de fr it

Toggenburg

Landschaft im Kanton St. Gallen, 1209-1798 Grafschaft. Die Landschaft gehört zum Einzugsgebiet der Thur mit ihren Nebenflüssen Necker und Glatt und erstreckt sich von Wildhaus im Süden bis Schwarzenbach (bei Wil) im Norden, vom Schnebelhorn und Hörnli im Westen bis Degersheim im Osten. Die Bergketten von Säntis und Churfirsten schliessen das obere Thurtal nach Norden und Süden ab. Das Toggenburg umfasst rund einen Viertel der Fläche des Kantons St. Gallen. Für den Siedlungsraum sind bäuerliche Streusiedlungen typisch. Die charakteristischen Bauernhäuser sind vor allem im mittleren und oberen Thurtal und im Neckertal verbreitet. Das industrialisierte untere Toggenburg weist eine dichtere Bevölkerung auf. 1827 40'414 Einwohner; 1850 48'472; 1900 56'024; 1950 62'471; 2000 79'811.

Ausgrabungen im Wildenmannlisloch am Fuss des Seluns belegen die Begehung dieser prähistorischen Höhle durch altsteinzeitliche Jägergruppen. Romanische Alp- und Flurnamen im obersten Toggenburg deuten auf eine Weidenutzung aus dem Rheintal in spätrömischer Zeit hin. Die Besiedlung erfolgte durch alemannische Einwanderer. Fassbar wird diese in den ältesten Urkunden, welche die Abtei St. Gallen anlässlich von Schenkungen ab dem 8. Jahrhundert ausstellte. Die Abtei besass als Grundherrin zahlreiche Güter im Toggenburg mit Schwergewicht in Wattwil und Bütschwil. Im obersten Toggenburg lassen sich bis ins Spätmittelalter Hoheitsrechte der Herren von Sax in Wildhaus und der Grafen von Werdenberg-Montfort in Stein und Alt St. Johann nachweisen. Ihren heutigen Namen erhielt die Landschaft von den 1044 erstmals urkundlich erwähnten Herren von Toggenburg. Der genealogische Zusammenhang mit den späteren Freiherren und ab 1209 Grafen von Toggenburg ist allerdings unklar. Das Adelsgeschlecht war im 11. Jahrhundert im oberen Thurgau und im unteren Toggenburg (v.a. Kirchberg mit der Stammburg Alt-Toggenburg, Lütisburg, Neckertal) begütert. Um 1270 liessen die Grafen von Toggenburg die Neu-Toggenburg zum Schutz des Städtchens Lichtensteig gegenüber der äbtischen Burg Iberg bei Wattwil bauen. Ihr geschicktes Verhalten zwischen der Politik der Habsburger, den Forderungen der freiheitsbewussten Appenzeller und den Interessen der eidgenössischen Orte Schwyz und Zürich ermöglichte ihnen die Sicherung ihres Besitzstands im 13. und 14. Jahrhundert. Unter Friedrich VII., dem letzten Grafen von Toggenburg (1400-1436), bildete das Geschlecht eine bedeutende politische Kraft in der Region und verfügte über ein zusammenhängendes, wenn auch nicht geschlossenes Herrschaftsgebiet, das neben der Grafschaft Toggenburg vom oberen Zürichsee bis Davos reichte und auch die österreichische Pfandschaft Rheintal und die Herrschaft Feldkirch umfasste.

Den selbstbewussten Forderungen der Lichtensteiger Bürgerschaft kam Graf Donat 1400 mit einem Freiheitsbrief entgegen, der ihr Rechte im privaten und strafrechtlichen Bereich gewährte und erstmals einen Markt erwähnt. Bereits 1399 war den gräflichen Untertanen eine Bestätigung ihrer bisherigen Abgaben ausgestellt worden. Dieses Hervortreten der Landleute ist als Indiz für die Anfänge eines Unabhängigkeitsstrebens zu werten, das nach dem Tod des letzten Toggenburger Grafen zum Ausdruck kam.

