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Siedlung

Der Begriff Siedlung bezeichnet allgemein den Wohnplatz einer Gemeinschaft (Wohnen). Die Siedlung ist zumeist Teil eines grösseren Gefüges aus Wohn-, Aufenthalts- und Werkplätzen sowie Knotenpunkt von Verkehrswegen. Sie verfügt über ein Territorium oder über mehrere Territorien, die als Nutzgebiete, agrarisches Umland oder Hoheitsgebiete die Landschaft gliedern. Aus soziologischer Sicht spiegelt die Siedlung den verwandtschaftlichen, gesellschaftlichen oder politischen Aufbau der Gemeinschaft.

Ur- und Frühgeschichte

Für die ur- und frühgeschichtlichen Epochen, deren Siedlungsbilder durch archäologische Quellen erschlossen werden müssen, ergeben sich aufgrund der vielschichtigen Aspekte der Siedlung vor allem bei ethnologischen und soziologischen Fragen Schwierigkeiten der Bezeichnung und Deutung. Mit diesen befasst sich – neben der Erforschung der materiellen Hinterlassenschaft – die Siedlungs- und Landschaftsarchäologie.

Für verwandtschaftlich organisierte, wildbeuterische Gruppen gelten jahreszeitlich genutzte Lagerplätze als charakteristisch (Prähistorische Temporärsiedlungen). Solche wurden vor allem in Höhlen (Höhlenbewohner) und unter Felsdächern oder als Freilandlager auf Anhöhen, Flussterrassen und an Seeufern angelegt (Ufersiedlungen). Bereits im Acheuléen (Altpaläolithikum, vor 100'000 v.Chr.) ist in Europa die Organisation von Lagerplätzen um eine Feuerstelle und mit einfachen Strukturelementen (Tierhäute, Knochen, Holz, Laub) nachweisbar. In der Schweiz sind erst aus der Periode des späteren Moustérien (60'000-30'000 v.Chr.) Siedlungsplätze bekannt. Dazu gehören Freilandstationen im Gebiet zwischen Rhein und Birs (Löwenburg-Neumühlefeld III), Grotten und Abris im Jura (Cotencher) wie auch Höhlenstationen in den Alpen (Drachenloch, Wildkirchli). Ausschlaggebend für die Standortwahl waren Schutzbedürfnisse sowie die Nähe zu Wasser, Rohstoff- und Jagdwildvorkommen. Bedeutend zahlreicher sind die Siedlungsnachweise für das Jungpaläolithikum (18'000-10'000 v.Chr.) und Mesolithikum (nach 10'000 v.Chr.). Hauterive-Champréveyres lieferte das bisher bestbeobachtete Beispiel eines Magdalénien-Freilandlagers in Seeufernähe mit Feuerstellen und reichhaltigem Fundniederschlag. Die systematische Begehung und Nutzung alpiner Gebiete im frühen Postglazial lässt sich anhand des Tallagers von Mesocco und der hochalpinen Jägerlager des Pian dei Cavalli in der Region des Splügenpasses (italienische Seite) illustrieren.

Mit dem Übergang zum Neolithikum um 5000 v.Chr. und somit zur Sesshaftigkeit ging ein grundlegender Wandel des Siedlungswesens einher. Die dörfliche Gemeinschaft mit landwirtschaftlicher Lebensgrundlage (Dorf) entstand, an den Seen des Mittellandes namentlich die sogenannte Pfahlbausiedlung. Aufgrund der hervorragenden Erhaltungsbedingungen der Feuchtböden sind wir umfassend über Dorfgrössen, Baustrukturen und Einrichtungen wie auch über das agrarische Umland der neolithischen Seeufersiedlungen informiert (Auvernier, Twann, Arbon-Bleiche, Zürich-Mozartstrasse). In einem weitgehend dicht bewaldeten Gebiet boten die Seeufer den Vorteil offenen Geländes und einfacher Verkehrserschliessung. Zeitgleiche Siedlungen waren in der Regel 1-5 km voneinander entfernt, was abgegrenzte Nutzterritorien vermuten lässt. Sie boten Wohnraum für 50-200 Personen, aufgeteilt auf 10-25 Häuser von je ca. 30 m2 Fläche; gelegentlich sind aber auch erheblich mehr Wohneinheiten nachgewiesen (Zürich-Pressehaus, Zürich-Seefeld). Ethnografische Vergleiche legen regionale Strukturen (Heiratsnetzwerke), lokale Bindungen (Dorfgemeinschaften) und familiäre Kerngruppen (Haushalte) als soziale und politische Basis dieses Siedlungswesens nahe.

