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Kolumbien

Situationskarte Kolumbien © 2001 HLS und Kohli Kartografie, Bern.
Situationskarte Kolumbien © 2001 HLS und Kohli Kartografie, Bern.

Die heutigen südamerikanischen Staaten Ecuador, Venezuela, Panama und Kolumbien bildeten ab 1549 das spanische Generalkapitanat Neugranada, das 1717 den Status eines Vizekönigreichs erhielt. 1810 erfolgte die Unabhängigkeitserklärung, 1821 die Gründung der Republik Grosskolumbien, das 1830-1831 in die Republiken Ecuador, Venezuela und Kolumbien zerfiel. Letzteres verlor 1903 zudem Panama. Die Schweiz unterhält seit Ende des 19. Jahrhunderts konsularische und diplomatische Beziehungen zu Kolumbien: 1887 wurde in Panama ein Konsulat eröffnet, das 1911 nach Bogotá verlegt wurde, 1940 folgte eine Gesandtschaft, 1958 die Botschaft. 1908 schlossen die Schweiz und Kolumbien einen Freundschafts-, Niederlassungs- und Handelsvertrag.

1896 fällte die Schweiz im Streit zwischen Kolumbien und einer englischen Eisenbahngesellschaft einen Schiedsspruch, desgleichen 1922 im Grenzstreit zwischen Kolumbien und Venezuela. 1924-1928 versuchte eine fünfköpfige Schweizer Militärmission erfolglos, die Armee zu professionalisieren. Die Schweiz vertrat die kolumbianischen Interessen 1942-1945 in Frankreich, Deutschland, Italien und Japan; zur selben Zeit übernahm sie die Vertretung Frankreichs und Japans in Kolumbien. Abkommen über technische und wissenschaftliche Zusammenarbeit (1967) und über den regelmässigen Luftverkehr (1971), die Umsetzung der Gatt-Tokio-Runde (1979) und das Abkommen über die Gewährung eines Mischkredites von rund 22 Mio. Franken zur Finanzierung des Wasserkraftwerkes Guavio (1986) vertieften die bilateralen Beziehungen. Seit Dezember 2005 begleiten Norwegen, die Schweiz und Spanien die Friedensgespräche zwischen der kolumbianischen Regierung und der Guerillagruppe ELN (Ejército de Liberación Nacional). Die Schweiz, Spanien und Frankreich bemühen sich auch um ein humanitäres Abkommen zwischen der Regierung und den aufständischen FARC (Fuerzas Armadas Revolucionarias de Colombia). Zur Stärkung der Menschenrechte pflegt die Schweiz Kontakte zu kolumbianischen NGOs.

Kolumbien ist kein typisches schweizerisches Auswanderungsziel: Ab den 1860er Jahren wanderten lediglich einige Uhrmacher, Kaufleute und mehrere Missionare und Missionarinnen (v.a. der Bethlehem Mission Immensee) in das Andenland aus. 2006 lebten im Konsularbezirk Bogotá rund 2050 Schweizer und Schweizerinnen. Die Anzahl kolumbianischer Staatsbürger mit Wohnsitz in der Schweiz – darunter viele mit Schweizern verheiratete Frauen – ist gering. Aufgrund der Gewalteskalation im Rahmen des Bürgerkriegs und wirtschaftlicher Probleme lässt sich seit 1998 eine Zunahme der Einwanderung, auch von politischen Flüchtlingen, feststellen. Handels- und Leistungsbilanz fallen seit langem zugunsten der Schweiz aus; daran haben auch die jahrzehntelangen, bis 1990 anhaltenden Bemühungen kolumbianischer Regierungen, das Handelsdefizit durch Importrestriktionen zu beseitigen, nichts geändert. Die Schweiz exportiert vor allem Maschinen und Apparate, chemische und pharmazeutische Produkte sowie Uhren. Kolumbien führt in erster Linie Kaffee, Bananen, Blumen und Smaragde aus. Auch kolumbianisches Kokain gelangt in die Schweiz. In Santafé de Bogotá befindet sich seit 1974 die kolumbianisch-schweizerische Handelskammer. 1995 waren über 300 Schweizer Firmen in Kolumbien niedergelassen oder verfügten über eine lokale Vertretung; die grossen multinationalen Schweizer Unternehmen halten auch Kapitalbeteiligungen. Über kolumbianische Investitionen und Kapitalien auf Schweizer Banken ist wenig bekannt.

Im Bildungssektor hat sich der 1949 gegründete Colegio Helvetia in Bogotá mit ca. 1000 Ausbildungsplätzen unter den (ausländisch dominierten) Eliteschulen behaupten können. 1995 waren 350 kolumbianische Studierende an Schweizer Universitäten eingeschrieben. Ab 1882 lehrte der Historiker Ernst Röthlisberger an der Universidad Nacional in Bogotá. Nach seiner Rückkehr in die Schweiz 1886, veröffentlichte er 1898 eine Beschreibung Kolumbiens (später ins Spanische übersetzt). Bekanntheit erlangten in Kolumbien auch die Pantomime-Gruppe Los Fulámbulos und die Theaterinszenierungen der Geschwister Abderhalden.

Die Direktion für Entwicklung und Zusammenarbeit (Deza) unterstützt in dem von sozialer Ungleichheit, Gewalt und Naturkatastrophen schwer geprüften Land vor allem Initiativen im Bereich der humanitären Hilfe: Nach Erdbeben und Vulkanausbrüchen leisteten die offizielle Schweiz und NGOs Sofort- und Wiederaufbauhilfe. In kleinerem Rahmen wird auch der Transfer von Umwelttechnologien gefördert (Cantera verde). Terre des Hommes, Hilfswerk der Evangelischen Kirchen der Schweiz, Swissaid und Caritas unterhalten weitere Projekte.

Quellen und Literatur

  • R. Herzog, Die schweiz.-kolumbian. Wirtschaftsbeziehungen, 1990
  • C. Knöpfel, «Wie die Schweiz von Kolumbien profitiert: Eine Analyse der bilateralen Zahlungsbilanz», in Widerspruch 22, 1991, 127-136
  • T. Fischer, «Proyectos de reforma, instrucción militar y comercio de armas de la Misión Militar Suiza en Colombia (1924-1928)», in Historia y Sociedad 5, 1998, 49-89
  • T. Fischer, «"El Dorado": Ernst Röthlisbergers Kulturbilder Kolumbiens», in Die Anfänge der Schweiz. Amerikanistik, 2003, 147-160
Weblinks
Normdateien
GND

Zitiervorschlag

Thomas Fischer: "Kolumbien", in: Historisches Lexikon der Schweiz (HLS), Version vom 28.10.2008. Online: https://hls-dhs-dss.ch/de/articles/003396/2008-10-28/, konsultiert am 27.05.2022.