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RudolfMinger

13.11.1881 Mülchi, 23.8.1955 Schüpfen, reformiert, von Mülchi und Schüpfen. Sohn des Rudolf, Landwirts und Gemeindepräsidenten von Mülchi, und der Anna Marie geborene Moser. 1906 Sophie geborene Minger, eine entfernte Cousine, von Schüpfen. Nach dem Besuch der Sekundarschule in Fraubrunnen 1894-1897 absolvierte Minger 1897-1898 auf der Amtsschreiberei in La Neuveville ein Volontariat. Bis 1907 arbeitete er auf dem elterlichen Hof, wo er sich während einer längeren Krankheit autodidaktisch weiterbildete. Dann übernahm er das stattliche Gut in Schüpfen, das seine Frau geerbt hatte.

Kurz nach seiner Wahl in den Bundesrat hielt Rudolf Minger im Dezember 1929 seine erste öffentliche Rede im Zürcher Arbeiterquartier Aussersihl © KEYSTONE.
Kurz nach seiner Wahl in den Bundesrat hielt Rudolf Minger im Dezember 1929 seine erste öffentliche Rede im Zürcher Arbeiterquartier Aussersihl © KEYSTONE.

Politisch profilierte sich Minger vorerst innerhalb des landwirtschaftlichen Genossenschaftswesens, dessen Ideale ihn prägten. 1918 gründete er die kantonalbernische Bauern- und Bürgerpartei mit, die er 1919-1929 als deren erster Parteipräsident führte und die 1921 auf sein Drängen in Bauern-, Gewerbe- und Bürgerpartei umbenannt wurde. Die Namensänderung entsprach seiner Auffassung von einer mittelständisch orientierten Wirtschaftspartei konservativer Grundhaltung. Mit grossem Erfolg organisierte er 1919 den Wahlkampf für die ersten Nationalratswahlen nach dem Proporzsystem: Auch Minger wurde in den Nationalrat gewählt, in dem er bis 1929 verblieb (1927-1928 Präsident) und die von ihm geschaffene bäuerliche Fraktion präsidierte. Er wirkte in zahlreichen Kommissionen in den Bereichen Landwirtschaft und Armee mit. 1922-1929 sass er zudem im bernischen Grossen Rat.

Mit seiner Wahl in den Bundesrat 1929 hielt erstmals ein Vertreter des Bauernstands Einzug in die Landesregierung, wodurch sich das politische Spektrum der Konkordanz erweiterte. Minger musste das Militärdepartement übernehmen. 1935-1936 war er Bundespräsident. Ihm kam das Verdienst zu, in einer Zeit der Anfechtung von links und rechts die Armee zu einem kriegstüchtigen Instrument ausgebaut und den Wehrwillen im Volk gestärkt zu haben. Die Erhöhung der Militärkredite, die Wehrvorlage von 1935 mit der Neuordnung der militärischen Ausbildung, die neue Truppenordnung von 1936 und die Wehranleihe aus demselben Jahr gründeten weitgehend auf seinem unermüdlichen Einsatz für die Landesverteidigung am Vorabend des Zweiten Weltkriegs. Mit General Henri Guisan verband ihn – auch nach seinem freiwiligen Rücktritt als Bundesrat auf Ende 1940 – eine tiefe Freundschaft. Im Ruhestand engagierte sich Minger, der sich wieder seinem Hof widmete, weiter für zentrale Fragen in der eidgenössischen Politik der Nachkriegszeit, vor allem im Bereich der Wirtschafts- und Sozialpolitik, namentlich für die Wirtschaftsartikel und das AHV-Gesetz von 1947 sowie für das Landwirtschaftsgesetz von 1951.

Dank seiner politischen Begabung, seinem Organisations- und Rednertalent, aber auch dank seinem Humor – das beweisen die zahlreichen Minger-Witze, die im Volksmund kursierten – wurde Minger zu einem der populärsten Politiker. Anfänglich stand er unter dem Einfluss Ernst Laurs, entwickelte dann aber sein eigenes, gegen den Grosskapitalismus und Sozialismus gerichtetes, patriotisch und sozial verankertes Wertesystem. Er schuf sich einen Namen als Schöpfer einer vom Freisinn unabhängigen bürgerlichen Parteiorganisation, die neben den Bauern weitere mittelständische Schichten umfassen sollte.

Ab 1911 Vorstandsmitglied, später Präsident des kantonalen Verbands Landwirtschaftlicher Genossenschaften, 1919-1948 im Vorstand, später Präsident der Ökonomischen und Gemeinnützigen Gesellschaft des Kantons Bern, Vorstandsmitglied und Vizepräsident des Schweizerischen Landwirtschaftlichen Vereins, Mitglied des leitenden Ausschusses des Schweizerischen Bauernverbands, Mitglied des bernischen Handelsgerichts, Verwaltungsrat der Kraftwerke Oberhasli sowie des Bankrats der Nationalbank. Nach dem Rücktritt als Bundesrat im Verwaltungsrat verschiedener Unternehmen aus der Nahrungsmittelbranche. 1934 Ehrenmitglied der Zofingia, 1946 Ehrendoktor der veterinärmedizinischen Fakultät der Universität Bern. Oberst.

Quellen und Literatur

  • BAR, Nachlass
  • «Notizen eines Bundesrates: Ausschnitte aus dem Karlsbader Tagebuch von Rudolf Minger 1936, hg. von C. Graf, E. Tschabold», in BTb, 1982, 66-103
  • H. Wahlen, Bundesrat Rudolf Minger, 1881-1955, 1965 (41966)
  • C. Graf, E. Tschabold, «Rudolf Minger als Förderer der schweiz. Landwirtschaft und Landesverteidigung», in SQ 6, 1980, 7-111
  • C. Graf, «Vom Klassenkampf zur Konkordanz: Robert Grimm, Rudolf Minger und die schweiz. Demokratie», in Gesellschaft und Gesellschaften, hg. von N. Bernard, Q. Reichen, 1982, 495-514
  • Altermatt, Bundesräte, 372-377
  • W. Baumann, P. Moser, Bauern im Industriestaat, 1999
Weblinks
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GND
VIAF

Zitiervorschlag

Stettler, Peter: "Minger, Rudolf", in: Historisches Lexikon der Schweiz (HLS), Version vom 16.09.2010. Online: https://hls-dhs-dss.ch/de/articles/004612/2010-09-16/, konsultiert am 17.01.2022.