Sehr viel ungünstiger steht es um Siedlungsnachweise ausserhalb der Feuchtgebiete; solche sind oft nur durch Streufunde oder einige wenige Strukturelemente gegeben. Eine Ausnahme bilden die Alpen, wo in den Haupttälern von Rhein, Rhone und Tessin einzelne Inselberge vom frühen Neolithikum an besiedelt waren (Sitten-Tourbillon, Bellinzona-Castelgrande). Die inneralpinen Gebiete hingegen wurden erst im Verlauf des 4. Jahrtausends v.Chr. dauerhaft erschlossen. Terrassen, Schwemmfächer und Rückfallkuppen boten geeignete Siedlungslagen für die von kleinräumigem Ackerbau und Viehzucht lebenden Gemeinschaften. Relativ kleine Grubenhäuser sind, wie die Beispiele von Wartau-Ochsenberg und Castaneda-Pian del Remit zeigen, für das Spätneolithikum typisch. Nebst Wohnplätzen sind aus dem Alpenraum vor allem Werkplätze für die Rohmaterialbearbeitung bekannt – zum Beispiel für Bergkristall auf der Rossplatten bei Hospental oder für Serpentinit und Hirschgeweih auf dem Petrushügel von Cazis –, aber auch Hirtenlager (Zermatt-Alp Hermettji).

Geschützte Lage, Nähe zu Wasser und zu günstigen Böden sowie gute Verkehrserschliessung waren in den Alpen auch in der Bronzezeit ausschlaggebende Faktoren bei der Standortwahl für Siedlungen. Das Dorf aus hölzernen Ständer- und Blockbauten auf dem Padnal von Savognin bot Platz für eine Gruppe von 50 bis 100 Personen. Für das Unterengadin gilt in der Spätbronzezeit eine Bevölkerungszahl von etwa 550 Menschen, verteilt auf fünf Siedlungseinheiten, als wahrscheinlich.

An den Mittelland- und Jurarandseen erreichten zeitgleiche Ufersiedlungen Ausdehnungen von bis zu 15'000 m2 und waren wie Cortaillod nach streng zeilenorientierten Überbauungsplänen errichtet. Andere Dörfer wie Greifensee-Böschen waren bedeutend kleiner und locker bebaut. Ein gegenüber den früheren Perioden stärker hierarchisiertes Siedlungsgefüge zeichnet sich vor allem bei den Landsiedlungen ab, wo nebst Gehöftsiedlungen des Typs von Bavois befestigte Plätze auf strategisch günstig gelegenen Hügelplateaus und Spornlagen in Erscheinung treten (Wittnauer Horn). Zu dieser Entwicklung müssen einerseits ein allgemeines Bevölkerungswachstum, andererseits auch Veränderungen in der sozialen und politischen Struktur der Bevölkerungen beigetragen haben. Diese lassen sich aber aus den Siedlungsfunden allein nicht erschliessen, zumal besonders grosse oder auffällig ausgestattete Bauten einer «Oberschicht» fehlen. Deutlich widerspiegeln allerdings die Grabfunde ab der Spätbronzezeit und insbesondere in der Hallstattzeit die Herausbildung von gesellschaftlichen Eliten. Die ursächlichen Zusammenhänge zwischen dem Aufkommen aufwendig ausgestatteter Grabhügel und der Herausbildung von Höhensiedlungen mit wirtschaftlicher – und möglicherweise auch politischer – Zentralortfunktion wie Châtillon-sur-Glâne sind jedoch weiterhin Gegenstand kontroverser Diskussionen. Jedenfalls können die ländlichen Streusiedlungen wie etwa Fällanden-Fröschbach nicht einfach als Wohnplätze «bäuerlicher Unterschichten» bezeichnet werden, wie das Beispiel des Gehöfts von Hochdorf (Baden-Württemberg) zeigt. Vielmehr scheint sich hier ein Kontrast zwischen primär produzierenden ländlichen Siedlungslandschaften und präurbanen Zentralorten mit Funktionen der Verarbeitung und Verteilung abzuzeichnen.

