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Pavia

Stadt in der Lombardei, Hauptort der gleichnamigen Provinz (2000 70'207 Einwohner). Pavia entwickelte sich aus einem römischen Castrum an der Mündung des Tessinflusses in den Po und hatte im spätrömischen Reich und im Frühmittelalter (nach 493 Regierungssitz des römischen Kaisers, Hauptstadt des Ostgotenreichs von Theoderich) grosse politische und wirtschaftliche Bedeutung. Zwischen dem 6. und 8. Jahrhundert setzte sich der Name Papia gegenüber der alten Bezeichnung Ticinum durch. 572 eroberten die Langobarden Pavia und machten es zum Mittelpunkt ihres Reichs. Die Stadt dehnte ihren Einfluss bis zu den Alpen aus und trat in Konkurrenz zu Mailand. Dank der Gunst des Königs kamen einige religiöse Gemeinschaften von Pavia zu ausgedehntem Grundbesitz, mit dem weitreichende Immunitätsrechte verbunden waren. Das Benediktinerkloster San Pietro in Ciel d'Oro erwarb zahlreiche Besitzungen vom Sottoceneri bis ins Bleniotal, die auf eine sagenhafte Schenkung des Königs Liutprand von 712 zurückgeführt wurden. Deren Verwaltung erwies sich jedoch als schwierig, da mit Ausnahme eines Hofs (curtis) in Magliaso Verwaltungszentren fehlten. Deshalb wurden die Besitzungen im 13. Jahrhundert veräussert. Das Frauenkloster Santa Maria del Senatore hingegen besass bis ins 16. Jahrhundert Zehntrechte in Rancate. In der spätkommunalen Zeit war die Stadt eine Hochburg der Gibellinen, verlor aber zunehmend an politischem und administrativem Einfluss, während die Manufakturen und der Handel dauerhaft aufblühten; ab 1360-1361 wurde Pavia in den regionalen lombardischen Staat (Herzogtum Mailand) eingegliedert, dessen Schicksal die Stadt in der Folge teilte.

Seit der Antike zog Pavia Vorteile aus dem Wasserweg, der über den Fluss Tessin zum Langensee führte und von dort über den Landweg weiter zu den Pässen San Bernardino und Lukmanier, später zum Gotthard, Gries- und Simplonpass. Die Verbindung war noch in der frühen Neuzeit das Rückgrat der lombardischen Verkehrswege. Sie gewährleistete die Kontakte zu den Messen und Märkten rund um den Langensee und damit den Handel mit dem Tessin und der Eidgenossenschaft.

Dank dem 1361 von den Mailänder Herrschern gegründeten Studium generale entwickelte sich Pavia zu einem Geisteszentrum europäischen Rangs. Die Universität war von Anfang an ein Magnet für zahlreiche Studenten (v.a. des Rechts, der Medizin und der Philosophie), die aus dem Herzogtum Mailand, aber auch aus den eidgenössischen Orten kamen. Im 15. Jahrhundert war sie eine bedeutende Begegnungsstätte von humanistischen Gelehrten aus vielen europäischen Ländern. Mit den politischen und konfessionellen Spannungen verstärkte sich ihre kulturelle Anziehungskraft auf die Elite der katholischen Orte, für die die Universität Pavia zu einem Ort des geistigen Austauschs mit der lombardischen Führungsschicht wurde. Deshalb garantierte das Mailänder Kapitulat von 1587 Gratisplätze für Studenten aus den fünf eidgenössischen Orten. Auch zahlreichen Geistlichen, die oft vom Mailänder Collegium Helveticum herkamen, bot sich hier die Möglichkeit einer akademischen Karriere. Ein starker Zustrom zur Alma Mater von Pavia setzte vor allem aus der italienischen Schweiz ein und erreichte zwischen dem Ende des 18. und der Mitte des 19. Jahrhunderts vor der Gründung der Mailänder Universitäten, des Eidgenössischen Polytechnikums Zürich und der Universität Freiburg seinen Höhepunkt. Die wechselnde Anzahl von Schweizer Studenten und Dozenten in Pavia im 19. und 20. Jahrhundert hing auch von den Massnahmen der politischen und akademischen Behörden ab, die den Zustrom förderten (etwa durch die Einrichtung eines Lehrstuhls für Schweizer Privatrecht 1921) oder bremsten (z.B. mit der Einführung eines Zusatzexamens in der Schweiz für in Italien promovierte Mediziner). Die Intensität der Beziehungen zu Pavia war vor allem im Tessin ein getreues Abbild gegensätzlicher politischer und kultureller Tendenzen, von denen die eine einen stärkeren Zusammenhalt zwischen den schweizerischen Sprachregionen, die andere eine stärkere Ausbildung des italienischschweizerischen Kulturbewusstseins anstrebte.

Quellen und Literatur

  • Schaefer, Sottocenere, 129-131
  • R. Bolzern, Spanien, Mailand und die kath. Eidgenossenschaft, 1982
  • Storia di Pavia 2-5, 1987-2000
  • G. Negro, Gli studenti ticinesi all'Università di Pavia, 1993
  • G. Andenna, Linea Ticino, 2002
  • S. Castro, Tra Italia e Svizzera, 2004
Weblinks
Normdateien
GND

Zitiervorschlag

Paolo Ostinelli: "Pavia", in: Historisches Lexikon der Schweiz (HLS), Version vom 02.12.2009, übersetzt aus dem Italienischen. Online: https://hls-dhs-dss.ch/de/articles/006616/2009-12-02/, konsultiert am 26.09.2022.