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Appenzell Ausserrhoden

Wappen des Kantons Appenzell Ausserrhoden
Wappen des Kantons Appenzell Ausserrhoden […]
Oro- und hydrografische Karte des Kantons Appenzell Ausserrhoden mit den wichtigsten Ortschaften
Oro- und hydrografische Karte des Kantons Appenzell Ausserrhoden mit den wichtigsten Ortschaften […]

Bis 1597 mit Appenzell Innerrhoden Teil des gemeinsamen Landes Appenzell (Kanton), seit 8. September 1597 Halbkanton der Eidgenossenschaft unter der Bezeichnung "Land Appenzell der äussern Rhoden". Amtlicher Name seit 1835 "Kanton Appenzell Ausserrhoden", französisch Appenzell Rhodes-Extérieures, italienisch Appenzello Esterno, rätoromanisch Appenzell dador. Amtssprache ist Deutsch. Wie ihre Vorläufer nennt die geltende Kantonsverfassung (1995) keinen Hauptort. Herisau ist Sitz von Kantonsrat, Regierungsrat und Zentralverwaltung. Sämtliche Gerichtsbehörden sowie die Justiz- und Polizeidirektion befinden sich in Trogen. Die 1858 eingeführte Gliederung in die drei Bezirke Vorderland, Mittelland und Hinterland wurde 1995 abgeschafft.

Struktur der Bodennutzung im Kanton Appenzell Ausserrhoden

Fläche (1997)242,9 km2 
Wald / bestockte Fläche82,8 km234,1%
Landwirtschaftliche Nutzfläche136,3 km256,1%
Siedlungsfläche20,4 km28,4%
Unproduktive Fläche3,3 km21,4%
 Struktur der Bodennutzung im Kanton Appenzell Ausserrhoden - Arealstatistik der Schweiz

Bevölkerungs- und Wirtschaftsstruktur des Kantons Appenzell Ausserrhoden 1850-1995

Jahr 1850190019501990
Einwohner 43 62155 28147 93852 229
Anteil an der Gesamtbevölkerung der Schweiz1,8%1,7%1,0%0,8%
SpracheDeutsch 54 57946 70946 269
 Französisch  777 209 178
 Italienisch  559 7211 508
 Rätoromanisch    32   86   91
 Andere    34 2134 183
KonfessionProtestantisch42 74649 79739 74830 635
 Katholisch (bis 1900 inkl. Christkatholisch) 8755 4187 79416 338
 Christkatholisch     92   47
 Israelitisch     0   31   44   19
 Andere und konfessionslos   29   35 2603 532
 davon konfessionslos   2 269
NationalitätSchweizer43 16952 64345 81344 619
 Ausländer 4522 6382 1257 610
Jahr 1905193919651995
Beschäftigte im Kt.1. Sektor6 3608 8492 8122 385a
 2. Sektor22 8468 3179 8578 448
 3. Sektor4 05415 3396 38912 165
Jahr 1965197519851995
Anteil am Schweiz. Volkseinkommen0,7%0,7%0,6%0,6%

a Zahl aus Landwirtschaftl. Betriebszählung 1996

Bevölkerungs- und Wirtschaftsstruktur des Kantons Appenzell Ausserrhoden 1850-1995 -  Bundesamt für Statistik; Bundesamt für Landwirtschaft; Historische Statistik der Schweiz

Von der Landteilung zur Helvetik (1597-1798)

Staat und Verwaltung

Im Gefolge des von eidgenössischen Boten vermittelten Landteilungsbriefes vom 8. September 1597 organisierten sich die äussern Rhoden Appenzells gemeinsam als selbstständiges Staatsgebilde. Der neue Stand umfasste die Territorien der sechs Grossrhoden Urnäsch, Herisau, Hundwil, Teufen, Trogen und Gais. Er grenzte im Norden an das Territorium der Fürstabtei St. Gallen, im Westen an das ebenfalls unter äbtischer Oberherrschaft stehende Toggenburg, im Süden an das Land Appenzell Innerrhoden und im Osten an die eidgenössische Vogtei Rheintal. Zwischen 1598 und 1666 wurden der im 15. Jahrhundert vereinbarte Grenzverlauf gegen das Hoheitsgebiet der Abtei St. Gallen sowie die Grenzen gegen das Rheintal definitiv geregelt. Komplexer gestaltete sich die territoriale Ausscheidung zwischen den beiden Appenzell. Lange Zeit unklar blieben die Rechtsstellung der zwei in Appenzell Ausserrhoden gelegenen Frauenklöster Wonnenstein und Grimmenstein, die Verhältnisse in Oberegg (AI) und Reute (AR) sowie der Status der exemten Güter, d.h. jener Liegenschaften, die sich in der Hand Auswärtiger bzw. Angehöriger der jeweiligen konfessionellen Minderheit befanden. Bis 1851 bzw. 1870 waren im Grenzbereich die Territorialverhältnisse bei Stechlenegg (Hundwil) sowie im Mittel- und Vorderland von einem durch die Gütergrenzen bestimmten Nebeneinander von evangelisch-ausserrhodischen und katholisch-innerrhodischen Liegenschaften geprägt. Dennoch wies der Halbkanton zur Hauptsache ein geschlossenes Gebiet und eine konfessionell sowie ständisch einheitliche Bevölkerung auf. So kam die politische und rechtliche Konstituierung zügig voran.

In der Rechtspflege wurden meist unverändert die Bestimmungen des Silbernen Landbuchs von 1585 übernommen. Wohl um 1600 erfolgte die Niederschrift eines Ausserrhoder Landbuchs (Revisionen 1615, 1632, 1747). Die Rechtspraxis verharrte in alten Traditionen. Mehr als ein Drittel der von 1598 bis 1798 gefällten Todesurteile betrafen Hexerei (22) und Sodomie (50). Als zentrale Institution unbestritten war die Landsgemeinde. Ähnlich wie in Innerrhoden präsentierte sich um 1600 das Rätesystem: Zweifacher Landrat oder "Neu- und Alt-Rät", Grosser oder Gebotener Rat, Kleiner Rat oder Wochenrat, Geschworenen- und Gassengericht (Bussengericht für kleinere Übertretungen). Probleme bereitete die Wahl des Hauptortes. Da keine der Rhoden durch Grösse oder Wirtschaftskraft den Vorrang beanspruchen konnte, rivalisierten mehrere der im Spätmittelalter konstituierten und selbstbewusst agierenden Gemeindeverbände um diese Ehre. Das zentral gelegene Trogen schwang obenaus und erhielt mit Beschluss vom 22. November 1597 Rathaus, Stock und Galgen zugesprochen. Fortan wurden sämtliche Malefizprozesse im dortigen neuen Rathaus abgehalten, wo sich neben dem Ratsaal auch Gefängniszellen, Landschreiberstube, Verhörzimmer, Archiv und Landweibelwohnung befanden. An den Dorfeingang kamen die Hinrichtungsstätten und das Siechenhaus (bis 1795 Krankenanstalt) zu liegen. Erst die Bestimmung Herisaus zum Sitzungsort von Regierung und Parlament (1876) beraubte Trogen eines Grossteils seiner Hauptortsfunktionen.

Das 17. und 18. Jahrhundert standen im Zeichen von Gemeindebildungen. Dieser Prozess bewirkte einerseits die Auftrennung der Grossrhoden, andererseits lösten sich die neuen Vorderländer Gemeinden (ausser Lutzenberg) von den Rheintaler Mutterkirchen ab. Zwischen 1648 und 1749 entwickelten sich, ausgehend von früh entstandenen Teilrhoden und Nachbarschaften, autonome, als "Kirchhören" bezeichnete Einheitsgemeinden mit grosser Kompetenzfülle. Deren Leitung oblag "Hauptleut' und Räth", d.h. je einem regierenden und einem stillstehenden Gemeindehauptmann und ihren Miträten. Je nach Grösse und Bedeutung einer Gemeinde umfassten diese mit Weisungs-, Exekutiv- und Gerichtsgewalt ausgestatteten Vorsteherschaften 6-24 Mitglieder, die zugleich das Personal der Kantonsbehörden stellten.

Die seit der Landteilungszeit bestehende Animosität der Rhoden vor und hinter der Sitter führte 1647 zur Schaffung eines bis 1858 bestehenden Doppelregiments. Mit Ausnahme der Schreiber- und Weibelstellen wurden alle Landesämter zweifach besetzt und für beide Landesteile je ein Kleiner Rat (10-20 Personen) bestellt. Die je fünf Landesbeamten wechselten sich im Turnus als regierende bzw. stillstehende Landeshäupter ab. Das Regiment führten der Zweifache Landrat (87-100 Personen) als höchste Ratsversammlung mit Wahl- und Satzungsgewalt sowie der Grosse Rat (30-37 Mitglieder) als oberste richterliche Instanz und Exekutivorgan zur Besorgung der laufenden Geschäfte. Im 18. Jahrhundert setzte sich der Grosse Rat zusammen aus den zehn Landesbeamten, den zwei Bauherren, dem Siechenpfleger, den regierenden Gemeindehauptleuten, dem Landweibel und dem Landschreiber. Er kam meist mehrmals jährlich in Trogen und in Herisau sowie jedes zweite Jahr einmal in Hundwil zusammen; die jährliche Rechnungsablage fand jeweils am Wohnort des regierenden Landammanns statt. Die Kleinen Räte, bestehend aus zwei Landesbeamten und mehreren Klein- und Gemeinderäten, beurteilten niedere Straf- und Zivilfälle. Der Kleine Rat vor der Sitter tagte stets in Trogen, derjenige hinter der Sitter abwechselnd in Herisau, Hundwil und Urnäsch. Der Graben zwischen beiden Landesteilen vertiefte sich nach 1714 im Gefolge des für Appenzell Ausserrhoden unergiebigen Rorschacher Friedens und weitete sich in den 1730er Jahren zum sogenannten Landhandel aus. Im Kampf um Räteregiment und Geheimpolitik contra Demokratie und Öffentlichkeit standen sich die "Linden" und die letztlich siegreiche Partei der "Harten" gegenüber. Diese schwerste innenpolitische Auseinandersetzung führte zu personellen Umbesetzungen im Regiment, zur Stärkung der hinterländischen Position und zu Strafaktionen gegen die Unterlegenen, änderte aber nichts am demokratisch-oligarchischen Doppelcharakter des Staatswesens.