Für die Latènezeit (um 450 v.Chr.-1. Jh. v.Chr.) ist die Existenz von Einzelgehöften, dörflichen Siedlungen und stadtähnlichen Oppida durch Schriftquellen belegt (Caesar, «De bello gallico», I,5,2). Die archäologischen Nachweise für ländliche Siedlungen sind in der Schweiz allerdings noch spärlich (Alle-Noir Bois, Glis-Waldmatte). Besser steht es mit den bekannten Funden von Genf-Genava, Bern-Engehalbinsel oder Basel-Münsterhügel um die Erforschung der Oppida; auch an diesen Orten fehlen aber grossflächige Untersuchungen, die Aussagen zur Struktur und inneren Organisation der Siedlungen erlauben würden.

Römische Zeit

Mit der römischen Besetzung im späten 1. Jahrhundert v.Chr. etablierten sich mediterrane Siedlungsstrukturen im Raum nördlich der Alpen, die auch auf Elemente der eisenzeitlichen Besiedlung zurückgreifen konnten (Römisches Reich). Als Basis diente ein gut ausgebautes Verkehrsnetz mit Strassen und Wasserwegen. Entlang dieser Wege entstanden grössere Zentren unterschiedlicher Rechtsstellung (Colonia, Municipium) wie zum Beispiel Aventicum (Hauptort der Civitas der Helvetier, um 70 n.Chr. zur Kolonie erhoben) oder Augusta Raurica (unter Caesar gegründete Kolonie, Neugründung unter Augustus) und dazwischen in regelmässigen Abständen kleinstädtische Unterzentren (Vicus). Hier konzentrierten sich die Verwaltung, der Handel und eine spezialisierte handwerkliche Produktion. Der Siedlungsaufbau folgte immer dem gleichen Raster und wies spezielle Zonen für die oben genannten Bereiche auf. Zur Versorgung der städtischen Zentren bildete sich ein spezielles ländliches Umfeld. Dieses war in den fruchtbaren Zonen nahezu vollständig mit römischen Gutshöfen aufgesiedelt. Deren Bewirtschaftung erzielte einen hohen Überschuss, sodass die städtischen Zentren versorgt werden konnten (Seeb, Vallon). In den unfruchtbareren und vor allem in den alpinen Zonen blieben daneben vorrömische Siedlungsformen in der Art kleiner dörflicher Siedlungen bestehen (Gamsen).

Neben der zivilen Besiedlung entstanden in der römischen Kaiserzeit erstmals auch besondere militärische Siedlungselemente. Diese umfassten Legionslager (Vindonissa) im rückwärtigen Raum, Auxiliarkastelle entlang der Grenze (Kastell) und kleinere militärische Posten in den Siedlungen entlang wichtiger Verkehrswege. Im 2. Jahrhundert wurden diese militärischen Elemente aufgegeben. Mit den Wirren des 3. Jahrhunderts und der Spätantike änderte sich das Besiedlungsbild grundlegend. Die ländliche Besiedlung ging zurück und mit schwindender Produktivität nahm auch die städtische Bevölkerung ab. Alle zivilen Siedlungen wurden befestigt und zusätzliche militärische Anlagen (Kaiseraugst) sicherten sowohl die Grenzen (Limes) als auch das Hinterland. Die in der Spätantike entstandenen Siedlungsstrukturen bildeten die Grundlage für die nächsten Jahrhunderte.

