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NeuenburgKanton

Ab dem 12. Jahrhundert Herrschaft und Grafschaft, vom 17. Jahrhundert bis 1848 Fürstentum, ab 1814 Kanton, seit 1848 Republik und Kanton Neuenburg (amtlicher Name). Französisch Neuchâtel. Die Amtssprache ist Französisch, der Hauptort die Stadt Neuenburg. Ab dem Ende des 13. Jahrhunderts war Neuenburg mit mehreren eidgenössischen Orten und Städten durch Burgrechtsverträge verbunden, insbesondere mit Freiburg (1290), Bern (1308), Solothurn (1369) und Luzern (1501). Als das lokale Geschlecht der Herren von Neuenburg 1395 erlosch, ging die Grafschaft an die aus Süddeutschland stammenden Familien von Freiburg und von Hochberg über. Zu Beginn des 16. Jahrhunderts gelangte sie an die französische Dynastie d'Orléans-Longueville. Nach dem Tod von Marie de Nemours 1707 wurde das Fürstentum dem preussischen Königshaus der Hohenzollern zugesprochen, die es – abgesehen von einem Zwischenspiel während der napoleonischen Ära, als Marschall Louis-Alexandre Berthier 1806-1814 Fürst von Neuenburg war – bis zur Revolution von 1848 behielten.

Wappen des Kantons Neuenburg
Wappen des Kantons Neuenburg […]
Oro- und hydrografische Karte des Kantons Neuenburg mit den wichtigsten Ortschaften
Oro- und hydrografische Karte des Kantons Neuenburg mit den wichtigsten Ortschaften […]

Das Territorium hat sich seit dem Ende des 16. Jahrhunderts, als die Grafen von Neuenburg 1564 von ihren Vasallen die Herrschaft Colombier erwarben und die ebenfalls lehenspflichtige Herrschaft Valangin 1592 mit der Grafschaft vereinigten, nicht mehr wesentlich verändert. Die Aussengrenzen erfuhren im 19. Jahrhundert nur noch kleinere Anpassungen: 1814 die im Pariser Frieden beschlossene Angliederung des Dorfs Le Cerneux-Péquignot, 1815 die im Vertrag von Wien geregelte Übernahme des gesamten Allods Lignières und 1894 die Abtretung des Schlosses Thielle an den Kanton Bern nach der Juragewässerkorrektion.

Struktur der Bodennutzung im Kanton Neuenburg

Fläche (2004/05)803,1 km2 
Wald / bestockte Fläche308,8 km238,4%
Landwirtschaftliche Nutzfläche334,5 km241,7%
Siedlungsfläche67,0 km28,3%
Unproduktive Fläche92,8 km211,6%
 Struktur der Bodennutzung im Kanton Neuenburg -  Arealstatistik der Schweiz

Das Kantonsgebiet mit seinen 36 Gemeinden (Stand 2017) gliedert sich in drei unterschiedliche Regionen, die Seeregion zwischen dem Nordufer des Neuenburgersees und den ersten Juraausläufern (mit La Béroche), die mittleren Täler Val-de-Travers und Val-de-Ruz sowie die Montagnes neuchâteloises, die nahe der französischen Grenze eine Hochebene auf rund 1000 m Höhe bilden.

Bevölkerungs- und Wirtschaftsstruktur des Kantons Neuenburg

Jahr 18501880a1900195019702000
Einwohner 70 753102 744126 279128 152169 173167 949
Anteil an Gesamtbevölkerung der Schweiz3,0%3,6%3,8%2,7%2,7%2,3%
Sprache       
Französisch  77 525104 551108 408123 573143 191
Deutsch  24 48917 62915 14915 6306 849
Italienisch  1 3463 6643 93921 6075 407
Rätoromanisch  15349711495
Andere  3574015598 24912 407
Religion, Konfession       
Protestantisch 64 95291 076107 291100 15897 84363 974
Katholischb 5 57011 65117 73124 82964 91951 257
Christkatholisch    768673559
Andere 2311 0051 2572 3975 73852 159
davon jüdischen Glaubens 2316891 020506417266
davon islamischen Glaubens     2195 056
davon ohne Zugehörigkeitc     3 34636 582
Nationalität       
Schweizer 65 77393 791113 090121 357132 478129 377
Ausländer 4 9808 95313 1896 79536 69538 572
Jahr  19051939196519952005
Beschäftigte im Kanton1. Sektor 12 50313 2214 5093 537d3 269
 2. Sektor 33 82825 95147 54129 86329 154
 3. Sektor 12 06112 80525 66249 75851 301
Jahr  19651975198519952005
Anteil am Schweiz. Volkseinkommen 2,8%2,4%2,0%1,8%2,1%

a Einwohner, Nationalität: Wohnbevölkerung; Sprache, Religion: ortsanwesende Bevölkerung

b 1880 und 1900 einschliesslich der Christkatholiken; ab 1950 römisch-katholisch

c zu keiner Konfession oder religiösen Gruppe gehörig

d gemäss landwirtschaftl. Betriebszählung 1996

Bevölkerungs- und Wirtschaftsstruktur des Kantons Neuenburg -  Historische Statistik der Schweiz; eidgenössische Volkszählungen; Bundesamt für Statistik

Das Territorium in ur- und frühgeschichtlicher Zeit

Urgeschichte und römische Zeit

Die Vielfalt der Neuenburger Landschaft prägte die Besiedlung des Kantonsgebiets, das sich von 426,5 m, dem tiefsten Punkt der am Ende des Pleistozäns entstandenen Ufer, bis auf 1400 m erstreckt. Je nach Stand der Vergletscherung, der Ausdehnung des Waldes und der Zugänglichkeit der Ufer boten sich den Menschen auf den verschiedenen Höhenstufen mehr oder weniger gastliche Lebensräume. Vom Moustérien bis zur gallorömischen Zeit sind alle in der Westschweiz bekannten Kulturen vertreten, mit Ausnahme einiger Perioden des Paläolithikums, die aus klimatischen Gründen fehlen.

Die Neuenburger Archäologie

Die archäologische Forschung setzte in Neuenburg früh ein. Sie wurde geprägt von Frédéric DuBois de Montperreux, Friedrich Schwab, Edouard Desor und Paul Vouga. Die ersten Untersuchungen, so die Ausgrabung der gallorömischen villa von Colombier ab 1840, erfolgten noch recht unsystematisch. Die 1855 begonnene Erforschung der Pfahlbauten genügte erst 1919-1920 wissenschaftlichen Ansprüchen, als Vouga in Auvernier arbeitete. 1857 wurde die berühmte keltische Siedlung La Tène entdeckt, die der späteren Eisenzeit den Namen gab. 1866 fand in Neuenburg der 1. internationale Kongress für Ur- und Frühgeschichte statt.

Auf einer grossen Fläche entlang des Autobahntrassees der A5 wurden 1964 systematische Prospektionen und Untersuchungen, auch unter Wasser, vorgenommen. Dabei kamen die Luftfotografie, naturwissenschaftliche Techniken und die Dendrochronologie, die besonders wertvolle Daten über die Entwicklung der Behausungen und Pfahlbaudörfer lieferte, zum Einsatz. Hauterive-Champréveyres liess sich dank dieser Methoden auf 3810 v.Chr. datieren. Es ist die älteste ausgegrabene Siedlung im Kanton.

Paläolithikum und Mesolithikum

Die ersten menschlichen Spuren auf Neuenburger Gebiet wurden in der Höhle von Cotencher (Gemeinde Rochefort) nachgewiesen. Die Höhle liegt in der Areuse-Schlucht, auf einer Achse, die vom schweizerischen Mittelland in die Ebenen der Saône führt. Auf einer Höhe von 660 m öffnet sich ein nach Süden ausgerichtetes Abri (Felsunterstand), dessen Belegung auf etwa 40'000 v.Chr. datiert wird. Wegen der Überreste zahlreicher Tiere, die bei den Grabungen 1916 gefunden wurden, erlangte das Abri europaweite Bekanntheit. 62 Arten wurden gezählt, darunter Bär, Löwe, Höhlenpanther, Wollnashorn, Rentier, Pferd und sechzehn Vogelarten. Die Steinwerkzeuge weisen Ähnlichkeiten mit jenen des Moustérien in Südfrankreich auf. Ein 1964 ausgegrabener Oberkiefer ist einer von nur zwei gesicherten Überresten des Neandertalers in der Schweiz. Oberhalb von Cotencher, auf 1120 m Höhe, liegt die Grotte des Plaints (Couvet), in der ebenfalls Knochen und behauene Steinwerkzeuge gefunden wurden, die dem Moustérien zugeordnet werden können.

Drei kleine Ohranhänger aus Lignit in Form weiblicher Figuren, Anfang 13. Jahrhundert v.Chr. (Laténium, Hauterive).
Drei kleine Ohranhänger aus Lignit in Form weiblicher Figuren, Anfang 13. Jahrhundert v.Chr. (Laténium, Hauterive). […]

Nach einer langen Kältephase hielten sich um 13'000 v.Chr. Cro-Magnon-Menschen an den Ufern des Neuenburgersees auf, dessen Wasserspiegel damals 3 m tiefer lag. Sie jagten vor allem Pferde, aber auch Rentiere, Murmeltiere, Schneehasen und Schneehühner. Das Jungpaläolithikum war im Kanton Neuenburg bis zur Entdeckung einer magdalénienzeitlichen Temporärsiedlung in Hauterive-Champréveyres 1983 nicht belegt. Deren Untersuchung ergab, dass dort, im steppenartigen Uferbereich mit Weiden und Zwergbirken, wie auch am 1 km weiter südwestlich gelegenen Fundort Neuenburg-Monruz Jägergruppen ihre saisonalen Lager aufschlugen. Bei den Grabungen im Zusammenhang mit dem Bau der Autobahn konnte die Anordnung der Feuerstellen, der Knochenhaufen, der von rotem Ocker verfärbten Flächen sowie der Werkplätze zur Bearbeitung des lokalen oder importierten Silex aufgezeichnet werden. Bei den Werkzeugen herrschten Stichel, Kratzer, Rückenmesser und Bohrer vor. Es liessen sich auch zahlreiche Kernsteine rekonstruieren. Unter den meist aus fossilen Muscheln oder aus Zähnen gefertigten Schmuckanhängern befanden sich drei Frauenfigürchen aus Lignit von weniger als 2 cm Höhe, die als erste Darstellung von Menschen in der Schweiz gelten.

Auf das Magdalénien folgte um 10'300 v.Chr. das Azilien (Spätpaläolithikum). Am Fundort Champréveyres wurden datierbare Kiefernstämme ausgegraben, die sich neben den bescheidenen Überresten eines Jägerlagers befanden. In Monruz kam ebenfalls ein Lagerplatz zum Vorschein, während in der Grotte du Bichon (Gemeinde La Chaux-de-Fonds) hoch über dem Doubs das Skelett eines Cro-Magnon-Mannes und Knochen eines durch eine Pfeilspitze aus Silex verletzten Höhlenbären gefunden wurden.

Auf dem Col-des-Roches (Gemeinde Le Locle) wurden 1926 zum ersten Mal in der Schweiz mesolithische Überreste nachgewiesen. Die geometrischen Mikrolithen, Ahlen aus Knochen und durchbohrten Hirscheckzähne sind typisch für die Spätphase der mesolithischen Kultur, die der produzierenden Wirtschaftsweise unmittelbar vorausging. Jäger, Fischer und Sammler der gleichen Kultur wie auf dem Col-des-Roches suchten die Ufer des Doubs in Les Brenets, aber auch in Villers-le-Lac (F) auf.

Neolithikum

Die ersten Bauern und Viehzüchter des Kantons Neuenburg stammen, im Unterschied zu jenen des Kantons Schaffhausen, die dem Lauf der Donau folgend in die Schweiz gelangten, aus dem Mittelmeerraum. Die neolithischen Fundstätten Bevaix-Treytel-A Sugiez und Saint-Aubin-Derrière la Croix am Fuss des Schlosses Vaumarcus gaben Feuerstellen frei, die mit der Radiokarbonmethode auf das 5. Jahrtausend v.Chr. datiert wurden. Sie waren begleitet von feiner bis halbfeiner rötlich-brauner Keramik mit Henkeln und Knubben, gleich jener, die im Abri des Col-des-Roches entdeckt wurde. Diese erste auf Neuenburger Boden nachgewiesene Ausprägung des Neolithikums wird als frühe Cortaillodkultur bezeichnet. Mühlsteine, Läufer und verkohlte Körner belegen das Verarbeiten von Getreide (hier von Nacktweizen). Beile aus grünem, geschliffenem Felsgestein dienten der Holzbearbeitung. Ein durchbohrtes und geschliffenes Beil wurde sicherlich importiert. Bei den Herdstellen standen ursprünglich Menhire wie an der europäischen Atlantikküste. Das Alter der Fundstätten Bevaix und Saint-Aubin spricht dafür, dass die Megalitharchitektur der Westschweiz zuerst in der Region La Béroche aufgetreten ist. In Saint-Aubin, an der Grenze zwischen den Kantonen Waadt und Neuenburg, zwischen See und Jura gelegen, entstand ein Alignement von vier Menhiren, ab dem Ende des 3. Jahrtausends v.Chr. ein zweites Ensemble von fünf Steinen. Die Anlage wurde wahrscheinlich als Kultstätte und Versammlungsort bäuerlicher Gemeinschaften genutzt. Mit dem Dolmen von Colombier-Plant de Rives (auch Allée couverte d'Auvernier genannt) wurde 1876 ein megalithisches Gemeinschaftsgrab entdeckt.

Zur klassischen Cortaillodkultur (3900-3750 v.Chr.) gehört der geräumige Abri Baume du Four (Gemeinde Boudry), ein Jägerrastplatz in der Areuse-Schlucht. Die ersten nachweisbaren Dörfer gehen bis 3900 v.Chr. zurück. Auf die Cortaillodkultur folgte die Horgener Kultur, dann die Lüscherz- und schliesslich die Auvernierkultur (Auvernier-Cordé), bis um 2400 v.Chr. die Glockenbecherkultur auftauchte, die der Kupferzeit (auch Chalkolithikum) entspricht. Während der eineinhalb Jahrtausende dauernden neolithischen Uferbesiedlung wurden die Häuser immer in der Nähe eines Sees, keinesfalls aber auf Plattformen über dem Wasser errichtet. Kennzeichen des Neolithikums sind die Beschaffung von Nahrung durch Jagd, Fischfang, Viehzucht, Land- und Sammelwirtschaft, der Bau rechteckiger Holzhäuser, der Einbaum als Fortbewegungsmittel sowie bestimmte Bearbeitungstechniken von Stein, Hirschgeweih, Knochen und Tonerde. Die Seeufer boten sich als ideales Terrain für das Studium dieser langen Epoche an, weil die Schätze aus verderblichem, organischen Material wie Holzwerkzeuge, Wagenräder, Flechtwerk, Gewebe, Früchte und Körner dank der konstanten Feuchtigkeit konserviert blieben. Die Schwankungen des Seespiegels sind an den Kreideschichten ablesbar, die sich zwischen die Siedlungsphasen geschoben haben. Die Formen und Verzierungen der Gebrauchsgegenstände, die dank der Dendrochronologie manchmal bis auf das Jahr genau datierbar sind, dienen zur typologischen Bestimmung.

Die stratigrafischen Beobachtungen und die wachsende Zahl der erforschten Zonen gewähren immer detailliertere Einblicke in die damaligen Lebensweisen und die Umwelt. So zeugt zum Beispiel der qualitativ hochstehende braun-gelbe Silex aus Le Grand-Pressigny (Loiretal), aus dem Tausende hier gefundene Dolche, Klingen, Kratzer und Pfeilspitzen bestehen, von einem transjurassischen Tauschhandel im 3. Jahrtausend v.Chr. Allerdings weiss man nicht, gegen welche Güter er eingetauscht wurde. Während neolithische Ufersiedlungen in grosser Zahl (Vaumarcus, Saint-Aubin, Bevaix, Colombier, Auvernier, Neuenburg, Hauterive, Saint-Blaise, Marin-Epagnier, Thielle-Wavre, Le Landeron) entdeckt wurden, sind Fundstellen der Glockenbecherkultur rar. Bis auf einige Wohnstätten in Cortaillod-Sur les Rochettes auf einer Anhöhe über der Areuse sowie zwei Gräber in Cortaillod-Courbes Rayes und Saint-Blaise-Chemin du Diable finden sich hierfür keine Belege. Die Pfahlbausiedlungen, die zwischen 2500 und 1900 v.Chr. aufgegeben wurden, liefern praktisch keine Zeugnisse der Glockenbecherkultur.

Bronzezeit

Im Jura kommt Kupfererz nicht vor. Die Region war deshalb auf die Einfuhr von Kupfer angewiesen, das mit dem ebenfalls importierten Zinn zu Bronze legiert und bearbeitet wurde. Die neue Technologie verbreitete sich – zuerst in den Alpen, dann im Mittelland – um den Übergang vom 3. zum 2. Jahrtausend v.Chr. Die ersten dendrochronologischen Datierungen reichen jedoch nur bis 1700 v.Chr. zurück (Bevaix, Auvernier). Diese Besiedlungsphase ist durch Beile, kleine dreieckige Dolche mit Nieten, massive Halsringe, Krüge und Keramiktöpfe vom Typ Morges-Les Roseaux in der Seeregion nur schwach belegt.

Ur- und frühgeschichtliche Fundorte im Kanton Neuenburg
Ur- und frühgeschichtliche Fundorte im Kanton Neuenburg […]

Zeugnisse der mittleren Bronzezeit (1500-1200 v.Chr.) fehlen, abgesehen von einigen wenigen Einzelfunden, in den Ufersiedlungen ganz. Im Wald von Eter, bei La Baraque oberhalb von Cressier, enthielt ein Hügel von 12 m Durchmesser ein Grab mit besonders reichen Beigaben (Goldring, Beil, Dolch, lange Nadel). Ein anderes Tumulusgrab wurde in Les Favargettes (Coffrane) entdeckt. Das "Hinterland der Pfahlbauten" bot Weidegründe, deren Nutzung die in La Baume du Four entdeckte Keramikware der mittleren Bronzezeit sowie der Fund eines Beils im Creux du Van belegen. Die Wiedereroberung des Ufergeländes erreichte ihren Höhepunkt in der Zeit zwischen 1050 und 850 v.Chr., die von Edouard Desor als bel âge du Bronze bezeichnet wurde. Der Kanton Neuenburg trug viel dazu bei, das Wissen über diese schriftlose Kultur zu erweitern, namentlich durch die im Winter durchgeführten Luftaufnahmen ganzer, unter Wasser liegender Dörfer, die später in Tauchgängen erforscht wurden. Cortaillod-Ost und Bevaix-Süd sind Beispiele eines Proto-Urbanismus, der die vorgängige Planung des zu bebauenden Raums erforderte. Die Dendrochronologie legt eine planmässige Nutzung des Waldes, eine Waldwirtschaft als Ergänzung zur Landwirtschaft nahe. Geometrische Strenge der parallelen Häuserreihen, „standardisierte“ Ausdehnungen der Wohnstätten (Längen von 8-15,5 m, Breiten von 5,5-6,5 m), durchgehende Verwendung von Pfählen, die das Grundgerüst der Bauten mit erhöhtem Fussboden bilden, sind die typischen Merkmale der Siedlungskomplexe Cortaillod-Ost und Bevaix-Süd in den beiden Seebuchten. Aus Tausenden von Gegenständen lässt sich der bronzezeitliche Alltag rekonstruieren: Gussformen aus Molasse oder Ton zur Herstellung von Beilen, Nadeln, Sicheln, Messern, Rasiermessern, Ringen und Armreifen, nicht gedrehte, manchmal mit Zinn verzierte Keramikware, Beil- und Sichelgriffe aus Holz, Ohrringe aus Gold, Perlen aus Glas oder Ambra sowie Waren aus Flechtwerk. Das Verschwinden dieser Kultur bleibt hingegen ein Rätsel; eine Klimaverschlechterung, die zum Anstieg der Seespiegel führte, scheint daran beteiligt gewesen zu sein.

Eisenzeit

200-400 m über dem Seespiegel finden sich im heutigen Wald die Spuren einer neuen, ein bis zwei Jahrhunderte später einsetzenden Siedlungsperiode: jene der älteren Eisenzeit oder Hallstattzeit. Aus ihr stammen Hügelgräber hauptsächlich in La Béroche, aber auch oberhalb von Neuenburg, in der Zihlebene und im Val-de-Ruz. Die Körper- oder Brandgräber enthielten die für die Westschweiz typischen Beigaben wie Töpferware, ein Tonnenarmband aus Blech mit geometrischen Verzierungen, Schmuckgehänge und Armreifen. Der Tumulus von Les Favargettes, der zu dieser Zeit wieder benützt wurde, gab unter anderem einen Kessel und eine bronzene Tasse frei.

Die Latènezeit, wie die jüngere Eisenzeit genannt wird, beginnt in der Mitte des 5. Jahrhunderts v.Chr. Zur Frühlatènezeit gehören ein Grab in Le Landeron und einige Fibeln, wobei jene von Rochefort-Champ-du-Moulin aus Bronze und Koralle mit einander zugewandten Vogelköpfen und maskenartigen Menschengesichtern verziert ist. Mit diesen bescheidenen Überresten kontrastiert der Reichtum der Fundstätte von La Tène, deren Schätze grösstenteils der Mittellatènezeit zuzuordnen sind. Dank der zwischen 1857 und 2003 immer professioneller durchgeführten Ausgrabungen stiess man auf nahezu 3000 oft sehr gut erhaltene Objekte: Gefässe aus Ton oder Holz, 166 Schwerter und Scheiden, 269 Spitzen von Lanzen und Speeren, 3 vollständige Schilde, 382 Fibeln, 193 Gürtelteile, 25 Rasiermesser, 50 Messer, mehr als 200 andere Geräte, Schmuckgegenstände aus Bronzeblech, 2 Joche, 4 Räder, 4 Goldmünzen, Eisenbarren und zahllose Knochen von Pferden und Menschen. La Tène, das an einem stillen Gewässer lag, galt als heiliger Ort, an dem vom Ufer aus oder von der Zihlbrücke, dem sogenannten Pont Vouga (Mitte 3. Jh. v.Chr.), Opfer und Weihgaben dargebracht wurden. Die andere Brücke von La Tène, der sogenannte Pont Desor, datiert von 660-655 v.Chr. In diese Zeit fällt auch die ausgegrabene Höhensiedlung bei den Steinbrüchen von Cornaux-Le Roc.

Mit jedem Fund in der Zihlebene gewann das Bild einer latènezeitlichen Landschaft an Schärfe. Zu den bedeutenden Fundstellen zählen die beiden, nur 1 km von La Tène entfernten Viereckschanzen von Marin-Les Bourguignonnes und Marin-Chevalereux, das Oppidum auf dem Mont-Vully, das mit einer Ausdehnung von 70 ha das Drei-Seen-Gebiet überragte, sowie die eingestürzte keltische Brücke von Cornaux-Les Sauges. Dazu kommen die reichen Funde (menschliche Skelette, Waffen, Werkzeuge) in etwa 3 km Entfernung unterhalb von La Tène.

Römische Zeit

Die gallorömischen Überreste im Kanton Neuenburg erfuhren nicht die gleiche Aufmerksamkeit wie jene der Urgeschichte. Die frühen Ausgrabungen dokumentieren eine Besiedlung, die sich über den Zeitraum vom 1. bis zum 4. Jahrhundert erstreckte. Mit Ausnahme von Münzfunden (Schatz von Dombresson) erwies sich das Fundmaterial jedoch als wenig ergiebig.

