de fr it

Kirchenstaat

Der Kirchenstaat entstand im Mittelalter und existierte bis 1870. Er umfasste das Territorium in Italien und Südfrankreich (Grafschaft Venaissin und Avignon), über das der Papst die Oberhoheit hatte. Wegen der Doppelrolle des Papstes als geistlichem Oberhaupt der Christenheit und weltlichem Herr des Kirchenstaats ist die Geschichte des Kirchenstaats eng mit derjenigen des Papsttums verbunden (Heiliger Stuhl).

Mittelalter

Dem Papst waren in Süd- und Mittelitalien und auf Sizilien zahlreiche Güter abgetreten worden, die ab dem 6. Jahrhundert als sogenanntes Patrimonium Petri zum Kern des Kirchenstaats wurden. Papst Gregor I. (590-604) organisierte die Verwaltung der Güter. Ab Gregor II. (715-731) beriefen sich die Päpste auf ihre Aufgabe als geistliche und weltliche Schutzherren und erhoben Anspruch auf einen grossen Teil Italiens. Von 739 bis Ende des 9. Jahrhunderts genossen sie fränkischen Schutz, dann jenen der Kaiser des Heiligen Römischen Reichs. Dennoch wurde der Kirchenstaat im Verlauf der Jahrhunderte immer wieder in Kämpfe römischer Adelsparteien und in Auseinandersetzungen mit weltlichen Herrschern verwickelt. Es gab für den Kirchenstaat Perioden des Niedergangs, wie zur Zeit der Schismen, und des Aufstiegs, etwa unter starken Päpsten wie Innozenz III. (1198-1216), Martin V. (1417-1431) und Nikolaus V. (1447-1455).

Für die Politik der eidgenössischen Orte und ihrer Zugewandten spielte der Kirchenstaat im Mittelalter keine entscheidende Rolle. Berührungspunkte gab es jedoch über einzelne Päpste, über ihre Legaten, die Folgen von Schismen und Konzilien sowie über das Soldwesen. 753 überquerte Stefan II. (mit Aufenthalt in der Abtei Saint-Maurice), 804 Leo III., 1050 Leo IX. und 1148 Eugen III. den Grossen St. Bernhard, 1275 Gregor X. den Simplon. Bischof Ermenfried von Sitten wurde 1062 und 1070 als päpstlicher Legat nach England geschickt. Papst Sixtus IV. sandte mehrmals Legaten in die Schweiz (1471-1784), um die Eidgenossen für das 1479 geschlossene und 1486 erneuerte Bündnis zu gewinnen, das dem Papst die Werbung eidgenössischer Kriegsknechte erlaubte. Das Grosse Schisma, das 1378 durch die Wahl von zwei Päpsten ausgelöst wurde, spaltete auch die Diözesen im Gebiet der Schweiz. Das Konzil von Basel beendete die Zeit der Schismen und brachte der Stadt Basel bedeutenden wirtschaftlichen Aufschwung. Die eidgenössischen Orte fungierten als Schutzmächte der Teilnehmer; das Konzil und der in Basel 1439 neu gewählte Papst Felix V. beschäftigten sich mehrfach mit eidgenössischen Angelegenheiten.

Im Kirchenstaat sind ab dem 14. Jahrhundert Söldner aus dem Gebiet der heutigen Schweiz nachgewiesen (Fremde Dienste, Reisläufer). Der Basler Hüglin von Schönegg war 1354 in der Palastgarde des Papstes und 1360 im Dienste von Kardinal Gil Albornoz für den Kirchenstaat, 1376 oberster Zivil- und Militärbeamter in Spoleto. In den Reiterregimentern der Kardinallegaten Bertrand de Payet (1322-1352) und Gil Albornoz (1353-1367) dienten Adelige, Bürger und Bauern aus der Eidgenossenschaft. Die Päpste Nikolaus V. (1447-1455) und Calixt III. (1455-1458) warben Söldner aus dem Gebiet der heutigen Schweiz an. 1496 waren Schweizer in päpstlichem Sold, unsicher ist jedoch die Nachricht von 150 schweizerischen Palastwächtern in Rom.