Mittelalter und frühe Neuzeit

Zu Beginn des Frühmittelalters setzte eine Zuwanderung in den damals vorwiegend von romanisierten Kelten (Galloromanen) dünn besiedelten Raum ein (Völkerwanderung). In der Deutschschweiz sind erste Spuren germanischer Siedler südlich des Rheins im 5. Jahrhundert fassbar (z.B. Flaach), im 6. Jahrhundert häufen sich archäologische Hinweise auf eine fränkische Oberschicht. Alemannische Siedlungstätigkeit ist im Kanton Schaffhausen und in Kleinbasel im 5. Jahrhundert belegt (Alemannen). Südlich des Rheins setzte sie im 7. Jahrhundert ein und griff bald über den römischen Siedlungsraum hinaus. Bis ins 10. Jahrhundert folgte ein von Adelssippen getragener Rodungsausbau in höheren Lagen und Alpentälern (Uri, Wallis, Berner Oberland). In der Westschweiz, die wohl zur Sapaudia gehörte, begann die Ansiedlung von Burgundern 443. Die kontinuierliche nachrömische Siedlungsentwicklung in Genf, Waadt und Neuenburg wurde von einer einheimischen romanischen Bevölkerung getragen. Im Tessin siedelte eine langobardische Elite vom Süden her ab der ersten Hälfte des 7. Jahrhunderts (Langobarden). Bei den frühmittelalterlichen Siedlungen handelte es sich um locker gefügte Gehöftgruppen mit einfachen Wohn- und Stallgebäuden aus Holz und Lehm sowie Grubenhäusern in Pfostenbauweise als Speicher oder Webkeller (Bauernhaus). Sie lagen in geringer Distanz zu römischen Siedlungen und Verkehrswegen. Unter anderem bei den Gutshöfen Vandœuvres und Lausen-Bettenach kann von einer römisch-frühmittelalterlichen Kontinuität des Siedlungsplatzes gesprochen werden. Zahlreiche zum Teil in Stein gebaute Kirchen wurden bereits in den ersten Jahrhunderten des Frühmittelalters errichtet (Kirchenbau).

Ein starkes Bevölkerungswachstum im 12. und 14. Jahrhundert führte zu einem intensiven Landesausbau, in dessen Verlauf sich der Siedlungsraum weiter ausdehnte und die Siedlungen sich im Innern verdichteten. Eine Vielzahl von Orts- und Flurnamen belegt diese Rodungstätigkeit, die von weltlichen und kirchlichen Lehnsherren getragen wurde. Mit der Ausdehnung des Kulturlands ging die Anlage zahlreicher Städte und Klöster (Mönchtum) einher. Gab es zu Beginn des Hochmittelalters nur die Städte Basel, Chur, Zürich, Schaffhausen, Solothurn, Genf, Lausanne und Sitten, stieg die Städtezahl bis ins Jahr 1400 auf 200. Die adligen Städtegründungen, die mit der Verleihung eines Marktrechts und dem Ausbau zu einer befestigten Siedlung (Städtebau) verbunden waren, erlebten ihren Höhepunkt im 13. Jahrhundert. Gleichzeitig entstand mit der Binnenkolonisation und der hochmittelalterlichen Herrschaftsintensivierung eine überaus grosse Zahl von Burgen (Burgen und Schlösser), Wohntürmen und befestigten Flecken. Viele davon verschwanden im Spätmittelalter mit dem Niedergang etlicher Adelsgeschlechter wieder. Insbesondere in den Getreideanbaugebieten begannen sich im Hochmittelalter um Siedlungskerne mit herrschaftlicher Funktion (Fronhof) die Gehöftgruppen zu Dörfern zu verdichten und an einem festen Standort zu fixieren. Dieser Prozess ging mit der Entstehung von Dorfgemeinschaften als soziale und wirtschaftliche Gefüge einher. Die Lage an einem wichtigen Handels- und Verkehrsweg beschleunigte das Wachstum zahlreicher Siedlungen. In den Voralpengebieten mit Schwerpunkt bei der Viehwirtschaft (z.B. Toggenburg) und im Gebirge herrschte dagegen Streusiedlung vor (Einzelhofsiedlung). In den Höhenlagen des Jura und der Alpen wurden im 14. und 15. Jahrhundert grosse Flächen gerodet und für die Alpwirtschaft verfügbar gemacht. Die Waldgrenze, die im Hochmittelalter aufgrund des milden Klimas auf über 2100 m lag, sank mit dem alpinen Ausbau von den Kammlagen her und mit der Kleinen Eiszeit (ab dem 14. Jh.) um ca. 300 m. Am erwähnten Ausbau waren in erheblichen Ausmass Walser beteiligt, die ab dem Ende des 12. Jahrhunderts das Oberwallis verliessen und über die Alpenpässe in bisher wenig genutzte Hochlagen (Graubünden, Tessin, Uri, St. Gallen) auswanderten und Dauersiedlungen – vor allem in Form von locker gestreuten Einzelhöfen – anlegten. Wirtschaftskrisen und Pestzüge des Spätmittelalters brachen vorübergehend in allen Landesgegenden die Dynamik des hochmittelalterlichen Ausbaus. Zahlreiche Siedlungen wurden verlassen und zerfielen (Wüstungen).

