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AlfredEscher

Standbild, errichtet 1889 vor dem Haupteingang des Zürcher Bahnhofs. Holzschnitt von Hermann Fischer nach einer Zeichnung von Hans Bachmann (Schweizerische Nationalbibliothek, Bern).
Standbild, errichtet 1889 vor dem Haupteingang des Zürcher Bahnhofs. Holzschnitt von Hermann Fischer nach einer Zeichnung von Hans Bachmann (Schweizerische Nationalbibliothek, Bern). […]

20.2.1819 Zürich, 6.12.1882 Enge, reformiert, von Zürich, 1871 Ehrenbürger von Lugano. Sohn des Heinrich Escher und der Lydia geborene Zollikofer von Altenklingen, aus altem sankt-gallischem Kaufmannsgeschlecht. 1857 Auguste Uebel, Tochter des Bruno Uebel. Alfred Escher wuchs ab 1831 im «Belvoir» in der Enge auf, das immer sein Wohnsitz blieb. Er erhielt bis 1834 Privatunterricht, unter anderem durch Oswald Heer, und besuchte 1834-1837 das Obergymnasium. Ab 1837 absolvierte er ein Rechtsstudium in Zürich (1838-1839 Besuch der Universitäten Bonn und Berlin), das er 1842 mit der Promotion bei Friedrich Ludwig Keller abschloss. 1840-1841 war er Zentralpräsident der Zofingia. Nach einem Aufenthalt in Paris 1842-1843 habilitierte er sich 1844 an der Universität Zürich und lehrte bis 1847 als Privatdozent Zivilprozess- und Schweizerisches Bundesstaatsrecht.

Als radikaler und später liberaler Politiker erlangte Escher im Kanton Zürich früh eine einflussreiche Stellung. 1844 wurde er in den Grossen Rat (ab 1869 Kantonsrat) gewählt, dem er bis 1882 angehörte und den er zwischen 1848 und 1868 mehrmals präsidierte. 1847-1848 war er erster Staatsschreiber und 1848-1855 Regierungsrat (1849 Bürgermeister, 1850, 1851, 1854 Präsident). Er reorganisierte den Regierungsrat (Reduktion auf neun Mitglieder, Direktionssystem); als Erziehungsdirektor (ab 1850) und Erziehungsrat (1845-1855, ab 1849 Präsident) führte er in den Mittelschulen moderne Sprachen und naturwissenschaftliche Fächer ein. Eschers Aufstieg in der Bundespolitik verlief ebenso schnell: 1845, 1846 und 1848 war er Tagsatzungsgesandter. Er befürwortete den Bundesstaat, lehnte aber Freischaren und Sonderbund ab. Von 1848 bis zu seinem Tod war er Mitglied des Nationalrats (Präsident 1849-1850, 1856-1857 und 1862-1863). Escher hatte massgeblichen Anteil an der Gründung des 1855 eröffneten Eidgenössischen Polytechnikums in Zürich (heute Eidgenössische Technische Hochschule); 1854-1882 war er Vizepräsident des Schulrats. Im Neuenburgerhandel 1856-1857 und im Savoyerhandel 1860 vertrat Escher mässigende Positionen und suchte mit den anderen Industriellen, eine militärische Konfrontation zu verhindern.

Eschers wichtigstes Tätigkeitsfeld wurde der Eisenbahnbau. Ab 1852 lobbyierte er im Nationalrat für den Privatbau. 1853 gehörte er zu den Gründern der Schweizerischen Nordostbahn (NOB), der er 1853-1872 als Direktions- und 1872-1882 als Verwaltungsratspräsident vorstand. Die NOB wurde bis 1858 zur grössten Bahngesellschaft in der Ostschweiz. Um die für den Eisenbahnbau benötigten grossen Finanzmittel unabhängig von ausländischem Einfluss zu organisieren, gründete Escher mit Gleichgesinnten 1856 die Schweizerische Kreditanstalt (SKA, heute Credit Suisse). Diese erste grosse Aktienbank für Industrie und Handel, deren Verwaltungsratspräsident Escher 1856-1877 und 1880-1882 war, trug wesentlich dazu bei, dass Zürich zum wichtigsten Industriezentrum und Finanzplatz der Schweiz wurde. 1857-1874 gehörte Escher auch dem Aufsichtsrat der Schweizerischen Lebensversicherungs- und Rentenanstalt an. Ab den 1860er Jahren engagierte er sich – ab 1863 als Präsident der neu gegründeten Gotthardvereinigung – für den Bau der Gotthardbahn, in dem er eine Aufgabe von nationaler Bedeutung sah. Nachdem Italien 1869 und das Deutsche Reich 1871 ihre finanzielle Beteiligung zugesagt hatten, entstand 1871 die Gotthardbahn-Gesellschaft mit Escher als Direktionspräsidenten und Leiter des Baudepartements.

