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Neapel

Stadt und ehem. Königreich in Süditalien, das zeitweise auch Sizilien umfasste. Als normann. Gründung ab 1030 war N. einer der ersten zentralisierten Flächenstaaten Europas, kam 1194 durch Heirat an die Hohenstaufer, danach an die franz. Anjous, die 1282 Sizilien, 1442 auch N. an das Haus Aragon verloren. N. gelangte 1504 als Vizekönigreich an Spanien, ging im span. Erbfolgekrieg (ohne Sizilien) an die österr. Habsburger, kam 1734 mit Sizilien an die span. Bourbonen, die es nach einem republikan. (1799) und napoleon. Zwischenspiel (1806-15) als Königreich beider Sizilien bis zu dessen Anschluss an das Königreich Italien 1860 beherrschten.

Die Kontakte zwischen der Schweiz und dem Königreich N. bzw. dem Königreich beider Sizilien sind früh schon von künstler., später wirtschaftl. Emigration geprägt. Handelsbeziehungen bekamen v.a. im 19. Jh. zunehmendes Gewicht, war doch die dortige Schweizer Kolonie, die militär. Vertreter eingeschlossen, eine der grössten in ganz Italien. Die wichtigste Rolle spielte aber in der von der Fremdherrschaft geprägten Geschichte des Königreichs N. der Solddienst.

Die ständigen Soldbeziehungen der Schweiz zum Königreich N. begannen mit dem Übergang der neapolitan. Königskrone an die span. Bourbonen. Philipp V. von Spanien stellte seinem Sohn Karl, dem zukünftigen Karl III. von Spanien, zu Beginn des neapolitan. Feldzugs 1731 zwei seiner bewährtesten Schweizer Regimenter Nideröst und Bessler zur Seite. Nach der Besitznahme N.s durch die Bourbonen 1734 baute Karl, nun Kg. Karl VII. von N.-Sizilien, zwei weitere Schweizer Regimenter auf. Inhaber war die Glarner Fam. Tschudi. Das Regiment Bessler wurde durch ein Regiment der Fam. Jauch aus Uri ersetzt. Die Schweizer Regimenter blieben bis 1789 im Dienst und umfassten etwa 6'000-7'000 Mann. Drei Regimenter waren dabei in N. und Umgebung stationiert, ein viertes in Sizilien. Nach ihrer Auflösung traten viele Schweizer in die von Anton von Salis-Marschlins errichteten Fremdenregimenter ein, die im Abwehrkampf gegen die Franzosen eingesetzt wurden. Ihre Überreste wurden 1800 dem Regiment Real Alemagna einverleibt; einige folgten 1799 Kg. Ferdinand IV. nach Sizilien, wo er sich nach dem Verlust der Herrschaft auf dem ital. Festland bis 1815 aufhielt. Unter der napoleon. Herrschaft trat das erste kapitulierte Schweizer Regiment in franz. Diensten, das damals in N. in Garnison war, 1807 in den Dienst Murats.

Nach der Restauration verhandelte Ferdinand, der als Ferdinand I. soeben König beider Sizilien geworden war, mit der Tagsatzung und schloss 1824 mit Luzern, Uri, Unterwalden und Appenzell Innerrhoden sowie ein Jahr später mit Solothurn und Freiburg Verträge über den Aufbau von zwei Regimentern ab. Wallis, Graubünden und Schwyz stellten 1826 das dritte, Bern 1829 das vierte Regiment. Die Kapitulationen hatten eine Laufzeit von 30 Jahren und brachten Handelsvorteile mit sich. Während der Regentschaft Ferdinands II. begann für die Schweizer Regimenter eine unruhige Zeit mit häufigen Garnisonswechseln. 1848 nahmen sie an den beiden Feldzügen gegen die röm. Republik teil und befriedeten die aufständ. Städte in Sizilien. Das Verhalten der Schweizer Regimenter erntete auch Kritik: Sie brachte den Bundesrat 1851 dazu, ein Verbot der Werbung für ausländ. Kriegsdienst zu erlassen und sich für die Beseitigung der kant. und eidg. Insignien auf den Feldzeichen der Regimenter einzusetzen. Nach dem Tod Ferdinands II. und dem Auslaufen der Kapitulationen 1859 wurden die Regimenter nach einer z.T. wegen der beseitigten Insignien ausgebrochenen Fahnenmeuterei offiziell aufgelöst, aber noch 1860 kämpften drei Fremdenbataillone in Sizilien gegen Giuseppe Garibaldi. Als Generalagent der Schweiz in N. führte Oskar Mörikofer die schwierigen Verhandlungen über die Auszahlung und Rückführung der Soldaten nach der Auflösung der Schweizer Regimenter.