Die verstärkte Herausbildung von Agrarzonen führte zu einer weiteren Differenzierung in eine Dorfsiedlungslandschaft im Kornland des Mittellandes und eine Landschaft der voralpinen und alpinen Zonen, die vorwiegend mit Weilern und Einzelhöfen besiedelt war. Das Bevölkerungswachstum im 16. und 18. Jahrhundert füllte die im Spätmittelalter teilweise entleerten Siedlungsräume wieder auf. Besonders stark war die Siedlungstätigkeit in Regionen, wo sich die Heim- und ab dem 18. Jahrhundert auch die Fabrikindustrie etablierten (Gewerberegionen), etwa die Uhrmacherei (Waadt, Neuenburg, Jura) und die Textilindustrie (Glarus, Basel-Landschaft, Berner Oberland, Zürcher Oberland).

19. und 20. Jahrhundert

Die Siedlungsentwicklung des 19. und 20. Jahrhunderts ist in einer ersten Phase charakterisiert durch eine zunehmende Verstädterung als Folge der Industrialisierung und der damit verbundenen Landflucht (Urbanisierung), in einer zweiten Phase durch einen Prozess der Entstädterung (Rurbanisierung). Aus diesen beiden gegenläufigen Prozessen resultierte eine bedeutende Zunahme der Siedlungsfläche, zu der neben dem Hausbau auch alle Verkehrsflächen gezählt werden müssen. In der ersten Phase wuchsen zum einen bestehende Städte innert weniger Jahrzehnte rasch an (z.B. Baden, Winterthur, La Chaux-de-Fonds), zum anderen entstanden neue Industriestädte (Le Locle). Während die älteren Städte neue Funktionen erfüllten, waren die neuen Städte primär auf die Industrie ausgerichtet. Im 19. Jahrhundert entstanden in Fussdistanz zu den Fabriken Arbeiterwohnquartiere (Arbeitersiedlungen). Erst die Einführung öffentlicher Verkehrsmittel (Pferdetram in Genf 1862, in Biel 1877; elektronische Strassenbahn in Genf und Zürich 1894, in Basel 1895) und das Fahrrad (ab 1869) ermöglichten allmählich grössere Pendlerdistanzen. Da die Industrie in der Schweiz von Anfang an stark dezentralisiert war, kam es zu keinen aussergewöhnlichen Bevölkerungskonzentrationen, doch erlebte vor allem das Mittelland einen zunehmenden Siedlungsausbau.