Silberner Löffel mit Motiv aus Gold, 2. Jahrhundert n.Chr. (Laténium, Hauterive).
Silberner Löffel mit Motiv aus Gold, 2. Jahrhundert n.Chr. (Laténium, Hauterive). […]

Aufgrund der Verteilung der Fundorte (Fresens, Montalchez, Gorgier, Bevaix, Colombier, Neuenburg-Serrières, Neuenburg-Crêt, Saint-Blaise, Wavre, Cornaux, Cressier, Le Landeron) und der Orts- und Flurnamen muss ein dichter Siedlungsgürtel entlang des Nordufers des Neuenburger- und des Bielersees bis auf eine Höhe von 550 m sowie in der sumpfigen Zihlebene bestanden haben. Die gallorömische Strasse Vy d'Etra führte nördlich des Sees auf einer Höhe von 500 m dem Balcon du Jura entlang. Sie bildete ein Teilstück der Verbindung von Eburodunum (Yverdon-les-Bains) nach Vindonissa (Windisch). Der Hauptast zweigte in Saint-Blaise Richtung Norden ab und erreichte vermutlich den Tessenberg auf der Höhe der villa von Lignières. Die Dichte der Funde in der Zihlebene und die Brücken über die Zihl weisen auf eine Abzweigung Richtung Avenches und Mittelland hin. Die von einer Schifferkorporation kontrollierten Transporte auf dem See wurden mit flachbödigen Lastkähnen durchgeführt. Ein Exemplar aus Eiche (182 n.Chr.) wurde vor Bevaix auf dem Seegrund gefunden. Es diente vermutlich der Beförderung von Kalkstein aus den Steinbrüchen von Concise, Bevaix und Hauterive. Die villa von Colombier (1.-4. Jh.), eine der grössten der Schweiz, war über einen Weg mit dem Ufer des Neuenburgersees verbunden und gehörte vielleicht zu einer Reihe von Gebäuden, die speziell für die Fluss- und Seeschifffahrt erstellt wurden.

Während die Hochtäler des Neuenburger Juras offensichtlich nicht besiedelt waren, lassen sich für die mittleren Täler Val-de-Ruz und Val-de-Travers aufgrund der Orts- und Flurnamen und der ausgegrabenen Überreste (u.a. Engollon, Boudevilliers, Chézard-Saint-Martin, Villiers) römische Siedlungen belegen. Spuren römischer Landvermessung (Bevaix), ein Graben (Noiraigue), Überreste von Wegen (Bevaix, Saint-Blaise), ein Aquäduktabschnitt (Bevaix), Gräber, das Mausoleum von Wavre (Gemeinde La Tène) und ein den Gottheiten Mars und Naria Nousantia geweihtes Heiligtum (Cressier) sind weitere Zeugnisse der Antike.

Überreste einer grossen gallorömischen Villa östlich des Schlosses Colombier. Fotografie, 25. Juli 1908 (Laténium, Hauterive).
Überreste einer grossen gallorömischen Villa östlich des Schlosses Colombier. Fotografie, 25. Juli 1908 (Laténium, Hauterive). […]

Frühmittelalter

Nach dem Ende des weströmischen Reichs gelangte die Region Neuenburg zum Frankenreich (534) der Merowinger bzw. später der Karolinger. 888 kam es zum zweiten Königreich Burgund. Unsere Kenntnisse über die Zeit vor dem 10.-11. Jahrhundert beruhen ausschliesslich auf archäologischen Quellen und den Ergebnissen der Ortsnamenforschung. Einige karolingische Gebietseinteilungen lassen sich rekonstruieren, einzelne bestehen noch heute (Val-de-Travers, Val-de-Ruz), andere sind verschwunden, wie das Tal von Nugerol. Die Region Neuenburg bildete keine territoriale Einheit, sondern gehörte zu den karolingischen Grafschaften Waadt und Bargen, zwischen denen die Areuse die Grenze bildete.

Trotz der frühen, dürftig dokumentierten Ausgrabungen und des geringen Fundmaterials verweisen die archäologischen Untersuchungen darauf, dass die gallorömischen Siedlungsgebiete während des ganzen 1. Jahrtausends n.Chr. bewohnt waren. Die Ortsnamenkunde bestätigt die ununterbrochene Besiedlung des nördlichen Seeufers von der Römerzeit an: Die Ortschaften, deren Namen auf -y oder -ier enden – Ableitungen vom lateinischen Suffix -acum –, liegen hier dicht beieinander. Dem See und dem Jurasüdfuss entlang sind ferner Ortschaften belegt, deren Namen aus einem germanischen Namen und der von -ingos abgeleiteten Endsilbe -ens zusammengesetzt sind. In den Juratälern kommt die Endung -acum nur im Val-de-Travers, mit Fleurier und Suvagnier (Buttes), sowie im Val-de-Ruz vor, wo Savagnier und Cernier die gleichen Wurzeln aufweisen und zudem mehrere Ortschaften ihren Namen in einer etwas späteren Ausdehnungsphase aus den Wörtern villa oder curtis entwickelt haben. Im Val-de-Ruz trugen ausserdem zwei Dörfer im Frühmittelalter einen vom Patrozinium ihrer Kirche abgeleiteten Namen: Dombresson und Dommartin (heute Chézard-Saint-Martin). Die Verwendung von domnus statt des üblichen sanctus weist auf ihren besonders alten Ursprung hin, der durch die in Dombresson entdeckten 24 Gräber bestätigt wird. Diese enthielten Schmuckgegenstände aus dem Ende des 7. Jahrhunderts. Sie wurden 1996-1997 unter dem Schiff der mittelalterlichen Kirche gefunden, die einen älteren Bau umschliesst. Mit Ausnahme der Fundstellen in Bevaix und in Le Landeron-Les Carougets weiss man über die frühmittelalterliche Siedlungsweise fast nichts, doch die archäologischen Untersuchungen am Schloss Colombier, das teilweise auf den Mauern der gallorömischen villa errichtet ist, bestätigen erneut eine gewisse Siedlungskontinuität.

Von den rund zwanzig Kirchen auf neuenburgischem Gebiet, die das Pfarreiverzeichnis der Diözese Lausanne aufführt (Chartular von 1228), gehen nur fünf mit Sicherheit auf die vorromanische Zeit zurück: Die Kirche Saint-Jean de Serrières, in der 1945 und 1997 Grabungen durchgeführt wurden, löste einen Bau aus dem 7. Jahrhundert ab, der sich an gallorömische Mauern anlehnte und die gleichen Steinkistengräber enthielt wie das nahe gelegene Gräberfeld von Neuenburg-Serrières-Les Battieux. Die Kirche von Chézard-Saint-Martin wird ab 998 erwähnt, in Engollon kamen 2004-2005 während der Kirchenrenovation die Mauerreste eines Vorgängerbaus aus dem 8. Jahrhundert und in Môtiers im Val-de-Travers jene eines Sakralbaus aus dem 6.-7. Jahrhundert zum Vorschein. Die Kirchen von Saint-Blaise und Cressier – letztere scheint einen gallorömischen Tempel abgelöst zu haben – gehören vermutlich ebenfalls zu den vorromanischen Bauten. Diese Stätten weisen darauf hin, dass der Uferstreifen samt Bergfuss, das Val-de-Ruz und das Val-de-Travers spätestens ab dem 7. Jahrhundert christianisiert wurden. Zur Gruppe der schon im 7. Jahrhundert bestehenden oder gegründeten jurassischen Klöster zählt auch jenes von Môtiers, obwohl die Ersterwähnung in den Quellen vermutlich erst 1093 erfolgt. Môtiers besitzt heute noch zwei Kirchen: Die seit der Reformation säkularisierte Klosterkirche Saint-Pierre, die am Ende des 6. oder im 7. Jahrhundert erbaut und im 8.-9. Jahrhundert beträchtlich vergrössert wurde, sowie die Pfarrkirche Notre-Dame, die in karolingischer Zeit errichtet und im Verlaufe des 11. Jahrhunderts aus- und umgebaut wurde. Die beiden Gotteshäuser waren durch eine Kapelle baulich miteinander verbunden.

Über die Ausdehnung der rund zwanzig Gräberfelder, die in der Seeregion und in der Zihlebene entdeckt wurden, ist fast nichts bekannt. Das geringe Fundmaterial gibt eine vage Vorstellung von der Kleidertracht der mehrheitlich gallorömischen Bevölkerung. Es stammt fast ausschliesslich aus dem 7. Jahrhundert, während Funde aus dem 6. Jahrhundert, abgesehen von einigen Objekten in Cortaillod, Gorgier oder Saint-Aubin, fehlen. Im Vergleich zu den angrenzenden Gebieten im Osten, wo den Toten – wie zahlreiche Funde belegen – schon im 6. Jahrhundert Gegenstände mit ins Grab gegeben wurden, kam dieser Brauch im neuenburgischen Gebiet trotz eines gewissen Wohlstands, der sich in der Qualität des Schmucks und im guten Gesundheitszustand der Bestatteten in Dombresson zeigt, erst später auf.

Zwei typische Exemplare der eisernen, tauschierten oder silber- und messingplattierten Gürtelschnallenbeschläge, die im 7. Jahrhundert in Burgund üblich waren, stammen aus Gräbern in Corcelles-Cormondrèche, während in der Nekropole von Bel-Air bei Areuse (Gemeinde Boudry) 1903 neun Körpergräber mit reichen Beigaben (bronzene Ohrringe, eine Spange mit Doppelhaken und Kette, eine Scheibenfibel und eine Gürtelgarnitur mit symmetrischen Beschlägen) freigelegt wurden. Zwei weitere Gräberfelder lieferten Fundmaterial von aussergewöhnlicher Qualität: La Rondenire bei Cortaillod einen aus einem Stück geschmiedeten Schnallenbeschlag und ein Fragment aus Bronzeblech, verziert mit zwei sitzenden Greifen, Le Landeron eine goldene Scheibenfibel, geschmückt mit in Filigrandekor eingelassenen Steinen, Ohrringe und einen Gürtelbeschlag. Die Objekte aus Le Landeron kamen allerdings abhanden.

Bei Les Battieux in Neuenburg-Serrières wurden im 19. Jahrhundert etwa 150 Gräber zerstört, aber 38 konnten 1982 freigelegt werden. Die darin enthaltenen trapezförmigen, mit Silber überzogenen Beschläge, die breite, tauschierte Gürtelgarnitur, Sax und Messer entsprechen den regionalen Sitten an Grabbeigaben des 7. Jahrhunderts. Um 1840 wurde bei Le Châtelard in Bevaix, auf dem Gut des 998 gegründeten Priorats Saint-Pierre, ein in Reihen angelegtes Gräberfeld aus dem 7. Jahrhundert zerstört. 200 m davon entfernt kamen 1996 bei einer Rettungsgrabung zu einer Siedlung gehörende Pfostenlöcher, Gruben und Gräben neben einer gallorömischen Nekropole zum Vorschein. Das zutage geförderte Material und dessen Datierung nach der C-14-Methode belegen eine ununterbrochene Besiedlung der Fundstätte zwischen dem 5. und 7. Jahrhundert.

Szenen aus dem Leben von Jesus. Fresken an der nördlichen Chorwand der Kirche von Engollon, um 1300 (Office du patrimoine et de l'archéologie du canton de Neuchâtel; Fotografie Fibbi-Aeppli, Grandson).
Szenen aus dem Leben von Jesus. Fresken an der nördlichen Chorwand der Kirche von Engollon, um 1300 (Office du patrimoine et de l'archéologie du canton de Neuchâtel; Fotografie Fibbi-Aeppli, Grandson). […]

Im 10. Jahrhundert besassen die Burgunderkönige zahlreiche Güter rund um den See, darunter Auvernier und Saint-Blaise, und herrschten wahrscheinlich über Colombier und das castrum von Neuenburg. Letzteres wurde offensichtlich kurz vor 1011, dem Jahr seiner Ersterwähnung, gebaut. Die Burgunderkönige befestigten das castrum und errichteten darin eine Pfalz. Dieser Bau bildete den Ursprung des Schlosses, das Colombier als Machtzentrum ablösen sollte. Die Verlegung des Herrschaftssitzes entsprach den Bedürfnissen der Zeit: Von Colombier in der Ebene wechselte er auf einen leicht zu befestigenden Hügel. Erst später entwickelte sich die Stadt Neuenburg, nach der ab dem 13. Jahrhundert der See benannt wurde.

Macht, Politik und Institutionen vom Mittelalter bis 1848

Bildung und Organisation des Territoriums

Verbreitung und räumliche Ordnung von Waldhufensiedlungen im Jura 12.-17. Jahrhundert
Verbreitung und räumliche Ordnung von Waldhufensiedlungen im Jura 12.-17. Jahrhundert […]

Um 1000, der Zeit, aus der die ersten schriftlichen Quellen stammen, hatten sich in der Region wohl schon zwei grosse Grundbesitze herausgebildet: Die königlichen Güter, mit denen 1011 Irmingard, die Verlobte des Burgunderkönigs Rudolf III. ausgestattet wurde, umfassten Neuenburg (novum castellum), Saint-Blaise und Auvernier, jene der Sigiboldides, wichtiger Dienstleute der Könige von Burgund, lagen hauptsächlich in Bevaix, Brot, Corcelles, Chézard und Coffrane. Das Gut von Colombier, das sich 937 noch in den Händen des Königs von Burgund befand, kam später möglicherweise auch an die Sigiboldides, jedenfalls waren die Herren von Colombier deren Erben. Ab 1033 gelangte das neuenburgische Gebiet nach und nach mit dem Königreich Burgund ans Reich. Die von Neuenburg, über deren Herkunft und anfänglichen Besitz Unklarheit herrscht, bauten ihre Herrschaft wohl eher auf den königlichen Gütern als auf jenen der Sigiboldides auf. Dafür spricht, dass sich der Machtbereich der von Neuenburg vor allem zwischen Neuenburg und dem Bielersee erstreckte, während ihnen das Ufer westlich von Neuenburg lange vorenthalten blieb. Laut einer familiären, von 1200 an fassbaren Überlieferung stammten die von Neuenburg von den Grafen von Fenis ab, einem um 1100 bezeugten Geschlecht. Es ist allerdings fraglich, ob dessen Grafschaft je existiert hat. Zu den von Fenis gehörten Burkhard (1107), Bischof von Basel, und sein Bruder Kuno, Bischof von Lausanne (um 1103). Möglicherweise gingen einige Rechte ihrer Bistümer auf die Familie über. Die von Fenis sollen auch kaiserliche Schenkungen bekommen haben, insbesondere von Heinrich IV. im Val-de-Travers. Die ersten gesicherten Angaben stammen aus den 1140er Jahren, in denen zwei Brüder, Mangold und Rudolf I. (um 1149), Neuenburg gemeinsam regierten. Die Gemeinderschaft deutet darauf hin, dass zumindest die Eltern der Brüder schon im Besitz von Neuenburg waren. Rudolf I. herrschte durch seine Heirat mit einer Tochter aus der Familie de Glâne auch über Arconciel. Sein Sohn Ulrich II. (1191/92) erhielt das gesamte Familienerbe. Während seiner Herrschaft mehrte er seinen Einfluss in der Drei-Seen-Region, vor allem in Erlach, und als Kastvogt des Priorats von Môtiers in den Juratälern. Er behielt Arconciel und andere Güter der de Glâne, zum Beispiel in der Nähe von Yverdon.

Die Erben Ulrichs II., Rudolf II. und Ulrich III., bewahrten die Einheit der Herrschaft und stärkten die Rolle Neuenburgs als Hauptsitz. Die weitere Entwicklung der Grafschaft Neuenburg brachte dann die Auflösung der alten regionalen Strukturen mit sich. Als die gemeinsame Herrschaft um 1218 zu Ende ging, teilten Ulrich III. und sein Neffe Berchtold das Territorium unter sich auf; eine Chronik des 13. Jahrhunderts besagt, dass die Güter nach sprachlichen Kriterien getrennt wurden. Nach der Teilung zogen die von Aarberg, ein Zweig der Neuenburg-Nidau, die 1242 erstmals erwähnte Herrschaft Valangin an sich. Im 12. Jahrhundert hatte sich diese anscheinend noch im Besitz einer freien Familie befunden.

Durch die Aufteilung des Familienguts kam Berchtold in den Besitz der französischsprachigen Gebiete, die sich hauptsächlich in Neuenburg und in der Zihlebene befanden. Als die Grafen von Neuenburg, die bis 1288 unmittelbar dem Reich unterstellt waren, zu Vasallen der von Chalon wurden, ging dieser Herrschaftswechsel mit einer Erweiterung ihres Territoriums nach Westen einher. Sie erhielten das Val-de-Travers und das von der Herrschaft Valangin umschlossene Dorf Boudevilliers als Lehen. Wie aus einem Treueeid hervorgeht, den Rudolf IV. (Rollin) von Neuenburg 1311 Johann von Chalon leistete, umfasste das Herrschaftsgebiet damals auch die Güter der Schlösser Rochefort und Boudry. Diesem homogenen Besitz, in dem sie alle grund- und gerichtsherrliche Rechte ausübten, fügten die Grafen von Neuenburg im 14. Jahrhundert vorübergehend die Schlösser Gorgier und Vaumarcus sowie als Folge ehelicher Verbindungen für mehrere Jahre Rechte und Herrschaften im Waadtland und vor allem in der Freigrafschaft Burgund hinzu. Am Ende des Mittelalters hatten sie jedoch ihre Besitzungen im Vully, in der Waadt und in der Freigrafschaft Burgund wieder aufgegeben oder verloren.

Der Kern der Grafschaft Neuenburg, an welche die Herrschaftsrechte der rätselhaften, in der Huldigung von 1311 beschriebenen baronnie übergingen, wurde erst im 16. Jahrhundert territorial und administrativ erweitert, hauptsächlich mit dem Erwerb der Lehensherrschaft Colombier 1564. Nach einem langen Prozess vereinigte sich 1592 die Herrschaft Valangin mit der Grafschaft. Die d'Orléans-Longueville standen nun an der Spitze eines Staats, dessen Grenzen fast mit jenen des heutigen Kantons übereinstimmten. In La Béroche, das dem Gewohnheitsrecht von Estavayer unterstand, setzte sich die fürstliche Verwaltung erst spät durch, weil dort die Herren von Gorgier und Vaumarcus bis 1831 Feudalrechte behielten.

Regierung und Institutionen im Mittelalter

Um die Mitte des 12. Jahrhunderts liessen sich die Herren von Neuenburg definitiv im Schloss nieder. Die ehemalige Residenz der Könige von Burgund wurde erweitert und mit Befestigungsbauten sowie einer Stiftskirche ergänzt. Ausgehend von diesem Kern entwickelte sich eine kleine Stadt. Sie bildete das Zentrum einer von Rudolf I. und seinem Sohn Ulrich II., den ersten in den Quellen fassbaren Dynasten, gegründeten Herrschaft.

Die Familie von Neuenburg identifizierte sich so stark mit Schloss und Kirche, dass sie diese neben dem Familienwappen in ihren Siegeln führte. In den letzten Jahren des 12. Jahrhunderts nahmen die Herren von Neuenburg den Grafentitel an, der unter Ulrich II. von Papst und Kaiser anerkannt wurde und den Aufstieg der Familie krönte. Als 1218 die Herrschaft der Zähringer mit dem Aussterben des Geschlechts zu Ende ging, regelten die von Neuenburg ihre Beziehungen zum Reich neu. Eine Klärung des Verhältnisses drängte sich auf, weil Güter und Rechte der von Neuenburg scheinbar auf kaiserliche Schenkungen sowie auf alte Rechte zur Nutzung der joux (Wälder) und zur Einsetzung bewaffneter Pächter zurückgingen. Auf letzterem Recht gründet wahrscheinlich die Ansiedlung der homines regales ("königliche Männer") im Val-de-Ruz und im Val-de-Travers, die direkt dem Grafen unterstanden.

Der Graf von Neuenburg und sein Sohn leisten vor dem Schultheiss und dem Rat von Bern den Eid anlässlich des Burgrechtsvertrags von 1406. Beschrieben und illustriert in der Spiezer Chronik von Diebold Schilling, 1485 (Burgerbibliothek Bern, Mss.h.h.I.16, S. 550).
Der Graf von Neuenburg und sein Sohn leisten vor dem Schultheiss und dem Rat von Bern den Eid anlässlich des Burgrechtsvertrags von 1406. Beschrieben und illustriert in der Spiezer Chronik von Diebold Schilling, 1485 (Burgerbibliothek Bern, Mss.h.h.I.16, S. 550). […]

Vom Ende des 12. Jahrhunderts an wurde die Region zunehmend von Neuenburg aus regiert. An der Herrschaftsausübung beteiligten sich neben dem Grafen die Prämonstratenser von Fontaine-André und die Chorherren der Stiftskirche, unter denen sich auch Guillaume, der spätere Schutzheilige von Neuenburg, befand. Der Graf oder Herr von Neuenburg machte seine Rechte als Richter in seinem Territorium und als Kastvogt von Klöstern wie jenem von Môtiers geltend. Die schon 1185 erwähnten Bürger von Neuenburg erhielten 1214 einen dem Gewohnheitsrecht von Besançon folgenden Freiheitsbrief. Sie spielten eine wachsende Rolle in der Rechtspflege, hauptsächlich auf dem Gerichtstag (plaid), und später, ab etwa 1400, auf der Ständeversammlung (audiences), an die Urteile aus der ganzen Grafschaft weitergezogen wurden. Während Neuenburg im 12. und zu Beginn des 13. Jahrhunderts das Zentrum einer aufstrebenden dynastischen Macht war, litten die Stadt und ihr Umland danach bis Ende des 13. Jahrhunderts unter den Folgen der Gebietsteilung von 1218 sowie unter den Rivalitäten zwischen Cousins oder mit den Bischöfen von Basel. 1249 nahm der Bischof die Stadt sogar ein und zerstörte sie. Berchtold verlor den Grafentitel an Ulrich III. und damit an den Zweig von Nidau. 1288 wurde die Reichsunmittelbarkeit der geschwächten und zu einfachen Herren herabgesunkenen von Neuenburg aufgehoben, und Rudolf I. von Habsburg unterstellte sie der Oberlehensherrschaft der von Chalon. Diese Oberlehensherrschaft, die bis 1458 bestand und erst aufgelöst wurde, als Ludwig von Chalon die von Hochberg nicht als Erben der von Freiburg anerkannte, beeinflusste noch den Prozess um die Erbfolge 1707. Bei den Verhandlungen von 1288 bildeten Neuenburg und alle seinem Besitzer zustehenden Rechte ein einziges Reichslehen.

Ab Ende des 13. Jahrhunderts erholte sich Neuenburg unter Rudolf IV. (Rollin) und Ludwig. Die Familienstreitigkeiten waren nach dem schicksalhaften Sieg über die Aarberg-Valangin 1296 in Coffrane, auf den fünf Jahre später die Zerstörung von La Bonneville folgte, zu ihren Gunsten beendet worden. Für Rudolf IV. bot dies die Gelegenheit, fortan den Grafentitel wieder zu führen. Das neue Ansehen der von Neuenburg dokumentierten weiter ein vom Kaiser verliehenes, aber selten ausgeübtes Privileg der Münzprägung, ein Netz von Burgrechtsverträgen zwischen den Grafen und den regionalen Mächten Freiburg (1290), Bern (1308) und Solothurn (1369) sowie ihre militärischen Abenteuer in Flandern, der Lombardei und Frankreich zur Zeit des Hundertjährigen Kriegs. Auf Rudolf IV. geht auch die Gründung von Le Landeron (1328/1329) an der Grenze zwischen der Grafschaft und dem Bistum Basel zurück. Ludwig errichtete ein eindrückliches, die Dynastie verewigendes Grabmonument in der Stiftskirche, das von seinen Nachfolgern ausgebaut wurde.

"Carte de la Souveraineté de Neufchatel et Valangin", aufgenommen Ende des 17. Jahrhunderts von David-François de Merveilleux und Guillaume de l'Isle, verbessert, erweitert und koloriert von einem Nürnberger Drucker, 1778 (Universitätsbibliothek Bern, Sammlung Ryhiner).
"Carte de la Souveraineté de Neufchatel et Valangin", aufgenommen Ende des 17. Jahrhunderts von David-François de Merveilleux und Guillaume de l'Isle, verbessert, erweitert und koloriert von einem Nürnberger Drucker, 1778 (Universitätsbibliothek Bern, Sammlung Ryhiner). […]

Rudolf IV. und Ludwig richteten eine dauerhafte Verwaltung ein, die einheitliche Akten anfertigte, insbesondere Urbare und Rechnungen nach savoyischem Vorbild. Von Neuenburg aus kontrollierte der Graf ein Netz von Kastlaneien und Mairies. Ihm standen der Steuereinnehmer, der Vogt und der Hofmeister zur Seite. Sie wurden von gräflichen Notaren unterstützt, die Urkunden in Französisch ausfertigten. Diese Organisation bestand in Neuenburg bis 1848. Die Herren von Valangin, die sich mit ihrer Lehensabhängigkeit schwertaten, behielten allerdings bis zum Ende des 16. Jahrhunderts eine eigenständige Verwaltung.