Die konfessionelle Zusammensetzung des 60-köpfigen Toggenburger Landrats im 18. Jahrhundert
Die konfessionelle Zusammensetzung des 60-köpfigen Toggenburger Landrats im 18. Jahrhundert […]

Die Streitigkeiten um das Erbe Friedrichs VII. führten infolge der Ansprüche von Zürich und Schwyz, die beide mit dem Grafen im Burg- und Landrecht verbunden gewesen waren, zum Toggenburger Erbschaftskrieg von 1436-1450 (Alter Zürichkrieg). Die Toggenburger Stammlande kamen 1437 und 1440 unter anderem an die mit den Grafen verwandten Freiherren von Raron. Petermann von Raron verkaufte die Grafschaft 1468 für 14'500 rheinische Gulden an Fürstabt Ulrich Rösch von St. Gallen. Die bestehenden Freiheiten wurden bestätigt, gräfliche Hofjünger, äbtische Gotteshausleute und andere Untertanen einander gleichgestellt. Das Territorium wurde in ein Ober- und ein Unteramt gegliedert. Schwyz und Glarus behielten ihre seit 1436 wahrgenommene Funktion als Schirmorte. Bis 1798 regierte der Fürstabt durch einen Landvogt in Lichtensteig und Amtmänner in Sidwald (Krummenau), Schwarzenbach und im Neckertal. In Lichtensteig versammelten sich der toggenburgische Landrat, das Landgericht und der Kriegsrat, ab 1529 auch die reformierte Synode. Das Landgericht bestand aus 20 vom Abt gewählten Vertretern; der Landrat verfügte über das Gesetzgebungsrecht. Das Stift St. Gallen besass den Blutbann und das Mannschaftsrecht, nahm die Landeshuldigung ab, erliess Gesetze und Mandate, organisierte die Hoch- und Grenzwachten, vergab die Niederlassungs- und Durchzugsrechte und übte das Schutz- und Schirmrecht aus.

Die Kirchen von Jonschwil, Wattwil und Rickenbach bei Wil gehören zu den ältesten St. Galler Eigenkirchen. Mit Ausnahme des obersten Toggenburgs (Wildhaus), das bis 1484 dem Bistum Chur zugeteilt war, unterstand das Gebiet dem Bistum Konstanz. Die Einführung der Reformation erfolgte per Landratsbeschluss ab 1524 unter dem Einfluss des in Wildhaus geborenen Zürcher Reformators Huldrych Zwingli, wobei im Toggenburg die Frage des Glaubens eng mit der politischen Frage nach Unabhängigkeit von der Fürstabtei verknüpft war. Soziale und radikalreformatorische Forderungen der Täuferbewegung wurden 1524-1526 mit Gewalt und Hinrichtungen unterdrückt. Ab 1528 führte die reformatorische Bewegung zum Bildersturm in zahlreichen Kirchen und zum Klostersturm in Alt St. Johann. 1530 kam es zu einer mit Unterstützung Zürichs erfolgten Ablösung der Grafschaft vom Landesherrn, der nach dem Zweiten Kappelerkrieg 1531 indes wieder in seine Herrschaftsrechte eingesetzt wurde. Gleichzeitig garantierten die Schirmorte der Fürstabtei (Schwyz, Luzern, Glarus, Zürich) das Bestehen beider Bekenntnisse im Toggenburg. In der Folge blieb das Oberamt überwiegend reformiert, das Unteramt überwiegend katholisch. 1555 wurde das Kloster Alt St. Johann in die Abtei St. Gallen inkorporiert und 1629, nach dem Brand von 1626, nach Neu St. Johann bei Sidwald verlegt.

