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MailandErzdiözese

Christl. Konvertiten sind in der Stadt M. selbst bereits im 2. Jh. zu fassen. Die Stadt war ab dem 2. oder 3. Jh. Bischofssitz und ab dem 6. oder 7. Jh. Zentrum einer Erzdiözese; von ihr aus verbreitete sich das Christentum in das südl. Alpenvorland und in die Alpentäler. Das Merkmal der Erzdiözese, der bis 843 auch das Bistum Chur unterstand, war der ambrosian. Ritus, der sich unter Papst Gregor dem Grossen (590-604) herausgebildet hatte.

Mittelalter

Bf. Ambrosius (397) schuf die grossräumigen Organisationsstrukturen der Kirche durch die Einsetzung von Bischöfen in den Nachbarstädten, von denen für das Gebiet der heutigen Schweiz v.a. Como wichtig war. Von diesen Zentren aus verbreitete sich das Christentum lange wenig koordiniert; erst in karoling. Zeit teilten die Bischöfe das Territorium in Pieven ein. Jahrhundertelang stritten die Bischöfe von M. und Como um die Kontrolle der ländl. Pfarreien sowie der Durchgangsgebiete und Verbindungsstrassen, was zu einer Zerstückelung des Tessiner Gebiets führte. Bereits vor 1000 gehörten die Pieven Locarno-Muralto, Bellinzona und sehr wahrscheinlich auch Agno zu M., ebenso die Capriasca, die drei dem Domkapitel unterstellten Ambrosianischen Täler, Brissago (in späteren Quellen als Teil der Pieve Cannobio erw.) und Campione d'Italia, das als exemte Herrschaft ab dem 8. Jh. vom Mailänder Kloster S. Ambrogio abhing. Spätestens 1002/04 wurden Locarno-Muralto und Bellinzona durch einen Entscheid des Kaisers dem Bistum Como unterstellt; danach blieben die Grenzen der Diözese M. bis ins 19. Jh. unverändert.

Im FrühMA erwarben die Erzbischöfe wahrscheinlich Zehntrechte sowie andere Güter und Rechte im Tessin, die sie aber mehrheitlich nicht bis ins HochMA halten konnten. Die Bischöfe verloren sogar in Gebieten, in denen sie die geistl. Gerichtsbarkeit ausübten, Besitzungen; im 15. Jh. hatten sie nur noch die Zehnten im Val Carvina und Fischereirechte im Luganersee inne. In den drei Ambrosianischen Tälern war auch ihre geistl. Hoheit stark eingeschränkt, da dem Domkapitel als Herr dieser Gebiete ein quasibischöfl. Recht zukam. Als die Visconti und Sforza die Kontrolle über die kirchl. Institutionen ohne Rücksicht auf die Bistumsgrenzen auf das ganze Herzogtum ausdehnten, verstärkte sich der Zugriff der erzbischöfl. Verwaltung auf die Randgebiete der Diözese ab dem Ende des 14. Jh. wieder. Diese Massnahmen betrafen v.a. das Pfründenwesen sowie die Verwaltung der Kirchengüter.

Neuzeit

Die Mailänderkriege besiegelten das Ende des unabhängigen Herzogtums. Die Erzdiözese erlebte in den ersten Jahrzehnten des 16. Jh. eine Zeit des Niedergangs, auch weil die Erzbischöfe sich nur selten in M. aufhielten. Dank einer einschneidenden Erneuerung erlangte sie aber als Zentrum der trident. Theologie und der kath. Reform in der 2. Jahrhunderthälfte wieder grosse Bedeutung und spielte insbesondere auch bei der Umsetzung und Verbreitung der Konzilsbeschlüsse in den Schweizer Gebieten eine führende Rolle. Karl Borromäus, 1560-84 Leiter der Erzdiözese, widmete den gemeinen Herrschaften und insbesondere den ennetbirg. Vogteien der Eidgenossenschaft, die er als Bollwerke gegen ein Vordringen der Reformation in Gebiete südlich der Alpen betrachtete, grosse Aufmerksamkeit und stattete ihnen 1567, 1570, 1571, 1577 und 1582 Hirtenbesuche ab. 1560 wurde er zum Protector Helvetiae ernannt. Mit der Gründung des Collegium Helveticum 1579 versuchte er, die Ausbildung des Klerus zu verbessern und die Reformation in der Eidgenossenschaft einzudämmen. Zudem förderte er die Gründung des Collegio Papio in Ascona (1584) und die Einrichtung einer ständigen Nuntiatur in Luzern (1586). Sein Cousin und Nachfolger Federico Borromeo, der das Erzepiskopat 1595-1631 innehatte, setzte sein Werk fort, z.B. durch die 1622 erfolgte Gründung des Seminars in Pollegio.

