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Vietnam

Situationskarte Vietnam © 2010 HLS und Kohli Kartografie, Bern.
Situationskarte Vietnam © 2010 HLS und Kohli Kartografie, Bern.

Im 17. Jahrhundert begannen die Europäer mit dem vietnamesischen Reich Handel zu treiben. Ab der Mitte des 19. Jahrhunderts steigerten die Franzosen ihren Einfluss in der Region und schufen 1887 Französisch-Indochina. Nach dem Zweiten Weltkrieg proklamierten die Anhänger der kommunistischen Organisation Viet Minh unter der Leitung von Ho Chi Minh die Unabhängigkeit Vietnams und übernahmen die Kontrolle über grosse Teile des Landes. Die Verträge von Genf vom 20. Juli 1954 setzten dem Indochinakrieg (1946-1954) ein Ende und bestätigten die Teilung des Landes in zwei Staaten. Ab 1959 standen sich die materiell durch den kommunistischen Block unterstützte Nordarmee und die insbesondere ab 1964-1965 stark von amerikanischer Militärhilfe abhängige Südarmee im Vietnamkrieg gegenüber. Mit dem Fall von Saigon (heute Ho-Chi-Minh-Stadt), der Hauptstadt von Südvietnam, am 30. April 1975 war der Krieg beendet. 1976 wurde das Land als sozialistische Republik Vietnam offiziell wiedervereinigt.

Um die französischen Zölle zu umgehen, eröffneten die Handelshäuser Diethelm (1890) und Biedermann (1900) eine Niederlassung in Saigon. Die beiden Gesellschaften florierten und begünstigten dadurch die Tätigkeit des 1926 in Saigon eröffneten Konsulats. Die meisten in Vietnam lebenden Schweizer waren im Handel, in der Technik oder der Landwirtschaft tätig. Nachdem Alexandre Yersin 1894 in Hongkong den Pestbazillus entdeckt hatte, erforschte er Vietnam. Er führte den Kautschukbaum und die Chininproduktion in das Land ein und verstärkte seine wissenschaftlichen und medizinischen Aktivitäten. 1925 hielten sich rund 70 Schweizer in Vietnam auf. Bis zum Ausbruch des Indochinakriegs stieg die Zahl auf mehr als 150 an. Etwa ein Dutzend waren Missionare, die meisten von ihnen Katholiken. Mit dem Indochinakrieg kamen vor allem in der Fremdenlegion angeworbene Schweizer nach Vietnam: 1952 waren es 600, 1953 1170 und 1954 1200. Die Genfer Konferenz von 1954, bei der die Eidgenossenschaft keine aktive politische Rolle spielte, anerkannte den Sieg der Kommunisten im Norden, was zur Abwanderung nahezu aller der rund dreissig in Vietnam ansässigen Schweizer führte. Sie liessen eine Gerberei und zwei Handelshäuser zurück, darunter jenes von Diethelm, der das Land ebenfalls verliess.

Die Umwandlung der Vertretung in Saigon in ein Generalkonsulat 1958 bedeutete, dass der Bundesrat Südvietnam implizit anerkannte. Rund 80 Schweizer, die im Handel und in der Finanzwirtschaft tätig waren, lebten zu diesem Zeitpunkt in Südvietnam. Ab 1966 wurde in der Schweiz viel zum Vietnamkrieg publiziert. Der Krieg führte auch zu Parlamentsdebatten und war manchmal Anlass für gewalttätige Demonstrationen. Hauptsächlich militärische Kreise sympathisierten mit den Antikommunisten. Die Anhänger Nordvietnams kamen dagegen häufig aus der jugendlichen Protestbewegung und waren von der Drittweltbewegung und dem Antiamerikanismus inspiriert. Die beiden Krieg führenden Parteien erhielten staatliche und private humanitäre Hilfe. Der Bundesrat hielt sich während des Kriegs vorsichtig zurück. Er musste sich mit dem Problem des Kriegsmaterialtransports sowie der heiklen Frage der Beziehung mit geteilten Staaten auseinandersetzen. Die Kontakte mit dem Norden waren nach ersten Treffen 1966 zunächst offiziös, später offiziell; die sozialistische Republik Vietnam wurde 1971 anerkannt und 1973 eine Botschaft in Hanoi eröffnet. Die Beziehungen mit dem Süden wurden beibehalten; 1971 wurde die Vertretung in Saigon in eine Botschaft umgewandelt und 1975, nach der Niederlage des Südens, wieder geschlossen. Am Ende des Kriegs lebten rund 1000 Vietnamesen in der Schweiz, über 750 erhielten politisches Asyl. Wegen der Teilnahme der Schweiz an internationalen Aktionen zugunsten der Flüchtlinge aus Indochina ab 1977 nahm die Zahl der Vietnamesen in der Schweiz von 1350 Ende 1978 auf 7186 (darunter 6612 Flüchtlinge) 1990 zu. Da ihr hartes Schicksal bekannt war, gelang ihnen die Integration mit Unterstützung des Schweizerischen Roten Kreuzes und der Hilfswerke ohne grössere Probleme. 2010 lebten 4199 Vietnamesen in der Schweiz.

