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Chiavenna

Am Schnittpunkt des Bergells und des Val San Giacomo gelegen, bildet Chiavenna (früher deutsch Cläven, Kleven) das Zentrum des Valchiavenna, das zusammen mit dem Veltlin die heutige italienische Provinz Sondrio ausmacht. Das im Itinerarium Antonini und in der Peutinger'schen Tafel als Clavenna erwähnte Chiavenna wurde 16 v.Chr. von Augustus' Truppen erobert und durch zwei Strassen – einerseits über den Splügenpass, andererseits über Septimer-, Maloja- und Julierpass – mit Chur verbunden. Die Grafschaft entstand vermutlich im 10. Jahrhundert, zu Beginn der Herrschaft Ottos I., der 960 das Bergell von Villa an aufwärts dem Bistum Chur zuteilte und damit die noch heute gültige Grenzlinie zwischen Italien und der Schweiz zog.

Ansicht von Chiavenna. Kolorierte Aquatinta, gezeichnet von Johann Jakob Meier, graviert von Rudolf Bodmer, veröffentlicht 1825 in Zürich in Die neuen Strassen durch den Kanton Graubündten (Rätisches Museum, Chur).
Ansicht von Chiavenna. Kolorierte Aquatinta, gezeichnet von Johann Jakob Meier, graviert von Rudolf Bodmer, veröffentlicht 1825 in Zürich in Die neuen Strassen durch den Kanton Graubündten (Rätisches Museum, Chur).

Schon 1030 war Chiavenna eine Stadtgemeinde. Im 12. Jahrhundert nutzte sie geschickt die Freundschaft mit Kaiser Friedrich I. Barbarossa, um für sich Benefizien und Privilegien auszuhandeln. Chiavenna war denn auch der Ort, wo der Kaiser seinen Vetter Heinrich den Löwen, Herzog von Bayern und Sachsen, vor der Schlacht von Legnano vergeblich um militärische Hilfe bat. In dieser Zeit beanspruchte der Churer Bischof erstmals das dem Bistum Como unterstellte Gebiet um Chiavenna für sich und stiess 1178 über die Alpen bis Plurs vor. 1335 ging mit dem Herrschaftsgebiet des Bistums Como auch Chiavenna an die Visconti aus Mailand über. Kaiser Ludwig der Bayer und zehn Jahre später König Karl IV. verfügten zwar, dass die Grafschaft Chiavenna dem Bischof von Chur unterstehe; ihr Befehl blieb jedoch wirkungslos. Während des ganzen 15. Jahrhunderts waren die Täler von Chiavenna Lehensgebiet der Balbiani aus Varenna. Die nahe gelegene Gemeinde Plurs löste 1477 die Grundzinsen ab, die sie den Herren von Werdenberg-Sargans ab den Weiden im Valle di Lei entrichten mussten. Im Juni 1486 nutzte ein Bündnerheer den Aufruf von Papst Innozenz VIII., die Sforza zu bekämpfen, welche in Mailand die Visconti abgelöst hatten, um ins Val San Giacomo vorzudringen und bis nach Plurs vorzustossen. Der Rückzug erfolgte erst, nachdem Chiavenna in Brand gesteckt, Vieh und Ackergeräte erbeutet worden waren. Mitte Februar 1487 versuchten 600 Bündner erneut, vom Splügenpass und vom Bergell wie auch von Piattamala im Veltlin her einzudringen; sie wurden aber zurückgeschlagen. Es gelang ihnen jedoch, von Livigno her mit einem Sieg über die Veltliner bei Sondrio durchzubrechen. Darauf eilte Ludwig der Mohr, Herzog von Mailand, zu Hilfe und liess Befestigungsmauern um Chiavenna und die Hauptzentren des Veltlins errichten. Sie wurden 1488-1492 unter anderem mit finanzieller Hilfe der verschiedenen Gemeinden der Grafschaft erbaut, waren aber schon 1512 überflüssig, als nach zwölf Jahren französischer Herrschaft Chiavenna und das Tal durch die Drei Bünde annektiert wurden: Während die eidgenössischen Orte Papst Julius II. und die Heilige Liga unterstützten, griff das Heer des Gotteshausbundes unter Conrad von Planta am 22. Mai 1512 Chiavenna an; die beiden anderen Bünde drangen ins Veltlin vor. Als Letztes ergab sich die Burg Chiavenna sechs Monate später. Damit konnten die Drei Bünde ihre Grenzen über die Wasserscheide hinaus nach Süden ausdehnen. Eine Verbindung zum verbündeten Venedig war hergestellt und die Gefahr unerwarteter Angriffe schien weitgehend abgewendet.

