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Sissach

Politische Gemeinde des Kantons Basel-Landschaft, Hauptort des Bezirks Sissach. Das ursprüngliche Strassendorf entlang der Ergolz bedeckte zu Beginn des 21. Jahrhunderts die ganze Talsohle und einen Teil der Hänge. 1225/1226 Sissaho. An den Verkehrsachsen zu den beiden wichtigen Juraübergängen Schafmatt und Unterer Hauenstein gelegen, war Sissach stets ein Ort von regionaler Bedeutung. In Sissach standen die Fluchtburgen Burgenrain und Sissacher Fluh, später die Burg Bischofstein. Die Sissach benachbarten Siedlungen Itchon (erstmals erwähnt 1226), Gruonach und Wilmatten (1446) gingen ab bzw. im Zuge der Gemeindebildung in Sissach auf. 1497 120 Einwohner; 1680 684; 1774 848; 1850 1374; 1900 2798; 1950 3493; 2000 5325.

Vorrömische Zeit

Auf dem Burgenrain wurden zwei oder drei Wohngruben mit Keramik der Horgener Kultur (um 3000 v.Chr.) gefunden, von der Sissacher Fluh und vom Bischofstein stammen einzelne horgenzeitliche Scherben. Ein Bronzedolch und eine Bronzenadel, die beim Primarschulhaus entdeckt wurden, gehörten wohl zu einem Brandgrab aus der Mittelbronzezeit (1500-1300 v.Chr.). Keramik aus der Mittelbronze- und der frühen Spätbronzezeit sowie Herdstellen, verbrannte Holzböden und Pfostenlöcher auf der Sissacher Fluh wurden 1936 unter Leitung von Emil Vogt ausgegraben. Die von Vogt rekonstruierten Häuser interpretierte Felix Müller als keltischen Befestigungswall und somit als mögliches Refugium der Talsiedlung. Spätbronzezeitliches Fundmaterial von der Höhensiedlung (9. Jh. v.Chr.) auf dem Bischofstein wurde 1937-1938 untersucht. Hallstattzeitliche Keramikfunde (8.-6. Jh. v.Chr.) stammen vom Bischofstein, Rebacker, Kulmacker und Ebenrain. Von besonderer Bedeutung für das regionale Verständnis der Eisenzeit sind eine 1933-1935 ebenfalls unter Vogts Leitung erforschte befestigte hallstattzeitliche Höhensiedlung auf dem Burgenrain, eine frühlatènezeitliche Brandgrube am Burgenrainweg und eine Töpfersiedlung der Spätlatènezeit im Vorderen Brühl, die hauptsächlich 1934-1935 und 1937-1938 freigelegt wurde.

Vom Mittelalter bis in die frühe Neuzeit

Die keltischen Höhensiedlungen Burgenrain und Sissacher Fluh wurden im Frühmittelalter zu Fluchtburgen ausgebaut. Die Homberger, Frohburger, Thiersteiner, Habsburger sowie das Kloster Schöntal hielten Rechte im Ort. Als Hauptort der Landgrafschaft Sisgau war Sissach Gerichts-, Landtags- und Landsgemeindeort. Die Burg Bischofstein errichteten um 1250 die Eptinger. 1356 zerstörte das Basler Erdbeben die Festung, die fortan unbewohnt blieb. 1465 erwarb die Stadt Basel den zum Farnsburger Amt gehörenden Ort. Sissach beherbergte Zollstellen, eine Deputatenschule, eine Landschreiberei und ab 1728 Jahrmärkte. 1774 gab der Basler Seidenbandfabrikant Martin Bachofen den Auftrag zum Bau des Schlosses Ebenrain am westlichen Dorfrand, das dem Kanton heute für repräsentative Zwecke dient. Der gleichnamige Landwirtschaftsbetrieb beherbergt das kantonale Landwirtschaftliche Zentrum und die landwirtschaftliche Schule.

Zweiteiliger Zehntenplan von Georg Friedrich Meyer, 1689 (Staatsarchiv Basel-Landschaft, Liestal, KP 5003 0349a).
Zweiteiliger Zehntenplan von Georg Friedrich Meyer, 1689 (Staatsarchiv Basel-Landschaft, Liestal, KP 5003 0349a). […]
Zweiteiliger Zehntenplan von Georg Friedrich Meyer, 1689 (Staatsarchiv Basel-Landschaft, Liestal, KP 5003 0349b).
Zweiteiliger Zehntenplan von Georg Friedrich Meyer, 1689 (Staatsarchiv Basel-Landschaft, Liestal, KP 5003 0349b). […]