Neuzeit

Der Kirchenstaat, der die Unabhängigkeit des Heiligen Stuhls gewährleisten sollte, war eine Wahlmonarchie: Das Oberhaupt, der Papst, wurde durch das Kardinalskollegium gewählt. Zur Ausübung seiner Herrschaft stützte sich der Papst vor allem auf seine Verwandtschaft; der Klerus dominierte die Verwaltung; dem Adel, der Stadt Rom und den Legationen Bologna, Romagna und Ferrara kamen Sonderrechte zu. Charakteristisch für den Kirchenstaat war ferner, dass er zwar ein italienischer Teilstaat war, die Sendung des Kirchenstaats jedoch als universell verstanden wurde. Julius II. (1503-1513) befreite den Kirchenstaat von fremden Einflüssen und bemühte sich darum, ihn zentralistisch zu organisieren. Mit den Reformen unter Sixtus V. (1585-1590) wurden die Verwaltungsstrukturen teilweise vereinheitlicht. Wie das übrige Italien wurde die Geschichte des Kirchenstaats bis Ende des 18. Jahrhunderts stark von den Grossmächten (v.a. Spanien und Österreich) bestimmt. 1598 gewann der Kirchenstaat Ferrara zurück, 1631 Urbino. 1791 annektierte Frankreich die Exklaven Avignon und das Comtat Venaissin. Als Folge der napoleonischen Expansion wurden 1796 Bologna und Ferrara an die Cispadanische Republik (Cisalpinische Republik) angeschlossen, die Marken wurden 1797 zur Republik Ancona. Nach dem Scheitern der kurzlebigen Römischen Republik 1798-1799 wurde der Kirchenstaat restauriert (ohne Bologna), 1809 annektierte ihn das Kaiserreich Frankreich und 1815 wurde wiederum der Zustand von 1796 hergestellt (ohne Avignon). Die politische Einigung Italiens stellte dann aber die Existenz des Kirchenstaats erneut in Frage. 1831 kam es zu Aufständen in Bologna und in der Romagna. Militärische Interventionen Frankreichs und Österreichs garantierten den Fortbestand des Kirchenstaats nur vorübergehend. 1859 wurden Bologna und die Romagna an das Königreich Italien angeschlossen, 1860 folgten Umbrien und die Marken. Nach Abzug der Franzosen annektierte Italien 1870 Rom und den verbliebenen Kirchenstaat. Erst 1929 schufen die Lateranverträge mit der Bildung des Vatikanstaats einen Modus Vivendi zwischen dem Heiligen Stuhl und Italien.

Die Beziehungen zwischen dem Gebiet der heutigen Schweiz und dem Kirchenstaat sind nicht systematisch erforscht. Die diplomatischen Beziehungen wurden ab dem ausgehenden 16. Jahrhundert einseitig durch den Nuntius, den Vertreter des Heiligen Stuhls in Luzern, wahrgenommen (Nuntiatur). Die katholischen Orte der Eidgenossenschaft begnügten sich mit der Entsendung von Sondergesandtschaften, zumeist anlässlich der Thronbesteigung eines Papstes. Luzern unterhielt ab 1714 einen Agenten in Rom. Die Kommandanten der Schweizergarde fungierten öfters als inoffizielle Gesandte. 1815 errichtete die Eidgenossenschaft ein Honorarkonsulat in Rom, das 1841 in ein Generalkonsulat umgewandelt wurde.

1506 wurde die päpstliche Schweizergarde gegründet. Während der Mailänderkriege schloss Papst Julius II. 1510 den ersten Soldvertrag mit den zwölf eidgenössischen Orten und dem Wallis. Leo X. engagierte 1516 ca. 1600 Schweizer zur Eroberung Urbinos, 1521 mit Hilfe von Kardinal Matthäus Schiner weitere 6000 Schweizer Söldner zur Rückgewinnung Mailands; spärliche Soldauszahlungen bewogen die meisten Söldner zur Rückkehr. 2000 Mann dienten Clemens VII. 1526 im Kriege gegen die Colonna. Die Plünderung Roms im Jahr 1527 (Sacco di Roma), die nur 42 der 189 Schweizergardisten überlebten, schuf eine Zäsur. Erst 1548 wurde die Schweizergarde in Rom neu gegründet. 1557 warb Paul IV. ca. 2800 Söldner unter Melchior Lussi an. 300 von ihnen fielen bei der Niederlage des päpstlichen Heeres bei Paliano, der Rest kehrte 1558 in die Heimat zurück. Ähnlich wie die Päpste unterhielten die Kardinallegaten in den Legationen Schweizer Söldner als Leibgardisten: 1542 in Bologna (zunächst 120, im 18. Jh. noch 50 Mann), 1550 in Perugia, 1573 in Avignon (12-20 Mann), 1598 in Ferrara, 1631 in Urbino (Schweizergarden). Ab 1605 war der Kommandant der päpstlichen Schweizergarde Oberst sämtlicher Garden im Kirchenstaat Die als Nachfolgerin der Korsengarde 1666 geschaffene 2. Schweizergarde in Rom (ca. 300 Mann) wurde schon 1672 aufgehoben. Die Garde in Avignon wurde 1790, die übrigen 1796 aufgelöst.

Porträt von General Anton Schmid, Kommandant des letzten Schweizer Regiments im Dienst des Kirchenstaats. Ölgemälde eines unbekannten Künstlers, um 1860 (Staatsarchiv Uri, Altdorf, Kantonale Kunst- und Kulturgutsammlung, StA 1428).
Porträt von General Anton Schmid, Kommandant des letzten Schweizer Regiments im Dienst des Kirchenstaats. Ölgemälde eines unbekannten Künstlers, um 1860 (Staatsarchiv Uri, Altdorf, Kantonale Kunst- und Kulturgutsammlung, StA 1428).

