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Klettgau

Frühmittelalterlicher und hochmittelalterlicher Gau (pagus) sowie spätmittelalterliche und frühneuzeitliche Landgrafschaft. Der Klettgau umfasste Teile des heutigen Landkreises Waldshut (Baden, D) und der Kantone Schaffhausen und Zürich und wurde durch den Rhein im Süden und Osten sowie durch den Schwarzwald und den Randen im Westen bzw. Norden begrenzt. 806 Chletgowe, 844 Chleggowe.

In römischer Zeit durchquerte die Strasse von Tenedo (Zurzach) nach Iuliomagus (Schleitheim) den Klettgau, der zum Hinterland dieser beiden vici gehörte. Im Frühmittelalter lassen sich im Klettgau comites (Grafen) fassen, hingegen steht der Nachweis eines eigenen königlichen comitatus (Grafschaft) aus. Den Comestitel führten auch Laienäbte des Klosters Rheinau, dem grössten Grundbesitzer des Klettgaus.

Nach einer quellenlosen Periode taucht der Klettgau am Ende des 13. Jahrhunderts als Landgrafschaft in Händen der Habsburg-Laufenburg auf. 1408 gelangte die Grafschaft zusammen mit dem Landgericht durch Erbgang an die Grafen von Sulz. Deren Herrschaft wurde jedoch von den Inhabern der niederen Gerichtsbarkeiten stark bedrängt, namentlich von den Bischöfen von Konstanz und den Städten Zürich und Schaffhausen. 1488 nahm Zürich die Grafen von Sulz ins Burgrecht auf und erhob damit Rechtsansprüche auf den gesamten Klettgau. Im Schwabenkrieg 1499 wurde der Klettgau wegen der strittigen Herrschaftsverhältnisse zu einem der Hauptkriegsschauplätze.

In der frühen Neuzeit splittete sich der Klettgau in drei Teile auf, in einen unteren und einen nördlichen Klettgau sowie ins Rafzerfeld. Im unteren Klettgau, dem eigentlichen Restbestand der ursprünglichen Grafschaft mit dem Hauptort Tiengen, erliessen die Grafen von Sulz nach einer schweren Krise in den Herrschaftsbeziehungen 1603 eine «Landes- und Polizeyordnung». 1687 ging dieser Teil von den Grafen von Sulz an jene von Schwarzenberg über. 1806 erfolgte die Eingliederung ins Grossherzogtum Baden.

Im nördlichen Klettgau erwarb die Stadt Schaffhausen bzw. ihre Bürger, Klöster oder Stiftungen ab dem 14. Jahrhundert sukzessive niedere Gerichtsbarkeiten und Vogteien, darunter Wilchingen (1371), Buchberg und Rüdlingen (1520) sowie Neuhausen am Rheinfall durch Säkularisation des Klosters Allerheiligen (1529). Nach Streitigkeiten mit dem Bischof von Konstanz und gewaltsamer Besetzung kam die Stadt Schaffhausen 1525 in den Besitz von Neunkirch mit Hallau. Indem sie die Grafen von Sulz zu ihren Schuldnern machte, gelangte sie 1657 durch Kauf auch in den Besitz der Hochgerichte. 1803 bis zur Aufhebung der kantonalen Bezirke 1999 war dieser Teil in die Gerichtsbezirke Ober- und Unterklettgau getrennt.

Auch die Stadt Zürich erwarb einen zusammenhängenden Gebietskomplex im ehemaligen Klettgau. 1496 nahm sie die Herrschaft Eglisau in Besitz, welche die Niedergerichte der Dörfer Rafz und Wil und ab 1478 auch Hüntwangen und Wasterkingen umfasste. Bereits von 1463 an hatte die Stadt dort über Burgrechtsbeziehungen und damit verbundene Vorkaufsrechte entscheidenden Einfluss ausgeübt. Die Hochgerichte und mit ihnen die formelle Landeshoheit über das Rafzerfeld verkauften die Grafen von Sulz der Stadt Zürich jedoch erst 1651, als sie in einer finanziellen Notlage waren.

In neuester Zeit bildet die 33 km lange Klettgaurinne eine grenzüberschreitende Planungsregion, die von der EU gefördert wird und insbesondere Probleme der Grundwasser- und Bodennutzung angeht. Diese Region umfasst die ehemaligen Schaffhauser Bezirke Ober- und Unterklettgau sowie die beiden deutschen Gemeinden Klettgau und Lauchringen, die einen Siedlungsverband von neun Ortschaften bilden.

Quellen und Literatur

  • H. Maurer, Das Land zwischen Schwarzwald und Randen im frühen und hohen MA, 1965
  • Der Klettgau, hg. von F. Schmidt, 1971
  • M. Borgolte, Gesch. Alemanniens in fränk. Zeit, 1984, 208-211, 244
  • P. Blickle, «Zürichs Anteil am dt. Bauernkrieg», in Zs. für die Gesch. des Oberrheins 94, 1985, 81-101
  • W. Schulze, «Klettgau 1603», in Gem., Reformation und Widerstand, hg. von H.R. Schmidt et al., 1998, 414-431
Weblinks
Normdateien
GND

Zitiervorschlag

Martin Illi: "Klettgau", in: Historisches Lexikon der Schweiz (HLS), Version vom 21.10.2008. Online: https://hls-dhs-dss.ch/de/articles/007545/2008-10-21/, konsultiert am 06.12.2022.