Latente Freiheitsregungen und konfessioneller Gegensatz führten an der Wende vom 17. zum 18. Jahrhundert zu den Toggenburger Wirren und 1712 zum Zweiten Villmergerkrieg. Den Anlass dazu gab der von Fürstabt Leodegar Bürgisser verfügte Ausbau der Fahrstrasse über den Rickenpass, die für die katholischen inneren Orte als Verbindung zu den Salz- und Kornmärkten Süddeutschlands strategisch und wirtschaftlich wichtig war. Die Wattwiler lehnten sich aus Furcht vor den Kosten und Frondiensten gegen den Landesherrn auf. Durch das Eingreifen Zürichs und Berns in die Angelegenheit bekam diese einen konfessionellen Charakter und wuchs sich zu einem gesamteidgenössischen Konflikt aus. Der Frieden von Baden 1718 bestimmte nach der katholischen Niederlage die Rückkehr der Grafschaft Toggenburg unter die fürstäbtische Herrschaft, allerdings mit weitreichender Autonomie. In konfessioneller Hinsicht galten für das Toggenburg künftig die Bestimmungen des Friedens von Aarau 1712 (Vierter Landfrieden). Die fürstäbtische Politik strebte fortan nach einem Ausgleich unter den konfessionellen Parteien entsprechend der Maxime "Toggius ratione ducitur" ("Der Toggenburger folgt der Vernunft"). Während die Katholiken als Amtleute in der Verwaltung und in der Landwirtschaft tätig waren, beherrschten die Reformierten überwiegend das Gewerbe und die textile Protoindustrie.

Unter dem Eindruck der revolutionären Bewegung, die nach 1789 namentlich auch die Alte Landschaft der Fürstabtei St. Gallen erfasste, kam es 1797-1798 in der Grafschaft Toggenburg zu einer auf politische Unabhängigkeit und Volkssouveränität zielenden Erhebung. Am 1. Februar 1798 gab der letzte fürstäbtische Landvogt Karl Müller-Friedberg das Toggenburg frei, das während dreier Monate einen Freistaat bildete. Das Vorrücken der Franzosen zwang die Toggenburger zum Eid auf die Helvetische Verfassung. Diese wies das Oberamt ohne Wattwil und Lichtensteig dem Kanton Linth, das Unteramt mit jenen zwei Gemeinden dem Kanton Säntis zu. Nach der Gründung des Kantons St. Gallen 1803 war das Toggenburg in die beiden Bezirke Ober- und Untertoggenburg, 1831-2003 dann in die vier Bezirke Ober-, Alt-, Neu- und Untertoggenburg aufgeteilt.

Das 19. Jahrhundert war gekennzeichnet durch wirtschaftliche Veränderungen. Die ab der Mitte des 18. Jahrhunderts betriebene Baumwollverarbeitung im Verlagssystem wurde nach 1815 abgelöst durch mechanische Spinnereien an Thur, Necker und Glatt. In Ebnat entwickelte sich ab 1824 die Rotfärberei, in Hemberg und Degersheim nach 1800 die Mousselineweberei. Die Firmen der Brüder Johann Georg und Friedrich Anderegg sowie von Johann Rudolf Raschle in Wattwil, von Josua Looser in Kappel und von Mathias Naef in Niederuzwil stiegen nach 1830 zu führenden Unternehmen der Buntweberei auf. Toggenburger Tücher wurden nach Afrika, Asien und Amerika abgesetzt. Uzwil wandelte sich nach der Mitte des 19. Jahrhunderts mit den Firmen Benninger und Bühler zum Zentrum der Maschinenindustrie. Industrieller Kapitalbedarf und Missstände im Hypothekarwesen führten 1856 zur Gründung der Toggenburgischen Creditanstalt und 1863 zur Eröffnung der Toggenburger Bank. Letztere fusionierte 1912 mit der Winterthurer Bank zur Schweizerischen Bankgesellschaft (seit 1998 UBS). Eine Voraussetzung für die Blüte der Textilindustrie war der Ausbau der Wege und Säumerpfade zu Fahrstrassen im Thurtal und über den Rickenpass, so der Strecken Wil-Nesslau (1789), Nesslau-Stein (1817), Kaltbrunn-Ricken-Wattwil (1835) und Lichtensteig-Herisau (1841). 1826 erfolgte der Durchbruch bei Starkenbach (Alt St. Johann) und 1830 der Ausbau bis ins Rheintal. 1841 waren nach kantonalem Strassenbauprogramm die wichtigsten Verbindungsstrassen erstellt. Eine Stärkung des Industrialisierungsprozesses brachte 1870 die Eröffnung der Toggenburger Bahn Wil-Ebnat, die 1912 bis Nesslau verlängert wurde. 1910 schloss der Bau der Bodensee-Toggenburg-Bahn, die von Romanshorn über Wattwil durch den Rickentunnel nach Uznach führte, den Bahnbau im Toggenburg ab. Die Korrektion der Thur im Raum Ebnat-Wattwil-Lichtensteig 1907-1913 fiel mit den grossen Bahn- und Tunnelbauten zusammen. Als erste Zeitung erschien ab 1825 das liberale "Wochenblatt fürs Toggenburg" (seit 1942 "Der Toggenburger").

