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Josef MartinKnüsel

16.11.1813 Luzern, 14.1.1889 Luzern, katholisch, von Luzern. Jurist, liberaler Regierungsrat, Nationalrat des Kantons Luzern und erster Zentralschweizer Bundesrat.

Porträtfotografie von Josef Martin Knüsel. Carte de visite aus dem Atelier von Jules Bonnet, Luzern, um 1872, 6,4 x 10,4 cm (Zentral- und Hochschulbibliothek Luzern, Sondersammlung) und die darauf basierende Federlithografie aus der Schweizerischen Portrait-Gallerie, die 1888-1907 bei Orell Füssli in Zürich erschien (Schweizerische Nationalbibliothek, Bern).
Porträtfotografie von Josef Martin Knüsel. Carte de visite aus dem Atelier von Jules Bonnet, Luzern, um 1872, 6,4 x 10,4 cm (Zentral- und Hochschulbibliothek Luzern, Sondersammlung) und die darauf basierende Federlithografie aus der Schweizerischen Portrait-Gallerie, die 1888-1907 bei Orell Füssli in Zürich erschien (Schweizerische Nationalbibliothek, Bern). […]

Josef Martin Knüsel war eines von acht Kindern des wohlhabenden Lebensmittelhändlers Melchior Josef Knüsel und der Josefa geborene Küttel. Sein Vater stammte aus Weggis, kaufte 1801 ein Haus am Kornmarkt in Luzern und wurde 1813 Stadtbürger. Philipp Anton von Segesser schilderte den Vater als «Mann von altem Schrot und Korn, ehrlich und grob, sparsam und fromm»; bei seinem Tod 1851 hinterliess er ein beträchtliches Vermögen. Knüsel besuchte die Stadtschule und das Gymnasium in Luzern und entschied sich anschliessend für ein Studium der Rechtswissenschaften an den Universitäten in Heidelberg (1834-1836) und Göttingen (1836-1837). Der dortige Zeitgeist stand in starkem Gegensatz zum Weltbild seines Elternhauses, dem das liberale Gedankengut des Vormärz fremd war. Knüsel bestand 1838 das Luzerner Staatsexamen und erhielt das Fürsprecherpatent. Um seine Sprachkenntnisse zu vertiefen, verbrachte er danach einige Monate in Lausanne und Romont (FR). Zurück in Luzern, schloss er sich den gemässigten Liberalen um den Schultheissen Joseph Karl Amrhyn an, der ihn der liberalen Regierung 1839 als Stellvertreter des Kriminalgerichtsschreibers empfahl. 1840 gelang es ihm, sich mittels eines Stellungsvertrags vom Militärdienst freizukaufen. 1841 wurde Knüsel zum Kriminalrichter ernannt, und nach dem konservativen Umschwung im selben Jahr wählte ihn der Grosse Rat zum Staatsanwalt. In dieser Funktion, die er bis 1852 ausübte, führte er die ersten Ermittlungen gegen die Freischärler durch und leitete 1848 die Gerichtsverfahren gegen die Repräsentanten des gestürzten Regimes; gegenüber den Besiegten war er um Versöhnung bemüht. Knüsel heiratete 1847 Bernardine Brunner, die Tochter des altliberalen Amtsstatthalters Jakob Brunner und der Anna Maria geborene Haas. In einer Ausgabe des Eidgenossen wird von einer glücklichen Ehe berichtet, auch wenn Bernardine Knüsels Ultramontanismus im Kontrast zu seinem Freisinn gestanden habe. In einem Nachruf wird sie als wohltätige, hochgeachtete und geistreiche Dame bezeichnet. Das Paar hatte keine Kinder.

Josef Martin Knüsels «Reisepass für das Ausland» des Königreichs Hannover, ausgestellt am 19. September 1837, 24,5 x 39 cm (Zentral- und Hochschulbibliothek Luzern, Sondersammlung).
Josef Martin Knüsels «Reisepass für das Ausland» des Königreichs Hannover, ausgestellt am 19. September 1837, 24,5 x 39 cm (Zentral- und Hochschulbibliothek Luzern, Sondersammlung). […]