Weil die Grafen, später die Fürsten oft abwesend waren, nahm der Einfluss des in der Regel weltlichen Verwaltungspersonals vor Ort zu. Während die von Neuenburg gelegentlich fernblieben, waren die von Freiburg (Ende 1395-1458) und die von Hochberg (1458-1503) häufig weg, Letztere wegen wichtiger Ämter, die sie in Burgund und später in Frankreich ausübten. Die d'Orléans-Longueville (1504-1707) hielten sich praktisch nie in Neuenburg auf. Im 14. und 15. Jahrhundert kam die Grafschaft daher einem grossen Gut gleich, das seinen Besitzern vor allem Einnahmen aus grundherrlichen Rechten brachte. Weder die Bürgerschaften – jene von Neuenburg stellte eine kleine Ausnahme dar – noch die wenigen Adelsfamilien, noch die Klöster vermochten der Macht der Grafen etwas entgegenzusetzen. Das Schloss diente den Grafen trotz ihrer häufigen Abwesenheiten nicht nur als Verwaltungssitz, sondern war zuweilen auch Schauplatz eines Hoflebens voller Pracht und Eleganz.

Staatsbildung und Regierung unter den d'Orléans-Longueville

Politisches System des Fürstentums Neuenburg im 18. Jahrhundert
Politisches System des Fürstentums Neuenburg im 18. Jahrhundert […]

Nach dem Tod Philipps von Hochberg 1503 erbte seine Tochter Johanna die Grafschaft Neuenburg. Im Jahr darauf heiratete sie Louis d'Orléans (1516), einen Prinzen von Geblüt und Nachkommen von Jean d'Orléans, dem berühmten Kampfgefährten der Jeanne d'Arc. Die unübersehbare französische Präsenz in unmittelbarer Nachbarschaft bewog die eidgenössischen Orte dazu, die Grafschaft während der Mailänderkriege vorsorglich zu besetzen und sie 1512-1529 durch Vögte verwalten zu lassen. Die Gräfin gewann mit der Unterstützung von König Franz I. die Herrschaft über ihr Territorium zurück, konnte aber nicht verhindern, dass ihre Untertanen zur Reformation übertraten. Ihre schlechte Finanzverwaltung zwang sie, den Bürgern von Neuenburg den grössten Teil der Einkünfte aus der Grafschaft zu verpachten. Sie zog sogar den Verkauf der Grafschaft an Freiburg in Betracht. Erst am Ende des 16. Jahrhunderts schwand dank der guten Staatsführung der Regentin Marie de Bourbon für die d'Orléans-Longueville die Gefahr, dass Neuenburg zu einem Stadtstaat nach dem Vorbild anderer eidgenössischer Städte würde. Aber in Stadt und Grafschaft hatte sich eine Opposition gegenüber der Obrigkeit formiert, die in den folgenden Jahrhunderten bestehen blieb. Die d'Orléans-Longueville, die sich nie in der Grafschaft aufhielten, liessen sich ab 1529 durch einen Gouverneur in Neuenburg vertreten. Um diesen Gouverneur bildete sich ein Rat, der 1580 die Bezeichnung Conseil d'Etat (Staatsrat) annahm. Er hatte beratende, aber auch administrative und richterliche Funktionen, die besonders bei der Konfliktprävention und -schlichtung, vor allem zwischen den Bürgerschaften, zum Tragen kamen. Obwohl der Rat eine Institution des Ancien Régime war, sollte er die Revolution von 1848 überleben.

Neuenburger Staatsratsfamilien
Neuenburger Staatsratsfamilien […]

Léonor d'Orléans nahm 1571 den Grafen- (comte souverain de Neuchâtel en Suisse), Henri II. 1618 den Fürstentitel an (par la grâce de Dieu prince et seigneur souverain des comtez de Neufchastel et Vallangin). Der Graf bzw. Fürst wählte den Gouverneur in der Regel aus katholischen Patrizierfamilien Freiburgs und Solothurns. Manchmal liess er sich vorübergehend durch einen französischen Seigneur vertreten, der mit dem Titel eines Botschafters ausgestattet wurde und die Befehlsgewalt über den lokalen Gouverneur besass. Der Staatsrat setzte sich aus zwei bis vierzehn meist weltlichen Magistraten zusammen, vor allem aus Amtleuten mit Aufgaben in gerichtlichen und finanziellen Belangen, die auf Lebenszeit ernannt und aus den Bürgerfamilien Neuenburgs, seltener aus Boudry und Le Landeron stammten. Vom 16. Jahrhundert an wurde ihnen vom Fürsten der Adelstitel zuerkannt. Viele Staatsräte sowie zivile und militärische Beamte begaben sich nach Frankreich an den Hof des Fürsten. Dort kümmerte sich ein eigens dafür geschaffener Rat um die Angelegenheiten des Fürstentums, sodass die Geschicke Neuenburgs einem französischen Einfluss unterlagen. Der Staatsrat setzte sich an die Spitze der bisherigen Verwaltung und baute eine Zentralverwaltung auf, die ab Mitte des 17. Jahrhunderts durch einen Kanzler repräsentiert wurde. Der Staatsrat schlug dem Fürsten die Finanz- und Gerichtsbeamten für die Verwaltungs- und Gerichtskreise des Fürstentums (Kastlaneien und Mairies) vor, die vom Fürsten ernannt und vom Staatsrat kontrolliert wurden. Oft amtierten die Staatsräte, auch wenn sie manchmal Ministerverpflichtungen hatten wie der Generalsteuereinnehmer, selbst als Kastlane, Maires oder regionale Steuereinnehmer.

Die Carolina beeinflusste ab 1532 das Strafrecht des Fürstentums, wurde aber nie offiziell eingeführt. Im 16. und 17. Jahrhundert wurden Neuenburgs Verwaltungssprache und -gepflogenheiten von jenen des französischen Königreichs geprägt. Die d'Orléans-Longueville verteidigten ihre Souveränität gegenüber König Ludwig XIV. und verhinderten erfolgreich, dass sich der Pariser Gerichtshof (parlement de Paris) zum Appellationsgericht für die in Neuenburg abgeurteilten Fälle entwickelte. 1648 versuchte Henri II. sogar, Neuenburg als Stand in die Eidgenossenschaft einzubinden. Um die Einnahmen aus der Grafschaft leichter nutzbar zu machen, legten die d'Orléans-Longueville die abgabepflichtigen Gebiete zu einem einzigen Einnahmekreis zusammen und schufen das ständige Amt eines Generalsteuereinnehmers. Die Einkünfte, die nach wie vor jenen einer grossen Gutsdomäne entsprachen, bestanden weiterhin aus Naturalien. Aus dem Rebgebiet wurde Wein auf dem Wasserweg vor allem an Solothurner Händler verkauft, die in Sonnenkronen bezahlten, sodass ein Teil des vom französischen König an die Schweizer ausbezahlten Golds nach Frankreich, in die Kasse der d'Orléans-Longueville, zurückkehrte. Die von Marie de Bourbon 1589 wieder eingeführte und von den d'Orléans-Longueville fortgeführte Münzprägung spiegelte mehr den Souveränitätsanspruch des Fürstentums als seine wirtschaftliche Bedeutung. Diese blieb bescheiden, auch wenn Henri II. den Plan der neuen Stadt Henripolis entwarf, die dank der Anlage einer schiffbaren Route von Rotterdam bis Marseille florieren sollte (Projekt des Entreroches-Kanals).

Vorder- und Rückseite eines Dickens mit dem Kopf von Henri II. d'Orléans-Longueville (Musée d'art et d'histoire Neuchâtel, Cabinet de numismatique).
Vorder- und Rückseite eines Dickens mit dem Kopf von Henri II. d'Orléans-Longueville (Musée d'art et d'histoire Neuchâtel, Cabinet de numismatique). […]

Die Herrschaft der d'Orléans-Longueville ging wegen der späteren Zugehörigkeit Neuenburgs zum Königreich Preussen fast vergessen. Sie ist aber von einiger Bedeutung, wurde doch in dieser Zeit das Territorium geeint. Ausserdem bildete sich eine starke Obrigkeit heraus, und es wurden Verwaltungsreformen durchgeführt. Zu diesen zählt die Schaffung der Mairie La Chaux-de-Fonds 1656, die in den Montagnes zu einer parallel und nicht mehr senkrecht zu den Jurahöhen verlaufenden Aufteilung der Verwaltungsbezirke führte. Weiter schafften die d'Orléans-Longueville 1634 die Tellpflicht ab, die an wenigen Orten, vor allem im Val-de-Travers, noch bestand. Sie erhoben zivile und militärische Amtleute bürgerlicher Herkunft sowie deren Nachkommen in den Adelsstand und schieden die Einflussbereiche der weltlichen und der geistlichen Obrigkeit deutlich voneinander, sodass im Fürstentum die in weiten Teilen Europas angewandte Herrschaftsmaxime cuius regio, eius religio keine Geltung erlangte.

Zur Eidgenossenschaft unterhielt das Fürstentum Neuenburg enge Beziehungen durch die vom Fürsten, aber auch von der Stadt Neuenburg, von Le Landeron und Valangin abgeschlossenen Burgrechtsverträge. Neuenburgs Obrigkeit beanspruchte diese Verbindungen besonders in religiösen und wirtschaftlichen Angelegenheiten. Obgleich Neuenburg ein zugewandter Ort der Eidgenossenschaft war, besass es keinen Sitz in der Tagsatzung. Nach der Besetzung von 1512-1529 betrachteten die eidgenössischen Orte Neuenburg als ihre Einflusssphäre. Zwar gelang es Henri II. nicht, sein Fürstentum als eidgenössischen Ort anerkennen zu lassen, doch er erhielt 1657 von König Ludwig XIV. einen Allianzvertrag, der Neuenburg in die künftigen Erneuerungen des französisch-schweizerischen Bündnisses einschloss und ihn als prince souverain de Neufchastel et Valengin en Suisse bezeichnete.

Im 16. und frühen 17. Jahrhundert stand die Grafschaft meist unter der Führung von Frauen – von Marie de Bourbon in erster Linie –, welche die Regentschaft während der Minderjährigkeit des legitimen Erben ausübten. Henri II., der bedeutendste Fürst der Dynastie, hinterliess 1663 zwei männliche Erben. Der ältere, Jean-Louis-Charles, dankte 1668 zu Gunsten des jüngeren, Charles-Paris, ab, doch dieser starb 1672. Damit setzte eine längere Zeit der Rivalität zwischen den Anwärtern auf das Erbe ein, zuerst zwischen Marie de Nemours, Tochter aus Henris II. erster Ehe, und Anne-Geneviève de Bourbon, Mutter und Vormund des geistesschwachen Jean-Louis-Charles, dann, nach dessen Tod 1694, zwischen Marie de Nemours und François-Louis de Bourbon, Prince de Conti. Der Kampf um die Erbfolge hatte also lange vor dem Tod von Marie de Nemours, der letzten Vertreterin der Dynastie an der Spitze des Fürstentums, eingesetzt.

Die zwei preussischen Regimes und Berthiers Zwischenspiel (1707-1848)

Der Prozess von 1707

Der Tod von Marie de Nemours am 15. Juni 1707 führte im Fürstentum zu einer tief greifenden Umwälzung, und die Nachfolgeregelung weitete sich zu einer europäischen Angelegenheit aus. Das souveräne Gericht der Drei Stände, das Marie de Nemours 1694 zur Herrscherin gewählt hatte, sollte im Sommer 1707 deren Nachfolger bestimmen. Vor den zwölf Neuenburger Richtern des Tribunals erschienen 19 angebliche Erben, um ihre Sache zu verteidigen. Neun Bewerber wurden schliesslich zum Prozess zugelassen, die ihre Ansprüche auf die Nachfolge der d'Orléans-Longueville oder die Erbschaft des Hauses von Chalon alle testamentarisch oder erbrechtlich begründeten. Die Neuenburger Richter, in deren Bewusstsein sich die Aufhebung des Edikts von Nantes 1685 tief eingeprägt hatte, verschafften ihrer Abneigung gegen jeglichen französischen Einfluss Ausdruck und bestimmten am 3. November 1707 Friedrich I., König von Preussen, zum Nachfolger mit dem Titel eines Fürsten von Neuenburg. Dieser Entscheid löste in Frankreich heftige Reaktionen aus. Anfang 1708 beabsichtigte König Ludwig XIV. sogar, seine in der Freigrafschaft stationierten Garnisonen ins Fürstentum einmarschieren zu lassen. Die eidgenössischen Verbündeten Neuenburgs boten Truppen auf, doch vereitelten die Wechselfälle der europäischen Geschichte den Besetzungsplan. 1713 anerkannten die Grossmächte im Vertrag von Utrecht die Abtretung Neuenburgs an die von Hohenzollern. Darauf willigte von den drei verbündeten katholischen Orten nur Solothurn 1756 in eine Erneuerung des Burgrechtsvertrags ein. In der Folge kam keine weitere Allianz oder Bündniserneuerung zwischen Neuenburg und einem eidgenössischen Ort mehr zustande.

Das erste preussische Regime (1707-1806)

Huldigungseid von Gouverneur Louis Théophile de Béville und den Untertanen im Val-de-Travers. Kolorierte Radierung von Alexandre Girardet, 1786 (Zentralbibliothek Zürich, Graphische Sammlung und Fotoarchiv).
Huldigungseid von Gouverneur Louis Théophile de Béville und den Untertanen im Val-de-Travers. Kolorierte Radierung von Alexandre Girardet, 1786 (Zentralbibliothek Zürich, Graphische Sammlung und Fotoarchiv). […]

Um seine Herrschaft abzustützen, gestand der König von Preussen verschiedenen staatlichen Körperschaften eine gewisse Anzahl ihrer erworbenen Rechte zu, die er in den Articles généraux zuhanden der Quatre-Bourgeoisies Neuenburg, Boudry, Le Landeron und Valangin und in den Articles particuliers für die Bürgerschaften von Neuenburg und Valangin festhielt. Unter einem protestantischen Herrscher sahen sich die Neuenburger in ihrer Religionsausübung nicht gefährdet, zudem ihnen dieser versicherte, in der Verwaltung ausschliesslich Einheimische zu beschäftigen. Nur der Gouverneur war ein Fremder, gehörte aber der reformierten Konfession an. Auf den Machtwechsel folgte eine lange Zeit des Friedens, in der sich Handel und lokale Industrie günstig entwickelten. Bis 1848 herrschten, abgesehen von einem kurzen Interregnum Napoleons I. 1806-1814, sechs preussische Könige in Personalunion über das Fürstentum: 1707-1713 Friedrich I., 1713-1740 Friedrich Wilhelm I., 1740-1786 Friedrich II., 1786-1797 Friedrich Wilhelm II., 1797-1806 und 1814-1840 Friedrich Wilhelm III. sowie 1840-1848 Friedrich Wilhelm IV. Insgesamt zeigten die neuen Landesherren, die stark mit der Konsolidierung des 1701 gegründeten Königreichs Preussen beschäftigt waren, nur geringes politisches Interesse an ihrem entlegenen Fürstentum. Neuenburg war für sie hauptsächlich von materiellem Nutzen. Die Führung der Staatsgeschäfte überliessen sie der lokalen Aristokratie, die ihren Einfluss auf Land und Leute vergrösserte. Das fehlende Interesse der Fürsten und die Anwesenheit fremder, mit dem Land wenig vertrauter Gouverneure wie George Keith begünstigten die Hinwendung von Teilen der Neuenburger Eliten zur Eidgenossenschaft.

Trotz seiner kurzen Herrschaftszeit kümmerte sich Friedrich I. um das Wohl seiner Untertanen. Sein Nachfolger war vor allem bestrebt, durch eine ausgleichende Politik zu vermeiden, dass die internen Probleme des Fürstentums den Aufstieg Preussens zur Grossmacht störten. Friedrich II. zeigte sich dem Fürstentum gegenüber kleinlich, streitsüchtig und eigennützig. Seine aufgeklärte Herrschaft schien sich nicht auf Neuenburg zu erstrecken. Indem er 1748 zur Steigerung seiner Einnahmen die Verpachtung der Steuereinkünfte durchsetzte, provozierte er einen Volksaufstand, der weiterschwelte und 1768 in der brutalen Ermordung des Generalstaatsanwalts Claude Gaudot gipfelte (Gaudot-Affäre). Dagegen gewährte er den Industriellen die in den Articles généraux niedergelegten Privilegien.

Die Regierungszeit Friedrich Wilhelms II. war geprägt von den Koalitionen und Kriegen gegen das revolutionäre Frankreich. Neuenburg beteiligte sich kaum daran. Im Unterschied zum benachbarten Fürstbistum Basel wurde Neuenburg von den französischen Truppen nicht besetzt, da die Revolutionsbehörden den König von Preussen schonend behandelten. Die Französische Revolution stiess im Fürstentum auf ein gewisses Echo, hauptsächlich in den Montagnes: Ab 1791 kam es zu Sympathiekundgebungen, 1792 und 1793 wurden Freiheitsbäume aufgestellt und Unruhen brachen aus. Der standhaften Regierung gelang es, die Bewegung zu spalten, und es kehrte wieder Ruhe ein. Doch wurde das Ancien Régime in seinen Grundfesten erschüttert. 1798 dagegen stellte in der Geschichte Neuenburgs keine Zäsur dar. Das Fürstentum blieb weiterhin ein schweizerischer Ausnahmefall, es gehörte weder zur Helvetischen Republik noch zu einem französischen Departement.

Die Regierungszeit von Louis-Alexandre Berthier (1806-1814)

Unmittelbar nach dem Sieg von Austerlitz 1805 trat Napoleon I. das besetzte Hannover im Tausch gegen verstreute Besitzungen der von Hohenzollern, darunter auch das Fürstentum Neuenburg, an Preussen ab. Die Landesherrschaft überliess er einem seiner tüchtigsten Offiziere, dem Kriegsminister und Generalstabschef Marschall Berthier. Im März 1806 besetzte Marschall Nicolas-Charles Oudinot das Fürstentum, und Berthier nahm den Titel eines Fürsten und Herzog von Neuenburg und Valangin an.

Wie die vorangegangenen Monarchen liess Berthier, der nie nach Neuenburg kam, seinen Besitz durch den Staatsrat und einen Gouverneur, den geschätzten François Victor Jean de Lesperut, verwalten. Von ferne diktierte er jedoch die Hauptlinien der "napoleonischen" Reformen: Verbesserung der Verkehrswege, Justizreform sowie Modernisierung der Landwirtschaft durch die Abschaffung alter Rechte und Abgaben. Er organisierte den Postdienst und das Polizeiwesen neu, konnte aber seinen Traum von der Vereinheitlichung des Rechts nicht verwirklichen. Ferner erlaubte er die öffentliche Feier der Messe in der Stiftskirche von Neuenburg.

Wer von Berthier eine grundlegende Modernisierung des Staats erwartet hatte, wurde enttäuscht, die Machthaber, die sich seiner Autorität unterstellen mussten, schätzten den Wechsel nicht. Als Übergangsregime zwischen zwei Epochen dauerte die Regierungszeit dieses Empirefürsten zu wenig lang, um die Geschichte Neuenburgs zu prägen. Dennoch zeichnete es Wege hin zu einem dynamischeren und mehr auf das Wohl seiner Bevölkerung bedachten Staat vor.

Das zweite preussische Regime (1815-1848)

Durch die Abtretung des Fürstentums an Napoleon I. 1806 hatte sich Friedrich Wilhelm III. einem Teil seiner ehemaligen Untertanen entfremdet. Als er Neuenburg 1815 zurückerlangte, hatte sich dieses verändert. Die Anhänger einer Annäherung an die Schweiz, darunter Generalprokurator Georges de Rougemont, waren immer aktiver geworden und hatten am 12. September 1814 von der Tagsatzung die Aufnahme Neuenburgs als 21. Kanton erreicht.

Die Neuenburger Obrigkeit erwartete vom Wiener Kongress, dass er das Territorium durch Angliederung der Herrschaft Erguël, der ehemaligen Vogtei Grandson und des Landstrichs südlich des Doubs zwischen dem Schloss Joux und Les Brenets vergrössere. Diese Forderungen wurden abgelehnt, stattdessen erhielt Neuenburg Le Cerneux-Péquignot und das gesamte Allod Lignières. Wider Erwarten ratifizierte der Wiener Kongress den Beitritt des Fürstentums zur Eidgenossenschaft als Kanton nicht. Neuenburg musste sich mit einem faulen Kompromiss zufriedengeben: Die Grossmächte setzten die von Hohenzollern wieder an die Spitze des Fürstentums und sanktionierten gleichzeitig dessen Status als souveräner Kanton, wodurch Neuenburg einen in der Schweiz einmaligen Doppelstatus erhielt. Sie schufen damit eine unklare Situation, die das weitere Schicksal Neuenburgs bestimmen sollte.

Royalistische Karikatur, die den republikanischen Aufstand vom 17. und 18. Dezember 1831 aufs Korn nimmt. Kolorierte Lithografie (Schweizerisches Nationalmuseum, Zürich).
Royalistische Karikatur, die den republikanischen Aufstand vom 17. und 18. Dezember 1831 aufs Korn nimmt. Kolorierte Lithografie (Schweizerisches Nationalmuseum, Zürich). […]
Royalistische Karikatur, die den republikanischen Aufstand vom 17. und 18. Dezember 1831 aufs Korn nimmt. Kolorierte Lithografie (Schweizerisches Nationalmuseum, Zürich).
Royalistische Karikatur, die den republikanischen Aufstand vom 17. und 18. Dezember 1831 aufs Korn nimmt. Kolorierte Lithografie (Schweizerisches Nationalmuseum, Zürich). […]

Ohne Überzeugung richtete der König mit den Audiences générales eine Vorform eines Parlaments ein, dessen Mitglieder er mehrheitlich selbst ernannte. Die französische Julirevolution von 1830 rief im Fürstentum Unruhen hervor. 1831 ersetzte Friedrich Wilhelm III. die Audiences générales durch den Corps législatif, der in einem Zensusverfahren gewählt wurde und den Beginn der Gewaltentrennung darstellte. Doch die Unzufriedenheit der Demokraten hielt an und führte 1831 zu einer von Alphonse Bourquin angeführten Rebellion. Der Aufstand zwang die Obrigkeit dazu, um eidgenössische Vermittlung zu bitten. Er wurde schliesslich niedergeschlagen. Die als "Märtyrer der Freiheit" bezeichneten Unruhestifter wurden hart bestraft, doch bereiteten sie den Weg zur erfolgreichen Revolution. Die Abschaffung von Privilegien und der Besuch Friedrich Wilhelms IV. 1842 täuschten über die grosse Unbeliebtheit des Regimes hinweg. Tatsächlich wurden die Verbindungen zwischen einem Teil der lokalen Elite und der politischen Führungsschicht der eidgenössischen Orte immer enger. Die Neuenburger Milizen wurden den eidgenössischen Militärreglementen unterstellt, und Neuenburg hielt ein Auszugs- und ein Landwehrkontingent für die Eidgenossenschaft bereit, nahezu 2000 Mann. Die eidgenössischen Übungen und Inspektionen, die Offiziersschulen, aber auch die eidgenössischen Vereinsfeste mit ihrem patriotischen Charakter trieben die Entwicklung zu einer Republik voran. Die Obrigkeit des Fürstentums hingegen wurde von 1832 an immer misstrauischer gegenüber der Schweiz, weil die Radikalen in mehreren Kantonen die Macht übernommen hatten. 1832 trat Neuenburg dem Sarnerbund der konservativen Kantone bei und ersuchte den König erfolglos, die Verbindung zur Eidgenossenschaft zu lösen. Die Missstimmung erreichte ihren Höhepunkt zur Zeit des Sonderbunds: Indem sich Neuenburg neben Basel-Stadt als einziger reformierter Kanton für neutral erklärte, diskreditierte es sich in den Augen der künftigen Sieger vollends. Nach und nach bekam das alternde Gebäude des Fürstentums Risse. Mit Ausnahme jener Familien, deren politische oder materielle Interessen mit dem aus der Feudalzeit stammenden System verknüpft waren, erstrebten immer mehr Neuenburger – besonders in den Montagnes und im Val-de-Travers – die Umwandlung ihres Staats in einen echten Schweizer Kanton.