Durch offene Wahlen auf Kantons- bzw. Gemeindeebene erfolgte die Bestellung der Landesbeamten und Räte, deren Regiment aber durchaus autoritäre Züge trug. Die im Laufe des 17. Jahrhunderts zahlenmässig reduzierten Ratsversammlungen fällten die Sachentscheide meist ohne Beizug der Stimmbürgerschaft. Das Initiativrecht der Landsgemeinde blieb erhalten, wurde aber infolge rigoroser Reglementierung nur in wenigen Fällen ausgeübt. Kantonale und kommunale Behörden waren vielfältig verflochten: Sowohl in den Kleinen Räten wie auch im Grossen Rat dominierten die Vertreter der Gemeinden. Die kommunalen Ratsversammlungen wurden durch einen ortsansässigen Landesbeamten präsidiert. Die Gemeindehauptleute stellten zwei Drittel der Grossratsmitglieder und standen an der Landsgemeinde auf einem reservierten Platz. Das Anliegen einer ausgeglichenen Vertretung der Landesteile sorgte trotz des Übergewichts von Trogen und Herisau für eine personell weite Streuung. Wie schon im 17. Jahrhundert bestimmten jedoch auf Gemeindeebene bis zur Revolution zumeist wenige Familien das Geschehen. Einzelne Geschlechter waren über Generationen hinweg im Rat vertreten.

Das politische System Appenzell Ausserrhodens um 1750
Das politische System Appenzell Ausserrhodens um 1750 […]

Der Staatshaushalt nahm sich entsprechend dem kleinen Aufgabenkreis bescheiden aus und schloss meist mit einem Überschuss ab. Das zinstragende Staatsvermögen stieg von 1603 bis 1687 um das elffache auf über 137'495 Gulden an. Da vom Kanton weder Steuern noch Zölle erhoben wurden, stellten Bussen, Pensionen, Kapitaleinkünfte und Abzugsgebühren die Haupteinnahmen dar. Die über eigene Kapitalfonds und Finanzquellen verfügenden Gemeinden gewannen als öffentliche Leistungsträger sukzessive an Bedeutung. Das Land hatte regelmässige Verpflichtungen für Militär, Brückenbau und Siechenpflege, während die Gemeinden für Schule, Kirche und Fürsorge zuständig waren. In der Verbrauchsrechnung beanspruchten die vielfältigen Entschädigungen an Amtsträger sowie der verwaltungsbezogene Sachaufwand rund die Hälfte aller Staatsauslagen.

Das Militärwesen galt zwar als Staatsaufgabe, doch auch hier waren kommunale Mitverantwortung und private Initiative von grosser Bedeutung. Die Obrigkeit formierte bei Gefahr einen Kriegsrat, fixierte die Kriegsordnung, organisierte Hochwachten und Musterungen, bestellte die Führung der Auszugskompanien und wählte ab 1656 zwei Landmajore. Neben den ordentlichen Auszugs- und Reservekompanien bestanden im 18. Jahrhundert mehrere private Freikorps.

Innerhalb der Eidgenossenschaft agierte Appenzell Ausserrhoden in enger Verbindung mit den evangelischen Orten und insbesondere in Anlehnung an Zürich. Im Rahmen der Tagsatzungen, an der die geteilte Stimme der beiden Appenzell infolge ihrer meist gegensätzlichen Positionen kaum je zum Tragen kam, konnten Ausserrhoder Gesandte zuweilen als Konfliktvermittler Ansehen erlangen. Als mitregierender Ort der Herrschaft Rheintal stellte Appenzell Ausserrhoden 1597-1798 sechs Landvögte. Der Einfluss des peripher gelegenen, als Machtfaktor unwichtigen und weitgehend neutralisierten Appenzellerlandes auf die eidgenössische Politik war gering. Nachbarschaftliche Probleme mit Innerrhoden sowie mit der Stadt und der Fürstabtei St. Gallen konnten meist eigenständig durch Verträge gelöst werden. Bündnismässig bestand lange eine exklusive Beziehung zu Frankreich. Erst ab 1690 waren Solddienste für andere Staaten zugelassen (Holland, Preussen, Österreich, England, Sardinien).

Bevölkerung, Wirtschaft und Gesellschaft

Um 1800 war Appenzell Ausserrhoden der dichtest besiedelte Schweizer Kanton. Von 1597 bis 1794 hatte sich die Bevölkerung von 19'000 auf 39'000 Einwohner verdoppelt. Bereits im 16. Jahrhundert war trotz mehrerer Pestzüge eine markante Bevölkerungszunahme erfolgt, wobei sich das Schwergewicht der Ausserrhoder Bevölkerung von den Gemeinden hinter der Sitter auf jene davor verlagerte. Nach den Pesteinbrüchen (1611-1635) konnten die Verluste dank hoher Geburtenüberschüsse bis gegen 1660 aufgefangen werden. Darauf folgte zwischen 1667 und 1734 parallel zum Aufschwung des Leinwandgewerbes ein aussergewöhnlicher Populationsschub mit durchschnittlichen jährlichen Wachstumsraten von 8,3 Promille. Abgebremst von schlechten Jahren um 1740 sowie von der Hungersnot von 1771 ergab sich für die Periode 1734-1794 trotz eines durch das Baumwollgewerbe beschleunigten Wachstums nur eine mittlere jährliche Zunahme von 2,2 Promille. Dieser von den meisten Regionen der Schweiz abweichende demografische Verlauf mit frühzeitig beschleunigtem Wachstum im 17. und 18. Jahrhundert ist im Wesentlichen auf die Protoindustrialisierung zurückzuführen. Damit einher ging ab 1700 eine Zunahme der Binnenmobilität, die zur Folge hatte, dass in einzelnen Kommunen der Anteil der Nicht-Gemeindebürger (sog. Beisässen) bereits um 1800 30% erreichte. Demgegenüber blieb die Zuwanderung von Kantonsfremden bescheiden. Sie waren vom Gütererwerb ausgeschlossen und konnten nur gegen hohe Gebühren das Landrecht erwerben. Einzig in Krisenzeiten kam es zu Auswanderungswellen, die mit Ausnahme des Amerikazugs von 1736 vor allem in die deutschsprachigen Gebiete zwischen Elsass und Preussen zielten.

Im Ancien Régime war Appenzell Ausserrhoden Teil einer Wirtschaftsregion, welche die Städte und Länder um den Bodensee einschloss und sich durch Verflechtung und Arbeitsteilung auszeichnete. Da nach der im 16. Jahrhundert erfolgten Ablösung der Grund- und Personallasten keine feudalherrlichen Abhängigkeiten mehr bestanden und weder Binnenzölle, Steuerlasten oder Niederlassungsbeschränkungen für Landleute (Kantonsbürger), noch namhafte Reglementierungen in Gewerbe oder Landwirtschaft üblich waren, erwiesen sich die inneren Voraussetzungen zur Frühindustrialisierung als überaus günstig. Hinzu kam als wichtiger Faktor die Nähe zur Handelsstadt St. Gallen. Eine herausragende Rolle spielte im 16. und 17. Jahrhundert das lange Zeit ganz von dortigen Kaufleuten kontrollierte Leinwandgewerbe. Ab ca. 1670 gewann die Landschaft durch Produktionssteigerung, Eröffnung neuer Schauen und Aufkommen selbstständiger Verleger auf Kosten des städtischen Anteils an Gewicht. In einer weiteren Phase fand um 1740 als dynamische Ergänzung die Baumwollverarbeitung in ganz Appenzell Ausserrhoden Eingang. Dies förderte die Ausweitung der heimgewerblichen Tätigkeit, die Einbindung in das europäische Marktgeschehen und zog die Rekrutierung von Arbeitern im nahen Ausland sowie die Einführung neuer Erwerbszweige (Handstickerei/Indiennedruck) nach sich. Bis zum Auftauchen englischen Maschinengarns um 1790 basierte das einheimische Textilgewerbe fast ganz auf Hand- und Heimarbeit. In dem Masse, wie die Textilwirtschaft an Bedeutung gewann, verlor der Solddienst an Gewicht. Im Agrarbereich wurde die restliche Kornproduktion durch Graswirtschaft und Flachsanbau verdrängt, was zu grosser Abhängigkeit von Getreideeinfuhren aus Schwaben führte. Im Vorderland dominierte mit Ausnahme der Rebbaubetriebe am Kurzenberg die kleinbäuerliche Subsistenzwirtschaft. Das Hauptgewicht der früh auf Viehmast und Milchproduktion ausgerichteten und von einer spezifischen Arbeitsteilung zwischen Bauern und Sennen geprägten, kommerziellen Landwirtschaft lag im Hinterland. Dort war rund ein Drittel der Bauern in der Lage, für den Markt zu produzieren, wobei Vorarlberg als Bezugsquelle für Jungtiere und St. Gallen als Absatzmarkt für Schlachtvieh und Molkenprodukte wichtige Drehscheiben darstellten. Von einiger Bedeutung waren ferner die Salpetergewinnung sowie der Absatz von Bauholz, Pottasche und Holzkohle. Gewerbe und Handwerk, unter denen sich insbesondere Zimmerleute durch grosse Meisterschaft auszeichneten, konzentrierten sich in den im 18. Jahrhundert aufstrebenden Dorfsiedlungen. Das Angebot an Märkten und Markttagen wurde durch Zusatzbewilligungen und Neuschöpfungen wie Leinwandschauen (Trogen 1667, Herisau 1706, Speicher 1750) oder Korn- und Garnmärkte erweitert. Neue Wochen- und Jahrmärkte entstanden in Heiden (ab 1685) sowie in Teufen (ab 1728). Weitere Jahrmarktorte waren Urnäsch, Trogen, Hundwil (ab 1726), Wolfhalden/Tobel (ab 1727), Gais (ab 1754), Bühler (ab 1777) und Schwellbrunn (ab 1793). Hauptgewerbeplatz mit sieben Handwerkergesellschaften und vielen nicht organisierten Berufsleuten blieb der ab 1680 expandierende Flecken Herisau.

