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London

Nach ihrer Landung in Grossbritannien 43 n.Chr. gründeten die Römer eine Siedlung an der Themse, die sich zum Zentrum der römischen Provinz Britannia entwickelte. Nach dem Abzug der Römer gehörte London zum Königreich Essex bzw. Kent und wurde Bistumsstadt. Bei der Teilung Englands zwischen den Dänen und Angelsachsen befreite König Alfred der Grosse die Stadt 886. London wurde neben Winchester zur Hauptstadt des englischen Königreichs (alleinige Hauptstadt ab 1156).

Die Urbanisierung Englands im Mittelalter und in der frühen Neuzeit konzentrierte sich sehr stark auf London. Als bedeutender, kontinuierlich wachsender Handelshafen war London im Mittelalter Umschlagplatz für britische Wollexporte. In der Tudorzeit 1485-1603 avancierte die Stadt zur Finanzhochburg. Im 17. und 18. Jahrhundert kamen der Aufschwung der Textilindustrie und Feinmechanik sowie namentlich jener der Uhrenindustrie hinzu. London war ab 1600 Hauptsitz der Ostindischen Kompanie. Zudem wuchs der Hof in Whitehall stark an. Um 1600 war London mit 200'000 Einwohnern die drittgrösste Stadt Europas, 1650 bereits die grösste Stadt im westlichen Kulturkreis. 1750 zählte London 675'000 Einwohner. Zu Beginn des 19. Jahrhunderts überschritt die Bevölkerungszahl die Millionengrenze. 2006 zählte die Verwaltungsregion Greater London ca. 7,7 Mio. Einwohner. In der Wirtschaftsmetropole London befindet sich der Sitz der britischen Regierung und des Parlaments.

Die kulturellen Kontakte zwischen der Schweiz und London intensivierten sich zunächst im Zeichen des Humanismus. Der ab 1514 in Basel wirkende Erasmus von Rotterdam stand in Verbindung mit verschiedenen Londoner Humanisten. Hans Holbein der Jüngere wirkte ab 1532 als gesuchter Porträtist und wurde 1536 Hofmaler von König Heinrich VIII. Das erste überlieferte Treffen von Schweizern in London fand 1574 im Haus des Kupferstechers Christoph Schweizer statt. Im 17. und 18. Jahrhundert hielten sich Künstler wie der jüngere Matthäus Merian, Jean Petitot, Jacques-Antoine Arlaud, der Porträtist Johann Rudolf Schmutz und Jacques Bordier in der englischen Hauptstadt auf. Johann Jakob Heidegger wurde 1707 in London Theaterunternehmer und leitete 1719-1728 die Royal Academy of Music. 1738 wurde Charles Paul Dangeau de Labeyle aus Vevey zum Architekten der Westminster Bridge ernannt. 1754 übersiedelte der Genfer Maler Jean-Etienne Liotard nach London, ein Jahr später der Komponist und Lehrer Joseph Franz Xaver Dominik Stalder aus Luzern. Im späten 18. und frühen 19. Jahrhundert gehörte der Jugendfreund Johann Heinrich Lavaters, Johann Heinrich Füssli (Henry Fusely) aus Zürich, zu den bedeutenderen englischen Malern.

Der Berner Paul Lentulus war Ende des 16. Jahrhunderts mehrere Jahre lang Leibarzt von Königin Elisabeth I., der Genfer Théodore Turquet de Mayerne übte dasselbe Amt unter Jakob I. und Karl I. aus. Ebenfalls als Hofarzt wirkte Theodore Diodati, dessen Sohn ein Freund John Miltons war. Mit der naturwissenschaftlichen Vorreiterrolle Englands von der Mitte des 17. Jahrhunderts an intensivierten sich die wissenschaftlichen Kontakte vor allem zu Gelehrten aus den reformierten Kantonen: Zu Beginn der 1680er Jahre kam der Basler Mathematiker Jacob Bernoulli nach London. Der Genfer Wissenschaftler Nicolas Fatio, ein enger Freund Isaac Newtons, wurde 1688 Mitglied der Royal Society. Im Verlauf des 18. Jahrhunderts fanden auch Johann Jakob Scheuchzer, Hans Caspar Scheuchzer, Albrecht von Haller (der mit dem schottischen Arzt John Pringle, dem Genfer Journalist Etienne Thurneysen und dem englischen Botaniker Peter Collinson in Kontakt stand) und der Mathematiker Gabriel Cramer Aufnahme in diese Gesellschaft. Jane Marcet geborene Haldimand publizierte zu Beginn des 19. Jahrhunderts in London erfolgreich populärwissenschaftliche Werke zu naturwissenschaftlichen und naturphilosophischen Themen.

Bern unterhielt wie Genf ab 1589 eine eigene Gesandtschaft in London. Die Republik Genf und Grossbritannien pflegten gute Beziehungen. 1685 wurde die Société des Genevois gegründet, 1702 die zunftähnliche Société des Suisses. 1718 schlossen sich die beiden Gruppierungen zur Société unie des Suisses zusammen, die später Société de secours mutuels des Suisses hiess und 1722 eine eigene Kirche eröffnete. 1775 erhielt die 1762 gegründete Eglise helvétique eine eigene Kirche (Helvetic Chapel) in Soho. Nachdem 1804 in London die Britische und ausländische Bibelgesellschaft gegründet worden war, entstanden in verschiedenen Schweizer Kantonen nach deren Vorbild Bibelgesellschaften. 1855 wurde in London an der Endell Street die neue Schweizer Kirche eingeweiht, die bis heute Bestand hat.