Knüsels politische Karriere begann mit der Wahl in den Grossen Stadtrat von Luzern, dem er 1845-1847 angehörte. 1848-1855 sass er im Grossen Rat des Kantons Luzern. In der politisch angespannten Lage nach den Freischarenzügen, dem Sonderbundskrieg und dem darauffolgenden Sturz der konservativen Regierung reagierten die liberalen Machthaber mit Repressionen auf bestehende konservative Widerstände; mit einem sogenannten Amnestiedekret sollte die konservative Opposition schliesslich beruhigt werden. Dagegen verwahrten sich neun Grossräte aus juristischen und politischen Bedenken, darunter Knüsel. Auch bei der Abstimmung vom 13. April 1848 über die Aufhebung des Klosters St. Urban stellte er sich gegen die Parteilinie. Nach dem Rücktritt von Regierungsrat Jakob Robert Steiger wurde Knüsel 1852 von den Ratsmitgliedern in die Kantonsregierung gewählt. Nachdem es in der Stadt wegen steigender Brotpreise zu Unruhen gekommen war, gelang es ihm 1854 als Verantwortlichem für die Polizei durch ein grosses Aufgebot und persönliche Intervention, ernsthafte Auseinandersetzungen zu verhindern. Im selben Jahr wählten ihn die Stimmberechtigten in den Nationalrat (Bundesversammlung).

Eilmeldung («Nachläufer») des Luzerner Tagblatts zur Wahl von Josef Martin Knüsel in den Bundesrat. Abdruck einer telegrafischen Depesche, 14. Juli 1855, 16 x 10,5 cm (Stadtarchiv Luzern, D 19/444:2).
Eilmeldung («Nachläufer») des Luzerner Tagblatts zur Wahl von Josef Martin Knüsel in den Bundesrat. Abdruck einer telegrafischen Depesche, 14. Juli 1855, 16 x 10,5 cm (Stadtarchiv Luzern, D 19/444:2). […]

Bei den Ersatzwahlen nach dem Tod der beiden Bundesräte Josef Munzinger und Henri Druey 1855 standen die Fragen im Raum, ob Munzingers Nachfolger ebenfalls Katholik sein müsse und ob die bislang vernachlässigte Zentralschweiz einen Vertreter stellen dürfe. Bei der zweiten Ersatzwahl erreichte Kasimir Pfyffer von Altishofen mit 66 Stimmen im ersten Wahlgang – mit deutlichem Abstand zu den weiteren Luzernern Knüsel und Jost Josef Nager mit 23 bzw. 21 Stimmen – das absolute Mehr nicht und erklärte sodann, eine Wahl nicht anzunehmen. Darauf stimmten viele Parlamentarier für den reformierten Basler Nationalrat Johann Jakob Stehlin; dieser obsiegte im vierten Wahlgang, lehnte jedoch ab. So kam es am 14. Juli 1855 zu einer erneuten Wahl, bei der Knüsel ohne ernsthafte Konkurrenz mit 94 Stimmen (absolutes Mehr von 72) reüssierte. Nach einer Bedenkzeit nahm er die Wahl am 21. Juli an. Der krankheitsbedingt abwesende Nationalrat Alfred Escher stand Knüsel skeptisch gegenüber, weil der Luzerner sich in seiner kurzen Zeit als Nationalrat nur selten zu Wort gemeldet hatte und für ihn in wichtigen Fragen nicht einzuordnen war. Escher äusserte gegenüber Ständerat Jakob Dubs, dem neu gewählten Bundesrat sei klarzumachen, dass von ihm eine unparteiische Haltung im Gremium erwartet werde, weil er seinen Sitz auch den Zürchern zu verdanken habe.

Gruppenbild «Schweizerischer Bundesrath und General Herzog», um 1872. Reprofotografie eines grösseren Originals, 10,7 x 16,6 cm (Stadtarchiv Luzern, Familienarchiv Knüsel, FA Knüsel, V1000).
Gruppenbild «Schweizerischer Bundesrath und General Herzog», um 1872. Reprofotografie eines grösseren Originals, 10,7 x 16,6 cm (Stadtarchiv Luzern, Familienarchiv Knüsel, FA Knüsel, V1000). […]