Gesellschaft, Wirtschaft und Kultur vom Mittelalter bis 1848

Bevölkerung und Siedlungsentwicklung

Zur Bevölkerungsentwicklung in Neuenburg bis Mitte des 18. Jahrhunderts lassen sich aufgrund der Quellenlage keine verlässlichen Aussagen machen. Die preussische Verwaltung führte erst 1750, dann wieder ab 1752 jährliche Bevölkerungszählungen durch, die noch keine genauen Zahlen, aber immerhin ungefähre Grössenordnungen liefern. Angaben aus den erst im 16. Jahrhundert – also relativ spät – eingeführten Tauf-, Ehe- und Sterberödeln ergänzen diese Daten.

Erste Siedler und Kolonisation der Berggebiete

Die frühmittelalterlichen Siedler am Seeufer waren gallorömischen oder burgundischen Ursprungs. Die Rodungstätigkeit lässt auf eine Bevölkerungszunahme im 12., 13. und zu Beginn des 14. Jahrhunderts schliessen. Später wurde das Hochland, das lange nahezu unbewohnt blieb, nach und nach besiedelt und bebaut: Vom Val-de-Ruz und Val-de-Travers ausgehend, liessen sich die Menschen dauerhaft in der Region La Chaux-de-Fonds, Le Locle, Les Verrières und im Tal von La Brévine nieder. Die höher gelegenen Gebiete wurden auch vom Morteau-Tal und der Freigrafschaft aus aufgesucht. Mitte des 14. Jahrhunderts brach eine Pestepidemie von katastrophalem Ausmass diese Entwicklung abrupt ab: Etwa ein Drittel der Bevölkerung fiel der Seuche zum Opfer.

Die spärlichen, lückenhaften und ungenauen mittelalterlichen Belege stammen erst aus dem 15. Jahrhundert (1416-1417 und 1453 Pfarrvisitationen). Eine Hochrechnung der Zahlen von 1416-1417 ergibt ca. 6500 Einwohner. Offenbar fand im 15. Jahrhundert zumindest in den Montagnes ein wirtschaftlicher und demografischer Aufschwung statt. Die Besiedlung verlieh der Herrschaft Valangin eine gewisse Bedeutung, wie das im folgenden Jahrhundert geweckte Interesse der Grafen von Neuenburg an diesem Gebiet verrät.

Wachstum im 16. und Stagnation im 17. Jahrhundert

Die dynamische Bevölkerungsentwicklung setzte sich im 16. und Anfang des 17. Jahrhunderts fort, wobei über deren Umfang und zeitlichen Verlauf wenig bekannt ist. Der Ausbau von Infrastrukturen in Verwaltung (Gerichtskreise, Pfarreien, Schulen) und Wirtschaft (Messen und Märkte) bietet sichere Anzeichen hierfür. Während dieser letzten Besiedlungswelle verdreifachte sich die Bevölkerung von Le Locle, La Chaux-de-Fonds und Les Verrières innert eines Jahrhunderts. Für die Mitte des 17. Jahrhunderts darf man von 25'000 bis 27'000 Einwohnern ausgehen: 14'000 bis 15'000 für die Grafschaft Neuenburg, davon 2000 bis 3000 im Hauptort sowie 11'000 bis 12'000 in der Herrschaft Valangin, die 1531 erst 3600 Einwohner gezählt hatte. Die Besiedlung der Berggebiete führte demnach zu einer Verschiebung der demografischen Gewichte vom unteren in den oberen Teil Neuenburgs.

Das 17. Jahrhundert bildete insgesamt eine Phase der Stagnation. Die Bevölkerung litt unter den Auswirkungen des Dreissigjährigen Kriegs, der an der Grenze zum Fürstbistum Basel wütete. Ernteausfälle und Epidemien trieben die Mortalität in die Höhe. Die im 16. Jahrhundert, vor allem für die 1550er und 1580er Jahre gut belegten Pestzüge häuften sich in den 1620er und 1630er Jahren. Ausgehend von der Zählung von 1712 ergab eine erste Hochrechnung für das 18. Jahrhundert die ungefähre Zahl von 28'000 bis 29'000 Einwohnern. Laut anderen Schätzungen lebten Anfang des 18. Jahrhunderts 25'000 bis 28'000 Menschen im neuenburgischen Gebiet. Die Zahlen entsprechen somit dem geschätzten Bevölkerungsstand Mitte des 17. Jahrhunderts.

Die Stagnation dauerte bis um 1750. Vor der Protoindustrialisierung war die Region Neuenburg weitgehend von Acker- und Weinbau sowie Viehzucht abhängig. Es herrschte Überbevölkerung und vermutlich mehr Ab- als Zuwanderung. Nach dem Widerruf des Edikts von Nantes 1685 reisten zahlreiche Hugenotten in der zweiten Flüchtlingswelle durch Neuenburg Richtung Deutschland, allerdings liessen sich nur wenige auf Neuenburger Boden nieder.

Die Expansion Ende des 18. Jahrhunderts und die demografische Erneuerung in der ersten Hälfte des 19. Jahrhunderts

Klimaänderungen, bessere Ernährung und Fortschritte in Hygiene und Medizin, vor allem aber der wirtschaftliche Aufschwung führten ab den 1750er Jahren zu einem demografischen Wandel in Neuenburg. 1752-1806 stieg die Zahl der Einwohner von 32'300 auf 48'700, 1815 erreichte sie 51'300. Damit verzeichnete Neuenburg eine der höchsten Zuwachsraten unter den industrialisierten Schweizer Kantonen. Die Zunahme ging hauptsächlich auf die zahlreichen zugewanderten Arbeitskräfte in den wirtschaftlich starken Gebieten zurück. Der Anteil Ortsfremder (Schweizer oder Ausländer im heutigen Sinn) stieg von 10% 1750 auf 27% 1806. Von der guten Konjunktur profitierten insbesondere die Uhrmacherei und der Zeugdruck (Indiennedruckerei). 1806 lebten im Zivilgerichtskreis von La Chaux-de-Fonds, einem Zentrum der Uhrmacherei, 34% Fremde, in Boudry und Cortaillod, beides Zentren der Zeugdruckerei, fast 47% bzw. 37%. In der Stadt Neuenburg wohnten sogar 51% Nicht-Neuenburger.

Über die natürliche Bevölkerungsentwicklung in diesem Wandlungsprozess ist wenig bekannt. Örtlich begrenzte Analysen, zum Beispiel für Cortaillod, zeigen eine erhöhte Natalität mit mehr vorehelichen Schwangerschaften, was auf eine freiere Auffassung der Ehe hindeutet. Wichtiger als die gesteigerte Natalität dürfte für den natürlichen Zuwachs die gesunkene Mortalität gewesen sein. In Fleurier beispielsweise sank die Sterblichkeit von ca. 30‰ in den 1750er und 1760er Jahren auf 18‰ Anfang des 19. Jahrhunderts. Tödliche Infektionskrankheiten wie die Pocken gefährdeten die Menschen, insbesondere Kinder, weiterhin. Krankheiten und Missernten führten aber zu keinem grossen Sterben mehr wie noch Ende des 17. Jahrhunderts.

Gedrucktes Formular in deutscher Sprache aus dem Jahr 1764 (Archives de l'Etat de Neuchâtel).
Gedrucktes Formular in deutscher Sprache aus dem Jahr 1764 (Archives de l'Etat de Neuchâtel). […]
Handschriftliche Übersetzung ins Französische des gedruckten deutschen Formulars aus dem Jahr 1764 (Archives de l'Etat de Neuchâtel).
Handschriftliche Übersetzung ins Französische des gedruckten deutschen Formulars aus dem Jahr 1764 (Archives de l'Etat de Neuchâtel).

Die Bevölkerungszunahme, die in den 1750er Jahren begonnen hatte, setzte sich bis zum Beginn des 19. Jahrhunderts fort. 1846 zählte Neuenburg 68'250 Einwohner, 1850, laut der ersten eidgenössischen Volkszählung, 70'753. Die Entwicklung verlief aber nicht linear: Stark verlangsamt während der napoleonischen Kriege (1815 51'300 Einwohner, 1827 nur 53'600), beschleunigte sie sich vor allem in den 1830er und 1840er Jahren (1832 54'800 Einwohner, 1837 59'500). Neben allgemeinen Faktoren, die ab der Mitte des 18. Jahrhunderts auch für das demografische Wachstum im übrigen Europa verantwortlich waren, spielten in Neuenburg wirtschaftliche Strukturen und die Konjunktur eine entscheidende Rolle. Zwischen 1825 und 1848 nahm die Einwanderung zu, während die aufkommende Auswanderung in andere Kantone und ins Ausland, besonders nach Nordamerika, kaum ins Gewicht fiel. 1846 betrug der Anteil der Nicht-Neuenburger, darunter vor allem Schweizer, 36%. Dieser hohe Prozentsatz gründete in der boomenden Uhrmacherei, die sich nach dem Niedergang der Textilindustrie von der Restaurationszeit an zum Schlüsselsektor der wirtschaftlichen Modernisierung entwickelte. 1846 beschäftigte dieser Sektor in Neuenburg 10'000 Personen, über zwei Mal mehr als 1827. Wo die Modernisierung die Städte oder deren Umland erfasste, stiegen die Bevölkerungszahlen an: Neuenburg zählte 1850 nur 7700 Einwohner, La Chaux-de-Fonds jedoch 12'600 und Le Locle 7500. Schweizweit hatten damals nur acht Städte über 10'000 Einwohner. Anfang des 19. Jahrhunderts beschleunigte sich demnach die demografische Erneuerung (Zuwachs, Öffnung). Sie führte zu einer Urbanisierung, die den demografischen und wirtschaftlichen Schwerpunkt in die Montagnes verlegte. Dieser Prozess leitete einen sozialen Wandel mit schwerwiegenden politischen Konsequenzen ein.

Wirtschaft und Gesellschaft

Mittelalter

Da die wichtigsten Verkehrswege der Schweiz das neuenburgische Gebiet nicht durchquerten, blieb dieses von den Wirtschaftszentren abgeschnitten. Einzig auf dem Seeweg liessen sich Güter wie Steine aus Hauterive in die Städte des Mittellands transportieren, während sich der regionale Handel mit der Freigrafschaft, besonders die Einfuhr von Salz aus Salins, über das Val-de-Travers, die sogenannte Route de France, abwickelte.

Die Pest von 1349 beendete wohl vorerst den Ausbau der selbstversorgenden Landwirtschaft. Magerer Boden und klimatische Schwankungen schmälerten die Erträge, sodass oft Getreidemangel herrschte. In den Viehzuchtgebieten bedurfte es für den Unterhalt kleinerer Herden grosser Weideflächen. Der Zehnt und die Grundzinsen, die je nach Region und Status der abgabepflichtigen Personen unterschiedlich ausfielen, belasteten die kleinen Landbesitzer. Die Feudalherren, deren Einkünfte mehrheitlich aus der Landwirtschaft stammten, liessen auch Reben anbauen und gaben den Bauern ein Drittel der Traubenernte ab. Während des gesamten Mittelalters nahm der Weinbau stetig zu und stellte am Seeufer eine bedeutende Einnahmequelle dar. In den höher gelegenen Gebieten wurde durch Rodungen zusätzlicher Boden für die Viehwirtschaft und den Haferanbau gewonnen.

Die handwerklichen Tätigkeiten blieben marginal. Einzig die Eisenverhüttung ab 1396, vor allem in Saint-Sulpice, aber auch im übrigen Val-de-Travers, war rentabel. Sie lieferte den Rohstoff zur Herstellung von Landwirtschaftsgeräten. Im 16. Jahrhundert ging sie aber zurück und im 18. Jahrhundert verschwand sie ganz. Dagegen entstanden an den Wasserläufen ab dem 15. Jahrhundert Mühlen, die von einem überregional bedeutenden Handwerk zeugen, so hauptsächlich in Serrières, wo auch eine Papiermühle betrieben wurde.

Ungenügende Agrarproduktivität bis 1848

Die Landwirtschaft war bis Mitte des 18. Jahrhunderts der dominierende Wirtschaftssektor. Gegen 1848 beschäftigte sie noch ein Drittel der Erwerbstätigen, aber ihre Produktion konnte die Nachfrage einer stetig wachsenden Bevölkerung nicht mehr befriedigen. Zudem unterlagen die Agrarpreise grossen Schwankungen als Folge schwieriger klimatischer Bedingungen und politischer Krisen. Dank den neuen, von den Physiokraten verbreiteten Bewirtschaftungsmethoden (Aufhebung der Brache, Abschaffung des Trattrechts), die allerdings nur langsam Fuss fassten, verbesserten sich die Erträge im Laufe des 18. Jahrhunderts. Die 1791 gegründete gemeinnützige Gesellschaft Société d'émulation patriotique veröffentlichte Schriften über landwirtschaftliche Reformen und förderte die Versuche von Pionieren der Agrarmodernisierung wie Jean-Charles-Albert de Büren, Frédéric-Auguste de Montmollin und David-Guillaume Huguenin. Trotz deutlicher Fortschritte in der Landwirtschaft musste Neuenburg Nahrungsmittel vor allem aus Frankreich und Süddeutschland importieren. Auch der Wald vermochte die regionalen Bedürfnisse nicht zu decken und litt unter Übernutzung, da der Betrieb von Kalköfen und Köhlereien, die Zeugdruck-Manufakturen, das Baugewerbe und die Uhrmacherwerkstätten grosse Mengen Holz verschlangen. Die Bauernhäuser wurden im 18. Jahrhundert um Räume erweitert, die der Uhrmacherei oder Spitzenklöppelei dienten.

In der Seeregion blieb der Weinbau der wichtigste Erwerbszweig. Anfang des 19. Jahrhunderts erstreckten sich die Reben auf über 1200 ha, was der doppelten Anbaufläche von 2006 entsprach. Vom Mittelalter an verdrängte der Weinbau den Ackerbau, obwohl dies die Obrigkeit wegen des Getreidemangels nicht gerne sah. Die meisten Rebberge gehörten kleineren Winzern, doch besassen einige Bürger von Neuenburg umfangreiche Domänen. Gekeltert wurde fast ausschliesslich Weisswein (Chasselas) von meist geringer Qualität. Der Weinpreis gab wiederholt Anlass zu Streitereien zwischen den Winzern und den Bewohnern der Montagnes, die den Wein lieber aus Frankreich importierten. Erst in der 1. Hälfte des 19. Jahrhunderts wurde ein Teil der Trauben zu Sekt verarbeitet, der sich leichter nach Preussen verkaufen liess. 1811 entstand mit der Firma Bouvier Frères (heute Caves Chatenay-Bouvier) der erste Sektproduzent, die Firma Mauler in Môtiers wurde 1829 gegründet.

Der Aufstieg der Protoindustrie ab 1750

Die Indiennemanufaktur Les Iles in Boudry. Lavierte Zeichnung von Jean-Pierre Preud'homme, um 1785 (Musée d'art et d'histoire Neuchâtel).
Die Indiennemanufaktur Les Iles in Boudry. Lavierte Zeichnung von Jean-Pierre Preud'homme, um 1785 (Musée d'art et d'histoire Neuchâtel). […]

Trotz schwerer Krisen erlebten die exportorientierten Manufakturen der Spitzenklöppelei, Indiennedruckerei und Uhrenindustrie 1750-1848 einen Aufschwung. Die Uhrmacherei verdrängte die Textilindustrie schrittweise und setzte sich als bestimmender Industriezweig im Fürstentum durch. Die Protoindustrialisierung beruhte auf einer vorwiegend handwerklichen Arbeitsorganisation. Die ersten Uhrenfabriken kamen zum Beispiel erst in der 2. Hälfte des 19. Jahrhunderts auf. Mit Ausnahme der Uhrenrohwerk-Herstellung und einigen Zeugdruckereien wurde in Heimarbeit produziert, die nach dem Verlagssystem organisiert war. Einzig die Fabrique-Neuve de Cortaillod (1752-1854) und die Uhrenrohwerk-Fabrik von Fontainemelon (gegründet 1793, heute Eta SA) beschäftigten eine nennenswerte Zahl an Arbeitern. Vor der Eröffnung dieser Fabriken förderte Neuenburg geringe Rohstoffmengen, nämlich Eisen und Asphalt in den Minen des Val-de-Travers, und nutzte mit Mühlen intensiv die Wasserkraft. Der Übergang zur protoindustriellen Produktion wurde dank dem Know-how der Eisenhüttenarbeiter und der Schmiede möglich. Die protestantische Ethik und die zweite Flüchtlingswelle der Hugenotten, die neue Kenntnisse nach Neuenburg brachten, trugen zur weiteren industriellen Entwicklung bei. Zudem war das Fürstentum dem Wirtschaftsliberalismus verpflichtet und förderte die Ansiedlung von Gewerben, die sich andernorts wegen des Konkurrenzschutzes nicht niederlassen durften. Juristische Personen wurden kaum besteuert.

So gewann der Handelsplatz Neuenburg an Attraktivität für ausländische Investoren, zumal er der preussischen Krone unterstand. Ohne eine Interventionspolitik zu betreiben, gelang es dem Staatsrat, Handel und Industrie anzukurbeln und damit den Lebensstandard der Bevölkerung zu erhöhen. Händler und Bankiers wie die Pourtalès, vor allem Jacques-Louis, David de Pury in Lissabon sowie Jean-Frédéric Perregaux und Denis de Rougemont in Paris machten sich international einen Namen.

Die im 17. Jahrhundert aufkommende Spitzenherstellung beschäftigte zahlreiche Frauen auf den Bauernhöfen in den Montagnes. Sie arbeiteten für Verleger, die ihnen den Rohstoff beschafften und das Endprodukt auf den europäischen Märkten vertrieben. Mangels Mechanisierung und unter dem Konkurrenzdruck der Uhrmacherei verschwand die Spitzenklöppelei ab den 1820er Jahren allmählich.

Hugenottische Unternehmer wie Jean-Jacques Deluze brachten die Zeugdruckerei in der 1. Hälfte des 18. Jahrhunderts von Genf, einem Zentrum der Indienneherstellung, in die Seeregion Neuenburgs. Mehrere Manufakturen im Gebiet der Areuse produzierten für international tätige, in Neuenburg ansässige Handelshäuser, deren Reichtum auch der Stadt zugute kam. Doch ereilte die Zeugdruckerei, die Neuenburg zu weltweiter Bekanntheit verholfen hatte, dasselbe Schicksal wie die Spitzenklöppelei.

Neuenburger Pendule, deren Uhrwerk von den Gebrüdern Gevril aus La Chaux-de-Fonds signiert ist, um 1750 (Musée international d'horlogerie, La Chaux-de-Fonds)
Neuenburger Pendule, deren Uhrwerk von den Gebrüdern Gevril aus La Chaux-de-Fonds signiert ist, um 1750 (Musée international d'horlogerie, La Chaux-de-Fonds) […]
Neuenburger Musikpendule aus der Mitte des 18. Jahrhunderts, deren Zifferblatt und Werkplatte die Unterschrift des Uhrmachers Pierre Jaquet-Droz aus La Chaux-de-Fonds tragen, während das Gehäuse aus der Hand des Pariser Kunsthandwerkers Antoine Foullet stammt (Musée international d'horlogerie, La Chaux-de-Fonds).
Neuenburger Musikpendule aus der Mitte des 18. Jahrhunderts, deren Zifferblatt und Werkplatte die Unterschrift des Uhrmachers Pierre Jaquet-Droz aus La Chaux-de-Fonds tragen, während das Gehäuse aus der Hand des Pariser Kunsthandwerkers Antoine Foullet stammt (Musée international d'horlogerie, La Chaux-de-Fonds). […]

Nur die Uhrmacherei, die in den Montagnes ab dem 17. Jahrhundert praktiziert wurde und wie die Spitzenklöppelei im Verlagssystem organisiert war, überlebte die diversen Industriekrisen. Die extreme Arbeitsteilung erlaubte es den Verlegern, Einzelteile für die Herstellung von Pendulen und anderen Uhren günstig zu kaufen. Obschon zahlreiche Bauern von dieser Beschäftigungsmöglichkeit profitierten, wurde ihre Rolle oft überschätzt. Sehr rasch wandelte sich die Uhrenherstellung zu einer technisch ausserordentlich anspruchsvollen Arbeit. Erste städtische Ateliers entstanden in Le Locle und La Chaux-de-Fonds. Um berühmte Uhrmacher wie Pierre und Henri-Louis Jaquet-Droz, Ferdinand Berthoud, Jacques-Frédéric Houriet sowie Abraham-Louis Breguet entwickelte sich eine Industrie, die das wirtschaftliche Leben des Kantons nachhaltig prägen sollte. Vom 18. Jahrhundert an waren Neuenburger Uhren in allen Erdteilen zu finden. Die Uhrenindustrie verhalf den Städten in den Montagnes zu Wohlstand und machte die Bevölkerung für neues Gedankengut empfänglich.

Religion und Kultur

Kirchliches und religiöses Leben

Im Mittelalter war das neuenburgische Gebiet Teil der Diözese Lausanne (Dekanate Neuenburg und Solothurn), ausser Les Verrières und die letzte vor der Reformation geschaffene Pfarrei, Les Brenets, die zur Diözese Besançon gehörten. Von den 19 vorreformatorischen Pfarreien des Landes sind 15 vor dem 13. Jahrhundert bezeugt. Zum Priorat Bevaix, dessen Gründungsurkunde 998 als erstes Dokument der lokalen Kirchengeschichte gilt, gesellten sich die zwei Benediktinerpriorate Môtiers (gegründet 6.-7. Jh., belegt 1107) und Corcelles (gegründet 1092, Cluny angegliedert) sowie die 1143 erstmals erwähnte Prämonstratenserabtei Fontaine-André. 1185 ist ein Chorherrenstift in Neuenburg belegt; der Bau der Stiftskirche war kurz zuvor in Angriff genommen worden. Ab 1505 bestand eine Stiftskirche und ein Kapitel in Valangin.

Die schwache Stellung der Grafen nach der Besetzung Neuenburgs durch die eidgenössischen Orte 1512-1529, die Abwesenheit und Nachlässigkeit von Johanna von Hochberg sowie die Emanzipation der Bürger von Neuenburg und ihr Burgrechtsvertrag mit Bern bereiteten den Boden für die Reformation. Der von Bern gesandte Reformator Guillaume Farel hielt sich ab 1529 zeitweise in der Stadt Neuenburg und in der Herrschaft Valangin auf. Seine Predigertätigkeit und die Verwüstung der Stiftskirche während eines Volksaufstands am 23. Oktober 1530 lösten eine Bewegung aus, die am 4. November zum Entscheid (dem sog. Plus) einer knappen Mehrheit der Neuenburger Bürger führte, die Messe abzuschaffen.

Porträt von Guillaume Farel vor einer Ansicht der Stadt Neuenburg mit dem Neuenburgersee. Öl auf Leinwand, 1590 (Bibliothèque publique et universitaire de Neuchâtel).
Porträt von Guillaume Farel vor einer Ansicht der Stadt Neuenburg mit dem Neuenburgersee. Öl auf Leinwand, 1590 (Bibliothèque publique et universitaire de Neuchâtel). […]

Während die Reformation in der Seeregion rasch Anhänger fand, verbreitete sie sich im Val-de-Travers und in der Herrschaft Valangin nur langsam. Guillemette de Vergy, die den Regenten, ihren Enkel René de Challant, in Valangin vertrat, wies den neuen Glauben zunächst entschieden zurück. Erst 1536 gab sie aus Sorge um ihre Besitztümer in der Waadt nach, die von der Eroberung durch Bern bedroht waren. Cressier und Le Landeron (mit Lignières) im Osten des Landes verblieben als einzige Pfarreien dank dem Burgrechtsvertrag zwischen Le Landeron und Solothurn und dem Einfluss der mächtigen Familie Vallier beim katholischen Glauben. Neuenburg wurde zum Propagandazentrum für die französischsprachigen Gebiete: Der Drucker Pierre de Vingle edierte verschiedene Pamphlete, unter anderen 1533 Le Livre des marchans, 1534 die Traktate gegen die Messe von Antoine Marcourt und vor allem die Olivétan-Bibel von 1535, die erste Bibel der Reformierten in französischer Sprache.

