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TessinKanton

Seit 1803 Kanton der Eidgenossenschaft. Italienisch Ticino, französisch und rätoromanisch Tessin. Amtliche Bezeichnung: Republik und Kanton Tessin. Amtssprache ist Italienisch, Hauptort Bellinzona.

Wappen des Kantons Tessin
Wappen des Kantons Tessin […]
Oro- und hydrografische Karte des Kantons Tessin mit den wichtigsten Ortschaften
Oro- und hydrografische Karte des Kantons Tessin mit den wichtigsten Ortschaften […]

Das heutige Kantonsgebiet stand im Früh- und Hochmittelalter unter der Herrschaft von Como und Mailand, gehörte im 14. und 15. Jahrhundert zum Herzogtum Mailand und wurde zwischen 1439 und 1521 in acht Vogteien unterteilt: Die Leventina hing von Uri ab, Blenio, die Riviera und Bellinzona von Uri, Schwyz und Nidwalden, Locarno, das Vallemaggia, Lugano und ab 1521 Mendrisio von den zwölf Orten (13 Orte ohne Appenzell). 1798 wurde das Gebiet der Helvetischen Republik angegliedert.

Struktur der Bodennutzung im Kanton Tessin

Fläche (2011)2 812,5 km2 
Wald / bestockte Fläche1 373,7 km248,9%
Landwirtschaftliche Nutzfläche403,0 km214,3%
Siedlungsfläche143,5 km25,1%
Unproduktive Fläche892,3 km231,7%
 Struktur der Bodennutzung im Kanton Tessin -  Arealstatistik der Schweiz

Das Tessin liegt als einziger Kanton der Schweiz vollständig südlich der Alpen. Es erstreckt sich über rund 100 km von den Alpen bis an den Rand der Poebene und besteht aus zwei geografischen Haupträumen, die der Monte Ceneri voneinander trennt: Das Sopraceneri gehört zum Alpenraum und wird vom Oberlauf des Flusses Tessin, der dem Kanton den Namen gibt, durchflossen, das Sottoceneri hingegen ist ein typisches Voralpengebiet. Der Kanton umschliesst die Enklave Campione d'Italia, ragt im Süden keilförmig nach Italien hinein, und grenzt dabei an die piemontesische Provinz Verbano-Cusio-Ossola sowie an die lombardischen Provinzen Varese und Como. Im Nordosten hat er eine gemeinsame Grenze mit dem Wallis, im Norden mit Uri und im Nordosten mit Graubünden.

Bevölkerungs- und Wirtschaftsstruktur des Kantons Tessin

Jahr 18501880a1900195019702000
Einwohner 117 759130 394138 638175 055245 458306 846
Anteil an Gesamtbevölkerung der Schweiz4,9%4,6%4,2%3,7%3,9%4,2%
Sprache       
Italienisch  129 409134 774155 609210 268254 997
Deutsch  1 0543 18015 90725 74425 579
Französisch  2124032 4544 1025 024
Rätoromanisch  39107293368384
Andere  631747924 97620 862
Religion, Konfession       
Katholischb 117 707130 017135 828160 569220 313233 023
Protestantisch 503582 20910 79219 19221 121
Christkatholisch    206142562
Andere 24026013 4885 81152 140
davon jüdischen Glaubens 21118555809383
davon islamischen Glaubens     2695 747
davon ohne Zugehörigkeitc     3 09123 032
Nationalität       
Schweizer 109 952110 306108 181144 909177 954228 057
Ausländer 7 80720 08830 45730 14667 50478 789
Jahr  19051939196519952005
Beschäftigte im Kanton1. Sektor 48 29647 0894 4484 878d3 910
 2. Sektor 17 60324 05764 10551 40644 656
 3. Sektor 16 07222 02553 219108 735118 409
Jahr  19651975198519952005
Anteil am schweiz. Volkseinkommen 3,2%3,5%3,6%3,6%3,3%

a Einwohner, Nationalität: Wohnbevölkerung; Sprache, Religion: ortsanwesende Bevölkerung

b 1880 und 1900 einschliesslich der Christkatholiken; ab 1950 römisch-katholisch

c zu keiner Konfession oder religiösen Gruppe gehörig

d gemäss landwirtschaftl. Betriebszählung 1996

Bevölkerungs- und Wirtschaftsstruktur des Kantons Tessin -  Historische Statistik der Schweiz; eidgenössische Volkszählungen; Bundesamt für Statistik

Von der Urzeit bis zur Spätantike

Vom Paläolithikum bis zur Eisenzeit

Je nach Region folgten die Besiedlungsvorgänge des heutigen Kantonsgebiets unterschiedlichen Mustern und sind im Einzelnen noch wenig erforscht. Die geografische Verbreitung der Funde deutet auf drei Hauptzonen hin: Das Sottoceneri, der Raum um den oberen Langensee und die Zugangstäler zu den Alpenpässen.

Steinzeit

Ur- und frühgeschichtliche Fundorte im Kanton Tessin (A)
Ur- und frühgeschichtliche Fundorte im Kanton Tessin (A) […]

Die Grabungen in der sogenannten Bärenhöhle am Ostabhang des Monte Generoso lieferten bis heute keine Belege für die Anwesenheit von Menschen im Paläolithikum und besonders im späten Mittelpaläolithikum (100'000-35'000 v.Chr.); auch aus den Pollenanalysen im Origliosee lassen sich keine entsprechenden Rückschlüsse ziehen. Gesicherte Beweise für das Auftreten von Menschen im Tessin liegen erst für das Mesolithikum (10'500-5500 v.Chr.) vor, während eine feste Besiedlung nicht vor 5500-5000 v.Chr. einsetzt, als sich Vertreter des padanisch-alpinen Neolithikums auf dem Hügel von Bellinzona (Castel Grande) niederliessen. Im Neolithikum (5500-2200 v.Chr.) bearbeiteten die Hügelbewohner Silex sowie Bergkristall und stellten Keramik her. In einer ersten Phase erbauten sie eine Siedlung mit Hütten von rechteckigem Grundriss. Später errichtete eine Gruppe aus der Bocca-Quadrata-Kultur am selben Ort Behausungen mit kreisförmigem und ovalem Grundriss. Einige auf dem Hügel von Tremona-Castello gefundene Tongefässe bezeugen das Vorkommen der Glockenbecherkultur (2500-2200 v.Chr.) im Mendrisiotto.

Bronzezeit

Die frühesten bronzezeitlichen Funde stammen aus der Mittelbronzezeit (16.-15. Jh. v.Chr.). Mit dem Auftreten der Canegrate-Kultur (14.-13. Jh. v.Chr.) sowie der Vorstufe der Golaseccakultur (13.-10. Jh. v.Chr.) begann die Spätbronzezeit.

Unter den Siedlungsplätzen der Mittelbronzezeit ist derjenige von Bellinzona (Castel Grande) besonders wichtig, da er eine mehrere tausend Jahre lange Siedlungskontinuität aufweist. Siedlungsspuren aus der Mittel- und Spätbronzezeit wurden beim sogenannten Schloss in Tegna, auf dem Burghügel San Michele in Ascona und in Tremona-Castello gefunden, während die Grabfunde und Alltagsgegenstände aus dem eisenzeitlichen Gräberfeld im Weiler Progero (Gemeinde Gudo) schwierig einzuordnen sind. Von Bedeutung sind auch die Depotfunde von Castione und Osogna.

Nekropole von Gudo. Einblick in die Grabungsarbeiten von 1909–1910, die zur gleichen Zeit wie die Eindämmung des Flusses Tessin durchgeführt wurden (Ufficio dei beni culturali, Servizio archeologia, Bellinzona).
Nekropole von Gudo. Einblick in die Grabungsarbeiten von 1909–1910, die zur gleichen Zeit wie die Eindämmung des Flusses Tessin durchgeführt wurden (Ufficio dei beni culturali, Servizio archeologia, Bellinzona). […]

Die Fundstätte Alpe Rodont (Gemeinde Airolo) weist eine Reihe von Merkmalen auf, die für die Besiedlung des Alpenraums in der Bronzezeit typisch sind. Die Stelle wurde schon im Mesolithikum frequentiert, wie ein Abri mit Spuren von Feuerstellen und Holzkohle zeigt. Der Fundort Madrano (Gemeinde Airolo) liegt dagegen in einer natürlichen Geländesenke am Talrand in der Nähe des Wegs über den Gotthardpass. Die beiden Fundorte lassen den Schluss zu, dass bereits in der Bronzezeit eine saisonale Transhumanz in Richtung der Alpweiden stattgefunden hatte und die Siedlungen der Alpentäler Teil eines umfassenderen Wirtschafts- und Siedlungsraums waren.

Die ersten bekannten Nekropolen gehen auf das 14. Jahrhundert v.Chr. zurück. In Ascona (San Materno, 12.-10. Jh. v.Chr.) wurden rund 20 Brandgräber gefunden, eine kleinere Anzahl in Arbedo, Claro, Giubiasco, Gorduno, Locarno und Tenero. Im Sottoceneri ist bisher nur das Gräberfeld von Rovio bekannt.

Das Bild wird durch Einzelfunde von Bronzebeilen abgerundet. Da die Fundorte sich im Sopraceneri, vor allem in der Gegend von Bellinzona und Locarno, häufen und im Sottoceneri praktisch fehlen, lassen sich Rückschlüsse auf den Besiedlungsprozess ziehen: Offenbar bevorzugten die Menschen jener Zeit die Nähe von Seen und Flüssen (Langensee, Fluss Tessin) und errichteten ihre Siedlungen vorab auf Hügeln, während sie ihre Nekropolen in der Ebene anlegten.

In der beginnenden und entwickelten Spätbronzezeit bestanden Beziehungen einer Vorstufe der Golaseccakultur sowohl mit dem nordwestlichen Teil des Mittellandes wie mit der italienischen Halbinsel, insbesondere mit dem westlichen Mittelitalien, dem späteren Etrurien. Damit kündigte sich bereits die grundlegende geschichtliche Bedeutung der späteren Golaseccakultur an, welche die Verbindung zwischen dem Mittelmeerraum und den Kelten Zentraleuropas über die Alpenpässe herstellte.

Eisenzeit

Im Tessin wird die Eisenzeit (9. Jh.-15 v.Chr.) in zwei Perioden unterteilt: in die der Golaseccakultur (9.-4. Jh. v.Chr.), deren Name sich auf ein südlich des Langensees gelegenes Gräberfeld bezieht, und in die nach einem Fundort am Neuenburgersee benannte Latènezeit (Anfang 4.-1. Jh. v.Chr.). Dank schriftlicher Quellen der Griechen Strabon (Geografie, Buch IV) und Klaudios Ptolemaios (Handbuch der Geografie) sowie römischer Geschichtsschreiber wie Titus Livius (Ab urbe condita) sind die Pässe bekannt, die in der Sommerzeit begangen wurden. Bei den als Alpen bezeichneten Übergängen handelt es sich wohl um den Grossen St. Bernhard, Simplon, Gotthard, San Bernardino und den Lukmanierpass. Ebenso sind die Namen der Völker überliefert, die diese Landstriche bewohnten. Dazu gehörten die Lepontier, deren Siedlungsgebiet von den Quellen der Rhone und des Rheins bis zu den nördlich von Como gelegenen oberen Tessiner Tälern, dem Val d'Ossola, dem Centovalli und dem Locarnese reichte. Wegen ihrer stark gegliederten Topografie war diese Region von grösstem geografischem und strategischem Interesse. Die materielle Kultur dieses bedeutenden Alpenvolks erreichte ein hohes Niveau, wie besonders wertvolle Grabbeigaben bezeugen.

In der Eisenzeit wickelte sich der nun besser dokumentierte Handelsverkehr über die Schaltstellen Bellinzona im Sopraceneri und Como im Sottoceneri ab. Transportiert wurden Waren aus dem Mittelmeerraum wie Öl und Wein, die über die Adriaküste und den Po in die Zentren der Poebene gelangten. Von dort wurden sie über die wichtigsten Alpenpässe nach Mitteleuropa verschoben. Aus Nordeuropa stammten hingegen Metalle wie Zinn sowie Bernstein und Salz. Dank dieser Handelsbeziehungen gelangte die einheimische Bevölkerung zu Reichtum, bediente sich des Geldes als Tauschmittel und lernte den Gebrauch der Schrift, wie unter anderem einige im Sottoceneri gefundene Grabstelen mit Inschriften in lepontischem Alphabet aus dem 6.-5. Jahrhundert v.Chr. belegen. Diese auch als Alphabet von Lugano bekannte Schrift geht auf das etruskische Alphabet zurück. Vom regen Tauschhandel zeugt ebenfalls ein Bronzedepotfund in Arbedo.

Zahlreich sind die Gräberfelder im Tessin ab Mitte des 6. Jahrhunderts v.Chr., während die Siedlungen aus dieser Zeit im Lauf der Jahrhunderte offenbar durch die späteren Überlagerungen zerstört wurden. Die Nekropolen aus dem 6. Jahrhundert v.Chr. befinden sich vor allem in der Umgebung von Bellinzona und bestehen aus Brand- und Körpergräbern. Im Sopraceneri, das mit dem Raum Varese verbunden war, herrschte in den folgenden Perioden die Körperbestattung vor. In dem mit Como im Austausch stehenden Sottoceneri wurde hingegen ausschliesslich die Brandbestattung praktiziert. Bis zur Romanisierung zeigen die Grabbeigaben sowohl Einflüsse aus dem nordalpinen Keltengebiet wie auch aus der Poebene. Die enorme Anzahl von Objekten aus Silber, Bronze und Bernstein bezeugt den Reichtum, der im Handelsverkehr entlang der Nord-Süd-Achse erworben wurde.

Von der Romanisierung zum Frühmittelalter

Romanisierung

Es ist nicht ganz klar, wann die indigene Bevölkerung südlich der Alpen mit den Römern in Kontakt kam und romanisiert wurde. Vermutlich handelte es sich um einen schrittweisen und friedlichen Prozess. Um 49 v.Chr. gehörte das Tessin zu den Territorien von Como und Mailand, weshalb seinen Bewohnern auch das römische Bürgerrecht gewährt wurde. Die entscheidende Wende trat ein, als Augustus zwischen 25 und 15 v.Chr. die Alpenvölker unterwarf und den Bau eines Strassennetzes begann. Nun setzte die allmähliche Integration des Tessins in den römischen Einflussbereich ein. Im Lauf der Jahrhunderte wurde das Strassennetz zum Ausgangs- und Angelpunkt eines Verkehrssystems, das die Seengebiete über den San Bernardino-, Maloja-, Julier-, Septimer-, Splügen-, Gotthard- und Lukmanierpass mit dem Rhonetal, dem Bodensee, dem Rhein, der Donau und den europäischen Handelszentren verband.

Emaillierte Fibeln aus dem 2.–3. Jahrhundert n. Chr., entdeckt bei den Ausgrabungen von 15 Grabstätten einer römischen Nekropole in Airolo-Madrano 1957 und 1965–1966 (Ufficio dei beni culturali, Servizio archeologia, Bellinzona; Fotografie Loretta Doratiotto Vigo, Pregassona).
Emaillierte Fibeln aus dem 2.–3. Jahrhundert n. Chr., entdeckt bei den Ausgrabungen von 15 Grabstätten einer römischen Nekropole in Airolo-Madrano 1957 und 1965–1966 (Ufficio dei beni culturali, Servizio archeologia, Bellinzona; Fotografie Loretta Doratiotto Vigo, Pregassona).

Obwohl die Funde aus dem Sottoceneri ziemlich weit zerstreut sind, lassen heidnische und später christliche Kultgebäude in Bioggio, ein Gräberfeld in Melano, Villen und Mosaiken in Mendrisio, Morbio Inferiore und Stabio sowie einige Inschriften in Ligornetto, Riva San Vitale und Stabio darauf schliessen, dass dieses Gebiet ganz auf Como ausgerichtet war und zum Umland der Stadt gehörte. Im Sopraceneri konzentrieren sich die Funde um das nördliche Ende des Langensees, verteilen sich aber auch aufs Hinterland bis ins Maggiatal und ins Pedemonte. Regionales Zentrum war der Vicus von Muralto, ein Handelsplatz mit Wohn- und Werkstattviertel. In Locarno, Locarno-Solduno, Minusio, Ascona, Losone-Arcegno, Cavigliano und Tenero gefundene Nekropolen mit reichen Grabbeigaben legen nahe, dass in der Umgebung des Vicus weitere Siedlungen bestanden. In Richtung Norden war das Tessin bis an die Hänge des Gotthards bewohnt. Dort zeugt das Gräberfeld von Madrano von der Durchdringung von römischer und alpiner Lebensart.

Untergang des Imperiums und Christianisierung

Der Angriff der Alemannen auf Mailand 259-260 sowie andere bewaffnete Einfälle aus dem Norden waren die ersten Anzeichen einer Krise im 3. Jahrhundert. Als Mailand 286 Residenzstadt des weströmischen Kaisers (bis 402) wurde, geriet das Gebiet um den Luganersee in den Verteidigungsgürtel, der sich dem Fuss der Alpenpässe entlang zog. Über die Besiedlung jener Zeit ist wenig bekannt und noch unklarer ist, welche Funktion die Gutshöfe (villae) hatten, von denen einige mindestens bis ins ausgehende 4. oder bis ins 5. Jahrhundert bestanden.

Ur- und frühgeschichtliche Fundorte im Kanton Tessin (B)
Ur- und frühgeschichtliche Fundorte im Kanton Tessin (B)

Die ältesten Zeugnisse der Christianisierung des Tessins gehen auf die 2. Hälfte des 4. Jahrhunderts zurück, als sich das Christentum in Norditalien entlang der Durchgangsstrassen ausbreitete. In Gräbern in Arcegno (Gemeinde Losone) und Carasso (Gemeinde Bellinzona) wurden zwei Verlobungs- oder Eheringe mit Christogramm gefunden; dem Ersteren war eine heidnische Beigabe für eine Frau beigesellt. Die Christianisierung des Alpenraums ging von den Bischofssitzen Mailand und Como aus. Von den städtischen Zentren griff die friedliche Bekehrungstätigkeit auf die Randgebiete über, wo neben den von den Bischöfen ausgesandten Priestern auch bekehrte Mitglieder einflussreicher Familien wirkten. In der 2. Hälfte des 5. und im 6. Jahrhundert wurde der Kirchenaufbau systematischer vorangetrieben. Auf diese Zeit geht die Gründung zahlreicher Taufkirchen und Baptisterien zurück, vor allem jene von Riva San Vitale (Ende 5.-Anfang 6. Jh.) und Balerna (7.-8. Jh.), während die Existenz eines solchen Baus bei der Kirche San Vittore in Muralto nicht nachgewiesen ist. Sie wurden zu eigentlichen Zentren der Christianisierung in einem Gebiet, in dem sich heidnische Reste noch lange hielten.

Im 5. und 6. Jahrhundert wurden vor allem entlang der Transitachse in Richtung Gotthard- und Lukmanierpass zahlreiche Kultgebäude erstellt, so in Stabio, Mendrisio, Bioggio, Gravesano, Mezzovico, Gudo, Gorduno, Quinto, Airolo und Dongio. Einige dieser Gebäude wurden vorerst aus Holz errichtet und später durch Steinbauten ersetzt.

Machtverhältnisse und politisch-administrative Organisation im Mittelalter und in der Neuzeit

Früh- und Hochmittelalter

Um 588 wurden das Sottoceneri und grosse Teile des Tessintals von den Langobarden erobert, nachdem der wichtige byzantinische Stützpunkt auf der sogenannten Isola Comacina aufgegeben worden war. Nach Gregor von Tours befand sich um 590 auch die Festung Bellinzona in der Hand des langobardischen Mailand. Daraus geht hervor, dass das südliche Voralpengebiet die nördliche Grenze des Langobardenreichs bildete. Es gehörte zu zwei oder drei Verwaltungsbezirken, den sogenannten gastaldie oder iudiciariae. Die neuen Herrscher traten gegenüber der romanisierten Bevölkerung als Herren auf und verlangten von ihr Gehorsam, Dienste und Abgaben. Der lokalen Oberschicht gaben sie dauerhaft ein neues Gesicht. So beriefen sich noch im 13. Jahrhundert einflussreiche Personen auf das langobardische Recht. Das Familienarchiv des Totone von Campione, der 777 seine Güter um Campione der Mailänder Kirche Sant'Ambrogio vermachte, gibt Aufschluss über die Eigenart der damaligen lokalen Oberschicht: Ihr Reichtum beruhte auf Landwirtschaft und Handel; ihre Angehörigen unterhielten ein weitreichendes Beziehungsnetz und besassen eine weitgehende Verfügungsgewalt über Leibeigene und Halbfreie.

Beschläge aus vergoldeter Bronze von einem Prachtsschild aus dem 1833 in Stabio entdeckten Grab eines langobardischen Kriegers. Tafel XVII des Werks Supplément au recueil d'antiquités suisses von Gustav von Bonstetten, erschienen bei der Druckerei Georges Bridel in Lausanne, 1860 (Kantons- und Universitätsbibliothek Freiburg, RESP 97/2).
Beschläge aus vergoldeter Bronze von einem Prachtsschild aus dem 1833 in Stabio entdeckten Grab eines langobardischen Kriegers. Tafel XVII des Werks Supplément au recueil d'antiquités suisses von Gustav von Bonstetten, erschienen bei der Druckerei Georges Bridel in Lausanne, 1860 (Kantons- und Universitätsbibliothek Freiburg, RESP 97/2). […]

Nach der Eroberung des Langobardenreichs durch die Franken 774 zeigten sich im Tessin mit der Zuwanderung, der Wiederaufnahme des Passverkehrs und der Verdichtung der Handelsbeziehungen vermehrt Einflüsse aus Gebieten nördlich der Alpen. In der in zwei Verwaltungsgebiete Stazzona und Seprio unterteilten Region nahm der Königsbesitz allmählich zu und das Lehenswesen setzte sich durch. Neben den weltlichen Lehensgütern verbreitete sich der Grundbesitz der grossen langobardischen Klöster von Pavia, Como und Mailand. 948 schenkte der aus einer adligen langobardischen Familie stammende Bischof Atto von Vercelli seine Besitzungen, d.h. Güter, Kirchen und Festungen im Bleniotal und der Leventina der Mailänder Kirche und legte damit den Grundstein zur Herrschaft des Domkapitels über die Ambrosianischen Täler. Da die Region zunehmend in lokale Kleinherrschaften zerfiel, nahm der Einfluss von Como und Mailand auf das ganze Tessiner Gebiet zu. Nachdem Kaiser Heinrich II. 1002/1004 die Pieven Bellinzona, Locarno und wahrscheinlich auch Agno der Diözese Como übereignet und die Festung Bellinzona dem Bischof von Como vermacht hatte, kam es im Investiturstreit zum offenen Konflikt zwischen den beiden Städten, der sich 1118-1127 in kriegerischen Auseinandersetzungen im Sottoceneri niederschlug.

Das Zeitalter der Kommunen

Als sich die karolingische Gebietseinteilung, ausgenommen in den oberen Tälern, aufzulösen begann, verstärkte sich der herrschaftliche Zugriff der lombardischen Städte auf die Region. Im 11. Jahrhundert übte der Bischof von Como in den Gebieten wie Bellinzona, wo er Grundbesitz und Kastelle besass, eine direkte Herrschaft aus. Daneben blühten lokale geistliche und weltliche Herrschaften. Die Klöster Sant'Abbondio und San Carpoforo in Como, die anfänglich durch Schenkungen ihrer Bischöfe begünstigt worden waren, erlangten in Orten wie Agnuzzo, Breno und Sonvico auch die Gerichtsbarkeit. Adelsfamilien wie die della Torre (Torriani) von Mendrisio, die de Sessa und einige Zweige der da Besozzo erwarben ihrerseits Ländereien und Zehntrechte, übten aber wahrscheinlich keine Gerichtsbarkeit aus. Zum Stamm der da Besozzo aus der Grafschaft Seprio gehörten wahrscheinlich auch die Capitanei di Locarno, die dank ihrer Beziehungen zu den Bistümern Como und Mailand sowie zum Kaiserreich Privilegien, Regalien und das Marktrecht erhielten. In den Ambrosianischen Tälern versuchten die da Giornico und die da Torre, die zunächst als Vögte (avogadri) und Rechtsbeistände der Kirche von Mailand fungiert hatten, ihre Macht zu erweitern, indem sie von den Grafen von Lenzburg, die von Kaiser Friedrich Barbarossa mit den Tälern belehnt worden waren, die Reichsvogtei übernahmen. Bis 1176 war Alcherio da Torre für kurze Zeit Reichslehensträger.

