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Pfahlbauer

Im niederschlagsarmen Winter 1853-1854 sank der Spiegel des Zürichsees auf einen seit Jahrhunderten nie mehr dagewesenen Tiefstand, den die Seeanstösser zur Gewinnung von Neuland nutzten. In Obermeilen fanden sie alte Pfähle, Steinwerkzeuge, Knochen und Tonscherben, die dem Dorfschullehrer Johannes Aeppli überbracht wurden. Der daraufhin zu Rate gezogene Zürcher Archäologe Ferdinand Keller erkannte in diesen Gegenständen die Reste einer alten Siedlung, die er der vorhistorischen Zeit und - im Sinne des aufgekommenen Nationalbewusstseins - fälschlicherweise den Kelten zuwies (Archäologie).

Idealisierte Darstellung einer neolithischen Ufersiedlung am Neuenburgersee. Öl auf Leinwand von Auguste Bachelin, 1867 (Schweizerisches Nationalmuseum).
Idealisierte Darstellung einer neolithischen Ufersiedlung am Neuenburgersee. Öl auf Leinwand von Auguste Bachelin, 1867 (Schweizerisches Nationalmuseum). […]

In der Folge entwickelte Keller in Anlehnung an die Aufzeichnungen des Griechen Herodot (Historien, Band 5), der von antiken Pfahlbauten im Prasias-See (Thrakien) berichtet hatte, und des französischen Forschungsreisenden Jules-Sébastien-César Dumont d'Urville, der zeitgenössische Konstruktionen in Neuguinea beschrieben hatte, seine berühmte Pfahlbautheorie: Aufgrund der dichten Stellung der vertikal im Seegrund steckenden Pfähle und deren Lage im untiefen Uferbereich folgerte Keller, dass die Pfähle einst die Träger hölzerner Plattformen gewesen waren, auf denen die Wohngebäude gestanden hätten. Obschon die damalige Forschung keine plausible Erklärung für die Errichtung von Pfahlbauten an unseren Mittellandseen vorbringen konnte, blieb Kellers Theorie jahrzehntelang unbestritten. Sie machte ihn neben seinen "Pfahlbauberichten" und seinen internationalen Kontakten zur Schlüsselfigur der Pfahlbauer-Forschung. Von den 1860er Jahren an entwickelte sich in allen Bevölkerungsschichten eine enorme Begeisterung für die Pfahlbauer, was vor allem auf die romantisierenden Rekonstruktionszeichnungen zurückzuführen war. Daneben trugen auch Kalender, Gedichte und historische Umzüge dazu bei, den Mythos des Pfahlbauers in der Bevölkerung zu verankern. National gesinnte Kreise machten den Pfahlbauer zum Symbol für eine seit Jahrtausenden vereinigte Schweiz und rechtfertigten damit die Existenz des Bundesstaats gegen aussen. Auch im Ausland erreichten die Pfahlbauer eine grosse Popularität und regten Nachforschungen an, worauf weitere Fundstellen rund um den Alpenbogen entdeckt wurden.

Keller darf zwar als Begründer der Pfahlbautheorie gelten, nicht aber als Entdecker der Pfahlbauten. Erste Hinweise auf Pfahlbauten finden sich in Handschriften des 15. Jahrhunderts. Vor dem Fund der Pfahlbauten von Obermeilen waren in der Westschweiz schon mehrere Pfahlfelder bekannt, die von Antiquitätensammlern wie Albert Jahn und Emanuel Friedrich Müller regelmässig abgesucht wurden. Nach der Publikation des ersten Keller'schen "Pfahlbauberichts" (1854) in der Reihe Mitteilungen der Antiquarischen Gesellschaft in Zürich und vor allem nach der ersten Juragewässerkorrektion (1868-1891) setzte ein schwunghafter Handel mit archäologischen Gegenständen ein, der im Verkauf zahlreicher Funde an in- und ausländische Museen gipfelte. Die grosse Nachfrage nach Altertümern der Pfahlbauer führte auch zur Fabrikation zahlreicher Fälschungen.

In der Westschweiz leisteten insbesondere Frédéric Troyon, Adolf von Morlot, Johann Uhlmann, Friedrich Schwab, Edouard Desor, Victor Gross und Edmund von Fellenberg wichtige Forschungsbeiträge. In der Ostschweiz und im Bodenseegebiet waren hautpsächlich Jakob Messikommer und Caspar Löhle tätig. Bahnbrechende naturwissenschaftliche Arbeiten verfassten Oswald Heer über die Pflanzen der Pfahlbauten (1865) und Ludwig Rütimeyer über die Fauna der Pfahlbauten der Schweiz (1862). Bis in die Mitte des 20. Jahrhunderts blieb Kellers Pfahlbautheorie weitgehend unbestritten. Erst mit den Grabungen Emil Vogts im luzernischen Wauwilermoos wurde in der Schweiz die Frage nach der Rekonstruktion ebenerdiger bzw. vom Boden abgehobener (Pfahl-)Bauten neu aufgeworfen und lange Zeit kontrovers diskutiert. Aktuelle Grabungsresultate belegen, dass es beides - sowohl ebenerdige Häuser als auch abgehobene Bauten auf festem Grund - gegeben hat (Ufersiedlungen).

Quellen und Literatur

  • J. Speck, «Zur Gesch. der Pfahlbauforschung», in Die ersten Bauern 1, Ausstellungskat. Zürich, 1990, 9-20
  • A.M. Rückert, Die Visualisierung der Vorfahren aus der Pfahlbauzeit, Liz. Zürich, 1997
  • M.-A. Kaeser, «Helvètes ou Lacustres?», in Die Konstruktion einer Nation, hg. von U. Altermatt et al., 1998, 87-100
  • M.-A. Kaeser, A la recherche du passé vaudois, 2000
  • Pfahlbaufieber, 2004
  • S. Bolliger-Schreyer, Pfahlbau und Uferdorf, 2004
  • M.-A. Kaeser, Les lacustres, 2004