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KyburgGrafschaft, Burg

Im Hoch- und Spätmittelalter Graf- und Herrschaft der Kyburger, dann der Habsburger, 1424-1442 und 1452-1798 Zürcher Landvogtei, 1815-1831 Zürcher Oberamt sowie bedeutende Burganlage, auf einem Molassesporn 150 m über der Töss in der gleichnamigen Gemeinde gelegen.

Von der Grafschaft zum Zürcher Oberamt

Die erste schriftliche Erwähnung datiert von 1027, als Kaiser Konrad II. die Chuigeburch zerstörte. Trotzdem entwickelte sich die Kyburg in der Folge zum Mittelpunkt eines Güterkomplexes in der Gegend von Winterthur. Im mittleren 11. Jahrhundert gelangten die Grafen von Dillingen (bei Ulm) in den Besitz der Kyburg. 1079 wurde die Feste im Investiturstreit durch den kaiserlich gesinnten Abt Ulrich II. von St. Gallen erneut gebrochen. Ab 1096 führten die Dillinger auch den Titel Grafen von Kyburg, um 1180 spalteten sie sich in eine kyburgische und eine bayerisch-dillingische Linie. Den Kyburgern gelang es 1173 bzw. 1218, bedeutende Teile des lenzburgischen und zähringischen Erbes (u.a. die Städte Burgdorf, Thun und Freiburg) zu übernehmen und ihren Machtbereich auszudehnen, den sie mit verschiedenen Städtegründungen bzw. Städteerhebungen (Diessenhofen, Winterthur, Zug, Baden, Frauenfeld, Aarau, Mellingen, Lenzburg, Sursee, Weesen, Laupen, Richensee, Wangen an der Aare und Huttwil) und Klostergründungen (Heiligberg bei Winterthur, Töss, St. Katharinental und Paradies) abzusichern versuchten. Die herausragende Stellung der Grafen von Kyburg in der ersten Hälfte des 13. Jahrhunderts kontrastiert mit Problemen und Strukturschwächen beim inneren Herrschaftsausbau. Anlässlich der 1250 erfolgten Herrschaftsteilung zwischen Hartmann IV. und Hartmann V. verblieb die Kyburg im Besitz Hartmanns IV., mit dem das Geschlecht im Mannesstamm 1264 ausstarb.

In der Folge setzte sich Graf Rudolf von Habsburg, ein Neffe Hartmanns IV., gegen dessen Ehefrau Margaretha und deren Bruder Peter II. von Savoyen durch und zog einen gewichtigen Teil des kyburgischen Erbes einschliesslich der Stammburg an sich. Vor seiner Wahl zum König 1273 hielt sich Rudolf regelmässig auf der Kyburg auf, danach erschien er dort, wie später auch König Albrecht I., offenbar nur mehr für einzelne Amtshandlungen. Gemäss spätmittelalterlicher Chroniken sollen die Reichskleinodien während der ersten Königsherrschaft der Habsburger auf der Kyburg aufbewahrt worden sein. Im Zuge der Verlagerung der habsburgischen Politik auf die österreichischen Länder wurde die Kyburg von einer Königsburg zu einem blossen habsburgischen Verwaltungssitz, von dem die aus dem einheimischen Adel rekrutierten Vögte landesherrliche Aufgaben militärischer, güterrechtlicher und gerichtlicher Art im Raum Ostschweiz-Zürich-Aargau wahrnahmen. Das moderne, auf territorialen Ämtern, Beamten und Geldzahlungen basierende Verwaltungssystem der Habsburger geriet in der zweiten Hälfte des 14. Jahrhunderts in Schwierigkeiten; die Herrschaft Kyburg wurde ab 1364 zu einem Handelsobjekt. 1384 gelangte sie als habsburgisches Pfand an die finanzkräftigen Grafen Donat und Diethelm von Toggenburg, 1402 an Kunigunde von Montfort-Bregenz. Die Appenzeller Kriege führten 1407 zu einer Besetzung der Kyburg durch die Appenzeller und Schwyzer sowie zu einer Ausdehnung des Einflusses Zürichs im nahe gelegenen habsburgischen Herrschaftsbereich.