Im Zug der Durchsetzung ihrer Stadtherrschaft im 12. und 13. Jahrhundert führten Mailand und Como eine neue Territorialorganisation ein, von der auch die Tessiner Gebiete betroffen waren. Diese übernahm die kirchliche Einteilung nach Pieven und bediente sich in der Praxis der Rechts-, Fiskal- und Gebietsverwaltung zahlreicher neuer Instrumente, die auf der systematischen Verwendung der Schrift beruhten. In den Randgebieten führte diese Gebietseinteilung dazu, dass sich lokale Gemeinwesen als Ansprechpartner und Gegenspieler etablierten. Diese organisierten sich in Form von Talgemeinschaften, Nachbarschaften oder Dorfgenossenschaften, die sich aus älteren Personenverbänden entwickelt hatten (in Arogno trat z.B. 1010 ein solcher rudimentärer Verband in einem Grenzstreit auf). 1186 erhielt die Landschaft Locarno von Barbarossa die Reichsunmittelbarkeit, während Lugano 1191 eine weitgehende Selbstverwaltung gegenüber den Gerichtsbeamten Comos zugestanden wurde. 1182 leisteten die Talleute von Blenio und der Leventina mit der Unterstützung des kaiserfeindlichen Mailand den Schwur von Torre, aufgrund dessen es ihnen gelang, den Einfluss des lokalen Adels, vor allem der da Torre, auszuschalten und öffentliche Rechte wie die Bewilligung des Baus von Burgen für sich in Anspruch zu nehmen.

In den schriftlichen Quellen des 13. Jahrhunderts erscheinen die Landgemeinden, in denen die Verwaltung der gemeinsamen Güter, der Schutz des friedlichen Zusammenlebens und die Selbstregierung in Statuten und Offnungen geregelt waren, als vollständig ausgebildet. In den Tälern teilten die Nachbarschaften die Alpweiden unter sich auf (1227 Leventina) und organisierten den Warentransport (1237 Osco). Obwohl die Borghi Locarno, Lugano und Bellinzona nicht die Rechtsstellung von Städten hatten, kamen ihnen städtische Rechte zu, denn sie bildeten das Zentrum der jeweiligen Landschaft, waren Marktorte und zogen das Handwerk sowie den Handel an.

Mit der Eröffnung der neuen Handelsstrasse über den Gotthard wuchs ab den ersten Jahrzehnten des 13. Jahrhunderts die strategische Bedeutung des Tessins weiter an. Die aufkommenden Handelsunternehmen, die insbesondere in Mailand einen beträchtlichen politischen Einfluss ausübten, aber auch die Stadt Como waren auf einen guten Unterhalt der Verkehrswege angewiesen; die Obrigkeiten der beiden Städte schlossen deshalb wiederholt Abkommen mit den lokalen Gemeinschaften.

Einbindung in den lombardischen Regionalstaat

Von der Mitte des 13. Jahrhunderts an wurde das Tessin in die blutigen Auseinandersetzungen der Welfen und Gibellinen verwickelt, die um die Vorherrschaft in den Städten und auf dem Land rangen. In Como, im Sottoceneri und in Bellinzona gewann für einige Jahre die aus Como stammende einflussreiche Familie Rusca die Oberhand, das aufsteigende Geschlecht der Visconti aus Mailand hingegen stützte sich in den Ambrosianischen Tälern und im Locarnese auf die Adelskorporation der Capitanei und insbesondere auf Simone Orelli. Mit dessen Hilfe riss 1277 der Mailänder Erzbischof Ottone Visconti die Herrschaft über Mailand an sich. Nachdem die Familie Visconti die Rusca besiegt und Mailand 1335 Como unterworfen hatte, wurde die nördliche Lombardei in den Mailänder Regionalstaat eingegliedert. Das Sottoceneri, das der Stadt Como unterstand, ging damals an die Visconti über, die einen Talvikar für die Landschaft Lugano einsetzten. Dieser war dem Podestà von Como unterstellt, der seinerseits die Gerichtsbarkeit in den Pieven Agno und Capriasca ausübte. 1340 brachen Mailänder Truppen den letzten Widerstand der Rusca, die sich in Bellinzona verschanzt hatten. Die Visconti installierten dort ihnen ergebene Zivil- und Militärbeamte, um Stadt und Grafschaft zu regieren und die oberen Täler zu kontrollieren.

1342 beugte sich Locarno den Truppen der Visconti, die den Ort vom See und vom Land her angegriffen hatten. Nach der Eroberung verlor die Adelskorporation der Capitanei ihre politische Macht, und die Pieve wurde der Gerichtsbarkeit des Hauptmanns vom Langensee unterworfen, der seinen Sitz in Pallanza hatte. Das Domkapitel Mailand betraute die Visconti 1344 mit dem Podestatenamt in der Leventina und wenig später auch mit demjenigen im Bleniotal. Mit der Kontrolle über den Pievenhauptort Biasca sowie über die Riviera-Gemeinde Claro, Osogna und Cresciano auf der linken Seite des Flusses Tessin vereinigten diese schliesslich die Herrschaft über die gesamte ambrosianische Enklave in ihren Händen. Bis zum Ende des 15. Jahrhunderts wurden die Dörfer, Borghi und Täler von auswärtigen Amtsleuten regiert. Diese wurden in ihrer Amtsführung oft von einflussreichen Familienclans, Korporationen und Talschaften behindert, die der Herrschaft feindlich gegenüberstanden und ihre Privilegien, Gemeindeautonomien und sonstigen früher errungenen Freiräume zu wahren suchten.

Galeazzo Maria Sforza bestätigt Bellinzona seine Freiheiten, 13. Dezember 1476. Tempera und Blattgold auf Pergament (Archivio di Stato del Cantone Ticino, Bellinzona).
Galeazzo Maria Sforza bestätigt Bellinzona seine Freiheiten, 13. Dezember 1476. Tempera und Blattgold auf Pergament (Archivio di Stato del Cantone Ticino, Bellinzona). […]

Nach dem Tod von Herzog Gian Galeazzo Visconti 1402 wurde die Region von den Einfällen der Eidgenossen heimgesucht und von den Wirren erschüttert, die im Sottoceneri 1405-1406 zur Loslösung von Como und zur Schaffung der Comunitas burgi Lugani et vallis führten. Nach einer fast zwanzig Jahre dauernden Herrschaft der Waldstätte verjagte das Heer der Mailänder in der Schlacht bei Arbedo 1422 die Eidgenossen aus Bellinzona. Herzog Filippo Maria Visconti belehnte die Sanseverino zwischen 1434 und 1438 mit dem Sottoceneri und die Rusca 1439 mit dem Locarnese. Erstere konnten sich, vor allem nachdem sie sich auf die Seite der Welfen geschlagen hatten, nicht halten und verloren das Lehen wieder. Die Rusca erlangten dagegen namentlich mit Graf Franchino eine gesicherte und prestigeträchtige Stellung. Nach dem Tod von Filippo Maria Visconti 1447 brachen zwar Unruhen aus; Francesco Sforza, der 1450-1466 regierte, stellte aber rasch die Stabilität wieder her und konnte auch die Beziehungen zu den Eidgenossen verbessern. Als 1476 Francescos Sohn Galeazzo Maria Sforza starb, spitzte sich die Lage zu, unter anderem weil Mailand ein Bündnis mit dem Feind der Eidgenossen, Karl dem Kühnen, eingegangen war. Nach der Niederlage des mailändischen Heers in der Schlacht bei Giornico 1478 fiel die Leventina 1480 den Urnern, denen sie bereits 1439/1441 verpfändet worden war, als Herrschaft zu. Die Spannungen zwischen Mailand und den eidgenössischen Orten verschärften sich, als Ludovico Sforza 1494 die Franzosen nach Italien rief und damit auch eine schwere Krise im Herzogtum auslöste. So war die Zuspitzung des Konflikts unausweichlich, in dessen Verlauf die eidgenössischen Orte weitere Territorien südlich der Alpen ihrer Herrschaft unterwerfen sollten (Mailänderkriege).

Das Tessin unter eidgenössischer Herrschaft

Silberdicken, aus der Münzstätte von Bellinzona, geprägt von Münzmeister Bernardino Morosini (Bernisches Historisches Museum) © Fotografie Nadja Frey.
Silberdicken, aus der Münzstätte von Bellinzona, geprägt von Münzmeister Bernardino Morosini (Bernisches Historisches Museum) © Fotografie Nadja Frey. […]
Silberdicken, aus der Münzstätte von Bellinzona, geprägt von Münzmeister Bernardino Morosini (Bernisches Historisches Museum) © Fotografie Nadja Frey.
Silberdicken, aus der Münzstätte von Bellinzona, geprägt von Münzmeister Bernardino Morosini (Bernisches Historisches Museum) © Fotografie Nadja Frey. […]

Die Eroberung der nördlichen Grenzgebiete des Herzogtums Mailand durch die Eidgenossen folgte keinem Plan. Sie verlief aufgrund der militärischen Erfolge in den Ennetbirgischen Feldzügen des 15. und frühen 16. Jahrhunderts in mehreren Etappen und wurde durch diplomatische Abkommen wie den Mailänder Kapitulaten, dem Frieden von Arona 1503 und dem Ewigen Frieden mit Frankreich 1516 verbrieft. So entwickelte sich entlang der Verkehrswege zu den lombardischen Städten über den Gotthard- und den Lukmanierpass ein politisch und territorial uneinheitliches Gebilde, in dem verschiedene Herrschaftsformen nebeneinander bestanden. Nachdem die Leventina 1439/1441 faktisch an Uri gefallen war, drängten auch andere eidgenössische Orte der Zentralschweiz auf eine Gebietserweiterung, wurden darin aber nur teilweise von den übrigen Bundesgenossen unterstützt. Als 1499-1500 ein Eroberungszug von König Ludwig XII. von Frankreich das Herzogtum Mailand erschütterte, annektierten Uri, Schwyz und Unterwalden das Bleniotal und die Riviera und nahmen Bellinzona ein. 1503 anerkannte Frankreich die eidgenössische Herrschaft über diese Gebiete, worauf diese dort die ersten gemeinen Herrschaften südlich der Alpen errichteten. 1512-1513 befanden sich die Eidgenossen, die für kurze Zeit sogar Mailand ihrer Schirmherrschaft unterstellten, auf dem Höhepunkt ihrer militärischen Macht: Die eidgenössischen Truppen bemächtigten sich der Festungen Lugano und Locarno, besetzten deren Umland und schufen im eroberten Gebiet die gemeinen Herrschaften der zwölf Orte. Unter gleichen Umständen legten sie die Grundlagen für die Landvogtei Mendrisio mit der Pieve Balerna, die den zwölf Orten erst 1521 zugesprochen wurde, als das Val d' Ossola, das Valtravaglia und das Valcuvia wieder ans Herzogtum Mailand zurückfielen. In kurzer Zeit wurde das Gebiet territorial neu geordnet und zum Teil die Grenzen neu gezogen. So gehörten fortan Isone und Medeglia zur Vogtei Bellinzona. Die abgesonderten Gemeinden (terre separate) des Luganese behielten einen Grossteil ihrer Privilegien bei, obwohl sie Teil der aus den Pieven Lugano, Agno, Capriasca und Riva San Vitale geschaffenen Vogtei Lugano waren. Das Vallemaggia bildete mit dem Val Lavizzara eine eigene, von Locarno abgetrennte Vogtei. Hingegen wurde Brissago der Landvogtei Locarno angegliedert, ebenso die vorher abgespaltenen Gemeinden des Gambarogno und des Verzascatals.

Der Sitz des Landvogts in Lottigna, auch Palazzo del Pretorio genannt (Ufficio dei beni culturali, Bellinzona; Fotografie Daniela Temperli).
Der Sitz des Landvogts in Lottigna, auch Palazzo del Pretorio genannt (Ufficio dei beni culturali, Bellinzona; Fotografie Daniela Temperli). […]

Mit der Errichtung der eidgenössischen Herrschaft änderte sich das Verhältnis zur Obrigkeit: Vorher Angehörige eines festgefügten Staats wie des Mailänder Herzogtums, sah sich die Tessiner Bevölkerung fortan einer fremden Herrschaft unterworfen, für jedermann sichtbar verkörpert durch die Landvögte. Diese liessen sich in den grösseren Zentren Lugano, Locarno, Bellinzona und Mendrisio sowie in den neuen Hauptorten Faido, Osogna und Lottigna nieder und regierten im Namen der eidgenössischen Orte. Die Talschaften mussten den Orten ein Militärkontingent zur Verfügung stellen und eine jährliche Landessteuer leisten, die durch die Erhebung einer Herdsteuer (focatico) und einer Gütersteuer (taglia) finanziert wurde. Die Landessteuer war alllerdings nicht sehr hoch; ausserdem waren mehrere Gebiete von ihrer Zahlung befreit. Mit ihr wurden auch die Beamten entlöhnt und die Kosten für den Strassenunterhalt und das Sanitätswesen bestritten. Rechtlich wurden die Privilegien und Statuten der lokalen Gemeinschaften formell bestätigt, doch veränderten sich mit der Zeit die Grundlagen der Herrschaft durch immer neue Dekrete und Erlasse in verschiedener Hinsicht tiefgreifend.

Die ennetbirgischen Vogteien
Die ennetbirgischen Vogteien […]

Der Landvogt, auch commissario oder capitano reggente genannt, repräsentierte die höchste Macht in den Vogteien. Er wurde nach einem festgelegten Turnus von jeweils einem der regierenden Orte für zwei Jahre ins Amt gewählt, war im Kriegsfall Befehlshaber der örtlichen Truppen, übte die hohe und niedere Gerichtsbarkeit aus, war für die öffentliche Ordnung zuständig und hatte die Oberaufsicht über das Steuerwesen und die Lokalverwaltung inne. Ihm zur Seite stand ein Oberamt, das sogenannte Magnifico ufficio, das aus meist einheimischen Mitgliedern bestand und in jeder Vogtei wieder anders zusammengesetzt war. Im Allgemeinen gehörten ihm neben dem vom Landvogt selbst ernannten Statthalter mindestens der Landschreiber, der Fiskal oder Seckelmeister und ein Kanzler oder Malefizschreiber an. Die Tätigkeit der Landvögte und der Lokalverwaltungen unterlag der Kontrolle durch das Syndikat, zu dem sich jedes Jahr im Sommer die Gesandten der zwölf bzw. drei Orte trafen. In der Leventina bildeten zwei Gesandte aus Uri das Kontrollorgan. Während seiner Sitzungen untersuchte das Syndikat als höchste gerichtliche Instanz vor Ort Berufungsklagen gegen die vom Landvogt gefällten Urteile, richtete über gewisse Fälle in erster Instanz und prüfte die Rechnungen der Talschaften und Landvögte. Gegen die Beschlüsse des Syndikats konnten die Untertanen entweder bei den einzelnen Orten oder bei der eidgenössischen Tagsatzung als letzten Instanzen Rekurs einlegen; wegen der komplizierten Prozedur wurden die Konflikte allerdings oft eher verschleppt als gelöst.

Mit der eidgenössischen Herrschaft änderte sich anfänglich nichts an der aus dem Spätmittelalter überkommenen Landschaftsorganisation, obwohl durch die Schaffung von Räten der Pieve und der Landschaft die Mitsprache der Landschaft zum Teil neu gestaltet wurde. Diese führte jedoch allmählich zum Ausschluss der Auswärtigen, was sich in grösseren Orten etwa in der Unterscheidung zwischen alteingessenen und niedergelassenen Vicini niederschlug. Bei der Festlegung der jeweiligen Rechte kam es öfters zu heftigen Auseinandersetzungen, wie zum Beispiel nach der Gründung der Università oder Korporation der Landsassen 1542 in Locarno.

Die politischen Institutionen in den ennetbirgischen Vogteien (vereinfacht)
Die politischen Institutionen in den ennetbirgischen Vogteien (vereinfacht) […]

Die Regierungsform der Vogteien stützte sich notgedrungen auf die Mitarbeit lokaler Gruppen, liess diesen viel Gestaltungsspielraum und begünstigte so die Bildung einer in die Regierungsgeschäfte eingebundenen Elite. Da während der eidgenössischen Eroberung diverse einheimische Geschlechter durch ihre Zusammenarbeit mit den Eidgenossen die Ämterkontinuität sicherten, wurde der Übergang nicht als Bruch empfunden. Nach der raschen Festigung der neuen Herrschaft setzten sich solche Familientraditionen bei der Besetzung von Vogtei- und Gemeindeämtern teils fort, teils entstanden sie neu; besonders langlebig waren die Ämtertraditionen der Torriani in Mendrisio, der Franzoni im Vallemaggia und der Riva in Lugano. Besonders die fortgesetzte, oft lebenslange Amtsdauer der obrigkeitlichen Beamten an der Seite des Landvogts eignete sich dazu, die lokalen Verhältnisse zu kontrollieren und feste Beziehungen zu den Familien der regierenden Orte (v.a. aus der Zentralschweiz) zu knüpfen, die in den Vogteien unterschiedliche Interessen verfolgten. Die Beziehungen zwischen den wohlhabendsten einheimischen Familien und den Innerschweizer Geschlechtern wie den Lussi, Troger, a Pro und später den von Beroldingen oder den Vonmentlen, die sich zum Teil südlich der Alpen niedergelassen hatten, wurden durch gemeinsame Wirtschaftsunternehmen im Handel und durch die militärische Karriere befestigt. Nicht selten äusserten sie sich auch in weit gefächerten Heiratsverbindungen. Wegen dieser wirtschaftlichen und sozialen Gemengelage war die Beziehung der Untertanen zu den Regierenden weitgehend konfliktfrei, obwohl es zu einigen Krisen kam, die in der Misswirtschaft der Regierung und der Unzufriedenheit über die fehlende eidgenössische Unterstützung im zeitweise schwierigen Verhältnis zur Lombardei gründeten. Im Fall des Livineraufstands von 1755 mündete der Protest in eine allgemeine, gegen die Fremdherrschaft gerichtete Volkserhebung.

Obwohl die grundsätzlichen Unterschiede zwischen den Vogteien bestehen blieben, gewannen zwischen dem 16. und dem 18. Jahrhundert auch einige verbindende Elemente an Bedeutung. Die Vogteien der drei Orte führten von Anfang an ein Eigenleben. In den gemeinen Herrschaften der zwölf Orte beschränkten sich die Gemeinsamkeiten zu Beginn auf das Militärische, da der Landvogt von Lugano die Truppen aus allen gemeinen Herrschaften kommandierte. Später neigten die regierenden Orte dazu, ihre Untertanengebiete zumindest verwaltungsmässig als einheitlichen Block zu betrachten. Auf der lokalen Ebene förderten der Austausch und die Zusammenarbeit unter den Patrizierfamilien das Zusammengehörigkeitsgefühl.

Die Geschichtsschreibung des 19. und fast des ganzen 20. Jahrhunderts fällte über die Zeit der Landvögte ein negatives Urteil, indem sie vor allem die Untertanenverhältnisse, die Immobilität des Machtsystems und Fälle von Machtmissbrauch der Regierenden in den Vordergrund rückte. Dabei berief sie sich auf die Thesen von Karl Viktor von Bonstetten, die von zahllosen einheimischen Traktaten aufgenommen und aufgebauscht wurden. Neuere und vertiefte Untersuchungen des institutionellen Aufbaus, der Beziehungen zwischen den regierenden Orten und den lokalen Gemeinschaften, der wirtschaftlichen und sozialen Entwicklungen und der mannigfaltigen Kontakte mit den Nachbarländern zeichnen dagegen ein in vielen Bereichen positiveres Bild.

Gesellschaft, Wirtschaft und Kultur im Mittelalter und in der Neuzeit

Bevölkerung und Siedlungsentwicklung

Aufgrund seiner zerfurchten Oberflächengestalt fehlten im Tessin, im Unterschied zur lombardischen Tiefebene, die grossen Ansiedlungen. Hingegen entwickelten sich mittlere, kleine und kleinste Orte, die, wie beispielsweise das auf 1500 m gelegene Molare (Gemeinde Faido), auch in höheren Lagen entstanden. Das Wort castrum, mit dem im 11. Jahrhundert verschiedene Siedlungen des Sottoceneri bezeichnet wurden, lässt vermuten, dass in jener Zeit viele Siedlungskerne durch einen Befestigungsring geschützt waren. Einen Beleg dafür bietet die in Tremona-Castello ausgegrabene Mauer. In den oberen Tälern verteilten sich die Siedlungen über mehrere Höhenstufen, die in der Regel dem jahreszeitlichen Rhythmus der Land- und Weidewirtschaft entsprachen.

Grundrissskizzen des Volkskundlers Jakob Hunziker, angefertigt im Bleniotal um 1890 für seine Studie Das Schweizerhaus nach seinen landschaftlichen Formen und seiner geschichtlichen Entwicklung, deren zweiter Band über das Tessin 1902 postum erschienen ist (Staatsarchiv Aargau, Aarau).
Grundrissskizzen des Volkskundlers Jakob Hunziker, angefertigt im Bleniotal um 1890 für seine Studie Das Schweizerhaus nach seinen landschaftlichen Formen und seiner geschichtlichen Entwicklung, deren zweiter Band über das Tessin 1902 postum erschienen ist (Staatsarchiv Aargau, Aarau). […]
Der Weiler Scona in der Gemeinde Blenio. Fotografie von Jakob Hunziker, um 1890, neuer Abzug nach einem Glasplattennegativ. Die Aufnahme ergänzte Hunzikers Skizzen zu den Bautypen (Staatsarchiv Aargau, Aarau).
Der Weiler Scona in der Gemeinde Blenio. Fotografie von Jakob Hunziker, um 1890, neuer Abzug nach einem Glasplattennegativ. Die Aufnahme ergänzte Hunzikers Skizzen zu den Bautypen (Staatsarchiv Aargau, Aarau).

Das Zusammentreffen verbesserter Umweltbedingungen, intensiverer Nutzung lokaler Ressourcen wie der Alpweiden und gesicherter Gewinne aus dem Alpenverkehr führten vermutlich im 13. Jahrhundert zu einem mässigen Bevölkerungswachstum. Eine solche Entwicklung lässt sich zum Teil auch aus lokalen Quellen, etwa aus Prato (Leventina), ablesen. Sie wurde jedoch durch die um die Mitte des 14. Jahrhunderts einsetzenden Pestwellen, wie sie auch aus anderen Gebirgsregionen wie dem Wallis bekannt sind, jäh gestoppt. Weitere Krisen traten gegen Ende des 14. und gehäuft im 15. Jahrhundert auf; wegen des Todes von Hunderten von Menschen ging 1484-1485 die Bevölkerungszahl einiger Dörfer der Capriasca drastisch zurück. Demografische Daten sind nur spärlich vorhanden: Bellinzona, Lugano und Locarno zählten im ausgehenden Mittelalter wenige hundert Einwohner und waren damit kaum grösser als einige Nachbarschaften der oberen Täler. Um die Mitte des 15. Jahrhunderts verzeichnete das Steuerrodel der Leventina 919 Feuerstätten, was rund 4500 Einwohnern entspricht. Im 16. Jahrhundert erholte sich die Bevölkerungszahl, wohl auch aufgrund der grösseren Stabilität unter der eidgenössischen Herrschaft, sodass die Region am Jahrhundertende rund 78'000 Einwohner zählte. Dieser Trend verstärkte sich nach der letzten Epidemienwelle im 17. Jahrhundert und führte im 18. Jahrhundert zu einem beträchtlichen Bevölkerungswachstum.

Teilweise trug auch die saisonale bzw. definitive Auswanderung dazu bei, das prekäre Gleichgewicht zwischen den lokalen Ressourcen aus der Land- und Weidewirtschaft und dem Ernährungsbedarf herzustellen. Die Migration ist bereits im 13. und 14. Jahrhundert bezeugt und nahm im 15. Jahrhundert in einigen Regionen und Berufskategorien ein riesiges Ausmass an. 1477 beteuerte ein mailändischer Beamter in Lugano, die Mehrheit der Männer arbeite in der Toskana. Die Kriege um die Vorherrschaft über die Region und die ständigen Familienfehden führten zwar nicht zwangsläufig zu grossen demografischen Verlusten, sie dürften aber einige Familien bewogen haben, sich vorübergehend oder für immer in weniger von Unruhen oder Faktionenkämpfen betroffenen Gebieten niederzulassen.

Obwohl aus den lombardischen Zentren qualifizierte Arbeitskräfte kontinuierlich und manchmal in grosser Anzahl einwanderten, gab es im Mittelalter nur eine einzige geschlossene Ansiedlung von Fremden im Tessin, nämlich das Walserdorf Bosco/Gurin, das auf Betreiben der Adelsfamilien der Capitanei di Locarno um die Mitte des 13. Jahrhunderts gegründet worden war. Die ab dem 14. Jahrhundert vereinzelt belegte Einwanderung aus dem Norden ist in der Zeit der eidgenössischen Herrschaft urkundlich wesentlich besser dokumentiert.

Wirtschaft

Die Verkehrswege des Alpenraums stützten sich auf ein Netz von Saumpfaden, Fuss- und Fahrwegen sowie auf die Schiffsverbindungen des Luganersees und des Langensees. Möglicherweise waren auch einige Flussabschnitte zeitweise schiffbar, konnten aber wegen der intensiven Holzflösserei zu gewissen Zeiten nicht befahren werden. Aufgrund seiner relativ geringen Höhe dürfte der Lukmanier seit der Antike der am meisten begangene Pass gewesen sein. Später wurde er zum Teil vom Gotthard überflügelt, der in den ersten Jahrzehnten des 13. Jahrhunderts für den Fernverkehr geöffnet wurde. Die Wegform und Infrastrukturen hingen bis zu einem gewissen Grad von der Stellung der Verbindung im Verkehrsnetz ab: Dem Ortsverkehr dienten häufig Pfade und Furten, dem Regionalverkehr teilweise etwas bessere Wege und Brücken sowie dem alpenquerenden Verkehr direkter geführte, sicherere Strassen und Wege mit Susten. Die Transitroute durch die obere Leventina, die bis ins 13. Jahrhundert nur aus von örtlichen Säumerkolonnen genutzten Gebirgspfaden bestand, wurde ab der Mitte des 14. Jahrhunderts ausgebaut; dabei wurden die Linienführungen in vielen Abschnitten direkter angelegt sowie Warenniederlegungen für den Fernhandel und Hospize für die Reisenden erstellt. Seit dem Hochmittelalter waren die örtlichen Genossenschaften für den Unterhalt des Verkehrswegs, gewöhnlich strada francesca oder strada maestra genannt, verantwortlich. Ab dem 13. Jahrhundert profitierte die ganze Region vom wieder aufblühenden Handel. Besonders in den Talschaften brachte das Transportmonopol den Säumern Gewinne und den Nachbarschaften neue Einnahmen.