1538 publizierte der Stadtrat das Sittenmandat Articles servans à la réformation des vices. Mittels Ordnungen versuchten die Pfarrer 1541 ihrerseits, sich als oberste Disziplinierungsinstanz zu behaupten. 1542 nahmen die Magistraten diese Ordnungen wieder auf und passten sie in ihrem Sinn an. In Neuenburg, Môtiers, später in den Lehensherrschaften Gorgier und Travers entstanden mit weltlichen Mitgliedern besetzte Ehe- und Sittengerichte, die über die Vorrechte eines Gerichtshofs verfügten. 1539 schuf René de Challant sein eigenes Sittengericht in Valangin. An der Synode von 1562 gestand der Graf von Neuenburg den Pfarrern in den Kirchgemeinden die Schaffung von Sittengerichten zu, die aber nur rügen durften. Auf Druck der Bürger wurde dem städtischen Sittengericht das Recht zu strafen entzogen. Unter dem Einfluss Jean-Frédéric Ostervalds festigte das Ende der 1530er Jahre gegründete Pfarrkapitel im 17. Jahrhundert seine Macht. Der international bekannte Theologe Ostervald wird auch zweiter Reformator von Neuenburg genannt.

Mit den Articles généraux von 1707 sicherte das preussische Regime dem Kapitel erneut alle seine Vorrechte zu, trug aber nichts zur Klärung der Beziehungen zwischen Kirche und Staat bei. Nach dem Tod Ostervalds, der versucht hatte, die Neuenburger Kirche einer zeitgemässeren Theologie und Pastoraltätigkeit anzupassen, kapselte sich das Kapitel von anderen staatlichen Organen und den Gläubigen ab. Als Hüter der Traditionen und unnachgiebig in Sittenfragen verteidigte es die öffentliche Busse, die jedoch 1755 nach einer königlichen Intervention verboten wurde. Seine Kompromisslosigkeit gegenüber dem Pfarrer Ferdinand-Olivier Petitpierre, den es wegen Uneinigkeit in der 1760 diskutierten Frage, ob Höllenstrafen ewig dauerten, zum Exil zwang, und gegenüber Jean-Jacques Rousseau, den es 1765 exkommunizierte und aus Môtiers vertreiben half, erregte sogar im Ausland Anstoss. Der Rationalismus der Aufklärung setzte der Organisation zu. Der Toleranzgedanke, den die neue Geistesströmung mit sich brachte, zwang das Kapitel während der Restauration, die Kultusfreiheit für Katholiken und die Aktivitäten angelsächsischer Methodisten zuzulassen. Gleichzeitig sympathisierten einige dem Kapitel angehörende und meist im Ausland ausgebildete Pfarrer mit der Erweckungsbewegung, was ihnen Disziplinarmassnahmen eintrug. Mit der allmählichen Öffnung des Kapitels durchliefen sie jedoch eine brillante Karriere, so Abram-François Pettavel, der Professor an der ersten Akademie wurde, oder James DuPasquier als letzter Dekan des Kapitels. Die Revolution von 1848 schaffte das Kapitel und die disziplinierenden Institutionen der Neuenburger Kirche faktisch ab.

Trotz der Kontrolle der Kirche über die Gesellschaft bildeten sich nach der Reformation erste Splitterbewegungen. Mitte des 16. Jahrhunderts wurden die Täufer aus dem neuenburgischen Gebiet vertrieben. 1707 liessen sich verfolgte Berner Täufer in den Montagnes und im Val-de-Ruz nieder. Da die preussischen Herrscher in Religionsfragen relativ tolerant waren, gründeten die Herrnhuter in der 2. Hälfte des 18. Jahrhunderts ein Institut für Mädchen in Montmirail (Gemeinde La Tène).

Unter Berthier wurde der katholische Kultus schrittweise wieder eingeführt, zuerst in der Stadt Neuenburg, dann im übrigen Gebiet, sodass 1806 erstmals seit der Reformation in der Stiftskirche wieder eine Messe gelesen wurde. Die Hospitaliterinnen aus Besançon, die im ersten modernen, von Jacques-Louis de Pourtalès gegründeten Spital die Kranken pflegten, erhielten 1811 eine Kapelle. In der Restaurationszeit verordnete der preussische König Religionsfreiheit "unabhängig von ihrem Wohnsitz" für Reformierte und Katholiken. 1828 ersetzte die Kapelle La Maladière die Spitalkirche; sie war das erste nach der Reformation gebaute katholische Gotteshaus und wurde später Pfarrkirche.

Bildung und Kultur

In Neuenburg bestanden einigen wenigen Quellen zufolge bereits im Spätmittelalter Elementarschulen. Aber erst mit der Reformation wurde in Ansätzen ein umfassendes Schulwesen aufgebaut. Die Schulen entwickelten sich unter Oberaufsicht der Kirche in den Bürgergemeinden und Dorfgenossenschaften, zuerst in der Seeregion und den mittleren Tälern, im 17. Jahrhundert auch in den Montagnes. Ab dem 16. Jahrhundert bereitete eine Lateinschule in der Stadt Neuenburg Schüler auf höhere Studien vor. Erste akademische Unterrichtsformen entstanden im 18. Jahrhundert. 1731 besetzte Louis Bourguet den ersten Lehrstuhl für Philosophie und Mathematik, 1737 wurde ein Lehrstuhl für Literatur geschaffen. Der Unterricht fand aber noch unregelmässig statt. Die Neuenburger Studenten schlossen deshalb ihr Studium an Schweizer Akademien und Universitäten (Lausanne, Genf, Basel und Zürich) ab, einige studierten auch im Ausland.

Bis Ende des 17. Jahrhunderts bestimmte die Kirche das gesellschaftliche und kulturelle Leben. Die Lektüre der Neuenburger beschränkte sich grösstenteils auf Gebrauchs- und Andachtsbücher. Das Nützlichkeitsdenken und der Konservatismus der staatlichen und geistlichen Obrigkeit behinderten die Entfaltung von Wissenschaft und Kunst. Erweiterte Handelsbeziehungen und die Entstehung erster Medien begünstigten zu Beginn des 18. Jahrhunderts die Öffnung der Gesellschaft und deren Bereitschaft, neues Gedankengut aufzunehmen. Dank kleiner privater Lesezirkel, deren Mitglieder sich ein Abonnement teilten, setzte sich die Zeitungslektüre nach und nach im ganzen Gebiet durch. 1732 wurde in Neuenburg der Mercure suisse gegründet, der sich der Geistesbildung verschrieb und das Interesse seiner Leser an Literatur und Wissenschaft wecken wollte. Er diente Gelehrten wie Laurent Garcin und Jean-Antoine d'Ivernois als Plattform. Diese sammelten sich um Louis Bourguet, dessen Studien den Weg für die Geologie, Paläontologie und Botanik bereiteten. Rousseau, der sich 1762-1765 in Môtiers aufhielt, machte die Botanik mit seinen Pflanzensammlungen zusätzlich populär.

In den 1750er Jahren gewann der Kunst- und Wissenschaftsbetrieb an Boden. Angeregt durch die neusten Geistesströmungen aus Frankreich, entdeckten die Eliten die Verfeinerung der Sitten und die Annehmlichkeit der Künste. Musik und Gesellschaftstheater kamen auf. 1754 wurde in der Stadt Neuenburg eine Musikakademie gegründet und 1769 ein Musiksaal erbaut, der auch als Ball- und Theatersaal diente. In den 1770er Jahren bestand in La Chaux-de-Fonds ebenfalls eine Musikakademie. Die Innendekoration eleganter Villen förderte das Kunstschaffen, vor allem die Miniatur- und Familienporträtmalerei, deren bedeutendster Vertreter Jean-Pierre Preudhomme war. Dank Henri Courvoisier-Voisin und den Söhnen Alexandre, Abraham und Abram-Louis des Buchhändlers Samuel Girardet von Le Locle erlebte der Kupferstich eine Blütezeit. Die begabtesten Künstler machten aber im Ausland Karriere, so der in Italien tätige Kunstmaler Léopold Robert.

Erster Band der Descriptions des Arts et Métiers von Jean Elie Bertrand, 1771 herausgegeben von der Société typographique de Neuchâtel (Bibliothèque publique et universitaire de Neuchâtel).
Erster Band der Descriptions des Arts et Métiers von Jean Elie Bertrand, 1771 herausgegeben von der Société typographique de Neuchâtel (Bibliothèque publique et universitaire de Neuchâtel). […]

Früh erreichten die Ideen der Aufklärung das Fürstentum Neuenburg. Sie verbreiteten sich in kleinen, antiklerikal gesinnten und Freidenkern nahestehenden Zirkeln um Pierre-Alexandre DuPeyrou, Jean-Jacques Rousseau oder Isabelle de Charrière. Ab den 1770er Jahren beteiligten sich Neuenburger Drucker – Samuel Fauche und die Société typographique de Neuchâtel – an der Verbreitung aufklärerischen Gedankenguts, indem sie sich auf den Nachdruck und den Vertrieb enzyklopädischer und philosophischer Literatur spezialisierten.

Der Gemeinsinn und die philanthropische Gesinnung der Spätaufklärung waren die Voraussetzungen zur Gründung gemeinnütziger Gesellschaften (Société d'émulation patriotique, Société du jeudi), die sich der Verbreitung von zuverlässigem und anwendbarem Wissen verschrieben. Die Errichtung einer ersten öffentlichen Bibliothek 1788 in Neuenburg, die den Studenten und Forschern Studienbücher zur Verfügung stellte, ist ein Ausdruck dieser Geisteshaltung. 1838 zog die Bibliothek ins 1835 eingeweihte Collège latin um und rückte damit näher zu den Schülern. Im selben Gebäude, das eigentlich als "Kulturpalast" zur Bewahrung des städtischen Erbes entworfen wurde, befanden sich ferner das naturwissenschaftliche Kabinett, die ethnografischen Sammlungen, aus denen das Musée d'ethnographie hervorging, und eine Gemäldegalerie. Die später ebenfalls in Gymnasien gegründeten Bibliotheken von Le Locle (1830) und La Chaux-de-Fonds (1838) blieben im Wesentlichen der Jugend vorbehalten.

Das Kunst-, Musik- und Theaterleben gewann in den 1830er Jahren an Bedeutung. 1832 wurde in Neuenburg, 1833 in La Chaux-de-Fonds eine Musikgesellschaft gegründet. La Chaux-de-Fonds baute 1837 ein Theater im italienischen Stil, in dem Konzerte und Bälle veranstaltet und Stücke aufgeführt wurden. 1842 rief Maximilien de Meuron in Neuenburg zur Förderung der Künste die Gesellschaft der Kunstfreunde ins Leben. Zwischen 1832 und 1838 erlangte die wissenschaftliche Tätigkeit in Neuenburg ihren vorläufigen Höhepunkt: 1832 wurde die Naturwissenschaftliche Gesellschaft und 1838 die erste Akademie gegründet, beide brachten Forschung und Lehre voran. Louis Agassiz' Arbeiten über Glaziologie und über Fischfossilien, die in Hercule Nicolets Werkstatt lithografiert wurden, verschafften den Naturwissenschaften einen internationalen Ruf. Der Naturforscher Edouard Desor, der Geograf Arnold Guyot, der Archäologe Frédéric DuBois de Montperreux, der Bryologe (Mooskundler) Léo Lesquereux und der Jurist Georges-Auguste Matile trugen bis zur Schliessung der Akademie 1848 zur wissenschaftlichen Blüte bei. Mehrere dieser Forscher setzten ihre Laufbahn in den Vereinigten Staaten fort.

Der Staat von 1848 bis zur Gegenwart

Verfassungsentwicklung und politische Geschichte

Die Grundlagen der Republik

Von den Revolutionen, die 1848 in Europa ausbrachen, setzte sich nur jene in Neuenburg langfristig durch. Die junge Republik von 1848 schuf trotz ihres schwachen Fundaments zügig beständige Institutionen. Unmittelbar nach der Revolution entband der Fürst seine Untertanen von der Eidespflicht, verzichtete aber nicht auf seine Rechte über das Fürstentum, weshalb seine Anhänger, die Royalistes, keinen entschiedenen Widerstand gegen das neue Regime leisteten. Deren Gegenspieler, die Républicains, handelten schnell, ohne den Royalistes übermässigen Schaden zuzufügen. Da die neuen Behörden zudem unter dem Schutz der Eidgenossenschaft standen, machten sie sich in relativer Ruhe an die Konsolidierung und Weiterentwicklung ihrer Republik. Dennoch handelte es sich um eine echte Revolution, die ohne Blutvergiessen die bestehende Ordnung umstürzte und das Ancien Régime beseitigte. Auch wenn nicht alle Républicains mit den zum Teil als überhastet erachteten Vorgehensweisen einverstanden waren, teilten sie die demokratischen Ideale und den Willen zur Modernisierung des Landes.

Bürgerfeier vom 7. Mai 1848 in La Chaux-de-Fonds anlässlich der Annahme der ersten Verfassung der Republik Neuenburg. Lithografie nach einer Skizze von L. Droz (Musée d'histoire La Chaux-de-Fonds).
Bürgerfeier vom 7. Mai 1848 in La Chaux-de-Fonds anlässlich der Annahme der ersten Verfassung der Republik Neuenburg. Lithografie nach einer Skizze von L. Droz (Musée d'histoire La Chaux-de-Fonds). […]

Den Anstoss zur revolutionären Bewegung in Neuenburg gab der Fall der Julimonarchie in Frankreich. Am 26. Februar erreichte die Nachricht vom Pariser Aufstand die Montagnes. Drei Tage später brachten die Républicains Le Locle unter ihre Kontrolle. Am selben Tag obsiegten die Revolutionäre in La Chaux-de-Fonds und im Val-de-Travers. Am 1. März zogen die von Fritz Courvoisier und Ami Girard angeführten republikanischen Milizen in die Stadt Neuenburg, wo sie das Schloss einnahmen.

Die von den eidgenössischen Truppen unter dem Kommando von Oberst Louis Denzler unterstützten Républicains eroberten das Schloss Neuenburg am 4. September 1856 von den aufständischen Royalistes zurück. Lavierte Federzeichnung von Heinrich Jenny (Schweizerische Nationalbibliothek, Bern).
Die von den eidgenössischen Truppen unter dem Kommando von Oberst Louis Denzler unterstützten Républicains eroberten das Schloss Neuenburg am 4. September 1856 von den aufständischen Royalistes zurück. Lavierte Federzeichnung von Heinrich Jenny (Schweizerische Nationalbibliothek, Bern). […]

Es wurde eine zehnköpfige provisorische Regierung gebildet, welche die ersten Beschlüsse fasste und einen Verfassungsrat einberief. Dessen Vorsitz übernahm Alexis-Marie Piaget, der als eigentlicher Gründer der neuen Institutionen hervortrat. Kontrolliert wurde das Land mittels der Verwaltungskomitees, die in jeder Gemeinde die Wahlen organisierten. Die in kürzester Zeit erarbeitete Verfassung von 1848 wurde mit einer leichten Mehrheit von 5813 zu 4395 Stimmen angenommen. An der Abstimmung, welche die Royalistes boykottierten, beteiligten sich nur gebürtige Neuenburger. In derselben Abstimmung hiess die Wählerschaft die nahtlose Überführung des Verfassungsrats in den ersten Grossrat gut. Ein neu gebildeter, siebenköpfiger Staatsrat widmete sich umgehend der Gesetzgebung. Die Royalistes hielten an der Wiederherstellung des Ancien Régime fest und wagten am 3. September 1856 den bewaffneten Aufstand. Doch mit Hilfe der vom Bundesrat entsandten Truppen brachten die Républicains die Lage rasch unter Kontrolle. In der Folge wandelte sich der Neuenburgerhandel zu einem europäischen Konflikt. Der preussische König Friedrich Wilhelm IV. drohte mit dem Einmarsch in die Schweiz, die ihrerseits Truppen mobilisierte. Dank der Vermittlung der Grossmächte wurde der Konflikt am 26. Mai 1857 mit dem Vertrag von Paris beigelegt. Darin verzichtete der preussische König auf Neuenburg, während als Gegenleistung den Aufständischen Amnestie gewährt wurde.

Die Verfassung von 1848

Die eidgenössische Tagsatzung garantierte die Verfassung, die festhielt, dass der Kanton Neuenburg "ein demokratisches Staatswesen und ein Stand der schweizerischen Eidgenossenschaft" sei. Der Kanton gliederte sich in die sechs von Präfekten geleiteten Verwaltungs- und Gerichtsbezirke Neuenburg, Boudry, Val-de-Travers, Val-de-Ruz, Le Locle und La Chaux-de-Fonds. Die Verfassung gewährleistete die Volkssouveränität, die Gleichheit der Bürger vor dem Gesetz und sämtliche Grundrechte wie etwa die Presse- und Vereinsfreiheit oder die Niederlassungs- und Gewerbefreiheit, führte die Gewaltentrennung ein und verbot die Schaffung von Sondergerichten. Die Verfassung verpflichtete die Bürger aber auch, eine nach ihrem Vermögen und Einkommen bemessene Steuer zu entrichten. Die alten Abgaben hingegen wurden aufgehoben oder abgelöst. Allerdings blieb das Ehrschatzgesetz von 1842 (code des lods) bis 1991 in Kraft.

Die Volkssouveränität wurde über die drei Gewalten ausgeübt. Der Grossrat als gesetzgebende Versammlung wird jeweils für vier Jahre gewählt. Der von der Legislative gewählte Staatsrat leitete die Verwaltung, veröffentlichte Gesetze, sorgte für deren Vollzug, vertrat die Staatsgewalt und war für die Beziehungen mit dem Bund zuständig. Als republikanisches Element initiierte er die meisten Reformen. Die Gerichtsorganisation entwickelte sich schrittweise, mit der Einführung von Friedensrichtern, erstinstanzlichen Gerichten und einem Appellationsgericht. 1899 kam ein Arbeitsgericht hinzu.

Die Autonomie der Gemeinden wurde durch die Verfassung stark eingeschränkt, indem sie alle auf Gewohnheitsrecht basierenden Privilegien und Freiheiten aufhob. Zu den Verlierern der Revolution gehörten vor allem die Bürgergemeinden und einige Einwohnergemeinden, aber auch die Kirche. Das Pfarrkapitel wurde 1849 aufgelöst, die Zivilehe für obligatorisch erklärt und das Kirchenwesen der Regierung unterstellt. Die Kirchengüter gelangten an den Staat, der von nun an die Pfarrer entlöhnte.

In den ersten zehn Jahren nach der Revolution entstanden zahlreiche Gesetze zur Modernisierung des Staatsapparats, die unter anderem die Errichtung eines Steuersystems, die Verbesserung des Schulwesens, die Gründung einer Kantonalbank (1854), die Ausarbeitung eines Zivilgesetz- (1853-1855) und eines Strafgesetzbuchs (1854) sowie den Eisenbahnbau anstiessen. All diese Reformen verliefen nicht ohne Spannungen und Schwierigkeiten. So wurde den Behörden trotz der Verabschiedung fortschrittlicher Gesetze über die Arbeitslosigkeit und das Hypothekarwesen vorgeworfen, sie seien zu wenig sozial.

Verfassungsrevisionen

Plakat gegen die Einführung des Frauenstimmrechts im Kanton Neuenburg, 1919 (Bibliothèque de la Ville de La Chaux-de-Fonds, CFV ICO Af-D-567).
Plakat gegen die Einführung des Frauenstimmrechts im Kanton Neuenburg, 1919 (Bibliothèque de la Ville de La Chaux-de-Fonds, CFV ICO Af-D-567).
Flugblatt für die Einführung des Frauenstimmrechts auf kantonaler Ebene vom März 1948 (Bibliothèque de la Ville de La Chaux-de-Fonds, CFV POL 1948 2-2).
Flugblatt für die Einführung des Frauenstimmrechts auf kantonaler Ebene vom März 1948 (Bibliothèque de la Ville de La Chaux-de-Fonds, CFV POL 1948 2-2). […]

Die Verfassung von 1848 schuf eine Basis, die nie grundlegend in Frage gestellt wurde, aber diverse Teil- und zwei Totalrevisionen erfuhr. Nachdem zwei Revisionsversuche an den Bestimmungen zur Einschränkung der Gemeindeautonomie gescheitert waren, brachte die Verfassungsänderung vom 21. November 1858 vor allem eine Reform des Grossrats, den obligatorischen und kostenlosen Primarschulunterricht sowie die Umgestaltung der Kirchenorganisation. Ferner wurden die staatsbürgerlichen Rechte mit der Einführung des obligatorischen Finanzreferendums und der Verfassungsinitiative (3000 gültige Unterschriften) erweitert. Zwischen 1858 und 2000 folgten 34 Verfassungsänderungen, wobei die meisten die Volksrechte betrafen: 1873 beispielsweise erhielten Schweizer mit Wohnsitz im Kanton Neuenburg ab dem 20. Altersjahr bereits drei Monate und nicht mehr erst zwei Jahre nach Hinterlegung ihrer Papiere das Stimmrecht. 1879 kam das Referendumsrecht (3000 gültige Unterschriften), 1882 die Gesetzesinitiative dazu. Seit 1906 wählt das Stimmvolk den Staatsrat. 1959 nahm Neuenburg als zweiter Kanton nach der Waadt das kantonale Frauenstimmrecht an. 1978 wurde das Stimmrechtsalter auf 18 Jahre gesenkt.

Die letzte Totalrevision von 2000 brachte einerseits eine Harmonisierung des Textes mit anderen Kantonsverfassungen und der Bundesverfassung von 1999, andererseits eine Modernisierung und Klärung der verfassungsrechtlichen Grundlage der Republik. In der Präambel wurden einige republikanische Grundsätze bestätigt und erneuert. Am 24. September 2000 wurde die vom Grossrat ausgearbeitete neue Verfassung mit einer deutlichen Mehrheit von 30'513 zu 9327 Stimmen angenommen. Artikel 1 besagt, dass die Republik Neuenburg sich als demokratisches, laizistisches und soziales Staatswesen versteht und die Grundrechte achtet. Der Text präzisiert die Aufgaben von Staat und Gemeinden. Neu verankert wurde ein bis anhin vernachlässigter gesellschaftlicher Aspekt, nämlich der Grundsatz, wonach ein jeder frei ist, eine andere Form des Zusammenlebens als diejenige der Ehe zu wählen. Auf diesen Artikel stützte sich insbesondere das Gesetz von 2004 über die eingetragene Partnerschaft für hetero- und homosexuelle Paare. Die Verfassung von 2000 will auch die Bürgernähe fördern. Sie vereinfachte das Einbürgerungsverfahren, für das nur noch der Staatsrat zuständig ist, führte die Volksmotion ein, eine einfache Form der Initiative, welche die Stimmberechtigten an den Grossrat richten können, und ermöglichte die Einsichtnahme in amtliche Dokumente. Überdies gewährte sie Ausländern, die eine Niederlassungsbewilligung besitzen und seit fünf Jahren im Kanton Neuenburg wohnen, das kantonale Stimm- und Wahlrecht.

Politische Geschichte 1848-1914

Die Républicains von 1848 schlossen sich in der Association patriotique zusammen. Die Bezeichnung "radikal" wurde erstmals 1858 bei deren Umbenennung in Association radicale neuchâteloise verwendet. Obwohl die Radikalen anfänglich keine eigentliche Partei bildeten, dominierten sie in der 2. Hälfte des 19. Jahrhunderts das polit. Leben in Neuenburg. Trotz aller Gegensätze einten die Républicains die Verbundenheit mit der Schweiz, der Hang zum Laizismus sowie der Wille zur Modernisierung des Landes mittels Bereitstellung von Infrastruktur und der Schaffung günstiger rechtlicher Rahmenbedingungen für die Industrie. Die sich formierenden Radikalen rekrutierten ihre Anhänger aus dem Mittelstand, den Uhrenfabrikanten, Lehrern und Beamten. Sie duldeten keine Konkurrenz und stimmten dem Proporzsystem, dem Initiativrecht und der Direktwahl des Staatsrats durch das Volk erst spät zu. Sie teilten die Macht nur bedingt mit den Konservativen – ehemaligen Royalistes und gemässigten Republikanern – und zwar erst, als die Linke im Grossrat und bei den eidgenössischen Wahlen zugelegt hatte. Doch Ende des 19. Jahrhunderts kamen die Radikalen, die sich in allen drei Gewalten eine Monopolstellung verschafft hatten, in Bedrängnis. Die 1873 von den Konservativen gegründete Association démocratique libérale sprach sich für mehr Gemeindeautonomie und mehr Föderalismus auf nationaler Ebene aus. Diese sogenannte grüne Partei – Rot war die Farbe der Radikalen – stellte sich auch gegen direkte Steuern. Sie war eher im unteren Kantonsteil verankert und fand im Gegensatz zu den Radikalen vor allem bei den alteingesessenen Neuenburger Familien Zulauf. Als erster Liberaler gelangte 1898 Edouard Droz in den Staatsrat.