Während die Buntwebereiindustrie im Niedergang begriffen war, siedelte sich in den Gegenden ohne Buntweberei ab 1865 die Stickereiindustrie an. Eigentliche Stickerdörfer mit ihrer charakteristischen Siedlungsstruktur entstanden in Kirchberg, Degersheim, Nesslau und Brunnadern. 1910 setzte auch hier die Krise ein. Anschluss an die moderne Industrie des 20. Jahrhunderts fand das Toggenburg durch den Übergang zur chemischen Färberei und zur Textilveredelung, vor allem der Firma Heberlein in Wattwil, und durch die Dynamik der Uzwiler Maschinenindustrie. Webereien blieben in Lichtensteig, Dietfurt und Neu St. Johann dank Spezialisierung bestehen. Zeuge der einstigen Textilregion Toggenburg ist die 1881 eröffnete Schweizerische Textilfachschule in Wattwil. Nach 1900 liessen sich auch Betriebe der Nahrungsmittel- und Kosmetikherstellung nieder. Die Fertigung hochpräziser Instrumente und die Verarbeitung von Kunststoffen in kleineren Betrieben setzte in den 1960er Jahren ein.

Der Tourismus entwickelte sich ab 1860 durch das Angebot von Molkenkuren im mittleren und oberen Toggenburg und durch den Ausbau von Hütten und Wegen im Alpstein- und Churfirstengebiet. 1905 kam der Skitourismus mit anfänglich eigener Skiproduktion auf. Der Bau der Standseilbahn Unterwasser-Iltios 1934 gab den Anstoss zur Erschliessung des oberen und mittleren Toggenburgs durch über 80 Seilbahnen, Ski- und Sessellifte nach dem Zweiten Weltkrieg.

Ausdruck spätmittelalterlicher Kultur im Toggenburg sind das Erzählwerk "Der Ring" von Heinrich Wittenwiler, die 1411 von Dietrich von Lichtensteig ab- und umgeschriebene Weltchronik des Rudolf von Ems ("Toggenburger Weltchronik") und die Lieder des Minnesängers Graf Kraft I. von Toggenburg. Im 18. Jahrhundert entwickelte sich das Toggenburg zu einem blühenden bäuerlichen Kulturraum, wovon herrschaftliche Bauernhäuser, Hausorgeln und bemalte Möbel zeugen. Der Garnhändler und Schriftsteller Ulrich Bräker hielt in seiner 1788 erschienenen Autobiografie "Lebensgeschichte und natürliche Ebentheuer des Armen Mannes im Tockenburg" die sozialen und wirtschaftlichen Verhältnisse der Toggenburger Unterschicht fest. Das Toggenburger Museum in Lichtensteig wurde 1896 eröffnet, Ortsmuseen bestehen in Bütschwil (1980), Oberuzwil (1988), Flawil (1989) und Nesslau (1995), weitere Museen in Lichtensteig und Alt St. Johann.

Quellen und Literatur

  • H. Edelmann, Gesch. der Landschaft Toggenburg, 1956
  • H. Büchler, Das Toggenburg in alten Ansichten vom 17. bis 19. Jh., 1975
  • Das Toggenburg, hg. von H. Büchler, 1992 (21993)
  • A. Müller, Das Schrifttum der Landschaft Toggenburg auf dem Stand von 1991: Bibl., 1992
Weblinks
Normdateien
GND

Zitiervorschlag

Hans Büchler: "Toggenburg", in: Historisches Lexikon der Schweiz (HLS), Version vom 16.03.2017. Online: https://hls-dhs-dss.ch/de/articles/007642/2017-03-16/, konsultiert am 17.08.2022.