Im rauen Berggebiet nahe des Alpenkamms konnten nur wenige Felder im Talgrund bestellt werden, während die Hügellandschaft im Süden grössere landwirtschaftliche Nutzflächen bot. Die Viehzucht vor allem in den Tälern des Sopraceneri bedingte den Unterhalt von grossen Wiesenflächen, die genügend Heureserven für die winterliche Stallhaltung lieferten. Der Alpenraum hing auf vielfache Weise von der Tiefebene ab, denn dort überstieg die Getreideproduktion den Eigenbedarf und die Überschüsse gelangten in den Handel. Im 15. Jahrhundert kauften zum Beispiel Kaufleute aus Bellinzona in der Lomellina (heute Provinz Pavia) Korn ein und setzten es in der Heimatstadt und den oberen Tälern ab. Ab dem 16. Jahrhundert unterzeichneten die regierenden Orte oft Abkommen, in denen Getreidetransporte aus der Lombardei in die ennetbirgischen Vogteien erwähnt wurden. Zu den Lebensmitteln, welche die Berggebiete einführen mussten, gehörten auch Öl und Wein, während die Märkte in der Ebene Vieh und Erzeugnisse der Alpwirtschaft aus den höher gelegenen Gebieten bezogen. Im ausgehenden Mittelalter erwarben einige Gemeinden des Bleniotals und der Leventina Alprechte ausserhalb des Tals in der Surselva. Die Alpwirtschaft war also rentabel und auf den lombardischen Märkten und Messen liess sich viel Vieh absetzen.

In den Dörfern der Täler und den Kleinstädten lebten viele Familien von dem, was der Boden hergab. Weinbau, Feld- und Waldwirtschaft, hier hauptsächlich das Sammeln von Kastanien, sicherten die Ernährung der Haushaltsmitglieder und ersparten vielen den Gang in die Fremde. Im Vergleich zu den ländlichen Gegenden bildete sich in den Borghi dank der höheren Einwohnerdichte, der Verwaltungsfunktion, der verschiedenen Wirtschaftsinteressen und der sozialen Schichtung ein breiteres Spektrum an Berufen heraus. Dies galt in minderem Masse auch für einige vom Verkehr begünstigte Randgebiete. In den Etappenorten Mendrisio, Lugano, Locarno, Bellinzona, aber auch in Biasca, Faido und Olivone gab es Herbergen und Weinschenken für durchreisende Fremde. Eine besondere Rolle spielten die Notariatsbüros, die auch in der Wirtschaft, etwa durch die Ausfertigung von Kauf- und Mietverträgen, eine Vermittlungsfunktion ausübten.

Exportiert wurden fast ausschliesslich einige Rohstoffe, Erzeugnisse der Alpwirtschaft und Vieh. Das waldreiche Alpengebiet belieferte die Zentren der Lombardei mit wertvollem Bauholz, vor allem Tannen und Lärchen. Die gefällten Bäume wurden zu den Wasserläufen befördert und auf dem Fluss Tessin zum Langensee geflösst, von wo aus grosse Mengen von Bauholz über das im 13. Jahrhundert angelegte Kanalnetz nach Mailand weitertransportiert wurden. Diesen blühenden Handel betrieben einheimische Notabelnfamilien und Geschlechter aus den Zentren der lombardischen Ebene sowie ab dem 16. Jahrhundert auch Familien aus den eidgenössischen Orten. Die bevölkerungsreichen Städte der Ebene benötigten grosse Mengen an Fleisch und Erzeugnissen der Alpwirtschaft wie harten Vollfettkäse mit langer Haltbarkeit. Von beiden Seiten der Alpenkette wurden ganze Viehherden als Schlachtvieh auf die Märkte und Messen am Alpensüdfuss getrieben und dort an Metzgereien verkauft.

Auf den Jahrmärkten der Alpensüdseite bot sich die Gelegenheit, Handel zu treiben, neue Kontakte zu knüpfen und die Geschäftsbeziehungen auszuweiten. Im Spätmittelalter zählten diejenigen von Bellinzona Ende August und von Chiasso im Frühling zu den bekanntesten und vermutlich auch meist besuchten Jahrmärkten, auf denen besonders viele Rinder und Pferde aus der Eidgenossenschaft feilgeboten wurden. In der Zeit der eidgenössischen Herrschaft dominierte dagegen der Viehmarkt von Lugano. Die eidgenössischen Händler deckten sich hier jeweils auch mit den begehrten Wolltüchern aus Como ein. Für den regionalen Handel wurden zudem in den Borghi und grösseren Orten der Alpensüdseite regelmässig Märkte abgehalten.

Es gibt keine Hinweise auf eine nennenswerte einheimische Textilproduktion, die auf den Markt gelangt wäre. Abgesehen von ein paar Ziegelbrennereien existierte auch keine protoindustrielle Produktion. In einigen Gebieten wie dem Malcantone, dem Valcolla und dem Valle Morobbia wurde Metall gefördert und verarbeitet. Im Valle Morobbia erbaute der Bellinzoneser Zweig der ursprünglich aus Como stammenden Familie Muggiasca nach der Mitte des 15. Jahrhunderts eine Verhüttungsanlage, die ihre Produktion aber bereits 1478 einstellte.

Im Hochmittelalter befanden sich Grund und Boden in den Händen kirchlicher Institutionen wie der bischöflichen Mensa von Como sowie der Benediktinerklöster San Carpoforo und Sant'Abbondio in Como, San Pietro in Ciel d'Oro in Pavia und des Klosters Disentis. Auch die Pfarrkirchen verfügten über beträchtliche Güter. Im ausgehenden Mittelater erwarben vor allem im Sottoceneri und in einigen Gebieten des Sopraceneri auch einheimische Notabelnfamilien ausgedehnten Grundbesitz, während in der frühen Neuzeit Stadtgeschlechter aus Como, darunter vor allem die Turconi, grosse Ländereien im Mendrisiotto aufkauften. Für Unternehmer, Kaufleute und Mitglieder der Führungsschicht auch aus den Borghi und grösseren Orten in den Tälern stellte der Erwerb von Grundeigentum eine sichere und rentable Investition dar, die als Rückhalt für ein weit gespanntes Kreditgeschäft diente.

Gesellschaft

Die früh- und hochmittelalterliche Gesellschaft des Alpen- und Voralpenraums bestand zum weitaus grössten Teil aus einer indigenen bäuerlichen Schicht alter Herkunft; das strukturprägende Element bildete aber die kleine Gruppe der Adligen, die das politische, wirtschaftliche, soziale und kulturelle Leben dominierte. Von der langobardischen und fränkischen Zeit bis ins Zeitalter der Kommunen liessen sich hier Familienclans nieder, die eine beherrschende Stellung errangen. Zu diesen gehörten zum Beispiel das langobardische Geschlecht der Totoniden, die ab dem Frühmittelalter in Mendrisio verwurzelten Familien wie die Torriani und die Bosia, die noch weit über das Mittelalter hinaus eine wichtige Rolle in der Region spielten, und der aus Varese stammende Adel, aus dem die Korporation der Capitanei di Locarno hervorging. Auch in der Bauern- und Hirtengesellschaft der oberen Täler erlangten Familien, wie die da Torre im Bleniotal und die da Giornico in der Leventina, eine hegemoniale Stellung. Ihr sozialer Status manifestierte sich wie andernorts im Besitz einer Burg oder eines Wohnturms. Im Hochmittelalter etablierten sich auch in den kleineren Zentren Familien mit beträchtlichem Güterbesitz, von denen einige wie die Quadri und die Canonica de Criviasca in der Capriasca, die da Novazzano und die da Rancate im Mendrisiotto sowie die da Trevano (Trevani) und die Pocobelli in Lugano bis ins Spätmittelalter Schlüsselpositionen innehatten.

Mit der Festigung des Einflusses von Como und Mailand wurden auf lokaler Ebene vermehrt Amtsleute und Bevollmächtigte zur Verwaltung eingesetzt. Im Castel Grande in Bellinzona, wo 1195 vorübergehend der Bischof von Como residierte, waren wahrscheinlich Schreiber, Notare, Steuereinnehmer und Verwalter beschäftigt, die als Schreibkundige eine höhere gesellschaftliche Stellung einnahmen.

Nachdem die Talschaften von Blenio und Leventina ihre Interessen im Schwur von Torre zum Ausdruck gebracht und gegenüber dem lokalen Adel durchgesetzt hatten, begann die allmähliche Integration der Adelsgeschlechter in die Talgemeinden. Dieser Prozess wurde dadurch begünstigt, dass die Nachbarschaften Rechte und Eigentum erwarben, welche die Adligen wahrscheinlich aus Geldnot abtreten mussten. Der Verkehr über die Alpen, der infolge der Erschliessung des Gotthards für den Fernhandel anstieg, ermöglichte den Aufstieg einer ländlichen Schicht, die über die Saumrechte verfügte, Beziehungen zu den Nachbarregionen unterhielt und daher in den regionalen, später in den überregionalen Handel einstieg. Da schon im 13. Jahrhundert öffentliche Ämter innerhalb der Familien weitergegeben wurden, ist eine frühe soziale Schichtung in den Dörfern anzunehmen. Andererseits unterhielten die Gemeinden eine Art Fürsorge, die auf der Hortung und Verteilung von Lebensmitteln beruhte. Damit wurden Notlagen Bedürftiger gemildert. Wer nicht zur Nachbarschaft gehörte, blieb jedoch im Allgemeinen von solchen Hilfeleistungen ausgeschlossen.

Im Sottoceneri gewann das ehrgeizige Geschlecht der Rusca aus Como, das sich an strategischen Orten im Luganese, im Malcantone und vor allem im Vedeggiotal niederliess, an Gewicht. Bis in die frühe Neuzeit übte es einen starken Einfluss auf die lokale Gesellschaft aus. Noch zu Beginn des 15. Jahrhunderts bewohnte ein Zweig der Familie ein Schloss in Bironico, während ein paar Jahrzehnte später einige Familienmitglieder sich ins wirtschaftliche und soziale Leben der Region einfügten, indem sie in Bironico einen Gasthof führten, nach Bellinzona übersiedelten und dort öffentliche Ämter übernahmen. Der Hauptzweig aber gehörte nach dem Erwerb des Grafentitels dem lombardischen Hochadel an. Das drückte sich im repräsentativen Aufwand aus, mit dem die Rusca das Schloss von Locarno zur beeindruckenden Residenz umbauten.

Die spätmittelalterliche Gesellschaft war zutiefst von der Zuwanderung vornehmlich lombardischer Familien geprägt. Diese traten in eine Gesellschaft ein, deren Kenntnisse und deren technische Fertigkeiten wenig entwickelt waren und einer vorwiegend ländlichen Realität entstammten. Die neuen Verdienstmöglichkeiten aus dem zunehmenden Handel mit der Lombardei erhöhten Wohlstand und Reichtum, verlangten aber Anpassungsfähigkeit. Überdies boten sie Aufstiegschancen für die, welche den Mut zu neuen Unternehmen aufbrachten.

In den wichtigsten Zentren liessen sich Kaufleute, Handwerker, Woll-, Eisen- und Lederarbeiter, Zwischenhändler von Lebensmitteln, Gewürzen und anderen Produkten, Holzhändler und Notare nieder, die innert kurzer Zeit ins Bürgerrecht aufgenommen und mit öffentlichen Ämtern betraut wurden. Das erworbene Ansehen erlaubte es, repräsentative Ämter in Staatsverwaltungen oder gar an Fürstenhöfen zu übernehmen. Das im Handel akkumulierte Geld wurde in die Erweiterung des Grundbesitzes gesteckt und zum Teil in Repräsentationsobjekte investiert, die den erreichten sozialen Status bezeugten. So entstanden in den grösseren Orten stattliche, reich verzierte Wohnhäuser, die in den Jahrhunderten der eidgenössischen Herrschaft zu eigentlichen Patriziersitzen ausgebaut wurden. Eine ähnliche Bedeutung hatten in den Dörfern die von Notaren, Kaufleuten und Grundbesitzern in Auftrag gegebenen Kunstwerke in Pfarrkirchen, Kapellen und an den Hausmauern, auf denen sich die Auftraggeber von durchziehenden Künstlern abbilden liessen, um ihre Frömmigkeit, aber auch ihre Freigebigkeit zur Schau zu stellen.

In Lugano, Locarno und Bellinzona, aber auch in kleineren Orten wie Biasca, Faido, Mendrisio und Balerna bildete sich allmählich eine Unternehmerschicht heraus, die sich ihrer politischen und wirtschaftlichen Bedeutung bewusst war. Auf das Geschick und den Einfluss dieser Notabeln, die ihre Macht in einem engmaschigen, vom Klientelismus geprägten Beziehungsnetz ausübten, griffen die Beamten der lombardischen Stadtherrschaften und später auch die Vertreter der eidgenössischen Orte zurück, wenn sie der Vermittlung bedurften. In der frühen Neuzeit baute diese Schicht ihre Vormachtstellung aus, indem sie ihr Vermögen mehrte, Berufe im Handel, im Rechtswesen und in der Kirche ausübte, familiäre und geschäftliche Beziehungen zu einflussreichen Geschlechtern der Lombardei und der Zentralschweiz pflegte sowie militärische Karrieren einschlug, die ihr manchmal sogar Adels- und Ehrentitel einbrachten. So entstanden Familientraditionen, die bis in die Gegenwart reichen.

Eine begrenzte gesellschaftliche Durchlässigkeit ist noch gegen Ende des 15. Jahrhunderts nachweisbar. In der Zeit der eidgenössischen Herrschaft nahm die soziale Mobilität ab, und die lokalen Gesellschaften schlossen sich gegen aussen ab. Dies zeigte sich auch im institutionellen Bereich: Nun wurde zwischen alteingesessenen Bürgern (vicini), Zugewanderten und Fremden unterschieden und letztere von den Vorrechten ausgeschlossen, die seit dem Mittelalter den Mitgliedern der lokalen Gemeinschaften zustanden.

Kirchliche Einrichtungen und religiöses Leben

Zu den Kirchen mit Baptisterien, die im 5. und 6. Jahrhundert an strategischen Orten entlang der Verkehrswege entstanden, kamen im Frühmittelalter Kapellen in der Nähe von Siedlungen sowie Kultgebäude im Umkreis von Grabstätten hinzu, was auf eine grosse Verbreitung von Privatkirchen schliessen lässt. Die Bistumszugehörigkeit der Tessiner Ortschaften hing davon ab, ob sie von Mailand oder Como aus christianisiert worden waren. Die beiden Bischofssitze rangen um Einfluss, bis sich im 11. Jahrhundert eine Aufteilung herausbildete, die abgesehen von vereinzelten Anpassungen bis ins 19. Jahrhundert Bestand hatte. Die Patrozinien einiger Kirchen, die Verbreitung gewisser Gebetsbruderschaften und Grundbesitz zeugen vom Einfluss der Klöster nördlich der Alpen wie Pfäfers und Disentis. Die grossen lombardischen Klöster errichteten an verschiedenen Orten, in denen sie über Güter verfügten, Kirchen als Zentren des lokalen religiösen Lebens (z.B. beim Hof [curtis] von Agnuzzo).

Wie im ganzen lombardischen Gebiet wurden vermutlich schon in karolingischer Zeit die Hauptkirchen von Balerna, Riva San Vitale, Agno, Lugano, Tesserete, Locarno, Bellinzona, Biasca und vielleicht auch Olivone zum Ausgangspunkt der Einteilung in Pieven. Diese Form der Territorialorganisation für die Seelsorge blieb bis in die frühe Neuzeit erhalten. Daneben entstand allmählich auch ein Netz von Pfarreien, die von den Gläubigen ins Leben gerufen wurden. In Biasca löste sich die Pievenverfassung bereits im 13. Jahrhundert auf, in anderen Pfarrbezirken begann die Ablösung der Pfarreien erst im 15. Jahrhundert. Im Spätmittelalter stellten die Dorfkirchen den Mittelpunkt des gesellschaftlichen Lebens dar. Der Religiosität wohnte ein starkes kollektives Moment inne, was unter anderem auch dadurch zum Ausdruck kam, dass die Organisation des Gottesdienstes zur Pflicht der Gemeinden wurde. Durch die Stiftung von Kirchen und Benefizien versuchten diese, das Patronats- und das Präsentationsrecht zu erlangen. Die Kontrolle der kirchlichen Einkünfte und der Amtsführung des Klerus sollte die Befriedung der religiösen Bedürfnisse der Gläubigen, insbesondere die regelmässige Feier der Messe und das Spenden der Sakramente bei Geburt und Tod, garantieren.

Die ehemalige Propsteikirche Santa Maria Assunta di Torello. Fotografie von Rudolf Zinggeler, um 1920 (Schweizerische Nationalbibliothek, Eidgenössisches Archiv für Denkmalpflege, Sammlung Zinggeler).
Die ehemalige Propsteikirche Santa Maria Assunta di Torello. Fotografie von Rudolf Zinggeler, um 1920 (Schweizerische Nationalbibliothek, Eidgenössisches Archiv für Denkmalpflege, Sammlung Zinggeler). […]

Vom 12. und 13. Jahrhundert an zeigte sich die religiöse Gesinnung der Gläubigen auch darin, dass sie in Regularorden eintraten oder in lokalen religiösen Bewegungen mitwirkten. In den Borghi und einigen Dörfern entstanden Humiliaten- und Humiliatinnenhäuser, während im Bleniotal und der Leventina Männer- und Frauengemeinschaften ohne bestimmte Regel die Hospize führten. Viele davon wurden im Spätmittelalter kommunalisiert. Auch die Gründungen der Benediktinerklöster Quartino (11. Jh.) und Giornico (12. Jh.) sowie der Johanniterkommende Contone (12. Jh.) standen in Zusammenhang mit den Transitwegen. Das Seelsorgeangebot in Lugano und Locarno nahm bereits um 1230 zu, als sich dort die Konventualen des heiligen Franziskus niederliessen. Auch die 1217 gegründete Propstei Torello, die einer eigenen Regel verpflichtet war, scheint in den umliegenden Gemeinden Seelsorgeaufgaben wahrgenommen zu haben.

Im ausgehenden Mittelalter verstärkten die Gemeinden ihre religiösen Bestrebungen: Der Rat von Bellinzona unterstützte beispielsweise 1444/1445 die Gründungen von Klöstern der Augustiner und 1484/1485 der Franziskanerobservanten, finanzierte den Bau der neuen Plebankirche sowie weiterer Kirchen und entlöhnte zu bestimmten Zeiten des Kirchenjahrs regelmässig Predigermönche. Zur Unterdrückung Andersgläubiger kollaborierte die Gemeinde mehrmals mit den lombardischen Inquisitoren. Ausdruck der Volksfrömmigkeit waren die wiederholten Marienerscheinungen; eine solche soll um 1480 zur Gründung des Wallfahrtsorts Madonna del Sasso geführt haben.

Die Ideen der Reformation fassten auch im Tessin Fuss. In den ersten Jahrzehnten des 16. Jahrhunderts fanden sie Anhänger in den wohlhabenden Schichten. Nachdem die Mitglieder der reformierten Gemeinde von Locarno 1555 ins Exil getrieben worden waren - die meisten von Ihnen fanden in Zürich Zuflucht -, verhinderten jedoch die Überwachung durch die Kirchenbehörden und politische Massnahmen der katholischen eidgenössischen Orte deren weitere Ausbreitung.

Ab der 2. Hälfte des 16. Jahrhunderts griffen die Bischöfe von Mailand und Como in der Absicht, die tridentinischen Reformen umzusetzen, zunehmend in die lokalen kirchlichen Einrichtungen ein. Kirchenführer der katholischen Reform wie Karl Borromäus, Giovanni Antonio Volpe und Feliciano Ninguarda unterwarfen das Kirchengebiet einer verschärften Kontrolle, indem sie die Visitationen wieder einführten, die Diözesanhierarchie reorganisierten und als Mittler zwischen den bischöflichen Zentren und den Ortskirchen die Ämter des Dekans (vicario foraneo), des Visitators und Provisitators schufen. Schwierigkeiten ergaben sich allerdings wegen lokaler Widerstände und juristischer Auseinandersetzungen um die Pfründenverleihung, die Gerichtsbarkeit über den Klerus, die Verwaltung der Kirchengüter sowie Ehe- und andere Prozesse. Greifbare Resultate stellten sich erst langsam und keineswegs gleichförmig gegen Ende des 16. Jahrhunderts ein, doch blieb der kommunale Charakter der Ortskirchen zum Teil erhalten. Die katholische Reform erfasste jedoch alle Ebenen der kirchlichen Organisation: Die Geistlichen wurden immer öfter in Seminaren ausgebildet, während die Laien in den Pfarrschulen und neu gegründeten Bruderschaften, die ein Mittel der Gemeinschaftsbildung und Sozialdisziplinierung waren, in der katholischen Lehre und Zucht unterwiesen wurden. Gleichzeitig ermutigten die Bischöfe die Gläubigen auch durch die Gründung von neuen Pfarreien zur Teilnahme an Riten und Sakramenten.

Die Einführung neuer Regularorden gehörte zunächst zu den Massnahmen der katholischen Reform. Später wandelten sie sich zu einem wesentlichen Bestandteil des örtlichen Glaubenslebens, wie das Beispiel der Oblaten des heiligen Ambrosius zeigt, die zunächst zur Ausübung des Pfarramts in die Pfarreien gesandt wurden, ab 1616 jedoch das Kollegium in Ascona übernahmen. Besonders früh verbreiteten sich die Kapuziner. Bereits 1535 entstand in Bigorio das erste Kloster, dem fünf weitere folgten, welche die Spiritualität des heiligen Franziskus wieder aufleben liessen. Im 16. Jahrhundert sind bereits erste kleine Gemeinschaften der Ursulinen bezeugt. Deren Bewegung erlaubte Frauen, ihrer religiösen Berufung ohne Gelübde und Klausur nachzugehen. Ab dem 8. Jahrhundert entstanden Männer- und Frauenklöster der Augustiner und Benediktiner, später der Franziskaner, ab 1451 der Serviten, ab 1598/1608 der Somasker und für kürzere Zeit auch der Jesuiten. Einige dieser Orden und Kongregationen spielten nicht nur im Kirchenleben, sondern auch im Bildungsbereich und in der Priesterausbildung eine wichtige Rolle. Neben dem lokalen Klosterleben existierte die Missionstätigkeit in fernen Gegenden. Ab dem 17. Jahrhundert verbreitete sich auch das Eremitentum.

Prunkvolle Zeremonien und üppige Kirchenausstattungen regten die Sinne der Gläubigen auf vielfältige Weise an. Mit der Teilnahme am Gottesdienst wurde der Einzelne sowohl persönlich angesprochen wie in die Gemeinschaft eingebunden. Die Übersteigerung der vorgeschriebenen Glaubensformen führte auch zu Exzessen, die in übertriebenen Mystizismus und Bigotterie mündeten. Teilweise knüpften auch die Hexenverfolgungen an solche zeitgenössischen Frömmigkeitsformen an, die das Göttliche mit der gleichen Inbrunst suchten, mit der sie das angeblich Dämonische verfolgten. Besonders heftig wüteten die Hexenverfolgungen im 16. und 17. Jahrhundert in den drei Ambrosianischen Tälern. Aber auch in den anderen ennetbirgischen Vogteien forderten Hexenprozesse bis weit ins 18. Jahrhundert hinein viele Opfer. Der letzte Hexenprozess fand 1759 in Lugano statt.

Kultur und Bildung

Der südliche Alpen- und Alpenvorraum war seit jeher in den lombardischen Kulturraum eingebettet. Die geistigen und künstlerischen Einflüsse der lombardischen Städte und Klöster reichten bis in die hintersten Winkel der Tessiner Täler und lassen sich heute noch in vielen kulturellen Eigenheiten des Tessins nachweisen.