Die Postkarte wirbt für die Tageszeitung La Sentinelle, die von 1890 bis 1971 in La Chaux-de-Fonds erschienen ist, um 1905 (Bibliothèque de la Ville de La Chaux-de-Fonds, CFV ICO CP-571).
Die Postkarte wirbt für die Tageszeitung La Sentinelle, die von 1890 bis 1971 in La Chaux-de-Fonds erschienen ist, um 1905 (Bibliothèque de la Ville de La Chaux-de-Fonds, CFV ICO CP-571).

Der Sozialismus fasste in den Industriestädten der Montagnes zuerst Fuss. 1865 entstand in La Chaux-de-Fonds auf Veranlassung des Arztes Pierre Coullery eine Sektion der Internationalen Arbeiter-Assoziation (IAA). Die revolutionäre Bewegung Fédération jurassienne, die 1871 von neuenburgischen und jurassischen Mitgliedern der IAA gegründet und von James Guillaume geleitet wurde, beteiligte sich nicht an den kantonalen Wahlkämpfen. Die wirtschaftlichen und gesellschaftlichen Veränderungen Ende der 1870er Jahre begünstigten die Gründung von Gewerkschaften sowie die Entstehung einer sozialistischen Partei und Presse. Coullery rief Sektionen des Grütlivereins ins Leben, aus denen 1896 die sozialdemokratische Partei hervorging. Die politische Presse war sehr aktiv: Die 1856 gegründete Zeitung Le National suisse diente als Sprachrohr der Radikalen, La Suisse libérale vertrat ab 1881 die Meinungen der Liberalen, während sich die Linke ab 1890 mittels ihres Organs La Sentinelle zu Wort meldete. Weitere, kurzlebigere Zeitungen zeugen von der Intensität der damaligen politischen Auseinandersetzungen.

In den 1870er Jahren profitierte die radikale Partei von den Wahlerleichterungen, die den im Kanton wohnhaften Schweizern gewährt wurden. 1874 stimmte eine klare Mehrheit für die Annahme der neuen Bundesverfassung. Die Liberalen behaupteten sich jedoch in Steuerfragen gegen die radikale Politik, während die Sozialdemokraten Anfang des 20. Jahrhunderts in den Städten und auf eidgenössischer Ebene entscheidende Wahlsiege davontrugen. Am Vorabend des 1. Weltkriegs setzte sich die Neuenburger Abordnung in den eidgenössischen Räten aus vier Radikalen, zwei Sozialdemokraten und einem Liberalen zusammen.

Politische Entwicklung von 1914 bis zu Beginn des 21. Jahrhunderts

Der 1. Weltkrieg führte auch in Neuenburg zu einer Polarisierung der Politik. Die Sozialdemokraten verfochten ihre pazifistischen Überzeugungen, obwohl sie in dieser Frage deutlich in der Minderheit waren. Charles Naine und Ernest Paul Graber enthielten sich 1914 der Stimme bei der Übertragung der Vollmachten an den Bundesrat. Den internationalistischen Roten standen die nationalen Parteien gegenüber, die mit der Entente sympathisierten. 1917 wurde Graber nach einem in der Zeitung La Sentinelle erschienenen Artikel verhaftet. Nach einer öffentlichen Protestaktion kam er wieder frei, worauf die Armee La Chaux-de-Fonds besetzte, bevor Graber sich stellte. Der Landesstreik von 1918 verursachte in dieser Stadt, in der die Gewerkschaften eine starke Stellung innehatten, weitere heftige und lang nachwirkende Auseinandersetzungen. Zur Aufrechterhaltung der Ordnung zog der Staatsrat bewaffnete Bürgerwehren bei. In Le Locle schlossen sich die Ortssektionen der radikalen und liberalen Partei zur Liga Ordre et liberté zusammen, aus welcher der 1919 gegründete Parti progressiste national (PPN) hervorging. Die Partei erlangte einen, später zwei Sitze im Staatsrat und fusionierte 1981 mit der liberalen Partei.

Charles Naine hält an der Feier zum 1. Mai 1923 in La Chaux-de-Fonds eine Ansprache (Bibliothèque de la Ville de La Chaux-de-Fonds, Fonds spéciaux, Fonds Ernest-Paul Graber).
Charles Naine hält an der Feier zum 1. Mai 1923 in La Chaux-de-Fonds eine Ansprache (Bibliothèque de la Ville de La Chaux-de-Fonds, Fonds spéciaux, Fonds Ernest-Paul Graber). […]

Während der 1. Weltkrieg die rechten Kräfte einte, spaltete er die Arbeiterbewegung. Die Kommunisten unter der Führung von Jules Humbert-Droz kamen nie über eine Randstellung hinaus. Den Sozialdemokraten wurde trotz ihrer Stärke im Grossrat (1916 34 Sitze) erst 1941 ein Sitz im Staatsrat zugestanden. Die Wirtschaftskrise der 1930er Jahre führte innerhalb der politischen Mitte zu einem minimalen Konsens, während extremistische Gruppierungen wie der 1934 gegründete Ordre national neuchâtelois marginale Erscheinungen blieben. Zwischenfälle waren an der Tagesordnung, und der Tod von Eugène Bourquin, einem der Anführer der extremen Rechten, diente 1937 als Vorwand, die kommunistische Partei zu verbieten. Diese formierte sich 1944 als Parti ouvrier et populaire (POP) neu.

Der 2. Weltkrieg glättete die politischen Wogen. Bei den kantonalen Wahlen von 1945 gewann die POP im Grossrat 14 von 103 Sitzen. Der Ralliement neuchâtelois, der sich als neue unabhängige Kraft verstand, erreichte hingegen nur zwei Sitze. Die Zusammensetzung des Staatsrats blieb ab 1941 für lange Zeit bestehen: Er umfasste einen Radikalen, einen Liberalen, einen Vertreter des PPN, einen Sozialdemokraten und ein Mitglied des Ralliement (1947 durch einen Radikalen ersetzt). Nach den bewegten 1930er Jahren folgte in Neuenburg eine Phase von bemerkenswerter Stabilität und konsensorientierter Politik. Die wichtigsten Parteien bestimmten das Geschehen, ungeachtet kleinerer Gruppierungen wie die Nouvelle gauche socialiste (1958-1963), die kaum Einfluss auf die allgemeine Entwicklung hatten.

Ab den 1960er Jahren legten die linken Kräfte sowie deren linksradikalen und grünen Verbündeten zu. Die Sozialdemokraten gewannen 1965 einen zweiten Sitz im Staatsrat. 2005 errang die Linke erstmals die Mehrheit im Gross- und Staatsrat, wenn auch nur mit einer Stimme mehr in der Legislative und drei von fünf Mandaten in der Exekutive, die neu aus zwei Sozialdemokraten, einem Grünen und zwei Liberalen bestand. 2009 baute sie die Mehrheit im Grossrat um einen weiteren Sitz aus, verlor diese aber gleichzeitig im Staatsrat (drei Bürgerliche, zwei Sozialdemokraten). Auch bei den eidgenössischen Wahlen legte die Linke ab den 1970er Jahren zu: 1999 und 2003 stellte sie drei von fünf Nationalräten, 2003 und 2007 beide Ständeräte, wobei sie 2008 nach einem Rücktritt den einen Ständeratssitz nicht verteidigen konnte.

2001 wurde in Neuenburg eine kantonale Sektion der Schweizerischen Volkspartei (SVP) gegründet, die 2005 17 Grossratsmandate eroberte und 2013 einen Sitz in der Regierung erwarb; wegen Demission ihres Vertreters aus gesundheitlichen Gründen verlor sie diesen bereits wieder 2014 an die FDP. Seit 2003 stellt sie auch einen Nationalrat. 2004 rief auch die Christlichdemokratische Volkspartei (CVP) in Neuenburg, dem einzigen Kanton, in dem sie noch nicht vertreten war, eine kantonale Sektion ins Leben, doch hat sie erst seit 2013 einen Abgeordneten im Grossrat (2017 2). 2008 war Neuenburg der erste Kanton, in dem die Liberalen und Radikalen fusionierten, und zwar zum Parti libéral-radical neuchâtelois.

Sitze des Kantons Neuenburg in der Bundesversammlung 1919-2015

 1919192219311943195919671971197919871991199519992003200720112015
Ständerat
FDP1221111 1111 111
SP      11   12111
LPa1  111 1111     
Nationalrat
FDP2222212111211121
LPa221111122211 1  
PPNb 1              
SP3232222222222111
POP/PdA     1         1
GP           1111 
SVP            1111
Total7765555555555554

a Die Liberale Partei fusionierte 2008 mit der FDP unter der neuen Bezeichnung FDP. Die Liberalen.

b Der Parti progressiste national fusionierte 1981 mit der Liberalen Partei.

Sitze des Kantons Neuenburg in der Bundesversammlung 1919-2015 -  Historische Statistik der Schweiz; Bundesamt für Statistik

Zusammensetzung des Regierungsrats im Kanton Neuenburg 1981-2017

 1981198519891993199720012005200920132017
FDP11 1111312
LPa2222221   
SP2222222233
GP      1   
SVP        1 
Parteilos  1       
Total5555555555

a Die Liberale Partei fusionierte 2008 mit der FDP unter der neuen Bezeichnung FDP. Die Liberalen.

Zusammensetzung des Regierungsrats im Kanton Neuenburg 1981-2017 -  Historische Statistik der Schweiz; Bundesamt für Statistik; Staatskanzlei

Zusammensetzung des Grossrats im Kanton Neuenburg 1919-2017

 191919281937194519571965197719811989199720012005200920132017
FDP392832283330302925242515413543
LPa242119192222273334383525   
PPNb10168913117        
SP363933314442414645413941363332
POP/PdA   14510644676886
Grüne        75710141217
Solidarités         121212
SVP           1714209
CVP             12
Diverse  62  43     54
Total10910498103117115115115115115115115115115115

a Die Liberale Partei fusionierte 2008 mit der FDP unter der neuen Bezeichnung FDP. Die Liberalen.

b Der Parti progressiste national fusionierte 1981 mit der Liberalen Partei.

Zusammensetzung des Grossrats im Kanton Neuenburg 1919-2017 -  Historische Statistik der Schweiz; Bundesamt für Statistik; Parlamentsdienst des Grossen Rats

Staatsführung und Verwaltung von 1848 bis zur Gegenwart

Der Staatsrat

Für Alexis-Marie Piaget war das Ausarbeiten von Gesetzen im Kontext einer Revolution Sache eines Kollegialorgans. Der Staatsrat verfügte selbst nach Ansicht konservativer Kreise über weit reichende Befugnisse, die jene der Obrigkeit während des Ancien Régime übertrafen. Die ursprünglich in sieben Departemente gegliederte Exekutive verteilte ihre Aufgaben in eigener Kompetenz. Die Beratungen fanden unter Ausschluss der Öffentlichkeit statt, und es wurde kein Protokoll geführt. Lediglich die Beschlüsse wurden schriftlich festgehalten. Dem Staatsrat oblag die Ein- und Absetzung der Verwaltung. Ein von Aimé Humbert vorgelegtes Gesetz von 1850 regelte die Verfahren und Organisation des Staatsrats bis in die Einzelheiten und definierte dessen Kompetenzen. Im Verlauf der Jahre wurden diese Bestimmungen immer wieder den Bedürfnissen der Politik angepasst. Zu Beginn der 1880er Jahre wurde die Zahl der Staatsräte auf fünf beschränkt; erst 1993 folgte auch die entsprechende Reduktion auf fünf Departemente (heute Justiz, Sicherheit und Finanzen; Gesundheit und Soziales; Bildung, Kultur und Sport; Raumplanung; Wirtschaft). Ab 1898 unterstützte ein Kanzler den Staatsrat. 1905 wurde in einer Petition die Volkswahl des Staatsrats gefordert, welche die Stimmbürger 1906 annahmen. Da für die Wahl des Staatsrats weiterhin das Majorzverfahren galt, änderte diese Neuerung nichts an seiner Zusammensetzung. Radikale und Liberale stellten bis 1989 die Mehrheit. Eine erste Verschiebung brachten die Wahlen von 1941, bei denen mit Camille Brandt ein Sozialdemokrat und mit Léo-Pierre DuPasquier ein Vertreter des Ralliement in den Staatsrat gelangten. Seit 1965 haben die Sozialdemokraten zwei Sitze inne. Als erste Frau wurde 1997 die Sozialdemokratin Monika Dusong gewählt.

Das Kollegialitätsprinzip wurde durch politische Krisen häufig auf die Probe gestellt, so im Fall der Eisenbahnaffäre. 1853 waren nämlich die Radikalen in Anhänger der Franco-Suisse-Bahn, die Neuenburg durch das Val-de-Travers mit Frankreich verbinden sollte, und Verfechter der Bahn Jura-Industriel, die zwischen den Montagnes und dem Hauptort verkehren wollte, gespalten. Dies führte zum Rücktritt von zwei, später von drei weiteren Staatsräten. Mit diesem Schritt versuchten sie, die zwei übrigen Staatsräte aus den eigenen Reihen auszuschalten, die jede finanzielle Beteiligung des Staats am Bahnprojekt der Jura-Industriel ablehnten. Da sich die Regierung nicht einigen konnte, unterstützte der Grossrat die Zurückgetretenen und erneuerte die gesamte Exekutive.

Mehrfach warf der Grossrat dem Staatsrat die Überschreitung seiner Befugnisse sowie eine unverantwortliche Ausgabenpolitik vor. Die Kritik wurde zunächst von der liberalen Opposition, später von der SP geäussert, die das Budget wiederholt zurückwies. Seit 1980 regelt ein Gesetz über die Staatsfinanzen, das eine Schuldenbremse enthält, alle Einzelheiten des öffentlichen Haushalts.

Zur Organisation des Kantons

Die Präfekten, die ab 1848 an der Spitze der sechs Bezirke standen, vertraten den Staatsrat und verfügten über weitreichende Kompetenzen. Sie wachten über die Umsetzung der Gesetze und kontrollierten die staatlichen Institutionen. Zu ihren Aufgaben gehörten unter anderem die Verkündung und der Vollzug von Gesetzen, die Überwachung des Erziehungs- und Zivilstandswesens, die Gewährleistung der öffentlichen Sicherheit mit Hilfe der Polizei, die Kontrolle der Steuererhebung sowie die Berichterstattung über die öffentliche Meinung in den ihnen unterstellten Regionen. Wahrscheinlich waren die Präfekten die Beamten, die der Macht am nächsten standen, und mehrere unter ihnen wurden später Staatsräte. Als Diener der Republik hatten sie den Auftrag, die Gemeinden und Bürgergemeinden, die weiterhin dem Ancien Régime und ihren früheren Gewohnheiten anhingen, auf Kurs zu bringen. Mit der Durchsetzung der neuen Gesetze und der republikanischen Ordnung wurde ihre Funktion allmählich überflüssig. Im 20. Jahrhundert hob man die Präfekturen nach und nach auf, als letzte 1991 jene der Montagnes, die aus dem Zusammenschluss der Präfekturen Le Locle und La Chaux-de-Fonds entstanden war.

Um die Autonomie der Bürgergemeinden und Gemeinden des Ancien Régime zu beschneiden, wurde mit Hilfe eines Gesetzes von 1850 ein paralleles System von Munizipalitäten geschaffen. Das Gesetz sah unter anderem für die in den Gemeinden wohnhaften Ausländer das Stimmrecht auf lokaler Ebene vor; 1861 wurde es vorübergehend aufgehoben. Nach dem Royalistenaufstand von 1856 musste die nun als commune bezeichnete Bürgergemeinde Neuenburg die Errichtung einer Munizipalität hinnehmen. 1858 wurden Illegitime und ihre Nachkommen in den Bürgergemeinden zwangsweise eingebürgert. Der Grossrat beschränkte 1872 die Vorrechte der Bürgergemeinden auf fürsorgerische Aufgaben und auf die Verwaltung ihrer Güter. 1874 wurde das Munizipalitätssystem für obligatorisch erklärt. Da die Bürgergemeinden ihren Verpflichtungen nicht mehr nachkommen konnten, verloren sie ihre Daseinsberechtigung. Ihr Aufgehen in den Munizipalitäten wurde 1877 vom Volk gutgeheissen und 1888 mit dem Gemeindegesetz bestätigt. Seither besteht nur noch eine Verwaltungseinheit, die politische Gemeinde (sog. commune) mit dem Gemeinderat als Exekutive und dem Generalrat als Legislative. Während der Wirtschaftskrisen des 20. Jahrhunderts löste die Verteilung der Gelder aus der Arbeitslosenversicherung neuerliche Spannungen zwischen dem Staat und den Gemeinden aus, denn die mangelnde Autonomie machte den Gemeinden zu schaffen. Bis Ende des 20. Jahrhunderts stellte sich der Staatsrat auch gegen die Volkswahl der bis anhin von der Legislative gewählten Gemeinderäte, weil er die Exekutive als reines Verwaltungsorgan betrachtete.

Der Staat förderte Anfang des 21. Jahrhunderts mit finanziellen Beiträgen die interkommunale Zusammenarbeit und den Zusammenschluss von Gemeinden zu regionalen Interessenvertretungen. So nahm die Zahl der Gemeinden bereits 2009 mit den Fusionen zu den neuen Gemeinden Val-de-Travers und La Tène um neun ab. Das ebenfalls zu Beginn des 21. Jahrhunderts vom Staatsrat initiierte Agglomerationsprojekt Réseau urbain neuchâtelois wird vom Bund unterstützt und strebt eine kohärente und ausgewogene Entwicklung des Kantons durch die Vernetzung der Regionen und Ortschaften sowie der Verdichtung des Verkehrs an. In diesem Rahmen schlossen die Städte La Chaux-de-Fonds, Le Locle und Neuenburg 2008 einen Agglomerationsvertrag und bilden seither das sogenannte Réseau des trois villes.

Entwicklung der Gesetzgebung

Unmittelbar nach der Revolution schlug Piaget vor, ein Zivil- und ein Strafgesetzbuch nach französischem Vorbild zu schaffen. Innert kürzester Zeit wurden mehrere Gesetze, etwa zur Einführung eines Hypothekarsystems oder der Zivilehe, ausgearbeitet, die heikle zivilrechtliche Fragen regelten. Zwischen 1853 und 1855 wurden dann nacheinander die einzelnen Teile des Zivilgesetzbuchs angenommen, ohne die ersten Bestimmungen zu revidieren. Als Synthese aus dem früheren Neuenburger Recht und dem Code Napoléon blieb es bis zur Einführung des Schweizerischen Zivilgesetzbuchs 1912 in Kraft. In aller Eile reformierte der Staatsrat 1848 auch die Strafrechtspflege, indem er die Gerichte reorganisierte. Die Friedensrichter waren bis zu ihrer Absetzung 1924 für Übertretungen zuständig, die Bezirksrichter für leichtere Straftaten. Mit der Beurteilung der schwersten Fälle wurde ein Kantonsgericht betraut, dem vierzehn Richter angehörten. Körperstrafen und die ab dem 16. Jahrhundert angewandte Carolina wurden aufgehoben. 1854 wurde die Todesstrafe per Dekret abgeschafft, 1855 das ebenfalls von Piaget redigierte Strafgesetzbuch eingeführt. Auf dem Hügel Le Mail in Neuenburg wurde 1870 die kantonale Strafanstalt eröffnet. Deren erster Direktor, der angesehene Hygieniker Louis Guillaume, setzte sich nachhaltig für diese Einrichtung ein. Staatsrat Auguste Cornaz besorgte die Anpassung der Neuenburger Gesetzgebung an die Bundesverfassung von 1874. Neben dem neuen, hauptsächlich von Cornaz verfassten Strafgesetzbuch von 1891 traten in der Folge weitere Erlasse wie das Landwirtschaftsgesetz von 1899 und das Forstgesetz von 1917 in Kraft.

Die 1870 eröffnete kantonale Strafanstalt auf dem Hügel Le Mail in Neuenburg nach Plänen von Samuel Vaucher. Fotografie von Victor Attinger, um 1890 (Musée d'art et d'histoire Neuchâtel).
Die 1870 eröffnete kantonale Strafanstalt auf dem Hügel Le Mail in Neuenburg nach Plänen von Samuel Vaucher. Fotografie von Victor Attinger, um 1890 (Musée d'art et d'histoire Neuchâtel). […]

Öffentlicher Haushalt

Seit der Gründung der Republik treibt die Herausforderung eines ausgeglichenen Finanzhaushalts die Politiker um. 1848 wurde anstelle des auf Ungleichheit beruhenden Steuerwesens des Ancien Régime ein neues System eingeführt. Die Verfassung proklamierte die Gleichheit der Bürger und präzisierte, dass jeder gemäss seinem Vermögen und Einkommen zu den Ausgaben des Staats beizutragen habe. Sie sah zudem eine gesetzliche Grundlage für die Aufhebung der Feudallasten vor. 1848 wurde auch beschlossen, dass nicht nur die Bürger, sondern alle Einwohner sowie Ausländer, die im Kanton Güter besassen, und gewinnorientierte Körperschaften steuerpflichtig waren. Die damalige, besonders kritische Situation zwang zu diesem Schritt, denn es galt, die Schulden des Ancien Régime sowie die militärischen und administrativen Kosten, welche die Revolution verursacht hatte, mittels einer ausserordentlichen Steuer zurückzuzahlen. 1849 folgte ein Gesetz zur Einführung einer direkten Vermögens- und Einkommenssteuer. Diese Steuern wurden entsprechend den jeweiligen Verhältnissen erhoben, und der Steuersatz jedes Jahr dem Bedarf des Staats und den budgetierten Ausgaben angepasst. Der neue Staat benötigte Mittel, unter anderem für den Bau und Unterhalt von Strassen, nachdem ein Gesetz die Gemeinden in diesem Bereich entlastet hatte.

Gesellschaft, Wirtschaft und Kultur von 1848 bis zur Gegenwart

Bevölkerung und Siedlung

Das Bevölkerungswachstum im Kanton Neuenburg lag 1800-1910 über dem schweizerischen Durchschnitt: 1850-1888 betrug die Wachstumsrate im Kanton 11,2%, in der Schweiz 5,2%, in einer zweiten Phase 1888-1910 11,5% gegenüber 9,5% auf nationaler Ebene. Danach ging die Bevölkerung im Kanton Neuenburg, die 1917 mit 135'900 Einwohnern einen ersten Höchststand erreichte, im Gegensatz zu jener der Schweiz zurück. So verlor Neuenburg 1910-1941 auf Grund der Wirtschaftskrise in der Zwischenkriegszeit 11,4% seiner Einwohner, während in derselben Zeitspanne die Bevölkerung der Schweiz um 13,7% zunahm. Nach 1945 löste der wirtschaftliche Aufschwung eine neue Wachstumsphase aus, in der Neuenburg fast mit der Schweiz Schritt hielt. Ab 1960 brachte die Zuwanderung von Ausländern einen deutlichen Anstieg der Wohnbevölkerung und 1973 wurde in Neuenburg mit 169'498 Einwohnern eine neue Rekordmarke gemessen. Die Uhrenkrise der 1970er Jahre führte zu einem erneuten Rückgang der Bevölkerung, die erst ab 1985 wieder anwuchs. 2000 wurden 167'949 Einwohner gezählt, was 2,3% der Schweizer Bevölkerung entsprach. 2008 wies der Kanton erstmals mehr als 170'000 Einwohner aus.