Entsprechend der wirtschaftlichen Entwicklung war auch die Gesellschaft Veränderungen unterworfen, wobei die jeweilige ökonomische Elite stets die massgeblichen Politiker stellte. Dominierten bis 1650 wenige im Militärgeschäft engagierte Potentaten aus Herisau, Gais, Urnäsch und Trogen, so verlagerte sich das Gewicht Ende des 17. Jahrhunderts auf die Gruppe der Leinwandkaufleute. Das Aufkommen des Baumwollgewerbes, das Neulingen als Garnfergger, Fabrikanten, Veredler und Händler Aufstiegschancen bot, begünstigte die Ausbildung einer geografisch weit gestreuten und personell stark erweiterten Elite. Am Vorabend der Helvetischen Revolution verfügte Appenzell Ausserrhoden über eine recht breite Oberklasse von weltgewandten, vermögenden und in repräsentativen Häusern wohnenden Kaufleuten und Fabrikanten. Der Oberschicht zuzurechnen waren auch wenige Grossbauern und Kleinhändler sowie Handwerksmeister und Müller, ferner vereinzelte Ärzte und Wirte. Den Mittelstand bildeten kleinere Fabrikanten, selbstständige Handwerker, Kunstgewerbler, Medizinalpersonen und Pfarrer sowie eine beträchtliche Zahl von Viehbauern mit eigenem Betrieb ("Hämet") und grösseren Viehbesitz aufweisende Sennen. Die breite, fast ausnahmslos im Textilgewerbe verwurzelte Unterschicht setzte sich an deren oberem Rand aus Kleinbauern und Professionisten (v.a. Webern) mit wenig Grundeigentum zusammen. Zur gesamthaft stärksten Gruppe am unteren Rand der Skala zählten die lediglich noch ein Häuschen besitzenden Weberfamilien, die gänzlich von Lohnarbeit abhängigen, bloss zur Miete wohnenden Heimarbeiter sowie die vielen Dienstboten in Bauern- und Bürgerhaushalten, ferner die Arbeiter der teilweise als "Fabriques" geführten Veredlungsbetriebe.

Kirche und Kultur

Im aus konfessionellen Gegensätzen hervorgegangenen Halbkanton Appenzell Ausserrhoden waren Kirche und Politik sowohl auf kommunaler als auch auf kantonaler Ebene eng verbunden. Das 1599 im Gefolge des sogenannten Tannerhandels proklamierte Selbstverständnis als einheitliches reformiertes Staatswesen wurde durch Ausweisung der altgläubigen Restbevölkerung umgesetzt und bis ins 19. Jahrhundert hinein hartnäckig verteidigt. Wie man in politischen Dingen bei Zürich um Rat und Unterstützung suchte, orientierte man sich auch in theologischen Fragen an der Zwinglistadt, die bis gegen 1700 zudem etliche Ortsprädikanten stellte. Im 18. Jahrhundert gaben Einheimische den Ton an, wobei sich eigentliche Pfarrerdynastien entwickelten. Die meisten der durch die Gemeinden gewählten Pfarrer waren schlecht besoldet und gezwungen, sich in Schuldienst, Kleinhandel, Heimgewerbe oder durch publizistische Tätigkeit zusätzliches Einkommen zu verschaffen. Pfarrherren wie Bartholomäus Anhorn (der Ältere), Bartholomäus Bischofberger und Gabriel Walser würdigten als erste Chronisten Natur und Geschichte des Landes. Als Einrichtungen der Geistlichkeit bestanden bis zur Auflösung der gemeinschaftlichen Synode mit St. Gallen (1757) zwei Institutionen nebeneinander: die 1544 konstituierte Vereinigung der appenzellischen und sankt-gallischen Pfarrer und eine 1602 mit Statuten versehene, später staatlicher Kontrolle unterstellte appenzellische Synode. Das Kirchenregiment kam am eindrücklichsten in den von den Kanzeln verlesenen Landmandaten (meist von "Neu und Alt-Rät" erlassenen Vorschriften zur Kirchenzucht) zum Ausdruck. Für Ehesachen wurde um 1600 ein kantonales Chorgericht (sog. Ehegericht) eingerichtet, dessen Satzungen in der Fassung von 1655 bis 1816 gültig blieben. Ehegericht und kommunale Ehegaumerbehörden hatten bis 1875 Bestand. Eine wichtige Ergänzung zu den religiös motivierten Bestimmungen des Landbuchs war die 1689 nach langem Ringen geschaffene "Kirchenordnung der christlichen Gemeinden des Lands Appenzell der Usseren Roden". Diese gestand gemäss altem Kirchhöreprinzip den Gemeinden das Recht zu, in ihrem kirchlichen Leben die überkommenen Gebräuche beizubehalten.

Waren nonkonformistische Tendenzen im 16. Jahrhundert in der Täuferbewegung zum Ausdruck gekommen, so äusserten sich später individualistische Vorbehalte gegenüber orthodoxer Kirchlichkeit im Fortbestehen von als heidnisch bzw. katholisch bekämpften Einrichtungen (Silvesterklausen, Fasnacht, Kilbi, Alpstubeten) sowie in den von einzelnen Pfarrern mitgetragenen pietistischen Strömungen. Im 18. Jahrhundert besassen verschiedene separatistische und sektiererhafte Bewegungen eine gewisse Attraktivität. Ohne Bereicherungen kultureller Art erhielt das Volk im 17. Jahrhundert seine geistige Hauptnahrung im auf religiöse Stoffe beschränkten Schul- und Katechismusunterricht und im regelmässigen Gottesdienstbesuch.

Hauskonzert. Darstellung auf einer Orgel, die 1811 von einem wahrscheinlich aus Herisau oder Heiden stammenden Appenzeller Künstler für die Familie Schweizer-Preisig gefertigt wurde (Schweizerisches Nationalmuseum, Zürich, LM-20848).
Hauskonzert. Darstellung auf einer Orgel, die 1811 von einem wahrscheinlich aus Herisau oder Heiden stammenden Appenzeller Künstler für die Familie Schweizer-Preisig gefertigt wurde (Schweizerisches Nationalmuseum, Zürich, LM-20848).

Getragen vom Gedankengut der Aufklärung und nach dem Vorbild ökonomischer Patrioten brachten Angehörige des neuen ländlichen Bürgertums ab 1750 Bewegung ins öffentliche Leben. Dazu gehörten einerseits Unternehmungen zur Förderung des Strassen-, Schul-, Militär- und Armenwesens, andererseits kulturelle Initiativen wie die Gründung von Literaturzirkeln, Gesangs- und Musikvereinen oder die Herausgabe des Appenzeller Kalenders. 1798 verfügten 5 der 20 Gemeinden über Armen- oder Waisenhäuser. Nach dem Vorbild von Trogen, wo 1766 der "Monatsgesang" gegründet worden war, entstanden in Herisau um 1776 eine Musikalische Gesellschaft sowie die Bibliothek der "Lectur-Gesellschaft". Steinerne Wohnpaläste in Trogen und Herisau, allenorts mit Walmdächern oder geschwungenen Giebeln versehene Fabrikantenhäuser sowie grössere Kirchen gaben den Dörfern in der zweiten Hälfte des 18. Jahrhunderts ein neues Gesicht. Ebenfalls belebend wirkten der ab 1750 aufkommende Kurtourismus und die damit einhergehende Entdeckung des Appenzellerlandes als politische Idealwelt freier Hirten und alpines Arkadien durch auswärtige Literaten und Reisende (Salomon Gessner, Johann Michael Afsprung, Johann Gottfried Ebel).

Der Kanton im 19. und 20. Jahrhundert

Staat und Gemeinden

Zwischen 1798 und 1803, als beide Appenzell im helvetischen Kanton Säntis aufgingen, dominierten Interventionen und Unruhen die Innenpolitik. Bereits 1797 war es zu internen Auseinandersetzungen gekommen, die im Beschluss zur Landbuchrevision gipfelten. Als Promotoren der Neuorientierung taten sich der revolutionär gesinnte Indiennedrucker Hans Konrad Bondt und der Baumwollfabrikant Johann Ulrich Wetter aus Herisau hervor. Einmal mehr spaltete die Sitterschranke die beiden Landesteile. Im April 1798 sprach sich die Landsgemeinde hinter der Sitter für die helvetische Konstitution aus, die Landsgemeinde vor der Sitter aber hielt an der alten Verfassung fest. Nachdem sich Anfang Mai die konservativen Häupter fluchtartig abgesetzt hatten, wurden in den Gemeinden neue Führungsgremien sowie in Herisau, Teufen und Wald drei Distriktsverwaltungen etabliert. Das revolutionäre Hinterland stellte in der ersten Zeit mit sechs Abgesandten die Hälfte aller Vertreter des Kantons Säntis im helvetischen Grossen Rat und Senat. Bald sorgten Militärlasten (1799-1802) für eine generelle Verschlechterung der politischen Stimmung und der Lebensverhältnisse, sodass die Anhänger der alten Ordnung im August 1802 definitiv wieder die Oberhand gewannen.

Die Regierungszeit von Landammann Jacob Zellweger (1802-1818) war einerseits durch restaurative Tendenzen, andererseits durch ungewöhnliche Reformansätze geprägt. Nachdem der Kanton mit der Mediationsakte von 1803 restituiert war, lebte unter autoritärer Führung das alte Behördensystem wieder auf. Dennoch wurden zwischen 1805 und 1810 in Schul-, Militär-, Strassen-, Münz- und Sanitätswesen bedeutende Neuordnungen geschaffen. Den Schlusspunkt setzte die im Rahmen des Bundesvertrags zustande gekommene, aber nicht vom Volk abgesegnete "Quasiverfassung" vom Juni 1814. Indem dieses bis 1834 gültige Grundgesetz Trogen und Herisau als Hauptorte postulierte, das Initiativrecht völlig überging und die Autonomie der Gemeinden hervorhob, widerspiegelte es den Status quo.