Das Schweizer Honorarkonsulat in N. bestand ab 1812. Es sollte v.a. die wirtschaftl. Beziehungen zwischen dem Königreich N. und der Schweiz fördern. Diese Aufgabe übernahm massgeblich die in N. ansässige Bankiersfam. Mörikofer, deren Vorfahren aus dem Thurgau stammten.

Wirtschaftlich hatte zunächst die Emigration von Bündner Zuckerbäckern nach N. eine gewisse Bedeutung. Ab dem 18. Jh. wurden schweiz. Erzeugnisse, v.a. Textilien, an den Messen in N. vertrieben. In der Nähe von Salerno errichteten 1830 David Vonwiller und Friedrich Züblin aus St. Gallen eine Spinnerei. Rund um Salerno entstand in der Folgezeit eine hauptsächlich in der Textilindustrie tätige Schweizer Kolonie, die bis zum Ausbruch des 1. Weltkriegs bestand, als die meisten Schweizer ihre Beteiligungen an ital. Industrielle verkauften. Im 19. Jh. liessen sich auch Schweizer Bierbrauer in N. nieder. 1839 wurde eine Schweizerschule gegründet, 1879 in Scuola Internazionale umbenannt. 1984 wurde sie aus Mangel an finanziellen Mitteln und aufgrund einer sehr kleinen Zahl von Schweizer Schülern aufgehoben.

Als Bildhauer arbeitete Domenico Gaggini schon im 15. Jh. unter den Aragoniern in N. und Sizilien. Domenico Fontana wurde ab 1592, nachdem er unter dem neuen Papst Urban VII. in Ungnade gefallen war, zum Hofarchitekten des Kg. von N. Karl Jakob Weber wirkte 1748-65 an den ersten Ausgrabungen von Herculaneum und Pompeji mit. Im 19. Jh. war Pietro Bianchi als Architekt und Archäologe in N. tätig und wurde ab 1827 als königl. Direktor der Altertümer mit den Ausgrabungen der verschütteten Städte am Vesuv betraut. Im 19. Jh. hielten sich viele Schweizer Künstler als Landschafts- und Genremaler oder Bildhauer zeitweise in N. auf, darunter auch begabte Dilettanten, die zugleich im Solddienst standen. In umgekehrter Richtung kam Francesco de Sanctis, der bedeutendste ital. Literaturhistoriker des 19. Jh., als polit. Flüchtling in die Schweiz und war 1856-59 der erste Inhaber des Lehrstuhls für ital. Literatur am Eidg. Polytechnikum in Zürich.

Quellen und Literatur

  • A. Maag, Gesch. der Schweizertruppen in neapolitan. Diensten 1825-1861, 1909
  • E. Schubert, Aus der Gesch. der evang. Gem. dt. Sprache in N., 1926
  • J. Job, Aus der Gesch. der Schweizerkolonie in N., 1932, (SA aus "Schweizer im Ausland", 1931)
  • Svizzeri in Italia 1919-39, 1939
  • G. Bonnant et al., Svizzeri in Italia 1848-1972, 1972
  • J. Walther, De l'honneur à la honte: les régiments suisses de Naples, le 15 mai 1848, Liz. Genf, 1987
  • E. Varriale, Svizzeri nella Storia di Napoli, 1998
  • R.-P. Eyer, «Schweiz. Kriegsdienste in N. im 18. Jh.», in Schweizer in "Fremden Diensten", hg. von H.R. Fuhrer, R.-P. Eyer, 2005, 205-226
  • La presenza svizzera a N. nella storia, nell'economia, nella cultura e nell'arte dal Quattrocento ad oggi, 2006
  • D.L. Caglioti, Vite parallele. Una minoranza protestante nell'Italia dell'Ottocento, 2006
  • F. Blanc, «1859: la mutinerie des Suisses de Naples», in Ann. frib. 69, 2007, 51-70
  • R.-P. Eyer, Die Schweizer Regimenter in Neapel im 18. Jh. (1734-1789), 2008
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