Eine wichtige Etappe im Städtewachstum des 19. Jahrhunderts war der Fall der Stadtmauern, der zu Beginn des Jahrhunderts einsetzte (in St. Gallen bereits 1808) und ein beschleunigtes Wachstum ermöglichte, da damit eine physische wie auch psychische Barriere fiel. Die ehemaligen Befestigungsanlagen (Mauern und Gräben) wurden in Strassen und Parkanlagen umgewandelt oder für den Bau öffentlicher Gebäude (Spitäler, Universitäten) verwendet. Jenseits der vormaligen Mauern entstanden neue Vorstädte. Die städtische Bevölkerung, die zu Beginn des 19. Jahrhunderts rund 10% und um die Mitte des 19. Jahrhunderts ca. 17% der Einwohnerzahl der Schweiz ausmachte, stieg bis Anfang des 20. Jahrhunderts auf rund 31% an. Dennoch blieb das Siedlungsbild der Schweiz weitgehend von isolierten Städten und Dörfern sowie von Einzelhofgebieten geprägt. Erste Anzeichen der kommenden Agglomerationsbildung waren die Eingemeindungen Zürichs 1893 und Basels 1907 (Gemeindezusammenschluss). Im 20. Jahrhundert nahm die Zahl der Stadtbewohner von rund einer auf über vier Millionen zu, was einer Verdoppelung ihres Anteils an der Bevölkerung gleichkam (1950 43%, 2000 66 % städtische Einwohner). Die Städte entwickelten sich zu Agglomerationen. Zwischen Kern und Vororten bildeten sich intensive wechselseitige Beziehungen.

Motoren des Siedlungsausbaus im 20. Jahrhundert waren in erster Linie das Bevölkerungs- und Wirtschaftswachstum, die zunehmende individuelle Mobilität sowie veränderte Lebensgewohnheiten. Einerseits hatte der Auszug der jungen Generation aus dem Elternhaus einen erhöhten Wohnbedarf in den Städten zur Folge, andererseits stiegen mit zunehmendem Wohlstand die Ansprüche an die Wohnflächen. Neue Konsumgewohnheiten und Freizeitaktivitäten riefen nach entsprechenden Infrastrukturen wie Einkaufs- und Freizeitzentren auf der grünen Wiese mit dazugehörigen Verkehrsverbindungen.

Die Siedlungsdynamik konzentrierte sich zunächst in erster Linie auf die Talgebiete und Teile des Mittellandes und betraf Städte und industriell geprägte Dörfer. Die Berggebiete (Jura, höheres Mittelland und Alpen) stagnierten vorerst. Der Tourismus brachte jedoch bald einen Aufschwung (erste Hotels in Zermatt 1838, St. Moritz 1852; Kursaal Interlaken 1859) und entfaltete eine gewisse Breitenwirkung. Die Berggebietspolitik nach 1945 versuchte, über Subventionen die wirtschaftliche Lage und die Wohnsituation der Bergbevölkerung zu verbessern, doch erwies sich der Sog in die wirtschaftlich prosperierenden Tal- und Mittellandsregionen als stärker. Obwohl es in den Bergregionen nur wenige aufgegebene Siedlungen gibt – meist handelt es sich um Maiensässe und Alpsiedlungen –, sind zahlreiche abgelegene Dörfer wegen der Abwanderung der jungen Generation längerfristig vom Zerfall bedroht. Daran dürften auch aktuelle Revalorisierungen, die den Charakter von Modeströmungen tragen, nichts ändern.

Siedlungsflächen nach Kantonen 1980-2000
Siedlungsflächen nach Kantonen 1980-2000 […]

An der Wende zum 20. Jahrhundert setzte eine Gegenbewegung zur Verstädterung ein, die sich in der zweiten Hälfte des 20. Jahrhunderts verstärkte und durch den steigenden Wohlstand, die zunehmende individuelle Mobilität und die Suche nach einer besseren Lebensqualität gefördert wurde. Mit dem Prozess der Rurbanisierung wurden städtische Wohn- und Lebensformen in den ländlichen Raum exportiert, und die ländlichen Siedlungen ausserhalb der Agglomerationen erfuhren sowohl eine Ausweitung als auch – etwa durch die Renovation von Altbauten – eine neue Inwertsetzung. Zu dieser Entwicklung gehört auch die Revalorisierung von Siedlungen im Berggebiet in Zusammenhang mit Tourismus und Freizeit (Ferien- und Zweitwohnungen).