Gründungen von Lesegesellschaften, kulturell-gemeinnützigen Vereinen und Presseorganen leiteten um 1820 die Regeneration ein. Diese mündete im Anschluss an die erstmalige Publikation der Staatsrechnung 1827 und die 1828 erfolgte Drucklegung des Landbuchs in eine Verfassungsbewegung. Nachdem Appenzell Ausserrhoden 1834 ein Grundgesetz erhalten hatte, erfolgten in Anlehnung an die eidgenössische Entwicklung 1858, 1876 und 1908 Totalrevisionen, durch welche schrittweise die Grundrechte vermehrt, die Gewalten geteilt und neugeordnet sowie Staat und Kirche entflochten wurden.

Rückkehr der Truppen nach Herisau nach dem Sonderbundskrieg 1847. Stich von Johannes Weiss (Zentralbibliothek Zürich, Graphische Sammlung und Fotoarchiv; Fotografie Nicolas Bouvier).
Rückkehr der Truppen nach Herisau nach dem Sonderbundskrieg 1847. Stich von Johannes Weiss (Zentralbibliothek Zürich, Graphische Sammlung und Fotoarchiv; Fotografie Nicolas Bouvier).

Die Regenerationszeit weckte das Interesse weiter Kreise für das eidgenössische Geschehen: Während der Basler Trennungswirren (1831-1833) unterstützten Presse und Bevölkerung die Interessen der Baselbieter Landschaft, im Schwyzer Verfassungsstreit (1833) vermittelte Landammann Jakob Nagel als eidgenössischer Kommissär und im Sonderbundskrieg (1847) kämpften Ausserrhoder Truppen im eidgenössischen Heer mit. 1848 sprach sich die Landsgemeinde für die neue Bundesverfassung aus und Ausserrhoder Politiker (z.B. Bundeskanzler Johann Ulrich Schiess) nahmen aktiv Anteil an der Ausgestaltung des Bundesstaates.

Während Stellenwert und Form der Landsgemeinde als wichtigste Gesetzgebungs- und Wahlbehörde nach 1814 wenig Änderungen erfuhren, erweiterte sich deren Zusammensetzung 1849 durch Zulassung aller männlichen Schweizer Bürger und nochmals 1990 durch Einbezug der Frauen. Vierhundert Jahre nach der Staatsgründung wurde die Institution der Landsgemeinde im Gefolge mehrerer Vorentscheide durch Urnenabstimmung vom 28. September 1997 abgeschafft. Wiederholten Umstrukturierungen unterworfen waren das Räte- und Verwaltungssystem: Die Kantonsverfassung von 1858 beseitigte das Doppelregiment, schuf als Ersatz der Standeshäupterversammlung mit der siebenköpfigen, durch die Landsgemeinde gewählten Standeskommission ein förmliches Exekutivorgan und vollzog mit der Einführung des Obergerichts (Wahl durch Landsgemeinde, Sitz in Trogen) die schon lange angestrebte Trennung von Regierungs- und Gerichtsgewalt. Der neu geschaffene Grosse Rat setzte sich aus den Vertretern der Gemeinden (ein Sitz pro 1000 Einwohner) sowie den Mitgliedern der Standeskommission zusammen und wurde zur Legislative mit klar ausgeschiedenem Kompetenzbereich.

Landsgemeinde in Trogen, 1940 (Schweizerisches Nationalmuseum, Zürich, Actualités suisses Lausanne; Fotografie Presse-Diffusion).
Landsgemeinde in Trogen, 1940 (Schweizerisches Nationalmuseum, Zürich, Actualités suisses Lausanne; Fotografie Presse-Diffusion).

Entsprechend dem Doppelregiment bestanden noch bis 1877 zwei teils territorial, teils thematisch abgegrenzte Verwaltungskreise. Der älteren, vom Landschreiber als Aktuar der Landsgemeinde und Räte geführten Landeskanzlei in Trogen, aus welcher die bis heute dort domizilierte Justiz- und Polizeiverwaltung hervorging, stand die Herisauer Kantonskanzlei gegenüber, die vom Ratschreiber geleitet wurde und sich ab 1813 schrittweise zur Zentraladministration entwickelte. Mit der Bestimmung von Herisau zum ordentlichen Sitzungsort von Regierung und Parlament (Kantonsrat) durch die Revision von 1876 rückte dieses faktisch zum Hauptort und Verwaltungszentrum auf, während Trogen definitiv als Sitz des Obergerichts festgelegt wurde. Ausserdem wurden die Ehegerichte aufgehoben und die Kleinen Räte vor und hinter der Sitter durch drei Bezirksgerichte ersetzt. Die Kompetenzen der Landsgemeinde erlitten durch die Abschaffung des Antragsrechts und durch die Verlegung der Ständeratswahl an die Urne eine deutliche Schmälerung. Die Revision von 1908 vervollständigte die Gewaltentrennung, indem die Mitglieder der neu nach dem Direktorialsystem organisierten, in Regierungsrat umbenannten Exekutive nicht weiter zugleich dem Parlament angehören durften.

Auch die total revidierte Kantonsverfassung von 1995 hielt an der Landsgemeinde als oberster gesetzgebender und Wahlbehörde fest. Bis zu ihrer Abschaffung 1997 waren ihr, zusätzlich zu den bisherigen Wahlkompetenzen (Regierungsrat, Landammann, Obergericht), die Wahl des Ausserrhoder Vertreters im Ständerat sowie die Bestellung des 1993 geschaffenen Verwaltungsgerichts übertragen. Politische Mitwirkung ermöglichten ferner die Volksinitiative (nötige Unterschriftenzahl 300) sowie die Volksdiskussion, die allen Kantonseinwohnern für der Landsgemeinde (seit 1998 dem Kantonsrat) zu unterbreitende Sachentscheide offenstand.

Legislative ist der 65 Mitglieder zählende Kantonsrat. Die Gemeinden bilden die Wahlkreise und entscheiden autonom über das Wahlsystem (mehrheitlich Majorzverfahren). Jede Gemeinde ist mit mindestens einem Sitz vertreten. Das Parlament überwacht die gesamte Landesverwaltung, beschliesst über Budget und Steuerfuss, erlässt Verordnungen, wählt unter anderem die Kantons- und Jugendrichter und verabschiedet Vorlagen (bis 1997 zuhanden der Landsgemeinde). Die vom Landammann präsidierte Exekutive zählt sieben im Hauptamt tätige Mitglieder. Ihr zugeordnet ist die seit 1995 in zwölf Direktionen gegliederte und zu diesem Zeitpunkt ohne Spitäler 382 Vollstellen umfassende Kantonsverwaltung. Die richterliche Gewalt üben in Zivil- und Strafsachen in erster Instanz das Kantonsgericht (seit 1974) und in zweiter Instanz das Obergericht aus.

Entsprechend der seit jeher ausgeprägten Gemeindeautonomie standen den als Einheitsgemeinden konzipierten lokalen Körperschaften in den Bereichen Fürsorge, Kirche, Schule, Bauwesen, Vormundschaft und Grundbuchwesen weitreichende Kompetenzen zu. Hauptorgane waren bis zu den ab 1908 sukzessive eingeführten geheimen Wahlen und Abstimmungen die Kirchhöreversammlungen, zu denen bis 1834 allerdings nur Gemeindebürger zugelassen waren. Der als "Hauptleute und Räte", später als Gemeinderat bezeichneten Vorsteherschaft oblag vor der (fakultativen) Einrichtung der Gemeindegerichte (ab 1859, Abschaffung 1974) die erstinstanzliche Rechtsprechung. Seit 1908 besorgt sie auch die Geschäftsführung der Bürgergemeinde. Traditionellerweise nahmen und nehmen Korporationen und einzelne Bürgergemeinden in Sozialhilfe und Infrastruktur (Wasser, Energie, Strassen usw.) öffentliche Aufgaben wahr. Während zuvor Bussen, Abgaben, Pensionen, Vermächtnisse und Kapitalzinsen die Haupteinnahmequellen von Kanton und Gemeinden bildeten, gewannen ab 1803 die zunächst einzelfallweise erhobenen und lange Zeit auf dem Vermögen basierenden Steuern an Gewicht. Erst 1946 kam ein auf Selbsttaxation und allgemeiner Einkommenssteuer basierendes Gesetz zustande. Ebenfalls lange ohne moderne gesetzliche Regelung blieben unter anderem das Schul-, Polizei- und Sanitätswesen. Nach 1970 wurde eine Reihe von bisher schwergewichtig kommunalen Aufgaben dem Kanton übertragen: 1971 das Polizeiwesen, 1981 das Schulwesen, 1985/1986 Raumplanung und Baupolizei, 1993 Kantonalisierung der Regionalspitäler Herisau und Heiden. Zugleich erfuhren wichtige Bereiche im Verhältnis Bürger-Staat eine einheitliche Regelung: 1985 Gesetz über das Verwaltungsverfahren, 1988 Gesetz über die politischen Rechte, 1993 Einführung des Verwaltungsgerichts, 1996 Informationsgesetz.

Das erst 1965 umfassend geregelte Gesundheitswesen blieb wegen der freien Heiltätigkeit ein schweizerischer Sonderfall. Obwohl sich die akademische Ärzteschaft bereits 1827 zu einer Gesellschaft vereinigt und Vertreter dieses Berufsstandes im 19. Jahrhundert grosses politisches Gewicht hatten, war die Bevölkerung trotz anderslautender obrigkeitlicher Verordnungen nicht gewillt, eine Einschränkung der tradierten Berufs- und Gewerbefreiheit hinzunehmen und bestätigte dies mit dem Freigebungsgesetz von 1871. Parallel zur expandierenden schulmedizinischen Versorgung, zu der ab 1874, 1876 bzw. 1879 je ein Bezirksspital in Heiden, Trogen und Herisau sowie seit 1908 eine kantonale psychiatrische Klinik gehören, blühte das alternative Angebot auf (1985 195 Heilpraktiker). Das Gesundheitswesen war 1991 mit 2062 Arbeitsplätzen der zweitwichtigste Bereich des 3. Sektors. Ausgehend vom Sanitäts- und Schulwesen, entwickelte sich ab 1900 die interkantonale Zusammenarbeit, wobei in jüngerer Zeit die Kooperation mit Innerrhoden und die Regionalpolitik im Raum Ostschweiz/Bodensee intensiviert wurde.

