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Hegau

Ehem. Grafschaft auf dem Gebiet des heutigen dt. Landkreises Konstanz und des Kt. Schaffhausen. Die Bezeichnung pagus Egauenssis erscheint erstmals in einer in die Jahre 786-790 zu datierenden St. Galler Urkunde. Von einer Grafschaft H. im eigentl. Sinne kann jedoch erst ab 920 gesprochen werden. Sie umfasste ein erheblich grösseres Gebiet als die heute mit H. bezeichnete Landschaft, also nicht nur das vulkan. Kegelbergland im Raum Engen-Singen/Hohentwiel. Innerhalb ihrer Grenzen lagen auch spätere eidg. Territorien, so ein Teil des Stadtgebiets von Schaffhausen, das Reiatgebiet mit elf Dörfern, die Stadt Stein am Rhein und der Ramsener Zipfel mit drei Dörfern.

Nachdem vom 8. bis ins 10. Jh. v.a. Angehörige der hochadeligen Udalrichinger und Hunfridinger die Grafenwürde im H. innegehabt hatten, befand sich die Grafschaft ab der 2. Hälfte des 11. Jh. im Besitz der Gf. von Pfullendorf und fiel nach deren Aussterben um 1180 an Ks. Friedrich Barbarossa. Von der Mitte des 13. Jh. bis 1465 war die Grafschaft H., die mittlerweile zur Landgrafschaft, einer politisch und rechtlich völlig anders gearteten Institution, umgewandelt worden war, in den Händen der Gf. von Nellenburg (bis 1422) und ihrer Erben, den Frh. von Tengen (1422-65). Von Letzteren erwarben 1465 die Habsburger die Landgrafschaft, die nun Nellenburg hiess, und liessen sie von Stockach aus verwalten. Verwaltungs- und Gerichtsorgane waren das Österr. Oberamt und das Kaiserl. Landgericht im H. und Madach.

Innerhalb der Landgrafschaft Nellenburg, die im Lauf der Jahrhunderte stark zusammenschmolz und mehr auf Besitzansprüchen als auf realen Machtverhältnissen gründete, bildeten sich viele mehr oder weniger selbstständige weltl. und kirchl. Herrschaften. Polit. Konkurrenten Österreichs waren v.a. der Bf. von Konstanz, die Abtei Reichenau und andere Klöster, die Inhaber der Herrschaften Engen und Tengen, der Deutschritterorden, die Korporation der Reichsritterschaft im H., die Hzg. von Württemberg als Herren der Festung Hohentwiel sowie die eidg. Städte Schaffhausen und Zürich.

Die Stadt Stein am Rhein begab sich mit Hemishofen und Ramsen 1484 unter die Schirmherrschaft Zürichs, das schon ab 1434 die Ortsherrschaft in Dörflingen besessen hatte. Schaffhausen hingegen erwarb von Österreich erst 1651-98 pfandweise und dann nach längeren Streitereien 1723, im sog. Reiater Jurisdiktionskauf, die Landeshoheit über seine vorwiegend aus Adels- und Klosterbesitz erstandenen Vogteien im Reiat sowie alle landgerichtl. und oberamtl. Hoheitsrechte über seine nellenburg. Besitzungen. Für Dörflingen und Ramsen gelang dies Zürich gar erst 1770. Die dt. Exklave Büsingen zwischen Dörflingen und der Stadt Schaffhausen gelangte trotz intensiver Bemühungen nicht an Letztere.

Die österr. Landgrafschaft Nellenburg und die übrigen dt. Teile der ehemaligen Grafschaft H. kamen zwischen 1803 und 1810 zum Grossherzogtum Baden. Keine der alten Städte (auch nicht Stockach) entwickelte sich zu einer wirkl. Hauptstadt des H.s. Erst im 20. Jh. wuchs die Stadt Singen in die Rolle der "H.-Metropole" hinein. Der heutige baden-württemberg. Landkreis Konstanz, der 1973 erheblich vergrössert wurde, ist fast deckungsgleich mit dem dt. Teil der ehemaligen Grafschaft H.

Mit dem Beitritt Badens zum Dt. Zollverein 1836 verlor die Schaffhauser Wirtschaft ihre Absatzmärkte im H. Einen gewissen Ausgleich schuf die Gründung von schweiz. Industriebetrieben auf dt. Boden, v.a. in der Stadt Singen: Maggi 1887, Georg Fischer 1894 und Aluminium-Walzwerke 1912. Einen tiefen Einschnitt in die engen wirtschaftl. und kulturellen Beziehungen markierte der 1. Weltkrieg. Mit karitativer Hilfe an die dt. Bevölkerung nach dem 2. Weltkrieg begann erneut eine Intensivierung. Neben den Aktivitäten von Vereinen und Museen, von Presse, Radio Munot und Radio 7 ist insbesondere die Kooperation bei der Strom- und Wasserversorgung sowie bei der Abwasserentsorgung zu nennen. Der an mehreren Stellen unbefriedigende Grenzverlauf zwischen dem Kt. Schaffhausen und dem dt. Landkreis Konstanz wurde durch den 1967 in Kraft getretenen Grenzbereinigungsvertrag korrigiert.

Quellen und Literatur

  • K. Schib, «Zur Gesch. der schweiz. Nordgrenze», in ZSG 27, 1947, 1-35
  • A. Funk, «H.», in H. 1, 1956, 11-25
  • H. Berner, «Die Landgrafschaft Nellenburg und die Reichsritterschaft des Kt. H.-Bodensee», in H. 10, 1965, 57-86
  • H. Berner, «Die Landgrafschaft Nellenburg», in Vorderösterreich, hg. von F. Metz, 21967, 613-636
  • H. Berner, «Der H.», in Der H., hg. von H. Gerber, 1970, 55-73
  • H. Berner, «Schaffhausen und der H.», in SchBeitr. 48, 1971, 214-246
  • M. Borgolte, «Zu den Gf. im H. und im Pagus Untersee», in Gesch. der Grafschaften Alemanniens in fränk. Zeit, 1984, 198-207
  • F. Götz, «Vom hist. H. zum Landkreis Konstanz», in Daheim im Landkreis Konstanz, 1998, 226-245
  • W. Kramer, R. Schlatter, «Schaffhausen als Brücke zwischen Deutschland und der Schweiz», in SchaffGesch. 2, 2002, 1244-1323