Die ersten Schriftzeugen, bescheidene lateinische Grabinschriften, erscheinen auf Marmorgrabsteinen aus dem 6. Jahrhundert, im Sopraceneri in der Kirche San Vittore in Muralto, im Sottoceneri in Sagno, wo eine gotische Garnison stationiert war, und auf dem Areal des frühchristlichen Baptisteriums von Riva San Vitale. Aber erst im 8. und 9. Jahrhundert, als im langobardisch-fränkischen Norditalien die schriftliche Abfassung von Notariatsakten üblich wurde, lässt sich auch im Tessin eine gewisse Vertrautheit der einheimischen männlichen Bevölkerung mit der Schrift nachweisen. Die wenigen überlieferten Schriftstücke über Geschäfte von Familienclans wie desjenigen des bereits erwähnten Totone von Campione vermitteln ein Zeugnis von dem Bildungsgrad der aristokratischen Führungsschicht; diese konnte lesen, schreiben oder allenfalls auch dem Notar den eigenen Willen diktieren, wie die Schenkung der Privatkapelle San Zeno an die Kirche Sant'Ambrogio in Mailand von 777 zeigt. Bei der Verbreitung der Schrift kam auch den Wandmalereien in den zahlreichen Sakralbauten eine wichtige Rolle zu. Ab dem 11. Jahrhundert erschienen zum Beispiel auf den Fresken in den Kirchen von Dino, Negrentino, Sorengo und Muralto Schriftzüge, die zur Identifikation der Heiligen und anderer Figuren dienten; vom 13. Jahrhundert an enthielten die Inschriften auch komplexere Texte, etwa Anrufungen, Bibelzitate und Glückwunschformeln, wie beispielsweise in den Fresken von Torello, Rovio, Cademario und Giornico.

Abschrift der Statuti des Maggiatals von Giovanni Giumino, einem Notablen von Giumaglio, 1718 (Archivio di Stato del Cantone Ticino, Bellinzona).
Abschrift der Statuti des Maggiatals von Giovanni Giumino, einem Notablen von Giumaglio, 1718 (Archivio di Stato del Cantone Ticino, Bellinzona). […]

Als die Landschaften ab dem 13. Jahrhundert in kommunale Gerichtskreise eingeteilt wurden, kam es zu einer Art kulturellen Revolution, die die Beziehung zur Schrift grundlegend veränderte. Das wirtschaftliche und soziale Leben, selbst die unscheinbarsten Verrichtungen im Alltag, wurden nun durch öffentliches Schrifttum mit Rechtskraft geregelt. Dazu gehörten etwa die Talstatuten und die Notariatsakten. Notare waren in der Region reichlich vorhanden; zwischen Ende des 12. und dem Ausgang des 13. Jahrhunderts waren im Bleniotal und der Leventina deren 30 registriert, die gleichzeitig die öffentlichen Ämter des Richters, Seckelmeisters, Kastvogts und Console der Nachbarschaft ausübten. Die Bedeutung der Schrift wuchs auch deshalb, weil sich die Beziehungen zu den Machtzentren des Herzogtums Mailand intensivierten und der Handel in den aufstrebenden Borghi Locarno, Bellinzona und Lugano an Bedeutung gewann. Die Ausbildung der Schreibkundigen, die rechnen sowie lateinisch lesen und schreiben konnten, erfolgte in öffentlichen Schulen, die sich über das ganze Herzogtum verbreiteten. Besonders gut dokumentiert ist im 14. und 15. Jahrhundert die Schule von Bellinzona. Sie wurde von weltlichen Lehrern geführt und dauerte zehn bis zwölf Jahre. Dank eines die Fächer Grammatik, Logik und Rhetorik umfassenden Lehrplans vermittelte sie den Schülern, die auch vom Land kamen, die notwendigen Kenntnisse für eine Karriere im Notariatsberuf, in der Verwaltung, im Handel, in höheren Staatsämtern oder im Klerus. Zu den über 1000 Schülern, welche die Schule von Bellinzona absolvierten, gehörte auch der Kanzler Giovanni Molo, der eine wichtige Position im lombardischen Verwaltungsapparat innehatte und Beziehungen zu Gelehrten und Humanisten seiner Zeit unterhielt.

Bei der Abfassung ihrer Amtsakten bedienten sich die Notare und Schreiber noch lange des Lateins als Verkehrssprache, während in der gesprochenen Sprache im Spätmittelalter der Dialekt vorherrschte. Im 15. Jahrhundert kam, verbreitet über die professionellen Schreibstuben, allmählich die italienische Umgangssprache (volgare) auf. Schrittweise setzte sie sich in den grösseren und kleineren Zentren des Herrschaftsgebiets als meistgebrauchte Sprache in der diplomatischen Korrespondenz der Mailänder Verwaltung durch, fand aber auch Eingang in die politischen und administrativen Dokumente lokaler Gemeinschaften, zum Beispiel in Statuten. Mit der Loslösung der südalpinen Territorien von Mailand und ihrem endgültigen Übergang an die Eidgenossen im 16. Jahrhundert nahm der Gebrauch der italienischen Umgangssprache im Schriftverkehr der Verwaltung, der Justiz und selbst bei einem Teil der Notariatsakten weiter zu. Die italienische Sprache wurde nun auch in den gebildeten Literatenkreisen salonfähig, wo sie, etwa im Briefwechsel von Humanisten wie Francesco Ciceri aus Lugano, neben das Latein trat.

In den letzten Jahrzehnten des 16. Jahrhunderts ist eine zunehmende Alphabetisierung festzustellen, die sich während der ganzen Landvogteizeit fortsetzte und immer neue Schichten der Bevölkerung, auch Frauen und die Bewohner abgelegener Täler erfasste, eingeschlossen diejenigen des Seengebiets, aus denen zahlreiche im Ausland tätige Bauhandwerker- und Künstlerdynastien stammten. Bei diesem Modernisierungsprozess von einer vorwiegend mündlichen Kultur traditionellen Typs zu einer schriftlichen Kultur spielten auch Anstrengungen der Kirche im Kontext der katholischen Reform eine wichtige Rolle. Dank des im tridentinischen Geist stehenden Reformwerks der Mailänder Erzbischöfe Karl Borromäus und Federico Borromeo entstand eine ganze Reihe von Pfarreischulen, die das wachsende Bedürfnis einer breiten Bevölkerungsschicht nach einer Grundausbildung zu befriedigen vermochten. In der borromäischen Zeit wurden die Kongregationen der Oblaten, Somasker, Jesuiten, Benediktiner und Serviten beauftragt, Institute für die Ausbildung von Notabelnsöhnen und des Priesternachwuchses zu gründen. Dazu gehörten etwa das Collegio Papio in Ascona (1584), die Kollegien Sant'Antonio in Lugano (1608-1852), San Giovanni in Mendrisio (1644-1786), der Jesuiten und Benediktiner in Bellinzona (1648-1675) sowie das Seminar Santa Maria in Pollegio (1622). Ab 1747 führten die Kapuzinerinnen von San Giuseppe eine Töchternschule. Die Klosterschulen gehörten zum Kreis der italienischen Adelskollegien, genossen auch im Ausland einen guten Ruf und zogen Studenten aus der Lombardei an, unter ihnen den jungen Alessandro Manzoni, der 1796-1798 Schüler der Somasker von Sant'Antonio in Lugano war. In diesen Kollegien sowie in weiteren Klöstern wie Santa Maria degli Angeli in Lugano befanden sich auch die wichtigsten Bibliotheken des Tessins.

Der Abschluss der höheren Studien sowohl für die Geistlichen wie für die freien Berufe der Rechtsanwälte, Ärzte und Ingenieure erfolgte im Allgemeinen ausserhalb der ennetbirgischen Vogteien. Einige Studenten begaben sich in die Städte der deutschsprachigen Eidgenossenschaft oder des Deutschen Reichs, die meisten aber zogen die Bildungszentren der Lombardei vor. Das 1579 von Karl Borromäus eröffnete Collegium Helveticum und weitere lombardische Priesterseminare waren lange Zeit die wichtigsten Ausbildungsstätten für Geistliche, während das weltliche Studium oft an der Universität Pavia absolviert wurde. Seit ihrer Gründung 1776 spielte zudem die Akademie Brera bei der Ausbildung zahlreicher Tessiner Künstler und Architekten eine wichtige Rolle.

Dank der engen wirtschaftlichen, gesellschaftlichen und künstlerischen Beziehungen blieb Italien während der gesamten frühen Neuzeit auch die geistige Heimat der meist geistlichen Gelehrten. Einen guten Ruf erwarben sich in den literarischen Zirkeln Italiens begabte Dichter wie die Luganer Somaskerpatres Gian Pietro Riva und der auch als Erzieher wirkende Francesco Soave sowie der Jesuitenpater Girolamo Ruggia von Morcote. Ab Mitte des 18. Jahrhunderts stieg Lugano dank der Druckerei Agnelli zu einem kulturellen Zentrum auf, das nach Italien und in andere Länder Europas ausstrahlte. Als erster Buch- und Zeitungsverlag im Tessin produzierte sie nicht nur für den lokalen Markt. Sie brachte unter anderem die Zeitung Nuove di diverse corti e paesi heraus, die auch unter ihrem ab 1797 offiziellen Namen Gazzetta di Lugano bekannt war. Da die Pressefreiheit im Tessin grösser war als in den angrenzenden italienischen Staaten, setzte sich die Verlagstradition im 19. Jahrhundert in Druckereien wie der Tipografia elvetica zur Zeit des Risorgimento fort.

Kunst

Mit Ausnahme des Baptisteriums von Riva San Vitale beschränken sich die Zeugen vorromanischer Kunst im Tessin vor allem auf archäologische Funde und Fragmente. Grosse Verbreitung fand dagegen die lombardisch beeinflusste romanische Architektur, die allerdings im Stil schlichter als ihr Vorbild war und einheimische Materialien benutzte. Zu den wichtigsten Bauten gehören die Propsteikirche von Biasca, San Nicolao in Giornico, zu den bedeutendsten Fresken Der Auferstandene (11./12. Jh.) in Prugiasco und Der Gekreuzigte (1010-1030) im Baptisterium von Riva San Vitale.

Die Neuerungen Giottos zeigen sich in Brione (Verzasca), Ravecchia (Kirche San Biagio) und in der "roten Kirche" in Castel San Pietro. Im spätgotischen Stil der Fresken von Santa Maria in Selva in Locarno und Santa Maria della Misericordia in Ascona finden sich Bezüge zur erlesenen Mailänder Buchmalerei, während die Schöpfungen aus den Werkstätten der Seregnesi und der da Tradate einen volkstümlichen und lehrhaften Zug aufweisen.

Szenen aus dem Leben und der Passion Christi. Fresko an der Lettnerwand der ehemaligen Franziskanerkirche Santa Maria delle Grazie in Bellinzona, das der Werkstatt der Mailänder Familie Scotto zugeschrieben wird, 1513–1515 (Ufficio dei beni culturali, Bellinzona).
Szenen aus dem Leben und der Passion Christi. Fresko an der Lettnerwand der ehemaligen Franziskanerkirche Santa Maria delle Grazie in Bellinzona, das der Werkstatt der Mailänder Familie Scotto zugeschrieben wird, 1513–1515 (Ufficio dei beni culturali, Bellinzona). […]

Die hoch spezialisierten Bau-, Steinmetz- und Malerequipen (Maestranze), die ab dem Mittelalter temporär nach Italien emigrierten und später in ganz Europa wirkten, hinterliessen kaum grössere Werke in ihrer Heimat. Hingegen hielten sich bedeutende italienische Künstler immer wieder im Tessin auf. Mindestens einer der lombardischen Schöpfer der Deckengemälde aus der Casa Ghiringhelli in Bellinzona, die sich heute im Museum des Castel Grande befinden, malte Idealporträts im Stil der Renaissance (1470-1480), wie sie auch in der Wallfahrtskirche Madonna del Sasso vorkommen. Dort wirkte vermutlich Bramantino (Flucht nach Ägypten, um 1520). In der Kirche Santa Maria degli Angeli in Lugano sticht die Passion und Kreuzigung Christi (1529) von Bernardino Luini hervor.

Der Einfluss der katholischen Reform und des Manierismus ist erkennbar in den wenigen klassizistischen Grossbauten des Tessins, etwa der Kirche Santa Croce und dem Rathaus in Riva San Vitale, sowie vor allem auf zahlreichen Kirchengemälden von meist lombardischen Meistern wie Camillo Procaccini und den Malern aus dem Kreis um Pier Francesco Mazzucchelli, genannt il Morazzone, darunter Isidoro Bianchi und Giovan Battista Crespi, genannt il Cerano. Neben den im Tessin selbst in Auftrag gegebenen Werken brachten auch die Auswanderer Gemälde italienischen, flämischen oder deutschen Ursprungs in ihre Heimat zurück. Einige Flügelaltare aus Holz, die während des 15. und 16. Jahrhunderts in deutschen oder schweizerischen Werkstätten entstanden sind, wurden hingegen von den Reformierten an die katholischen Pfarreien verkauft, darunter das Polyptichon des schwäbischen Künstlers Ivo Strigel in Osogna.

Die Barockmaler Tessiner Herkunft wirkten meist im Ausland: Giovanni Battista Discepoli feierte seine Erfolge in Mailand, Giovanni Battista Carlone vor allem in Genua und Giovanni Serodine sowie Pier Francesco Mola in Rom. Bedeutende Maler des Frühbarocks wie der als Maestro della natività di Mendrisio bekannte anonyme Künstler sowie Francesco und Innocenzo Torriani hatten ihre Werkstatt zwar im Tessin, arbeiteten aber, wie im einheimischen Kunstbetrieb üblich, für ausländische Auftraggeber.

Die meisten Tessiner Architekten des Barocks arbeiteten im Ausland, wie etwa Carlo Maderni und Francesco Borromini, die in Rom zu Ruhm gelangten und in ihrer Heimat keine Spuren hinterliessen. Im 17. und 18. Jahrhundert wurden zwar im Tessin eifrig Kirchen renoviert und dem Zeitgeschmack angepasst. Dabei wurde mit polychromem Marmor wie etwa dem Arzomarmor und aufwendigen Stuckarbeiten nicht gespart, aber es handelte sich meist um eher bescheidene Eingriffe. Die weltlichen Bauten blieben mehrheitlich unscheinbar; zwischen den einfach gebauten Bürgerhäusern, die sich kaum von den Landwirtschafts- und Wirtschaftsgebäuden abhoben, stachen nur einzelne Stadtpaläste und Villen mit Gärten hervor.

Ihren Höhepunkt erreichte die Künstlerauswanderung im 18. Jahrhundert: In St. Petersburg wirkte Domenico Trezzini und zahlreiche weitere Tessiner Künstler errichteten in immer neuen Variationen Residenzen und Rokokokirchen auf dem ganzen Kontinent. Diese Tradition hielt sich bis ins 19. Jahrhundert mit Domenico Gilardi als bekanntestem Vertreter. Unter den Kunstmalern zeichnete sich der hauptsächlich in der Heimat wirkende Giuseppe Antonio Petrini aus. Einige Mitglieder der Familien Colomba, Orelli und Torricelli sowie italienische Künstler wie die mit Familien im Südtessin verschwägerten Carlone aus Scaria im Val d'Intelvi sind der grossen italienischen Schule der Monumentalfreskomalerei zuzurechnen. Zu den Hauptvertretern des frühen europäischen Klassizismus gehörten Simone Cantoni und Giocondo Albertolli.

Staat und Politik im 19. und 20. Jahrhundert

Ein wichtiges Sprachrohr für die Ideen der Aufklärung und der Französischen Revolution im Tessin war die von der Druckerei Agnelli verlegte Wochenzeitschrift Gazzetta di Lugano, die ab 1788 von Giuseppe Vanelli redigiert wurde. Sie beeinflusste einen Teil der einheimischen Führungsschicht, der auf eine Reform des veralteten Vogteisystems drängte. Unterstützung erhielten sie von Persönlichkeiten aus den regierenden Orten wie Karl Viktor von Bonstetten. Diese Kreise befürworteten einen aufgeklärten Absolutismus. Doch die spät einsetzende und schlecht organisierte Bewegung brachte nichts zustande und verschwand mit dem Ausbruch der Helvetischen Revolution.

Politische Geschichte und Verfassungsentwicklung

Unter Einfluss der am 29.6.1797 gegründeten Cisalpinischen Republik, die anfänglich die Annexion der italienischsprachigen Gebiete der Schweiz anstrebte, und der im Januar 1798 ausgebrochenen Helvetischen Revolution bildeten sich in den ennetbirgischen Vogteien drei Lager aus. Den Verteidigern der alten politischen und sozialen Ordnung standen zwei Gruppen gegenüber, die beide für eine Änderung der bestehenden Verhältnisse eintraten. Die Mehrheit, die sogenannten filoelvetici, kämpfte unter dem Motto Liberi e Svizzeri für den Verbleib in der Eidgenossenschaft, während die vor allem im Sottoceneri vertretene Minderheit, die sogenannten filocisalpini oder patrioti, den Anschluss an die Cisalpinische Republik propagierte. Nachdem die filocisalpini bei ihrem Versuch, Lugano einzunehmen, von einem örtlichen Freiwilligenkorps der filoelvetici zurückgeschlagen worden waren, rief die Stadt am 15.2.1798 ihre Unabhängigkeit aus, die von den regierenden Orten anerkannt wurde. Von Lugano aus griff die Emanzipationsbewegung noch am selben Tag auf den Ort und die Vogtei Mendrisio über, wo sich zunächst die Anhänger des Verbleibs in der Eidgenossenschaft durchzusetzen schienen. Später erfasste sie die übrigen Gebiete des Tessins: Am 6. März gestanden die eidgenössischen Orte der Vogtei Locarno, am 21. März dem Vallemaggia und am 4. April Bellinzona, Blenio sowie der Riviera die Unabhängigkeit zu, während Uri am 14. März die Leventina aus dem Untertanenverhältnis entliess.

Das Luganeser Freiwilligenkorps von 1797 beim Einsatz. Lavierte und aquarellierte Federzeichnung von Rocco Torricelli (Museo d'arte della Svizzera italiana, Lugano, Collezione Città di Lugano).
Das Luganeser Freiwilligenkorps von 1797 beim Einsatz. Lavierte und aquarellierte Federzeichnung von Rocco Torricelli (Museo d'arte della Svizzera italiana, Lugano, Collezione Città di Lugano). […]

Kantonsbildung (1798-1830)

Nachdem am 12.4.1798 die Helvetische Republik ausgerufen und auf eidgenössischer wie europäischer Ebene die Zugehörigkeit des Tessins zur Eidgenossenschaft durchgesetzt worden war, entstanden aus den befreiten Vogteien die helvetischen Kantone Lugano und Bellinzona. Zwar strebten die helvetischen Behörden von Anfang an einen einzigen Kanton mit dem Namen Tessin an, doch sträubten sich die lokalen Gemeinwesen erfolgreich dagegen, in einer einzigen politischen Körperschaft nach moderner Staatsauffassung aufzugehen. Sie hatten nichts miteinander zu tun und verstanden sich nach wie vor als autonome Nachbarschaften, Korporationen und Nutzungsgemeinschaften. Gegenüber den Verfassungsgrundsätzen der Helvetik verhielt sich die Bevölkerung gleichgültig. Der vom neuen Staat auferlegten Steuer- und Militärpflicht sowie allen Neuerungen im Bereich der Religion, auch jener der Kultusfreiheit, stand sie feindlich gegenüber. Die Ablehnung revolutionärer Ideen erklärt auch den Widerstand gegen die Angliederung an die Cisalpinische Republik. 1799 entluden sich die Feindseligkeiten gegenüber dem neuen Regime in Wirren und Gewaltakten in Lugano sowie in einem antifranzösischen Aufstand in der Leventina. Die Zeit der Helvetik war vor allem im Sottoceneri von einer andauernden Unbeständigkeit der staatlichen Institutionen geprägt. Denn kaum verschoben sich die Kräfteverhältnisse der politischen Lager, wurden alle Exekutivmitglieder und Präfekte ausgewechselt, was die Leistungsfähigkeit des Staats erheblich beeinträchtigte.

Erst mit der Mediationsakte von 1803 erfolgte die Gründung des Kantons Tessin, der eine Verfassung nach dem Willen von Napoleon Bonaparte bekam. Die neue Verfassung entsprach denjenigen der anderen neu gegründeten Kantone. Auf der Grundlage der Verfassung von 1803 wurde im Tessin eine von oben gelenkte Demokratie errichtet. Sie fusste auf dem Repräsentativsystem, sah indirekte Wahlen vor und setzte einen hohen Vermögenszensus für das passive Wahlrecht voraus, so dass die Macht in den Händen der Notabeln lag. Das Aktivbürgerrecht war zudem ausschliesslich den Mitgliedern der Bürgergemeinden vorbehalten.

Der Kanton Tessin wurde in acht Bezirke, die den ehemaligen Vogteien entsprachen, in 38 Kreise, die gleichzeitig Wahlkreise waren, und in rund 250 Gemeinden, die aus den Nachbarschaften hervorgingen, eingeteilt. Die höchste Gewalt lag beim 110-köpfigen Grossen Rat. Dieser beschränkte sich jedoch auf die Verabschiedung der von der Regierung vorgelegten Gesetze. Nur ein Ratsmitglied pro Kreis wurde direkt gewählt. Die übrigen 72 Grossräte wurden unter den von den Kreisversammlungen vorgeschlagenen Namen ausgelost. Der Grosse Rat delegierte aus seinem Kreis neun Mitglieder in die Exekutive, den Kleinen Rat, die aber weiterhin dem Parlament angehörten. Die überragende Figur in der Regierung der Mediation war Vincenzo Dalberti. Unter seiner Führung bemühte sich der Kleine Rat, dem Staatsgefüge einen inneren Zusammenhalt zu geben. Er unternahm grosse Anstrengungen, um den Kanton zur Heimat aller Tessiner zu machen.

Im März und Juli 1814 arbeitete der Grosse Rat einen gemässigt liberalen Verfassungsentwurf aus, der die Rechtsgleichheit, die Gewaltenteilung und die Direktwahl der gegenüber der Regierung gestärkten Legislative vorsah. Die europäischen Grossmächte unterbanden aber dieses Unterfangen, worauf sich ein Teil der Tessiner Wahlmänner erhob. Der Aufstand gipfelte in der Versammlung vom 25.8.-30.8.1814 in Giubiasco, an der die Abgeordneten der Kreise eine provisorische Reggenza (Exekutive) und ein neues Kantonsparlament ernannten. Doch die Aktion scheiterte. Nach deren Niederlage wurde am 17.12.1814 eine neue Verfassung verabschiedet. Fortan zählte der Grosse Rat nur noch 76 Mitglieder, wobei pro Kreis ein Mitglied gewählt und die restlichen 38 nach einem aufwendigen Verfahren bezeichnet wurden. Um die regionalen Rivalitäten zu entschärfen, wechselte der Hauptort im Sechsjahresrhythmus zwischen Bellinzona, Locarno und Lugano. Geistliche blieben von der 11-köpfigen Regierung ausgeschlossen, die nun Staatsrat hiess. In der neuen politischen Ordnung stand die Exekutive über der Legislative. Sie wurde nach dem Amt des Regierungschefs, dem landamano, Regiment der Landammänner genannt, da einige Notabeln, allen voran Giovanni Battista Quadri, dieses Amt monopolisierten. In den Augen ihrer Gegner wurde es zum Sinnbild für eine despotische Regierung, die nichts von den öffentlichen Freiheiten wissen wollte und unter dem Einfluss der österreichischen Lombardei stand.

Die Regierung führte die in der Mediation begonnene Politik fort und investierte vor allem in den Ausbau des Verkehrsnetzes. So wurde 1810 die Strasse über den Monte Ceneri fertig gestellt. Mit ihren Anstrengungen bezweckte sie einerseits eine engere Anbindung der einzelnen Kantonsteile, andererseits die Förderung des Güteraustausches, denn die Zoll- und Weggelder bildeten die Haupteinnahmequelle des Kantons. 1817 trat das Straf-, erst 1837 das Zivilgesetz in Kraft.

Liberale Reformen und Parteikämpfe (1830-1875)

Das Regiment der Landammänner rief eine verbreitete Unzufriedenheit hervor. Um einige Notablen aus den wichtigsten Zentren entstand eine liberale Bewegung, welche diese Missstimmung aufgriff und mehr Freiheiten, die Gewaltentrennung und das Öffentlichkeitsprinzip bei Staatsgeschäften forderte. Aber auch der Klerus war unzufrieden. Er beklagte seinen Ausschluss von Exekutiv- und Gerichtsämtern, und die zunehmende Kontrolle des Staats über die Kirche bereitete ihm Sorgen.

Am 23.6.1830 stimmte der Grosse Rat gegen den Willen des Landammanns Quadri einer Verfassungsreform zu, die am 4. Juli von den Kreisversammlungen gutgeheissen wurde. Damit eilte das Tessin den internationalen Ereignissen voraus und gab auf nationaler Ebene den Startschuss für die Verfassungsrevisionen der Regeneration. Die neue Verfassung schrieb das Öffentlichkeitsprinzip der Regierungs- und Parlamentsbeschlüsse, die Gewaltenteilung, die Direktwahl der Grossräte, das Verfassungsreferendum, das Petitionsrecht und die Pressefreiheit fest. Das Parlament wurde auf 114 Mitglieder vergrössert und seine Stellung gegenüber der neunköpfigen Regierung, in der höchstens ein Geistlicher Einsitz nehmen durfte, gestärkt. Nicht berücksichtigt wurden hingegen demokratische Postulate wie das allgemeine Männerwahlrecht und gleiche politische Rechte für alle. Vielmehr blieben als Voraussetzungen für das Aktivbürgerrecht der Vermögenszensus und die Zugehörigkeit zu einer Bürgergemeinde bestehen. Darüber hinaus erschwerten gesetzliche Hürden die Ausübung der politischen Rechte ausserhalb der Heimatgemeinde.

