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Australien

Nach der "Entdeckung" und Erforschung des fünften Kontinents durch Europäer im 17. und 18. Jahrhundert begann Ende des 18. Jahrhunderts die Besiedlung Australiens inbesondere durch Briten, zuerst durch Strafgefangene, später durch Siedler. 1851 lösten Goldfunde eine grosse Einwanderungswelle aus. Der australische Bund (Commonwealth of Australia) entstand 1901 aus dem Zusammenschluss der britischen Kolonien New South Wales, Victoria, South Australia, Queensland, Western Australia und Tasmania. Seither bildet der australische Bundesstaat eine parlamentarische Monarchie mit der britischen Monarchin bzw. dem britischen Monarchen als Staatsoberhaupt, vertreten durch den von der Monarchie ernannten Generalgouverneur.

Politische und diplomatische Beziehungen

Die Schweiz ist in Australien seit 1855 (Sydney, heute Generalkonsulat) konsularisch vertreten. Weitere Konsulate existierten in Melbourne (seit 1856, heute Generalkonsulat), Adelaide (1879-1918) und Brisbane (1889-1933). Seit 1961 unterhält die Schweiz in Canberra eine Botschaft. Die australische Vertretung in Bern, zwischen 1970 und 1982 als Botschaft geführt, wurde 1993-1997 als Konsulat von den Immigrationsbehörden betreut (der zuständige Botschafter residiert in Berlin). Das Generalkonsulat in Genf wurde wie die ständige Mission an der UNO 1949 eröffnet und war anfänglich für ganz Westeuropa (einschliesslich Handelsfragen) zuständig. Sie nimmt heute nur noch konsularische Aufgaben wahr. 1952-1953 vertrat die Schweiz die australischen Interessen im Iran, 1956-1959 in Syrien. 1980 schlossen die beiden Staaten ein Doppelbesteuerungsabkommen (seit 1981 in Kraft).

Wanderungsbewegungen

Nur wenige Jahre nach der Gründung der ersten Siedlung 1788 trafen die ersten Schweizer Siedler in der Region von Sydney ein. Gesichert ist, dass ab den 1830er Jahren eine unbekannte Zahl von Melkerinnen und Käsern, vermutlich aus dem Kanton Bern, sowie Kaufleute und Erzieher vorwiegend aus der Westschweiz in Sydney und Umgebung lebten. Die früheste bedeutende Auswanderung von Schweizern begann 1839 mit der Ernennung von Charles Joseph La Trobe zum Superintendanten und später zum Gouverneur von Victoria. La Trobe war Privatlehrer bei der Neuenburger Familie de Pourtalès. Deren auf persönlichen Kontakten gründende Informationen dürften den Auswanderungsentscheid zuerst der Familie La Trobe und in der Folge zahlreicher Weinbauern aus der Region Neuenburg und dem Berner Seeland wesentlich beeinflusst haben. Westschweizer gründeten in Victoria (Geelong, Yarra-Valley, Rutherglen) bedeutende Weinbaugebiete. Sie haben die Weinindustrie des 19. Jahrhunderts in Australien wesentlich mitgeprägt. Zu den grössten Förderern der Auswanderung zählten in der Anfangszeit David Louis Pettavel und James Dardel, die zur Rekrutierung junger Weinbauern für ihre in der Region von Geelong (südwestlich von Melbourne) gelegenen Rebberge mehrmals in die Schweiz zurückkehrten. Wirtschaftliche Schwierigkeiten und fehlender Nachwuchs, verbunden mit dem Auftreten der 1877 aus Europa (vermutlich durch einen Schweizer) eingeschleppten Reblaus, führten aber zum Untergang der Weinindustrie, die sich erst nach dem Zweiten Weltkrieg zu erholen vermochte. Im Yarra-Valley östlich von Melbourne gehörten Hubert de Castella und Guillaume de Pury zu den aktivsten Promotoren der Westschweizer Emigration. De Castellas Projekt, Greyerzer Käse im Yarra Valley herzustellen, scheiterte trotz der Beauftragung eines Käsers aus dem Kanton Freiburg. Gruyere ist jedoch als einziger von Schweizern eingeführter Schweizer Ortsname geblieben.

Der gut 2000 Personen umfassende Exodus der Tessiner Goldgräber (v.a. aus dem Maggia- und dem Verzascatal) zwischen 1854 und 1856 bildete die zahlenmässig bedeutendste Schweizer Emigration nach Australien. In den Goldfeldern in Daylsford und Ballarat (beide in Victoria) hatten die meist ungeschulten Immigranten nur einen sehr lokalen Einfluss. Im Gegensatz zu den Tessinern wanderten die schätzungsweise 200 bis 300 Puschlaver in einer von den 1850er Jahren bis zum Ersten Weltkrieg anhaltenden Kettenmigration und vorzugsweise in die Goldfelder der Region von Bendigo aus.