Nach der 1415 erfolgten Ächtung des österreichischen Herzogs Friedrich IV. durch König Sigismund von Luxemburg übernahm die Stadt Zürich 1424 die Herrschaft Kyburg gegen die Bezahlung von 8750 Gulden als Reichspfand. Die vom 14. Jahrhundert an auch als Grafschaft bezeichnete Herrschaft umfasste damals die Ämter Kloten und Embrach sowie ungefähr die Gebiete der heutigen Bezirke Pfäffikon und Winterthur (ohne die Stadt). Als sich das bedrängte Zürich im Alten Zürichkrieg 1442 mit dem habsburgischen König Friedrich III. – ab 1438 war die Reichskrone wieder im Besitz der Habsburger – verbündete, musste es die Grafschaft Kyburg bis auf die Gebiete westlich der Glatt (das spätere "Neuamt") wieder an die Herzöge von Österreich abtreten. Aber bereits 1452 ging die Grafschaft Kyburg als Pfand im Wert von 17'000 Gulden wieder an Zürich über und wurde in der Folge nie mehr ausgelöst. Den Titel "gefürsteter Graf von Kyburg" trug der österreichische Kaiser freilich noch 1918.

Das Kyburger Urbar von 1482. Vorrede und erste Seite mit den Vogtsteuern in Winterthur (Staatsarchiv Zürich, F IIa 252).
Das Kyburger Urbar von 1482. Vorrede und erste Seite mit den Vogtsteuern in Winterthur (Staatsarchiv Zürich, F IIa 252). […]

Der Erwerb der Grafschaft Kyburg stellte für die Stadt Zürich den entscheidenden Schritt zur Bildung eines wirklichen Territorialstaats dar. Die folgende, nahezu vier Jahrhunderte dauernde Landvogteizeit formte aus der uneinheitlichen feudalen Grafschaft mit ihren verschiedenartigen Herrschaftsrechten einen ziemlich homogenen Staatsteil. Die Landvogtei Kyburg war mit Abstand die grösste Zürcher Verwaltungseinheit; im 18. Jahrhundert umfasste sie mit den ihr angegliederten Herrschaften rund die Hälfte des Zürcher Hoheitsgebiets. Sie bestand ihrerseits aus sechs Verwaltungsbezirken, nämlich dem Oberamt (nördliches Zürcher Oberland), dem Enneramt (zwischen Töss und Thur), dem Ausseramt (nördliches Zürcher Weinland) und dem Unteramt (um Kloten) sowie dem Embracher und dem Illnauer "Teil". Die Landvogtei umfasste somit ungefähr das heutige Kantonsgebiet nördlich der Linie Hörnli-Pfäffikersee-Glatt-Tössegg mit Ausnahme der Stadt Winterthur, der Herrschaft Wülflingen, Stammheims und der Landvogtei Andelfingen. Die Burg war bis 1798 Sitz des Landvogts, der mit den Untervögten der Landschaft die ehemalige Grafschaft verwaltete, die hohe und in einzelnen Orten auch die niedere Gerichtsbarkeit, das Notariatswesen sowie die Steuer- und Militärhoheit ausübte. Dem Landvogt oblag ferner die Sorge für Einzug und Verwaltung des reichen Schloss- und Vogteiguts. Seiner Bedeutung wegen galt das Landvogteiamt Kyburg als Sprungbrett für eine politische Karriere in der Stadt, insbesondere als Vorstufe zum Bürgermeisteramt. Die vom Grossen Rat Zürichs gewählten Landvögte stammten aus den führenden Stadtzürcher Geschlechtern und wurden ab 1535 jeweils für sechs Jahre gewählt.

Dem Umsturz von 1798, während dessen die Kyburg von aufrührerischen Bauernscharen gestürmt wurde, folgten die Auflösung der Landvogtei und die Aufteilung des Gebiets in verschiedene helvetische Distrikte. 1815 wurde die Kyburg Sitz eines Oberamts, das den späteren Bezirk Pfäffikon umfasste. Mit dem Ende der Restauration verloren Burg und Ort 1831 endgültig ihre Rolle als Verwaltungszentrum.