Karl Borromäus liess die Diözese in zwölf Bezirke einteilen, in sechs städtische und sechs ländliche; die ländl. Bezirke waren nochmals in Landdekanate oder Pieven gegliedert. Den städt. Bezirken standen Präfekte vor, den ländlichen Dekane, deren Tätigkeit ein Visitator oder Provisitator als Vertreter des Erzbischofs vor Ort koordinierte. Die drei Ambrosianischen Täler gehörten zum zweiten Bezirk der Erzdiözese, der auch Brissago und die Capriasca umfasste. Der erzbischöfl. Visitator hatte die Aufgabe, das religiöse Leben in den Drei Tälern und ab dem 18. Jh. auch in Brissago und der Capriasca zu überwachen. Infolge der Reformen von Karl Borromäus verloren die Vertreter des Domkapitels, die vier Chorherren, in den drei Ambrosianischen Tälern in geistl. Fragen an Gewicht. Die Einkünfte aus den Pfründen standen ihnen aber bis 1798 zu.

Nachdem die nördl. Gebiete der Erzdiözese bis 1500 endgültig unter eidg. Herrschaft gefallen waren, stritten sich die weltl. und geistl. Macht immer wieder um die Gerichtshoheit. Der örtl. Klerus, der formell vom Mailänder Erzbischof abhing, war starken Einflüssen seitens der weltl. Behörden ausgesetzt. Deshalb hatten alle Inhaber des Bischofsstuhls Schwierigkeiten, ihre geistl. Gerichtsbarkeit vollumfänglich durchzusetzen.

19. Jahrhundert

Die Entstehung des Kt. Tessin 1803 führte im ambrosian. Teil des Kantons (53 Pfarreien) nicht sofort zu wesentl. Veränderungen. Bis 1818 bestanden nur sporad. Beziehungen zu M.; die Gründe dafür lagen einerseits in der polit. Entwicklung und andererseits in der langen Vakanz des Bischofsstuhls nach dem Tod des Kardinals Giovanni Battista Caprara (1802-10). Unter dessen Nachfolger, dem Österreicher Karl Kajetan von Gaisruck (1818-46), rückte die Tessiner Bistumsfrage immer mehr in den Vordergrund (Diözese Lugano); einer mögl. Trennung von M. widersetzte sich nicht nur Österreich, sondern auch der ambrosian. Klerus, insbesondere derjenige der Drei Täler. Die Beziehungen zwischen dem Erzbischof und den Behörden des Kt. Tessin, dem von Gaisruck 1833 einen Hirtenbesuch abgestattet hatte, verschlechterten sich nach der liberalen Revolution von 1839 und der Unterstellung des - 1852 säkularisierten - Seminars von Pollegio unter staatl. Aufsicht. Auf Gaisruck folgte Bartolomeo Carlo Romilli (1847-59), der nicht nur mit Spaltungen innerhalb des Klerus der Erzdiözese zu kämpfen hatte, sondern auch mit der Verschärfung der antiklerikalen Politik durch die Tessiner Regierung, deren "Legge civile ecclesiastica" 1855 jede geistl. Aktivität staatl. Kontrolle unterstellte. Zudem verbot der Bund 1859 die Rechtsprechung von im Ausland residierenden Bischöfen auf Schweizer Gebiet. In dieser Zeit erlangten die Provisitatoren, die ab den 1850er Jahren auch als bischöfl. Delegaten bezeichnet wurden (darunter Persönlichkeiten wie Giuseppe Gaspari, Clemente Bertazzi und Giovan Battista Martinoli), in den drei Tälern immer grössere Bedeutung. Mehrere von ihnen waren auch Rektoren des Seminars in Pollegio, einige auch Pröpste von Biasca. Angesichts der auch in Italien bestehenden Spannungen zwischen Staat und Kirche verwehrte die ital. Regierung dem österreichfreundl. Paolo Angelo Ballerini, der das Episkopat 1859-67 bekleidete, die Einreise in seine Diözese. Erst in der langen Amtszeit von Luigi Nazari di Calabiana (1867-93) fand die Tessiner Bistumsfrage eine Lösung. Das Abflauen des Kulturkampfs und die Machtübernahme der konservativen Partei im Tessin 1875 schufen die Voraussetzung für die Abtrennung der tessin. Gebiete von der Diözese M., die gegen den anhaltenden Widerstand des ambrosian. Klerus vollzogen wurde, und die Einrichtung der apostol. Administration des Kt. Tessin (1884/88).

Quellen und Literatur

  • C. Trezzini, La diocesi di Lugano, 1952
  • A. Moretti, La chiesa ticinese nell'Ottocento, 1985
  • M. Welti, «I quattro conti canonici ordinari e la loro dominazione sulle tre valli "ambrosiane" del Ticino», in BSSI, 1987, 105-118
  • HS I/6, 301-432; II/1
  • Diocesi di Milano, hg. von A. Caprioli et al., 2 Bde., 1990
  • G. Andenna, «Le istituzioni ecclesiastiche di base sui territori lombardi tra tarda Antichità e basso Medioevo», in Comuni e signorie nell'Italia settentrionale: la Lombardia, 1998, 121-164
  • P. Ostinelli, Il governo delle anime, 1998
  • Terre del Ticino. Diocesi di Lugano, hg. von L. Vaccaro et al., 2003
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