Das Abstimmungsverhalten bei eidgenössischen Vorlagen und die Entwicklung der kantonalen Gesetzgebung zeigen, dass Appenzell Ausserrhoden dem allgemeinen Trend zum Wohlfahrtsstaat nur äusserst zögerlich folgte. Altliberale Vorbehalte gegenüber einer Ausweitung der Staatstätigkeit und das Festhalten an einer ausgeprägten Gemeindeautonomie prägten das Geschehen bis 1960. Die Einführung des Frauenstimmrechts auf kantonaler Ebene (auf kommunaler Ebene 1972) kam, unter anderem aus Sorge um die Landsgemeinde, erst 1989 zustande.

Politisches Leben

Ankündigung der Vorträge von Marie Meier-Zähndler und Fritz Platten in Speicher, gedruckt im Textilarbeiter Nr. 5 vom 5. März 1915 (Privatsammlung).
Ankündigung der Vorträge von Marie Meier-Zähndler und Fritz Platten in Speicher, gedruckt im Textilarbeiter Nr. 5 vom 5. März 1915 (Privatsammlung). […]

Geprägt wurde das stark dezentralisierte politische Leben in Appenzell Ausserrhoden durch die Lesegesellschaften, wobei die 1820 in Speicher gegründete Sonnengesellschaft am Anfang einer bis ins 20. Jahrhundert anhaltenden Gründungswelle stand. Als Dachorganisation entstand im Kampf um die Bundesrevision von 1874 der gewerblich-bäuerlich geprägte "Volksverein". Angesichts des Erstarkens sozialdemokratischer Kräfte schloss er sich 1895 mit Vorbehalten der Freisinnig-Demokratischen Partei der Schweiz (FDP) an. Das politische Geschehen dominieren seit 1900 die FDP und die um sie gescharten Vereine. Vorläufer der Sozialdemokratischen Partei (SP) war der 1891 im Gefolge gewerkschaftlicher Organisationsversuche gegründete appenzellische Arbeiterbund bzw. Arbeiterverein, der sich 1902 der schweizerischen SP anschloss. Vorerst auf Herisau beschränkt blieben die 1906 gegründete Demokratische Partei sowie die 1933 gegründete Katholische Volkspartei. Die von dem 1934 in den Ständerat gewählten Hans Konrad Sonderegger geführte freiwirtschaftliche Bewegung fand insbesondere um 1930 kantonsweit Beachtung. Der Freisinn blieb indessen die stärkste Kraft. Er stellte mit einer Ausnahme alle Ständeräte und stets wenigstens einen von zwei bzw. 1881-1931 drei Nationalräten. Auf kantonaler Ebene ist die Dominanz noch eindrücklicher: Auch zu Beginn des 21. Jahrhunderts gehören fünf der sieben Regierungsräte und ca. die Hälfte der Mitglieder des Parlaments der FDP oder ihr nahestehenden Gruppierungen an. Nach 1990 wurden in mehreren Gemeinden Sektionen der Schweizerischen Volkspartei (SVP) gegründet, die 1995 eines der beiden Nationalratsmandate errang und zeitweilig bestätigen konnte (1999 und 2015) sowie seit 1998 auch einen Regierungsrat stellt (2003-2015 vorübergehend zwei). Demgegenüber verlor die kantonale SP, die 1906-1930 mit der Appenzeller Volkswacht ein eigenes Organ besass, als traditionelle Oppositionspartei an Gewicht. Hatte sie 1908 mit "Weberpfarrer" Howard Eugster erstmals einen Sitz im Nationalrat errungen und ihn danach stets gehalten, so stellt sie seit 1983 keinen eidgenössischen Parlamentarier mehr und vermochte auch ihre Vertretung im Kantonsrat nicht auszubauen. Unangefochten blieb dagegen ihre seit 1913 (mit Ausnahme der Legislaturperiode 2003-2007) bestehende Einervertretung im Regierungsrat.

Sitze des Kantons Appenzell Ausserrhoden in der Bundesversammlung 1919-2015

 1919192819311947196719791983199119951999200320112015
Ständerat
FDP1111111111111
Nationalrat
FDP221111111111 
SP111111       
SVP        11  1
Übrige      11     
Total Sitze3322222222111
Sitze des Kantons Appenzell Ausserrhoden in der Bundesversammlung 1919-2015 -  Historische Statistik der Schweiz; Bundesamt für Statistik

Zusammensetzung des Regierungsrats im Kanton Appenzell Ausserrhoden 1980-2015

 1980198519901996199719981999200320072015
FDP6666545542
SP1111111 11
SVP     11221
Übrige    11   1
Total Sitze7777777777
Zusammensetzung des Regierungsrats im Kanton Appenzell Ausserrhoden 1980-2015 -  Bundesamt für Statistik

Zusammensetzung des Kantonsrats im Kanton Appenzell Ausserrhoden 2003-2015

 2003200720112015
FDP31262424
CVP2334
SP5456
SVP1181012
EVP 211
Übrige16222218
Total Sitze65656565
Zusammensetzung des Kantonsrats im Kanton Appenzell Ausserrhoden 2003-2015 -  Historische Statistik der Schweiz; Bundesamt für Statistik

Hauptorgan der in der Regeneration entstandenen Presselandschaft mit vielen kleinen und kurzlebigen Blättern war und ist die 1828 gegründete Appenzeller Zeitung, die bis ca. 1950 auch ausserhalb des Kantons eine grosse Leserschaft hatte.

Presserzeugnisse in Appenzell Ausserrhoden

Titel Erscheinungsdauer 
Appenzeller Kalender1722-
Appenzeller Zeitung 1828-
Amtsblatt des Kantons Appenzell Ausserrhoden 1834-
Appenzeller Sonntagsblatt1862-1971 
Säntis 1865-1969
Appenzeller Anzeiger1873-1969
Appenzeller Landes-Zeitung1878-1973
Anzeigeblatt 1901-
Appenzeller Tagblatt1969-1998
Presserzeugnisse in Appenzell Ausserrhoden – Peter Witschi

Bevölkerung, Siedlung und Infrastruktur

1836 zählte Appenzell Ausserrhoden 39'789 Einwohner, ungefähr gleich viele wie 1794. Dazwischen lagen die Wirren der Helvetik, die Wirtschaftskrise von 1810-1812, die verheerende Hungersnot von 1816-1817 sowie die Teuerung von 1830-1831. In der Folge erfuhren einzelne Gemeinden dank Zuwanderung ein beschleunigtes Wachstum. Die demografische Entwicklung zwischen 1840 und 1940 war weitgehend vom Konjunkturverlauf der Textilindustrie abhängig, in goldenen Zeiten durch hohe Heirats- und Geburtenraten gekennzeichnet und in Krisenperioden von sinkenden Geburtenüberschüssen bzw. von Abwanderung geprägt. Bis gegen 1850 war das Elsass mit seinen frühen Textilfabriken das Hauptzielgebiet für Emigranten. Nachdem 1817 und 1834 vorübergehend Russland in den Blickpunkt gerückt war, gewann ab 1846 die Amerika-Auswanderung an Bedeutung.

Erwerbsstruktur des Kantons Appenzell Ausserrhoden 1930-1990

Jahr19301950197019801990
 W.a%W.%W.%W.%A.b%W.%A.%
Erwerbstätige23 406 21 339 22 765 21 914 18 893 21 406 25 856 
1. Sektor3 99917%3 67617%2 74012%2 14910%2 14512%1 8079%1 8127%
2. Sektor13 19256%10 86251%11 61851%9 63844%8 55845%8 40640%9 33336%
3. Sektor6 21527%6 74532%8 36037%9 91746%8 11943%10 94451%13 93254%

a W.: Wohnort A. Ausserrhoden

b A.: Arbeitsort A. Ausserrhoden

Erwerbsstruktur des Kantons Appenzell Ausserrhoden 1930-1990 -  Bundesamt für Statistik

Nach regional ausgeglichener und stetiger Bevölkerungszunahme bis 1860 trat eine Stagnation ein: Zwischen 1865 und 1885 überschritten bereits 6 der 20 Gemeinden den Kulminationspunkt, darunter auch der alte Hauptort Trogen. Aufschwung nahmen in dieser Zeit vor allem das Vorderland sowie das sich zum Industrieort wandelnde Herisau. Gesamthaft ergaben sich bis 1910, als die Bevölkerungszahl Appenzell Ausserrhodens den Zenit erreichte, im gesamtschweizerischen Vergleich leicht unterdurchschnittliche jährliche Zuwachsraten: 1805-1850 2,9 Promille, 1850-1888 6,3 Promille, 1888-1910 3,2 Promille. 1920-1941 folgte eine Phase des Niedergangs. Während ältere Leute meist zurückblieben, suchten Tausende von jüngeren Arbeitskräften der Dauerkrise durch Abwanderung ins Unterland oder ins Ausland zu entfliehen. 1887-1938 verzeichnete Appenzell Ausserrhoden 3570 Wegziehende nach Übersee. Frankreich und Deutschland blieben die wichtigsten europäischen Zielgebiete. Bis zum Ausbruch des Zweiten Weltkriegs fanden dort in der Landwirtschaft viele Mägde und Knechte aus Appenzell Ausserrhoden ein Auskommen. 1939-1948 kehrten rund 1500 Auslandappenzeller in die Schweiz zurück, während die weitaus bedeutendere Binnenwanderung Richtung schweizerisches Mittelland weiter anhielt. 1941 lebten nur mehr 40% der Ausserrhoder im Heimatkanton. Zwischen 1941 und 1980 rangierte Appenzell Ausserrhoden mit einer jährlichen Wachstumsrate von 1,6 Promille im ostschweizerischen Vergleich an drittletzter Stelle, vor Appenzell Innerrhoden und Glarus. Infolge der zunehmenden Verschmelzung mit der Wirtschaftsregion St. Gallen-Rorschach nahm in der Nachkriegszeit der Wegpendlerstrom beträchtliche Grössenordnungen an: Fanden 1950 1876 Erwerbstätige aus Appenzell Ausserrhoden im Kanton St. Gallen einen Arbeitsplatz, waren es 1980 bereits 4761. Gleichzeitig veränderten sich die konfessionellen Gewichtsverhältnisse, unter anderem infolge der Binnenwanderung und des Ausländeranteils, der sich zwischen 1950 und 1970 von 4,4% auf 14,7% erhöhte.