Die zunehmende Zersiedlung im Laufe des 20. Jahrhunderts hatte schon früh den Ruf nach einer Landesplanung erklingen lassen (Raumplanung), doch erst der Verfassungsartikel von 1969 ermöglichte Massnahmen (1972 dringlicher Bundesbeschluss, 1979 Raumplanungsgesetz). Basierend auf dem Prinzip der Trennung von Wohn- und Arbeitsort fördert die Raumplanung oder Raumentwicklung die funktionale Gliederung der Siedlungen in spezialisierte Zonen. Die Arealstatistik liefert seit 1972 aufgrund einheitlicher Definitionen verlässliche Zahlen über die Siedlungsfläche der Schweiz; in den Arealstatistiken von 1912, 1923 und 1952 figurierten die Siedlungsareale bei den unproduktiven Flächen. Für die letzten 30 Jahre des 20. Jahrhunderts ergibt sich eine Zunahme der Siedlungsflächen (inklusive Verkehrsflächen) von 4,3% 1972 auf 5,9% 1979-1985 und 6,7% 1992-1997, d.h. um 56% von 1778 km2 auf 2781 km2. Diese Zunahme entspricht der Fläche des Kantons Uri. Vorherrschende Themen der Siedlungsentwicklung zu Beginn des 21. Jahrhunderts sind der Schutz von Ökosystemen, die Abstimmung von Siedlungs- und Verkehrsplanung sowie die Lebensqualität in den Städten (Luft, Lärm).

Die Siedlungsfläche nimmt im 21. Jahrhundert weiter zu, wenn auch etwas langsamer. Daten aus 16 Kantonen belegen 2004-2009 einen Anstieg um rund 260 km2, was ca. der Fläche Nidwaldens entspricht. Um der fortschreitenden Zersiedlung Herr zu werden, fordert der Bund eine Verdichtung der bestehenden Siedlungsräume auf Agglomerationsebene. Die dazu vorgeschlagenen Massnahmen beinhalten unter anderem eine bessere Abstimmung der Bedürfnisse von Siedlung und Verkehr und die Umnutzung früherer Industriegebiete.

Quellen und Literatur

Ur- und Frühgeschichte und römische Zeit
  • Die ersten Bauern: Pfahlbaufunde Europas 1, 1990
  • SPM
  • A. Furger et al., Die ersten Jahrtausende, 1998
  • C. Ebnöther, C. Schucany, «Vindonissa und sein Umland. Die Vici und die ländl. Besiedlung», in Jber. Gesellschaft Pro Vindonissa, 1999, 67-97
  • P. Della Casa, Landschaften, Siedlungen, Ressourcen, 2002
Mittelalter und frühe Neuzeit
  • M. Bundi, Zur Besiedlungs- und Wirtschaftsgesch. Graubündens im MA, 1982
  • R. Windler, Das Gräberfeld von Elgg und die Besiedlung der Nordostschweiz im 5.-7. Jh., 1994
  • Ländl. Siedlungenen zwischen Spätantike und MA, bearb. von M. Schmaedecke, 1995
19. und 20. Jahrhundert
  • M. Bassand et al., Agglomerationsprobleme in der Schweiz, 1988
  • F. Walter, La Suisse urbaine 1750-1950, 1994
  • A. Odermatt, D. Wachter, Schweiz - eine moderne Geographie, 1995 (42004)
  • J. Kuster, H.R. Meier, Siedlungsraum Schweiz, 2000
  • Zahlen - Fakten - Analysen : Arealstatistik Schweiz, 2005
  • Raumkonzept Schweiz, 2012
Weblinks

Zitiervorschlag

Philippe Della Casa; Eckhard Deschler-Erb; Markus Stromer; Walter Leimgruber (Villars-sur-Glâne): "Siedlung", in: Historisches Lexikon der Schweiz (HLS), Version vom 19.08.2015. Online: https://hls-dhs-dss.ch/de/articles/007854/2015-08-19/, konsultiert am 28.06.2022.