Tessiner Auswanderer flehen auf der Fahrt nach Australien 1856 Maria um Schutz an. Ausschnitt aus einem Votivbild in der Kirche Madonna del Sasso in Orselina (Bibliothèque de Genève, Archives Nicolas Bouvier).
Tessiner Auswanderer flehen auf der Fahrt nach Australien 1856 Maria um Schutz an. Ausschnitt aus einem Votivbild in der Kirche Madonna del Sasso in Orselina (Bibliothèque de Genève, Archives Nicolas Bouvier).

Im ausgehenden 19. Jahrhundert gewann Australien für Handelsleute und Handwerker aus der Deutschschweiz an Attraktivität. Gleichzeitig begannen New South Wales (mit Sydney) und kurzfristig in den 1880er Jahren auch Queensland, Victoria und Melbourne als wichtigstes Zielgebiet zu verdrängen. Trotz teilweise aktiver Werbung auch in der Schweiz haben sich in den anderen Kolonien Australiens keine grösseren Gruppen von Schweizer Immigranten niedergelassen. Nach dem Zweiten Weltkrieg haben Queensland und Western Australia an Bedeutung gewonnen. Um 1950 traf eine grössere Gruppe von Deutschschweizerinnen in Victoria ein, die durch die Heirat mit Internierten aus Polen und aus anderen osteuropäischen Staaten ihr Schweizer Bürgerrecht verloren hatten. Wie ihre Männer wurden sie von den Schweizer Behörden zur Emigration gedrängt. In der Zweiten Hälfte des 20. Jahrhunderts nahm die Schweizer Auswanderung einen stark individuell geprägten Charakter an, mit vielfach als temporär geplantem Aufenthalt und entsprechend hoher Rückwanderungsrate. Die Mehrheit liess sich in den Hauptstädten der Gliedstaaten und insbesondere in Sydney und Melbourne nieder. Handwerkliche und kaufmännische Berufe waren in der Mehrheit. Mitte 2001 waren bei den Generalkonsulaten insgesamt 19'536 Schweizer Staatsangehörige (inklusive Doppelbürger) registriert. Australien hat nach den USA und Kanada die drittgrösste Schweizerkolonie in Übersee und weltweit die siebtgrösste. Im Gegensatz dazu ist die Einwanderung von Australiern in die Schweiz weder für die Schweiz noch für Australien je von besonderer Bedeutung gewesen.

Wirtschaftliche Beziehungen

Die ersten Handelsbeziehungen zwischen der Schweiz und Australien gehen auf die Weinbauern in Victoria zurück, die Rebstöcke, Werkzeug und Fässer importierten. Der Versuch, den in Australien erzeugten Wein nach Europa zu exportieren, blieb trotz Auszeichnungen an europäischen Weinausstellungen erfolglos. In der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts etablierten sich in Australien die Importe von Lebensmitteln wie Kondensmilch und Schokolade (v.a. durch die Nestlé S.A. ab den 1870er Jahren), von Uhren, Stickereien, Strohwaren und Maschinen für die Textilindustrie. 1888 teilte die Schweiz mit Österreich einen Stand an der Landesausstellung in Melbourne, nachdem sich die Schweizer Behörden erst auf Drängen des damaligen Konsuls Guillaume de Pury zur Teilnahme hatten entschliessen können. Bis zum Zweiten Weltkrieg wickelte sich der Export australischer Güter grösstenteils indirekt über die jeweiligen Firmenvertretungen in Grossbritannien ab. Importbeschränkungen nach Australien bzw. in den Zwischenkriegsjahren in den britischen Commonwealth führten dazu, dass Nestlé 1906 und Hanro 1926 in Australien zu produzieren begannen. 1908 wurde der Hauptsitz von Nestlé Australia Ltd. in Sydney eröffnet.

Im ausgehenden 20. Jahrhundert waren alle grösseren multinationalen Firmen der Schweiz in Australien vertreten. Die Schweiz zählte in den 1990er Jahren zu den bedeutendsten Investoren mit Aktivitäten vor allem im Dienstleistungssektor, im Bergbau und in verschiedenen Bereichen der verarbeitenden Industrie. In den 1980er und 1990er Jahren entwickelte sich der Fremdenverkehr in Australien zu einem der wichtigsten Wirtschaftszweige (jährlich über 30'000 Touristen aus der Schweiz). Als Exportland ist die Schweiz für Australien jedoch von untergeordneter Bedeutung. Wichtigste Importprodukte aus Australien waren in den Nachkriegsjahren landwirtschaftliche Produkte und Gold. 1995 importierte die Schweiz Güter im Wert von 88,2 Mio. Franken aus Australien (ca. 0,1% der gesamten Schweizer Importe). Dem standen im gleichen Jahr Schweizer Exporte (v.a. Pharmaprodukte, Uhren, Metalle und Erzeugnisse der Maschinenindustrie) von 886,3 Mio. Franken gegenüber, was knapp 1% aller Schweizer Exporte entsprach. Die Handels- und Industriekammern, die Swiss-Australian Chamber of Commerce and Industry (SACCI) (1985 gegründet, 1996 245 Mitglieder) und die Australian-Swiss Chamber of Commerce and Industry (ASCCI) (1990 gegründet, 1996 150 Mitglieder), fördern neben den Handelsbeziehungen auch die sozialen und kulturellen Kontakte.