Typische Appenzeller Streusiedlung bei Urnäsch. Fotografie von Dany Gignoux, 1978 (Bibliothèque de Genève).
Typische Appenzeller Streusiedlung bei Urnäsch. Fotografie von Dany Gignoux, 1978 (Bibliothèque de Genève). […]

"Es mag ein jeder auf dem Seinigen bauen nach Belieben und Wohlgefallen" – dieser alte Landbuchartikel blieb meistenorts mit Ausnahme von Einschränkungen durch Strassen- und Assekuranzgesetz sowie Feuerpolizeiverordnungen bis weit ins 20. Jahrhundert gültig. Während die Häuserzahl im Einzelhofgebiet nach 1800 nur wenig anstieg, herrschte 1860-1915 in Dorf- und Weilersiedlungen, bei abnehmender Belegungsdichte, eine rege Hochbautätigkeit (bewohnte Gebäude 1836 6102, 1880 7828, 1920 9406, 1960 9976, 1980 12'511). Seit 1960 zeichnet sich insbesondere der Siedlungsraum der Nachbargemeinden St. Gallens durch eine ausserordentliche Dynamik aus.

Im Ancien Régime hatte der Staat lediglich für die Instandhaltung der Brücken und deren Zufahrten aufkommen müssen. Im Übrigen war der Unterhalt der wenigen, rechtlich als Landstrassen eingestuften Hauptachsen Sache der Anstösser. Zwischen 1800 und 1870 wurden die meisten der nur für Fussgänger, Saumtiere, Karren und Schlitten geeigneten Landstrassen durch allzeit befahrbare Verkehrswege ersetzt. Investitionsmässig hatten 1800-1850 die vorwiegend mit Privatmitteln und Weggeldern finanzierten Verbindungen Richtung St. Gallen, Rheintal und Toggenburg Priorität. Das Strassengesetz von 1851 ermöglichte das Grossprojekt der Appenzell Ausserrhoden durchquerenden Mittellandstrasse. Zwischen 1870 und 1914 erhielten alle drei Bezirke Eisenbahn-Anschluss an die Stadt St. Gallen bzw. an das SBB-Netz (Appenzeller Bahnen, Rorschach-Heiden Bergbahn, Trogenerbahn, Bergbahn Rheineck-Walzenhausen). Ab 1920 wurden parallel zur aufkommenden Motorisierung das Kantonsstrassennetz (1881 166 km, 1980 230 km) erweitert und ausgebaut sowie die Einzelhoflandschaft verkehrs- und energiemässig erschlossen.

Bau des Viadukts über die Glatt nach Herisau für die Bodensee-Toggenburg-Bahn. Fotografie vom 10. Juli 1908 (Museum Herisau).
Bau des Viadukts über die Glatt nach Herisau für die Bodensee-Toggenburg-Bahn. Fotografie vom 10. Juli 1908 (Museum Herisau). […]

Im Zuge des Strassenbooms entstand 1850-1875 unter eidgenössischem Regal ein dichtes Netz von Postkursen, wobei die sechs Hauptstationen bereits 1867 mit Telegraf ausgerüstet waren. Die zuvor auf Holz und Wasserkraft basierende Energieversorgung wurde ab 1860 in Einzelbetrieben durch kohlebetriebene Dampfmaschinen, 1867 um ein Gaswerk in Herisau sowie ab 1890 um einige Elektrizitätswerke bereichert. Seit 1914 wird die Stromversorgung von den St. Gallisch-Appenzellischen Kraftwerken (SAK) wahrgenommen. Seit den 1980er Jahren wurden mehrere Kleinkraftwerke modernisiert und umweltfreundliche Energieprojekte realisiert.

Wirtschaft

Das Wirtschaftsleben spielte sich lange Zeit frei von obrigkeitlichen Interventionen ab und wurde erst nach 1850 durch staatliche Infrastrukturleistungen gefördert. Die bis 1850 eng gekoppelte Agrar- und Handelskonjunktur bestimmte das Geschick der grossteils im Textilgewerbe tätigen Bevölkerung, die im protoindustriellen Arbeitsumfeld vorerst stark mit dem Bodenseeraum verbunden blieb. Dies zeigte sich im Masssystem sowie am Festhalten an der Guldenwährung. Wichtigstes Finanzierungsinstrument stellten Zettel ("Zedel") dar, frei handelbare Grundpfandtitel mit fixem Zinssatz. Selbst nach Inkrafttreten des Zivilgesetzbuchs blieben diese altrechtlichen Schuldbriefe in Kraft. Obwohl man bereits ab 1819 erste lokale Ersparniskassen geschaffen hatte, blieb St. Gallen als Finanzdrehscheibe bis 1866 konkurrenzlos, als die "Bank für Appenzell Ausserrhoden" (1909 Fusion mit Schweizerischem Bankverein) gegründet wurde. 1875 folgte die Errichtung der Kantonalbank. Seit 1990 befindet sich der Bankensektor im Umbruch: Kleine Sparkassen fusionieren, das Filialennetz wird gestrafft, und die in Finanzprobleme geratene Kantonalbank wurde 1996 durch die Schweizerische Bankgesellschaft (UBS) übernommen.

Landwirtschaft und Forstwesen

Die auf Rindviehhaltung ausgerichtete Landwirtschaft verharrte bis 1840 in herkömmlichen Strukturen. Nach 1860 schlugen sich die von Unternehmern wie Emanuel Meyer und Ulrich Zellweger musterhaft vorgegebenen, später von bäuerlichen Vereinen umgesetzten sowie von Kanton und Bund unterstützten Massnahmen zur Förderung von Viehzucht, Alpwesen und Käseherstellung in Produktivitätssteigerungen nieder. Den Durchbruch der auf Braunvieh und gegen ausländische Viehimporte gerichteten Rassezucht markierte die erste kantonale Viehausstellung von 1846. Der Rindvieh- und Schweinebestand wuchs zwischen 1866 und 1906 von 14'963 auf 22'332 bzw. von 2643 auf 11'333 Stück an. Zugleich erhöhte sich der auf rund 3000 (zunehmend verschuldete) Bauernbetriebe verteilte, mittlere Rindviehbestand von 4,8 auf 7,5 Einheiten. Im Gegensatz zum rückläufigen Rebbau erfuhr der im Vorderland bedeutende Obstbau eine Ausweitung. In der Milchverwertung zeichnete sich um 1865 der Übergang vom Sennereibetrieb zur Dorfkäserei ab. 1908 waren es bereits 31 solcher Betriebe, die sich ab 1946 auf das Markenprodukt "Appenzeller Käse" spezialisierten. Nachdem in der Zwischenkriegszeit eine partielle Reagrarisierung eingetreten war, ging die Zahl der Bauernbetriebe infolge sinkender Möglichkeiten zu Nebenerwerben, Überalterung der Betriebsinhaber und staatlich geförderter Zusammenlegungen stetig zurück: 1939-1955 um 16%, 1955-1965 um 20% und 1965-1990 um 43%. Während zwischen 1930 und 1980 die Agrarbevölkerung von 9242 auf 3831 Personen schrumpfte, nahm bei steigendem Pachtlandanteil die mittlere Betriebsgrösse von 4,1 ha (1929) auf 10,3 ha (1990) zu. 1990 zählte der 1. Sektor 1844 Arbeitsplätze (9,7%) und 1317 landwirtschaftliche Betriebe mit durchschnittlich 27 Stück Rindvieh.

Die um 1850 auf ca. 16% der Gesamtfläche zurückgedrängten, seit jeher privaten und stark zerstückelten Wälder waren ab 1720 infolge Bevölkerungszunahme, Bautätigkeit, anhaltender Holzexporte und energieintensiver Ausrüstbetriebe ständiger Übernutzung ausgesetzt gewesen. Die späte Wende zur Besserung markierte die 1837 erfolgte Gründung des Waldbauvereins Herisau, der wie ähnliche ihm folgende Institutionen bemüht war, vernachlässigte Waldflächen aufzukaufen und einer geregelten Bewirtschaftung zuzuführen. Ein 1859 in Regierungsauftrag erstellter Forstbericht war Ausgangspunkt staatlichen Handelns: 1861 Kredit für Grundstückerwerb und Baumschulen, 1878 Schaffung der Oberförsterstelle, 1887 Aufhebung von Trattrechten (Weidgang), 1902 Unterschutzstellung aller Wälder, 1983 Erlass eines modernen Forstgesetzes. Gegenwärtig bedeckt der zu drei Vierteln in Privatbesitz stehende Wald 7430 ha oder 30% der Kantonsfläche.

Heimindustrie und Fabrikwesen

Trotz frühen Ansätzen durch Gründung mehrerer mechanischer Spinnereien und Innovationen wie der Weiterentwicklung des Jacquardwebstuhls entwickelte sich Appenzell Ausserrhoden nicht zur klassischen Fabriklandschaft. Die textilen Hauptzweige des 19. Jahrhunderts fanden nach teilweiser fabrikmässiger Lancierung stets in heimindustriellem oder kleinbetrieblichem Rahmen ihre grosse Verbreitung. Um 1830 löste die Plattstichweberei den älteren Hauptzweig der Mousselineweberei ab. Diese ganz auf Appenzell Ausserrhoden konzentrierte Branche (1889 4088 Webstühle) wurde vorwiegend im Hinter- und Mittelland betrieben. Noch 1913 zählte der danach in Agonie versinkende Zweig 3100 Personen oder 44% aller Heimarbeiter. Nach 1840 konnte die für Müllereizwecke produzierende Seidengazeweberei am Kurzenberg Fuss fassen. Um 1907 beschäftigten die Firma Dufour & Cie. im sankt-gallischen Thal und übrige Exporthäuser 1415 Weber im Vorderland. Die seither von zwei Grossunternehmen kontrollierte Produktion wurde ab 1950 auf Fabrikbetriebe in Wolfhalden und Heiden umgelagert.

