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Paris

Die Beziehungen zwischen Paris und der Schweiz entwickelten sich im Verlauf der Jahrhunderte: Zunächst konzentrierten sie sich vor allem auf militärische und finanzielle Aspekte, dann dominierten wirtschaftliche und technische Fragen, schliesslich überwog der kulturelle Austausch. Die bis ins 17. Jahrhundert bevölkerungsreichste Stadt Westeuropas (1300 150'000 Einwohner; 1600 300'000; 1700 500'000; 1750 570'000; 1850 1'053'000; 2009 2'153'600) besass vor der Französischen Revolution noch nicht ständig den Status als Hauptstadt des französischen Königreichs, war aber für die gesamte Schweiz lange Zeit die wichtigste ausländische Stadt. Ereignisse wie der Sturm auf die Bastille, der Tuileriensturm, die Julirevolution von 1830, die Kommune von 1870 oder der Mai 1968 wirkten auch in der Schweiz nach. 1798 eröffnete die Helvetische Republik die erste ständige Gesandtschaft der Schweiz in Paris; seit 1938 befindet diese sich an der Rue de Grenelle in einem stattlichen Stadthaus, das Peter Viktor Besenval gehört hatte.

Für das Mittelalter finden sich nur wenige Belege über die Beziehungen der Schweiz zu Paris. Die Universität Paris nahm von ihrer Gründung im 13. Jahrhundert an auch einige "Schweizer" Studenten wie Cono von Stäffis auf. Die Schaffung der königlichen Leibgarde der Hundertschweizer 1497 und die Entwicklung der fremden Dienste führten während des Ancien Régime zum Aufenthalt von zahlreichen Schweizer Offizieren und Soldaten in Paris. Das Regiment der Schweizergarden wurde in der Stadt und in verschiedenen Vororten stationiert, wo um 1755-1760 in Rueil (einzige noch bestehende), Courbevoie und Saint-Denis Kasernen entstanden.

Nach dem Ende der Herrschaft Ludwigs XIV. zog Paris viele Schweizer Händler an, lange bevor die schweizerische Handelskammer 1918 gegründet wurde. Die Mehrzahl von ihnen gehörte der Hugenottischen Internationale an und kam vor allem aus Genf und St. Gallen. Einige erlangten führende Positionen in den Glashütten von Saint-Gobain, der Ostindischen Kompanie und anderen französischen Aktiengesellschaften. Aus diesem Milieu stammten Jacques Necker und Jean-Frédéric Perregaux, Gründungspräsident und erster Bankrat der Banque de France. Im 19. Jahrhundert repräsentierten Mitglieder der Familien Delessert und Mallet die schweizerisch-protestantische Herkunft in dieser Institution. Zur reformierten Gemeinde in Paris, die in der Ära Napoleons wiedererrichtet wurde, zählten auch Schweizer Pfarrer, namentlich Frédéric Mestrezat (1760-1807) und Jean Monod, der eine Dynastie von Pfarrern und Gelehrten begründete. Mehrere Schweizer schlossen sich der Freikirche (Eglise libre) und ihrer Fakultät Les Batignolles an.

Ab dem 18. Jahrhundert bestand in Paris eine grosse Schweizer Kolonie. Um die Jahrhundertmitte bildeten die Schweizer die viertgrösste Ausländergruppe (11%), die sich aus Händlern, der wichtigsten Untergruppe, Uhrmachern, etwa Ferdinand Berthoud und Abraham-Louis Breguet, Handwerkern, Gesinde, Taglöhnern und Berufsleuten auf Wanderschaft (u.a. Hauslehrer) zusammensetzte. Im 19. Jahrhundert herrschte die zeitlich begrenzte Auswanderung vor, vor allem im Handel, Bankenwesen und Hausdienst. Mit Cäsar Ritz in der Hotellerie und, im 20. Jahrhundert, mit Robert Piguet im Modesektor profilierten sich Schweizer auch in anderen Branchen. 2009 verzeichnete das Konsulat 11'080 Schweizer in den 20 Arrondissements der Stadt, darunter 80% Doppelbürger.