Die Städte, in denen ab 1900 mehr als 55% der Kantonsbevölkerung lebten, bestimmten die jüngere Entwicklung von Neuenburg. Im 19. Jahrhundert wirkte La Chaux-de-Fonds dank seiner Uhrenindustrie als demografische Lokomotive. Die Krisen der Uhrenbranche im 20. Jahrhundert mündeten jeweils in einen Bevölkerungsrückgang und führten dazu, dass ab den 1960er Jahren in der Seeregion mehr Menschen lebten als in den Montagnes. Mit 37'016 Einwohnern blieb La Chaux-de-Fonds 2000 aber die drittgrösste Stadt der französischen Schweiz, während die Stadt Neuenburg mit 32'914 Einwohnern nur an fünfter Stelle stand. Die Bedeutung der Städte im 19. Jahrhundert zeigte sich auch daran, dass sich La Chaux-de-Fonds als "Metropole der Uhrmacherei" verstand. Dieses Selbstverständnis spiegelte sich in einer regen Bautätigkeit und architektonischen Entfaltung, im industriellen Aufstieg sowie in einem vielfältigen kulturellen und gesellschaftlichen Leben, an dem sich unter anderen zahlreiche religiöse Vereinigungen sowie Sport-, Theater- und Musikvereine beteiligten. Sie alle trugen zur Ausbildung einer städtischen Identität und eines Lokalpatriotismus bei. Le Locle versuchte, der Nachbarstadt nachzueifern, erlebte jedoch einen bescheideneren Aufschwung. Zwischen den beiden Städten in den Montagnes bestanden Gemeinsamkeiten (Uhrenfabrikation, politische Fortschrittlichkeit dank der Radikalen, später der Sozialdemokraten), aber auch wirtschaftliche und kulturelle Rivalitäten. Seit 2009 gehören die von der Uhrenindustrie geprägten Stadtlandschaften von La Chaux-de-Fonds und Le Locle zum Unesco-Welterbe.

Während sich im oberen Kantonsteil ein städtisches Industriezentrum entwickelte, dominierten in der Seeregion der Weinbau und die Kantonsverwaltung, obwohl sich auch hier erfolgreiche Industrieunternehmen, etwa die Câbles Cortaillod, etablierten. Jahrzehntelang wurden Fabriken im Unterland im Grünen angesiedelt. Erst die Wirtschaftskrise der 1970er Jahre veränderte den Kanton nachhaltig: Die Bezirke Le Locle und Val-de-Travers glitten in eine lang anhaltende Rezession, die auch den Bezirk La Chaux-de-Fonds erfasste. In den Bezirken Val-de-Ruz, Boudry und Neuenburg hingegen setzte ein sanfter Aufwärtstrend ein, der sich Ende des 20. Jahrhunderts beschleunigte.

Der Boom der Agglomeration Neuenburg prägt die gesamte Seeregion. Im Val-de-Ruz beispielsweise wurde die Landflucht, die zum Bevölkerungsrückgang im Val-de-Travers beigetragen hatte, durch den Bau neuer Einfamilienhäuser aufgefangen. Der Wandel in der Siedlungsstruktur, der sich zum Beispiel in der immer grösseren Distanz zwischen Wohn- und Arbeitsort ausdrückte, fusste auf dem von den Behörden vorangetriebenen Ausbau der Verkehrsverbindungen. Im 19. Jahrhundert entstanden auf dem Kantonsgebiet Eisenbahnlinien, so 1859 die Strecke entlang dem Jurafuss, 1860 jene der Jura-Industriel und der Franco-Suisse sowie verschiedene Regionallinien, was politische Kontroversen und Finanzierungsprobleme nach sich zog. In den letzten Jahrzehnten des 20. Jahrhunderts wurde das Verkehrsnetz mit dem Bau der Autobahn A5 entlang des Seeufers und der Errichtung mehrerer Strassentunnels, untere anderen des 1975 eröffneten Clusette-Tunnels (in den ehemaligen Gemeinden Noiraigue und Brot-Dessous) zur Anbindung des Val-de-Travers und des 1994 fertiggestellten Vue-des-Alpes-Tunnels als Zugang zu den Montagnes, verfeinert. 2002 kam das Autobahnteilstück durch die Region La Béroche hinzu, 2005 das letzte Teilstück der A5 (ohne Serrières-Tunnel) auf Kantonsgebiet, sodass von nun an Neuenburg vollumfänglich ins schweizerische Autobahnnetz integriert war. Trotz der von Neuenburg und Frankreich getätigten Investitionen für den Strassenbau im französisch-neuenburgischen Jura bleibt die Verkehrserschliessung der Montagnes ungenügend, weil im 20. Jahrhundert das Bahnnetz nicht erweitert worden ist.

Herkunft der Ausländer im Kanton Neuenburg 1860-2000
Herkunft der Ausländer im Kanton Neuenburg 1860-2000 […]

Die gesteigerte Mobilität ging mit einer Wanderungsbewegung (Binnenwanderung, Immigration, Emigration) einher. Trotz der Emigration von Neuenburgern auf Grund der periodischen Krisen in der Uhrenindustrie und dank der aussenwirtschaftlichen Beziehungen überwog die Zuwanderung von Schweizern und Ausländern, die zunächst aus der Grenzregion kamen (2008 rund 8000 Grenzgänger), später aus immer weiter entfernten Gebieten. Im 19. Jahrhundert lag der Ausländeranteil im Kanton Neuenburg über dem schweizerischen Durchschnitt, im 20. Jahrhundert ist er tiefer, obwohl Neuenburg weiterhin zu den Kantonen mit vergleichsweise hohem Ausländeranteil gehört. Die Zuzüger aus der Schweiz und dem Ausland treffen in Neuenburg seit je auf ein politisches und gesellschaftliches Umfeld, das deren Integration anstrebt. 2000 lebten Personen aus 138 Staaten im Kanton Neuenburg, wobei Menschen aus Italien, Portugal, Frankreich, Spanien, Serbien und Montenegro die grössten Gemeinschaften bildeten. 85% der ausländischen Bevölkerung stammten aus Europa. Im Zug der Einwanderung von Menschen aus ferneren Ländern veränderte sich auch die religiöse Zusammensetzung des Kantons.

Die Rezession des ausgehenden 20. Jahrhunderts führte zu einer relativen Senkung des Wohlstands im Kanton, der vom 2. Weltkrieg und der Hochkonjunktur der Nachkriegsjahre profitiert hatte. Diese Entwicklung schlug sich im demografischen Wandel nieder. Das kantonale Pro-Kopf-Einkommen betrug 1965 101,4% des schweizerischen Mittels, fiel aber ab 1970 wegen der Uhrenkrise erstmals darunter und belief sich 1995 nur noch auf 77% des schweizerischen Durchschnittseinkommens, was im kantonalen Vergleich der 23. Stelle entsprach. Danach holte Neuenburg auf und erreichte 2000 den 15. Rang. Die Expansion des 3. Sektors und der Zustrom von Grenzgängern hinterliessen Ende des 20. Jahrhunderts im wirtschaftlichen und sozialen Gefüge des Kantons ihre Spuren.

Bevölkerungsentwicklung des Kantons Neuenburg 1850-2000

JahrEinwohnerAusländer- anteilAnteil ProtestantenAnteil KatholikenAlters- struktur (Anteil >59)ZeitraumGesamt- zunahmeaGeburten- überschussaWanderungs- saldoa
185070 7537,0%91,8%7,9% 1850-186019,9‰8,9‰11,0‰
186087 3699,9%88,2%10,6%6,6%1860-18708,9‰10,6‰-1,7‰
187095 4258,9%86,7%11,7%6,9%1870-18806,4‰8,8‰-2,4‰
1880102 7448,7%87,8%11,2%7,8%1880-18886,4‰10,5‰-4,1‰
1888108 1539,1%87,3%11,5%7,0%1888-190013,0‰10,9‰2,1‰
1900126 27910,4%85,0%14,0%7,6%1900-19105,2‰9,3‰-4,1‰
1910133 06110,9%84,2%13,9%8,2%1910-1920-1,3‰3,3‰-4,6‰
1920131 3498,2%83,7%14,2%9,7%1920-1930-5,5‰1,7‰-7,2‰
1930124 3246,5%83,5%13,8%12,3%1930-1941-4,8‰-1,6‰-3,2‰
1941117 9004,0%83,6%14,6%15,4%1941-19509,3‰3,0‰6,3‰
1950128 1525,3%78,2%19,4%16,3%1950-196014,3‰3,2‰11,1‰
1960147 63311,3%68,6%28,7%16,8%1960-197013,7‰5,7‰8,0‰
1970169 17321,7%57,9%38,4%17,4%1970-1980-6,6‰1,9‰-8,5‰
1980158 36817,6%54,1%36,2%19,8%1980-19903,5‰0,2‰3,3‰
1990163 98522,4%45,5%36,4%21,1%1990-20003,3‰2,0‰1,3‰
2000167 94923,0%38,1%30,5%21,5%    

a mittlere jährliche Zuwachsrate

Bevölkerungsentwicklung des Kantons Neuenburg 1850-2000 -  Historische Statistik der Schweiz; eidgenössische Volkszählungen; Bundesamt für Statistik

Wirtschaft und Gesellschaft

Der Uhrenbranche kommt innerhalb des Industriesektors des Kantons Neuenburg eine Vorrangstellung zu. Deren Geschichte lässt sich in fünf Phasen gliedern. In einer ersten Phase 1848-1876 wurden die Uhren häufig in gewerblichen Betrieben in den Städten, vor allem in La Chaux-de-Fonds, produziert. Die Uhrenfabrik in Fontainemelon mit über 100 Beschäftigten bildete eine Ausnahme. Dank Vertriebsnetzen in allen Kontinenten wurden die aus unzähligen Ateliers stammenden Uhren weltweit verkauft. Der Schock sass deshalb umso tiefer, als 1876 die amerikanische Konkurrenz an der Weltausstellung in Philadelphia Neuheiten wie die Mechanisierung, austauschbare Teile und Grossfabriken präsentierte und die heimische Produktion in eine schwere Krise stürzte.

Banner aus Seidendamast der Fédération des ouvriers repasseurs, démonteurs, remonteurs et faiseurs d'échappements de l'industrie horlogère mit der Aufschrift "Intelligenz und Geschick zeichnen den exzellenten Arbeiter aus", 1898 (Musée d'histoire La Chaux-de-Fonds).
Banner aus Seidendamast der Fédération des ouvriers repasseurs, démonteurs, remonteurs et faiseurs d'échappements de l'industrie horlogère mit der Aufschrift "Intelligenz und Geschick zeichnen den exzellenten Arbeiter aus", 1898 (Musée d'histoire La Chaux-de-Fonds). […]

In einer zweiten Phase 1876-1914 ging die Uhrenbranche allmählich zur Fertigung in Manufakturen und modernen Fabriken über, zum Beispeil Zenith und Tissot in Le Locle. Berufsverbände und -schulen sowie neue gesetzliche Rahmenbedingungen unterstützten den neuerlichen Industrialisierungsschub. Dennoch spielten die Ateliers und die Heimarbeit nach wie vor eine wichtige Rolle. 1914 war die amerikanische Konkurrenz zurückgedrängt, und die Neuenburger Uhrenindustrie hatte sich – analog zur Metall- und Maschinenindustrie – mit der Herstellung von Kriegsmaterial neue Absatzmärkte erschlossen. Dies stärkte zwar ihre Position, verschärfte aber gleichzeitig die sozialen und wirtschaftlichen Unterschiede.

Kriege und Krisen von nie dagewesenem Ausmass kennzeichnen die dritte Phase 1914-1945: Die Zahl der Arbeitsplätze ging für lange Zeit zurück, die Einkommen sanken, der Konzentrationsprozess innerhalb der Industrie schritt voran und Anstrengungen zur Modernisierung und Umstrukturierung wurden unternommen. So unterstützten die Banken in der Uhrenregion 1926 die Gründung der Holding Ebauches SA in Neuenburg, 1931 die Schaffung der Allgemeinen Schweizerischen Uhrenindustrie AG (Asuag). Die Reorganisation der Schweizer Uhrenindustrie erfolgte mit Hilfe des Staats (Bund und Kantonen), der bei der Gründung und Expansion von Unternehmen mitbestimmte.

Der allgemeine Wirtschaftsboom 1945-1975 charakterisierte die vierte Phase, wenngleich die Angst vor einer neuerlichen tiefen Krise immer wieder umging. Die florierenden Unternehmen, die dazu neigten, ihren Maschinenpark aufzublähen und die technische Innovation zu vernachlässigen, stellten zunehmend Arbeitskräfte aus Italien, später vor allem aus Spanien und Portugal ein. Die Uhrenbranche boomte. Zwar investierten Persönlichkeiten wie Sydney de Coulon in die technische Forschung und gründeten 1962 das Centre électronique horloger, das verschiedene Erfindungen hervorbrachte, doch gelangten diese Innovationen in zu geringem Mass und mit Verzögerung in die Produktion. 1971 öffnete in Marin (Gemeinde La Tène) die Ebauches électroniques, eine Tochterfirma der Asuag, ihre Tore. Ab Ende der 1960er Jahre steigerten ausländische Konkurrenten, vor allem aus Japan, dank neuer Produkte (Elektronik, Quartz) ihre Anteile am Weltmarkt. Die Hochkonjunktur der Neuenburger Uhrenindustrie ging zu Ende.

Streikende der Strickmaschinenfabrik Dubied vor dem Bahnhof in La Chaux-de-Fonds. Fotografie von Jean-Jacques Bernard (L'Impartial), 1976 (Bibliothèque de la Ville de La Chaux-de-Fonds, Département audiovisuel, Fonds iconographique courant, P2-840).
Streikende der Strickmaschinenfabrik Dubied vor dem Bahnhof in La Chaux-de-Fonds. Fotografie von Jean-Jacques Bernard (L'Impartial), 1976 (Bibliothèque de la Ville de La Chaux-de-Fonds, Département audiovisuel, Fonds iconographique courant, P2-840). […]

Die fünfte Phase 1975-2000 setzte mit einer schweren Krise ein: Die Zahl der Beschäftigten in der Uhren- und Schmuckbranche sank von 18'876 im Jahr 1965 auf 17'209 1974 und betrug 1984 nur noch 7741 Personen. Renommierte Firmen stellten ihre Produktion ein, Restrukturierungen wurden unumgänglich. Der Kanton Neuenburg verlor seine zentrale Stellung in der Uhrenindustrie an die Stadt Biel und deren Umgebung, obwohl sich die Fabrik in Marin behauptete. 1983 fusionierten die beiden Konzerne Asuag und Société suisse pour l'industrie horlogère, welche die Uhrenregion ein halbes Jahrhundert lang dominiert hatten, und bereiteten damit den Weg für die Gründung der Société suisse de microélectronique et d'horlogerie SA. Diese entwickelte neue Produkte, vor allem die Billiguhr Swatch, produzierte aber auch Luxusuhren, zum Teil nach der Übernahme exklusiver Marken. Seit 1998 nennt sie sich Swatch Group. Andere Unternehmen blühten – oft mit Hilfe von ausländischem Kapital – ebenfalls auf und trugen zu einem weiteren Boom der Branche bei. Die ab 1900 in La Chaux-de-Fonds ansässige Schweizerische Uhrenkammer schloss sich 1982 mit dem Schweizerischen Uhrenverband zum Verband der Schweizerischen Uhrenindustrie mit Sitz in Biel zusammen.

Im 1984 gegründeten Centre suisse d'électronique et de microtechnique in Neuenburg wurden verschiedene Forschungsinstitute vereinigt. Dieser Schritt spiegelte einen langfristigen Trend der Neuenburger Wirtschaft: Die Mikrotechnik, lange im Dienst der Uhrenindustrie, stand am Anfang einer Diversifizierung der Industrie, die neue Produkte anbot. Es entwickelten sich bedeutende Unternehmen wie die Papeteries de Serrières, Dubied in Couvet (1867-1987 Strickmaschinen), Dixi in Le Locle (seit 1904 Maschinen), Martini in Saint-Blaise (1903-1934 Automobile) und die 1860 von Matthias Hipp gegründete Fabrik für Telegrafen und elektrische Apparate in Neuenburg (später Favag SA). Das Unternehmen Câbles Cortaillod (ab 1879) wurde zu einem wichtigen Akteur innerhalb eines internationalen Kartells von Weltrang. Suchard (1826-1990) in Neuenburg und Klaus (1856-1992) in Le Locle waren die grossen Firmen der Lebensmittelbranche, die 1985 1761 Personen beschäftigte. Die Vereinigten Tabakfabriken, die 1942 Sitz und Produktion nach Neuenburg verlegt und damals 150 Beschäftigte gezählt hatten (2001 1134 Angestellte), wurden 1963 von Philip Morris übernommen. Als bedeutendes internationales Unternehmen stellte es für den Kanton Neuenburg einen erstrangigen Steuerzahler dar. Es war das Verdienst der Behörden, vor allem des Neuenburger Gemeinderats Gérard Bauer, gewesen, dass die Vereinigten Tabakfabriken in die Seeregion wechselten. Ab den 1930er Jahren wurde nämlich mit der Schaffung des Office de recherches des industries nouvelles in den Montagnes die Diversifizierungspolitik Aufgabe des Staats. Dieser unterstützte die Uhrenindustrie und erkannte allmählich, dass er zur Krisenbewältigung neue Wirtschaftszweige ansiedeln und günstige Rahmenbedingungen (Steuervorteile, Berufsbildung, Infrastruktur und Verkehrserschliessung) schaffen musste. Gleichzeitig bemühten sich die Behörden um den Erhalt des Gleichgewichts zwischen den Kantonsteilen. Das 1978 erlassene Gesetz zur kantonalen Wirtschaftsförderung ermöglichte die Schaffung einiger hundert Arbeitsplätze. 2002 gründete Neuenburg mit dem Kanton Waadt die Organisation Development Economic Western Switzerland zur Förderung ausländischer Investitionen, der sich die Kantone Wallis und Jura anschlossen (2010 ersetzt durch die Greater Geneva Berne Area).

2005 arbeiteten von total 83'724 Erwerbstätigen im Kanton 34,8% im 2. Sektor, womit der Anteil der Industrie in Neuenburg nach wie vor über dem schweizerischen Durchschnitt lag. Dennoch war das ausgehende 20. Jahrhundert vom Aufschwung des 3. Sektors geprägt, der bereits in den 1980er Jahren den 2. Sektor an Bedeutung überholt hatte. 2005 zählte der Dienstleistungssektor 61,3% der Erwerbstätigen.

Nach 1848 trieben die republikanischen Behörden die Gesundheitspolitik voran. In verschiedenen Regionen des Kantons entstanden bis ins 20. Jahrhundert Spitäler und Pflegeeinrichtungen, einige davon aus privater Initiative wie die Stiftung Préfargier in der Gemeinde La Tène, die 1849 gegründet wurde, oder die 1894 errichtete Klinik Perreux in der Gemeinde Boudry. Beide psychiatrischen Einrichtungen bestehen noch heute. 1921-1961 verfügte der Kanton auch über ein Sanatorium in Leysin. Ende des 20. Jahrhunderts kam eine umfassende Reorganisation des Spitalwesens in Gang. 2006 wurden sechs Spitäler und eine Einrichtung für Palliativpflege im sogenannten Hôpital neuchâtelois zusammengeschlossen.

Im Rückblick erweist sich die jüngste Geschichte des Kantons Neuenburg als eine Epoche, die von der Industrie, vor allem der Uhrenindustrie, bestimmt wurde. Deren Krisen und Aufschwünge hatten erhebliche demografische, finanzielle, gesellschaftliche und kulturelle Auswirkungen. Ein Flair für Präzisionstechnik, ein Hang zum Lokalpatriotismus, regionale Bindungen, der Korporatismus der Uhrenbranche, aber auch die weltweiten Beziehungen benennen wesentliche Konstanten der Wirtschaft im Kanton Neuenburg, der schlimmere Rezessionen als andere Kantone erlebt hat. Auch wenn industrielle Flaggschiffe wie Dubied oder Suchard verschwunden sind und eine Marginalisierung erkennbar ist, verfügt Neuenburg nach wie vor über ein tragfähiges Wirtschaftsgefüge.

Erwerbsstruktur des Kantons Neuenburg 1860-2000a

Jahr1. Sektor2. Sektor3. SektorbTotal
18609 00021,0%23 11653,9%10 75225,1%42 868
1870c9 15522,5%23 72558,3%7 80019,2%40 680
1880c8 94619,8%27 75561,4%8 50518,8%45 206
18887 57716,7%24 77754,5%13 10028,8%45 454
19007 63312,8%35 28459,3%16 57227,9%59 489
19107 30011,9%34 41956,3%19 48031,8%61 199
19207 18211,1%37 59358,1%19 88430,8%64 659
19306 67511,1%34 04256,5%19 55032,4%60 267
19417 08012,3%31 10754,1%19 36033,6%57 547
19505 7379,2%35 88857,8%20 48033,0%62 105
19604 5596,4%43 79261,0%23 39832,6%71 749
19703 9734,6%51 13159,7%30 56535,7%85 669
19803 4564,5%37 79749,2%35 50046,3%76 753
19902 6523,2%31 28537,9%48 62458,9%82561
2000d2 7143,3%24 52429,7%55 36367,0%82 601

a bis 1960 ohne Teilzeitangestellte

b Residualgrösse einschliesslich "unbekannt"

c ortsanwesende Bevölkerung

d Die Beschäftigtenzahlen der Volkszählung 2000 sind wegen der grossen Zahl "ohne Angabe" (10 108) nur begrenzt mit den vorhergehenden Daten vergleichbar.

Erwerbsstruktur des Kantons Neuenburg 1860-2000 -  Historische Statistik der Schweiz; eidgenössische Volkszählungen

Religion und Kultur

Kirchen und republikanischer Laizismus

Die im Gefolge der Revolution von 1848 entstandene Verfassung garantierte die Glaubens- und Gewissensfreiheit. Am 29. November 1848 verabschiedete der Grossrat ein Kirchengesetz, das der Allmacht des Pfarrkapitels ein Ende setzte und die reformierte Kirche in eine Staatskirche (später Landeskirche genannt) umwandelte. Die kirchliche Autorität wurde einer Synode übertragen, der auch Laien angehörten. Der Staat, der die Kirchengüter beschlagnahmt hatte, entlöhnte fortan die Pfarrer. Somit zählte die Kirche, die früher das gesamte gesellschaftliche Leben dominiert hatte, zu den ersten Opfern des Regimewechsels. Der Staat übernahm die weltliche Macht und übertrug die geistliche Macht der Synode, welche die Kirchenzucht und die Pfarrerausbildung an der Akademie regelte. An die Stelle der Sittengerichte traten die Ratsversammlungen der Kirchgemeinde.

Lange hielt die reformierte Kirche dem Säkularisierungsprozess nicht stand. Mit der Revision des Kirchengesetzes von 1873, die der damalige Staatsrat Numa Droz entwarf, verlor die Synode ihre Befugnis zur Einsetzung der Pfarrer, deren Gewissensfreiheit aber garantiert blieb. Auch die Verantwortung für die Pfarrerausbildung wurde ihr entzogen und der neuen Akademie zugewiesen. Das vom Grossrat gutgeheissene Gesetz führte zur Spaltung der Kirche. Eine unabhängige Kirche mit eigener theologischer Fakultät bildete sich, worauf der Staat die sogenannte Landeskirche schuf, die in die Akademie eingegliedert wurde. Im Lauf der Jahrzehnte näherten sich Liberale und Orthodoxe wieder an und gründeten schliesslich 1943 die Eglise réformée évangélique du canton de Neuchâtel. Die völlige Trennung der Landeskirche vom Staat, die 1941 in der Verfassung festgeschrieben worden und einer Anerkennung ihrer Unabhängigkeit gleichgekommen war, hatte die Wiedervereinigung gefördert. Nur die Kantone Genf und Neuenburg kennen diese Trennung. Da die Kirchensteuer freiwillig ist, erweist sich die Finanzierung der Kirche als schwierig. 2001 wurde ein Konkordat geschlossen, das die Beziehungen zwischen dem Staat und der reformierten, katholischen und christkatholischen Kirche neu bestimmte und diese als Institutionen von öffentlichem Interesse anerkannte.

Die von der Verfassung eingeräumten Freiheiten begünstigten das Aufkommen evangelischer Gemeinschaften, die im gesellschaftlichen und geistigen Leben des Kantons eine wichtige Rolle spielten. 1883 siedelte sich in Neuenburg die Heilsarmee an, was heftige politische Auseinandersetzungen hervorrief. Im Zug des Kulturkampfs entstand 1875 in La Chaux-de-Fonds eine christkatholische Kirche. Nach dem Zusammenschluss der reformierten Kirchen anerkannte der Staat im Konkordat von 1943 die beiden katholischen Kirchen. In der 2. Hälfte des 19. Jahrhunderts hatten sich im Kanton sechs katholische Pfarreien herausgebildet, die in die Diözese Lausanne-Freiburg-Genf eingegliedert und in der Fédération catholique romaine neuchâteloise vereinigt waren. Letzterer gehörte auch der bischöfliche Vikar an. Die 1988 ins Leben gerufene Communauté de travail des Eglises chrétiennes du canton zeugt von der intensiven ökumenischen Zusammenarbeit.