Wegen der Häufung politischer Ämter, der Verknüpfung von politischen und wirtschaftlichen Funktionen und dem konsequenten Einsatz der Macht zur Wahrung der Interessen von Besitz und Bildung stand Escher schon früh im Kreuzfeuer der Kritik. Diese ebbte nach dem Ende der «Ära Escher» 1855 nicht ab, da Escher auch nach seinem Ausscheiden aus dem Regierungsrat das politische Geschehen im Kanton mittels seiner Parteigänger lenkte. Während die sozialistischen Kräfte um Johann Jakob Treichler und Karl Bürkli zu Beginn der 1850er Jahre noch schwach waren und 1856 mit der Wahl Treichlers in den Regierungsrat einen ihrer führenden Köpfe verloren, erwuchs dem «System Escher» ab 1860 aus den benachteiligten Schichten eine starke Opposition, die als Demokratische Bewegung 1868 die Vorherrschaft des Escherschen Wirtschaftsliberalismus im Kanton stürzte. Auf Bundesebene mündete diese Opposition in die Totalrevision der Bundesverfassung.

Eschers letzte Lebensjahre waren von Rückschlägen geprägt. 1876 geriet die NOB infolge verschärften Wettbewerbs mit der Nationalbahn und der Grossen Depression in eine schwere Krise. Beim Bau der Gotthardbahn zeichneten sich ab 1875 Verzögerungen ab, die umfangreiche Nachtragskredite, unter anderem nun in Form von Bundessubventionen, nötig machten und Escher 1877 zum Rücktritt als Verwaltungsratspräsident der SKA und 1878 als Direktionspräsident der Gotthardbahn-Gesellschaft zwangen. Zum Durchstich des Tunnels 1880 wurde er nicht eingeladen; auf die Teilnahme an der Eröffnungsfeier 1882 verzichtete er aus gesundheitlichen Gründen.

Der intelligente und mit einer unermüdlichen Arbeitskraft ausgestattete Escher verkörperte einen neuen Typus des politischen und wirtschaftlichen Leaders, der Projekte von grosser Tragweite realisierte. Der Ausdruck «Bundesbaron», mit dem Escher und andere führende Wirtschaftsliberale bezeichnet wurden, spielte auf ein bis zur Arroganz reichendes Machtbewusstsein an, das Escher nicht fremd war. Als Exponent des Grossbürgertums setzte er Fortschritt im Interesse der Wirtschaft einseitig mit Fortschritt im Dienste der Allgemeinheit gleich und vernachlässigte die sozialen Folgen der von ihm geprägten Entwicklung. 1889 wurde ein mit Privatspenden von Richard Kissling geschaffenes Denkmal für Escher auf dem Bahnhofplatz von Zürich eingeweiht, dessen Unterhalt danach von der Stadt übernommen wurde. Eschers Tochter Lydia Welti gründete mit dem ererbten Vermögen die Gottfried-Keller-Stiftung.

Quellen und Literatur

  • Teilnachlässe in: Bundesarchiv, Bern; Staatsarchiv Zürich, Zürich; Landesbibliothek des Kantons Glarus, Glarus
  • E. Gagliardi, Alfred Escher, 1919-1920
  • Neue Deutsche Biographie 4, 1959, 645
  • Die  schweizerische Bundesversammlung 1848-1920, bearb. von E. Gruner, 1, 1966, 63-65
  • W.P. Schmid, Der junge Alfred Escher, 1988
  • W. Rüegg, Das «System Escher», Lizentiatsarbeit Zürich, 1992
  • Alfred Escher, Ausstellungskatalog Zürich, 1994
  • K. Kuoni, «Alfred Escher und die Gotthardbahn», in Zürcher Taschenbuch 1998, 1997, 299-337
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