Unterschiedliche Ansichten zur Rolle des Staats und zum Wesen der Reformen standen nach 1830 am Beginn der beiden historischen Parteien des Tessins: Der Liberalen oder Radikalen, die sich später Radikalliberale nannten, und der Gemässigten oder Konservativen. Die Radikalen unter der Führung von Stefano Franscini kämpften für einen zentralistischen Staat, der die lokalen Privilegien und den Einfluss der Kirche auf die Zivilgesellschaft beschnitt. Um die Modernisierung des Kantons voranzutreiben, förderten sie die Volksbildung und die wirtschaftliche Entwicklung. Die Konservativen ihrerseits verteidigten einen schlanken Staat, der die Traditionen, lokalen Eigenständigkeiten und die kirchlichen Vorrechte respektierte. Im Dezember 1839 rissen die Radikalen nach einem bewaffneten Aufstand die Macht an sich und behaupteten sie im Juli 1841 gegen einen gegenrevolutionären Angriff. Diese Ereignisse bildeten den Anfang einer Periode der Gewalt, Volksjustiz und bewaffneter Handstreiche. Nicht selten arteten die offenen Abstimmungen in den Kreisversammlungen in Raufereien aus oder wurden durch Machenschaften und klientelistische Beeinflussung der Wählerschaft manipuliert. 1855, 1870, 1876, 1889 und 1890 mussten eidgenössische Kommissare zur Beruhigung der politischen Unruhen einschreiten.

"Das Begräbnis des Buon umore". Anonyme politische Karikatur für das radikale antiklerikale Satireblatt Il buon umore, veröffentlicht in der Ausgabe vom 27. Dezember 1860 (Archivio di Stato del Cantone Ticino, Bellinzona).
"Das Begräbnis des Buon umore". Anonyme politische Karikatur für das radikale antiklerikale Satireblatt Il buon umore, veröffentlicht in der Ausgabe vom 27. Dezember 1860 (Archivio di Stato del Cantone Ticino, Bellinzona). […]

1847 stellte sich das zwar katholische, aber von den Radikalen geführte Tessin gegen den Sonderbund und mobilisierte 3000 Männer. Die von Giacomo Luvini-Perseghini angeführten Truppen unterlagen in Airolo einem Überraschungsangriff der Urner und Walliser. Im folgenden Jahr lehnte das Tessin dennoch die Bundesverfassung von 1848 ab, vor allem deshalb, weil der Verlust von Zolleinnahmen den Kanton zur Einführung von direkten Steuern zwang. Nach 1850 nahm die Opposition gegen die Radikalen wegen der wirtschaftlichen und finanziellen Schwierigkeiten und deren antiklerikaler Politik zu. So hob die Regierung 1852 die Klöster auf und zog deren Güter ein, um die öffentlichen Schulen zu finanzieren. 1853 wurde der Schulunterricht säkularisiert. 1855 griff der Staat in Kultusangelegenheiten ein und schloss die Geistlichen von der Ausübung des Stimm- und Wahlrechts aus.

Ebenfalls nach 1850 entstand eine demokratische Bewegung, die sich für das allgemeine Wahlrecht und die direkte Demokratie einsetzte und den Machtmissbrauch der Staatsräte anprangerte. 1855 entledigten sich die Radikalliberalen im Pronunciamento jedoch der in der sogenannten Fusionistenbewegung vereinten Opposition. Schliesslich intervenierte der Bund und zwang den Kanton, 1858 auf die Zugehörigkeit zu einer Bürgergemeinde und 1863 auf den Vermögenszensus als Voraussetzung für das Aktivbürgerrecht zu verzichten. Diese beiden Bestimmungen hatten rund einen Fünftel der Wählerschaft von ihren politischen Rechten ausgeschlossen, und zwar vor allem im Sottoceneri, wo es mehr Grossgrundbesitzer gab und die Halbpacht überwog. Mit Franscini (1848-1857) und Giovan Battista Pioda (1857-1864) im Bundesrat standen die Radikalliberalen für die Integration des Tessins in den Bundesstaat ein. Auf kantonaler Ebene hatten sie mehr Mühe, fähige Regierungsvertreter zu finden.

Von den Reformen Gioachimo Respinis zum Proporzsystem (1875-1922)

Zur Erhaltung ihrer Macht klammerten sich die Radikalliberalen um 1870 immer fester an das Repräsentativsystem und die offene Abstimmung an den Versammlungen. Sie wandten sich gegen die Referendumsdemokratie und die Forderung nach geheimer Abstimmung, da sie die führende Rolle des Staats im Modernisierungsprozess des Kantons erhalten wollten. Die Konservativen sprachen sich hingegen für das Referendum aus in der Hoffnung, eine allzu starke Zentralisierung zu verhindern. 1875 erreichten die Liberalkonservativen die Mehrheit im Parlament und bauten diese in den Wahlen von 1877 aus. Unter der Leitung des charismatischen und unnachgiebigen Gioachimo Respini setzten sie ihre Politik des sogenannten Nuovo Indirizzo dank mehrerer Verfassungsrevisionen durch: 1875 wurde die geheime Stimmabgabe und die gemeindeweise Durchführung der Abstimmung, das Stimmrecht für die niedergelassenen Schweizer Bürger sowie die Verfassungsinitiative eingeführt, 1878 Bellinzona zum definitiven Kantonshauptort gewählt (1881 in Kraft getreten) sowie 1883 eine Justizreform beschlossen und das fakultative Referendum festgeschrieben. Neben der Aufhebung der antiklerikalen Gesetze verfassten die Konservativen erste Beschwerden an den Bundesrat, in denen sie sich gegen eine Zentralisierung stellten, welche die Autonomie der Kantone einschränkte und die italienischsprachige Minderheit bedrohte.

Allegorie der Republik und des Kantons Tessin. Ausschnitt aus dem Deckengemälde des Grossratssaals in Bellinzona. Tempera von Adelchi Maina, 1899 (Ufficio dei beni culturali, Bellinzona; Fotografie Stefania Beretta, Giubiasco).
Allegorie der Republik und des Kantons Tessin. Ausschnitt aus dem Deckengemälde des Grossratssaals in Bellinzona. Tempera von Adelchi Maina, 1899 (Ufficio dei beni culturali, Bellinzona; Fotografie Stefania Beretta, Giubiasco). […]
Der Tessiner Grossratssaal im ehemaligen Ursulinenkloster in Bellinzona. Fotografie vom Januar 2005, kurz nach der Renovation © KEYSTONE / Karl Mathis.
Der Tessiner Grossratssaal im ehemaligen Ursulinenkloster in Bellinzona. Fotografie vom Januar 2005, kurz nach der Renovation © KEYSTONE / Karl Mathis.

All dies hätte zu einer Schlichtung des politischen Kampfs führen können, stattdessen brachen schon bald die alten Konflikte wieder auf, zu denen sich neue Streitfragen gesellten. Die Folgen waren neuerliche Tumulte, politische Racheakte und Winkelzüge zur Schwächung des Gegners. 1880 löste eine Verfassungsrevision die Zuteilung einer fixen Zahl von Grossratssitzen pro Kreis durch eine Zuteilung nach der Grösse der Wohnbevölkerung ab, wodurch die Kreise ihre Bedeutung als Zentrum des lokalen politischen Lebens verloren. Sofort tauchten bei der Erstellung der Wählerlisten neue Konflikte auf, unter anderem bei der Frage, ob die aus dem Kanton weggezogenen Bürger aufgenommen werden sollten. Dank einer geschickten Wahlkreisgeometrie sorgte die Reform dafür, dass die Konservativen mit einer knappen Stimmenmehrheit eine solide Mehrheit im Grossen Rat erzielten.

In einem von Klientelismus geprägten Klima, in dem beide Parteien als Gegenleistung für Stimmen und Unterstützung Gefälligkeiten und öffentliche Aufträge zusicherten, mussten die wechselseitigen Diffamierungen unweigerlich in einen nächsten gewaltsamen Umbruch münden. 1890 entluden sich die Spannungen im Tessiner Putsch. Der Staatsstreich brachte jedoch einen unerwarteten Ausgang: Anstelle einer erneuten Vorherrschaft der Radikalen führte der Regimewechsel zu einer vom Bund auferlegten Wahlreform, welche die beiden Parteien zur Zusammenarbeit in der Regierung zwang. Nun galt ab 1891 für die Gross- und Gemeinderäte, ab 1892 für die Staatsräte, die nicht mehr vom Parlament, sondern vom Volk gewählt wurden, anstelle des Majorz- das Proporzsystem. Unfreiwillig wurde das Tessin in der Schweiz so zum Proporzpionier.

Zu Beginn des 20. Jahrhunderts tauchte mit der Sozialdemokratie eine dritte Kraft auf der politischen Bühne auf. Der Partito socialista ticinese (PST) verbündete sich anfänglich mit den Linksradikalen. Nach einer inneren Krise 1912-1913, aus der Guglielmo Canevascini als neuer Parteiführer hervorging, emanzipierte sich der PST und beanspruchte bald eine Rolle als Regierungspartei.

Die Konkordanzdemokratie (seit 1922)

Die Grossratswahlen von 1920 fussten auf einem Einheitswahlkreis. 1922 wurde die Zahl der Staatsräte auf fünf reduziert. Gemäss der erstmals angewandten, nach ihrem Erfinder Giuseppe Cattori benannten formula Cattori durfte eine Partei ohne absolute Stimmenmehrheit auch nicht die absolute Mehrheit der Regierungssitze beanspruchen. Da keine politische Kraft über die absolute Mehrheit im Parlament und in der Regierung verfügte und die Konkordanzdemokratie die Parteien und ihre Führer zur gemeinsamen Regierungsarbeit verpflichtete, mussten neue Formen der Zusammenarbeit gesucht werden. Ab 1927 blieb die parteipolitische Zusammensetzung der Regierung 60 Jahre lang unverändert: zwei Liberale, zwei Konservative und ein Sozialdemokrat. Die Proporzwahl begünstigte zwar Abspaltungen und die Bildung neuer Parteien, verursachte aber nie das politische Chaos, das die Verfechter des Majorzsystems prophezeit hatten. Die 1920er Jahre standen im Zeichen des sogenannten pateracchio, eines faktischen Bündnisses zwischen den Konservativen und den Sozialdemokraten, dem sich bis 1927 die Bauernvertreter anschlossen. Auf ihm fusste 1922-1935 die Regierungskoalition des sogenannten Governo di Paese. Damit wurde die Krise beendet, die der Verlust der absoluten Mehrheit der radikalliberalen Partei in den eidgenössischen Wahlen von 1919 ausgelöst hatte.

1947-1967 gingen die Radikalliberalen mit den Sozialdemokraten eine Regierungsallianz, die sogenannte intesa di sinistra, ein. Die beiden Parteien einigten sich auf eine Reformpolitik in den Bereichen Steuern, Schulen und Sozialwerke. Da sie Ämter der Verwaltung, der Gerichte und im halbstaatlichen Sektor untereinander aufteilten, wuchs die Kritik an der Konkordanzdemokratie. Langsam brach die Allianz auseinander.

Die wirtschaftliche und soziale Modernisierung des Tessins führte zu keinen nennenswerten politischen Verschiebungen, obwohl die Wählerbasis mit der Einführung des Frauenstimmrechts 1969 (als fünfter Kanton) beträchtlich erweitert wurde. Trotz Befürchtungen im Vorfeld rüttelte der Eintritt der Frauen in die Politik nicht an den Stärkeverhältnissen der Parteien. Auch die sozialen Bewegungen der 1960er und 1970er Jahre änderten daran nichts. Im Tessin entstanden wie andernorts ausserparlamentarische Gruppen, die sich zum Teil an der politischen und gesellschaftlichen Situation in Italien orientierten. Die Gründung des 1969 aus einer Abspaltung der Sozialdemokraten hervorgegangenen Partito socialista autonomo (PSA) gehörte zu den wichtigsten Ereignissen im Umfeld der systemkritischen Neuen Linken. In der Legislaturperiode 1987-1991 gewann der PSA auf Kosten der Christlichdemokratischen Volkspartei (CVP) im Staatsrat einen Sitz. Mit der Einbindung von neu vier Parteien in die Regierung fehlte im Parlament vollends eine oppositionelle Kraft, weshalb sich vor dem Hintergrund der Neudefinition der Staatsaufgaben die Kritik am Konkordanzsystem zuspitzte.

Die 1990er Jahre waren nicht zuletzt aufgrund einer anhaltenden wirtschaftlichen Stagnation eine Phase der Unsicherheit, in der auf nationaler Ebene das Zusammengehörigkeitsgefühl erodierte. Wie in der übrigen Schweiz wandten sich immer mehr Wähler von den Parteien ab. Betrug 1967 die Stimmbeteilung 80%, lag sie 2011 bei 62%. Das traditionelle politische System geriet in eine Krise. Diese Krisenerfahrung dient nicht nur als Erklärung für die ablehnende Haltung weiter Teile der Bevölkerung zum Europäischen Wirtschaftsraum, den Bilateralen Abkommen und der UNO, sondern auch für den Erfolg der 1991 gegründeten Lega dei Ticinesi. Die von der italienischen Lega Nord inspirierte, populistische Bewegung schwächte ihre anfänglich harsche Kritik an der alten Parteienherrschaft ab, weil sie sich früh und immer stärker in die Institutionen einbinden liess. Nach wie vor schürte sie aber die politischen Spannungen zwischen dem Zentrum Bern und der Peripherie Tessin. Der Aufstieg der Lega dei Ticinesi veränderte im Kanton das politische Gleichgewicht: 1995 entriss sie der CVP, 2011 dem Freisinn einen Regierungssitz. 2011 setzte sich die Regierung erstmals aus zwei Vertretern der Lega dei Ticinesi, einem Freisinnigen, einem Vertreter der CVP und einem Sozialdemokraten zusammen. Zudem etablierte sich die Lega dei Ticinesi mit einem Stimmenanteil von knapp 26% als stärkste Kraft im Kanton. Die Zersplitterung der politischen Kräfte im Kantonsrat erschwert seit 2015 zusehends das Zustandekommen stabiler Mehrheiten; die absolute Mehrheit kann nur dank der Übereinstimmung von mindestens drei Parteien erreicht werden.

1967 erfolgte eine Totalrevision der Kantonsverfassung von 1830, die sich allerdings auf Formales beschränkte. Mit der Streichung von Art. 1 der Verfassung 1975 verlor die katholische Konfession ihre Rolle als Staatsreligion. 1997 trat nach fast 20-jähriger Vorbereitung die neue Kantonsverfassung in Kraft, gegen die sich nur die Lega dei Ticinesi aussprach. Erstmals werden Sozialrechte erwähnt. Ausserdem ist die Rede davon, dass die gemeinschaftlichen Interessen unter Mitwirkung aller wahrgenommen werden. Ferner wurde die Volkswahl der Richter abgeschafft; nur noch die Friedensrichter werden direkt vom Volk bestimmt. Seit den kantonalen Wahlen von 2007 kennt auch das Tessin Stimmzettel ohne Vordruck, was der wachsenden Tendenz entgegenkommt, die Kandidaten frei und nicht nach deren Parteizugehörigkeit zu wählen.

Sitze des Kantons Tessin in der Bundesversammlung 1919-2015

 19191935195919671971197919831991199519992003200720112015
Ständerat
FDP21111111111111
CVP 111111 111111
Lega       1      
Nationalrat
FDP43334333323322
CVP33333332222222
SP1111111 222211
Lega       2121122
SVP            11
Andere     111      
Total Sitze87778888888888
Sitze des Kantons Tessin in der Bundesversammlung 1919-2015 -  Historische Statistik der Schweiz; Bundesamt für Statistik

Zusammensetzung des Staatsrats im Kanton Tessin 1921-2015

 19211923192719351959198319871991199519992003200720112015
FDP32222222222211
CVP31222212111111
SP 111111 111111
PSA      1       
SVP11            
Lega        111122
Andere       1a      
Total Sitze75555555555555

a Partito socialista unitario

Zusammensetzung des Staatsrats im Kanton Tessin 1921-2015 -  Historische Statistik der Schweiz; Bundesamt für Statistik; Staatskanzlei

Zusammensetzung des Grossrats im Kanton Tessin 1923-2015

 19231935194719591967197119831991199519992003200720112015
FDP2419272926353529302930272324
CVP2422242322313027252323211917
SP8109101112129151516181413
PdA  21222 1     
PSA     68       
SVP73323332136553
Lega       12161611152122
Grüne       1122476
Andere2112 11 10121 15
Total Sitze6565656565909090909090909090
Zusammensetzung des Grossrats im Kanton Tessin 1923-2015 -  Historische Statistik der Schweiz; Bundesamt für Statistik; Staatskanzlei

Staat, Verwaltung und Aussenbeziehungen

Staatsaufbau

Der Aufbau des Tessiner Staats ging nicht sogleich mit einer straffen Organisation der kantonalen Aufgaben einher. Vielmehr führte die lange Zeit vorherrschende Auffassung vom Staat als Bund von Gemeinden, die sich selbst verwalten, zu einem Nebeneinander von regionalen Verwaltungsorganen. In der Anfangsphase kam deshalb bei der Errichtung staatlicher Institutionen den Regierungskommissaren die wichtige Funktion zu, die Vereinheitlichung unter Beachtung der lokalen Besonderheiten voranzutreiben. Pro Bezirk wurde ein Kommissar ernannt. Er hatte dafür zu sorgen, dass sich die Peripherie auf die Zentralregierung ausrichtete, und wachte über die Umsetzung der Gesetze und Regelungen. Dank der Fortschritte und der Festigung der Exekutive und öffentlichen Verwaltung verlor das Amt des Regierungskommissars an Bedeutung und wurde schliesslich 1922 aufgehoben.

Obwohl die Staatsaufgaben im Gefolge der Regeneration klarer umrissen wurden, kam die seit langem angestrebte Verwaltungsreform nur schleppend voran. 1849 wurden erstmals Departemente als vollziehende Verwaltungseinheiten eingeführt und 1852 deren Kompetenzen festgelegt. Diese umfassten bereits die zentralen Staatstätigkeiten wie Inneres, Justiz und Polizei, Militär, Bildung und Gesundheit, öffentliches Bauwesen, Landwirtschaft, Handel und Wohlfahrt, Finanzen, Geschäftsprüfung, Staatsvermögen und Staatsschuld. Die späteren strukturellen oder politischen Reorganisationen der Kantonsverwaltung zogen Aufteilungen, Zusammenlegungen oder die Schaffung neuer Departemente nach sich wie 1959 das Sozial- und 1976 das Umweltdepartement. Sie spiegelten den Wandel der Mentalitäten und der gesellschaftlichen Bedürfnisse. Nachdem mehrere Jahrzehnte lang immer etwa zehn Departemente bestanden hatten, wurden sie 1992 entsprechend der Anzahl Staatsräte auf fünf reduziert. 2011 waren es die Direktion für Institutionen (Justiz und Inneres), für Gesundheit und Soziales, für Bildung, Kultur und Sport, für Umwelt (Bau) sowie für Finanzen und Volkswirtschaft.

Die Zahl der Staatsangestellten stieg kontinuierlich bis um 1940 auf über 1000. Zu Beginn der 1960er Jahre, als in den Departementen neue Ämter geschaffen wurden, sprang sie auf durchschnittlich 4500 (ohne Lehrer). Im Zug dieses Ausbaus entfaltete sich der alte Klientelismus: Einflussreiche Familien begannen die Besetzungen in den Ämtern zu kontrollieren. In einer Region, die im Vergleich zu wirtschaftlich stärkeren Gebieten schlechte Arbeitsaussichten bot, hatten solche Machenschaften bereits im Übergang von der Herrschaft der Vögte zum neuen Kanton eine wichtige Rolle gespielt. Nun kamen neue Strategien der Wahlbeeinflussung zum Tragen, die von der Gewährung von Kleinkrediten bis hin zur Beschaffung von Arbeitsplätzen reichten. Davon zeugt auch die im 19. Jahrhundert verbreitete Praxis, bei jedem Machtwechsel zwischen den Radikalliberalen und Konservativen die Regierungsangestellten der gegnerischen Partei systematisch zu entlassen.

In der 2. Hälfte des 20. Jahrhunderts gewannen die Unternehmen mit staatlicher Beteiligung an Bedeutung. Die 1958 gegründete Azienda elettrica ticinese stand am Anfang dieser Entwicklung. 1970 folgte ihr das Tessiner Tourismusbüro, 1982 das Kantonsspital, 1995 die Universität der italienischen Schweiz, 1997 die Fachhochschule der italienischen Schweiz und 2004 die kantonale Kehrichtverbrennungsanlage.

Religions- und Kirchenpolitik

Die Bevölkerungsmehrheit in den ehemaligen Landvogteien lehnte die von der Aufklärung angeregten und unter der Helvetischen Republik eingeführten religiösen Neuerungen wie die Religions- und Gewissensfreiheit ab. Auch stellte sie sich gegen die Beschlagnahmung der Ordensgüter. Bei der Kantonsgründung gehörte der verfassungsrechtliche Schutz der katholischen Religion zu den Hauptforderungen der politischen Parteien sowie der Bevölkerung. Die Mediationsakte von 1803 trug dem Rechnung und auch die späteren Verfassungen bestätigten den katholischen Glauben als Staatsreligion. Einerseits anerkannte und schützte der Staat die kirchliche Autorität in Lehramts- und geistlichen Fragen, andererseits setzte er die kantonale Rechtssprechung in kirchenpolitischen Angelegenheiten durch. Nach staatskirchenrechtlichem Verständnis in der Schweiz gehörte zum Primat des Staats die Kontrolle über die kirchlichen Einrichtungen, auch wenn diese einer ausländischen Autorität unterstanden.

Katechismus für das Bistum Como, zugelassen von den kirchlichen Behörden und dem Tessiner Erziehungsrat, 1893 gedruckt in Bellinzona (Schweizerische Nationalbibliothek).
Katechismus für das Bistum Como, zugelassen von den kirchlichen Behörden und dem Tessiner Erziehungsrat, 1893 gedruckt in Bellinzona (Schweizerische Nationalbibliothek). […]

Da die Tessiner Pfarreien von den Diözesen Como und Mailand abhingen, stellte sich ab 1803 die Bistumsfrage. Gegen die Gründung eines Bistums im Tessin stellte sich Österreich, das ab 1815 wieder über die Lombardei herrschte und somit die Diözesen Como und Mailand unter sich hatte. Aber auch der Klerus des ambrosianischen Ritus begegnete der Idee mit Zurückhaltung. Die Einmischung Österreichs in kantonale Angelegenheiten ermutigte die Radikalen nach 1840, die Säkularisation voranzutreiben. Zudem liessen sich mit den neu gewonnenen Geldmitteln die öffentlichen Schulen, vor allem die Gymnasien und höheren Bildungsinstitute, finanzieren. Denn die Radikalen waren überzeugt, dass der Einfluss und die Vorrangstellung des Klerus und der Kirche die Modernisierung von Staat und Gesellschaft behindere. Ein Gesetz von 1846 stellte die religiösen Gemeinschaften unter staatliche Aufsicht. 1848 hob der Staat aufgrund des Staatskirchenrechts die meisten Klöster auf und zog deren Güter ein. Die Einnahmen halfen die Haushaltskrise lindern und dienten 1852 der Schaffung öffentlicher Sekundarschulen und Gymnasien, die an die Stelle der kirchlichen Schulen rückten. Die antiklerikale Gesetzgebung wurde 1855 mit Massnahmen vervollständigt, die den Kulturkampf vorwegnahmen: Dem Klerus wurden die politischen Rechte entzogen und eine "Legge civile ecclesiastica" unterstellte die Ausübung des Priesteramts sowie die Verwaltung der Pfarreien der strengen Überwachung der Regierung. Ferner wurden die obligatorische Ziviltrauung und staatliche Zivilstandsregister eingeführt.

Zur Lösung der Bistumsfrage bedurfte es der Intervention des Bundes. 1859 untersagte er jegliche Gerichtsbarkeit ausländischer Bischöfe auf eidgenössischem Gebiet. Nach Verhandlungen zwischen 1884 und 1888 wurde schliesslich die Tessiner Bistumsfrage geklärt: Das Tessin wurde eine apostolische Administration, die formal dem Bistum Basel unterstand, bis 1971 ihre Ablösung von Basel und die Gründung der Diözese Lugano erfolgte. Bereits 1886 hatte die konservative Mehrheit in Absprache mit dem Heiligen Stuhl ein Gesetz über die Freiheit der katholischen Kirche und die Kirchengüter verabschiedet, welches dasjenige von 1855 ersetzte.

Das damals festgelegte Verhältnis von Staat und Kirche blieb trotz der bis ins 21. Jahrhundert fortdauernden Kontroversen über den Religionsunterricht an den öffentlichen Schulen und über die Finanzierung der Diözese (Kirchensteuer) bis in die letzten Jahrzehnte des 20. Jahrhunderts fast unverändert. Auch die Entstehung der ersten reformierten Gemeinden in den 1870er Jahren hatte zu Reibereien mit dem katholischen Klerus geführt.

Die in der kantonalen Verfassung festgeschriebene Bestimmung des katholischen Glaubens als Staatsreligion wurde mit der neuen Bundesverfassung von 1874, die allen Glaubensgemeinschaften die Kultusfreiheit garantierte, hinfällig. Allerdings wurde die kantonale Verfassungsbestimmung erst 1975 abgeändert, als auch die reformierte Kirche Rechtspersönlichkeit und das Recht erhielt, sich frei zu organisieren. Die Beziehungen zur reformierten Kirche wurden 1997, diejenigen zur katholischen Kirche 2002 durch spezielle Gesetze geregelt. Beide Kirchen sind Körperschaften des öffentlichen Rechts.