In seiner 20-jährigen Amtszeit stand Knüsel fünf verschiedenen Departementen vor, so dem Finanzdepartement (1855-1856, 1862-1863), dem Handels- und Zolldepartement (1857, 1859-1860), dem Justiz- und Polizeidepartement (1858, 1864-1865, 1867-1873), dem Departement des Innern (1874-1875) und verbunden mit dem Bundespräsidium dem Politischen Departement (1861, 1866). Der Savoyerhandel – Knüsel hatte die Angliederung an die Schweiz vertreten – endete vor seinem ersten Ratspräsidium für die Schweiz ungünstig. Das erste Amtsjahr im Politischen Departement fiel ruhig aus, die zweite Präsidentschaft dagegen verlief wegen des Preussisch-Österreichischen Kriegs turbulenter. Hinzu kamen Kriegsunruhen in Südamerika, die mit der Beschiessung Valparaísos und Paysandús auch die dortigen Schweizer Kolonien in Mitleidenschaft zogen. In der Innenpolitik setzte sich Knüsel für den Bau der Alpentransversale am Gotthard ein (Gotthardbahn) und verhinderte durch die Umstimmung Eschers die Lukmanier-Variante. Wegen seiner gemässigten Positionen geriet er 1866 in die Kritik der Radikalen. Im Kulturkampf hatte er als treuer Anhänger der katholischen Kirche erneut einen schweren Stand. Weil er der Rechtsvereinheitlichung und der Niederlassungsfreiheit kritisch gegenüberstand, lehnte er 1874 die Totalrevision der Bundesverfassung ab. Knüsel musste sich 1866, 1869, 1870 und 1872 jeweils um ein Mandat im Nationalrat bewerben; diese damals üblichen Komplimentswahlen sollten bestätigen, dass die Bundesräte das Vertrauen des Volkes genossen. Als die Liberalen den bei ihnen in Ungnade gefallenen Knüsel jedoch auf die Liste eines konservativ dominierten Wahlkreises abschoben, blieb er bei den Nationalratswahlen 1875 chancenlos. Nach dieser gescheiterten Komplimentswahl trat er am 10. Dezember 1875 aus der Landesregierung zurück.

Um eine Portierung durch die Konservativen zu verhindern, stellten ihn die Liberalen – wenn auch widerwillig – 1878 erneut zur Wahl in den Nationalrat auf, die ihm mit einem sehr guten Resultat gelang. Nachdem er im Parlament in der Lehrschwesternfrage als liberaler, aber katholischer Politiker mit den Konservativen gestimmt hatte, liessen ihn die Freisinnigen 1881 jedoch endgültig fallen. 1879-1889 amtierte Knüsel als Verwaltungsrat der Schweizerischen Mobiliarversicherung. Nach seinem Rückzug aus der Politik präsidierte er die kriselnde Sektion Stadt Luzern der Schweizerischen Gemeinnützigen Gesellschaft und die Allgemeine Lesegesellschaft. Zudem engagierte er sich für die Rettungsanstalt Sonnenberg und die industrielle Anstalt für katholische Mädchen in Richterswil (Katholisches Mädchenheim Richterswil). Gesundheitliche Probleme schränkten ihn zunehmend ein. Nach seinem Tod am 14. Januar 1889 wurde er als politischer Charakter gelobt, der im öffentlichen Leben zwar Gegner, aber keine Feinde gehabt habe.

Quellen und Literatur

  • Schweizerisches Bundesarchiv, Bern, Melchior Josef Martin Knüsel.
  • Zentral- und Hochschulbibliothek Luzern, Luzern, Sondersammlung, Nachlass Josef Martin Knüsel, Ms.521.4.
  • Luzerner Tagblatt, 16.1.1889 (Nachruf).
  • Der Eidgenosse, 19.1.1889 (Nachruf).
  • Luzerner Neueste Nachrichten, 17.1.1961.
  • Gruner, Erich (Hg.): Die Schweizerische Bundesversammlung 1848-1920, 1966, Bd. 2, S. 264.
  • Iten, Albert; Knüsel, Otto: Knüsel. Geschichte ihrer Familien und Höfe, 1973.
  • Bussmann, Roman: Luzerner Grossratsbiographien 1831-1987, 8 Bde., 1987- (mit Ergänzungen und Fortsetzung; Typoskript, Staatsarchiv Luzern, Luzern, E.z 111).
  • Fink, Paul: «Die "Komplimentswahl" von amtierenden Bundesräten in den Nationalrat 1851-1896», in: Schweizerische Zeitschrift für Geschichte, 45/2, 1995, S. 219.
  • Bossard-Borner, Heidi: Im Spannungsfeld von Politik und Religion. Der Kanton Luzern 1831 bis 1875, 2008.
  • Steiner, Alois: Josef Martin Knüsel. Der vergessene Luzerner Bundesrat, 2015.
  • Steiner, Alois: «Josef Martin Knüsel», in: Altermatt, Urs (Hg.): Das Bundesratslexikon, 2019, S. 88-92.
Weblinks
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VIAF

Zitiervorschlag

Markus Trüeb: "Knüsel, Josef Martin", in: Historisches Lexikon der Schweiz (HLS), Version vom 05.05.2022. Online: https://hls-dhs-dss.ch/de/articles/004184/2022-05-05/, konsultiert am 29.06.2022.