Unter den Technikern ragt der in Frankreich geborene Jean-Rodolphe Perronet heraus, dem Paris die Brücken Pont de la Concorde und Pont de Neuilly verdankt. Sobald die Pariser Ecole polytechnique 1798 eröffnet war, wurde diese von zahlreichen Schweizer Studenten, darunter Guillaume-Henri Dufour und Vincent Perdonnet, besucht. Die beiden in Paris bekanntesten Schweizer Ingenieure des 19. Jahrhunderts waren Raoul Pictet, Erfinder von Kältemaschinen, und Maurice Koechlin, Entwerfer des Eiffelturms.

Erster Entwurf für einen 300 Meter hohen Turm aus Metall für die Weltausstellung in Paris, angefertigt vom französisch-schweizerischen Ingenieur Maurice Koechlin, 1884 (Privatsammlung).
Erster Entwurf für einen 300 Meter hohen Turm aus Metall für die Weltausstellung in Paris, angefertigt vom französisch-schweizerischen Ingenieur Maurice Koechlin, 1884 (Privatsammlung). […]

Während der Französischen Revolution spielten mehrere Schweizer in der Pariser Politik eine entscheidende Rolle. So stammten 1790-1791 die wichtigsten Mitarbeiter von Honoré Mirabeau aus Genf und der Club helvétique wurde vor allem von Freiburger Revolutionären ins Leben gerufen, während Jean-Paul Marat und Etienne Clavière ihr Engagement mit dem Leben bezahlten. Ab 1795 entwarfen Frédéric-César de La Harpe und Peter Ochs in Paris die Grundzüge der neuen Schweiz. Der in Frankreich eingebürgerte Benjamin Constant wirkte in der Abgeordnetenkammer während der Restauration als Sprachrohr des Liberalismus.

Nach der Französischen Revolution entwickelte sich Paris zu einem Zentrum der Kunst, wobei Genfer Bildhauer wie James Pradier die ersten waren, die sich dort niederliessen. 1843 eröffnete der Maler Charles Gleyre ein Atelier, das er bis 1864 leitete und in dem er unter anderen Albert Anker unterrichtete. In der Dritten Republik machten bedeutende Illustratoren wie Eugène Grasset, Théophile Alexandre Steinlen und Félix Vallotton Paris zu ihrer zweiten Heimat. Der Aufenthalt in der Lichterstadt gehörte von nun an zur klassischen Station in der Laufbahn eines Schweizer Künstlers. Der Ausbruch des Ersten Weltkriegs bewegte jedoch viele von ihnen zur Rückkehr in die Schweiz. Nach 1918 drängten Künstler wie Maurice Barraud, Max Bill, Hans Erni sowie Alberto und Diego Giacometti von neuem nach Paris. Hier verbrachte auch Le Corbusier den grössten Teil seines Lebens und gestaltete 1933 den Schweizer Pavillon in der Cité universitaire. Die Schweizer Künstler in Paris bildeten eine derart fest umrissene Gruppe, dass ihnen in der Exposition des arts décoratifs von 1925 eine eigene Sektion gewidmet wurde, 1931 der Galerist Georges Petit der Schweizer Kunst der Jahre 1880-1930 eine Retrospektive widmete und 1934 das Musée du Jeu de Paume eine Ausstellung zur zeitgenössischen Kunst zeigte. Der Zweite Weltkrieg vertrieb die Schweizer Künstler erneut aus Paris. Aber bereits 1945 liess sich Wilfrid Moser wieder dort nieder. Ihm folgten bald die Plastikerin Isabelle Waldberg, der Schriftdesigner Adrian Frutiger und andere zeitgenössische Künstler, darunter Jean Tinguely.

In der Musik nahm Paris lange eine zweitrangige Rolle ein. Ein Pionier in diesem Bereich war Gustave Doret. In der nachfolgenden Generation führte der Weg von Emile Jaques-Dalcroze, Ernest Ansermet und Arthur Honegger über Paris. 1973-1980 leitete Rolf Liebermann die Pariser Oper.