Zahlreiche Schweizer Katholiken dienten ab 1831 in der sogenannten Brigata Estera (64 Offiziere, 2123 Unteroffiziere und Soldaten). Einige wenige schlossen sich 1849 der Römischen Republik an, die Mehrheit wurde 1850 wieder in die erneut geschaffene Brigata Estera aufgenommen. 1852 waren es 80 Offiziere, 3499 Unteroffiziere und Soldaten. Ein 1859 gegründetes 2. Schweizer Regiment unter dem Urner Anton Schmid nahm am 29. Juni 1859 Perugia beinahe kampflos ein. Bei den anschliessenden Plünderungen kamen 20 Menschen ums Leben. Nach dem Anschluss von Perugia und Ancona an Italien wurden 1860 die Schweizer Regimenter aufgelöst. Weitere Freiwillige aus der Schweiz dienten im päpstlichen Heer bis zur Auflösung des Kirchenstaats. Nach der Einnahme Roms 1870, bei der zwei Schweizer fielen, wurden mit Ausnahme der Schweizergarde alle Schweizer in päpstlichen Diensten entlassen. Pius IX. hatte bereits 1858, nachdem die Bundesverfassung von 1848 Militärkapitulationen verboten hatte, ein Abkommen direkt mit der Schweizergarde geschlossen. Seit 1970 ist diese die einzige militärische Formation des Heiligen Stuhls.

Rom ist seit der Renaissance auch für Architekten, Bildhauer, Maler, Stuckateure und Kunsthandwerker aus der Schweiz ein Magnet. Vor allem Künstler aus den italienischsprachigen Vogteien zogen nach Rom, unter ihnen Francesco Borromini, Carlo Maderno, Carlo und Domenico Fontana, die zu den bedeutendsten Architekten des römischen Barock gezählt werden (Maestranze). Im 18. und 19. Jahrhundert verbrachten auch vermehrt Künstler und Gelehrte aus der übrigen Schweiz Studienjahre in Rom, so Johann Heinrich Füssli, Marcello, Jacob Burckhardt, Arnold Böcklin. Der Anteil von Schweizer Klerikern an der römischen Kurie war gering. Zahlreiche Theologiestudenten absolvierten jedoch ihre Studien in Rom: Am 1552 gegründeten Pontificium Collegium Germanicum et Hungaricum waren es bis 1870 etwa 223 Studenten, am päpstlichen Propaganda-Kolleg zwischen 1634 und 1870 ungefähr 72. Auf Veranlassung von Konsul Snell wurde 1830 die Société helvétique de bienfaisance de Rome gegründet, die in Not geratenen Pilgern und Romreisenden aus der Schweiz helfen sollte; 1845 unterstützte sie 163 von 435 Rombesuchern. Die Universität Bologna besass in der Neuzeit nicht mehr dieselbe Anziehungskraft, die sie im Mittelalter hatte. Zwischen 1525 und 1599 waren dort 25 Studenten aus dem Gebiet der heutigen Schweiz immatrikuliert. 1796 waren es nur noch neun, von denen sieben aus dem Tessin stammten.

Quellen und Literatur

  • F. Segmüller, «Der Krieg Pauls IV. gegen Neapel und der Schweizerzug nach Paliano», in ZSK 6, 1912, 161-186, 241-276; 7, 1913, 1-36, 96-113, 161-190
  • R. Durrer, Die Schweizergarde in Rom und die Schweizer in päpstl. Diensten, 1927
  • S. Stelling-Michaud, «La Suisse et les universités européennes du 13e au 16e siècle», in Revue universitaire suisse 12, 1938-39, 148-160
  • A. Ackermann, Die Schweiz und Rom, 1960
  • P.M. Krieg, Die Schweizergarde in Rom, 1960
  • F. Maissen, «Schweizer Studenten am Kollegium der Propaganda Fide in Rom 1634-1920», in ZSK 69, 1975, 310-339
  • G. Lutz, «Das päpstl. Heer im Jahre 1667», in Archivum historiae pontificiae 14, 1976, 169-212
  • F. Maissen, «Schweizer Studenten am Collegium Germanicum in Rom 1552-1900», in SZK 73, 1979, 256-305
  • P. Crociani, «Le compagnie svizzere dei Legati Pontifici», in Figurina Helvetica 40, 1981, 16-18
  • A. Mancini Barbieri, «Nuove ricerche sulla presenza straniera nell'esercito pontificio 1850-1870», in Rassegna storica del Risorgimento 73, 1986, 161-186
  • P.L. Surchat, «Zu den Anfängen der päpstl. Schweizergarde», in Röm. Quartalschr. 86, 1991, 113-123
  • L. Carlen, Walliser in Rom, 1992
  • R. d'Argence, Six mois aux Zouaves pontificaux, 2000
  • Hirtenstab und Hellebarde, hg. von U. Fink et al., 2006
Weblinks
Normdateien
GND

Zitiervorschlag

Louis Carlen; Pierre Surchat: "Kirchenstaat", in: Historisches Lexikon der Schweiz (HLS), Version vom 16.10.2008. Online: https://hls-dhs-dss.ch/de/articles/007342/2008-10-16/, konsultiert am 08.08.2022.