Die Burg und ihre Besitzer

Die Kyburg ist eine der grössten mittelalterlichen Burganlagen der Ostschweiz; sie dokumentiert den Burgenbau des 13. und 14. Jahrhunderts. Die Anlage besteht aus Bergfried, Herrenhaus (Palas), Ritterhaus, Kapelle und Ökonomiegebäuden, die um einen geräumigen Burghof gruppiert und mit einer Ringmauer verbunden sind. Die heutige Anlage scheint im Kern auf die Blütezeit der Kyburger um 1200 zurückzugehen; sie wurde jedoch im 13. und 14. Jahrhundert mit markanten Bauten erweitert. Nach der Übernahme der Burg durch die Zürcher erfolgten ab 1424 grössere Renovationsarbeiten an Bergfried, Palas, Ritterhaus und der 1235 erstmals indirekt bezeugten Burgkapelle (bedeutende gotische Wandmalereien, mit deren Bildprogramm die Stadt Zürich ihren Anspruch auf das Reichspfand Kyburg unterstrich). Unter Landvogt Hans Rudolf Lavater erfuhr die Burganlage 1527-1528 wesentliche Eingriffe, wobei vor allem das Ritterhaus stark verändert wurde. Weitere Umbauten führten zur heutigen Ausgestaltung der Anlage. Noch immer imponiert die Feste durch ihre markante Gestalt, die sich stimmungsvoll in die Waldlandschaft der Umgebung einfügt.

Burgkapelle. Blick vom Schiff gegen Chor und Nebenchor. Fotografie nach der Restaurierung, 1995 (Kantonale Denkmalpflege Zürich).
Burgkapelle. Blick vom Schiff gegen Chor und Nebenchor. Fotografie nach der Restaurierung, 1995 (Kantonale Denkmalpflege Zürich). […]

1798 wurde die Kyburg Nationalgut, 1803 gelangte sie an den Kanton Zürich. 1832 ersteigerte Franz Heinrich Hirzel das Schloss, das er 1835 dem polnischen Grafen Alexander Sobansky verkaufte. Spätere Besitzer waren Matthäus Pfau und Eduard Bodmer-Thomann. Von den Erben des Letzteren erwarb der Kanton Zürich 1917 die Kyburg wieder und machte sie nach einer tiefgreifenden Renovation 1927 der Öffentlichkeit als historisches Museum zugänglich. 1996-1999 erfolgte eine Neukonzeptionierung und Modernisierung der Ausstellung.

Quellen und Literatur

  • E. Bär, Zur Gesch. der Grafschaft Kiburg unter den Habsburgern und ihrer Erwerbung durch die Stadt Zürich, 1893
  • M. Sommer, Die Landvogtei Kyburg im 18. Jh., 2. Tl., 1944-48
  • A. Largiadèr, Die Kyburg, 1955
  • Kdm ZH 3, 1978, 141-194
  • Die Gf. von Kyburg, 1981
  • E. Eugster, Adlige Territorialpolitik in der Ostschweiz, 1991
  • Zeitspuren – 800 Jahre Leben auf der Kyburg, hg. von D. Flühler-Kreis, 1999
  • U. Rüttimann-Jenzer, «Die Kyburg als Gutsbetrieb», in Heimatspiegel, 1999, Nr. 9, 1-7
  • T. Weibel, «Was meldete ein Landvogt von Kyburg nach Zürich?», in ZTb 2000, 1999, 85-163
  • P. Niederhäuser, R. Sennhauser, «Von der Grafenburg zum Landvogteischloss», in Heimatspiegel, 2002, Nr. 7, 49-55
  • W. Wild, «Die ma. Bauten auf der Kyburg, Kt. Zürich», in MA 8, 2003, 61-100
Weblinks
Normdateien
GND

Zitiervorschlag

Müller, Ueli: "Kyburg (Grafschaft, Burg)", in: Historisches Lexikon der Schweiz (HLS), Version vom 06.11.2008. Online: https://hls-dhs-dss.ch/de/articles/007829/2008-11-06/, konsultiert am 18.10.2021.