Vor Beginn des 19. Jahrhunderts hielten sich mit Ausnahme von Jean-Jacques Rousseau und dem Zürcher Jakob Heinrich Meister kaum Schweizer Schriftsteller in Paris auf. Germaine de Staël gehörte der Gruppe der in Paris geborenen Schweizer Schriftsteller an. Ab Ende des 19. Jahrhunderts wurde jedoch der Aufenthalt in Paris für Schriftsteller zur Pflicht, wollten sie Erfolg haben. Victor Cherbuliez, Edouard Rod oder Louis Dumur blieben für immer dort, während Vertreter der nächsten Generation wie Blaise Cendrars, Charles Ferdinand Ramuz, Denis de Rougemont, Georges Borgeaud, Paul Nizon und Niklaus Meienberg zeitweilig in Paris arbeiteten. In den 1950er Jahren wurden zwei der wichtigen französischen Zeitschriften von Schweizern geleitet: "Preuves" von François Bondy und "Esprit" von Albert Béguin. Ab den 1950er Jahren schufen sich auch Westschweizer Journalisten wie Georges Piroué, Louis-Albert Zbinden und Frank Jotterand dank der Qualität ihrer Artikel, die sie für schweizerische und französische Tageszeitungen verfassten, einen Namen.

Bis zum Ende des 19. Jahrhunderts genoss die philosophische Fakultät der Sorbonne kein grosses Ansehen. Gonzague de Reynold war 1899 der erste, der hier promovierte. Erst nach dem Ersten Weltkrieg folgten Schweizer regelmässig diesem Beispiel, so Jean Piaget, Marcel Raymond und Jean Rudolf von Salis.

Der Dramatiker Fernand Chavannes feierte seine ersten Erfolge in Paris. Im 20. Jahrhundert arbeiteten Schweizer auch an den Schau- und Tanzbühnen: 1918 wurde Gilles vom Theater Vieux Colombier engagiert. Michel Simon gelang 1923 der Durchbruch. 1933 wurde "Coriolan" von René-Louis Piachaud gespielt. Die Tänzerin Ursula Kübler, die spätere Ehefrau von Boris Vian, trat 1948 ins Ballet Roland Petit ein. 1949 gewann das Ensemble Les Faux-Nez von Charles Apothéloz den Wettbewerb der Jeunes Compagnies. Jean-Marc Bory spielte ab 1954 in den Filmen von André Cayatte und Louis Malle. In der Nachfolge des Clowns Grock brachten Bernard Haller und Zouc (1950) ganz Paris zum Lachen.

Im Pariser Verlagswesen hatte Eugénie Droz, die 1916 einen Wissenschaftsverlag gründete und diesen bis 1948 führte, Erfolg. Albert Skira gründete 1928 einen Kunstverlag, in dem die surrealistische Zeitschrift "Minotaure" erschien. Der Verlag von Frédéric Ditisheim (1920-1995), genannt Ditis, entwickelte sich 1958 zu einem der führenden Taschenbuchverlage.

1985 eröffnete die Pro Helvetia in Paris das Centre culturel suisse im Hôtel Poussepin im Quartier Le Marais. Hier fanden seither verschiedenste künstlerische Aktivitäten statt.

Quellen und Literatur

  • A. Gottschalk, «La colonie suisse de Paris», in Les Suisses dans le vaste monde, 1931, 105-139
  • H. Lüthy, La Banque protestante en France, 2 Bde., 1959-61
  • A. Berchtold, La Suisse romande au cap du XXe siècle, 1963
  • Paris 24ème canton, Ausstellungskat. Genf, 1991
  • Le Paris des Suisses, 1995
  • Gallimard et la Suisse, Ausstellungskat. Genf, Freiburg, Neuenburg, Lausanne, Bern, Paris, 1999
  • J.-F. Dubost, «Les étrangers à Paris au siècle des Lumières», in La ville promise, hg. von D. Roche, 2000, 221-288
  • Les Suisses à Paris: peintres et sculpteurs, Ausstellungskat. Payerne, 2002
Weblinks
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GND

Zitiervorschlag

Candaux, Jean-Daniel: "Paris", in: Historisches Lexikon der Schweiz (HLS), Version vom 03.06.2015, übersetzt aus dem Französischen. Online: https://hls-dhs-dss.ch/de/articles/006604/2015-06-03/, konsultiert am 08.12.2021.