Kulturelle Beziehungen

Der Maler John Webber (eigentlich Johann Wäber, 1751-1793), der James Cook als Illustrator auf dessen dritter Weltumsegelung begleitete, prägte das frühe Bild des Südpazifiks in Europa, allerdings ohne besondere Wirkung in der Schweiz. Wichtiger waren die mündlichen und schriftlichen Berichte früher Auswanderer, die regional unterschiedliche Bilder zeichneten. Wie es etwa in den Büchern von Hubert de Castella (1825-1907) zum Ausdruck kommt, stellten die Neuenburger Weinbauern Victoria als junges, prosperierendes und kultiviertes Land dar. Im Tessin hatten zwar erste euphorische Berichte den Exodus in die Goldfelder von Victoria ausgelöst, doch liessen die späteren spärlichen Nachrichten den Eindruck eines lebensfeindlichen Landes entstehen, der bis ins 20. Jahrhundert bestimmend blieb. Bis in die heutigen Tage wirkt auch das Bild der primitiven, kannibalistischen wilden Aborigines nach, das Henri Louis Grin (1847-1921) mit seinen erfundenen, um die Jahrhundertwende im englischen "World Wide Magazine" veröffentlichten Abenteuergeschichten in ganz Europa festigte. Zu ändern begann sich dieses Bild in den 1960er Jahren, als der Bauxitabbau in Gove (Northern Territory) durch eine Tochterfirma der Alusuisse und ihre australischen Partner erste Diskussionen um die Landrechtsfrage der Aborigines auslöste und zu einem richtungsweisenden Zusammenarbeitsmodell führte. In jüngster Zeit ist in der Schweiz das Interesse an traditioneller Malerei und Musik der Aborigines (insbesondere am Holzblasinstrument Didgeridoo) stark gewachsen (Gründung des Outback-Didgeridoo-Club, 1996 erstes internationales Didgeridoo-Treffen im Berner Oberland).

In Australien blieb der kulturelle Einfluss der Schweiz weitgehend auf individuelle Leistungen beschränkt. Der Maler und Karikaturist Nicholas Chevalier (1828-1902) führte in Australien die Chromolithografie ein. Louis Abraham Buvelot (1814-1888) gilt in Australien als Vater der Pleinairmalerei. Wesentliche Impulse zur Entwicklung der Kunst des 20. Jahrhunderts gaben der Maler Saly Hermann (1898-1993) und der Kunstkritiker Paul Haefliger (1914-1982). Auf politischer Ebene vermochte lediglich Henri Alexis Tardent (1853-1929) bedeutenden Einfluss zu nehmen. Seit den 1870er Jahren bemühen sich Schweizer Gesellschaften und Vereine in Sydney, Melbourne und Adelaide um den kulturellen Austausch. In den Nachkriegsjahren sind in allen grösseren Städten weitere Vereine gegründet worden. Einen Beitrag zum kulturellen Austausch leisten ferner staatliche Radio- und Fernsehsender, Erstere in den Grossstädten mit Sendungen für die Schweizer, Letztere mit gelegentlichen Schweizer Filmbeiträgen. Den Austausch im wissenschaftlich-technischen Bereich fördern die australischen Sektionen der Gesellschaft ehemaliger Studierender der ETH Zürich (GEP) und der Schweizer Universitäts-Absolventen (Swiss University Graduates, SUG).

Quellen und Literatur

  • G. Cheda, L'emigrazione ticinese in Australia, 21979
  • S. Wegmann, Die Fünfte Schweiz auf dem Fünften Kontinent, 1989
  • S. Wegmann, The Swiss in Australia, 1989
  • Swiss Artists in Australia 1777-1991, hg. von B. Pearce, 1991
  • J. Tétaz, From Boudry to the Barrabol Hills, 1995
Weblinks
Normdateien
GND

Zitiervorschlag

Wegmann, Susanne: "Australien", in: Historisches Lexikon der Schweiz (HLS), Version vom 21.09.2006. Online: https://hls-dhs-dss.ch/de/articles/003477/2006-09-21/, konsultiert am 21.06.2021.