1833 wurde in La Chaux-de-Fonds eine israelitische Gemeinde gegründet, die sich in der 2. Hälfte des 19. Jahrhunderts zu einer wichtigen Gemeinschaft entwickelte, obwohl ihr die rechtliche Anerkennung verwehrt blieb. Trotz des verbreiteten Antisemitismus beteiligte sich die jüdische Bevölkerung an der Entwicklung der Uhrenindustrie sowie am gesellschaftlichen und kulturellen Leben der Stadt. Dieses Selbstverständnis spiegelte sich im Bau der grossen Synagoge von 1896.

Die demografische und gesellschaftliche Entwicklung führte am Ende des 20. Jahrhunderts zu einer Auffächerung der Religionsgemeinschaften und zu einer Lockerung der religiösen Bindungen. So gaben 2000 knapp 22% der Bevölkerung an, keiner Religion anzugehören (1970 2%). Trotz Mitgliederschwund stellten die Reformierten (38%) und Katholiken (30%) 2000 nach wie vor die Mehrheit, während sich die Zahlen der Muslime und Christlich-Orthodoxen deutlich erhöht hatten.

Bildung

Radikalismus und Sozialismus sowie die wirtschaftlich und gesellschaftlich bedeutende Uhrenindustrie förderten im 19. Jahrhundert das Bildungswesen. Die Verfassung von 1848 erklärte den Primarschulunterricht für obligatorisch und weitete die Kompetenzen des Staats im Erziehungswesen aus. Zwischen 1850 und 1908 wurden fünf Gesetze zur Ausgestaltung der Primarschule verabschiedet. Das Gesetz über die Industrieschulen von 1853 gab den Anstoss für den Aufbau der Sekundar- und höheren Schulen, die in den nächsten Jahrzehnten ständig verbessert wurden. Damit einher ging um die Jahrhundertwende die Errichtung zahlreicher Schulgebäude in den Dörfern und Städten. 1873 wurde in Neuenburg das kantonale Gymnasium eröffnet (seit 1997 Lycée Denis-de-Rougemont, ihm angeschlossen das Gymnasium von Fleurier), 1900 das Gymnasium von La Chaux-de-Fonds, das ab 1962 ebenfalls vom Kanton geführt wurde (seit 1997 Lycée Blaise-Cendrars). 1883 entstand eine Handelsschule in Neuenburg unter der Leitung von Léopold Dubois (seit 1997 Lycée Jean-Piaget), 1890 eine weitere in La Chaux-de-Fonds (seit 1997 ebenfalls Lycée Blaise-Cendrars). Die 1866 eröffnete zweite Akademie, die bis 1872 verschiedene gymnasiale Abteilungen umfasst hatte, wurde 1909 zur Universität Neuenburg erhoben. Neuenburg erwarb sich in der Folge den Ruf einer Universitätsstadt, die man auch besuchte, um Französisch zu lernen. Folglich nahm die Zahl der Schüler- und Studentenunterkünfte zu.

Im Bereich der Berufsbildung ergriffen die politischen Behörden und Berufsverbände verschiedene Initiativen, was unter anderem 1885 zur Gründung der Landwirtschaftsschule Cernier führte. Die notwendig gewordene Modernisierung innerhalb der Uhrenbranche offenbarte Ausbildungslücken am Arbeitsplatz, worauf 1851 in Fleurier, 1865 in La Chaux-de-Fonds, 1868 in Le Locle und 1871 in Neuenburg Uhrmacherschulen eröffnet wurden. Nach zögerlichen Anfängen stieg die Zahl der Schüler, die Palette der Unterrichtsfächer wurde erweitert und der Stoff vertieft. Ab den 1880er Jahren hielt die Mechanisierung im Unterricht Einzug und entfaltete eine eigene Dynamik. In der Zwischenkriegszeit gelangten der Taylorismus und die Rationalisierung als neue Themen ins Unterrichtsprogramm. Auf Grund der Wirtschaftskrise schlossen sich 1932 die Technika von La Chaux-de-Fonds (1893 gegründet) und Le Locle (1903 gegründet) zum Neuenburger Technikum zusammen. Dieser Schritt half mit, die strukturellen Ursachen der hohen Arbeitslosigkeit zu beheben. Entsprechend der neuen Herausforderungen wurden die Berufsschulen in den folgenden Jahrzehnten laufend ausgebaut. In den 1990er Jahren kam es vor allem mit der Schaffung der Fachhochschule Westschweiz zu Zusammenlegungen und Neugründungen, um den hohen Ausbildungsstandard der Region zu halten.

Kultur- und Vereinsleben

In der 2. Hälfte des 19. Jahrhunderts führte die in der Verfassung von 1848 garantierte Pressefreiheit zur Bildung einer reichen Zeitungslandschaft. Allein in den Montagnes entstanden zwischen 1848 und 1914 gegen dreissig Titel, darunter Le National suisse, La Sentinelle und L'Impartial (1999 Fusion mit L'Express). Die Presse diente der Verbreitung politischer Ideen und bereicherte die Kultur. Dank ihr setzte sich die in Neuenburg fest verankerte Tradition des Lesens fort. Anfang des 21. Jahrhunderts hat die Presse gegenüber den neuen Medien, dem Neuenburger Lokalradio RTN (1984 gegründet) und dem Lokalfernsehsender Canal Alpha (1987 gegründet), an Bedeutung verloren.

Das einst angesehene Neuenburger Verlagswesen erlebte Anfang des 20. Jahrhunderts eine Renaissance. Verlagshäuser wie Delachaux & Niestlé, La Baconnière (1927 von Hermann Hauser gegründet), Ides et Calendes (1941 von Fred Uhler gegründet) und Editions Gilles Attinger (1979 gegründet) veröffentlichten Werke Neuenburger Autoren aus Literatur, Wissenschaft und Kunst. Das Beispiel von Blaise Cendrars zeigt jedoch, dass es Schriftstellern und Intellektuellen mitunter schwer fiel, sich in der Heimat durchzusetzen. Bezeichnenderweise gelten die zugezogenen Friedrich Dürrenmatt und Agota Kristof als die berühmtesten "Neuenburger" Autoren.

Zu den älteren, noch existierenden Einrichtungen wie dem ehemaligen Stadttheater in Neuenburg oder dem Theater von La Chaux-de-Fonds kamen neue Spielstätten hinzu: 1968 liess sich das Théâtre populaire romand nach langjährigem Suchen in La Chaux-de-Fonds (Beau-Site) nieder, 2000 begann in der Stadt Neuenburg das neue Théâtre du passage mit seinem Programm. Kleinere und häufig ausserhalb der Zentren gelegene Bühnen stehen dem Laientheater zur Verfügung. Ausserdem findet im Kanton eine Reihe von angesehenen Festivals (Marionetten, Strassenkunst, Musik, Film) statt. 2002 war die Stadt Neuenburg ein Standort der Schweizerischen Landesausstellung.

Das Musikleben erfuhr im 19. Jahrhundert dank dem Engagement von Louis Kurz, der in Neuenburg unter anderem 1858 die Musikgesellschaft und 1873 die Chorgesellschaft gründete, einen beachtlichen Aufschwung. In La Chaux-de-Fonds ragte das Odéon-Orchester unter der Leitung von Georges Pantillon und Charles Faller hervor, und 1955 baute hier die Association Musica einen Musiksaal von hoher Qualität, in dem namhafte Musiker Aufnahmen machten. In Neuenburg boten ab 1917 das Konservatorium, in La Chaux-de-Fonds ab 1924 das Collège musical und ab 1931 das von Charles Faller initiierte Konservatorium ihre Ausbildungsgänge an. Die beiden Konservatorien gingen 1982 an den Kanton über, während die berufliche Ausbildung seit 2008 der Genfer Musikfachhochschule angegliedert ist.

Plakat für eine 1986–1987 im Musée d'ethnographie gezeigte Ausstellung über das Böse und den Schmerz (Schweizerische Nationalbibliothek, Bern).
Plakat für eine 1986–1987 im Musée d'ethnographie gezeigte Ausstellung über das Böse und den Schmerz (Schweizerische Nationalbibliothek, Bern). […]
Plakat für die Ausstellung 1291–1991, L'homme et le temps en Suisse im Musée international d'horlogerie in La Chaux-de-Fonds (Schweizerische Nationalbibliothek, Bern).
Plakat für die Ausstellung 1291–1991, L'homme et le temps en Suisse im Musée international d'horlogerie in La Chaux-de-Fonds (Schweizerische Nationalbibliothek, Bern). […]

Im Kanton Neuenburg befindet sich eine Reihe von Museen: als einziges kantonales Museum das Archäologiemuseum Laténium in Hauterive, ausserdem das Musée international d'horlogerie in La Chaux-de-Fonds, das Uhrenmuseum Château des Monts in Le Locle, das Völkerkundemuseum in Neuenburg, die naturhistorischen Museen in Neuenburg und La Chaux-de-Fonds, das Museum für Kunst und Geschichte in Neuenburg sowie die Kunstmuseen in La Chaux-de-Fonds und Le Locle. Die drei Kunstmuseen stellen Werke von Vertretern der wichtigsten Kunstrichtungen des 19. und 20. Jahrhunderts aus, unter anderem von Maximilien de Meuron, Léopold Robert und Gustave Jeanneret. Die prägende Persönlichkeit zu Beginn des 20. Jahrhunderts war Charles L'Eplattenier, Direktor der Kunstschule in La Chaux-de-Fonds und Lehrer von Le Corbusier. Er führte in dieser Stadt den sogenannten Style sapin ein, eine am Jugendstil orientierte, aber an die jurassische Landschaft angepasste Ausprägung. Die an der Kunstschule unterrichtete Gravierkunst zur Verzierung der Taschenuhren besass ebenfalls einen nicht zu unterschätzenden Stellenwert, weil diese Technik zahlreiche Künstler beeinflusste. Die Kunstschule besuchten zudem die Bildhauer Léon Perrin, Paulo Röthlisberger und André Ramseyer, die dem Kanton bedeutende Werke hinterliessen.

Das gesellschaftliche Leben im Kanton Neuenburg zeichnet sich durch ein dichtes Angebot von Clubs und Vereinen (u.a. Blasmusik, Chöre, Ortsvereine, philanthropische Vereinigungen) aus. Sie stillten das für industrialisierte Gesellschaften charakteristische Bedürfnis nach Geselligkeit. Eine Neuenburger Besonderheit stellten die Zirkel dar, die bis Ende des 20. Jahrhunderts das Nachtleben bereicherten. Diese ursprünglich politischen Einrichtungen waren nicht einfach nur nachts geöffnete Cafés und Restaurants, sondern vor allem Treffpunkte und Clubs mit Bibliotheken, in denen Zeitungen gelesen wurden. Jede Partei und fast jedes Dorf hatte seinen Zirkel, der Raum für gesellschaftliche Aktivitäten bot.

Quellen und Literatur

  • Archives de l'Etat de Neuchâtel
  • Archives de la Ville de Neuchâtel
  • Bibliothèque publique et universitaire de Neuchâtel
  • Bibliothèque de la ville de La Chaux-de-Fonds
  • Monuments de l'histoire de Neuchâtel, hg. von G.-A. Matile, 3 Bde., 1844-1848
  • Documents inédits sur la Réformation dans le Pays de Neuchâtel, hg. von A. Piaget, 1909
  • Traités d'alliance et de combourgeoisie de Neuchâtel avec les villes et cantons suisses, 1290-1815, hg. von J. Jeanjaquet, 1923
  • Sammlung Schweizerischer Rechtsquellen NE, 1982
  • Historiografie
  • Die Anfänge der Neuenburger Geschichtsschreibung reichen in das frühe 14. Jahrhundert zurück. Es handelt sich dabei um Annalen, die wichtige Ereignisse aus rein dynastischer Sicht darstellen. Neben der anonymen Chronik über die Burgunderkriege "Entreprises du duc de Bourgogne contre les Suisses" (Ende 15. Jh.) brachte die Neuenburger Historiografie vor dem 18. Jahrhundert kein nennenswertes Werk hervor. Danach setzte Jonas Boyve die Tradition des Annalenschreibens fort und perfektionierte sie mit seinen "Annales historiques du comté du Neuchâtel et Valangin depuis Jules César jusqu'en 1722" (verfasst 1708-1727, doch erst 1854-1861 in 5 Bänden publiziert). Sie stützen sich grösstenteils auf Originalquellen. Die politischen Auseinandersetzungen des 19. Jahrhunderts erschwerten den unverkrampften Zugang zur Neuenburger Geschichte. Zwischen 1830 und 1860 diente die Geschichtsschreibung Republikanern und Monarchisten als Mittel zur Austragung ihrer Konflikte. Aus dieser bewegten Zeit sticht das Werk von Georges-Auguste Matile hervor, einem der wichtigsten Förderer der ersten Akademie und Vertreter der konservativen Strömung der historischen Rechtsschule. Seine "Histoire des institutions judiciaires et législatives de la principauté de Neuchâtel et Valangin" (1838) erneuerte die Institutionengeschichte grundsätzlich, während seine "Monuments de l'histoire de Neuchâtel" (1844-1848) eine wertvolle Sammlung mittelalterlicher Quellen bieten. Unter die klassischen Werke der Neuenburger Geschichtsschreibung reihten sich danach die "Histoire de Neuchâtel et Valangin jusqu'à l'avènement de la maison de Prusse" von Frédéric de Chambrier (verfasst in den 1810er Jahren, publiziert 1840), die "Description topographique et économique de la mairie de Neuchâtel" (1840) von Samuel de Chambrier und die "Histoire de Neuchâtel et Valangin de 1707 à 1806" (1846) von Charles Godefroi de Tribolet ein, die sich als Fortsetzung des Werks von Frédéric de Chambrier verstand. Diese Autoren legten den Grundstein zu einer allgemeinen, heute noch brauchbaren Neuenburger Geschichtsschreibung. Einen Wendepunkt stellte die gleichzeitige Gründung der Société d'histoire et d'archéologie des Kantons Neuenburg und deren Zeitschrift "Musée neuchâtelois" (ab 1997 "Revue historique neuchâteloise") 1864 dar. Nun wurden die Ereignis- und Rechtsgeschichte von einer als eher konsensfähig empfundenen, in pittoresk-deskriptivem Stil gehaltenen Geschichtsschreibung verdrängt. Die erhabene Darstellung des Neuenburger Landes von der Vorgeschichte bis zur Moderne, von Alltagsleben, Sitten und Bräuchen war wie geschaffen, die Gemüter zu beruhigen. Diese Art von identitätsstiftender Geschichte findet sich besonders ausgeprägt in "Le canton de Neuchâtel" (6 Bde., 1893-1925) von Edouard Quartier-la-Tente. Nach der Jahrhundertwende passte sich die Neuenburger Geschichtsschreibung in methodischer Hinsicht allmählich modernen wissenschaftlichen Ansprüchen an. Deren wichtigster Begründer, Arthur Piaget, entlarvte die "Chronique des chanoines", auf die sich zahlreiche Arbeiten gestützt hatten, als Fälschung des 18. Jahrhunderts. Mit seiner "Histoire de la Révolution neuchâteloise" (5 Bde., 1909-1931) brach er ein thematisches Tabu. In der ruhigeren 2. Hälfte des 20. Jahrhunderts entstanden allgemeine Arbeiten wie das "Panorama de l'histoire neuchâteloise" von Jean Courvoisier (1963, durchgesehene und erweiterte Auflagen 1972 und 1978) und die Sammelbände "Histoire du Pays de Neuchâtel" (1989-1993).
Reihen und Bibliografien
  • Le véritable messager boiteux de Neuchâtel pour l'an...1805-1962
  • Musée neuchâtelois, 1864-1996 (ab 1997 Revue historique neuchâteloise)
  • Revue neuchâteloise, 1957-1983 (seit 1984 Nouvelle revue neuchâteloise)
  • A. Froidevaux, Bibliographie neuchâteloise, 1990-
Allgemeines
  • E. Demole, W. Wavre, Histoire monétaire de Neuchâtel, 1939
  • L. Jéquier, Armorial neuchâtelois, 2 Bde., 1939-1944
  • Monuments d'art et d'histoire du canton de Neuchâtel, 3 Bde., 1955-1968
  • L. Montandon et al., Neuchâtel et la Suisse, 1969
  • R. Scheurer et al., Histoire du Conseil d'Etat neuchâtelois, 1987
  • Histoire du Pays de Neuchâtel, 3 Bde., 1989-1993
  • Biographies neuchâteloises, 1996-2008
Urzeit und Antike
  • Helvetia archaeologica 43/44, 1980
  • Archäologie der Schweiz 7, 1984; 25, 2002
  • Archéologie neuchâteloise, 1986-
  • Die Schweiz vom Paläolithikum bis zum frühen Mittelalter, 6 Bde., 1993-2005
Frühmittelalter
  • H. Miéville, «Noms de lieux et peuplement dans le canton de Neuchâtel», in Paysages découverts 2, 1993, 173-189
  • J. Bujard, «Les églises du haut Moyen Age dans l'arc jurassien», in ZAK 59, 2002, 207-214
  • J. Bujard, J.-D. Morerod, «Colombier NE, de la "villa" au château», in De l'Antiquité tardive au haut Moyen Age (300-800), hg. von R. Windler, M. Fuchs, 2002, 49-57
  • G. Graenert, «Romans entre lac et Jura: le haut Moyen Age dans le canton de Neuchâtel», in RHN, 2003, 63-81
Vom Mittelalter bis 1848
  • A. Piaget, Histoire de la Révolution neuchâteloise, 5 Bde., 1909-1931
  • J. Courvoisier, Le maréchal Berthier et sa Principauté de Neuchâtel (1806-1814), 1959
  • F. Loew, Le système des échanges à Neuchâtel au XVe siècle, 1966
  • G. Berger-Locher, Neuchâtel sous l'occupation des douze cantons 1512-1529, 1975
  • M. de Tribolet, «La fondation du prieuré de Corcelles et les origines de la maison de Neuchâtel (1092)», in Publication du Centre européen d'études burgundo-médianes 17, 1976, 33-41
  • P. Henry, Crime, justice et société dans la Principauté de Neuchâtel au XVIIIe siècle (1707-1806), 1984
  • La Révolution dans la montagne jurassienne (Franche-Comté et pays de Neuchâtel), hg. von A. Bandelier, J.-M. Barrelet, 1989
  • J. Courvoisier, «La formation du territoire neuchâtelois», in La formation territoriale des cantons romands, hg. von L. Hubler, 1989, 41-51
  • J.-P. Jelmini, 12 septembre 1814… et Neuchâtel devint suisse, 1989
  • M. de Tribolet, Dépendance et profit seigneurial: société d'ordres et économie domaniale dans les anciennes possessions des comtes de Neuchâtel, 1990
  • A. Bachmann, Die preussische Sukzession in Neuchâtel, 1993
  • T. Christ, «Horlogers, artisans, servantes: modalités de la présence jurassienne dans la Principauté de Neuchâtel à la fin du XVIIIe siècle», in Actes de la Société jurassienne d'émulation, 1996, 211-228
  • P. Henry, «Les relations politiques entre Neuchâtel et Berlin au XVIIIe siècle», in Schweizer im Berlin des 18. Jahrhunderts, hg. von M. Fontius, H. Holzhey, 1996, 33-44
  • D. Queloz, La défense du Comté de Neuchâtel durant la guerre de Trente Ans, 1998
  • Conservatisme, réformisme et contestation: aux origines de la Révolution neuchâteloise de 1848, hg. von P. Henry, 1999
  • R. Scheurer, «Henri II d'Orléans-Longueville, les Suisses et le comté de Neuchâtel à la fin de la guerre de Trente Ans», in 1648: Die Schweiz und Europa, hg. von M. Jorio, 1999, 99-109
  • G. Bischoff, «La "langue de Bourgogne": esquisse d'une histoire politique du français et de l'allemand dans les pays de l'entre-deux», in Entre Royaume et Empire: frontières, rivalités, modèles, hg. von J.M. Cauchies, 2002, 101-118
  • R. Scheurer, «Entre Espagne, France et Neuchâtel: le château de Joux au milieu du XVIIe siècle», in Terres d'Alsace, chemins de l'Europe, hg. von D. Dinet, F. Igersheim, 2003, 489-503
  • J.-P. Jelmini, Fausses Lettres, vraies nouvelles, 2004
  • J.-D. Morerod, «Comment fonder une principauté d'Empire? Les signes manifestes du pouvoir comtal à Neuchâtel», in La Suisse occidentale et l'Empire, hg. von J.-D. Morerod et al., 2004, 137-163
  • Le rayonnement d'une maison d'édition dans l'Europe des Lumières: la Société typographique de Neuchâtel, 1769-1789, hg. von R. Darnton, M. Schlup, 2005
  • Sujets ou citoyens?: Neuchâtel avant la Révolution de 1848, hg. von P. Henry, J.-M. Barrelet, 2005
  • L. Bartolini, Une résistance à la Réforme dans le pays de Neuchâtel: Le Landeron et sa région (1530-1562), 2006
  • J. Bujard, C. de Reynier, «Les châteaux et les villes du Pays de Neuchâtel au Moyen Age», in Mittelalter: Zeitschrift des Schweizerischen Burgenvereins 11, 2006, 69-102
  • M. Evard, Toiles peintes neuchâteloises, 2006
Von 1848 bis zum Anfang des 21. Jahrhunderts
  • C. Thomann, Le mouvement anarchiste dans les Montagnes neuchâteloises et le Jura bernois, 1947
  • J.-J. Schumacher, Partis politiques neuchâtelois et interventionnisme fédéral en matière économique (1874-1978), 1980
  • A. Jeanneret, Le pays de Neuchâtel et l'aménagement du territoire, 1981
  • A. Montandon, Politique hospitalière neuchâteloise, 1984
  • Histoire de l'Université de Neuchâtel, 3 Bde., 1988-2002
  • M. Evard, A bonne école: éducation, instruction et formation des potaches sous la République, 1992
  • J.-P. Jelmini et al., L'art neuchâtelois, 1992
  • M. Perrenoud, «Crises horlogères et interventions étatiques: le cas de la Banque cantonale neuchâteloise pendant l'entre-deux-guerres», in Banken und Kredit in der Schweiz (1850-1930), hg. von Y. Cassis, J. Tanner, 1993, 209-240
  • M. Perrenoud, «Entre la charité et la révolution: les Comités de chômeurs face aux politiques de lutte contre le chômage dans le canton de Neuchâtel lors de la crise des années 1930», in Pour une histoire des gens sans histoire, hg. von J. Batou et al., 1995, 105-120
  • Y. Froidevaux, «Mobilité spatiale, immigration et croissance démographique: le Pays de Neuchâtel, 1750-1914», in Schweizerische Zeitschrift für Geschichte 49, 1999, 64-86
  • Neuchâtel, la Suisse, l'Europe: 1848-1998, hg. von J.-M. Barrelet, P. Henry, 2000
  • T. Christ, S. Riard, Du réduit communal à l'espace national: le statut des étrangers dans le Canton de Neuchâtel 1750-1914, 2000
  • M. Perrenoud, «Face aux guerres et pour la paix: socialisme et pacifisme dans le canton de Neuchâtel (1929-1939)», in Guerres et paix, hg. von M. Porret et al., 2000, 485-501
  • M. Perrenoud, «Attitudes suisses face aux réfugiés du national-socialisme: la politique de la Confédération et le canton de Neuchâtel», in Actes de la Société jurassienne d'émulation, 2002, 272-288
  • C. Stawarz, La paix à l'épreuve: La Chaux-de-Fonds, 1880-1914: une cité horlogère au cœur du pacifisme international, 2002
  • N.-L. Perret, Croyant et citoyen dans un Etat moderne: la douloureuse négociation des églises issues de la Réforme à Neuchâtel: 1848-1943, 2006
  • J. Boillat, Une ligne à travers les Montagnes: la première compagnie de chemin de fer du Locle à Neuchâtel, 2007
  • P.-Y. Donzé, Les patrons horlogers de La Chaux-de-Fonds, 2007
  • A. Burki, L. Ebel, "A l'heure des petites mains…": l'embauche d'ouvrières italiennes, 2008
  • A. Joseph, Neuchâtel, un canton en images: filmographie, 2008-
  • T. Christ, Pauvreté, mendicité et assistance publique dans le pays de Neuchâtel, 1773-1888, Dissertation Neuenburg 2009
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