Fuhrmannsbrief für Pietro Clopatto, adressiert an Carlo Pedrone und datiert auf den 18. Dezember 1742 (Rätisches Museum, Chur).
Fuhrmannsbrief für Pietro Clopatto, adressiert an Carlo Pedrone und datiert auf den 18. Dezember 1742 (Rätisches Museum, Chur). […]

Während der Bündner Herrschaft war die Landvogtei Chiavenna in die drei Gerichtsbezirke Chiavenna, Plurs und Val San Giacomo unterteilt. Als Verwalter und Richter für jeweils zwei Jahre schickte die Bündner Regierung nach Chiavenna einen sogenannten commissari, nach Plurs einen Podestà. Der Gerichtsbezirk Chiavenna, mit sechs Gemeinden, hatte wie derjenige von Plurs einen ordentlichen Geheimrat und einen vom Generalrat gewählten Ratsausschuss mit einem console (Gerichtsvorsteher) an der Spitze. Das mit besonderen Privilegien ausgestattete Val San Giacomo war in zwölf bzw. ab 1650 in drei Quartiere aufgeteilt, besass einen Generalrat und einen Talrat, dem ein ministrale (Gerichtsvorsteher) vorsass. Dieser war für Zivilsachen zuständig, für Straffälle indes, unter Beizug einheimischer Beisassen, der commissari von Chiavenna. In dieser Zeit gelangten die sogenannten Porten zu Bedeutung, lokale Genossenschaften, welche für den Warentransport über den Splügenpass das Monopol innehatten. Ab 1436 fand zur Fastenzeit in Chiavenna ein internationaler Jahrmarkt statt, ein kleinerer am Andreastag (30. November). Viele italienische Prediger flüchteten nach der Reformation, von der Inquisition als Ketzer verfolgt, nach Chiavenna. Nach dem Ilanzer Edikt von 1557 wurde in drei Kirchen der Stadt Chiavenna und in weiteren in Prata, Mese und Plurs (wo 1597 eine Disputation stattfand) der reformierte Gottesdienst eingeführt. In den zwei bewegten Jahrzehnten nach dem Veltliner Mord von 1620, von dem Chiavenna nicht betroffen war, stritten sich auf der einen Seite Spanien, auf der anderen Seite Venedig, Graubünden und Frankreich um Chiavenna und das Veltlin. Im Juni 1629 brachten Landsknechte die Pest ins Gebiet. Das Mailänder Kapitulat von 1639 besiegelte die Rückkehr der Drei Bünde, liess jedoch nur den Katholizismus zu und verbot (mit geringer Wirkung) auswärtigen Protestanten, sich im Tal niederzulassen. Im folgenden ruhigen Jahrhundert wurden die Kirchen der Stadt und der Landschaft wieder aufgebaut, auf den stark besiedelten Hügeln neue Kirchen errichtet, in Chiavenna zudem zwei Klöster gegründet.

Im Herzogtum Mailand folgte den Spaniern 1715 Österreich, das 1762 mit Graubünden einen Vertrag abschloss. Darin sah ein Geheimartikel, entgegen dem Mailänder Kapitulat, die Niederlassungsfreiheit für Protestanten vor. Gegen die mächtigen Bündnerfamilien (v.a. die Salis), welche die örtliche Wirtschaft kontrollierten, gab es an den Bundstagen Proteste. 1797 ging die ehemalige Landvogtei Chiavenna an die Cisalpinische Republik über. Nach dem gescheiterten Versuch der Bündner, das Tal nach der Niederlage Napoleons zurückzuerobern, sprach der Wiener Kongress die alte Grafschaft dem Lombardo-Venezianischen Königreich unter den Österreichern zu, die darauf die neue Strasse über den Splügenpass erbauen liessen (1818-1822). Wenig später begann mit Bierbrauereien und Baumwollspinnereien die industrielle Entwicklung von Chiavenna. 1835 waren in Chiavenna zehn Speditionshäuser ansässig, die pro Jahr 4000 t Waren, meist über den Splügen, transportierten. Auf den fünf Märkten der Region wurden im selben Jahr 1400 einheimische und 800 bündnerische Rinder sowie 150 einheimische und 100 bündnerische Pferde gehandelt. 1859 wurde die Talschaft Chiavenna Teil des Königreichs Italien. Ab 1838 war von einem Splügendurchstich die Rede, doch erhielt schliesslich das Piemont den Vorzug. Das Tal ist heute in 13 Gemeinden unterteilt und seit 1973 ist die Comunità montana des Valchiavenna für die überkommunalen Interessen verantwortlich.

Quellen und Literatur

  • E. Besta, Storia della Valtellina e della Val Chiavenna, 21955
  • G. Scaramellini, Chiavenna: appunti di storia, 1980
  • D. Benetti, M. Guidetti, Storia di Valtellina e Valchiavenna, 1990
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Zitiervorschlag

Guido Scaramellini: "Chiavenna", in: Historisches Lexikon der Schweiz (HLS), Version vom 07.05.2015, übersetzt aus dem Italienischen. Online: https://hls-dhs-dss.ch/de/articles/007043/2015-05-07/, konsultiert am 14.08.2022.