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Campione d'Italia

Italienische Enklave im Kanton Tessin, Gemeinde der Provinz Como. Das ehemalige Fischerdorf am Ostufer des Luganersees, heute ein mondäner Ferien- und Ausflugsort, liegt in der Nähe der schweizerischen Hauptverkehrsachsen (Eisenbahn und Strasse), 10 km von Lugano entfernt. 721 loco de Campeliune. 1625 45 Feuerstätten; 1797 ca. 300 Einwohner; 1915 500; 1980 1979.

Während der Römerzeit war Campione Sitz einer Militärgarnison und eines Handelshauses. 777 vermachte Totone, ein langobardischer Kaufmann, Grund- und Hausbesitzer im Ort und in der Gegend um Lugano, seine Güter dem Mailänder Benediktinerkloster Sant'Ambrogio (kaiserliche Bestätigungen 790 durch Karl den Grossen, 835 durch Lothar). Von 789 (Investitur) bis 1797 stand Campione unter der kirchlichen und weltlichen Herrschaft der Mönche, die sicher bis ins 13. Jahrhundert auch in Campione ein Kloster besassen. Verwalter am Ort war ein Ordensgeistlicher in der Funktion eines Statthalters und Richters. Als Sitz diente die aus einem frühchristlichen Oratorium hervorgegangene Kirche San Zeno (769 erwähnt, erst seit 1945 Pfarrkirche). Die Statuten von Campione (Fragmente von 1266 wurden 1736 in Venedig publiziert) regelten die Verwaltung der dörflichen Angelegenheiten, die Wahl des Statthalters, seine Pflichten und seinen Lohn. Der Statthalter wurde in seiner Tätigkeit unterstützt von einem Kanzler und zwei Konsuln (consoli), die richterliche Funktionen ausübten. Diese wählten, nach Absprache mit dem Statthalter, zwei Dorfvorsteher (sindaci), einen Dorfsäckelmeister mit Verwaltungsaufgaben sowie zwei Flurhüter (campari). Die politische und rechtliche Stellung von Campione änderte sich 1797 mit der Säkularisation der Güter von Sant'Ambrogio und der Integration der Gemeinde in die Cisalpinische Republik bzw. in die Diözese Mailand. Bei dieser Gelegenheit verlor die Eidgenossenschaft bisher zustehende Rechte im steuerlichen, militärischen und gerichtsherrlichen Bereich, die ihr aufgrund der besonderen geografischen Lage Campione zustanden. 1798 bildete Campione den Mittelpunkt der Cisalpinischen Bewegung, die das Ende der eidgenössischen Herrschaft über die ennetbirgischen Vogteien beschleunigte. Die Schweiz verlangte 1800 und 1815 vergeblich die Eingliederung Campione  ins Tessin, während sich 1848 die Gemeinde ihrerseits ohne Erfolg bei der Tessiner Regierung um einen Anschluss bemühte. Nach 1860 wurde Campione Teil des Königreichs bzw. der Republik Italien. Aufgrund ihrer Lage mitten in neutralem Gebiet entschied sich Campione 1944 als einzige Gemeinde Norditaliens gegen die Integration in Mussolinis Repubblica Sociale Italiana.

Die Schönen und Reichen im Casino. Fotografie von Christian Schiefer, 1935 (Archivio di Stato del Cantone Ticino, Bellinzona).
Die Schönen und Reichen im Casino. Fotografie von Christian Schiefer, 1935 (Archivio di Stato del Cantone Ticino, Bellinzona).

Die besondere geografische Lage prägte Campiones Wirtschaft in der vorindustriellen Zeit: Neben Rebbau, Viehzucht und der Herstellung von Olivenöl bildete der Fischfang eine wichtige Einnahmequelle der Gemeinde. Von Bedeutung sind zudem die Steinhauer von Campione, die vom Mittelalter an zahlreiche künstlerisch wertvolle Werke im mittleren Norditalien, aber auch in ihrer Heimat schufen (Kirche Santa Maria dei Ghirli mit Fresken aus dem 14. und 17. Jh.). Bis ins 20. Jahrhundert stagnierte die wirtschaftliche und demografische Entwicklung der Gemeinde. Erst in den letzten Jahrzehnten ist dank des Aufschwungs im Bausektor und in der Tourismusbranche ein deutlicher Bevölkerungszuwachs zu verzeichnen. Von entscheidender Bedeutung war die Eröffnung eines Spielkasinos 1933, das dank riesiger Einnahmen und der Schaffung vieler Arbeitsplätze die Wirtschaft von Campione nachhaltig veränderte. Seine Wiedereröffnung 1945 war Anlass eines Streites zwischen Italien und der Schweiz, die aus Furcht vor einem Kapitalabfluss den Zugang zu Campione sperrte. Der Konflikt wurde mit der Einführung von Einschränkungen für Schweizer Bürger, welche die Spielsäle besuchen, gelöst. Ein kantonales Dekret regelt seit 1989, in Erwartung einer internationalen Vereinbarung, die Beziehungen zwischen dem Tessin und Campione d'Italia im Schul- und Gesundheitswesen.

Quellen und Literatur

  • A. ColomboCampione d'Italia nella storia, nell'arte e nel diritto, o.J.
  • R. Rusca, La descrittione del borgo di Campione, 1625 (Nachdr. 1963)
  • HS III/1, 455-457
  • G. Vismara et al., Ticino medievale, 1990
Weblinks
Normdateien
GND

Zitiervorschlag

Marco Dubini: "Campione d'Italia", in: Historisches Lexikon der Schweiz (HLS), Version vom 26.08.2003, übersetzt aus dem Italienischen. Online: https://hls-dhs-dss.ch/de/articles/007038/2003-08-26/, konsultiert am 08.02.2023.