen auch die Salons du livre von Genf und Montreal, während die Institutionen der frankophonen Länder (Frankofonie) Kontakte zwischen Quebec und der Westschweiz schaffen. Das 1956 gegründete Neuchâtel Junior College bietet jungen Kanadiern die Möglichkeit, in der Schweiz ihr letztes Jahr auf der Sekundarstufe I zu absolvieren. Im Sport tragen Kanadier seit drei Jahrzehnten als Trainer oder Spieler erheblich dazu bei, das Niveau des Eishockeys in der Schweiz zu heben.

Quellen und Literatur

  • C. de Bonnault, «Les Suisses au Canada», in Bull. des recherches hist., 61, 1955, Nr. 2, 51-70
  • Dictionnaire biographique du Canada, 1-, 1966
  • H.E. Bovay, Le Canada et les Suisses, 1604-1974, 1976
  • L. Schelbert, Einführung in die schweiz. Auswanderungsgesch. der Neuzeit, 1976
  • E. Bürkler, Der Aussenhandel Schweiz – Kanada, 1990
  • J. Magee, The Swiss in Ontario, 1991
Weblinks
Normdateien
GND

Zitiervorschlag

Henry E. Bovay: "Kanada", in: Historisches Lexikon der Schweiz (HLS), Version vom 24.09.2007, übersetzt aus dem Französischen. Online: https://hls-dhs-dss.ch/de/articles/003378/2007-09-24/, konsultiert am 23.05.2022.