Beziehung zu den italienischen Staaten

Die Grenzziehung zwischen dem Tessin und den italienischen Staaten unterlag vom 16. Jahrhundert an vielen Änderungen. Erst mit der Cisalpinischen Republik und der Bildung des italienischen Einheitsstaats wurden die Grenzverläufe endgültig festgelegt. Unabhängig von der politischen Unbeständigkeit, aufgrund derer Verhandlungspartner verschwanden oder auf einmal gleichzeitig mehrere auftauchten, blieb die Grenze über die Jahrhunderte hinweg durchlässig, so dass starke sozioökonomische und kulturelle Bindungen entstanden.

Die politisch unterschiedlichen Entwicklungen der angrenzenden Staaten lösten immer wieder diplomatische Spannungen mit sozialen und wirtschaftlichen Auswirkungen aus. Auch der für Grenzregionen typische Schmuggel bot mehrfach Anlass zu Konflikten: 1810-1813 besetzte Frankreich das Tessin durch Truppen des italienischen Königreichs, um den während der Kontinentalsperre blühenden illegalen Warenverkehr zu bekämpfen. Gleichzeitig sollte die Besetzung die Fahnenflucht unter den napoleonischen Truppen erschweren. Als Österreich 1816 mit der Schaffung des Lombardo-Venezianischen Königreichs die Herrschaft in der Lombardei wieder übernahm, erreichten die Auseinandersetzungen zwischen den beiden Nachbarstaaten einen neuen Höhepunkt. Denn der Kanton Tessin nahm die politischen Flüchtlinge nicht nur auf, sondern die Radikalliberalen unterstützten offen die Einigung Italiens. Auf die politische und publizistische Tätigkeit dieser Kreise reagierte Österreich mehrmals mit heftigen Protestnoten bei der Eidgenossenschaft, worauf die Tagsatzung 1823 das Presse- und Fremdenkonklusum sowie 1836 ein zweites Fremdenkonklusum erliess. Der Kanton Tessin musste die Pressefreiheit beschneiden und den Druck auf die politischen Flüchtlinge erhöhen.

Im Gefolge der liberalen und demokratischen Unruhen der 1830er Jahre kam es zu einer Reihe von Ausweisungen nach Italien. Die Spannungen spitzten sich zu, als nach der Niederschlagung des Märzaufstands in Mailand 1848, den sogenannten Fünf Tagen, die Österreicher im August nach Mailand zurückkehrten und damit einen Flüchtlingsstrom ins Tessin auslösten. Aufgrund seiner liberalen Flüchtlingspolitik musste der Kanton 1848 und 1853 Grenzblockaden und Vergeltungsmassnahmen, unter anderem die Ausweisung aller Tessiner aus der Lombardei, über sich ergehen lassen. Die anhaltenden Grenzkonflikte zwangen den Bund, mehrmals einzuschreiten. Erst nach dem Rückzug Österreichs 1859 normalisierten sich die Beziehungen zwischen dem Tessin und der Lombardei. Nach der Einigung Italiens 1861 tauchte mit dem Irredentismus ein neuer Konflikt auf. Die Frage eines Anschlusses des Tessins an Italien gewann unter dem Faschismus an Brisanz.

Obwohl nach den Mailänder Unruhen von 1898 einmal mehr viele Flüchtlinge, vor allem Sozialisten und Anarchisten, ins Tessin gelangten und der wechselnde Verlauf des 1. Weltkriegs das Misstrauen an der italienisch-schweizerischen Grenze schürte, blieben die Beziehungen des Tessins zu den italienischen Grenzregionen bis zum Aufstieg der Faschisten an die Macht in Italien stabil. Am Vorabend und während des 2. Weltkriegs häuften sich die diplomatischen Spannungen erneut, weil einerseits die Tessiner Sozialdemokraten, allen voran Canevascini, den Antifaschismus der italienischen Regimegegner unterstützten, andererseits die Faschisten Hoheitsrechte mehrfach missachteten. Nach dem Waffenstillstand vom 8.9.1943 flüchteten viele Menschen über die Tessiner Grenze. Der Schmuggel, vor allem mit Reis aus Italien, blühte.

In der Nachkriegszeit erstarkten aufgrund der bedeutenden Einwanderung von Italienern in die Schweiz und gegenseitiger Investitionen die wirtschaftlichen und gesellschaftlichen Bindungen zwischen den beiden Ländern. Dank des Zuflusses italienischer Gelder wurde Lugano zu einem wichtigen Finanzplatz. Zu Beginn des 21. Jahrhunderts verschlechterten sich die Beziehungen des Kantons Tessin mit seinem Nachbarn auf verschiedenen Ebenen: Einerseits äusserte die Tessiner Bevölkerung ihren Unmut über die zahlreichen im Kanton arbeitenden italienischen Grenzgänger und über die einseitige Umsetzung der Bilateralen Abkommen von 1999 und 2004. Andererseits sah sie im Kampf der italienischen Regierung gegen die Steuerhinterziehung, vor allem in deren scudi fiscali von 2001, 2003 und 2009, einer Art Steueramnestie, einen Angriff auf den Finanzplatz Lugano.

1995 gründeten Behörden und Private aus dem Tessin und den lombardischen Provinzen Como, Varese sowie Verbano-Cusio-Ossola zur Förderung der grenzübergreifenden Zusammenarbeit die Regio Insubrica. Der Arbeitsgemeinschaft schlossen sich 2006 die Provinzen Lecco und Novara an.

Beziehung zur Eidgenossenschaft

Der Aufbau kantonaler Staatsstrukturen im Tessin und die gleichzeitige Umwandlung des eidgenössischen Staatenbunds in einen modernen Nationalstaat führten im 19. Jahrhundert zu Konflikten und Krisen in der Beziehung zwischen Bund und Kanton. Während die innerkantonale Neuorganisation des Staats mit ausgeprägten Partikularinteressen zurechtkommen musste, die den inneren Zusammenhalt ernsthaft gefährdeten, rückte die Entsendung von eidgenössischen Truppen ins Tessin zur Unterdrückung ebensolcher separatistischer Kräfte den Bundesstaat bei der Tessiner Bevölkerung in ein schlechtes Licht. Die Gegensätze verschärften sich trotz des klaren Willens im Tessin, in der Schweiz zu verbleiben.

Für weitere Spannungen sorgte die Tatsache, dass sich der Kanton mit der neuen, nicht mehr in seiner Kompetenz liegenden Aussenpolitik schwer tat. Die Ablehnung der Bundesverfassung in der kantonalen Abstimmung von 1848 aufgrund ihrer negativen Auswirkungen auf die Tessiner Finanzen trug zum Unmut bei. Als ab 1874 auf nationaler Ebene die Bemühungen um Vereinheitlichung und Zentralisierung intensiviert wurden, stiegen die Bedenken im Tessin. Dies alles festigte im Verlauf des 19. Jahrhunderts in der Schweiz das Vorurteil, der Tessiner sei raufsüchtig und stelle die Lokalpolitik über die Interessen des Staats. Die Tessiner ihrerseits pflegten zunehmend Ressentiments gegenüber der Deutschschweiz.

1882 leitete die Eröffnung des Gotthardbahntunnels eine neue Phase in der Beziehung des Tessins zur Eidgenossenschaft ein. Das Ende seiner Isolation wirkte sich auf die demografische und kulturelle Entwicklung aus und weckte Hoffnungen auf einen Wirtschaftsaufschwung. Die Enttäuschung über den ausbleibenden Boom stand am Anfang der sogenannten Rivendicazioni ticinesi von 1924, später der Nuove Rivendicazioni Ticinesi von 1938, einem Forderungskatalog der Tessiner Regierung zuhanden des Bundes. Dieser ging jedoch nur teilweise auf die wirtschaftlichen, tariflichen und kulturellen Anliegen ein.

Da der Bund in seinen Plänen für das Nationalstrassennetz nur kleinere Bauarbeiten im Nordtessin und keinen Gotthardtunnel für sein Autobahnnetz vorsah, protestierte die Tessiner Regierung 1959 heftig. Sie war von der Bedeutung des Tessins als Verkehrskorridor überzeugt. Neben dem Strassentunnel durch den Gotthard, der 1964 ins Nationalstrassenprogramm aufgenommen und 1980 eröffnet wurde, forderte sie eine vierspurige Autobahn von Airolo nach Chiasso. In den 1990er Jahren machte sie sich auf ähnliche Weise für eine Hochgeschwindigkeitsstrecke für die Eisenbahn Richtung Süden als Ergänzung zur neuen Alpentransversale stark.

Das Tessin war im 20. Jahrhundert gut im Bundesrat vertreten: 1911-1940 mit Giuseppe Motta, 1940-1950 mit Enrico Celio, 1954-1959 mit Giuseppe Lepori, 1966-1973 mit Nello Celio und 1986-1999 mit Flavio Cotti. Die Tatsache, dass seit 1999 das Tessin kein Mitglied der Schweizer Regierung mehr stellte, belastete von Neuem das Verhältnis zum Bund. In einem schwierigen wirtschaftlichen Umfeld, zu dem weitere Probleme wie die negativen Folgen des an sich gewollten Autobahnverkehrs stiessen, mehrten sich die Klagen an die Adresse Berns. Im Mittelpunkt der Kritik standen die Politik der Öffnung gegenüber der Europäischen Union, der wachsende Konkurrenzkampf zwischen den Kantonen auf Kosten der Randregionen, der Abbau militärischer Einrichtungen sowie öffentlicher Betriebe in den Bereichen Post, Eisenbahn und Telekommunikation.

Um die Stellung des Tessins in der Schweiz zu verbessern, beschritt der Kanton zu Beginn des 21. Jahrhunderts konstruktivere Wege. Nach innen versuchte er die Reihen zu schliessen, nach aussen verfolgte er neue Strategien. Dazu gehörten die Wahl Bellinzonas als Sitz des Bundesstrafgerichts 2004 oder der von der Bevölkerung und Politik mitgetragene Streik gegen den geplanten Stellenabbau bei den SBB-Werkstätten in Bellinzona 2008. Mit der Schaffung eines Delegierten des Kantons Tessin für die Bundesbeziehungen 2011 sollten zudem die kantonalen Interessen in Bern besser vertreten und gefördert werden.

Wirtschaft, Gesellschaft und Kultur im 19. und 20. Jahrhundert

Bevölkerung und Siedlung

Entwicklung und Zusammensetzung der Wohnbevölkerung

Indikatoren der Tessiner Binnenwanderung in der Schweiz 1850-1910
Indikatoren der Tessiner Binnenwanderung in der Schweiz 1850-1910 […]

1798 lebten 90'000 Einwohner im Tessin. Danach wuchs die Bevölkerung mehr oder weniger gleichmässig, wenn man von zwei Phasen der Stagnation um 1880 und 1920 absieht, und nahm 1888-1910 und 1950-1970 wegen der Zuwanderung aus Italien überdurchschnittlich zu. Um die Mitte des 19. Jahrhunderts zwangen die fehlenden Ressourcen Teile der Bevölkerung zur Auswanderung, was zu einer Entvölkerung der Täler des Sopraceneri, vor allem des Maggia- und Verzascatals führte. Bis 1950 lag das Bevölkerungswachstum des Tessins unter dem eidgenössischen Durchschnitt. Machten die Tessiner 1798 noch 5,3% der schweizerischen Gesamtbevölkerung aus, fiel dieser Wert bis 1850 auf 4,9%, bis 1900 auf 4,2% und bis 1960 gar auf 3,6%. Diese Entwicklung liess Befürchtungen aufkommen, die Tessiner seien vom Aussterben bedroht. Dank der Einwanderung stieg jedoch ihr Anteil 2000 wieder auf 4,2%.

Die Ausländerquote an der Wohnbevölkerung erreichte 1910 einen ersten Höchstwert von 28%. Danach sank er aufgrund der beiden Weltkriege bis 1950 auf 17%. In der Nachkriegskonjunktur kletterte der Wert bis 1970 wieder auf 27% und verharrte am Anfang des 21. Jahrhunderts bei 26%, was einem der höchsten Werte der Schweiz entsprach. Die Quote der italienischsprachigen Bevölkerung ging bis 2000 auf 83% zurück. Hingegen gewannen aufgrund der multiethnischen Zuwanderung die Nicht-Landessprachen an Bedeutung: Ihre Quote stieg von 2% 1970 auf 7% 2000.

Während der Anteil der Katholiken von beinahe 100% 1850 auf 76% 2000 zurückging, wuchs derjenige der Reformierten in der gleichen Zeitspanne von 0,2% auf 7%. Auch derjenige der Agnostiker und Vertreter anderer Religionen erfuhr 1970-2000 einen Anstieg von 2% auf 17%. Laut der Volkszählung von 2000 erklärten 7% der Bevölkerung, sie gehörten keiner Religion an. Von den anderen Religionsgruppen erhöhte sich der Anteil der Christlich-Orthodoxen wie im schweizerischen Mittel auf 2%, jene der Muslime nach der Zuwanderung aus den Balkanstaaten und der Türkei auf 2% (gegenüber dem schweizerischen Durchschnittswert von 4%).

Die demografische Bilanz im Tessin entspricht der klassischen Entwicklung moderner Gesellschaften. Sie weist einen Rückgang der Sterblichkeits- und der Geburtenrate aus. Dies führt tendenziell zu einem Geburtendefizit und zu einer Überalterung der Bevölkerung.

Bevölkerungsentwicklung des Kantons Tessin 1850-2000

JahrEinwohnerAusländer-anteilAnteil KatholikenAnteil ProtestantenAlters-struktur (Anteil >59)ZeitraumGesamt-zunahmeaGeburten-überschussaWanderungs-saldoa
1850117 7596,6%100,0%  1850-1860-1,1‰0,1‰-1,2‰
1860116 3435,7%99,9%0,1%7,8%1860-18704,4‰-0,7‰5,1‰
1870121 5918,8%98,2%0,2%9,3%1870-18809,0‰5,6‰3,4‰
1880130 39415,4%99,7%0,3%10,3%1880-1888-3,5‰5,5‰-9,0‰
1888126 75114,4%98,8%0,8%11,8%1888-19007,5‰5,4‰2,1‰
1900138 63822,0%98,0%1,6%12,0%1900-191012,0‰7,9‰4,1‰
1910156 16628,2%94,0%2,4%11,3%1910-1920-2,5‰4,2‰-6,7‰
1920152 25621,3%92,3%4,0%11,7%1920-19304,5‰2,4‰2,1‰
1930159 22320,8%91,5%5,1%12,3%1930-19411,5‰1,9‰-0,4‰
1941161 88217,9%92,5%5,6%14,9%1941-19508,7‰4,1‰4,6‰
1950175 05517,2%91,7%6,2%16,5%1950-19605,3‰4,1‰1,2‰
1960195 56618,6%91,3%6,8%17,5%1960-197023,0‰5,5‰17,5‰
1970245 45827,5%89,8%7,8%17,9%1970-19808,0‰2,3‰5,7‰
1980265 89924,9%87,1%8,2%19,9%1980-19905,9‰-0,2‰6,1‰
1990282 18125,6%83,5%8,0%21,6%1990-20007,4‰1,0‰6,4‰
2000306 84625,7%75,9%6,9%23,8%    

a mittlere jährliche Zuwachsrate

Bevölkerungsentwicklung des Kantons Tessin 1850-2000 -  Historische Statistik der Schweiz; eidgenössische Volkszählungen; Bundesamt für Statistik

Auswanderung

Herkunftsbezirke der Tessiner Auswanderer nach Übersee
Herkunftsbezirke der Tessiner Auswanderer nach Übersee […]

Ab der frühen Neuzeit kam im Tessin sowohl die temporäre als auch die dauerhafte Auswanderung vor. Um die Mitte des 19. Jahrhunderts verlagerten sich aber die Gewichte. Bis zu diesem Zeitpunkt blieb das Ziel der Migration stets die Heimkehr und die Verbesserung der heimatlichen Lebensverhältnisse. Doch ab der 2. Hälfte des 19. Jahrhunderts lösten Armut und Arbeitslosigkeit eine endgültige Massenmigration vor allem nach Übersee (Australien, Nord- und Südamerika, Nordafrika) aus. Diese hielt bis zum 2. Weltkrieg an und erlebte mehrere Spitzen, so um 1870, gegen Ende des 19. Jahrhunderts und in den Jahren vor dem 1. Weltkrieg. Gemäss Schätzungen zogen 1850-1930 rund 50'000 Tessiner in andere Kontinente. Dennoch herrschte noch lange Zeit die periodische und saisonale Auswanderung vor. Auch die Binnenwanderung blieb von Bedeutung: Zwischen 1900 und 1950 stieg das Verhältnis der in den anderen Kantonen lebenden Tessiner zu jenen im Heimatkanton von 8% auf 20%. Trotz gemeinsamer Merkmale variierte die Art und die Häufigkeit der Migrationsformen im Sopra- und Sottoceneri sowie in den Tälern erheblich.

Im Übergang zum 20. Jahrhundert wandelte sich das Tessin wie die ganze Schweiz zum Einwanderungsland. Nach der Eröffnung des Gotthardbahntunnels liessen sich zahlreiche Schweizer, hauptsächlich aus der Deutschschweiz, im Tessin nieder. Laut der Volkszählung von 1910 machten sie rund 5000 Personen aus, was 3% der Kantonseinwohner entsprach. Sie besetzten in der Regel Kaderpositionen in der Industrie, im Tourismus oder in den Regiebetrieben des Bundes. Von den 1870er Jahren bis 1910 kletterte auch der Anteil der Italiener an der Wohnbevölkerung von 6% auf 28% und umfasste 1910 44'000 Personen. Da die zugewanderten Italiener meist über keine Fachausbildung verfügten, kompensierten sie vor allem im Bauwesen und in der Industrie den Mangel an Schweizer Arbeitskräften.

In der 2. Hälfte des 20. Jahrhunderts wanderten kaum mehr Tessiner aus, während die Einwanderung, hauptsächlich aus Süditalien, derart zunahm, dass am Ende der 1970er Jahre 70% aller Arbeitsplätze in der Industrie von Ausländern besetzt waren. 2010 arbeitete die Mehrheit der Ausländer im Dienstleistungsbereich. Die Grenzgänger aus Italien fanden vor allem im 2. Sektor eine Beschäftigung. Bereits im 19. Jahrhundert waren Arbeiter als Taglöhner in der Landwirtschaft oder als Handlanger in den Textil- und Tabakfabriken über die Grenze gekommen. Nach 1950 stieg die Zahl der Grenzgänger markant an: Waren es 1990 bereits 40'000, wurden 2009 44'400 von insgesamt 201'000 Beschäftigten im Tessin gezählt.

Siedlungsstruktur und Veränderungen des Lebensraums

Die Siedlungsstruktur des Kantons zu Beginn des 21. Jahrhunderts unterscheidet sich grundlegend von derjenigen der vorindustriellen Zeit, in der eine ländlich geprägte Bevölkerung aus wirtschaftlicher Notwendigkeit über das ganze Gebiet zerstreut wohnte. Um die Mitte des 20. Jahrhunderts setzte die Verstädterung ein. Sie ging mit einer Entvölkerung der Täler und in den letzten Jahrzehnten mit einer Agglomerationsbildung einher.

1870-2000 wuchs die Bevölkerungsdichte von 43 auf 109 Einwohner pro km² an, wobei die Bezirke Mendrisio (von 182 auf 453) und Lugano (von 115 auf 387) die höchsten Werte aufwiesen. In den Bezirken Blenio (von 21 auf 15) und Vallemaggia (von 12 auf 9) fand hingegen eine gegenläufige Tendenz statt. Das regionale Ungleichgewicht akzentuierte sich: 2008 wohnten 57% der Bevölkerung im nur 15% des Kantonsgebiet umfassenden Sottoceneri. Einen erheblichen Einfluss auf die Raumentwicklung übte die 1872-1882 erstellte Gotthardbahn aus. Siedlungen, Industrien und Dienstleistungssektor konzentrierten sich entlang der Verkehrsachse Airolo-Chiasso, in der Magadinoebene und an den Seeufern. Nach 1960 stoppten die Erneuerung des Strassennetzes und die starke Motorisierung die Entvölkerung der Täler, da die Leute nun zu ihrem Arbeitsort pendelten. 2000 arbeiteten ungefähr 60% der Erwerbstätigen ausserhalb ihrer Wohngemeinde, wobei die Arbeitswege kurz waren und vor allem ins Mendrisiotto sowie in die Grossräume Lugano und Bellinzona als Standort der Staatsverwaltung führten.

Nach 1950 veränderten der Wirtschaftsaufschwung und das Bevölkerungswachstum das Landschaftsbild des Tessins nachhaltig, und zwar oft in chaotischer Weise. Die fortschreitende Zersiedelung verlangte nach einem vernünftigen Umgang mit den Landreserven, um die Schönheit der Landschaft zu bewahren. Allerdings wurde 1969 in einer kantonalen Abstimmung das Raumplanungsgesetz abgelehnt. Danach regelten vor allem Bundesbestimmungen die weitere Entwicklung. 2000 wurden die drei Burgen und Festungsmauern von Bellinzona und 2003 der Monte San Giorgio ins Welterbe der Unesco aufgenommen.

Architektur und städtebauliche Eingriffe

Plakat von Orio Galli für den Tessiner Verkehrsverein, 1984 (Schweizerische Nationalbibliothek).
Plakat von Orio Galli für den Tessiner Verkehrsverein, 1984 (Schweizerische Nationalbibliothek). […]

Die ersten architektonisch bedeutenden Gebäude waren Repräsentationsbauten wie die klassizistischen Regierungsgebäude von Locarno (1837-1838) und Lugano (1843-1844) oder das Teatro Sociale in Bellinzona (1846-1847). In der 2. Hälfte des 19. Jahrhunderts veränderten Eisenbahn, Tourismus und Industrie das Stadtbild. Es entstanden neue Verkehrsachsen und Quartiere. Der Eklektizismus und der Jugendstil, die zu Beginn des 20. Jahrhunderts als Ausdruck eines kosmopolitischen Zeitgeistes aufkamen, erscheinen in den Villenvierteln, Vergnügungsbauten und Industrieanlagen sowie in den "exotischen" Villen reicher Rückkehrer in verschiedenen Dörfern. Mit dem Denkmalschutzgesetz von 1909 sollte das architektonische Erbe endlich bewahrt und aufgewertet werden. In der Zwischenkriegszeit griff man in Abgrenzung zu dem von aussen hereingetragenen Stil der Moderne und zur Festigung der eigenen Identität auf lombardische, romanische und ländliche Elemente aus der Region zurück. Erst nach 1940 setzte sich im Tessin die Moderne durch, die mit ihrer funktionalistischen Konzeption den Anforderungen an öffentliche Bauten, Industrie- und Geschäftsgebäude entgegenkam. Einen einschneidenden architektonischen und landschaftlichen Eingriff bildete die Erstellung der A2 1961-1986. Geplant wurde sie grösstenteils von Rino Tami, Stammvater einer Gruppe von Tessiner Architekten, die von den 1970er Jahren an tätig waren und sich international einen Namen schufen. Zu ihnen gehörten Tita Carloni, Luigi Snozzi, Livio Vacchini, Aurelio Galfetti und Mario Botta.

Wirtschaft

Landwirtschaft, Forstwirtschaft und Meliorationen

Die Struktur der Landwirtschaft im neu gegründeten Kanton Tessin ging auf das Spätmittelalter zurück. Im Sottoceneri herrschte grosser und mittelgrosser Gutsbesitz vor. Die Güter, welche Getreide und ab der 2. Hälfte des 17. Jahrhunderts auch den neu eingeführten Mais anbauten, wurden in Halbpacht betrieben. Im 19. Jahrhundert stellten Grundbesitzer mit unternehmerischer Initiative auf Tabakanbau und Seidenraupenzucht um. In den Alpentälern überwogen kleine Höfe mit grossflächigem Gemeinbesitz von Alpen, Weiden und Wäldern. Neben der Viehzucht und der Weidewirtschaft wurde für den Eigenbedarf Ackerbau betrieben und Früchte, unter anderem Kastanien, gesammelt. Da nicht genügend bebaubares Land vorhanden war, importierte der Kanton zur Deckung des Eigenbedarfs aus der Lombardei grosse Mengen an Korn.

Aufgrund der grossen Nachfrage aus der Lombardei wurde Holz zu einem der wichtigsten Exportgüter und einer der grössten Einnahmequellen für Kanton, Gemeinde und Bürgergemeinden. In der 1. Hälfte des 19. Jahrhunderts führte der Holzschlag zur verheerenden Übernutzung der Wälder. Der Abtransport der Stämme und die Methoden der Holzflösserei verschlimmerten die Schäden. Erst als der Bund 1876 mit dem eidgenössischen Forstpolizeigesetz einschritt und mit Subventionen nachhalf, um die Folgen von Überschwemmungen zu bekämpfen, wurde der Wald wieder aufgeforstet. Der Kanton hingegen hatte versagt, weil er das erste kantonale Gesetz von 1840 zum Schutz der Wälder nicht umgesetzt und 1863 das 1857 eingeführte Forstinspektorat wieder aufgehoben hatte.