Mit dem rasanten Wachstum der englischen Hauptstadt ab dem 16. Jahrhundert intensivierten sich auch die wirtschaftlichen Kontakte: 1624 kam der Genfer Philippe Burlamaqui nach London und wurde einer der wichtigsten Bankiers der Stadt; ihm folgten weitere Genfer Bankiers. 1652 eröffnete das Genfer Bankhaus Calandrini eine Filiale in London. Auch der Berner Samuel Müller stieg hier in das Bankgeschäft ein. David de Pury aus Neuenburg handelte im 18. Jahrhundert mit Diamanten. 1691 gründete der Berner Beat von Fischer eine direkte Postverbindung Bern-London. Im 18. Jahrhundert siedelten zahlreiche Schweizer Uhrmacher nach London über. Der bekannteste war Justin Vulliamy, der 1747 zum königlichen Uhrmacher avancierte.

Nach der Industriellen Revolution war England das Ziel vieler Schweizer Industrieller wie Hans Caspar Escher, Albert Escher, Johann Conrad Fischer, Gottlieb Hirzel oder Johann Jakob Sulzer (1806-1883). Im 19. Jahrhundert kamen in grosser Zahl Schweizer Kaufleute und Buchhalter nach London 1828 erhielt London ein Schweizer Konsulat. Angesichts des wachsenden britisch-schweizerischen Handelsvolumens ernannte der Bundesrat 1917 mit Henri Martin den ersten permanenten Handelsattaché der Schweizer Gesandtschaft in London. Letztere wurde 1953 in den Rang einer Botschaft erhoben. 1856 formierte sich im Hotel Buecker der heute noch bestehende City Swiss Club. Sein Ziel war die Pflege der schweizerisch-britischen Freundschaft. Der Club organisierte in der Folge beliebte Bankette, zeigte sich jedoch auch wohltätig.

Der Finanzplatz London wurde durch die Gründung der Bank of England 1694 erheblich gestärkt. Diese Rolle blieb der britischen Hauptstadt bis heute erhalten, wogegen sich die Bedeutung Londons als Handels- und Umschlagplatz parallel zum Zusammenbruch des britischen Empire von der Mitte des 20. Jahrhunderts an dramatisch verringerte. Seither dominiert in wirtschaftlicher Hinsicht der Tertiärsektor. In den Nachkriegsjahren, als sich der Londoner Finanzmarkt der Krise der Wirtschaft Grossbritanniens weitgehend zu entziehen vermochte und der Schweizer Finanzplatz an internationaler Bedeutung gewann, intensivierten sich die Beziehungen zwischen den Schweizer Grossbanken, Versicherungen und der Londoner City.

Der in der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts rasch wachsenden Bedeutung des britischen Tourismus in der Schweiz trug 1893 die Gründung einer Agentur durch Schweizer Bahngesellschaften in London Rechnung. Ab 1935 flog die Swissair von Zürich aus nach London, bereits 1923 hatte eine britische Gesellschaft Flugverbindungen nach Basel aufgenommen. In den 1960er Jahren nahm die Zahl der Schweizer Touristen in London zu. Ein touristischer Anziehungspunkt ist das Wachsfigurenkabinett. Dieses war von Marie Tussaud gegründet worden, die als Wachsbildnerin mit Schweizer Wurzeln zuerst in Frankreich, dann in London gewirkt hatte. 1968 wurde das Swiss Centre eröffnet. Neben Restaurants und Läden bot es Geschäftsstellen der Swissair, des Schweizerischen Bankvereins und des Schweizer Tourismus Raum und diente als Foyer des schweizerisch-britischen Kulturaustausches. Von den 1980er Jahren an verringerten die Schweizer Unternehmer ihre Unterstützung für das Swiss Centre sukzessive. Gegen Ende des 20. Jahrhunderts zog London aufgrund der starken Entwicklung des 3. Sektors – vor allem des Finanzwesens – und des kulturellen Bereichs vermehrt junge Schweizer an, die sich teilweise auch zu Aus- und Weiterbildungszwecken in die britische Metropole begaben. 2006 lebten rund 8000 Schweizer in Greater London.

Quellen und Literatur

  • C. Hobi, Die Wirtschaftsbeziehungen Schweiz – Grossbritannien, 1959
  • J. Wraight, The Swiss and the British, 1987
  • Y. Cassis, «La place financière suisse et la City de Londres, 1890-1990», in Die Schweiz in der Weltwirtschaft (15.-20. Jh.), hg. von P. Bairoch, M. Körner, 1990, 339-352
  • J. Wraight, The Swiss in London, 1991
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Zitiervorschlag

von Greyerz, Kaspar: "London", in: Historisches Lexikon der Schweiz (HLS), Version vom 16.02.2011. Online: https://hls-dhs-dss.ch/de/articles/006594/2011-02-16/, konsultiert am 09.12.2021.