Nach 1975 blieben einige Schweizer für diplomatische oder humanitäre Aktivitäten in Vietnam. Die wirtschaftlichen Kontakte wurden nicht vollständig unterbrochen: Nestlé, Ciba-Geigy, internationale Handelsgesellschaften, die Fédération horlogère und der Verein Schweizerischer Maschinen-Industrieller unterhielten Beziehungen, die sich ab 1990 markant verstärkten. Die internationale politische Situation und Budgetrestriktionen führten zur provisorischen Schliessung der Botschaft in Hanoi 1985-1990. Am Anfang des 21. Jahrhunderts führt die Schweiz zusätzlich ein Generalkonsulat in Ho-Chi-Minh-Stadt. Vietnam verfügt über eine Botschaft in Bern und ein Konsulat in Genf. 2010 lebten 511 Schweizer in Vietnam (darunter 182 Doppelbürger). Zwischenstaatliche Abkommen wurden 1979 über die Lufttransporte, 1992 die Förderung und den Schutz der Investitionen, 1993 die wirtschaftliche Zusammenarbeit, 1996 die Doppelbesteuerung und 2009 die Abschaffung der Visumspflicht abgeschlossen. Pascal Couchepin war 2008 der erste schweizerische Bundespräsident, der Vietnam in offizieller Mission besuchte. Trotz des Potenzials auf beiden Seiten blieb der bilaterale Handel relativ bescheiden. 2010 beliefen sich die schweizerischen Exporte auf 273,3 Mio. Franken (Maschinen, chemische und pharmazeutische Produkte), die Importe auf 2,886 Mrd. Franken (hauptsächlich Goldgegenstände zum Einschmelzen). Vietnam weist gegenüber der Schweiz eine stark aktive Handelsbilanz auf, da in den Statistiken der schweizerischen Zollverwaltung die Goldbarren, die in der Schweiz raffiniert und dann nach Vietnam reexportiert werden, nicht erfasst werden. Die direkten Investitionen der Schweiz beliefen sich 2010 auf rund 1,4 Mrd. Dollar. Seit Anfang der 1990er Jahre ist Vietnam ein Schwerpunktland der schweizerischen Entwicklungszusammenarbeit im Rahmen des Programms in der Region Mekong (Vietnam, Laos, Kambodscha, Myanmar).

Quellen und Literatur

  • EDA, Dok.
  • S. Sigerist, Schweizer in Asien, 2001, 293-302
  • Switzerland-Vietnam (1971-2006): 35 Years of Bilateral Relations, 2006
  • D. Gaffino, Autorités et entreprises suisses face à la guerre du Viêt Nam, 1960-1975, 2006

Zitiervorschlag

Marc Perrenoud: "Vietnam", in: Historisches Lexikon der Schweiz (HLS), Version vom 03.01.2015, übersetzt aus dem Französischen. Online: https://hls-dhs-dss.ch/de/articles/003430/2015-01-03/, konsultiert am 05.12.2022.