Um 1850 gab die Lebensmittelkrise den Anstoss zu Agrarreformen, die gegen heftigen lokalen Widerstand auf die Aufhebung kollektiver Nutzungsrechte zielten, da diese Neuerungen und Investitionen hemmten. Das ambitionierteste Projekt war die Urbarmachung der Magadinoebene. Sie wurde nach 1880 mit Hilfe von Bundessubventionen in Angriff genommen.

Meliorationsarbeiten in der Ebene des Brenno in der Gemeinde Malvaglia. Fotografie von Ernesto und Max Büchi, August 1923 (Archivio di Stato del Cantone Ticino, Bellinzona, Fondo Ernesto e Max Büchi).
Meliorationsarbeiten in der Ebene des Brenno in der Gemeinde Malvaglia. Fotografie von Ernesto und Max Büchi, August 1923 (Archivio di Stato del Cantone Ticino, Bellinzona, Fondo Ernesto e Max Büchi). […]

Absolut stieg die Zahl der im 1. Sektor Beschäftigten bis 1880 permanent an. Zu diesem Zeitpunkt bot die Landwirtschaft 54% der Erwerbstätigen Arbeit. Danach sank dieser Prozentsatz bis 1941 auf 28%. Die ausgeprägte Zerstückelung des Grundbesitzes sowie der hohe Anteil an Frauen und Alten unter den Beschäftigten unterstrichen die Probleme und Rückständigkeit des Sektors. Erst spät setzte die Modernisierung der Tessiner Landwirtschaft ein. Die kantonalen Behörden förderten Meliorationen und Trockenlegungen und veranlassten Güterzusammenlegungen. Angesichts des ständigen Rückgangs der Landwirtschaft ergab sich daraus auch die Möglichkeit zur Umzonung von Landwirtschafts- in Bauland.

Nach dem 2. Weltkrieg brach der Landwirtschaftssektor ein. Hatte er 1950 18% der Arbeitsplätze gestellt, waren es 2000 noch 2%. Die Zahl der Betriebe, die Anbaufläche und der Viehbestand gingen stark zurück. Am Anfang des 21. Jahrhunderts dominierten Gemüseanbau in Gewächshäusern und Weinbau in der Hügellandschaft.

Erwerbsstruktur des Kantons Tessin 1860-2000a

Jahr1. Sektor2. Sektor3. SektorbTotal
186026 76751,9%15 44330,0%9 32818,1%51 538
1870c36 32260,6%17 55429,3%6 01810,1%59 894
1880c36 76354,4%18 28527,1%12 51818,5%67 566
188833 22652,3%19 16830,1%11 17217,6%63 566
190032 37645,5%24 30334,1%14 54920,4%71 228
191033 16941,4%26 25532,8%20 67925,8%80 103
192031 75440,4%25 89632,9%21 04126,7%78 691
193025 97231,1%31 78238,1%25 76530,8%83 519
194121 27527,5%29 02537,6%27 00534,9%77 305
195014 78318,0%35 89943,7%31 40638,3%82 088
19609 51110,4%41 89846,1%39 54043,5%90 949
19705 2584,9%44 65241,4%57 86053,7%107 770
19803 6933,3%35 80431,7%73 29865,0%112 795
19902 2701,7%33 68124,8%99 62273,5%135 573
2000d2 4091,7%24 28617,2%114 16681,1%140 861

a bis 1960 ohne Teilzeitangestellte

b Residualgrösse einschliesslich "unbekannt"

c ortsanwesende Bevölkerung

d Die Beschäftigtenzahlen der Volkszählung 2000 sind wegen der grossen Zahl "ohne Angabe" (22 158) nur begrenzt mit den vorhergehenden Daten vergleichbar.

Erwerbsstruktur des Kantons Tessin 1860-2000 -  Historische Statistik der Schweiz; eidgenössische Volkszählungen

Strassennetz und Transitverkehr

Zur Förderung des Transitverkehrs über den Gotthard setzte die Regierung in der 1. Hälfte des 19. Jahrhunderts einen ambitionierten Bauplan für Fahrstrassen um. Sie errichtete unter anderem 1847 den Seedamm von Melide und verwirklichte ein Netz von innerkantonalen Verbindungen. Die wirtschaftlichen Erwartungen in diese Strassenpolitik wurden nur zum Teil erfüllt, weil 1848 mit der Zentralisierung des Zollwesens die wichtige Einnahmequelle der kantonalen Zoll- und Strassengebühren wegfiel.

In der 2. Hälfte des 19. Jahrhunderts schürte das Aufkommen der Eisenbahnen die Hoffnung im Tessin auf einen Industrialisierungsschub. Die Gotthardstrecke wurde um die Linien nach Locarno und Luino erweitert. Gleichzeitig entstanden um 1910 eine Reihe von Regionalbahnen, unter anderem die Linien Locarno-Bignasco, Lugano-Tesserete, Lugano-Cadro-Dino, Biasca-Acquarossa, Lugano-Ponte Tresa. Diese Strecken wurden grösstenteils zwischen 1965 und 1973 wieder aufgegeben.

Der Strassenverkehr drängte in der 2. Hälfte des 20. Jahrhunderts die Eisenbahn in den Hintergrund. Die kantonale Politik richtete sich darauf aus, möglichst viel Verkehr durch das Tessin zu leiten. Der Bau der Autobahn, deren erster Abschnitt 1968 eröffnet wurde und die zur Hauptsache der Streckenführung der Bahn folgte, löste im Mendrisiotto, in der Pian Scairolo, im Vedeggiotal und indirekt in der Magadinoebene die Anlage von Gewerbezonen und Handelszentren aus. Das Tessin profitierte allerdings wenig vom Durchgangsverkehr, denn die schnelleren Strassenverbindungen brachten nicht den erhofften Tourismuszuwachs.

Industrialisierung

Abgesehen von einigen Seidenzwirnereien wies das Tessin keine nennenswerte Protoindustrie auf. Wie im Fall der im 19. Jahrhundert aufkommenden Tabakfabriken waren die wenigen Betriebe kaum mechanisiert und beschäftigten hauptsächlich Frauen und Kinder als billige Arbeitskräfte. Erste vereinzelte, mechanische Spinnereien wurden um 1850 gegründet.

Vom 19. Jahrhundert an beeinflussten externe Faktoren wie die Zoll- und Verkehrspolitik, regionale Besonderheiten dies- und jenseits der Landesgrenze sowie ausserkantonales Kapital und Initiativen auf unterschiedliche Art die Entwicklung der Tessiner Industrie und Wirtschaft. Dank der Eisenbahn und der vorhandenen Elektrizität wurden zu Beginn des 20. Jahrhunderts mit Hilfe ausländischer Gelder Industrieunternehmen, unter anderem die Linoleum AG (später Forbo) in Giubiasco, die Diamant (Fabrik für Schleifmaterialien), die Officine del Gottardo (Metalllegierungen) und die Chemiefabrik Nitrum (Stickstoffderivate) in Bodio aufgebaut. Zu den wichtigen Unternehmen zählten ferner die SBB-Werkstätten in Bellinzona, die Papierfabrik in Tenero sowie mehrere Textil-, Lebensmittel- und Tabakbetriebe, wobei Letztere vor allem im Sottoceneri angesiedelt waren. Die Seidenraupenindustrie brach am Ende des 19. Jahrhunderts nach einer Seuche unter den Raupen sowie unter dem Konkurrenzdruck und dem Kinderarbeitsverbot zusammen. Um 1900 erlebte der Granitabbau einen Höhepunkt und bot für rund 3000 Personen Arbeit. Die tiefen Lohnkosten dank der billigen Arbeitskräfte, die zu einem grossen Teil aus Einwanderern rekrutiert wurden und 1913 50% der Beschäftigten ausmachten, galten als wichtigster Faktor für die Ansiedlung von Industriebetrieben.

Arbeiterinnen in der Linoleumfabrik in Giubiasco. Glas-Diapositiv, um 1925 (Archivio di Stato del Cantone Ticino, Bellinzona).
Arbeiterinnen in der Linoleumfabrik in Giubiasco. Glas-Diapositiv, um 1925 (Archivio di Stato del Cantone Ticino, Bellinzona). […]

Der Konkurs der drei grössten Tessiner Banken 1914, verursacht durch spekulative Investitionen im Ausland und begünstigt durch die Verbandelung von Wirtschaft und Politik, sowie die Verschlechterung der internationalen Konjunktur trafen die kantonale Wirtschaft hart. Bis in die 1950er Jahre folgte eine Phase der Stagnation. Der Tessiner Industrie gelang es nicht, ihre strukturellen Schwächen wie die fehlende Investitionsbereitschaft, die technologische Rückständigkeit und eine traditionelle Sektorenverteilung mit dem Schwergewicht auf der konjunkturabhängigen Baubranche zu überwinden.

Erst nach 1950 boomte die Tessiner Wirtschaft, nicht zuletzt dank Steuervergünstigungen. 1974 erreichte die Beschäftigungszahl im 2. Sektor ihren Höhepunkt. Als treibende Kräfte erwiesen sich das Baugewerbe (Strassenbau und Wasserkraftwerke) sowie der Metall- und Maschinenbau (Monteforno), aber auch die Bekleidungs-, Lebensmittel- und Uhrenindustrie wuchsen stark. Da genügend billige Arbeitskräfte, insbesondere Einwanderer und Grenzgänger, vorhanden waren, blieben Rationalisierungen und technologische Innovationen weitgehend aus. Während die traditionellen Branchen, allen voran die Bekleidungsindustrie, an Bedeutung verloren, liessen sich nach 1980 Hightechunternehmen aus dem Mechanik-, Elektronik- und Pharmabereich im Tessin nieder.

Elektrizitätspolitik und Wirtschaftswachstum

1894 trat das kantonale Gesetz über die Wassernutzung in Kraft. Darin fiel das Konzessionsrecht für die Wasserkraft und die Einnahmen aus den Wasserzinsen dem Staat zu. Dank der ersten vergebenen Konzessionen entstand der Industrieort Bodio. Zudem wurde die Elektrifizierung der Eisenbahn möglich. Bis 1939 verfügte das Tessin nur über den 1920 vollendeten Ritom-Stausee, nach 1945 kamen 18 weitere hinzu. Nach dem Wallis und Graubünden ist das Tessin in der Schweiz der drittgrösste Produzent von Strom mit Wasserkraft. Die Elektrizitätswerke Maggia und Blenio zählen zu den wichtigsten Anlagen. Allerdings geriet die kantonale Elektrizitätspolitik in die Kritik, weil der Kanton die Konzession für die Nutzung der Maggia 1949 und des Brenno 1953 vor allem deutschschweizerischen Partnerwerken erteilte und somit auf die eigene Verwertung der strategisch wichtigen Ressource verzichtete. Gerechtfertigt wurde diese Politik mit dem Hinweis auf die fehlenden Investitionsmittel im Kanton und der Angst, keine Abnehmer für den produzierten Strom zu finden. Erst 1958 übernahm die Azienda elettrica ticinese als öffentliches Unternehmen des Kantons die abgelaufenen Konzessionen.

Aufstieg des Dienstleistungssektors

Die Anfänge des Dienstleistungssektors gehen auf die Zeit zwischen dem Ende des 19. Jahrhunderts und 1914 zurück. Einerseits gewann der Ferientourismus an den Seen, unter anderem in Locarno und Lugano, und in den Sanatorien an Bedeutung, andererseits bot die Ansiedlung von Bundesbetrieben von SBB, PTT, Militär und Zoll sichere Arbeitsplätze mit überdurchschnittlichen Löhnen an. Nach einer langen Stagnationsphase entwickelte sich nach dem 2. Weltkrieg begünstigt durch den Individualverkehr in den Sommermonaten ein Massentourismus, der um 1970 seinen Höhepunkt erreichte, aber keine Kultur der Gastfreundschaft begründete. Ebenfalls um 1970 kletterten die Frequenzen des Bahnverkehrs auf Spitzenwerte. Dafür steht der Erfolg des Logistik- und Speditionssektors rund um den internationalen Bahnhof von Chiasso.

Im Zug eines raschen Strukturwandels in den 1960er Jahren wurde das Tessin zu einem der Kantone mit dem grössten Dienstleistungssektor: 2000 arbeiteten 81% der Beschäftigten im 3. Sektor. Insbesondere der Banken- und Parabankenbereich wuchs auf spektakuläre Art, sodass Lugano mit über 100 Banken zu Beginn des 21. Jahrhunderts den drittwichtigsten Finanzplatz der Schweiz darstellte. Aber auch das Gesundheitswesen, die Bildung und die Sozialdienste wurden ausgebaut. Nach den jüngsten Umstrukturierungsmassnahmen der immer stärker global vernetzten Tessiner Wirtschaft tat sich zwischen Arbeitsnachfrage und Angebot ein Graben auf. Seit einigen Jahrzehnten bewegt sich die Arbeitslosenquote im Tessin über dem eidgenössischen Mittel.

Gesellschaft

Soziale Gruppen

Lange Zeit blieb das Tessin ein ländlicher Kanton mit einer kaum für den Markt produzierenden Landwirtschaft. In der 1. Hälfte des 19. Jahrhunderts stammten die grösseren Vermögen, vor allem in den abgelegenen Gebieten des Tessins, meist aus der Tätigkeit emigrierter Handelsleute und der Meister im Bau- und Kunsthandwerk (Maestranze). Im Kanton selbst gelangte man durch unterschiedlichste Geschäfte zu Reichtum, unter anderem mit dem Holzhandel und der Spekulation mit Wald (Holzgewinnung), dem Durchgangsverkehr, dem Handel im Ausland und der Übernahme öffentlicher Aufträge und Mandate, die allerdings in den ersten Jahrzehnten des 19. Jahrhunderts in den Aufgabenbereich der Kantonsverwaltung fielen. Überhaupt wandelte sich der Staat mit dem Aufbau einer kantonalen und eidgenössischen Verwaltung und den staatlichen Aufträgen bis in die 2. Hälfte des 20. Jahrhunderts hinein zu einem der grössten Arbeitgeber. Insbesondere der Strassenbau sorgte für Verdienstmöglichkeiten und war für die Herausbildung einer neuen Wirtschaftselite verantwortlich. In einem von Klientelismus geprägten System der Machtkontrolle und -teilhabe festigten die Anwälte und Notare ihre privilegierte Stellung, während andere freie Berufe sich kaum entfalteten.

Durch das ganze 19. Jahrhundert hindurch besuchte die Tessiner Elite vornehmlich die benachbarten italienischen Universitäten, vorab die Universität Pavia. Mit diesen bestanden teilweise spezielle Abkommen. Nach der Gründung des Eidgenössischen Polytechnikums in Zürich 1855 und der Universität Freiburg 1889 bevorzugten die Tessiner Studenten die Schweizer Hochschulen.

Vereinswesen

Wie in der übrigen Schweiz wurden von den 1830er Jahren an im Tessin immer mehr Vereine vor allem patriotischer und philanthropischer Ausrichtung geschaffen. Diese von Bürgern und Geistlichen getragenen Organisationen prägten die liberale Reformbewegung der 1. Hälfte des 19. Jahrhunderts. In der Absicht, den Kanton zu modernisieren, riefen sie Initiativen zur Förderung der Bildung und der Industrie ins Leben. Vincenzo Dalberti und Stefano Franscini gründeten zum Beispiel 1829 die Gemeinnützige Gesellschaft, was die konservative Regierung beunruhigte. Die ebenfalls von Franscini 1837 gegründete Vereinigung der Freunde der Volkserziehung, später Società demopedeutica genannt, verfolgte ähnliche Ziele. Ferner richteten mehrere Verleger Lesekabinette und Leihbibliotheken ein.

Mit der Verschärfung der Spannungen nahmen die philanthropischen und geselligen Vereine und Zirkel immer mehr einen parteipolitischen Charakter an. Das galt bis nach dem 2. Weltkrieg auch für die Sport-, Turn- und Musikvereine, später für die Jugend- und Frauenvereine sowie die Berufsverbände.

Die Katholiken organisierten sich im 19. Jahrhundert auf kirchlicher, politischer und gesellschaftlicher Ebene, doch erst nachdem die Bevölkerung ein eigenes Selbstbewusstsein entwickelt hatte, bildeten sich Vereine mit klar abgegrenzten Tätigkeiten aus. Während der 1861 gegründete Piusverein der Bewahrung des Glaubens diente, entstanden politische, karitative und gewerkschaftliche Organisationen.

Bis ins späte 19. Jahrhundert kannte das Tessin keine Kulturvereine im engeren Sinn. Diese tauchten in der 1. Hälfte des 20. Jahrhunderts auf. Dank der Unterstützung durch den Staat stieg deren Zahl nach 1950.

Die Frauenvereine entfalteten sich entlang der religiösen und sozialen Gruppen, später entlang kultureller und politischer Ziele. Als 1957 der Dachverband der Frauenorganisationen im Tessin gegründet wurde, deckten dessen Mitglieder ein breites Aufgabenspektrum ab, von wohltätigen und religiösen Tätigkeiten bis hin zu politischen Anliegen wie der Förderung der Frauen und des Frauenstimmrechts.

Soziale Bewegungen

In den 1850er Jahren entstanden die ersten, von den Radikalen des linken Flügels geförderten Arbeiterorganisationen. Sie fussten auf demokratischen Grundsätzen und stellten politische Forderungen, boten den Arbeitern jedoch wenig konkrete Unterstützung an. Die ersten Arbeiterhilfsvereine tauchten in der 2. Hälfte des 19. Jahrhunderts auf; 1888 existierten bereits deren 24. Gegen Ende des 19. Jahrhunderts wurden in engem Zusammenhang mit dem Eisenbahnbau auch im Tessin Sektionen des Grütlivereins gegründet. Die erste wurde 1881 in Bellinzona ins Leben gerufen, wobei die Mehrheit der Mitglieder Deutschschweizer waren. Zur selben Zeit etablierten sich die Konsumvereine. Letztere wurden von den Sozialdemokraten mitgetragen, die gegen Ende des 19. Jahrhunderts weitere Arbeiterorganisationen schufen. Sie konnten dabei auf die Erfahrungen der politischen Flüchtlinge aus Italien zählen, die vor der Repression der italienischen Regierung ins Tessin ausgewichen waren. Um die Wende zum 20. Jahrhundert etablierten sich die ersten Einzelgewerkschaften von Gewicht. 1902 wurde die Arbeitskammer gegründet. Während des Faschismus in Italien übten die ins Tessin gelangten italienischen Flüchtlinge und Antifaschisten erneut grossen Einfluss auf die kantonale Arbeiterbewegung aus.

Nach der Enzyklika Rerum novarum wandte sich auch die katholische Bewegung der sozialen Frage zu. Am Anfang des 20. Jahrhunderts suchten katholische Kreise zögerlich die Zusammenarbeit mit den Sozialdemokraten, bevor sie dann ihre eigenen Landwirtschafts- und Arbeitervereine ins Leben riefen. Nachdem 1903 der Zentralverband christlichsozialer Organisationen der Schweiz geschaffen worden war, folgte 1919 die Gründung der Tessiner Christlichsozialen Organisation. Dank der Persönlichkeit von Luigi Del Pietro stieg die christlichsoziale Bewegung im Tessin in den 1930er Jahren zu einer politischen Kraft und einem wichtigen Sozialpartner auf. Dazu trugen die Grenzgänger und Einwanderer aus Italien bei, die sich in der 2. Hälfte des 20. Jahrhunderts der Gewerkschaftsbewegung anschlossen.

Waren die sozialen Bewegungen in der 1. Hälfte des 20. Jahrhunderts von der Arbeiterschaft dominiert, sorgten nach 1968 Jugendbewegungen für gesellschaftliche Unruhe. Innerhalb der neuen sozialen Bewegungen entwickelten sich einige Gruppierungen zur ausserparlamentarischen Opposition, die zum Teil zu den autonomen italienischen Gruppen wie Potere operaio und Lotta continua enge Beziehungen unterhielten. In den 1970er und 1980er Jahren meldete sich in Abgrenzung zur alten Frauenbewegung eine Vielfalt von neuen feministischen Initiativen und Gruppen zu Wort.

Kultur

Bildung

Das erste kantonale Schulgesetz von 1804, das die Gemeinden zur Einrichtung einer Grundschule verpflichtete, wurde kaum umgesetzt, nicht zuletzt weil die finanziellen Mittel fehlten. Das damalige Schulangebot wurde von Ordenskollegien sowie einem Netz von Grundschulen getragen, die unter anderem von Gemeinden, Wohltätern und Pfarreien unterhalten wurden und bereits im Ancien Régime für einen gewissen Alphabetisierungsgrad gesorgt hatten.

Volksinitiative für die staatliche Finanzierung von Privatschulen. Plakat der Gegnerschaft der Initiative, über die am 18. Februar 2001 abgestimmt wurde (Schweizerische Nationalbibliothek).
Volksinitiative für die staatliche Finanzierung von Privatschulen. Plakat der Gegnerschaft der Initiative, über die am 18. Februar 2001 abgestimmt wurde (Schweizerische Nationalbibliothek).
Volksinitiative für die staatliche Finanzierung von Privatschulen. Plakat des Unterstützungskomitees der am 18. Februar 2001 zur Abstimmung gelangten Initiative, mit dem doppelten Bildnis von Stefano Franscini (Archivio di Stato del Cantone Ticino, Bellinzona).
Volksinitiative für die staatliche Finanzierung von Privatschulen. Plakat des Unterstützungskomitees der am 18. Februar 2001 zur Abstimmung gelangten Initiative, mit dem doppelten Bildnis von Stefano Franscini (Archivio di Stato del Cantone Ticino, Bellinzona). […]

Unter der Führung der radikalen Regierung und initiiert von Franscini unternahm der Kanton um 1840 grosse Anstrengungen zum Ausbau des Schulwesens: 1838 schuf er Lehrerkurse, 1840 Zeichenschulen und 1841 Sekundarschulen. Die propagierte Volksschule galt als Voraussetzung für die Schaffung des mündigen Staatsbürgers. Der Heranbildung einer neuen Elite sollte das 1852 in Lugano eröffnete kantonale Gymnasium mit geistes- und naturwissenschaftlicher Ausrichtung dienen. Im selben Jahr wurden die unter Obhut der Kirche stehenden höheren Schulen verstaatlicht. Das Gesetz von 1864, das eine obligatorische Schulpflicht vom 7. bis zum 14. Lebensjahr vorschrieb, festigte das Schulwesen im Tessin und hob den allgemeinen Bildungsstand der Bevölkerung. 1873 kam das Lehrerseminar von Pollegio, das 1878 nach Locarno verlegt wurde, und 1894 die kantonale Handelsschule von Bellinzona hinzu. 1912 traten die ersten Gesetze zur Berufslehre und -bildung in Kraft. 1958 hob eine gesetzliche Bestimmung die strikte Zweiteilung nach der 5. Primarschule in Sekundarschule und Progymnasium teilweise auf und liess so eine gewisse Durchlässigkeit zwischen den beiden Bildungswegen zu. Mit der Besetzung des Lehrerseminars durch die Studierenden im März 1968 wurde auf Missstände im Bildungssystem sowie die Notwendigkeit von Reformen, neuen didaktischen Methoden und Inhalten hingewiesen. 1974 wurden in Bellinzona und Locarno, 1977 in Mendrisio und 1982 in Lugano neue Gymnasien eröffnet. Die wichtigste Reform fand 1974 mit der Einführung einer für alle obligatorischen, vierjährigen Mittelschule statt, wodurch sich die Frage nach einer Berufslehre oder der Fortsetzung der Schullaufbahn auf das Ende der obligatorischen Schulzeit verschob.

2001 lehnten 74% der Stimmbürger eine Initiative zur Förderung der Privatschulen ab und bekräftigten damit die Vorrangstellung der öffentlichen Schulen. Der Kindergarten wird im Tessin fleissig besucht und die Tessiner Maturitätsquote bewegt sich seit Jahren über dem schweizerischen Mittel: 1980-2010 stieg sie von 17% auf 30%, während im gleichen Zeitraum der nationale Durchschnitt von 10% auf 20% kletterte.

In der 2. Hälfte des 20. Jahrhunderts fand eine Demokratisierung der Bildung statt, die auch die Frauen erfasste: 1965-2005 erhöhte sich der Anteil der Mädchen unter den Gymnasiasten von 25% auf 54%. In derselben Zeitspanne erreichte die Quote der weiblichen Lehrlinge 30%, danach gar 40%. Als Folge weisen immer mehr Frauen und Männer ein hohes Bildungsniveau auf. Sie arbeiten oft an Schulen oder für die Medien.

Ab 1844 stand die Gründung eines universitären Instituts im Tessin immer wieder zur Diskussion. Nachdem ein erster Versuch 1986 noch gescheitert war, wurde 1995 das Gesetz zur Schaffung der Universität der italienischen Schweiz verabschiedet. Aus der Umwandlung höherer Fachschulen ging 1997 die Fachhochschule der italienischen Schweiz hervor, der 2009 die Pädagogische Hochschule angegliedert wurde. Diese war 2002 an die Stelle des Lehrerseminars getreten.