Die Kirche St. Jakob entstand um 620/630 als Eigenkirche einer vermutlich wohlhabenden Familie und war eine der frühesten Landkirchen der Region. Sie wurde zu Beginn des 12. Jahrhunderts, an der Wende zum 15. Jahrhundert sowie 1525 erweitert. Dem Sissacher Kirchenspiel gehörten mehrere Dörfer der Umgebung mit eigenen Filialkirchen oder Filialkapellen an. Sissach vollzog mit Basel 1529 die Reformation. Die katholische Pfarrei Sissach-Gelterkinden entstand 1896. Vor der Industrialisierung war die Landwirtschaft der vorherrschende Wirtschaftszweig. Ab dem 17. Jahrhundert entstanden im Bann Sissach 23 Aussenhöfe. Von besonderer Bedeutung war der Rebbau. Weitere Erwerbsmöglichkeiten boten das auf die Landwirtschaft und den regionalen Markt orientierte Handwerk sowie die Posamenterei. Sissach war im 18. und 19. Jahrhundert einer der wichtigen Standorte dieser Verlagsindustrie. 1754 liefen in Sissach 64 Bandstühle, 1786 91, 1856 163 und 1908 noch 57. Die Verteilung der landwirtschaftlichen Nutzfläche gestaltete sich ausgesprochen ungleich. 1774 verfügten im Kirchenspiel Sissach nur rund ein Fünftel der Haushalte über ausreichend Grundbesitz, um davon eine Familie ernähren zu können. Eine Mehrheit der Haushalte blieb deshalb auf weitere Erwerbsquellen angewiesen.

Das 19. und 20. Jahrhundert

Ausgangspunkt der Industrialisierung bildete der Bau der sogenannten Unteren und Oberen Fabrik, die industriell Seidenbänder herstellten. 1858 eröffnete die Schweizerische Centralbahn die über Sissach und durch den Hauensteinscheiteltunnel führende Verbindung zwischen Basel und Olten. Ab 1891 verband eine Schmalspurbahn Sissach mit Gelterkinden. 1916 folgte die Eröffnung des Hauensteinbasistunnels, der das sogenannte Gelterkinderli überflüssig und die Strecke über Läufelfingen zur Nebenstrecke machte. Seit 1972 quert die A2 von Basel durch den Belchentunnel nach Egerkingen das Ergolztal bei Sissach. Die gute Verkehrserschliessung erlaubte die Ansiedlung vielfältiger Gewerbezweige, so 1887 eine Firma für Metallguss und Armaturen (später JRG), 1899 für Carosseriewerke (später Frech-Hoch), 1919 für Apparate und Transformatoren (später Rauscher& Stoecklin), 1904 für Küchenmöbel (später Heid), 1924 für Elektrische Apparate und Heizungen (später Sixmadun). 2005 stellte die Industrie 40% der Arbeitsplätze in Sissach, während die Landwirtschaft praktisch verschwunden war.

Der wirtschaftliche Aufschwung der Nachkriegszeit löste in Sissach eine starke Zunahme der Bevölkerung aus, die erst mit der Wirtschaftskrise der 1970er Jahre unterbrochen wurde. Am Rand des Dorfkerns entstanden zunächst Einfamilienhaus-, in den 1950er und 1960er Jahren Mehrfamilienhausquartiere. Mit der Eröffnung des Autobahnanschlusses nahm der Anteil der Einfamilienhäuser erneut zu, die nach und nach auch die als Bauzonen ausgeschiedenen Talhänge bedecken. Die Trennung von Einwohner- und Bürgergemeinde erfolgte im Kanton Basel-Landschaft 1881. Die Armenfürsorge, die Erteilung des Bürgerrechts sowie der umfangreiche Waldbesitz verblieben bei der Bürgergemeinde. 1970 wurde die Armenfürsorge im Kanton den Einwohnergemeinden zugewiesen, während die Einbürgerungen und der Forst weiterhin Sache der Bürgergemeinde blieben. So kennt Sissach nach wie vor einen jährlichen Bannumzug, der den männlichen Bürgern vorbehalten ist. Andere Bräuche wie die Fasnacht, das heischende Hutzgüri, der Eierläset oder das Maisingen mit Bändeltanz wurden reaktiviert oder neu übernommen. 2008 beschloss die Bürgergemeinde, das einzige Kino in Sissach, das seine Tore schliessen wollte, zu erwerben und als kulturelles Angebot zu erhalten.

Quellen und Literatur

  • 250 Jahre Sissacher Märkte, 1978
  • Heimatkunde Sissach, 21998
  • Tatort Vergangenheit, hg. von J. Ewald, J. Tauber, 1998, 108 f., 181-210
  • SPM 4
  • R. Marti, Zwischen Römerzeit und MA, 2000
  • Nah dran, weit weg: Gesch. des Kt. Basel-Landschaft, 6 Bde., 2001
Von der Redaktion ergänzt
  • Heyer, Hans-Rudolf: Der Bezirk Sissach, 1986, S. 280-349 (Die Kunstdenkmäler des Kantons Basel-Landschaft, 3). 
Weblinks
Normdateien
GND

Zitiervorschlag

Paul Gutzwiller; Ruedi Epple: "Sissach", in: Historisches Lexikon der Schweiz (HLS), Version vom 19.12.2012. Online: https://hls-dhs-dss.ch/de/articles/007557/2012-12-19/, konsultiert am 09.12.2022.