Ein Weberehepaar. Aquarell von Johannes Schiess, um 1830 (ETH-Bibliothek Zürich, Graphische Sammlung; Fotografie Peter Guggenbühl).
Ein Weberehepaar. Aquarell von Johannes Schiess, um 1830 (ETH-Bibliothek Zürich, Graphische Sammlung; Fotografie Peter Guggenbühl). […]

1870-1920 dominierte die Handmaschinenstickerei, die in Appenzell Ausserrhoden 1856 mit einer Herisauer Fabrikgründung begonnen hatte. Sie expandierte ab 1880 vorwiegend im Hinter- und Vorderland und erreichte 1890 mit 2428 Maschinen und 5181 Arbeitern ihren Höhepunkt. Die Grobstickerei, die fast nur von Frauen in Heim- und Handarbeit betrieben wurde, beschäftigte zur selben Zeit in beiden Appenzell 1929 Personen (Schwerpunkt Walzenhausen). Die Veredlungsindustrie war der einzige Textilzweig, wo sich das Fabriksystem durchsetzen und Appenzell Ausserrhoden eine nationale Führungsrolle erlangen konnte. Zwischen 1800 und 1850 betrug die Zahl der zumeist noch in Verbindung mit Landwirtschaft stehenden Veredlungsbetriebe um die 30. 1843 bestanden in Herisau, Gais und Bühler 14 Bleichereien, 6 Appreturen und 8 Färbereien bzw. Druckereien. Von 1864 an fanden neue chemische und mechanische Verfahren Eingang, und bald ergab sich ein Trend zu Fabrikanlagen mit breiterem Leistungsangebot. 1880-1910 nahm die Zahl der Betriebe um 28,5% ab, die Belegschaft dagegen um 86,5% auf 1843 zu. Innerhalb der seit 1898 kartellartig organisierten ostschweizerischen Ausrüster blieb Herisau über 1990 hinaus mit den Firmen Cilander, Signer AG und Walser AG führender Standort.

Auf die 1920 einsetzende und lang anhaltende Absatzkrise für Stickerei- und Webereiartikel reagierten die Entscheidungsträger in den Unternehmen, Banken und beim Staat in stetiger Erwartung des Wiederaufschwungs durch Rückzug in eine abwartende, Reserven verzehrende Haltung. Allein 1922-1929 gingen durch Produktionsdrosselung und Firmenauflösungen ca. 6000 Arbeitsplätze verloren. Der Anteil der Stickereiindustrie am gesamten Fabrikarbeiterbestand sackte von 47,4% (1923) auf 8,4% (1929) ab.

Während der Textilbereich im nationalen Rahmen zwischen 1941 und 1980 von 8,2% auf 3,4% der Beschäftigten zurückfiel, blieb er innerhalb des Industriesektors in Appenzell Ausserrhoden bis 1980 führend: 82% (1923), 45% (1941), 33% (1960), 20% (1980), 9% (1991). Ausschlaggebend dafür waren neue, in der Zwischenkriegszeit entstandene und nach 1945 florierende Unternehmen der Bekleidungs-, Strumpf- und Teppichbranche sowie die Ausrüsterei. Daneben erlangten im 2. Sektor ab 1950 die Bereiche Kunststoff, Metall/Maschinen und Elektrotechnik einiges Gewicht. Gemäss Betriebszählung 1991 bestanden hier vorwiegend in Klein- und Mittelbetrieben 2621 Arbeitsplätze. Zum bedeutendsten Betrieb entwickelte sich das 1892 von Gottlieb Suhner begründete Kabel- und Gummiwerk (seit 1969 Huber + Suhner) in Herisau.

Tourismus, Handel und Gewerbe

Plakat von Arnold Bossard, 1933 (Museum für Gestaltung Zürich, Plakatsammlung, Zürcher Hochschule der Künste).
Plakat von Arnold Bossard, 1933 (Museum für Gestaltung Zürich, Plakatsammlung, Zürcher Hochschule der Künste). […]

Ergänzend zum Molkenkurort Gais nahm ab 1830 insbesondere in Herisau und Waldstatt der Heilbäder-Tourismus Aufschwung. Ab 1850 kam als drittes Element der Luftkurort Heiden hinzu, der sich bis 1914 zum mondänen Ferienort mit grossem Hotelangebot entwickelte. Nachdem der auf internationale Kundschaft ausgerichtete Fremdenverkehr bei Ausbruch des Ersten Weltkriegs untergegangen war, konzentrierte sich der Ausserrhoder Verkehrsverband ab 1930 erfolgreich auf den Inlandmarkt mit den Schwergewichten Ferienlager, Wander-, Kultur- und Gesundheitstourismus.

Im 19. Jahrhundert waren fast alle im Handel Tätigen bei einheimischen Geschäften angestellt. Seit ca. 1950 überwiegen in diesem Bereich die Wegpendler. Hauptarbeitgeber der um 1900 rund 1000 Beschäftigten im Bereich Handel-Versicherung-Banken waren die in Herisau, Teufen, Speicher, Bühler, Gais, Heiden und Walzenhausen konzentrierten und teilweise weltweit tätigen Textilhandelshäuser. Das nach 1850 dank Grossprojekten aufblühende Baugewerbe mit vielen Holz verarbeitenden Betrieben beschäftigte 1910 4642 Personen und konnte ab 1960 erneut auf den 2. Rang innerhalb des 2. Sektors vorrücken (1991 11,4%).

Gesellschaft im Wandel

Die Textilbranche bildete auch im 19. Jahrhundert den Haupterwerbszweig. Hier waren 1850 17'084 Menschen beschäftigt. Stets war ein Grossteil der Frauen in den textilindustriellen Arbeitsprozess eingebunden, der erst durch das eidgenössische Fabrikgesetz (1877) sowie durch das kantonale Arbeiterinnenschutz-Gesetz (1908) eine gewisse Reglementierung erfuhr. Eingespannt waren zudem viele Kinder, sei es in der Fabrik- (1868 469 Minderjährige in 46 Betrieben) oder in der Heimindustrie. 1904 erbrachten 50% von 3554 befragten Schulkindern eine wöchentliche Arbeitsleistung von 42 bis 63 Stunden. Die männlichen Arbeitnehmer, unter denen sich die Seidenweber und Einzelsticker gegenüber Plattstichwebern sowie "Fabriklern" als etwas Besseres fühlten, waren keine einheitliche Klasse. Die Fabrikarbeiterschaft (1885 4463 Personen in 211 Betrieben, 1911 5012 in 220 Fabriken) stellte stets eine Minderheit unter den Berufstätigen (1885 16,4%, 1910 17,3%) dar. Die Elite bildeten die Gruppe der Kaufleute und Fabrikanten, zu der zum Beispiel in Herisau und Bühler zwischen 1750 und 1910 über die Hälfte aller Gemeindehauptleute zählten. Die mit dem Aufkommen der Plattstichweberei auf rund 5% aller Familienvorsteher gestiegene Zahl der Fabrikanten wurde in der Blütezeit der Maschinenstickerei um eine grosse Schar von Kleinfabrikanten erweitert. Anders als die Fabrikanten des 18. Jahrhunderts überliess sich die Mehrheit dieser von wenig Innovationsgeist beseelten "Unternehmer" der Abhängigkeit von den Exporthäusern, wodurch mit einigen Ausnahmen die eigenständige Stellung von Appenzell Ausserrhoden im internationalen Textilgeschäft verlorenging. Ab 1820 gewannen zu Lasten der einst führenden Trogener Familien Herisauer Kaufleute und Industrielle sowie Unternehmer aus Bühler und Lutzenberg an Bedeutung. Nur wenige der im 19. Jahrhundert begründeten und als Familienbetriebe geführten Exporthäuser konnten sich in die Nachkriegszeit hinüberretten. Den Aufbau der neuen Industriebetriebe ausserhalb der Stickereibranche besorgten andere Leute.

Berufsverbände und Standesorganisationen

  Gründungsjahr
Appenzellische Lehrerkonferenz1824 
Appenzellische Industriegesellschaft 1826 
Gesellschaft appenzellischer Ärzte 1827
Appenzellische Offiziersgesellschaft 1856 
Landwirtschaftlicher Kantonalverein 1881 
Verein für Handweberei (Fabrikanten)1888
Kantonaler Gewerbeverband1892
Verband der Seidenbeuteltuchweber 1898 
Verband appenzellischer Baumwollweber 1900
Appenzellische Frauenzentrale1929
Ausserrhoder Industrieverein (Unternehmer) 1945
Berufsverbände und Standesorganisationen – Peter Witschi

Aus der Landwirtschaft kamen bis 1900 relativ wenige Behördenvertreter. Die Gewerbler und Handwerker waren vereinsmässig gut organisiert und politisch durch Meister angemessen vertreten. Waren die Strukturen der Gesellschaft Appenzell Ausserrhodens bis dahin stabil geblieben, so begann 1880 ein grundlegender Wandel: Der ehedem ausgeprägt reformierte Stand wandelte sich zu einem Kanton mit konfessionell gemischter Bevölkerung (1880 93% reformiert, 1980 64%). 1880 war die Mehrzahl der Haushalte Wohn- und Arbeitsstätte zugleich; 1980 galt diese Identität von Wohn- und Arbeitsplatz nurmehr für eine kleine Minderheit; ein Drittel aller Erwerbspersonen war ausserhalb der Wohngemeinde tätig. Waren 1880 77% aller Einwohner zugleich Landleute und die Mehrheit der Kantonsbürger in Appenzell Ausserrhoden wohnhaft gewesen, so stellten Letztere 100 Jahre später nur noch 38% der Gesamtbevölkerung.

Kultur und Bildung

Schrank von 1819 im Empirestil, bemalt von Conrad Starck, der 1765 in Gonten geboren wurde (Museum Herisau; Fotografie Bibliothèque de Genève, Archives A. & G. Zimmermann).
Schrank von 1819 im Empirestil, bemalt von Conrad Starck, der 1765 in Gonten geboren wurde (Museum Herisau; Fotografie Bibliothèque de Genève, Archives A. & G. Zimmermann).