Orte der Kulturbegegnungen

Trotz seiner kulturellen Randlage zog das Tessin Künstler und Intellektuelle verschiedener Herkunft immer wieder an. Die 1900 gegründete, lebensreformerisch ausgerichtete Kolonie auf dem Monte Verità erlangte besondere Berühmtheit. Das Locarnese erwies sich auch später als Schnittpunkt diverser Kulturen. Davon zeugen die ab 1933 von Olga Froebe-Kapteyn initiierten philosophischen Tagungen des Eranos-Kreises in Moscia (Gemeinde Ascona), an denen illustre Persönlichkeiten aus der ganzen Welt teilnahmen. Auch nach dem 2. Weltkrieg übte die Gegend, mehr als andere, eine Anziehungskraft auf Künstler und Intellektuelle unterschiedlicher Herkunft aus, unter anderem auf Italo Valenti, Hans Arp, Max Frisch, Patricia Highsmith und Harald Szeemann. Auch an anderen Orten des Tessins fanden sich Künstler zusammen, so im Mendrisiotto die 1924 von den Expressionisten Albert Müller, Hermann Scherer und Paul Camenisch gegründete Künstlergruppe Rot-Blau I oder in der Collina d'Oro für längere Zeit Hermann Hesse und die Dadaisten Hugo Ball und Emmy Ball-Hennings.

Ein intensiver und regelmässiger Kulturaustausch entfaltete sich zwischen dem Tessin und Italien, was sich vor allem im Bereich der Literatur (Italienischsprachige Literatur) zeigte. Er entwickelte sich oft aus unterschiedlichen politischen Erfahrungen der beiden Länder und führte zu vertieften Diskussionen. Wie in der Zeit des Risorgimento wurden während des Faschismus zur Umgehung der italienischen Zensur auf Tessiner Boden Zeitungen und Verlage gegründet. Ferner beteiligten sich zahlreiche Italiener an diversen kulturellen Unternehmungen im Tessin. Aus dem lebendigen Geistes- und Kulturleben der Jahre 1943-1945, das von der Anwesenheit bedeutender italienischer Intellektueller profitierte, gingen verschiedene Initiativen hervor, unter anderem der 1946-1966 vergebene Literaturpreis Libera Stampa. Allerdings verebbten diese Aktivitäten in der Nachkriegszeit.

Kunst

Die nach der Kantonsgründung aufgebauten Zeichenschulen hatten zur Folge, dass die Tessiner Kunstproduktion innerhalb von gut 50 Jahren eine Normierung erfuhr. Trotzdem verfügten die Kunsthandwerker und vor allem die meist im Ausland und zum Teil noch in Familienwerkstätten ausgebildeten Künstler über besondere technische Fertigkeiten und vielseitige Arbeitsmethoden. Unter den Künstlern des 19. Jahrhunderts ragt der Bildhauer Vincenzo Vela heraus. Sein Schaffen stand im Zeichen des Risorgimento. Neben den Architekten von Bedeutung wie Luigi Canonica, den Fossati oder Pietro Bianchi fiel Antonio Croci durch seine originellen Entwürfe und seine technischen Neuerungen auf. Auch bei den Malern fehlte es nicht an wichtigen Vertretern der zeitgenössischen Strömungen. Bernardino Pasta und Angelo Trezzini blieben mehr oder weniger der Mailänder Romantik treu, während die Bossoli die Landschaftsmalerei pflegten. Neben Antonio Ciseri, der mit seinem gegenständlichen Realismus Erfolge feierte, schufen sich am Ende des 19. und zu Beginn des 20. Jahrhunderts unter anderen Luigi Rossi, Filippo Franzoni und Pietro Chiesa als Vertreter der Avantgarde, von Divisionismus bis Scapigliatura, einen Namen. Schliesslich brachte das Tessin einige Künstler wie Giovanni Antonio Vanoni und Antonio Rinaldi hervor, deren mitunter originelle Werke sich zwischen akademischer Kunst und Volksmalerei bewegten.

Medien und Unterhaltung

Das Zeitungswesen, insbesondere die politische Presse, erlebte im 19. Jahrhundert einen Aufschwung, der bis in die 1. Hälfte des 20. Jahrhunderts andauerte. So gründeten die Liberalradikalen die Blätter Gazzetta Ticinese, Il Dovere und L'Avanguardia, die Konservativen die Zeitung Popolo e Libertà und die Sozialdemokraten das Parteiorgan Libera Stampa. Ab der 2. Hälfte des 20. Jahrhunderts setzten sich parteiunabhängige Zeitungen wie der Corriere del Ticino, das Giornale del Popolo und La Regione durch. Zu Beginn des 20. Jahrhunderts erschienen im Tessin auch zahlreiche Publikationen mit kulturellem Inhalt, aus denen diverse Kulturzeitschriften hervorgingen. Diese behandelten Themen der Allgemeinbildung, der Literatur, Geschichte oder der Naturwissenschaften.

Als 1930 in Lugano Radio Monte Ceneri, benannt nach dem Standort des Radiosenders, seinen Betrieb aufnahm, erhielt die Tessiner Bevölkerung einen neuen Zugang zur Kultur. Das spätere Radio der italienischsprachigen Schweiz folgte dem Modell anderer öffentlicher Sender und wirkte mit seinem Programm in der Art einer Volkshochschule. In einem Kanton, der über lange Zeit keine eigene Universität besass, kam diese Ausrichtung an. Als 1961 das Fernsehen der Italienischsprachigen Schweiz auf Sendung ging, übernahm es anfänglich dieselbe Zielsetzung. Obwohl die Radiotelevisione svizzera di lingua italiana (RSTI, seit 2009 RSI) viele Italiener beschäftigte und von der italienischen Kultur geprägt war, bewahrte es seinen regionalen Charakter, zumindest bis in die 1980er Jahre. Davon zeugt zum Beispiel die Ausstrahlung von Dialektkomödien, die einen Aufschwung des Dialekttheaters im Tessin auslöste. Von der Arbeit der Schauspieler für das Radio profitierten auch die Sprechtheater. In der 2. Hälfte des 20. Jahrhunderts öffnete sich die Bühnenkunst neuen Formen wie dem Bewegungstheater, das vom 1971 gegründeten Teatro Dimitri und der 1975 ins Leben gerufenen Scuola Teatro Dimitri in Verscio gefördert wurde. Dimitris Initiativen bereicherten die Theaterkunst im Tessin, wo neben den ehrwürdigen Institutionen, dem 1847 eingeweihten Teatro Sociale in Bellinzona und dem 1902 eröffneten Stadttheater von Locarno, zu Beginn des 21. Jahrhunderts auch zahlreiche Theatergruppen Aufführungen gaben.

Ebenfalls dank des Radios kam der Kanton zu einem Sinfonieorchester, dem 1935 in Lugano gegründeten Orchestra della Svizzera italiana. Das Musikleben im Tessin zeichnet sich durch eine Vielzahl von Musikkapellen, Chören und Musikschulen aus. Unter Letzteren ist die 1985 entstandene Musikhochschule der italienischsprachigen Schweiz, das Conservatorio della Svizzera italiana, die bedeutendste. In der 2. Hälfte des 20. Jahrhunderts kamen neue Kulturveranstaltungen hinzu, unter anderem 1946 die Musikwochen von Ascona, 1979 das Open Air Estival Jazz in Lugano und 1946 das Filmfestival von Locarno, das zu Beginn des 21. Jahrhunderts die grösste Filmveranstaltung der Schweiz war.

Italianità und Kulturpolitik

Das Tessin bildet zusammen mit Italienischbünden den Lebensraum einer Sprachminderheit (Svizzera italiana). Seine Identität bezieht es nicht zuletzt aus der Spannung zwischen politischer Zugehörigkeit zur Schweiz und kultureller Verbundenheit mit Italien. Die Eröffnung des Gotthardtunnels zu Beginn des 20. Jahrhunderts verstärkte diesen Dualismus.

Der fortlaufende Rückgang des Anteils der Tessiner an der Kantonsbevölkerung - machte dieser zwischen 1850 und 1880 jeweils rund 90% (ca. 109'500 Tessiner) aus, sank er 1910 auf unter 70% (106'938 Tessiner) - verursachte im Tessin ein Unbehagen. Da die zugezogenen Deutschschweizer gesellschaftlich unter sich blieben und eigene Schulen, die deutschsprachige Tessiner Zeitung sowie eigene Vereine gründeten, wuchsen die Vorbehalte bei den Einheimischen. Zum Sprachrohr dieser Missstimmung machte sich vor allem ein kleiner Kreis von Intellektuellen. Unter dem Eindruck der enttäuschten Hoffnungen auf einen Wirtschaftsaufschwung nach dem Bau des Gotthardtunnels verschärften sich die Gegensätze. Während eine Minderheit wie die im Umfeld der 1912 gegründeten, italophilen Zeitung L'Adula die Verbundenheit mit dem italienischen Kulturraum beschwor, äusserte sich die Unzufriedenheit 1924 und 1938 vor allem in den sogenannten Rivendicazioni ticinesi. Den darin gestellten kulturpolitischen Forderungen kam der Bund entgegen, indem er im Rahmen der Geistigen Landesverteidigung die sprachliche und kulturelle Integrität des Tessins stärkte. Auf kantonaler Ebene führte die Angst vor einer Germanisierung des Tessins und vor dem Vordringen des reformierten Glaubens zur Verabschiedung des Gesetzes über die Geschäftsschilder und Firmenanschriften von 1931, das den Gebrauch der italienischen Sprache vorschrieb.

Mit der Machtergreifung des Faschismus in Italien erlebte der Irredentismus einen erneuten Aufschwung und die Kontroverse um Italianità versus Helvetismus einen neuen Höhepunkt. In diesem kulturpolitischen Streit engagierten sich Tessiner Schriftsteller wie Francesco Chiesa und Guido Calgari. Nach dem Fall des Faschismus beruhigte sich die Diskussion, bis in den 1950er Jahren die Angst vor einer Germanisierung im Zusammenhang mit der Debatte um den sogenannten Ausverkauf der Heimat an Deutschschweizer wieder aufflammte. Die regelmässig erhobenen Befürchtungen, die Italianità im Tessin sei gefährdet, finden keine statistische Bestätigung: 2000 gaben nur 8% der Tessiner als Muttersprache Deutsch an.

Vor allem dank des eidgenössischen Gesetzes über die Finanzhilfen für die Erhaltung und Förderung der italienischen Kultur und Sprache von 1980 wurde in der 2. Hälfte des 20. Jahrhunderts die italienische Kultur weiter gefördert und die Subventionen von 225'000 Fr. auf 1,5 Mio. Fr. erhöht. Dennoch verlangten zu Beginn des 21. Jahrhunderts mehrere Vereinigungen und die Tessiner Parlamentarier in den eidgenössischen Räten, dass in der Bundesverwaltung mehr Italienischsprachige angestellt werden sollten.

Titelseite der Cronaca ticinese, dem Organ der Organisation Pro Ticino in Südamerika vom 1. August 1943, Nr. 288 (Archivio di Stato del Cantone Ticino, Bellinzona).
Titelseite der Cronaca ticinese, dem Organ der Organisation Pro Ticino in Südamerika vom 1. August 1943, Nr. 288 (Archivio di Stato del Cantone Ticino, Bellinzona). […]

Mit Hilfe der eidgenössischen Subventionen baute der Kanton sein kulturpolitisches Engagement aus, obwohl auch Anfang des 21. Jahrhunderts noch kein kantonales Kulturförderungsgesetz existierte. Der Kanton unterstützte Einrichtungen wie das kantonale Bibliothekensystem zur Koordination der vier Kantonsbibliotheken Bellinzona, Lugano, Locarno und Mendrisio (ab 1991), das 1991 gegründete Osservatorio linguistico della Svizzera italiana und das 2002 errichtete Centro di dialettologia e di etnografia für die italienischsprachige Schweiz. Letzteres beherbergt das bereits 1907 unter der Initiative von Carlo Salvioni entstandene Wörterbuch Vocabolario dei dialetti della Svizzera italiana und koordiniert die ethnografischen Museen (die regionalen Heimatmuseen) des Tessins, die aufgrund eines Gesetzes von 1990 zusammengeführt und vom Kanton subventioniert wurden. Ein feinmaschiges Netz von Museen unterschiedlicher Bedeutung ergänzt das kulturelle Angebot im Tessin. Daraus ragen das Kunstmuseum und das Naturhistorische Museum in Lugano, das aus der 1853 unter dem Namen Gabinetto di storia naturale gegründeten Sammlung von Luigi Lavizzari hervorging, sowie die Pinacoteca Giovanni Züst in Rancate hervor, die alle vom Kanton getragen werden. Das noch im Bau sich befindende Kulturzentrum auf dem Areal des ehemaligen Grand Hotel Palace hat Lugano wieder ins Zentrum der kantonalen Kulturszene gerückt, aber auch die Frage aufgeworfen, welche Rolle die öffentliche Hand - Kanton und Gemeinden - gegenüber der Kultur einnehmen sollte.

Quellen und Literatur

  • Archivio di Stato, Como
  • Archivio di Stato, Mailand
  • Archivio storico diocesano, Mailand
  • ASTI
  • BiA Como
  • BiA Lugano
  • H.R. Schinz, Beyträge zur nähern Kenntniss des Schweizerlandes, 5 H., 1783-87
  • EA
  • ASHR
  • Rechtsqu. des Kt. T., 13 H., hg. von A. Heusler, 1892-1916
  • L. Brentani, Codice diplomatico ticinese, 5 Bde., 1929-56
  • L. Brentani, Antichi maestri d'arte e di scuola delle terre ticinesi, 7 Bde., 1937-63
  • Codex palaeographicus Helvetiae subalpinae, hg. von L. Moroni Stampa, 2 Bde., 1951-58
  • L. Delcros, Il Ticino e la Rivoluzione Francese, 2 Bde., 1959-61
  • Ticinensia, 1960-97 (mit Reg. im AST)
  • MDT
  • R. Ceschi et al., Contare gli uomini: fonti per lo studio della popolazione ticinese, 1980
  • K.V. von Bonstetten, Briefe über die ital. Ämter Lugano, Mendrisio, Locarno, Valmaggia, 3 Bde., Neuausg. mit einem Vorwort von R. Ceschi, 1982 (1797-99)
  • SSRQ TI, 1991-
  • Il vescovo, il clero, il popolo, hg. von S. Bianconi, B. Schwarz, 1991
  • Ticino ducale
  • M. Bernasconi Reusser, Le iscrizioni dei cantoni Ticino e Grigioni fino al 1300, 1997
  • I protocolli dei governi provvisori di Lugano, 1798-1800, hg. von A. Gili, 2 Bde., 2010
Historiografie
  • Die ersten Überblickswerke über das T. erschienen erst nach der Kantonsgründung. Davor existierten nur versch., nicht zum Druck bestimmte Schriften über einzelne Regionen wie die Nicolò Maria Laghi zugeschriebene Chronik von Lugano, die den Zeitraum 1466-1512 abdeckt, oder die gesammelten Nachrichten über die Jahre 1568-89 von Domenico Tarilli. Francesco Ballarinis "Cronica di Como" (1619), Primo Luigi Tattis "Annali della città di Como" (3 Bde., 1662-1734) und Cesare Cantùs Werk behandeln ebenfalls Teile des heutigen T.s. Nach 1803 erarbeitete Gian Alfonso Oldelli zur Stärkung der Heimatverbundenheit den "Dizionario storico ragionato degli uomini illustri del Canton Ticino" (1807-11). Mit der Schrift "Der Canton Ticino" (1812) präsentierte Paolo Ghiringhelli den schweiz. Mitbürgern seinen Kanton. In den folgenden Jahrzehnten kam eine Reihe von Gesamtdarstellungen über das T. heraus, so "La Svizzera italiana" (3 Bde., 1837-40) von Stefano Franscini, der "Compendio storico della Repubblica e Cantone Ticino dall'epoca dei Romani ai nostri giorni" (1857) von Giuseppe Pasqualigo, die "Escursioni nel Cantone Ticino" (1863) von Luigi Lavizzari sowie "Dei paesi e delle terre costituenti il cantone Ticino dai tempi remoti fino all'anno 1798" (1879) und die "Storia del Cantone Ticino […]" (1882) von Angelo Baroffio. Weitere Abhandlungen folgten im 20. Jh. Für das "Hist.-Biogr. Lexikon der Schweiz" (1921-34, 7 Bde.) schrieb Celestino Trezzini sämtl. Tessiner Artikel. In der 1944 übersetzten "Geschichte des Kt. T." (ital. 1941) gingen Giulio Rossi und Eligio Pometta v.a. auf die polit. Geschichte ein. Neue Forschungsthemen der Wirtschafts-, Sozial- und Kulturgeschichte wurden in der vom Kanton geförderten und von Raffaello Ceschi herausgegebenen Kantonsgeschichte "Storia del Cantone Ticino" (2 Bde., 1998) sowie in der die frühe Neuzeit behandelnden "Storia della Svizzera italiana dal Cinquecento al Settecento" (2000) berücksichtigt, an denen zahlreiche Autoren mitwirkten. Giuseppe Chiesi und Paolo Ostinelli bereiten einen zusätzl. Band über die Antike und das MA vor. Neben den erw. Überblicksdarstellungen entstanden Forschungsarbeiten zu bestimmten Regionen und Epochen aus der Feder Deutschschschweizer Historiker, etwa Karl Meyers Dissertation "Blenio und Leventina von Barbarossa bis Heinrich VII." (1911), Otto Weiss' "Die tessin. Landvogteien der XII Orte im 18. Jh." (1914) und Paul Schaefers "Das Sottocenere im Mittelalter" (1931). Als Erster betrieb Emilio Motta hist. Forschung über das T. nach wissenschaftl. Kriterien, indem er sich auf die Auswertung von Archivdokumenten abstützte und die bestehende Literatur einbezog. Motta gründete 1879 auch das "Bollettino storico della Svizzera italiana", das später u.a. von den Historikern Pometta und Giuseppe Martinola herausgegeben wurde. Ab den 1960er Jahren wandte sich die Tessiner Geschichtsschreibung neuen Themen wie der materiellen Kultur sowie der Mentalitäts- und der Alltagsgeschichte zu. Zu dieser Erweiterung trugen die Untersuchungen von Virgilio Gilardoni bei, der 1960 die Zeitschrift "Archivio storico ticinese" ins Leben rief.
Reihen
  • Rivista archeologica dell'antica provincia e diocesi di Como, 1872-
  • Monumenti storici ed artistici del cantone Ticino, 1912-32
  • ASSI
  • RST
  • Numismatica e antichità classiche, 1972-
  • HS, v.a. I/6; II/1; IX/1
  • Atlante dell'edilizia rurale in Ticino, hg. von G. Buzzi, 9 Bde., 1993-2000
  • Artisti dei laghi, 6 Bde., 1994-2002
Bibliografien
  • E. Motta, Bibliografia storica ticinese, 1879
  • C. Caldelari, Bibliografia ticinese dell'Ottocento, 5 Bde., 1995-2011
  • C. Caldelari, Bibliografia del Settecento, 2 Bde., 2006
Allgemein
  • A.M. Gerber, Die Entwicklung der geogr. Darstellung des Landes T. bis 1850, 1920
  • Galli, Ticino
  • Frühe Freunde des T.s: 6 Reiseber. aus 2 Jh., hg. von W.A. Vetterli, 1944
  • A. Lienhard-Riva, Armoriale ticinese, 1945
  • Bianconi, Inventario
  • Vocabolario dei dialetti della Svizzera italiana, 1952-
  • Gilardoni, Inventario
  • Kdm TI 1-3, 1972-83
  • Martinola, Inventario
  • Costruzione del territorio e spazio urbano nel Cantone Ticino, 2 Bde., 1979
  • R. Ceschi, Contrade cisalpine, 1987
  • Ticino 1798-1998, Ausstellungskat. Lugano, 2 Bde., 1998-99
  • Arte in Ticino, Ausstellungskat. Lugano, 4 Bde., 2001-04
  • S. Bianconi, Lingue di frontiera, 2001
Von der Urzeit zur Antike
  • A. Crivelli, Atlante preistorico e storico della Svizzera italiana, 1943 (überarbeiteter und erweiterter Nachdr. 1990)
  • M. Primas, Die südschweiz. Grabfunde der älteren Eisenzeit und ihre Chronologie, 1970
  • W.E. Stöckli, Chronologie der jüngeren Eisenzeit im T., 1975
  • S. Biaggio Simona, I vetri romani: provenienti dalle terre dell'attuale cantone Ticino, 2 Bde., 1991
  • SPM 1-6
  • L. Tori et al., La necropoli di Giubiasco (TI), 3 Bde., 2004-10
Mittelalter
  • E. Pometta, Come il Ticino venne in potere degli Svizzeri, 3 Bde., 1912-15
  • V. Gilardoni, Il Romanico, 1967
  • G. Wielich, Das Locarnese im Altertum und MA, 1970
  • G. Vismara et al., Ticino medievale, 1990
  • Il Medioevo nelle carte, hg. von G. Chiesi, 1991
  • P. Ostinelli, Il governo delle anime, 1998
  • A. Moretti, Da feudo a baliaggio: la comunità delle pievi della Val Lugano nel XV e XVI secolo, 2006
Unter eidgenössischer Herrschaft (16.-18. Jahrhundert)
  • E. Pozzi-Molo, L'amministrazione della giustizia nei baliaggi appartenenti ai cantoni primitivi: Bellinzona, Riviera, Blenio e Leventina, 1953
  • Viaggiatori del Settecento nella Svizzera italiana, hg. von R. Martinoni, 1989
  • S. Guzzi, Agricoltura e società nel Mendrisiotto del Settecento, 1990
  • R. Merzario, Anastasia, ovvero la malizia degli uomini, 1992
  • Pittura a Como e nel Canton Ticino dal mille al settecento, hg. von M. Gregori, 1994
  • S. Guzzi, Logiche della rivolta rurale, 1994
  • Seicento ritrovato, Ausstellungskat. Rancate, 1996
  • S. Bianchi, Le terre dei Turconi, 1999
  • Dall'Accademia all'Atelier, Ausstellungskat. Rancate, 2000
  • R. Merzario, Adamocrazia: famiglie di emigranti in una regione alpina (Svizzera italiana, XVIII secolo), 2000
  • Il Rinascimento nelle terre ticinesi, Ausstellungskat. Rancate, 2010
  • P. Keller, E. Agustoni, Barocco, 2010
  • M. Schnyder, Famiglie e potere, 2011
19. und 20. Jahrhundert
  • A.O. Pedrazzini, L'emigrazione ticinese nell'America del Sud, 2 Bde., 1962
  • G. Pedroli, ll socialismo nella Svizzera italiana, 1963 (32004)
  • S. Gilardoni, «Italianità ed elvetismo nel Canton Ticino negli anni precedenti la prima guerra mondiale (1909-1914)», in AST 45-46, 1971, 3-84
  • G. Cheda, L'emigrazione ticinese in Australia, 2 Bde., 1976
  • G. Martinola, Gli esuli italiani nel Ticino, 2 Bde., 1980-94
  • G. Cheda, L'emigrazione ticinese in California, 2 Bde., 1981
  • Identità in cammino, hg. von R. Ratti, M. Badan, 1986
  • M. Cerutti, Fra Roma e Berna, 1986
  • R. Ceschi, Ottocento ticinese, 1986
  • F. Panzera, La lotta politica nel Ticino: Il "Nuovo indirizzo" liberale-conservatore (1875-1890), 1986
  • P. Codiroli, L'ombra del duce, 1988
  • A. Ghiringhelli, Il Ticino della transizione, 1889-1922, 1988
  • R. Bianchi, Il Ticino politico contemporaneo, 1921-1975, 1989
  • F. Panzera, Società religiosa e società civile nel Ticino del primo Ottocento, 1989
  • M. Della Casa, La monetazione cantonale ticinese: 1813-1848, 1991
  • T.: eine offene Region, hg. von R. Ratti et al., 1993 (ital. 1990)
  • R. Broggini, Terra d'asilo, 1993
  • A. Ghiringhelli, Il cittadino e il voto: materiali sull'evoluzione dei sistemi elettorali nel Cantone Ticino, 1803-1990, 1995
  • R. Ceschi, Nel labirinto delle valli, 1999
  • J.F. Bergier, Storia economica della Svizzera, 1999, 311-360 (Anh. von S. Guzzi-Heeb, Per una storia economica del Canton Ticino)
  • L. Lorenzetti, Economie et migrations au XIXe siècle: les stratégies de la reproduction familiale au T., 1999
  • I. Fosanelli, Verso l'Argentina, 2000
  • G. Foletti, Arte nell'Ottocento, 2001
  • R. Romano, Il Canton Ticino tra '800 e '900: la mancata industrializzazione di una regione di frontiera, 2002
  • F. Mena, Stamperie ai margini d'Italia, 2003
  • P. Macaluso, Liberali antifascisti, 2004
  • L. Saltini, Il Canton Ticino negli anni del Governo di Paese (1922-1935), 2004
  • L. Marti, Etrangers dans leur propre pays: l'immigration tessinoise dans le Jura bernois entre 1870 et 1970, 2005
  • A. Rossi, Dal paradiso al purgatorio: lo sviluppo secolare dell'economia ticinese, 2005
  • F. Viscontini, Alla ricerca dello sviluppo: la politica economica nel Ticino (1873-1953), 2005
  • S. Martinoli, L'architettura nel Ticino del primo Novecento, 2008
  • Voce e specchio, hg. von T. Mäusli, 2009
Weblinks
Normdateien
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