Zwei Elemente haben die Ausserrhoder Wirtschaft, Gesellschaft, Siedlungslandschaft und Kultur in erster Linie geprägt: Zum einen die eher introvertierte und traditionsverbundene bäuerlich-sennische Lebenswelt, die sich im Alpenvorland mit weit verstreuten Einzelhöfen manifestiert, zum anderen die nach aussen orientierte, kulturell aufgeschlossenere bürgerlich-textile Lebenswelt, die im Baubestand vom Fabrikantenhaus bis hin zum Stickerheim vielfältigen Niederschlag gefunden hat. Erstere widerspiegelt sich in Kunsthandwerk (Bauernmalerei, Sennensattlerei, Weissküferei), Musiktraditionen (Naturjodel, Streichmusik usw.) sowie im lebendig gebliebenen Brauchtum (Blochziehen, Silvesterklausen, Alpfahrt usw.). Der Lebensstil des ländlichen Bürgertums, das sich an städtisch-aristokratischen Vorbildern orientierte, fand Ausdruck in repräsentativen Häusern, in literarischen Zirkeln und vornehmer Geselligkeit, in Werken der Wohltätigkeit und lebhafter Reisetätigkeit. Ab 1820 verbreiteten sich neue Gemeinschaftsformen auch in einfacheren Kreisen, wodurch sich die bis anhin am Kirchenleben orientierte Lokalgesellschaft in Interessengruppen aufsplitterte. Mit der Gründung von Lesezirkeln setzte 1820 auf breiter Basis das "Vereinsjahrhundert" ein. Innert kurzer Zeit entwickelte sich in allen Gemeinden ein vielfältiges Vereinsleben. So zählte man zum Beispiel in Heiden 1865 31, in Rehetobel 1908 21 Vereine. Erwähnenswert sind ferner die von emigrierten Kantonsbürgern gegründeten Appenzeller Vereine.

Kulturvereinigungen

       Gründungsjahr 
Sonnengesellschaft Speicher1820 
Appenzellisch-Vaterländische Gesellschaft1823 
Appenzellischer Sängerverein1824
Appenzellischer Kantonalschützenverein1826
Appenzellische Gemeinnützige Gesellschaft1832
Appenzeller Verein in Genf1835
Casino-Gesellschaft Herisau1836
Appenzellischer Turnverband1860
Sektion Säntis des Schweizer Alpen-Clubs1869
Freimaurer-Zirkel Säntis1889
Kulturvereinigungen – Peter Witschi

Nach dem Vorbild Johann Heinrich Pestalozzis, bei dem ein Dutzend Ausserrhoder als Lehrer gewirkt hatten, entstand 1821 in Trogen ein Privatinstitut, das später zur Kantonsschule umgewandelt wurde und seit 1907 einzige Maturitätsschule in Appenzell Ausserrhoden ist. Private gründeten in Herisau, Heiden und Bühler erste Realschulen, in Trogen 1824 eine Armenschule und in Gais 1833 ein Seminar. Gefördert durch die Landesschulkommission und dank Ausbildungsstipendien, Schulbauprämien usw. nahm das Bildungswesen Aufschwung. Verbesserungen in Industrie und Handwerk brachten ab 1830 Hülfsgesellschaften und Fortbildungsschulen, seit 1893 bzw. 1897 Subventionen für Lehrlings-Prüfungen und -ausbildung sowie 1894-1935 eine Weblehranstalt. Eine zentrale gewerblich-kaufmännische Berufsschule besteht seit 1972 in Herisau. Seit dem 19. Jahrhundert regeln Konkordate und Vereinbarungen die Mitbeteiligung an auswärtigen höheren Bildungsanstalten. Ergänzend wurde 1953 ein seither wiederholt verbessertes Stipendiengesetz geschaffen.

Im religiösen Bereich dominierend blieb die seit 1877 staatsunabhängige evangelisch-reformierte Landeskirche, in der sich manchenorts Parteiungen pietistischer und freisinniger Richtung gegenüberstanden. Die Leitung der seit 1977 beide Appenzell (ausser Lutzenberg) umfassenden Landeskirche liegt bei der Synode, deren oberste Behörde der fünfköpfige Kirchenrat ist. Die Katholiken, die bis dahin auf ausserkantonale Seelsorger verwiesen waren, organisierten sich ab 1867 in Kirchgemeinden; 1975 bestanden als Verband der römisch-katholischen Kirchgemeinde neun solcher, meist mehrere politische Gemeinden umfassenden Körperschaften. Die zum Dekanat Appenzell gehörenden Pfarreien stehen unter der Administration des Bistums St. Gallen. Seit dem 19. Jahrhundert vertreten ist die evangelisch-methodistische Kirche mit je einem Gotteshaus in Herisau (1892) und Teufen (1910). Seitdem ab 1860 ausländische Erweckungsbewegungen Eingang gefunden hatten, erlangten Freikirchen und religiöse Sondergemeinschaften (Baptisten, Pfingstgemeinden, Neuapostolen, Jehovas Zeugen) einige Bedeutung. Die Kantonsverfassung von 1995 anerkennt sowohl die evangelisch-reformierte als auch die römisch-katholische Kirche als Körperschaften des öffentlichen Rechts und bestimmt, dass diese ihre inneren Angelegenheiten selbständig regeln.

Als Geschichtsforscher und Volkskundler widmeten sich ab 1810 vor allem Einzelpersonen der appenzellischen Kultur. Später förderten und pflegten Institutionen wie die Gemeinnützige Gesellschaft, eine Heimatschutz-Sektion (1910), Geschichts- und Museums-Vereine sowie die Volkskunde- (1977) und die Kultur-Stiftung (1989) diese Gebiete. Getragen durch private Organisationen entstanden zwischen 1874 und 1987 sieben Museen mit unterschiedlicher thematischer Ausrichtung. Die landeskundliche Dokumentation obliegt der 1896 aus einer Privatsammlung hervorgegangenen Kantonsbibliothek in Trogen. Durch Vereinigung von Landesarchiv (Trogen) und Kantonsarchiv (Herisau) entstand 1986 das ausserrhodische Staatsarchiv mit Sitz in Herisau, das zudem die historischen Gemeindearchive betreut.

Imagemässig erlebte Appenzell Ausserrhoden seit 1920 einen grundlegenden Wandel: Begünstigt durch Heimatschutz- und Heimatwerk-Bewegung, Tourismusleitbilder, Propagierung der Alternativmedizin und vorübergehende Reagrarisierung trat anstelle der älteren Vorstellung vom fortschrittlich-regsamen Industriekanton das Bild des heilen(den) Appenzellerländchens.

Quellen und Literatur

  • Appenzeller Brauchtumsmuseum, Urnäsch
  • Appenzeller Volkskunde-Museum, Stein
  • Grubenmann-Museum, Teufen
  • Henry-Dunant-Museum, Heiden
  • Kantonsbibliothek Appenzell Ausserrhoden, Trogen
  • Museum Heiden, Heiden
  • Museum Herisau, Herisau
  • Museum Wolfhalden, Wolfhalden
  • Staatsarchiv Appenzell Ausserrhoden, Herisau 
  • B. Bischofberger, Appenzeller Chronic, 1682
  • G. Walser, Neue Appenzeller Chronick, 3 Teile, 1740-1831
  • Appenzellisches Monatsblatt, 1825-1847
  • G. Rüsch, Der Appenzeller Chronik vierter Theil, 1772-1798, 1831
  • Verhandlungen der appenzellischen gemeinnützigen Gesellschaft, 1833-1853
  • J.K. Zellweger, Der Kanton Appenzell, 1867
  • G. Rüsch, «Appenzeller Chronik, fünfter Theil, 1798-1822», in Appenzellische Jahrbücher 37-40, 1909-1912
  • Appenzellische Jahrbücher, 1854- (wichtigste landeskundliche Reihe)
  • H. Wartmann, H. Beerli, Industrie und Handel des Kantons St. Gallen, 5 Teile, 1875-1921
  • J. Baumann, Rechtsgeschichte der reformierten Kirche von Appenzell Ausserrhoden, 1898
  • O. Tobler, Entwicklung und Funktionen der Landesämter in Appenzell Ausserrhoden vom Ende des 14. Jahrhunderts bis zur Gegenwart, 1906
  • E.H. Koller, J. Signer, Appenzellisches Wappen- und Geschlechterbuch, 1926
  • Appenzeller Geschichte, Bd. 2, 1972
  • Die Kunstdenkmäler des Kantons Appenzell Ausserrhoden, 3 Bde., 1973-1981
  • Die Land- und Alpwirtschaft in Ausserrhoden, 1974
  • C. Merz, Die öffentlich-rechtlichen Körperschaften im Kanton Appenzell Ausserrhoden, 1976
  • W. Schläpfer, Pressegeschichte des Kantons Appenzell Ausserrhoden, 1978
  • H. Ruesch, Lebensverhältnisse in einem frühen schweizerischen Industriegebiet, 1979
  • A. Tanner, Spulen ― Weben ― Sticken, 1982
  • W. Schläpfer, Wirtschaftsgeschichte des Kantons Appenzell Ausserrhoden bis 1939, 1984
  • H. Werder, Zur Aktualdynamik der Kulturlandschaft des Appenzeller Mittellandes, 1984
  • Die Pfarrerschaft der evangelisch-reformierten Landeskirche beider Appenzell, 1991
  • P. Holderegger, Unternehmer im Appenzellerland, 1992
  • P. Witschi, Appenzeller in aller Welt, 1994
  • Kräuter und Kräfte, Heilen im Appenzellerland, hg. von W. Irniger, 1995
  • P. Kürsteiner, Appenzell Ausserrhoden auf druckgrafischen Ansichten, 1996
Weblinks
Normdateien
GND

Zitiervorschlag

Witschi, Peter: "Appenzell Ausserrhoden", in: Historisches Lexikon der Schweiz (HLS), Version vom 25.10.2019. Online: https://hls-dhs-dss.ch/de/articles/007476/2019-10-25/, konsultiert am 22.11.2020.